Tödliche Spiele

GeschichteAllgemein / P18
22.07.2020
01.10.2020
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01.10.2020 3.266
 
Hallo allerseits!
Tut mir wirklich leid, dass ihr so lange auf Nachschub warten musstet. Aber jetzt ist das neue Kapitel ja da, blutig wie immer ;) Die liebe KatieC hat mich darauf hingewiesen, dass es langsam schwierig wird, den Überblick über die Tribute zu behalten. Darum findet ihr am Ende dieses Kapitels eine Auflistung mit allen toten- und noch lebenden Tributen. Bitte wirklich erst am Ende anschauen, sonst spoilert ihr euch nämlich selbst, was die Tode in diesem Kapitel betrifft. Nun wünsche ich viel Spass beim Lesen.


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Mit einer Hand voll Schnee versuchte Tormund, sich das Blut von den Händen zu waschen. Dem reissenden Strom des Flusses näherte er sich keinen Schritt weiter als nötig. Ebenso vermied er es, auf die Leiche des jungen Mannes zu blicken, die links von ihm im Schnee lag. Sein ursprünglicher Plan, ihn von hinten mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden, war missglückt. Im letzten Moment hatte der Junge aus Distrikt 4 sich umgedreht und ihm einen Stein an den Kopf geworfen. Dann war er auf die Füsse gesprungen und weggerannt. Tormund, der grundsätzlich ein schlechter Verlierer war, hatte sich auf ihn gestürzt und mit einem anderen, weitaus grösseren Stein auf den Schädel seines Gegners eingeschlagen. Erst der Klang der Kanone liess ihn dann schliesslich innehalten.

Auch wenn er es vermied auf die Überreste des Gesichts zu blicken, durchforstete er Theons Kleidung doch sehr genau nach Waffen und Nahrung. Schliesslich brauchte er es ja nicht mehr, Tormund hingegen sehr wohl. Dabei gelang es ihm sehr geschickt, die leise Stimme seines schlechten Gewissens bei Seite zu schieben. Mitleid bedeutete Schwäche und Schwäche bedeutete in der Arena Tod. Er hatte nicht vor, hier zu sterben. Nur half ihm in diesem Fall die Leichenfledderei nicht weiter, der Junge hatte nichts Brauchbares bei sich.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte er zur Sonne, die sich schon gefährlich nahe am Horizont befand. Nun wo die Wolkendecke weg war, versprach es die bisher kälteste Nacht in der Arena zu werden. Dabei hatte ihn die Kälte in der letzten Nacht bereits zwei seiner Fingerkuppen gekostet.

Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich in die Berge zurückzuziehen. Aber nach der Lawine vom heutigen Morgen zweifelte er daran, ob das eine gute Idee wäre. Wenn die Nacht wirklich so kalt wurde wie er befürchtete, braucht er ein Feuer- und somit Holz. Egal was er versuchte, kein Weg schien an diesem verfluchten Wald vorbeizuführen.

~ ~ ~

In dem Raum herrschte ein grösseres Durcheinander als an einem Markttag. Und auch wenn das Feilschen zwischen den Mentoren und den Sponsoren auch einen solchen erinnerte, war die Stimmung doch deutlich angespannter. Besonders das Gekeife von Cercei Lannister war durch den ganzen Raum zu hören. Dabei war es die Entscheidung ihres Sohnes gewesen, an den Spielen teilzunehmen. Und eine zu langsame Reaktionszeit der Grund für seinen Tod. Da sie keine Gelegenheit hatte, ihren Frust an der Mörderin auszulassen, konzentrierte sie ihren Frust stattdessen auf die Mentoren des zweiten Distrikts. Die nahmen ihre Drohungen aber äusserst gelassen entgegen. Während Brienne von Tarth der Schimpftiraden schweigend lauschte, tat Jaqen H’ghar nicht mal so, als würde er zuhören, sondern blickte weiterhin auf die Bildschirme, welche jeden Winkel der Arena zeigten. Jamie Lannister mischte sich gar nicht erst in den Konflikt ein, er hatte sich auf einen Stuhl sinken lassen und den Kopf in den Händen vergraben.

Kopfschüttelnd wandte Hotah sich von den anderen Mentoren ab und suchte stattdessen das Gespräch mit Illyrio Mopatis, einem der wohlhabendsten Sponsoren des ganzen Kapitols. Immerhin waren noch beide Tribute seines Distrikts am Leben und er wollte, dass das auch so blieb. Die Lawine hatte sie am Ende beide erwischt, aber es war ihnen gelungen, sich wieder frei zu graben. Nur waren beide in denkbar schlechter Verfassung und ohne etwas Wärme würden sie die nächste Nacht nicht überleben. Also tat er sein Bestes, um ihnen Hilfe zukommen zu lassen.
«Und was hätte ich davon, ausgerechte diese beiden zu unterstützten? Wirklich hervorgetan haben sie sich bis jetzt nicht.» Mit dieser Frage hatte Areo bereits gerechnet, praktisch alle Sponsoren stellten sie.
«Die beiden haben etwas miteinander. Stellt Euch nur vor, sie stehen einander am Ende als letzte gegenüber. Das dürfte ein durchaus interessanter Kampf werden, was glaubt ihr wer gewinnen würde?» Illyrios Lippen kräuselten sich zu einem wohlwollenden Lächeln.
«Ihr habt viel dazugelernt. Also will ich Euch, besser gesagt Euren Tributen, den Gefallen tun. Es gibt da so besondere Heizdecken, die dürfen ihnen durchaus helfen.» Erleichtert seufzte Hotah. Ob es für den Sieg reichte, wagte er zu bezweifeln, doch wenigstens einige Stunden hatte er seinen Tributen erkaufen können.

Petyr Baelish, der die ganze Szene nachdenklich beobachtete, strich sich gedankenverloren über sein Kinn, während er den Blick auf einen der unzähligen Bildschirme gerichtet hielt. Diesmal war er bei weitem nicht die einzige Person im Raum, doch alles andere als die Bildschirme blendete er völlig aus. Seine Begeisterung beim Beginn der Spiele war einer leichten Nervosität gewichen. Inhaltlich brauchte er sich nichts vorzuwerfen, die Tribute gehörten zu den interessanteste seit mindestens acht Jahren. Viele anfängliche Favoriten waren früh gestorben und andere, mit deren Überleben keiner rechnete, waren noch im Spiel. Nur ging alles etwas zu schnell. Alleine heute waren wieder vier Tribute gestorben. Margaery Tyrell, Theon Graufreud, Ros und Bronn. Wobei zwei von ihnen der Arena und nicht ihren Gegnern zum Opfer gefallen waren. Ros hatte sich über den Bach gebeugt um Wasser zu trinken, das Gleichgewicht verloren und war hineingestürzt. Sie war nicht einmal ertrunken, der Kälteschock hatte vollkommen ausgereicht um sie zu töten. Bronn war von einem Baum gestürzt und hatte sein Ende als Mahlzeit für ein hungriges Wolfsrudel gefunden.

Wenn die Tribute weiter in diesem Tempo starben, könnten diese Spiele zu den kürzesten aller Zeiten gehören. Zugleich durfte er sie nicht unnötig in die Länge ziehen, nichts verachteten die Kapitolbewohner mehr als Langeweile. Zusätzlich hatte er seine Befehle, die es zu befolgen galt, wenn ihm sein Leben lieb war. Und es war gar nicht so einfach, diese umzusetzen, nicht einmal für einen Spielemacher. Mit einem weissen Taschentuch tupfte er sich die Schweissperlen von der Stirn, nahm einen Schluck Wasser und lockerte die Schultern. Das Schlimmste was er jetzt tun konnte, war die Nerven zu verlieren. Er musste die Ruhe bewahren, wenn er seinen Kopf behalten wollte.

~ ~ ~

Lautlos schlich sich das Raubtier durch die aufkommende Dämmerung.  Es war kein Luchs, kein Wolf. Es ging auf zwei Beinen. Doch eines hatte es mit den Tieren gemein: Beim Jagen gewann der Instinkt die Oberhand. Beim Töten des fetten Jungen hatte er ein wohliges Gefühl der Befriedigung verspürt, doch völlig zufrieden war er nicht mit seiner Leistung. Schliesslich war der Junge aus Distrikt 9 schon vorher verletzt gewesen und somit leichte Beute für jeden. Heute wollte er nicht nur spielen, er wollte jagen. Und er hatte bereits die Fährte seines nächsten Opfers aufgenommen. Wer auch immer sich vor ihm befand versuchte, seine Spuren zu verwischen. Eine Mühe die sich nur wenige der Tribute machten und die seine Hoffnung in eine amüsante Jagd stärkte.
Die Dunkelheit wurde immer undurchdringlicher und er befürchtete schon, seine Jagd erst bei Morgengrauen wieder aufnehmen zu können. Doch dann hörte er es. Das verräterisch knirschende Geräusch von Füssen auf Schnee- und es waren nicht seine eigenen. Einen Moment blieb er wie angewurzelt stehen, denn wenn er sein Opfer hören konnte, musste es umgekehrt genauso sein. Er lauschte einen Moment bis er sicher war, dass es sich nur um ein paar Füsse handelte. Dann tat er, was jedes Raubtier früher oder später tat, wenn es das Beobachten leid wurde: Er ging zum Angriff über. Mit schnellen, zielsicheren Schritten rannte er über den Schnee, bereit seinem Gegner gegenüberzutreten.

Als er erkannte, wen er sich da als Opfer ausgesucht hatte, war er schon etwas enttäuscht. Es war eines dieser beiden kleinen Gören, die es in die Spiele geschafft hatten. Entweder das Mädchen aus Distrikt 2 oder diejenige aus Distrikt 11, von hinten waren sie nicht zu unterscheiden. Abhalten tat ihn das trotzdem nicht, es war eher eine Aufwärmrunde. Vielleicht begegnete er ja später noch jemanden, der seine Fähigkeiten wirklich herausfordern konnte. Oder die Kleine überraschte ihn. Schliesslich hatte sie es bis hierher geschafft, was vielen der gut ausgebildeten Karrieros nicht geglückt war.

Aufgeschreckt durch seine schnellen Schritte, rannte nun auch das Mädchen los und war dabei flinker als ein Wiesel. Ramsay war zwar schnell, aber etwas weniger Wendig als das Mädchen und so fiel er immer weiter zurück. Auf lange Sicht zeigte sich allerdings, dass seine Ausdauer besser war und der Abstand zwischen ihnen wurde immer wieder geringer. Während sie rannten, erklang die Hymne Panems und die Bilder der verstorbenen Tribute erschienen am nächtlichen Himmel. Ramsay sah nicht hin, nutzte das Licht des Hologramms jedoch um Wurzeln und Unebenheiten auszuweichen.

Im Nachhinein musste Ramsay zugeben, dass ihm währen dieser Verfolgungsjagt drei schwerwiegende Fehler unterlaufen waren. Erstens hatte er seine Deckung frühzeitig aufgegeben um das Mädchen anzugreifen, weshalb sie die Flucht ergriffen hatte. Zweitens wunderte er sich zwar, dass sie bis hierhin überlebt hatte, doch der Gedanke, dass sie ein Bündnis eingegangen sein könnte, kam ihm dabei nicht. Als dritter und grösster Fehler erwies sich am Ende jedoch, dass er den Blick für einen Augenblick senkte um über eine hohe Wurzel zu springen. In diesem Moment traf ihn nämlich ein brennender Ast im Gesicht und seine Welt explodierte in einer Woge aus Schmerz und Funken. Schützend hob er seinen rechten Arm um den Ast beiseite zu stossen, dabei fing seine Jacke jedoch Feuer. Er schrie. Es war ein animalischer Schrei, der sämtliche Tiere in der Umgebung von mehreren hundert Metern aufhorchen liess. Es war kein Schmerzensschrei, sondern ein Schrei eines Raubtiers, dem seine sicher geglaubte Beute entwischt war.

~ ~ ~

Wenn Oberyn und Ellaria sich konzentriert hätten, wäre ihnen Ramsays Schrei wahrscheinlich nicht entgangen. Doch im Moment waren die beiden viel zu sehr damit beschäftigt, nicht zu sterben. Es glich schon fast einem Wunder, dass sie sich überhaupt aus eigener Kraft aus dem Schnee hatten befreien können. Aber die kalte Wintersonne war nicht imstande gewesen, ihre unterkühlten Körper wieder zu wärmen und diese Nacht würde ihnen den Rest geben, da war Ellaria sich fast sicher. Aufgeben war natürlich trotzdem keine Option, schliesslich hatte sie ihren Stolz.

Sie merkte, wie ihr Kopf immer öfters gegen ihre Brust sank und Oberyn ging es nicht besser. Auch wenn sie sich absichtlich gegen einen Baumstamm lehnten um nicht zu liegen, es half kaum gegen die Müdigkeit. Sie mussten sich irgendwie ablenken. Auch wenn Ellaria dabei auf ein Thema zu sprechen kam, welches sie bisher absichtlich gemieden hatte.
«Gibt es jemanden, zu dem du zurückkehrst, falls du gewinnst?» Sie war vielleicht impulsiv und heissblütig, doch nicht dumm. Ein Mann wie Oberyn musste mehr Geliebte haben als Finger an der rechten Hand.
«Meine Töchter.» Nicht ganz die Antwort, welche sie erwartet hatte. «Du hast Kinder?»
«Vier Töchter. Soviel ich weiss.» Sie musste ihn nicht ansehen um zu wissen, dass er lächelte. Wahrscheinlich überlegte er auch gerade, wie viele Kinder er noch hatte, von denen er nicht wusste. Sie versuchte ihn in die Seite zu boxen, am Ende glich es jedoch eher einer sanften Berührung als einem ernsthaften Schlag. «Was ist mit dir?», fragte Oberyn schliesslich die fast unvermeidliche Gegenfrage.
«Ich war schon immer eher eine Einzelkämpferin.» Zuerst kam von ihm keine Antwort und Ellaria befürchtete schon fast, die Müdigkeit hätte bei ihm die Oberhand gewonnen.
«Falls du gewinnst und nicht ich…» «…mach dich nicht lächerlich, mit dem verstauchten Knöcheln bin ich leichte Beute.» Doch Oberyn liess sich nicht beirren.
«Wenn du gewinnen solltest möchte ich, dass du dich um meine Mädchen kümmerst. Sie hatten zwar ihren Vater, aber nie wirklich eine Mutter.» Ihr Kopf war mit einem Mal wie leergefegt. Sie hatte seine Worte zwar akustisch verstanden, doch es dauerte seine Zeit, bis auch deren Bedeutung in ihr Bewusstsein sickerte. Wie um alles in der Welt konnte er seine Kinder einer Frau anvertrauen, die er gerade mal etwas mehr als eine Woche kannte? Und wie konnte er davon ausgehen, dass sie die Aufgabe annahm. War ihr der Wunsch nach einem geregelten Leben so deutlich anzusehen? Vielleicht hätte sie ihn direkt danach gefragt, wenn nicht in diesem Moment etwas vor ihnen auf dem Boden gelandet wäre. Zuerst hielt sie es schon fast für einen bösen Streich ihrer unterkühlten Hirnsynapsen, doch Oberyn sah es offensichtlich auch. «Ein Fallschirm!» Diese Erkenntnis mobilisierte seine verbliebenen Kraftreserven und es gelang ihm trotz seiner klammen Finger das Paket zu öffnen. Was er dabei zu Tage förderte war für sie beide in jenem Moment wertvoller als alles Geld des Kapitols es je sein könnte: Eine Decke.

~ ~ ~

Es gab Menschen, die hatten einfach Pech im Leben. Die einen standen an einem ungünstigen Ort bei einem Gewitter und wurden vom Blitz getroffen, andere verletzten sich an einem rostigen Nagel und waren ein paar Tage später tot - jedenfalls in den äusseren Distrikten. Missandeis Pech bestand darin, von Ramsay Schnee gefunden zu werden. Wobei «Pech» vielleicht das falsche Wort war, denn mit ihrem Feuer war sie in Risiko eingegangen. Ohne dieses wäre sie in der Nacht zwar zweifellos erfroren, doch hätte man sie in ihren letzten Momenten nochmal vor die Wahl gestellt, so hätte sie sich sicherlich dafür entschieden, im Schlaf zu sterben.

Ramsay hatte aus dem Fehler seines vorherigen Angriffs gelernt. Den Schmerz ignorierend war er so schnell im Wald verschwunden, dass die anderen Tribute es wohl aufgegeben hatten, seine Verfolgung aufzunehmen. Er war sich bis jetzt noch nicht sicher, wem er die Verbrennung zu verdanken hatte.

Diesmal schlich er sich so nahe an sein Opfer heran, dass er ihren Schweiss riechen konnte und er glaubte sogar zu sehen, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Doch falls sie etwas bemerkt hatte, blieb ihr nicht mehr genug Zeit sich umzudrehen als Ramsay auch schon über sie herfiel. Dank dem Überraschungsmoment auf seiner Seite gelang es ihm ohne Mühe, sie auf den Boden zu stossen. Doch sein eigentliches Ziel, nämlich noch etwas Spass mit ihr zu haben bevor er ihr ans Leder ging, musste er schon nach kurzer Zeit verwerfen. Sein rechter Arm war doch schwerer in Mitleidenschaft gezogen worden, als er es sich eingestehen wollte. Als sie dien ersten Schock überwunden hatte, trat, schlug und biss Missandei um sich wie ein wild gewordenes Pferd. Da sein rechter Arm nichts so kräftig zupacken konnte wie gewohnt, konnte sie sich von ihm losreissen. Doch Ramsay war nicht gewillt, sich sein zweites Opfer an diesem Abend auch noch entgehen zu lassen, auch wenn das hiess, dass er nichts so lange spielen konnte, wie erhofft. Mit einem Hechtsprung setzte er ihr nach und stiess das Stilett tief in ihren Rücken. Ihr Schmerzensschrei war wie Balsam für seine verbrannte Haut. Vielleicht, dachte er, konnte diese Nacht ja doch noch ganz lustig werden. Was er dabei jedoch nicht mit einkalkulierte war, dass Missandeis Schreie- und davon sollte sie in den kommenden Stunden noch einige ausstossen- auch noch andere Tribute auf den Plan rufen könnte. Und ohne es zu merken, wurde der Jäger plötzlich zum Gejagten.

~ ~ ~

Nach ihrer Verletzung hatte Arya sich nur eine kurze Pause gegönnt um die Wunde zu Verbinden. Sie hatte die Wunde nur mit Schnee auswaschen und kühlen können. Verbandmaterial besass sie keines. Allerdings hatte sich das Blut mit ihrem Oberteil so stark verkrustet, dass es schon fast wie ein Verband wirkte. Dass dies der Wundheilung nicht gerade förderlich war, wusste sie. Aber eine bessere Möglichkeit blieb ihr für den Moment nicht. Nach dem Angriff der Karrieros und ihrem Mord an Margaery war sie so durch den Wind gewesen, dass sie deren Rucksack nicht mitgenommen hatte. Sie hatte nur von dort verschwinden wollen. Jetzt verfluchte sie sich für diese Dummheit, konnte aber nichts mehr daran ändern.

Noch am selben Tag war sie weiter durch den Wald gestreift, von der Unruhe getrieben. Es war reiner Zufall, der sie wieder auf Ramsays Spur brachte. Ein kleiner, gut durchdachter Teil von ihr, den sie schon immer gut hatte ignorieren können, stiess eine Warnung aus. Sie war nicht in bester Verfassung. Doch ihr weniger rationaler Teil hielt dagegen, dass es immer noch besser war, den Angriff zu beginnen anstatt bei Nacht überfallen zu werden – so wie Missandei. Als Arya dazukam, war es für die junge Frau längst zu spät, Ramsay hatte sich an ihr ausgetobt.

Im Licht des aufkommenden Tages sah sie, dass auch Ramsay verletzte war. Er hatte eine hässliche Brandwunde an Gesicht und Arm. Was Ramsay betraf verspürte sie nichts anderes als Genugtuung. Gleichzeitig stellte sie sich vor, wie schmerzhaft es für Sandor gewesen sein musste. Er selbst sprach nicht darüber, wie es dazu gekommen war, dennoch hatte sich herumgesprochen, wer dafür verantwortlich war – nämlich Sandors eigener Bruder. Arya selbst konnte sich nicht vorstellen, wie man den eigenen Geschwistern so etwas antun konnte. Sie und ihre Schwester hatten nie ein besonders enges Verhältnis, im Gegenteil. Doch niemals wünschte sie ihr deshalb etwas Schlechtes. Und ohne es zu wollen verspürte Arya auf einmal eine Woge des Heimwehs, die stärker schmerzte als ihre Schulter. Trotzdem bereute sie es nicht hier zu sein. Sie hoffte nur, ihrer Familie nicht das Herz zu brechen, indem sie hier starb. War es das Risiko wert, Ramsay hier und jetzt zu stellen?

Diese Frage erübrigte sich, als sie in einiger Entfernung ein leises Husten vernahm. Wenn hier auf einmal Kampflärm ausbrach, würde das die Tribute nur anlocken – und mit mehr als Ramsay konnte sie nicht fertig werden. Also zog sie sich schweren Herzens etwas weiter ins Dickicht zurück, allerdings ohne ihr künftiges Opfer aus den Augen zu lassen.

~ ~ ~

Sie versuchte das Husten so gut zu unterdrücken, wie es nur ging. Aber das machte es nur noch schlimmer. Es war schon ironisch. Obwohl sie mit der wohl einzigen Tributin unterwegs war, die ein halbwegs anständiges Feuer machen konnte, hatte Daenerys sich eine Erkältung eingefangen. Vielleicht auch etwas mehr als das, denn sie fühlte sich fiebrig. Aber Melisandre gegenüber wollte sie nicht zugeben, wie schlecht es ihr wirklich ging, sonst würde die sich vielleicht dafür entscheiden, sie zurück zu lassen. Darum knabberte sie auch an ihrem Lembas, obwohl sie nicht mal ansatzweise so etwas wie Hunger verspürte.
«Wohin gehen wir?», fragte sie irgendwann. Sie waren schon seit der Morgendämmerung unterwegs.
«Raus aus dem Wald», erklärte Melisandre.
«Warum? Hier sind wir eindeutig besser geschützt als am Füllhorn.»
«Genau. Aber wir werden immer weniger Tribute. Früher oder später werden sie uns alle zusammentreiben und das machen sie meistens nicht im Wald oder in unwegsamen Gebieten.» Melisandre hatte recht. Jetzt wo Daenerys genauer darüber nachdachte, konnte sie sich eigentlich zur an zwei Spiele in jüngerer Zeit erinnern, die nicht auf offener Fläche geendet hatten. Bei den dreiundsechzigsten Hungerspielen hatte das Mädchen aus Distrikt 11 das Mädchen aus 1 von einer Klippe gestossen. Das war damals eine Sensation gewesen, weil die äusseren Distrikte sonst eigentlich nie gegen die Karrieros gewannen. Bei den vierundfünfzigsten Hungerspielen hatte der Junge aus 2 das Mädchen aus 7 in einem See ertränkt.

So gerne sie diesen Alptraum auch hinter sich lassen würde, Daenerys fürchtete sich vor dem Ende der Spiele. Denn so wie die Dinge im Moment lagen, standen ihre Chancen als Siegerin hervor zu gehen denkbar schlecht.

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Distrikt 1 – Luxusgüter
Joffrey Lannister, Margaery Tyrell

Distrikt 2 – Steinbruch, Friedenswächter
Sandor Clegane, Arya Stark

Distrikt 3 – Technologie
Viserys Targaryen, Daenerys Targaryen

Distrikt 4 – Fischerei
Theon Graufreud, Meera Reed

Distrikt 5 – Energie
Melisandre, Thoros

Distrikt 6 – Transport
Missandei, Varys

Distrikt 7 – Holzverarbeitung
Ros, Samwell Tarly

Distrikt 8 – Textilien
Oberyn Martell, Ellaria Sand

Distrikt 9 – Getreide
Heisse Pastete, Roslyn Frey

Distrikt 10 – Viehzucht
Ramsay, Alys Karstark

Distrikt 11 – Landwirtschaft
Bronn, Lyanna Mormont

Distrikt 12 - Bergbau
Tormund, Ygritte
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