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Tödliche Spiele

GeschichteAllgemein / P18 / Gen
22.07.2020
01.11.2020
5
17.205
4
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Dieses Kapitel
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22.07.2020 4.083
 
Willkommen zu diesem nächsten Projekt von mir ^^ Die Geschichte wird nur etwa 4 - 6 Kapitel umfassen, dafür sind es ziemlich lange Kapitel ;) Viel Spass beim Lesen!

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Mit einem vernehmbaren Klicken schloss sich die Tür hinter ihm. Gemächlichen Schrittes durchquerte er den grossen, für gewöhnlich lichtdurchfluteten Raum. Für gewöhnlich. Denn heute war der Raum vollkommen abgedunkelt und so wies ihm nur das Licht der eingeschalteten Monitore den Weg zur Couch, wo bereits eine Flasche des feinsten Rotweins auf ihn wartete. Das ganze letzte Jahr hatte er damit zugebracht, sich neue Aufgaben zu überlegen. Überraschungen, mit denen er selbst die gut vorbereiteten Karrieros aus der Reserve locken konnte. Dabei erforderte das Handwerk eines Spielemachers wahres Fingerspitzengefühl. Es musst spannend bleiben. Kein Zuschauer wollte Leute beobachten, die sich tagelang unter einem Busch verkrochen. Doch noch ein schlimmeres Desaster wäre es, wenn die Spiele innerhalb eines Tages enden würden. Oh nein, das Handwerk eines Spielemachers war schwierig und gefährlich, manch einer seiner Vorgänger fand dabei sein frühes Grab, weil er den Präsidenten gelangweilt oder verärgert hatte. Doch Petyr Baelish besetzte diesen Posten nun schon das zwanzigste Jahr und ein Ruhestand kam für ihn noch lange nicht in Frage.

Während der oberste Spielemacher sich auf seinen Lorbeeren ausruhte, plagten die zukünftige Tributin von Distrikt 1 ganz andere Sorgen. Daran, dass sie die zukünftige Tributin sein würde, bestand für Margaery keinerlei Zweifel. Leise vor sich hin schimpfend durchwühlte sie ihren Schmuckkasten. Dieser enthielt alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte, doch keine der Ketten und Ohrringe wollte dem heutigen Anlass gerecht werden. Natürlich würde sie in der Arena später keinen Schmuck tragen, am Ende bedeutete dieser Firlefanz noch ihr Tod. Doch bis es soweit war, wollte sie sich von ihrer besten und schönsten Seite präsentieren.
«Nimm die Silberkette», riet ihr eine Stimme irgendwo hinter ihr. Es gab nur eine Person, die es schaffte, sich an Margaery heranzuschleichen. Sie verkniff sich einen bissigen Kommentar, immerhin war es ihre Schuld, wenn sie sich mehr auf ihre Garderobe als auf ihre Umgebung konzentrierte. Ein solcher Fehler könnte sie in der Arena ihr Leben kosten. Auf alle Fälle folgte sie dem Rat ihrer Grossmutter und nahm die filigrane Silberkette zur Hand, ein Geburtstagsgeschenk ihres Bruders. «Beeil dich mein Kind, in einer Stunde müssen wir los.» Diesmal hörte Margaery, wie Olenna ihr Zimmer verliess und die Tür hinter sich schloss. Sie war wie ein Schatten, der immer dann auftauchte, wenn Margaery sich bei irgendetwas nicht sicher war. Sie war der Schatten, der sie die letzten zehn Jahre auf die Aufgabe vorbereitet hatte, die nun vor ihr lag. Vor genau fünfundfünzig Jahren hatte Olenna Tyrell den Sieg bei den zweiundzwanzigsten Hungerspielen davongetragen. Seitdem mochtet sie älter geworden sein und ihr Körper nicht mehr so geschmeidig wie damals, aber sie war dennoch eine ernstzunehmende Gegnerin und hatte sie all ihre Kniffe gelehrt. Margaery wollte jeden davon zum Einsatz bringen.

Umgezogen, frisiert und geschminkt stand sie nur zwanzig Minuten später in der Küche. Die verbleibenden zehn Minuten nutzte sie, um ihren Bruder zu beschwichtigen. Sie konnte auf sich selbst aufpassen und Loras wusste das, aber der Beschützerinstinkt war dann doch stärker als sein Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Margaery sah es gelassen.
«Loras. Meine Entscheidung steht fest. Bitte, lass uns nicht streiten.» Sie legte eine Hand auf seine Schulter und warf ihm ihren flehenden Blick zu, den sie sich mühevoll angeeignet hatte um ihre Gegner in der Arena zu täuschen. Es reichte, um Loras zu einem zögerlichen Nicken zu bewegen. Erleichtert, dieses leidige Thema endlich abgehakt zu haben, machten sie sich auf den Weg zur Ernte.

Selbstbewusst reihte sie sich unter ihren Altersgenossinnen ein und liess den Blick über die Menge schweifen. Früher gab es noch eine Altersbeschränkung, nur Jugendliche zwischen zwölf und achtzehn Jahren hatten an den Hungerspielen teilnehmen dürfen. Doch dann gab es eine grosse Hungersnot. Selbst in den reichen Distrikten waren Leute am Hunger gestorben. Viele der Toten waren Kinder und die meisten der Frauen waren nicht mehr schwanger geworden. Also wurden die Regeln für die Spiele gelockert. Das Mindestalter von zwölf blieb, nun mussten aber auch Erwachsene bis zum vierzigsten Lebensjahr an den Spielen teilnehmen. Die Namen der Kinder und Jugendlichen von zwölf bis zwanzig Jahren wurde zweimal in die Lostrommel geworfen, diejenigen der Erwachsenen ab zwanzig nur einmal. So wollte das Kapitol sichergehen, dass auch genug junges Blut an den Spielen teilnahm. Keiner wollte ein paar alten, gebuckelten Bauern dabei zusehen, wie sie sich ihre Schaufeln um die Ohren schlugen. Es herrschte eine gespannte Unruhe und während in den meisten anderen Distrikten Furcht die Gesichter der Kinder dominierte, waren es hier Vorfreude und Stolz. Es kam ihr so vor, als würde sich die Lostrommel endlos drehen, bis endlich ein Name gezogen wurde.

«…und der weibliche Tribut aus Distrikt 1 ist… Margaery Tyrell!» Sie lächelte zufrieden. Also hatte sich die kleine Schenkung ihrer Grossmutter an Renly Baratheon, den Betreuer ihres Distrikts, gelohnt. So etwas gab es in den den Karriero-Distrikten des Öfteren und war dem Kapitol in den meisten Fällen egal. Alles was zählte waren spannende Spiele.
Mit festen Schritten und erhobenem Haupt ging sie zum Podest. Dabei begegnete sie neidischen Blicken von anderen Frauen, die sich in die Arena hatten beweisen wollen. Hin und wieder erblickte sie Erleichterung bei all jenen, welche die jährliche Ernte als ein Übel sahen und froh waren, ein Jahr weiterleben zu dürfen. In Distrikt 1 war das die Minderheit

Auf dem Podest angekommen hatte sie jetzt einen deutlich besseren Blick auf den männlichen Teil der Bevölkerung und war gespannt darauf, wer von ihnen ihr auf dem Weg ins Kapitol Gesellschaft leistete. Ihre Grossmutter hatte sie ermahnt, sich für die ersten Tage verbündete zu suchen. Mit Verbündeten wurde man weniger leicht zur Beute – jedenfalls, solange es noch Kandidatinnen und Kandidaten aus den äusseren Distrikten gab.

«Und als männlicher Tribut für die siebenundsiebzigsten Hungerspiele tritt an… Hodor!» Zuerst herrschte ein Augenblick des Schweigens, ehe dutzende, wenn nicht gar hunderte Distriktbewohner in schallendes Gelächter ausbrachen. Fast jeder wusste, wer Hodor war. Der dümmliche Sohn eines Händlers. Eines sehr reichen Händlers, was wohl auch der einzige Grund dafür sein dürfte, dass er noch immer in diesem Distrikt lebte und ihn kein «Unfall» ereilt hatte. Natürlich meldete sich ein anderer an seiner Stelle. Es gab zu viele ehrgeizige junge Männer die ganz wild darauf waren, ihr Können in der Arena zu beweisen.
«Ich nehme seinen Platz», drang auch sogleich eine Stimme durch das Gelächter. Renly deutete auf den Jungen, dem diese gehörte.
«Da haben wir ja schon unseren Freiwilligen. Komm nach vorne und stell dich vor.» Ebenso schnell wie das Gelächter aufgeflammt war, verstummte es auch wieder und zurück blieb nichts als eine unangenehme Stille und leises Flüstern. Margaery erkannte den Ursprung des Getuschels sofort und ihr Herz machte einen Satz. Mit einem Mal stieg ihre Vorfreude auf die Arena ins Unermessliche. Stolz wie ein Hahn vor einer Hühnerschar schritt Joffrey die Stufen empor und stellt sich neben sie. Dass er in der Arena landen würde, war vom Tag seiner Geburt an klar gewesen. Die Lannisters blickten auf eine lange Tradition in der Arena zurück, aus jeder Generation gab es mindestens einen Gewinner aus ihrer Familie. Manchmal sogar zwei. So hatte Joffreys Onkel Jaime die zweiundsechzigsten Hungerspiele gewonnen und Joffreys Mutter Cersei die Spiele im Jahr darauf. Die Vorstellung, diese Tradition ein für alle Mal zu beenden gefiel ihr.

Weit weniger einträchtig ging es bei der Ernte in Distrikt 2 zu. Hier war der Ansturm auf den begehrten Platz in der Arena sogar noch grösser und die Empörung darüber, wer ihn sich sicherte schier grenzenlos. Durchgesetzt hatte sich nämlich eine Dreizehnjährige und somit die jüngste Teilnehmerin des Distrikts seit über vierzig Jahren. Gehässige Stimmen sagten, sie würde die Pechsträhne des Distrikts nur fortführen. Seit ganzen neun Jahren war kein Gewinner der Spiele mehr aus Distrikt 2 gekommen und keiner traute es Arya Stark zu, etwas daran zu ändern. Ihr war das allerdings herzlich egal und ihrem Mittributen mit der auffälligen Brandnarbe schenkte sie schon gar keine Beachtung. Sie tat das hier nicht, weil es von ihrer Familie erwartet wurde, sie tat es, weil sie es wollte. Weil sie seit drei Jahren und dreihundertachtundfünzig Tagen trainierte. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Hass. Aus Verachtung gegenüber den Hungerspielen, aus Verachtung gegenüber dem Kapitol. Aus Verachtung gegenüber diesem durchgeknallten Monster, das sich Präsident schimpfte.

Zwei Friedenswächter führten ihre Familie herein, jedenfalls das, was von ihr übrig geblieben war. Es war Jon, der sogar ihrer Mutter zuvorkam und ihr beinahe die Rippen brach, als er sie in seine Arme zog. «Du… Wie konntest du nur?» Ein Schluchzen begleitete seine Worte und bescherten ihr beinahe ein schlechtes Gewissen. Aber eben nur beinahe. Vorsichtig schob sie ihn von sich weg.
«Nur ein paar Wochen, dann sehen wir uns wieder… Ich verspreche es dir.» Ein Versprechen, welches sie mit aller Wahrscheinlichkeit nicht würde halten können, da machte sie sich keine Illusionen. Aber lieber starb sie beim Versuch die Spiele zu gewinnen als weitere Jahrzehnte beim sinnlosen Morden zuzusehen.
«Das waren auch Vaters Worte, bevor er in die Arena gezogen ist.» Diesmal war es Sansa die sprach und auch wenn ihre Stimme gehässig klang, in ihrem Blick stand nichts als Sorge. Ihre Mutter war viel zu aufgewühlt um überhaupt etwas zu sagen und ihre zwei jüngsten Brüder schwiegen nur, die Augen vor Angst geweitet. Sie wusste, wenn sie nicht aus der Arena zurückkehrte, zerbrach ihre Familie vollends. Trotzdem bereute sie ihre Entscheidung nicht.

Es dämmerte bereits, als sie in den Zug stiegen. Drinnen machte die Betreuerin ihres Distrikts sie mit ihren Mentoren bekannt. Brienne von Tarth und Jaqen H`ghar. Beides sehr seltsame Gestalten, aber unschlagbar auf ihrem Gebiet, so hiess es. Brienne war vor allem deshalb bekannt, weil es ihr gelungen war einen mutierten Bären mit einem gewöhnlichen Jagdmesser zu töten. Jaqen hingegen so sagte man, hatte einen Teil seines Verstandes in der Arena verloren, nur wusste niemand wie genau. Die sechzigsten Hungerspiele war das erste und einzige Jahr gewesen, bei dem es zu einem technischen Zwischenfall gekommen war. Gleich drei Kameras auf einmal waren ausgefallen, genau in dem Sektor, in welchem sich Jaqen aufhielt. Was passiert war wusste keiner, doch es musste so schrecklich gewesen sein, dass ein Teil seines Haares frühzeitig ergraut war. Ausserdem sprach er von sich als auch von anderen nur noch in der dritten Person. Arya machte sich nicht viel daraus, Hauptsache die beiden halfen ihr, lebendig aus den Spielen herauszukommen.

~ ~ ~ ~ ~

Alle Tribute stiegen im Kapitol aus ihrem Zug, nur die zwei Tribute aus Distrikt 8 hatten es offensichtlich nicht sehr eilig. Mit einem diabolischen Grinsen zog Ellaria ihre Fingernägel über den Rücken ihres Widersachers, was diesem eine Mischung aus einem schmerz- und einem lustvollen Stöhnen entlockte. Sie sass rittlings auf ihm und es war ein denkbar ungünstiger Moment um jetzt einfach aufzuhören. Oh nein, Ellaria Sand machte keine halben Sachen. Das Konnte Oberyn nur bestätigen. Allerdings gönnte ihnen offenbar nicht jeder diesen Moment der Entspannung, denn mittlerweile hatte sich ihr Mentor Areo Hotah offenbar einen Ersatzschlüssel zu ihrem Zimmer besorgt und trat nun einfach ein, ohne nochmal zu klopfen. Sie hatten dieses Klopfen für über eine Stunde erfolgreich ignoriert.
«Was ist?», fragte Ellaria, während sie sich rythmisch über Oberyn bewegte und nicht mal daran dachte ihre Blösse zu bedecken. Wenn sie rot wurde, dann nur über den Ärger der Störung.
«Habt ihr denn nichts von dem was ich euch gestern erklärt habe verstanden?», stellte er eine Gegenfrage.
«Doch. Aber wir haben beschlossen, es zu ignorieren. Also falls du hier nicht mitmachen willst- und dazu bist du herzlich eingeladen- bitte ich dich, die Tür hinter dir zu schliessen.» Nachdem Hotah die Tür hinter sich wieder ins Schloss geknallt hatte, machte Elaria etwas schneller. Am Ende kamen beide auf ihre Kosten und genossen noch ein paar zweisame Minuten nebeneinander.
Ob es wirklich klug war würde sich noch zeigen. Es war sicher keine Liebe, die sie verband. Nicht einmal wirkliche Zuneigung, eher eine Anziehung. Angst davor, den anderen nicht töten zu können, wenn es notwendig wurde, verspürten sie beide nicht.
«Lass uns gehen, bevor die Friedenswächter uns noch aus dem Zug zerren», schlug Oberyn vor. Wiederstrebend fügte sich auch Ellaria und erhob sich von der weichen Matratze.

Während Ellaria und Oberyn noch dabei waren ihre Kleidung aus allen möglichen Ecken des Zimmers zu klauben, waren alle anderen Tribute schon längst aus dem Zug ausgestiegen. So auch Daenerys und Viserys Targaryen aus Distrikt 3. Bei den Targaryen war es Tradition, dass immer ein Geschwisterpaar antrat. So vermehrten sich nur die stärksten unter ihnen und das taten sie nicht selten auch untereinander, worüber zwar gemunkelt, aber nicht offen gesprochen wurde.

Viserys erwartete in weniger als drei Wochen wieder zuhause zu sein, oder im Kapitol. Ihm kam nicht einmal der Gedanke, dass seine Schwester ihn überleben könnte. Er gab ihr höchstens zwei Tage. Im Gegensatz zu ihm machte sie das hier nicht freiwillig, sondern aus Pflichtgefühl der Familie gegenüber. Genau das war einer der Hauptgründe, warum Viserys ihr keine Chance zurechnete. Ohne Entschlossenheit war man schon tot, ehe man die Arena überhaupt betrat.
«Jetzt reiss dich mal zusammen», schnauzte er seine Schwester an, die mit jedem Schritt den sie sich vom Zug entfernten verunsicherter wirkte. «Du bist eine Schande für unseren Vater.»
«Ist doch nicht dein Problem», maulte sie. Das Einzige, was er mehr hasste als ihre Unsicherheit war, wenn sie ihm widersprach. Immerhin gab es hier den Ruf ihrer Familie zu wahren. Den Ruf des Präsidenten. Viele erachteten es als unmenschlich, dass er seine eigenen Kinder in die Arena schickte, aber so war es bei den Targaryen jeher brauch. Der Präsident lebte im Kapitol, seine Familie in einem der Distrikte. Wer immer von ihnen beiden nun die Spiele überlebte, würde der zukünftige Präsident oder die zukünftige Präsidentin Panems werden. So war es schon seit Generationen.

Da alle Tribute im selben Gebäude auf die Wagenparade vorbereitet wurden, konnte er einen Blick auf die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhaschen. Wie alle anderen kannte auch er die Aufnahmen der Ernte und wusste daher, dass links vor ihm die Tribute aus Distrikt 7 gingen. Während das Mädchen noch einigermassen annehmbar aussah, war der Junge ziemlich fett und jeder Schritt den er tat zeugte von Unsicherheit. Dagegen wirkte selbst Daenerys Schwester schon fast selbstbewusst. Von den Tributen, die er auf den Aufnahmen gesehen hatte, wirkte kaum einer wie eine richtige Bedrohung. Die männlichen Tribute von Distrikt 1 und 2 vielleicht ausgenommen, doch mit denen wurde er sicher auch noch fertig.

Während seines Stylings blieb Viserys nur wenig Zeit, über die kommenden Spiele nachzudenken. Was da mit ihm gemacht wurde, glich schon fast eine Art der Folter. Es wurden Mitesser ausgedrückt, sein ganzer Körper wurde bis ins kleinste Detail ausgemessen. Das Schlimmste von allem war jedoch, als einer dieser Tölpel tatsächlich versuchte, ihm die Haare zu schneiden. Es bedurfte vieler Drohungen, bis seine Stylisten genug verängstigt waren um von ihrem Vorhaben abzurücken. Auch sein Anzug, welcher in unregelmässigen Abständen aufblitzte, gefiel ihm nicht sonderlich. Sein Stylist konnte ihn jedoch davon überzeugen, dass es bei den Hungerspielen immer gut war aufzufallen. Wer auffiel, bekam Sponsoren. Dieser Logik konnte auch Viserys sich nicht entziehen, weshalb er mitspielte.

Seine Schwester sah er erst wieder, als sie gemeinsam auf den vorbereiteten Wagen stiegen. Sie war hübsch hergerichtet, das musste man ihren Stylisten lassen. Ihr Kleid stand ihr auf jeden Fall besser als ihm der Anzug. Sicher beinhaltete ihr Kleid dieselben Spezialeffekte. Für den Moment wirkte es jedoch wie ein gewöhnliches, wenn auch hochwertiges Kleid aus dunkelblauer Seide.
Als sich die Wagen in Bewegung setzten und er die tausenden Menschen erblickte, vergass er alles. Ihre Kleidung, die Stylisten… Sogar die Arena. Er sah nur noch die Menschenmassen, hörte ihre Jubelrufe und suhlte sich in der Aufmerksamkeit, die ihnen hier entgegengebracht wurde. Hin und wieder blickte er auf einen der riesigen Bildschirme, welche die Wagen der verschiedenen Distrikte zeigten. Auf dem Bildschirm sah seine Aufmachung dann doch etwas besser aus als vorhin.
Für seinen Geschmack ging die Fahrt viel zu schnell vorbei. Doch in naher Zukunft würde er wieder hier im Kapitol vor der Menschenmenge stehen, als Sieger der siebenundsiebzigsten Hungerspiele. Es war seine Zukunft der neue Präsident Panems zu werden und das konnte er seinem Vater nun beweisen.

Den Rest des Abends verbrachten die Tribute damit, sich ihre Unterkünfte anzusehen. Selbst die reichsten unter ihnen hatten zuhause nie so viel Platz gehabt, wie es hier im Kapitol der Fall war. Und trotzdem… Schlaf fanden die wenigsten von ihnen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

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Nur mässig ausgeruht erschienen die Tribute am nächsten Tag im Trainingscenter. Während die einen sofort mit dem Training begannen, blieben andere noch unschlüssig stehen. Einige der Tribute hatte noch nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehalten. Entsprechend schwer fiel es ihnen, sich plötzlich auf eine Art der Verteidigung festzulegen. Samwell Tarly versuchte es zuerst beim Bogenschiessen, schaffte es aber nicht mal die Sehne anständig zurückzuziehen. Beim Schwert schaffte er gerade mal zwei Hiebe, bevor er innehalten und Luft holen musste. Beim Messerwerfen traf er fast seine Mittributin anstelle der Zielscheibe.
«Wenn du das in der Arena nochmal schaffst, hast du sicher gute Chancen», giftete Ros. Mit hochrotem Kopf legte er auch diese Waffe beiseite. Verzweifelt sah er sich im Raum um und fragte sich, wer von den dreiundzwanzig anderen Tributen ihn wohl umbringen würde. Einer der Karrieros? Die junge Frau aus Distrikt 12, die gerade eine Axt durch den Raum schleuderte?
Niedergeschlagen setzte er sich auf eine Bank. Da fiel sein Blick auf einen Jungen, wenn er sich recht erinnerte aus Distrikt 9. Er war ähnlich unsportlich wie Samwell, allerdings sehr geschickt darin Seile miteinander zu verknoten und die Schlinge unter einem Haufen Blätter zu verdecken. Vielleicht war das Fallen stellen auch seine grösste Chance. Einen Versuch war es jedenfalls wert.

Währenddessen musste Joffrey sich von seiner Mutter und seinem Onkel belehren lassen, etwas, was ihm schon zuhause nicht passte und hier vor all den Leuten noch viel weniger. Natürlich waren gewisse der Kritikpunkte berechtigt, immerhin hatte Onkel Jaime die einundsechzigsten, seine Mutter die zweiundsechzigsten Hungerspiele gewonnen. Trotzdem glaubte er, es auch auf seine Weise schaffen zu können. Mit dem Kopf durch die Wand. Für Worte wie Rückzug hatte er überhaupt kein Verständnis. Deswegen hörte er seinem Onkel auch kaum zu, als der gerade etwas von Tarnung erzählte. Er würde die Spiele nicht durch Verstecken gewinnen.
«Ich weiss was du denkst», unterbrach Jaime seine Belehrung. «Ich habe dasselbe gedacht, als mein Mentor mir das erzählt hat. Aber wenn ich auf ihn gehört hätte, hätte ich die hier vielleicht noch.» Er hob seinen rechten Arm. An der Stelle, an der die meisten eine Hand besassen, war bei ihm eine Prothese befestigt. Sie war zwar sehr modern und fast alles war mit ihr möglich, doch es war eben nur ein Stück Technik. Seine richtige Hand war in der Arena zurückgeblieben, weil er seine letzte Gegnerin unterschätzt hatte.
«Wenn ich sage, dass du Recht hast, gibst du dann endlich Ruhe und lässt mich weitertrainieren?»
«Rede nicht so mit deinem Onkel!», mischte sich nun auch seine Mutter ein. «Wir wollen schliesslich nur das Beste für dich.» Weitere Proteste brachten ihn hier nicht weiter, also ging er stattdessen zum nächsten Posten.

Währenddessen beobachtete er die anderen Tribute, insbesondere die Karrieros. Margaery konnte ihm wohl kaum gefährlich werden. Sie mochte zwar hinterlistig sein, aber kräftemässig war sie ihm sicher unterlegen. Anders sah es da schon bei dem Männlichen Tribut aus Distrikt 2 aus. Joffrey wollte lieber gar nicht wissen wie es sich anfühlte, von Sandor Clegane in die Mangel genommen zu werden. Das hiess also am einfachsten schloss er ein Bündnis mit ihm ab und sobald er ihm nicht mehr nützlich war, tötete er ihn. Beim Mädchen aus Distrikt 2 empfand er schlichtweg Belustigung. Er hatte schon unzählige Wiederholungen der alten Hungerspiele angesehen und noch nie gab es aus Distrikt 2 so eine unscheinbare Tributin. Sie befand sich doch tatsächlich bei der Station mit den giftigen Pflanzen und Tieren. Wie erbärmlich.

~ ~ ~ ~ ~

Drei Tage reichten nie und nimmer, um sich auf die Spiele vorzubereiten. Besonders nicht für diejenigen, welche zuvor noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten. Es half lediglich dabei, das Leben der ein oder anderen um ein paar Stunden zu verlängern. Er selbst wollte nicht länger als nötig am Füllhorn zu verbringen. Was nützte ihm der Proviant mit durchgeschlitzter Kehle? Oh nein. Seine Taktik war, sich selbstbewusst zu geben und mit etwas Glück bei der Punktevergabe und im Interview ein paar Sponsoren an Land zu ziehen. Selbst wenn die Chancen dafür auch nicht gut standen. Bronn kam nunmal aus Distrikt 11 und die äusseren Distrikte bekamen selten etwas Brauchbares in die Arena gesendet. Umso wichtiger war es, die Jury von sich zu überzeugen.

Beim Schwertkampf war er ziemlich gut, hatte jedoch nicht genug taktische Raffinesse um eine hohe Punktzahl zu erreichen. Also entschied er sich für den Axtwurf. Er traf jede Figur tödlich, selbst die Beweglichen. Daher war er sich ziemlich sicher, eine gute Punktezahl zu erhalten.

So sass er also am Abend auf der Couch, neben sich Lyanna Mormont, die Tributin aus seinem Distrikt. Er wusste, dass einige Tribute desselben Distrikts untereinander Bündnisse schlossen. Er hielt nicht viel von so etwas und würde die Kleine ohne mit der Wimper zu zucken kalt machen. Allerdings hob er doch eine Augenbraue, als er ihre Punktezahl im Speerwerfen sah. Eine Acht. Bedachte man ihr Alter und ihr Distrikt, war das eine wirklich gute Zahl. Von seiner eigenen Acht war er um einiges weniger beeindruckt.

~ ~ ~ ~ ~

Der Abend der Interviews brach an und Margaery war sehr zufrieden mit ihrem Stylisten. Gut, ihr Make-Up besserte sie am Ende nochmals etwas nach, aber alles andere hatte er wirklich hervorragend hingekriegt. Ihr dunkelbraunes Haar fiel in grossen Locken über ihre Schultern und das türkisfarbene Kleid umschmeichelte ihre Figur ohne dabei zu viel preiszugeben.

Selbstsicher reihte sie sich an der Spitze der anderen Tribute ein und fühlte sich tatsächlich so ruhig, wie sie sich der Menge gegenüber präsentierte. Selbst wenn das Interview aus einem unerklärlichen Grund zum Desaster wurde, ihr Vater kannte genügend Leute, die ihr als Sponsoren zur Seite stehen würden.

Unter lauten Jubelrufen des Kapitols nahm sie auf dem Sessel gegenüber Daario Naharis Platz. Er führte die jährlichen Interviews schon seit mehr als zehn Jahren und erfreute sich grosser Beliebtheit- insbesondere bei den weiblichen Zuschauern. Jedes Jahr trug sein Bart eine andere Farbe- dieses Jahr war es pink.

«Margaery, es ist eine echte Freude, dich hier bei mir zu haben. Erzähl uns etwas von dir!»
Sie zierte sich für wenige Augenblicke, in denen die Kamera noch näher an sie heranzoomte. Diese Taktik gab es schon lange. Sie sorgte dafür, dass das Publikum nur noch aufmerksamer zuhörte. «Ich freue mich auch wirklich hier zu sein», entgegnete sie schliesslich mit einem strahlenden Lächeln. «Nun… Über mich gibt es nicht so viel zu erzählen.» Sie wickelte eine Haarsträhne um ihren Finger, als wirke sie verlegen.
«Nur keine falsche Bescheidenheit. Du hast bei der Punktevergabe sagenhafte zehn Punkte erreicht. Ganz ohne Training?» Daario schaffte es perfekt, immer abwechselnd den Blickkontakt zu ihr und zum Publikum zu suchen. Ganz der Entertainer.
«Nein, natürlich nicht. Für mich war seit ich denken konnte klar, dass ich eines Tages in der Arena stehen werde. Und so lange habe ich mich auch auf diesen Tag vorbreitet. Daher bin ich von meinem Punkten sogar etwas enttäuscht.» Das entsprach sogar der Wahrheit. Ihre Grossmutter hatte damals vor den Spielen elf Punkte erreicht.
«Das brauchst du nicht zu sein, immerhin hat keiner der diesjährigen Tribute mehr als zehn Punkte geschafft.» Die biss sich auf die Zunge um nicht zu erwidern, was sie wirklich dachte. Nämlich, dass die diesjährigen Tribute auch nicht das Mass aller Dinge waren. Stattdessen tat sie das, was sie neben dem Kämpfen am besten konnte – sie lächelte weiter.

Den anderen Interviews schenkte sie nur beiläufig Beachtung. Die meisten gaben sich kämpferisch und selbstbewusst, andere wiederum recht wortkarg. Das Mädchen aus Distrikt 7 fiel ihr in erster Linie dadurch auf, dass sie ein äusserst freizügiges Kleid trug, bei dem es nicht mehr viel Vorstellungskraft bedurfte. Wenn sie sich recht erinnerte, hiess das Mädchen Ros. Margaery konnte darüber nur den Kopf schütteln. Was war das Ziel von ihr? Sich notgeile Sponsoren zu beschaffen? Das musste sie wohl, denn mit ihren drei Punkten kam sie in der Arena sicher nicht weit.

Sie war froh, als sich dieses Theater endlich dem Ende zuneigte. Schliesslich wollte sie ausgeschlafen in der Arena ankommen.
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