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Abschied

von Arvara
OneshotDrama, Familie / P12
OC (Own Character) Old Shatterhand Winnetou
22.07.2020
22.07.2020
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Kathrin saß vor ihrem Haus und beobachtete den Sonnenuntergang. Kamali war, obwohl eigentlich schon etwas zu groß dafür, auf ihrem Schoß geklettert und hielt ebenfalls ihren Blick gen Westen gerichtet. Die feuchte Abendluft ließ den Horizont in herrlichstem Rot erstrahlen. Mutter und Tochter sprachen nicht, sie waren gefangen von der Schönheit dieses Anblicks. Immer tiefer sank die Sonne, schon war nur noch ein kleiner Rest von ihr zu sehen.

„Wo geht die Sonne hin?“, fragte Kamali.

„Sie zieht weiter, um für die Menschen zu scheinen, die eben noch Nacht hatten. Morgen kommt sie wieder zu uns zurück.“

„Das ist gut, dann haben alle das Licht und die Wärme und nicht nur wir.“

Kathrin fand diese Aussage ihrer Tochter wunderschön und es wunderte sie nicht, dass sie, obwohl sie noch keine fünf Jahre alt war,  solch kluge Gedanken hatte. Immerhin war sie die Tochter Winnetous. Sie hatte schon oft Verhaltensweisen gezeigt, die sie glauben ließen, dass Nekatame mit seiner Annahme recht hatte, Kamali würde einmal zu einer Schamanin werden. Wenn sie dies denn sein wollte. Vielleicht besann sie sich später doch auf ihr weißes Erbe, da die Zeiten für die Indianer immer schwerer wurden und niemand sagen konnte, wie eine Zukunft für sie aussehen würde. Sie seufzte leise. Bei diesem Gedanken wurde ihr immer schwer ums Herz. Winnetou war jetzt schon über einen Monat lang alleine unterwegs, doch auch wenn sie zusammen waren, sprach er selten mit ihr darüber. Aber sie spürte genau, wie sehr ihn die Sorge um sein Volk belastete. Die Situation für die Indianer war stetig schlimmer geworden, viele Stämme waren in Reservate gepfercht worden und fristeten dort unter grausamen Bedingungen ein elendes Dasein. Andere kämpften verzweifelt gegen die Übermacht der Weißen und führten damit ihren endgültigen Untergang herbei. Auch unter den Mescaleros regte sich zunehmend Widerstand gegen die Friedenspolitik ihres Häuptlings. Besonders die jüngeren Krieger äußerten immer öfter den Wunsch, lieber ehrenvoll im Kampf sterben zu wollen, als ihrer Freiheit beraubt auf engstem Raum eingesperrt zu werden. Noch lebten die Mescaleros frei, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis auch Winnetou eine Entscheidung würde treffen müssen. Und welche Möglichkeiten ihm auch blieben, keine davon bot eine gute Aussicht. Winnetou, seiner Heimat beraubt und eingesperrt in ein Reservat, gezwungen, sich die Haare kurz zu schneiden, wie es von anderen Stämmen in den Reservaten verlangt wurde? Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Tief in ihrem Innersten war sie sicher, er würde den Tod im Kampf vorziehen, auch wenn er sie und Kamali allein zurückließe. Und so bitter es war, er würde sie und seine Tochter mit seinem Tod freigeben und ihnen ein Leben in Freiheit unter den Weißen ermöglichen, denn er wusste, sie würde ihn niemals verlassen, ganz gleich, was geschehen würde.

Kathrins Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte immer gewusst, dass ihre Liebe eine Liebe auf Zeit war, und versucht, jeden einzelnen Moment zu nutzen und in ihrem Herzen zu wahren. Doch dieses Wissen bewahrte sie nicht vor der Angst um Winnetou und ihre Zukunft.

Kamali bewegte sich auf ihrem Schoß und schaute sie beunruhigt an. Um ihre Tochter nicht zu ängstigen, riss sich Kathrin zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Sonnenuntergang. Die Sonne war nun vollständig untergegangen, nur noch die Röte am Abendhimmel ließ erahnen, wo sie sich eben noch befunden hatte. Langsam wurde es kühl.

„Lass uns ins Haus gehen“, sagte sie und hob ihre Tochter hinunter. Doch als sie selbst aufstehen wollte, legte sich plötzlich eine schwere Last, gleich einem dunklen Gewicht, auf ihre Schultern. Die Beine gaben unter ihr nach und sie sank zu Boden.

Kamali starrte erschrocken von ihr zum Himmel und wieder zurück. „Ma?“, fragte sie ängstlich. „Was ist das da am Himmel?“

Kathrin folgte dem Blick ihrer Tochter, konnte nichts erkennen, doch die schwere Last spürte sie immer noch. Sie zwang sich, sich aufzusetzen und streckte die Hand nach dem Mädchen aus. „Was meinst du? Ich kann nichts erkennen“, sagte sie.

„Da war eine dunkle Wolke, wie eine schwarze Decke, die auf uns gefallen ist. Doch jetzt ist es nicht mehr da.“

Kathrin schauderte, genauso fühlte sich an, was geschehen war, doch die Decke war noch da, sie schien sie einzuhüllen und ihr jegliche Freude zu rauben. Nichts als Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit blieb übrig. Sie zog Kamali in ihre Arme und drückte sie an sich. Langsam verschwand die Trostlosigkeit und sie nahm wieder die Liebe zu ihrer Tochter wahr.

„Komm ins Haus“, sagte sie und erhob sich mühsam mit wackeligen Knien. Auch wenn das Gewicht auf ihren Schultern vergangen war, lastete dennoch eine unbestimmte Traurigkeit auf ihr. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Winnetou und verstärkten diese Traurigkeit.

Bestimmt liegt es daran, dass wir uns schon so lange nicht mehr gesehen haben, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch eine Stimme in ihrem Hinterkopf mahnte sie an ihr ungutes Gefühl, das sie beim Abschied von Winnetou gehabt hatte. Er hatte sie zu ihrem Haus begleitet und war nach einer gemeinsamen Nacht am nächsten Tag zu den anderen Stämmen der Apachen aufgebrochen. Immer wieder unternahm er diese Ritte, um sich über die Situation seines Volkes zu informieren und ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Kathrin hatte ihm lange nachgesehen, es war nicht ihr erster Abschied gewesen, doch noch nie hatte sie dabei solche Furcht verspürt. Und auch Kamali hatte ihren Vater nicht loslassen wollen.

Jetzt allerdings hüpfte die Kleine vor ihr zu ihrem Haus und machte einen fröhlichen Eindruck.

Kathrin drängte ihre trüben Gedanken beiseite und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Erfordernisse des Abends. Sie bereitete das Abendbrot, animierte ihre Tochter, sich zu waschen und ihre Zähne zu reinigen, und brachte sie dann zu Bett. Wie immer las sie ihr im Kerzenschein eine Geschichte vor. Manchmal dachte sie sich auch kleine Abenteuer aus, die sie Kamali erzählte, doch heute war sie zu abgelenkt. Anschließend setzte sie sich an ihren Schreibtisch und versuchte, noch ein paar Seiten ihres neuen Buches zu schreiben. Doch so sehr sie sich auch bemühte, auch hier fand sie keine Worte, die ihr gefallen hätten. Schließlich gab sie auf und ging ebenfalls zu Bett.

Sie hatte noch nicht lange geschlafen, als ein fürchterlicher Schmerz in ihrer Brust sie aus dem Schlaf riss. Sie fuhr auf und betastete zitternd die Stelle unter ihrem Nachthemd, überzeugt eine riesige Wunde vorzufinden. Aber sie war unversehrt, der Schmerz blieb jedoch. Ein Schrei aus dem Nebenraum ließ sie zusammenfahren.

Kamali!

Obwohl der Schmerz sie so schwach machte, versuchte sie, sich zu erheben und zu ihr zu laufen, da flog auch schon die Türe auf und Kamali warf sich ihr laut weinend in die Arme. Sie zitterte am ganzen Körper und klammerte sich an ihre Mutter. „Ahtee, Ahtee!“, schluchzte sie.

Und als Kamali so nach ihrem Vater rief, wurde Kathrin bewusst, dass sie nicht ihren Schmerz fühlte, sondern den Winnetous. Es war seine Verletzung, die sie spürte, als sei es ihre eigene. Er war verwundet, von einer Kugel in die Brust getroffen. Dieses Wissen brach mit schrecklicher Klarheit über sie herein und sie krümmte sie sich mit ihrer Tochter im Arm auf ihrem Bett. Sie wollte schreien, doch das Atmen fiel ihr schwer und sie versank in grenzenloser Pein und Verzweiflung. Alles verschwamm vor ihren Augen, sie nahm weder wahr, was um sie herum geschah, noch wieviel Zeit verstrich.

Und plötzlich war es vorüber. Der Schmerz erlosch, eine warme Welle voller Liebe durchströmte sie und dann – nichts mehr.

Kamalis verzweifelte Schluchzen ging in stilles Weinen über. Auch sie hatte gefühlt, was geschehen war, und weinte um ihren Vater.

Langsam krochen die ersten Lichtstrahlen in den Raum. Ein neuer Tag begann. Ein erster Sonnenstrahl erreichte ihr Bett, berührte ihr Gesicht mit Wärme. Sie tauchte aus tiefster Dunkelheit auf und öffnete die Augen. Und sie erkannte, dass dies der erste Tag ihres restlichen Lebens ohne die Liebe ihres Lebens war.

NEIN! Ein stummer Schrei formte sich in ihrer Brust. Das wollte, das konnte sie nicht fühlen. Schwer fielen ihr die Augen zu und sie ließ zurücksinken in ein Nichtsein, nur körperlich anwesend, ihr Fühlen, ihr Denken unterdrückt, betäubt.

Etwas rüttelte an ihr, sie versuchte, sich dagegen zu wehren. Stieß die Hand fort, die sie schüttelte. Vergebens. Langsam drang eine Stimme zu ihr. „Kathrin, Kathrin!“ Elli. Sie drehte sich weg. „Lass mich!“

„Kathrin, was ist mit dir?“ Ellis Stimme war voller Angst. „Wach auf!“

Vergeblich versuchte Kathrin ihre Augen zu öffnen. Sie tastete das Bett vor ihr ab, fand es leer.

„Kamali!“ Mit einem Schrei riss sie die verklebten Augen auf und sah sich Elli gegenüber, die sich besorgt über sie beugte.

„Keine Angst, Kamali ist bei mir.“

Da drängt sich die Kleine auch schon an ihrer Tante vorbei und krabbelte zu Kathrin ins Bett. Eng schmiegte sie sich an sie. Elli setzte sich auf die Bettkante. „Was ist passiert?“, fragte sie betont ruhig, doch ihre Stimme zitterte leicht. „Kamali kam völlig aufgelöst zu mir gelaufen, sie schrie die ganze Zeit, Ahtee und Ma seien tot.“

„Ich wünschte, ich wäre tot“, hauchte Kathrin.

„Wie kannst du so etwas sagen, wenn dein Kind neben dir liegt?“, fragte Elli empört. „Und warum?“

„Winnetou ist heute Nacht gestorben“, sagte Kathrin tonlos und Tränen schossen ihr in die Augen.

Elli erschrak heftig. „Wo ist er?“

„Ich weiß es nicht“, wimmerte Kathrin.

„Woher weißt du dann, dass er gestorben ist?“

„Ich habe es gefühlt.“

„Also, das kann doch nicht sein.“ Elli schüttelte energisch den Kopf. „Winnetou ist seit Wochen Gott weiß wo und du willst so etwas Furchtbares gespürt haben?“

Kathrin schluchzte. „Kamali hat es auch gefühlt.“

Elli seufzte. „Weißt du, was ich glaube? Du hattest einen Albtraum und damit Kamali so beunruhigt, dass sie glaubte, alle seien tot. Sie kam ja zu mir gerannt und sagte, du seiest gestorben, und das bist du ja offensichtlich nicht. Komm jetzt, steh auf. Du machst deiner Tochter nur noch mehr Angst.“

„Ich kann nicht“, flüsterte Kathrin.

Elli stieß resigniert die Luft aus. „Nun gut“, sagte sie, „dann bleib erstmal liegen. Ich nehme die Kleine mit zu mir. Versuch du inzwischen, dich von diesem Albtraum zu befreien.“

Sie hob Kamali von Bett. „Möchtest du heute mit Charlie und Betty frühstücken? Anschließend könnt ihr zusammenspielen.“

Doch Kamali klammerte sich am Bett fest. „Ma, ich will bei dir bleiben“, rief sie.

Kathrin richtete sich mühsam auf und zwang sich zu einem Lächeln. „Es ist gut, geh nur. Ich komme später nach.“

So beruhigt ließ sich Kamali von Elli an der Hand aus dem Zimmer führen. In der Tür drehte sich ihre Schwester noch einmal um. „Nur ein Traum“, sagte sie. „Schlaf noch ein wenig und komm dann rüber.“

Es war kein Traum, das wusste sie genau. Sie hatte immer ein Band zwischen sich und Winnetou gefühlt, auch wenn sie lange getrennt gewesen waren. Und dieses Band war nun zerrissen, sie hatte seinen Schmerz gefühlt und seinen letzten Gruß voller Liebe und nun war da nur noch Leere. Und die war so qualvoll, dass sie glaubte, es nicht aushalten zu können. Sie wand sich auf dem Bett hin und her und schrie und wusste genau, nichts würde sich dadurch ändern.

Aber vielleicht hatte Elli doch recht und sie hatte nur schlecht geträumt? Woher wollte sie wissen, was passiert war? Das konnte sie doch gar nicht. Nur weil sie so ein Gefühl hatte, lag sie jetzt hier rum und ließ sich gehen und machten Allen Angst.

Sich an diesen Strohhalm klammernd richtete sie sich auf. Meine Güte, was für ein Häufchen Elend sie war. Sie stand auf und zog ihr Nachthemd aus. Nackt stand sie da und sehnte sich nach den Händen Winnetous und alles wollte wieder über ihr zusammenschlagen. Mach dich nicht verrückt, schalt sie sich, es war nur ein Traum.

Sie nahm sich ein Tuch und ging zum Fluss, um sich zu waschen. Doch auch hier griffen die Visionen unerbittlich nach ihr. Sie sah sich neben Winnetou auf dem Stein neben dem Becken sitzen, das der Fluss an dieser Stelle bildete, und über ihre Zukunft sprechen. Sie hatten geglaubt, keine gemeinsame zu haben, doch ihre Tochter hatte sie eines Besseren belehrt.

Mit aller Gewalt drängte sie die Erinnerung beiseite und sprang in das Becken. Das Wasser war kalt, trotz des langen Sommers der hinter ihm lang. Sie schnappte nach Luft, doch sie hielt die Kälte aus, tauchte unter und wusch sich, bis ihr der Atem ausging. Wieder an Land trocknete sie sich ab, erneut brach die Erinnerung über sie herein, sie spürte seine Hände, wie er sie sanft abtrocknete. Wie oft hatten sie sich an dieser Stelle geliebt.

Kathrin sank zu Boden und bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. Doch dann setzte sie sich auf die Fersen. Nein, es war nicht wahr, Winnetou war nicht tot, es war nur ein Traum.

Den ganzen Tag wiederholte sie diesen Satz, doch er fühlte sich nicht wahrer an. Das Gefühl der Leere blieb. Sie fühlte sich unvollständig, als sei ein Teil von ihr verschwunden. Wie ein Baum, den der Blitz geteilt hatte. Eine Hälfte stehengeblieben, verbrannt zwar, doch lebensfähig, die andere Hälfte niedergestreckt im Gras, verkohlt und ausgelöscht.

Sie hielt es nicht mehr aus. Sie brauchte Gewissheit, doch wie sollte sie die erhalten? Sie hatte keine Ahnung, wo sich Winnetou aufgehalten hatte. Nekatame kam ihr in den Sinn. Mit ihm würde sie ihre Ahnung teilen können. Sie würde zum Pueblo reiten.

Endlich hatte sie ein Ziel vor Augen. Sie lief zu Elli und fand sie auf ihrer Veranda in ihrem geliebten Schaukelstuhl vor. Die Kinder balgten sich um einen Platz auf der Schaukel, die Tom an dem großen Baum vor dem Haus aufgehängt hatte. Tom war nicht zu sehen, er war sicher bei seinen Rindern, die für das Auskommen seiner Familie sorgten. Wie reich könnte er sein, wenn er sich entschließen würde, das Petroleum auf seinem Land zu verkaufen. Doch das würde er nie tun, zu wertvoll waren ihm sein einfaches, ruhiges Leben und die Freundschaft zu den Apachen.

Kathrin erklärte ihrer Schwester ihr Vorhaben und ritt am nächsten Tag mit Kamali in das Dorf am Pecos.

Voller banger Hoffnung begab sie sich, kaum angekommen, zu Nekatame. Dessen freudiges Lächeln wich, als sie näherkam, großer Bestürzung. Er eilte auf sie zu und ergriff ihre Hände. „Ko-atsii, welches Unheil ist dir widerfahren?“, fragte er besorgt.

Kathrin konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. „Ich hatte eine Vision“, antwortete sie und wischte sich über das Gesicht. „Und Kamali ebenso“, setzte sie hinzu und blickte zu der Kleinen an ihrer Hand, die nicht, wie sonst, freudig zu dem Schamanen gelaufen war, sondern ungewöhnlich still neben ihr stand.

„Komm“, forderte sie der Alte auf und ging in sein Zelt. Kathrin folgte ihm und nahm auf den dicken Fellen Platz. Auch jetzt wich Kamali nicht von ihrer Seite.

Nekatame reichte beiden einen Becher mit Wasser. „Berichte mir von eurer Vision“, sagte er.

Und Kathrin erzählte, was sie gefühlt hatte und immer noch fühlte. Sie sprach von ihrer schrecklichen Gewissheit und hoffte mit ganzem Herzen, der Schamane möge sie beruhigen und auch an einen schlechten Traum glauben.

Doch Nekatame war in sich zusammengesunken. Seine Miene war voller Kummer, als er sagte: „So ist es also wahr. Auch ich spürte in dieser Nacht eine große Erschütterung und konnte sie mir nicht erklären. Doch nun weiß ich, dass unser Häuptling nicht mehr bei uns ist.“

Kathrin erstarrte. Jeglicher Hoffnung beraubt verließ sie das Zelt und zog sich in ihre Wohnung zurück.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht vom Tod des Häuptlings der Apachen über das Land und großes Wehklagen erscholl über dem Dorf am Pecos.

Einige Tage später erreichte Old Shatterhand das Dorf, an der Hand Iltschi, der den in Decken gehüllten Leichnam Winnetous trug.

Schwer gezeichnet von seiner Trauer berichtete er, was geschehen war.

Winnetou wurde in einem schmalen Seitental am Fluss, der den Mescaleros als Begräbnisstätte diente, begraben. Auf seinem Grabhügel wurde eine Lanze aufgestellt, an der der Federschmuck des letzten großen Häuptlings der Apachen leise im Wind wehte.

Epilog

Kathrin blieb noch einige Jahre im Westen. Sie schrieb weiter erfolgreich Bücher und Artikel für ihre Zeitung in Chicago. Sie lebte mit Kamali auf der Farm, doch hielt sie sich auch immer wieder lange bei den Mescaleros auf, da sie Kamali nicht ihres Erbes berauben wollte. Auch fand sie Trost in der Nähe zu dem Grab Winnetous. Kamali verbrachte viel Zeit mit Nekatame, an dem sie sehr hing und der ihr wie ein Großvater war. Er hatte etwas Besonderes in ihr gesehen und unterrichtete sie in allem, was er ihr zu geben vermochte. Doch eines Tages teilte er Kathrin mit, er könne Kamali nichts mehr beibringen, und riet, ihrer Tochter die Chance einer guten Bildung zu geben.

So zogen sie zurück nach Chicago. Kathrin arbeitete dort weiter als Autorin, verfasste aber darüber hinaus zahlreiche Artikel für ihre alte Zeitung, in denen sie sich vehement für die Rechte der Indianer und die Gleichberechtigung der Frauen einsetzte. Kamali besuchte mit großem Erfolg eine gute Schule und studierte anschließend an der ersten Universität, die Frauen zu diesem Studium zuließ, Medizin.

Mit ihrem Mann, einem Rechtsanwalt, kehrte sie in den Westen zurück. Dort arbeitete sie als Ärztin in dem Reservat der Mescaleros und wurde nach dem Tod Nekatames deren Schamanin. Ihre Heilungserfolge, die sie durch ihr Wissen sowohl um die westliche als auch die indianische Medizin erzielte, brachten ihr zahlreiche Patienten auch unter den Weißen ein.

Als sie ihr erstes Kind erwartete, kehrte Kathrin zurück und widmete sich fortan voller Hingabe ihren Enkelkindern, in denen sie immer einen Teil von Winnetou spürte.

Kathrin heiratete nie wieder.

Und wenn sie die Traurigkeit zu überwältigen drohte, ging sie zu dem Grab Winnetous, legte sich dort nieder und fühlte sich ihm nah.
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