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Princess gone astray

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Bain OC (Own Character) Sigrid Tauriel
22.07.2020
20.03.2021
31
104.948
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.07.2020 3.534
 
~Es ist wieder geschehen; ein weiteres Mitglied Bards Familie muss als Hauptcharakter meiner Geschichten herhalten. Ich hoffe dieses erste Kapitel macht euch neugierig auf mehr. Sollte mein Schreibstil etwas zu wünschen übrig lassen bei gewissen Formulierungen möchte ich euch daran erinnern, dass Tilda hier gerade mal 11 ist, also nicht dumm, aber auch noch keine große Dichterin. Es wird besser, aber ich habe mir auch hier schon Mühe gegeben, es so normal wie möglich klingen zu lasen. Jetzt aber genug. Viel Spaß beim Lesen!! Ich freue mich auf eure Reviews, LG, Tintentraum ;)



Die Schlacht war vorbei. Thal hatte gesiegt. Aber es fühlte sich nicht so an. Es war kalt. Die Sonne blendete. Der Staub in der Luft stank nach Tod. Tilda konnte den Regen nicht erwarten, der den Geruch wegwaschen würde. Die Toten würden ihn nicht mehr erleben. Vater hatte sie nicht aufs Schlachtfeld gelassen, aber sie wusste, was dort war. Die Stadt war ebenso sehr ein Schlachtfeld.
Sie warf Sigrid einen Blick zu. Sie hatte die Augen gegen die Sonne zusammengekniffen und hielt sich an Vaters Arm fest. Er hatte ihr die Hände auf die Schultern gelegt. Bain zog leise die Nase hoch. Er sah aus, als würde er gleich anfangen, zu weinen. Schnell sah sie wieder weg. Sie mochte keine Tränen. Sie war froh, dass Sigrid nicht weinte. Aber Sigrid weinte nie. Und sie auch nicht.

Tilda blickte auf die Puppe hinab, die sie von zuhause mitgenommen hatte. Milly. Ihr eines Auge fehlte. Vielleicht konnte sie Sigrid fragen, ihr ein neues anzunähen, wenn sie irgendwann Garn dazu auftreiben konnten.

Sie hob den Blick wieder und erkannte Tauriel, die Elbin, am Fuße einer Mauer stehen. Tilda kniff die Augen zusammen. Hatte sie geweint? Sie blickte zu Vater auf und biss sich auf die Zunge. Sie konnte ihn später fragen, jetzt war nicht die Zeit dazu. Die Alten hatten ihm gesagt, er solle 'die Kinder ruhig schon zu Bett schicken. Zumindest die Kleine, es ist zu viel und sie versteht es ohnehin noch nicht.' Aber Tilda verstand es. Sie verstand es sehr gut.

~

"Wo schlafen wir?"
Vater hörte ihr nur mit halben Ohr zu, während sie ihm durch die Straßen folgten. Er sah sich um, ob auch alle hatten, was sie brauchten. "Da, wo wir gestern auch geschlafen haben", sagte er. Wo sie geschlafen hatten, meinte er wohl. Er hatte die ganze Nacht in König Thranduils Zelt mit dem Zauberer verbracht und irgendwelche Pläne für die Schlacht besprochen. So, wie es ausgegangen war, hätten sie sich das auch sparen können.

Tilda gähnte. Sie war müde, aber sie wusste nicht, ob sie schlafen können würde.
Sie warf einen Blick an Vater vorbei und erblickte Tauriel. Ob sie geweint hatte, oder nicht, war nicht mehr zu erkennen. Das einzige, was ihre Wangen schmückte, waren die Wunden, die sie von der Schlacht davon getragen hatte. "Mein Herr, Bard?" Tilda erschrak beim Klang ihrer Stimme. Sie war fest, pflichtbewusst, aber sie klang so schrecklich erschüttert.

Vater drehte sich um. "Ja?"
"Ich nehme an, Ihr wisst schon vom Tod der Zwerge?" Tauriel hielt das Kinn hoch erhoben. Genau wie Sigrid, wenn sie nicht zugegeben wollte, dass sie traurig war.
Vater nickte. "Ja, König Thranduil hat mich unterrichtet." Tilda verzog das Gesicht beim Gedanken an den Elbenkönig. Sie mochte ihn nicht. Er war ihr viel zu hochnäsig, und er mochte die Zwerge nicht. Als er ihnen von Fili, Kili und ihrem Onkel erzählt hatte, war er traurig gewesen, aber Tilda konnte sich nicht vorstellen, dass es ihretwegen war.

Tauriel nickte. "Sie wollen sie noch heute begraben. Die Zwerge wünschen sich, dass Ihr ihnen beisteht."
Vater nickte. "Sicher. Begleitet Ihr mich?"
Tauriel schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, ich bin dort nicht erwünscht."
"Ich kann mit Dain sprechen, wenn Ihr es wünscht."
Tauriel lächelte, aber sie schüttelte den Kopf. "Ich habe mich bereits verabschiedet." Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging davon. Tilda sah ihr nach.

"Sollen wir auch mitkommen?", fragte Bain.
Vater schüttelte den Kopf. "Nein, bleibt hier. Ruht euch aus, ich bin bald zurück."
Sie sahen ihm nach, als er davon ging. Sigrid griff nach ihrer Hand. "Komm, Tilda."
Tilda zögerte. "Was ist mit Tauriel?"
"Was soll mit ihr sein?"
Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. "Ich komm gleich wieder."
Sigrid rief ihr nach. "Wo willst du denn hin? Du verirrst dich!"
Tilda schüttelte den Kopf. Sie hatte sich noch nie verlaufen. Es dauerte nicht lange bis sie Tauriel fand. Sie war zum Stadtrand gegangen.

"Tauriel!" Tilda sprang über die zerschmetterte Mauer und lief um den toten Ork herum, der daneben am Boden lag. Der Rammbock, den er auf dem Kopf trug, war größer als sie.
Tauriel drehte sich um. "Hallo, Tilda." Ihre Stimme klang wie Vaters, wenn er ihnen Lügen erzählte, um ihnen keine Angst zu machen.
Tilda war außer Atem, als sie bei ihr ankam. "Wohin gehst du?", fragte sie keuchend.
Tauriel sah über die Schulter und blickte auf die öden Hügel, die Thals verfallene Mauern umgaben. "König Thanduil hat meine Verbannung aufgehoben."
Tilda legte den Kopf schief. "Aber du gehst nicht zurück, oder?"
Tauriel lächelte traurig. "Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde. Vielleicht mache ich mich auf nach Bruchtal."
"Was ist das?"

Tauriel lachte leicht. "Es ist ein Ort weit entfernt von hier. Elben leben dort."
"Elben wie du?"
"Was meinst du?"
Tilda zögerte. "Du warst in Kili verliebt, oder?" Tauriels Mundwinkel zitterten leicht. "Ich mochte ihn auch. Ich find es schade, dass er tot ist", sagte Tilda. Tauriels Gesicht verzog sich vor Schmerz, und Tilda hielt den Mund. "Tut mir leid."

Tauriel schüttelte den Kopf. "Das muss es nicht."
Sigrid hätte sie schon längst zurecht gewiesen, wie unsensibel sie war. Sie hätte ja auch recht. "Du kannst auch hier bleiben", bot sie an.
Tauriel lächelte und schüttelte den Kopf. "Das ist nett von dir, aber ich glaube nicht, dass ich das kann", sagte sie.
Tilda sträubte sich. Sie wollte nicht, dass Tauriel ging. "Aber du wirst zurückkommen, oder?"
Sie lächelte. "Wenn du es wünschst."
Tilda nickte.

Sie zögerte, bevor sie fragte. "Zeigst du mir dann, wie man kämpft?"
Tauriel hob die Augenbrauen. "Wieso fragst du mich statt deines Vaters?"
Tilda schüttelte den Kopf. "Ich will, dass du es mir beibringst!" Wenn sie es von Vater lernen wollen würde hätte sie ihn schon gefragt. Sie hatte Tauriel gesehen, als sie die Orks in ihrem Haus niedergestreckt hatte. Das wollte sie auch können. Bain und Vater würden nicht für immer auf sie aufpassen können.

Tauriel musterte sie nachdenklich. "Bitte", flehte Tilda. "Ich will auch so kämpfen lernen wie du." Und zwar bald. Und vielleicht würde es Tauriel gefallen, einen Lehrling zu haben. Sigrid sagte immer, man brauchte etwas zu tun, wenn man traurig war.
Tauriel lächelte. "Ich komme bald zurück. Wenn du es dann immer noch willst, bringe ich es dir bei."
Tilda strahlte. "Versprochen?"
"Versprochen."

~

Tilda lernte schnell, dass 'bald' für Elben etwas anderes bedeute, als für Menschen.
"Du bist nur ungeduldig", sagte Sigrid, als sie ihr darüber mal wieder die Ohren volljammerte. Natürlich sagte sie ihr nicht, wieso sie Tauriel so sehnlichst erwartete. Sigrid fragte nicht weiter.

Tilda stützte das Kinn in die Hand und sah missmutig aus dem Fenster. Es war Frühling geworden, sie hatten die dicken Vorhänge abgenommen, die sie im Winter vor dem kalten Wind geschützt hatten. "Ich will nicht, dass sie Glas in die Fenster machen", murmelte sie gedankenverloren, während sie den Blumen am Wegesrand beim frösteln zusah. Ihre dünnen Blätter waren noch blass und die mageren Stiele zitterten im Wind. Sie würden erst im Sommer kräftig werden, wenn die Sonne regelmäßig auf sie herabschien. Tilda mochte Blumen. In der Seestadt hatte es nur die Kräuter gegeben, die zum trocknen von jedem Balken hingen. Sie wenigen Blütenblätter waren braun oder verschrumpelt gewesen, wie Pergament, das man zusammengeknüllt und weggeworfen hatte. Diese gefielen ihr besser.

Sigrid lachte. "Willst du lieber frieren im Winter?"
"Ich hab nicht gefroren." Sie alle waren Kälte gewöhnt, und der Winter in Thal war nichts gegen den in der Seestadt gewesen. Hilda sagte, ihr war schon wärmer, weil sie keine Angst mehr vorm Drachen und dem Bürgermeister haben musste.
Tilda wandte sich von den Blumen ab und sah Sigrid dabei zu, wie sie das Backblech in den Ofen schob. Ihre Hände waren voller Mehl. Sie hatte ihr geholfen beim Teig des Brotes, aber den Ofen überwachte Sigrid lieber selbst.

"Natürlich nicht. Hast du deshalb jede Nacht die ganze Decke für dich gestohlen, weil dir so warm war?" Sie lehnte sich mit verschränkten Armen an den Tisch. Tilda verdrehte die Augen.
"Wenigstens muss ich nicht in Michels Bett flüchten, wenn mir kalt ist." Michel war der hübscheste Junge der Stadt, das konnte selbst sie nicht leugnen. Und obwohl Sigrid nicht viel auf so etwas gab schien er es ihr angetan zu haben. Vielleicht war es die Freiheit, die sie hier plötzlich hatte.
Sigrid fiel das Lächeln von den Lippen und ihr Gesicht lief röter an als die Blüten der Blumen. "Ich bin nicht in sein Bett geflüchtet!"

Tilda kicherte und sprang von ihrem Stuhl. Sie flitze an ihrer Schwester vorbei nach draußen. Eigentlich hatte Sigrid recht, sie war nicht direkt in sein Bett geflüchtet. Aber sie hatten sich eine Decke geteilt, in einer kleinen Ecke hinter den Torbögen, wo sie niemand sehen konnte. Sie hatten sich die Sterne angesehen, und Tilda hatte nicht gewusst, ob sie lachen oder sich übergeben sollte, als sie Sigrids Blick sah.

Sie lief um das Haus herum und pflückte die Blumen, die sie vorhin betrachtet hatte, bevor sie weiter lief um Vater zu suchen, oder Bain, sie wusste es noch nicht ganz. Ihre Füße trugen sie zum Marktplatz. Die Stände waren notdürftig zusammengezimmert aus dem Holz, das die Elben ihnen gebracht hatten. Die Gegend um Thal war so öd, nicht für einen Stand hätte das Holz der Bäume gereicht. Sie hockte sich neben Hildas Stand und sah dem Treiben auf dem Markt eine Weile zu. Ihr war langweilig. Vermutlich sollte sie irgendwo helfen, aber Sigrid hatte nichts gesagt und die Männer, die die Häuser wieder aufbauten, hatten sie schon die letzten Male wieder weggeschickt.

"Tilda!" Hilda lehnte sich über die Seite ihres Stands zu ihr herunter. "Was machst du denn hier?"
"Hallo, Hilda." Sie lächelte. "Hast du Vater gesehen?"
Hilda sah sich um. "Hier nicht. Wieso?"
Tilda zuckte mit den Schultern. "Nichts. Mir ist nur langweilig."
Hildas lächelte. "Du kannst mir helfen, wenn du willst. Die Fische da müssen noch ausgenommen werden."
Tilda versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen. Zwar wusste sie, wie man das machte, aber sie fand es widerlich. Sigrid machte es immer für sie, auch, wenn sie jedes mal mahnte, dass sie es irgendwann selbst können musste. Aber Tilda stellten sich die Nackenhaare auf, wenn sie ihnen die schuppige Haut abzog. Es war, als würde sie es selbst zu spüren bekommen.
"Danke, aber ich glaube ich gehe doch lieber Vater suchen." Wieder so ein Satz, für den Sigrid sie ermahnt hätte.

Tilda lief auf die Felder. Sie liebte die langen Gräser, die langsam um Thal herum zu sprießen anfingen. Die Bauern, die ihre Saat im frühen Frühling auf den Feldern ausgestreut hatten fluchten darüber und versuchten, sie rauszureißen, aber Tilda gefielen sie. Singend und summend wie eine Biene sprang sie durch die grünen Wellen, die der Wind mit seinen kühlen Fingern in die Felder kerbte. Die dünnen Halme kitzelten ihre Arme wie winzige Federn. Manche der Menschen niesten schrecklich, wenn sie auch nur in die Nähe der Felder kamen und verfluchten jegliche Blumen und Pflanzen. Tilda war heilfroh, dass es ihr nicht so ging.

Plötzlich hörte sie Stimmen. Erst glaubte sie, es seinen nur die Bauern und versteckte sich im Gras. Denen gefiel es ganz und gar nicht, neugierige Kinder auf ihren Feldern herumtrampeln zu sehen. Sie lugte über die Halme hinweg. Die Sonne blendete, doch auch, als sie sich die Hand über die Augen hielt, konnte sie niemanden entdecken. Sie runzelte die Stirn, bis es ihr schließlich klar wurde; Die Stimmen kamen aus der anderen Richtung, vom hinteren Teil des Feldes. Verwirrt sah sie sich um, und entdeckte Vater mit einer Gruppe Männer. Sie trugen seltsame grüne Umhänge und Pfeil und Bogen. Tilda hatte sie nie zuvor gesehen. Sie standen um etwas im Feld herum, das sie nicht sehen konnte. Tilda verengte die Augen. Vater sah besorgt aus. Leise pirschte sie sich näher heran, um besser hören zu können, was sie sagten. Sie hatte nur ein kleines schlechtes Gewissen, wenn es etwas schlimmes war, musste Vater es ihr sowieso sagen! Außerdem war sie viel zu neugierig.

Sie legte sich auf den Bauch und lauschte, doch der Wind trug ihre Stimmen in die andere Richtung davon. Angestrengt rutsche sie näher an sie heran, bis sie fast in Sichtweite war. Ein falscher Windstoß und die Gräser würden sie freigeben. Doch es kam keiner. Und es kamen keine Stimmen mehr. Kaum zwei Minuten hatte sie dort gelegen, bevor sie auseinander gingen. Die seltsamen Männer liefen nahezu lautlos über das Feld davon, während Vater den Weg zurück nach Thal einschlug. Kaum kam er an ihr vorbei sprang sie auf. "Wer war das?"

Vater schrak zusammen und fuhr herum. "Tilda!" Tilda trat schuldbewusst einen Schritt zurück. Er sah aus, als hätte er sie für einen Angreifer gehalten. "Was tust du denn hier? Wieso bist du nicht zuhause?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Tut mir leid." Tat es kaum. "Wer waren die?"
Vater warf einen Blick in Richtung der Männer. "Hast du etwas gesehen?", fragte er scharf. Sie schüttelte den Kopf und er atmete hörbar auf.
"Wieso? Was darf ich nicht sehen?"
Vater seufzte und streckte ihr die Hand entgegen. "Komm, lass uns nach hause gehen."

Widerwillig nahm sie seine Hand. "Dann musst du mir sagen, wer die Männer waren."
"Das waren Waldläufer", sagte Vater. "Männer aus den Wäldern. Sie beschützen die Hilflosen."
Tilda runzelte die Stirn. "Dann beschützen sie uns?"
"Sozusagen."
Das war keine Antwort. "Woher kommen sie?"
"Ursprünglich kamen sie aus Eriador, aber das ist lange her. Mittlerweile ziehen sie durch alle Wälder und helfen jedem, der ihre Hilfe braucht."
"Das klingt wie die Elben."
Vater schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Es sind Menschen. Und zwar welche, von denen sich die Elben einiges abschauen könnten." Er zwinkerte ihr zu.

Tilda lauschte mit großen Augen. Das klang wie ein Märchen. "Gibt es viele von ihnen?"
"Nicht mehr so viele wie einst. In Gondor gibt es die meisten, aber sie sind immer schwer zu finden."
"Und wie helfen sie dann den Leuten?"
"Ganz einfach." Vater zuckte mit den Schultern. "Sie kommen zu ihnen."
"Dann sind sie zu uns gekommen?" Sie blickte über die Schulter zurück, doch da lag nur das weite Feld.

"Was ist dahinten?", fragte sie. Vater wollte sie ablenken mit dieser Geschichte über die Waldläufer. Sein Gesicht wurde wieder ernst. Er zog an ihrer Hand, damit sie weiterlief. "Warum darf ich es nicht sehen?"
"Ich möchte nicht, dass du so etwas zu sehen bekommst", murmelte er, den Blick in die Ferne gerichtet.
Tilda runzelte die Stirn. Sie hatte die Schlacht nicht verschlafen! "Dann sag mir, was es ist. Ich hab sicher schon schlimmeres erlebt!"
Vater seufzte. "Ja, das hast du. Aber dennoch." Er sah sie an. "Es ist eine tote Hirschkuh mit ihrem Kitz. Die Waldläufer glauben, dass sie von Wölfen gerissen wurden, und haben uns gewarnt, die Stadt nachts zu sichern."

Tilda runzelte die Stirn. Sie glaubte ihm nicht. Die Lüge war so einfach von einem Gesicht abzulesen wie schwarze Schrift auf weißem Papier. Aber sie fragte nicht weiter. Wenn er sie anlog würde er ihr auch, wenn sie fragte, nicht die Wahrheit sagen.

~

Tilda hockte lautlos am oberen Ende der Treppe. Vater saß noch immer mit den Männern, die sich Ratsmitglieder von Thal nannten, vor dem Feuer. Sie lauschte schon lange nicht mehr. Sie hatte gehofft, etwas zu hören, von dem, was sich auf dem Feld zugetragen hatte, doch ihre Stimmen wurden durch die Wand gedämpft. Der Lichtstrahl, der unter der Tür hindurch fiel malte den staubigen Boden rotgolden. Tilda mochte die Steinwände nicht, sie waren viel zu kalt und sperrten all das Licht aus, das in Thal schien.

Sie vermisste ihr zuhause, egal, wie eng und morsch es gewesen war. In der Seestadt würde sie in ihrem Bett liegen und schlafen, und Vater und diese Männer auch. Sie wären nichts weiter als Bäcker, Fischer, Tischler und Seiler. Und der Bürgermeister konnte sich um alles Sorgen machen, nicht Vater. Andererseits hatte Vater sich auch oft genug um den Bürgermeister Sorgen machen müssen.

Sie kauerte sich hinter dem Vorsprung zusammen, als er die Männer zur Tür brachte. Es war so spät, dass es draußen schon dunkel war. Aber Tilda war nicht müde.
Vater schien es zu sein. Er lehnte sich seufzend gegen die Tür und vergrub das Gesicht in den Händen. Einen schrecklichen Moment lang dachte sie, dass er weinen würde, doch er seufzte nur noch einmal. Sie hatte auf ihn warten wollen um ihm Gute Nacht zu sagen, aber jetzt wollte sie doch lieber unbemerkt in ihr Zimmer zurück. Er sah nicht so aus, als ob er sich freuen würde, wenn er sie sah. Vermutlich sollte sie ihn einfach in Ruhe lassen.

Aber Vater bemerkte sie, sobald sie aufstand. Ihr Nachthemd raschelte und erregte seine Aufmerksamkeit. "Tilda."
Sie hielt inne und kniff die Augen zusammen. Vater mochte es nicht, wenn sie solange noch wach war. Schuldbewusst drehte sie sich um und stutzte. Er lächelte müde. "Wieso bist du denn nicht im Bett?"
Tilda zögerte. "Was ist mit dir?", fragte sie unsicher.
Vater schüttelte den Kopf. "Nichts. Ich bin nur müde. Soll ich dich ins Bett bringen?"
Tilda schüttelte den Kopf. "Musst du nicht." Sie rührte sich noch immer nicht von der Stelle und musterte ihn vorsichtig. Er seufzte. "Komm her." Er klopfte sich auf die Oberschenkel, als er sich auf der Treppe niederließ. Sie huschte zu ihm herunter. Vater zog sie auf seinen Schoß und legte das Kinn auf ihren Kopf. Zuhause hatten sie das oft gemacht, wenn sie nicht schlafen konnte. Sie war gerade noch klein genug dafür, bald würde es nicht mehr gehen. Noch etwas, das sie vermissen würde.

"Vater?"
"Hm?"
"Willst du immer noch nicht König werden?"
Er seufzte. "Nein, ich glaube nicht."
"Warum nicht?"
Er starrte nachdenklich ins Leere. "Weil ich nicht herrschen will", sagte er. Nicht wie der Bürgermeister, fügte sie in Gedanken hinzu. "Und ich will nicht, dass die Leute mich anders behandeln. Das tun sie ohnehin schon zu Genüge."
Sie nickte. "Ich weiß. Ich will auch nicht Prinzessin sein."
Vater schmunzelte. "Nein? Hast du dir das in der Seestadt nicht immer gewünscht?"
"Das war was anderes." Sie zupfte an ihrem Ärmel herum. "Du wärst bestimmt ein guter König, viel besser als der Bürgermeister."
Vater schmunzelte. "Danke, Schatz."

Sie schwiegen eine Weile. Tilda kuschelte sich enger an ihn. "Ich vermisse zuhause", sagte sie leise. Sie hörte ihn seufzen, bevor er sie auf den Kopf küsste. "Meinst du nicht, dass Thal unser zuhause werden könnte?"
Tilda rutschte unschlüssig auf seinem Schoß herum. Natürlich wollte sie ihn glücklich machen, und ja sagen. Aber so war es nicht, und anlügen konnte sie ihn auch nicht. "Ich weiß nicht", sagte sie stattdessen, das war immerhin besser, als nein zu sagen.

Vater drückte sie. "Ich bin sicher, wir werden uns bald einfinden. Komm", sagte er, "gehen wir zu Bett. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus."
Sie zögerte, bis er sie sanft von seinem Schoß hob. "Vater?"
"Ja?"
"Hast du irgendetwas von Tauriel gehört?"
Vater stutzte. "Nein. Ich weiß nur, dass sie nicht zurück ins Waldlandreich gegangen ist. Wieso fragst du?"
Tilda zuckte unschuldig mit den Schultern. "Ich vermisse sie. Und sie hat gesagt, sie kommt bald wieder."
Vater schüttelte den Kopf. "Sie wird schon kommen. Gib ihr Zeit, Elben vergessen nicht." Er zwinkerte.
Ich auch nicht, dachte sie, bevor sie aufstand und ihm nach oben folgte.
 
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