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Geisterjäger John Sinclair - Der Fluch der fliegenden Schädel

GeschichteKrimi, Horror / P16 / Gen
John Sinclair OC (Own Character) Suko
22.07.2020
22.07.2020
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Geisterjäger John Sinclair - Der Fluch der fliegenden Schädel



Der schwarze Chevrolet hatte, aus London kommend, auf seinem Weg den M4 Motorway entlang westwärts Hayes und Slough hinter sich gelassen und war nun im Begriff, Maidenhead südlich zu umfahren. Weite, einsame, sonnenbeschienene Wiesen und Felder, gelegentlich unterbrochen von einem düsteren Waldstück, bestimmten die Landschaft.
Es war Sonntag, kurz nach elf Uhr morgens, im Wagen herrschte ausgelassene Stimmung. Die vier Männer, die in ihm saßen, waren allesamt Gangster. Einer von ihnen sollte in Kürze sterben, aber das wusste er noch nicht. Die anderen drei schon, denn genau deswegen waren sie unterwegs ...


"Was soll ich mit ´ner Abwrackprämie für meinen Wagen?", nölte Tony Bracken, der am Steuer saß. "Mein Wagen ist gerade mal ein Jahr alt. Aber ´ne Abwrackprämie für meine Alte, wie wär´s damit? Die können sie meinetwegen verschrotten."
"Wieso?", fragte Frank Dolan von der Rückbank. "Was ist denn mit der? Stottert der Motor?"
"Hättest sie mal besser ab und an richtig auf Touren bringen sollen", frotzelte Milton McKenzie, der neben Frank saß.
"Hin und wieder ein Ölwechsel soll auch nicht schaden", gab schließlich auch noch William "Hillbilly" Hill vom Beifahrersitz aus seinen Senf dazu.
Tony verzog das Gesicht. "Ha, ha, leckt mich doch am Arsch."
"Wenn wir nicht bald da sind, zünde ich mir hier drin ´ne Fluppe an", maulte Milton von der Rückbank, zog ein Päckchen Luckies ohne Filter aus der Jackentasche und steckte sich eine zwischen die Lippen. Hillbilly drehte sich zu ihm um.
"Ein für alle Mal, Milton. Im Wagen wird nicht geraucht."
"Sagt wer?"
Tony schaltete sich ein. "Der Boss. Und wenn der Boss sagt, im Wagen wird nicht geraucht, dann wird im Wagen nicht geraucht."
Tonys und Miltons Blicke trafen sich im Rückspiegel. Milton machte keine Anstalten, die Fluppe aus dem Mund zu nehmen. Allerdings auch keine, sie anzuzünden.
"Dann fahr´ zu", schnaubte er schließlich und sah aus dem Seitenfenster.
Tony richtete seinen Blick wieder auf die Straße. "Dahinten ist die Abfahrt. Über die Landstraße sind´s noch zwei Meilen."

***

Sie hatten den M4 verlassen. Nach ein paar Minuten auf einer schlecht asphaltierten zweispurigen Straße bogen sie links in ein Waldstück ein.
Nochch ein paar hundert Yards weiter bestand der Weg nur noch aus von Unkraut überwuchertem, festgefahrenem Sand.
Die Blätterdächer der hohen Bäume waren so dicht, dass nur vereinzelt ein Sonnenstrahl den Waldboden erreichte. Obwohl später Vormittag war, herrschte in dem dichten Gehölz, durch das sie fuhren, beinah dämmriges Zwielicht.
"Scheiße, ist das duster hier", sprach Frank Dolan aus, was alle dachten. "Fast schon gruselig."
"Drauf geschissen", nuschelte Milton, dem nach wie vor die kalte, unangezündete Zigarette zwischen den Lippen klemmte.
Tony schaltete die Scheinwerfer des Wagens ein.
Keine zwei Minuten später rollte der Wagen unvermittelt auf eine sonnige Lichtung.

***

Tony schaltete den Motor ab, und die vier Männer stiegen aus. Vertraten sich die Beine. Sahen sich um. Milton zündete endlich seine Zigarette an, inhalierte tief und bekam prompt einen Hustenanfall.
Frank und Hillbilly grinsten. Tony blickte auf seine Armbanduhr.
"Kurz vor zwölf. Fast wie im Western."
Hillbilly drehte sich im Kreis, spähte in den sie umgebenden Wald.
"Und wo ist jetzt die Hütte?"
Tony und Frank sahen einander an. Milton ließ die Zigarette in den Staub fallen und trat sie aus.
Hillbilly sah Tony an. "Also ich seh´ hier keine Hütte."
Tony nickte. "Das liegt daran, dass es hier keine Hütte gibt, Hillbilly."
Der Angesprochene runzelte die Stirn. Sein Blick ging zu Frank, dann zu Milton.
"Ich dachte, wir treffen hier die Jungs aus Glasgow. In einer Hütte, habt ihr gesagt."
"Hillbilly." Frank trat einen Schritt auf ihn zu. Gleichzeitig griff er unter seine Jacke und zog die Beretta 8040 aus dem Schulterhalfter. Tony und Milton taten es ihm nach und zückten ebenfalls ihre Waffen.
Hillbilly starrte seine Kumpane an. Er trug ebenfalls eine Waffe, hatte jedoch blitzschnell kapiert, dass es ziemlich dumm von ihm sein würde, sie ebenfalls zu ziehen. Stattdessen fragte er betont ruhig: "Was soll das, Jungs?"
"O´Bannon weiß, dass es nicht die Schotten waren, die ihm die achthundert Mille geklaut haben." Tony trat hinter Hillbilly. "Sondern du."
Hillbilly sagte nichts. Frank trat vor ihn hin.
"Wer wusste noch davon?"
Sie sahen einander in die Augen, und Hillbilly hielt dem Blick des anderen stand. Er wusste, er würde hier und jetzt sterben. Er wusste warum, und er wusste, wer ihn töten würde. Daran gab keine Zweifel mehr, und zumindest das fühlte sich irgendwie gut an.
"Wer hat sonst noch mitkassiert?"
"Niemand. Das Geld ist in einem Schließfach. Heathrow. Den Schlüssel hab´ ich am Schlüsselbund. Rechte Jackentasche."
Frank griff hinein. Förderte den Schlüsselbund zutage. Ging das halbe Dutzend Schlüssel durch.
"Der hier?"
Er hielt Hillbilly den Schlüsselbund vors Gesicht, einen einzelnen Schlüssel zwischen den Fingerspitzen.
Hillbilly nickte.
Frank trat einen Schritt zur Seite, um nicht in der Schussbahn zu stehen, und Tony schoss Hillbilly ins Genick. Hillbilly ging in die Knie und fiel aufs Gesicht. Tony beugte sich über Hillbilly und schoss ihm eine zweite Kugel in den Nacken.
Die drei Männer blickten hinab auf den Toten. Milton spuckte aus.
"Na, schön, das war der einfache Teil. Kommen wir zum Groben."
Sie steckten ihre Waffen wieder weg und gingen zum Wagen. Milton öffnete den Kofferraum.

***

Frank und Tony hatten den schweißtreibenderen Job; aber sie beklagten sich nicht. Frank und Tony hoben unter Zuhilfenahme zweier Klappspaten der Royal Army Hillbillys Grab aus. Und vermieden es tunlichst, in die Richtung zu blicken, in der Milton ein paar Meter weiter Hillbillys Leiche bearbeitete. Anonymisierte, wie er es nannte.
Erst schnippelte, knipste und zwackte er dem Toten mit einer Geflügelschere die Fingerspitzen ab; dann brach er ihm mit einer Kneifzange sämtliche Zähne heraus. Als das erledigt war, brach er der Leiche mit einigen gezielten Hieben mit der Zange Ober- und Unterkiefer. Und schließlich pulte er ihr mit einem Kreuzschraubenzieher die Augäpfel aus.
"Wieso die Augen?", fragte Frank, der unvorsichtigerweise hingesehen hatte.
Milton sah ihn ausdruckslos an.
"Scanner."
Frank runzelte die Stirn und blickte Tony an. Der zuckte nur die Schultern.
Schon seit geraumer Weile sickerte Hillbillys Blut in den staubigen Waldboden. Aus den zwei Einschusslöchern im Nacken, aus den verstümmelten Fingern, der zertrümmerten, zerfleischten unteren Gesichtshälfte, den leer starrenden Augenhöhlen. Milton sah für einen Augenblick zu, wie sich eine dunkle Lache bildete, die der helle Sand aufzusaugen schien wie ein Schwamm.
Dann spürte er das Vibrieren.
Es schien von tief unter der Erde zu kommen. Er blickte zu Frank und Tony, die bis zu den Hüften im halb ausgehobenen Grab standen. Auch sie schienen die Erschütterung bemerkt zu haben. Sie hatten aufgehört zu graben und starrten hinab in die Grube.
Und dann geschah es.
Mit einem hohlen Knall platzte nur wenige Yards von ihnen die Erde auf. Eine Sandfontäne spritzte mehrere Yards in die Höhe und ging auf die Männer nieder. Milton schrie auf, Frank und Tony gingen in Deckung. Als sie die Köpfe wieder hoben und sich den Dreck aus den Haaren strubbeln wollten, trauten sie ihren Augen nicht. Inmitten der Lichtung, über einem schachtartigen, gut zwei Yards durchmessenden Krater, schwebten etwa in Augenhöhe der Männer drei Schädel in der Luft.
Die Schädel waren grässlich anzusehen. Pergamentartige Haut spannte sich über die Knochen, die Augen waren milchig trüb und wiesen keine Pupillen auf. Die Lippen, dünn eir Bleistiftstriche und leicht ausgefranst, waren gefletscht und entblößten schwarze, messerspitze Zahnstummel. Von den Köpfen wuchs langes, strähniges, farbloses Haar.
Es waren die Schädel dreier Frauen, das konnte man gerade noch erkennen.
Synchron rissen die grausigen Schädel die fauligen Mäuler auf.
Und stürzten sich auf die Männer.

***

Frank reagierte als erster. Noch während der erste Schädel auf ihn zuraste, holte er mit dem Spaten aus. Er traf den Schädel mitten im Flug mit der Breitseite des Spatenblatts und drosch ihn aus der Bahn. Während der Schädel in einem weiten Bogen zurück auf ihn einschwenkte, riss Frank zum zweiten Mal an diesem Mittag seine Waffe aus dem Schulterholster.
Er legte auf den Schädel an und schoss.
Und der Schuss saß.
Die rechte Wange des heranrasenden Schädels platzte auf, er geriet kurz ins Trudeln, fing sich wieder und raste weiter auf Frank zu.
Der schoss abermals.
Der Schädel taumelte jedoch weiterhin oder aber hatte sich auf Frank eingestellt und flog absichtlich Schlangenlinien.
Franks Schuss ging daneben. Frank Dolan konnte gerade noch rechtzeitig in Hillbillys halb ausgeschaufelten Grab in Deckung gehen, als der körperlose Schädel auch schon hauchdünn über seinen eigenen hinweg sauste.
Tony hatte nicht so viel Glück. Gleich als er die Schädel erblickt hatte, war er aus dem Grab gesprungen, hatte den Klappspaten weggeworfen, die Beine in die Hand genommen und war Richtung Wald gelaufen.
Weit war er nicht gekommen. Schon nach einem Dutzend Schritte hatte der zweite Schädel ihn eingeholt und verbiss sich in Tonys Nacken. Tony strauchelte und fiel der Länge nach hin. Er rollte sich auf den Rücken und griff sich mit beiden Händen in den Nacken, um das grässliche Ding dort loszuwerden. Und dabei schrie er und schrie und schrie. Der Schädel fraß sich derweil Bissen für Bissen an Tonys Nacken nach vorn, bis er unterm Ohr direkt über der Halsschlagader saß. Ein letzter Biss, und Tonys Blut spritzte in einem dünnen, scharfen, im Sonnenlicht rubinrot funkelnden Strahl in den Staub. Tony Brackens Körper zuckte noch ein paarmal, ein letzter Spasmus rammte seine Hacken in den Sand, dann lag er still. Der Schädel hing an seinem Hals, leckte, saugte und trank, labte sich am Blut des Toten.
Milton wiederum hatte dem dritten Schädel, als der auf ihn zuschoss, die Geflügelschere ins Maul und den Schraubenzieher ins Auge gerammt. Der Schädel war kreischend an ihm vorbei geflogen und am Rande der Lichtung vor einen massiven Baumstamm gesemmelt. Milton wollte schon aufatmen, da bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung neben sich am Boden. Er sah hin - und wollte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten seinen Augen nicht trauen.
William "Hillbilly" Hills Leiche bewegte sich! Mehr noch - sie machte Anstalten, sich zu erheben.
Milton McKenzie packte kaltes Grauen. Dann stand der Tote vor ihm. Starrte ihn aus blutigen Augenhöhlen an, während das mittlerweile schwarze Blut aus dem zerstörten Mund quoll und vom zertrümmerten Kinn herabtroff. Die Leiche hob die Arme, streckte Milton die Hände entgegen und griff nach ihm mit den blutigen Fingerstummeln.
Milton drehte sich um und rannte zum Wagen.
Frank hob den Kopf aus dem Grab und sah, was Milton vorhatte.
"Milton, warte!"
Frank sprang aus dem Grab - und stand dem toten Hillbilly gegenüber. Die Leiche wankte auf ihn zu. Die leeren blutigen Augenhöhlen stierten ihn an, die zertrümmerten, zahnlosen Kiefer mahlten. Der Leichnam gab eine Art Rülpser von sich, und Frank spritzte ein Schwall höllenschwarzen Blutes entgegen.
Ohne groß nachzudenken, holte Frank mit dem Klappspaten aus und schlug zu. Die scharfe Kante des Blattes traf den lebenden Toten seitlich am Hals und trennte den Kopf zur Hälfte vom Rumpf. Haltlos baumelte der Schädel zur Seite, nur mehr von einer Halssehne. Frank schlug nochmal zu, und nochmal, bis der Kopf mit einem satten Schmatzen vom Rumpf flog und zur Erde fiel.
Der Rumpf fiel ebenfalls zu Boden und rührte sich nicht mehr.
Anders Hillbillys Kopf.
Nachdem er abgerollt war, schoss er gleich wieder in die Höhe, orientierte sich offenbar kurz - und nahm dann Kurs auf Frank, der beim Sprung aus der Grube die Pistole hatte fallen lassen und nur noch den Spaten hatte, um sich zu verteidigen. Frank sah Hillbillys körperlosen Kopf auf sich zu steuern, hob den Spaten wie ein Batter seinen Baseballschläger, um Hillbilly endgültig den Rest zu geben - als plötzlich ein Stoß von hinten Frank Dolan traf, er seitlich weg stolperte und kopfüber in das Grab zurück fiel.
Es waren die drei Köpfe gewesen, die drei Köpfe, die unvermittelt aus dem Boden empor geschleudert worden waren, verweste tote Köpfe, die sich auf Frank und seine Kameraden gestürzt hatten, von denen zumindest einer schon tot zu sein schien.
Es waren die drei Köpfe gewesen, die ihm zu dritt nebeneinander wortwörtlich in den Rücken gefallen waren und ihn umgerammt hatten.
Frank lag bäuchlings knapp einen Yard tief in der Erde. Ihm tat alles weh. Trotzdem schaffte er es noch, sich auf den Rücken zu drehen.
Was er über sich in der klaren, frischen, sonnendurchfluteten Waldluft hängen sah, raubte ihm schlicht den Verstand und ließ ihn aufschluchzen.
Vier abgetrennte Köpf, drei davon im Endstadium der Verwesung, der vierte fürchterlich zugerichtet von roher Gewalt.
Drei Weiber, ein Mann.
Mit letzterem hatte er vor gut einer Stunde noch gemeinsam im Wagen gesessen und Tony verarscht, der schon so tot war, wie Frank es - wie er hoffte - möglichst schnell sein würde.
Frank Dolan konnte nur noch die Augen schließen.
Dann stürzten sich die Schädel mit schäumenden und geifernden Mäulern auf ihn.

***

Milton hatte den Wagen erreicht, im Vorbeilaufen die Kofferraumklappe und die offenstehenden Seitentüren zugeschlagen, war auf den Fahrersitz gesprungen, hatte den Motor gestartet - und zumindest den Anfang von Franks Ende im Seitenspiegel mitverfolgt. Dann hatte er den Wagen zurückgesetzt und war wie ein Verrückter den Weg zurück gerast, den sie gekommen waren. Mit einem Auge behielt er den Rückspiegel im Blick, voller Furcht, dass die Schädel ihm womöglich folgen würden. Doch er konnte nichts dergleichen entdecken.
Seine Todesangst schwoll gerade ab, da kroch erneut Panik in ihm auf.
Was, wenn einer der Schädel sich auf der Rückbank versteckt hatte und ihm während der Fahrt sprichwörtlich in den Nacken fallen würde?
Milton bremste scharf, sprang aus dem Wagen, riss die hintere Seitentür auf und zielte mit seiner gezogenen Waffe in den Fond.
Nichts.
Er war leer.
Milton schielte in den Freiraum unter der Sitzbank. Auch nichts, außer einem Werkzeugkasten.
Er stieg wieder ein und fuhr weiter.
Als er auf die Landstraße kam, wusste er, er hatte es geschafft.
Als er auf den M4 auffuhr, war er auch beinah davon überzeugt.

***

Deputy Melanie "MC" Corbijn hatte schlechte Laune. MC hatte eigentlich immer schlechte Laune. Heute hatte sie allerdings besonders schlechte Laune. Es war Sonntag Vormittag, und sie hatte Streifendienst.
Und sie war verkatert.
Am Abend vorher, das fiel ihr jetzt wieder ein, hatte sie keine schlechte Laune gehabt. Zumindest nicht allzu schlecht. Dafür allerdings den einen oder anderen Bourbon/Cola.
Vielleicht sollte ich Alkoholikerin werden, dachte MC.
Sich den ganzen Mist hier schönsaufen.
Streifendienst. Wozu sollte das überhaupt gut sein? Ziellos durch die Gegend juckeln und dem persönlichen Elend ins Gesicht sehen.
Immerhin: Sie hatte darauf verzichtet, in der City von Maidenhead durch die Straßen zu kurven; stattdessen kreuzte sie durch die südlich gelegenen, vorgelagerten Siedlungen.
Maidenhead. Sie hasste es. Niemals wäre sie von sich aus in dieses Kaff gezogen. Und noch weniger hätte sie sich hier zum Polizeidienst verpflichtet. Nach Maidenhead konnte man als Polizistin nur strafversetzt werden. Oder man war hier geboren wie ihr Kollege Emmet Webster. Aber selbst dann hätte MC sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vom Acker gemacht.
Sie tuckerte gerade an einem Waldstück vorbei und überlegte, ihren Kollegen anzufunken und ihn zu bitten, in der Nähe einen Mord zu begehen, damit sie endlich was zu tun kriegte - da sah sie, dass etwas vor ihr am Straßenrand lag.
Zuerst dachte sie an ein totes Tier; dann an einen dunkelfarbigen Fußball.
Dann erkannte sie, was es war.
Sie bremste den Wagen und starrte aus dem Seitenfenster.
Es war ein Kopf.
Ein einzelner Kopf.
Von einem Mann, wenn sie sich nicht täuschte.
Übel zugerichtet.
Als sei er, als er noch auf einem Hals saß, von einem LKW gerammt und überfahren worden.
MC sprang aus dem Wagen und lief je hundert Meter die Straße auf und ab, um den Asphalt nach Blutspuren abzusuchen.
Nichts.
Sie untersuchte den Wald, der an die Straße grenzte, fand allerdings weder einen Körper noch sonstige Leichenteile.
Der Kopf sah bei näherem Hinsehen noch relativ frisch aus. Das Blut, mit dem er über und über beschmiert war, war stellenweise erst halb geronnen. Zwei, höchstens vier Stunden, schätze sie. Bis dahin dürfte er noch gelebt haben.
So schnell würden Tiere die Leiche, oder was von ihr übrig war, allerdings nicht restlos gefrssen oder fortgeschleppt haben.
Seltsam.
MC überlegte. Das Ganze konnte ein Fall von bösem Verkehrs- beziehungsweise Auffahrunfall mit massivem Personenschaden und anschließender Unfallflucht sein. - Es könnte aber auch Mord sein.
Der korrekte Dienstweg schrieb ihr in diesem Fall vor, die Mordkommission zu verständigen, auf die Spurensicherung aus London zu warten und in der Zwischenzeit vor Ort nichts zu verändern.
Wenn es allerdings Mord war, bestand durchaus die Möglichkeit, dass der oder die Mörder mittlerweile das Fehlen des Schädels bemerkt hatten und zurückkehren würden, um ihn zu suchen.
MC verfügte zwar über eine Dienstwaffe, hatte sie abseits der Schießbahn allerdings noch nie benutzt.
Zumindest noch nie abgefeuert.
Die Aussicht, an einem Sonntag Mittag ausgerechnet in Maidenhead bei einer Schießerei mit Killern zu sterben, die so dämlich waren, den Kopf ihres letzten Mordopfers zu verlieren, kam ihr alles andere als verlockend vor.
Also traf Deputy Melanie Corbijn eine Entscheidung.
Sie holte Gummihandschuhe aus dem Kofferraum ihres Wagen sowie einen stabilen transparenten Plastikbeutel mit Zipp-Verschluss für Beweismittel, Größe XXL.
Dann machte sie sich daran, den Kopf in den Beutel zu bugsieren, schaffte es, sich dabei nicht die Uniform zu versauen, lud den Kopf seinerseits in den Kofferraum und fuhr zurück zum Revier.
MC hätte nur zu gern Blaulicht und Sirene eingeschaltet, um mit Vollgas, sämtliche Verkehrsvorschriften missachtend, zurück zur Wache zu rasen. Aber das hätte die Einwohner bloß unnötig verschreckt. Und heute war immerhin Sonntag.

***

Als sie aufs Revier kam, fand sie die Wachstube verschlossen. An Sonn- und Feiertagen schoben immer nur zwei der insgesamt elf Beamten der Polizeiwache Maidenhead South Dienst. Brewster, ihr Kollege, mit dem zusammen sie heute tagsüber eingeteilt war, hatte also wieder mal verpennt. Und es hing an ihr, MC, ihn gegenüber dem Commissioner entweder zu decken oder zu verpetzen.
Am liebsten hätte sie letzteres getan, aber dann wäre Brewster stinksauer auf sie gewesen. Und auf Stunk unter Kollegen konnte sie wiederum gut und gern verzichten.
Immerhin wartete niemand draußen vor der verwaisten Wache, um seinen Nachbarn anzuzeigen, weil der während der Mittagsruhe den Rasen mähte. Oder ähnlichem belanglosen Mist, mit dem die Leute sich hier gegenseitig künstlich aufregten.
MC schloss die Tür auf, holte den eingetüteten Kopf aus dem Kofferraum des Wagens und schleppte ihn in die Wachstube. Dort war in einer Ecke eine kleine Teeküche eingerichtet, Kühlschrank inklusive. MC musste ein paar Getränkedosen und nicht mehr ganz so frische Käsestücke beiseite schieben; dann platzierte sie den Kopf im oberen Kühlfach.
Sie überlegte kurz, ob sie den Schädel nicht besser im integrierten Tiefkühlfach verstauen sollte, aber erstens passte er dort schon von der Größe her nicht hinein, und zweitens sollte er ja auch nicht ewig hier im Kühlschrank lagern.
Und da MC eh schon mal in der Küchenecke stand, machte sie sich als nächstes daran, erstmal Kaffee zu kochen.
Da fiel ihr prompt etwas anderes siedend heiß ein. Wo war sie mit ihren Gedanken? Verdammter Alkohol.
Sie holte den Kopf wieder aus dem Kühlschrank und stellte ihn auf ihren Schreibtisch. Die an sich transparente Plastiktüte, in der er steckte, war bereits nach den wenigen Minuten in der Kühlung, kurz nachdem sie wieder raus war, sofort von innen beschlagen.
Beweist immerhin: Er ist noch frisch, dachte MC.
Sie zog ihr Smartphone aus der Jackentasche, schaltete die Kamerafunktion ein und legte es neben dem Kopf auf den Tisch. Dann zog sie sich Einweg-Gummihandschuhe über und ging daran, den Schädel aus der Tüte zu nesteln.
Sie wollte Fotos von ihm machen und sie gleich per Mail an die Forensiker in London schicken.
Eine Digitalkamera gab es auf dem Revier ja nicht. Es hatte mal eine gegeben. Aber die war gestohlen worden.
MC hatte den Schädel halb aus der Tüte, als etwas geschah, das ihr einen derartigen Schreck durch die Glieder jagte, dass sie die damit verbundenen körperlichen Schmerzen überhaupt nicht wahrnahm.
Unvermittelt biss der Schädel zu. Er erwischte MCs Handballen und biss mit aller Kraft hinein. Die Die zahnlosen, blutverkrusteten Kiefer bohrten sich in MCs Fleisch, fanden jedoch, da sowohl Ober- als auch Unterkiefer mehrfach gebrochen waren, keinen Halt.
MC schrie auf, riss ihre Hand aus dem Griff des Schädels und taumelte zurück, bis sie gegen den Kühlschrank stieß.
Und traute ihren Augen nicht.
Wie von Geisterhand erhob sich der Schädel von der Tischplatte. Er schüttelte die Plastiktüte ab, drehte sich einmal im Kreis und fixierte dann die einzige Person im Raum, die, vor lauter Überraschung, Schreck und Grauen sprichwörtlich gelähmt, nichts anderes tun konnte, als genauso hemmungslos zurückzustarren.
Dann setzte der Schädel sich in Bewegung. Erst langsam, jedoch permanent beschleunigend, schwebte er auf MC zu. Die starrte ihm entgegen und dachte: Er will mich küssen!
Und einen Sekundenbruchteil später: ... Oder fressen!!
Und dann war der Schädel beinahe bei ihr, und sie dachte: Nicht mit mir!!!
Und als der Schädel so dicht vor ihrem eigenen Gesicht schwebte, dass sich beider Nasenspitzen schon beinahe berührten -
- machte MC einen eleganten Ausfallschritt zur Seite und zog dabei die Kühlschranktür sperrangelweit auf.
Der Schädel schoss ungebremst in den Kühlschrank. Ein dumpfer Knall, irgendwas fiel rumpelnd um.
MC knallte die Tür zu, lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen und angelte mit dem Fuß nach dem nächstgelegenen Stuhl.
Sie klemmte die Stuhllehne unter den Griff der Kühlschranktür. Erst als sie sicher war, dass der Kühlschrank nicht mehr geöffnet werden konnte, richtete sie sich auf.
Im Kühlschrank rumorte es. Rumpeln, dumpfe Schläge.
Aber die Tür hielt.
Wie in Trance ging Deputy Melanie Corbijn zum Tisch, nahm ihr Smartphone, wählte eine Nummer, die sie noch aus ihrer Londoner Zeit auswendig kannte, hielt das Gerät ans Ohr und wartete, wobei sie den Kühlschrank nicht aus den Augen ließ.
Es rummste darin, dass manchmal der ganze Schrank erzitterte.
MC wechselte das Smartphone in die andere Hand, zog ihre Dienstwaffe, entsicherte sie und legte sie schussbereit neben sich auf die Tischplatte.
Als sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete, schilderte MC in groben Zügen, was ihr gerade widerfahren war. Sie hörte sich dabei selbst zu und konnte kaum glauben, was sie da von sich gab. Sie wollte es nicht wahrhaben. Noch nicht.
Am anderen Ende der Leitung hörte man ihr geduldig zu und kündigte an, sie weiterzuvermitteln.
Und nochmal zwei Minuten später meldete sich eine Frau namens Glenda Perkins - und war ganz Ohr ...

***

MC hatte versucht, ihren nach wie vor abwesenden Kollegen Brewster telefonisch zu kontaktieren, aber niemanden erreicht. Also schrieb sie auf ein weißes Blatt mit rotem Filzstift BREWSTER: NICHT ÖFFNEN! LEBENSGEFAHR! ERNSTHAFT! KEIN SCHEISS! - MC - und klebte das Ganze bestens sichtbar auf die Kühlschranktür.
Mittlerweile war es im Inneren des Geräts verdächtig still geworden. MC hatte allerdings keine Probleme damit, der Versuchung zu widerstehen, hinein zu schauen.
Sie hatte dieser Glenda Perkins, die offenbar von dieser ominösen Abteilung bei New Scotland Yard war, von der MC während ihrer Zeit bei der Metropolitan gerüchteweise gehört hatte, sie hatte dieser Misses Perkins genau geschildert, wie der Schädel in der Luft geschwebt und auf sie zu geflogen war - und Misses Perkins hatte ihr versprochen, umgehend Unterstützung zu schicken. Immerhin. Sie ging davon aus, dass damit gemeint war, dass besagte Leute vom Yard oder wer auch immer den vermaledeiten Schädel fortschaffen würden. Wobei sonst hätten sie sie unterstützen sollen?
Misses Perkins hatte gemeint, MC solle am besten auf der Wache auf die Kollegen vom Yard warten, die in zwei, höchstens zweieinhalb Stunden eintrudeln würden.
Dabei hätte sie gerade alles gekonnt, aber nicht still rumsitzen und warten.
Also hatte sie beschlossen, noch einmal zur Fundstelle des Schädels zu fahren und sich dort ein zweites Mal, aber diesmal gründlich umzusehen. Vielleicht hatte sie ja etwas übersehen. Deswegen die Nachricht an der Kühlschranktür. Falls Emmett Brewster, der Trottel, eintrudelte, und sie wäre noch unterwegs, konnte er ja nicht wissen, was da Übles und Aggresives im Kühlschrank lagerte.

***

War ja klar. Ich hatte ja auch sonst nichts vor an diesem sonnigen Sonntag. Und hätte ich´s gehabt, wäre eh nichts draus geworden. Ich hatte ausgeschlafen und danach auf ein Frühstück in fester Form verzichtet. Stattdessen hatte ich mir früh bei einem Laden um die Ecke eine Portion Fish & Chips zu Mittag besorgt und trug sie gerade nachhause, als mein Smartphone maunzte.
Glenda.
Geh´ ich ran? Geh´ ich nicht ran?
Es konnte natürlich was völlig Harmloses sein.
Ein vermeintlicher Vampir, der sich letztendlich als durchgeknallter Säufer und Drogenabhängiger entpuppte.
Vermeindliche Satansjünger, die sich bloß einen Jux daraus machten, Ozzy Osborne-Platten rückwärts abzuspielen und damit die Nachbarschaft zu beschallen.
Durch die Stadt taumelnde Zombies, die sich als Überbleibsel einer ausgelassenen Betriebsfeier im Finanzviertel entpuppten.
Es konnte aber natürlich genauso gut auch was Toternstes sein.
Luzifer, Asmodis, Matthias und wie sie alle heißen. Oder Queen Mum hatte sich im Buckingham Palace gerade spontan in einen Werwolf verwandelt. (Oder, noch bedenklicher: Der Premierminister hatte sich zurückverwandelt.)
Es konnte aber auch etwas ganz anderes sein. Glenda lädt mich zum Mittagessen ein. In diesem Fall würden Fish & Chips als Lebensmittelspende an eine oder einen der Obdachlosen gehen, die es mittlerweile in jedem Londoner Stadtteil gibt, aus dem meine Kolleginnen und Kollegen von der Metropolitan sie nicht regelmäßig unter Anwendung der üblichen Maßnahmen vertrieben.
Genda? Nun, warum eigentlich nicht? Seit Jane Collins mit diesem Schnösel zusammen war, mit dem ich Blödmann sie sogar seinerzeit bekannt gemacht hatte, waren Frauen nicht mehr sonderlich präsent in meinem Leben. Zumindest nicht nahe des Zentrums.
Noch waren Fish & Chips halbwegs warm.
"Glenda, Herzallerliebste! Soll ich raten, weshalb du gerade jetzt gerade mich anrufst?"
Ich hörte sie kurz glucksen; doch ihre Stimme klang alles andere als belustigt.
"Kannst es ja mal versuchen, Herr Oberinspektor. Aber darauf kommst du mit Sicherheit nicht ..."

***

"Gut", sagte ich, nachdem alles Wichtige besprochen war. "Ich sag´ Suko Bescheid. Ich komme gerade nachhause."
"Suko weiß schon Bescheid", war Glendas Antwort.
Ach ..?
"Wieso rufst du bei solchen Sachen eigentlich immer erst meinen Partner an - und dann erst mich?"
Glenda kicherte.
"Weil ich ihn dann gleich fragen kann, wie wohl deine Laune gerade ist."

***

Also saß ich eine halbe Stunde später neben Suko auf dem Beifahrersitz des Audi, und wir düsten im Sauseschritt über den M4 westwärts Richtung eines der äußersten Vororte Londons, einer Kleinstadt namens Maidenhead.
Dort trieb angeblich ein fliegender Schädel sein Unwesen. Eine junge Polizistin hatte den corpus delicti in einem Kühlgerät dingfest machen können. Was mein Partner und ich allerdings aus Erfahrung nur allzu gut wussten: Wo sich eine derartige Absonderheit herumtrieb, gab es meistens auch noch weitere.
"Fliegende Schädel", sagte Suko, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. "Wo hatten wir so was schon mal?"
Ich hatte Suko das Steuer überlassen, da ich zumindest zu Beginn unserer Fahrt die Hände frei haben musste für Fish & Chips. Die hatte ich allerdings mittlerweile vertilgt.
Ich überlegte.
"Brickaville. Die Sache mit dem Karussell. Und den Vampiren."
Ich sah meinen Partner an. Der schüttelte den Kopf.
"Da bin ich nicht bei gewesen."
Das stimmte.
"Stimmt. Du warst damals zu beschäftigt damit, den Koffer zu packen für die Reise mit Bill."
Suko nickte. "Stimmt."
"Eure Asien-Rundfahrt. Bei der ich euch am Ende wieder mal rausboxen durfte."
Mein Partner schnaubte und grinste. "Mal wieder ..."
"Wahadin" sagte ich. "Der Teufelsdiakon von Java. Eine Hexe namens Tari hatte ihn wieder zum Leben erweckt. Also seinen abgetrennten Schädel."
Suko schüttelte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen, den Kopf.
"Das war vor deiner Zeit", sagte ich. "Und du wärst eh nicht dabei gewesen. Das war auf Java, im Urlaub mit Jane."
Zwangsläufig dachte ich an Jane Collins.
Ich hörte Suko durch die Zähne pfeifen. "Java. Hört, hört."
Die Privatdetektivin, die ich hätte heiraten können. Die ich nie geheiratet hatte. Und die jetzt einen anderen hatte.
Pech.
Oder Blödheit.
Oder beides.
Und ich hatte die zwei auch noch miteinander bekannt gemacht.
Also beides.
"Wahadins Kopf hatte zweihundert Jahre oder länger in einer Schatulle auf dem Meeresgrund gelegen", rief ich mir den Fall der Hexe von Java wieder in Erinnerung.
"Puh." Suko schüttelte sich. "Der dürfte aber ziemlich gerochen haben."
Ich überlegte. "Eigentlich nicht. Er war ja die ganze Zeit über mehr oder weniger frisch geblieben. - Der Schädel lief dann die ganze Zeit auf einer Art Glaskörper durch die Gegend." Ich schüttelte den Kopf. "Das muss man sich mal vorstellen."
"Vernichtet?", fragte mein Partner knapp.
"Wie sich´s gehört", antwortete ich mit gespieltem Stolz.
"Brav", lobte Suko.
Da war doch noch was, grübelte ich.
Dann erinnerte ich mich.
"Cyrus Quant."
Suko sah mich fragend an. Ich wies auf die Straße, und er guckte prompt geradeaus.
"Das war ebenfalls vor deiner Zeit."
"War das der Typ mit den reanimierten Schrumpfköpfen?"
"Genau der."
"Bill hat mir davon erzählt."
"Stimmt. Der war dabei. Mann, das war einer unserer ersten Fälle. Lange ist´s her ..."
Suko grinste breit, wurde aber sofort wieder ernst.
"Und womit haben wir es hier tun?"
Ich zuckte die Achseln.
"So weit Glenda mir erzählt hat, hat diese Polizisten den Kopf an einer Straße gefunden, mit aufs Revier genommen und ist dort von ihm gebissen worden. Und er kann eigenständig schweben oder fliegen."
Suko schob die Unterlippe vor.
"Also nicht viel."
Ich klopfte ihm auf die Schulter.
"Wie immer reichlich Spielraum für Überraschungen."

***

"Aber ich schwöre, das ist die Wahrheit! Genau so ist es passiert."
Mikey O´Bannon war ein großer und breiter Mann. Und er war emotional. Und gerade eben war die bei ihm vorherrschende Emotion blanke Wut. Er saß hinter seinem Schreibtisch und sah dabei aus, als wolle er jeden Moment den Mann anspringen, der davor saß.
Milton McKenzie.
Mikey O´Bannon war außerdem einer der reichsten, mächtigsten und einflussreichsten Gangsterbosse von London. Was in Anbetracht seines Gewerbes den Schluss zuließ, dass er vor keiner Brutaliät zurückschreckte, die er für angemessen hielt, und sei es aus einer puren Laune heraus.
Milton McKenzie war sich als langjähriger Angestellter von Mister O´Bannon all dessen nur allzu bewusst. Bewusst war ihm auch, dass die geplante Hinrichtung von Hillbilly Hill in Maidenhead ganz schrecklich aus dem Ruder gelaufen war, wobei er immer noch nicht so richtig kapiert hatte, was da nun im Einzelnen eigentlich vor sich gegangen war. Was er jedoch mittlerweile kapiert hatte, war, dass er, Milton McKenzie, der einzige Überlebende des ganzen Schlamassels war. - Und damit der Einzige, den O´Bannon für die ganze Chose verantwortlich machen konnte.
"Soll das heißen, ihr habt die Leiche nicht begraben?"
Milton zuckte die Achseln. "Wie denn?! Der war doch noch gar nicht tot! Zumindest nicht richtig. Der Kopf, Boss, der ..."
"Scheiße! Scheiße! Scheiße!" Mikey O´Bannons Stimme überschlug sich, und Milton zuckte bei jeder Silbe zusammen.
"Ich will kein Wort von dieser Fliegende-Schädel-Scheiße mehr hören!"
Er baute sich breitbeinig vor Milton auf, die geballten Fäuste in die schwabbeligen Hüften gestemmt.
"Du schnappst dir Rollo und Pinky, und dann fahrt ihr in diesen Scheißwald, verscharrt Hillbillys Kadaver und schmeißt Kopf, Finger und Zähne in die Themse. Und zwar jeden einzelnen. Zählt die Dinger nach, bevor ihr sie reinschmeißt. Und mit Frank und Tony macht ihr genau dasselbe. - Haben wir uns verstanden?!"
Milton wand sich auf seinem Stuhl.
"Boss ..."
Mikey O´Bannon starrte kurz auf Milton herab. Dann ging er seelenruhig zu seinem Schreibtisch, setzte sich dahinter, zog eine Schublade auf -
- und legte einen schweren silbernen 38er Colt auf die Tischplatte.
Die Mündung zeigte direkt auf Milton.
Mikey O´Bannon sagte nur ein Wort.
"Geh´."
Und Milton McKenzie wusste, es würde sein letztes sein. So oder so.
Also stand er auf und ging.

***

Deputy Melanie "MC" Corbijn war diesmal aus der anderen Richtung gekommen, und ihr war aufgefallen, dass der Fundort des Schädels bloß gut hundert Yards entfernt war von der Abfahrt, die von der Straße ab hinein in den Wald führte bis zum alten Richtplatz. Der war früher besonders bei Jugendlichen äußerst beliebt gewesen, da er im Grunde einfach zu finden und zu erreichen war, man andererseits dort jedoch unbeobachtet die wildesten Partys feiern konnte.
Mittlerweile fuhr die Jugend freitags und samstags nachts nach London, um Party zu machen. Am Wochenende war Maidenhead noch ausgestorbener als wochentags.
MC entschloss spontan, mal einen Blick auf den Platz zu werfen. Die Fahrt dauerte höchstens fünf Minuten.
Dass der Weg stellenweise derartig von Busch und Kraut überwuchert war, wunderte sie.
Schließlich wurde das Licht unterm dichten Blätterdach der hohen Bäume so schwach, dass MC die Scheinwerfer einschaltete.
Als sie kurz darauf die Lichtung erreichte, bot sich ihr ein Bild des Grauens.

***

Emmett Brewster hatte gnadenlos verpennt. Als er das Wachbüro aufschloss, sah er auf die Uhr. Kurz vor halb eins. Mist. Eigentlich hätte er schon um neun hier sein sollen. Aber er hatte wieder die ganze Nacht vorm Computer gesessen und getippt. Er arbeitete an seinem fünften Roman, und es ging gut voran. Sehr gut sogar. Die vier, die er davor geschrieben hatte, waren von sämtlichen Verlagen, denen er sie angeboten hatte, abgelehnt worden, und Brewster hatte auch verstanden, weshalb. Aber diesmal, das wusste er, war er auf dem richtigen Weg. Dies würde sein erstes Buch werden. Endlich.
Blöderweise konnte Emmett nur nachts schreiben. Tagsüber litt er unter chronischen Konzentrationsschwierigkeiten, die jeden Versuch, etwas Vernünftiges zu Papier beziehungsweise auf den Monitor zu kriegen, zunichte machten.
Nachts allerdings, wenn alles dunkel und still war um ihn herum, dann kam auch er zur Ruhe und konnte sich in seine Geschichte versenken und sie weiterschreiben.
Wenigstens war MC nicht auf der Wache. Wahrscheinlich auf Patrouille, dachte Emmett.
Er sah im Streifenbuch nach. Tatsächlich. Seine Kollegin hatte sich um zehn Uhr dreißig zum Streifenantritt eingetragen. Und noch nicht wieder ausgetragen. Also war sie seitdem wohl nicht mehr auf der Wache gewesen.
Dachte Emmett und checkte die Kaffeemaschine. Das Gerät war aus, die Kanne leer. Also würde er erstmal Kaffee kochen. Vielleicht würde MC sich damit kalmieren lassen. Einen gepfefferten Einlauf, zumindest in verbaler Form, würde ihm allerdings auch der beste Kaffee der Welt nicht ersparen.
Da fiel sein Blick auf die Kühlschranktür und das Blatt Papier, das an ihr befestigt war.

***

Wir hatten die Abfahrt vom M4 hinter uns und fuhren nun eine schmucklose Landstraße entlang auf den Ort zu. Weite Wiesen und Felder, hin und wieder ein kleineres Waldstück. Suko hatte die Adresse der Polizeiwache ins Navi eingegeben.
"Was hältst du davon, kurz bei unserer jungen Kollegin durchzuklingeln? Nur um sicherzugehen, dass sie auch auf dem Revier ist, wenn wir dort ankommen. Was in einer knappen halben Stunde der Fall sein dürfte, wenn Navigatrix nicht danebenliegt", sagte Suko.
"Okay."
Ich wählte die Nummer von Deputy Melanie Corbijn, die mir Glenda gegeben hatte. Ich wollte es schon aufgeben, hatte es sieben- oder achtmal oder noch öfter klingeln lassen, da meldete sich am anderen Ende eine Stimme. Jung, weiblich und mit einem Klang, als sei ihr gerade der Leibhaftige persönlich begegnet. Also unser alter Freund Luzifer.
Sie nannte ihren Namen, ich den meinen, und ich war versucht, sie zu fragen, ob es ihr gutginge, ließ es aber bleiben. Ich erklärte ihr, dass wir in der von Suko angegebenen Zeit beim Standort ihres Reviers eintreffen würden. Sie versicherte, sie werde dort sein. Wir verabschiedeten uns vorübergehend voneinander und legten beide auf, sie eher als ich.
"Und?", fragte mein Partner.
Ich zuckte die Achseln. "Alles gemäß Plan. Die Frau klang ein wenig neben der Spur."
Suko wackelte mit dem Kopf. "Sie ist immerhin vor kurzem von einem fliegenden Schädel attackiert worden. Nicht alle stecken das so gut weg wie wir." Er grinste.
"So weit ich weiß, hat Deputy Corbijn stattdessen den Schädel weggesteckt."
"Genau", sagte Suko. "Und darum schauen wir uns den gleich mal als erstes an.“
Mein Partner hatte den Satz kaum beendet, da krachte urplötzlich – im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel – etwas mit einem ohrenbetäubenden Knall mittig in die Windschutzscheibe. Sie ging zwar in tausend Scherben. Die geborstene Scheibe allerdings hielt stand, blieb am Stück und im Rahmen. Und so sah ich nur durch die gesplitterte und daher praktisch undurchsichtige Frontverglasung den dunklen Schatten, der von der eingedellten Scheibe abhob und himmelwärts verschwand.
Suko hatte derweil fachmännisch da Steuer herumgerissen und gebremst, sodass sich der Wagen einmal im Uhrzeigersinn um die eigene Achse im Kreis gedreht hatte und dann mitten auf der Straße stehen geblieben war. Da weit und breit kein anderer Wagen zu sehen war, waren wenigstens keine Unbeteiligten in Gefahr geraten.
"Was beim goldenen Buddha war denn das?“, fauchte Suko und rieb sich die Stirn. „Ein Vogel? Ein Flugzeug? Oder etwa ..."
"Bist du verletzt? Lassエ mal sehen.“
"Geht schon. Nur ein bisschen aufs Lenkrad getatscht.“
Ich lehnte mich aus dem Seitenfenster und suchte den Himmel ab. Nichts. Nicht mal ein Wölkchen.
"Ich weiß nicht. Nachdem es uns gerammt hat, ist es nach oben hin weggeflogen.“
Suki grinste matt. „Dann war es ein Ufo. Wusstest du, dass es auch für solche Sachen eine Spezialabteilung beim Yard gibt? Streng geheim natürlich. Wie bei uns.“
„Es könnte gut und gerne auch ein fliegender Schädel gewesen sein. Die Proportionen stimmten“, gab ich zu bedenken.
Suko sah nun ebenfalls aus dem Fenster nach oben.
"Wenn, dann ist er aber schnurstracks wieder weg.“
"Sieht so aus.“
Mein Partner rieb sich noch immer die Stelle über den Augen.
"Na schön“, sagte ich. "Plätzchentausch. Den Rest der Strecke fahre ich.“ Ich hatte bereits die Wagentür geöffnet, um auszusteigen.
"Aber ...“, setzte Suko an.
"Keine Widerrede. Du hast dir das Oberstübchen gewummst. Dich lass´ ich nur noch im äußersten Notfall ans Steuer.“
"Also spätestens zum Fünf-Uhr-Tee", scherzte Suko, stieg jedoch ebenfalls aus, und jeder für sich ging eine halbe Runde um den Wagen und stieg an der gegenüberliegenden Seite wieder ein.
"Was ich hatte fragen wollen“, sagte Suko, während er sich anschnallte und dabei auf die geborstene Frontscheibe deutete, „Wie willst du damit fahren?“
Ich zuckte die Achseln.
"Ich schau´ aus meinem Seitenfenster, du aus deinem. Dann haben wir zusammen praktisch Rundumsicht.“
Suko runzelte die Stirn. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Hast du vielleicht einen besseren Vorschlag?“
Suko überlegte kurz. Dann schüttelte er den Kopf.
Ich startete den Wagen.

***

MC starrte auf die Leichen.
Drei.
Alles Männer.
Am schlimmsten sah der aus, der in dem Erdloch lag. MC spähte über den Rand der Aushebung und sah nur rohes, blutiges, schon dunkel werdendes totes Fleisch, und je weiter sie spähte, desto mehr davon. Die Grube selbst dagegen sah, auch wenn sie hierfür bei weitem noch nicht tief genug war, so doch zumindest von der Form her aus wie ein Grab.
Einer der anderen beiden Leichen fehlte der Kopf. MC zählte zwei und zwei zusammen und wusste, dass das vermisste Körperteil höchstwahrscheinlich mit dem identisch war, das auf der Revierwache im Kühlschrank lag.
Aber wie war der Schädel an die Straße gekommen? Hatten die, die das Massaker hier verübt hatten, den Schädel mitgenommen und ihn dann verloren?
Frische, mit bloßem Auge erkennbare Reifenspuren im Staub bezeugten, dass der oder die Täter mit einem Wagen gekommen und auch wieder weggefahren waren.
Hätte MC Ahnung von Reifenspuren gehabt, hätte sie gewusst, was für ein Fahrzeug der oder die Täter fuhren, und hätte eine entsprechende Suchmeldung an alle Reviere in der Umgebung rausgeben können.
Leider hatte sie null Ahnung von Reifenspuren. Die Leute von der Forensik würden die Suren später ablichten und dann im Labor automatisch mit Mustervorlagen abgleichen. Und am Ende würden sie genau sagen können, welches Modell, welches Fabrikat aus welchem Baujahr mit wie viel Mann an Bord nebst wie viel Pfund Zusatzgewicht die Ganoven am Tatort verwendet hatten. Fanden sie außerdem Farbpartikel, konnten sie auch die Farbe bestimmen. Und an irgendwas konnten sie sogar feststellen, wann besagter Wagen das letzte Mal beim TÜV war.
Was, bei allen Teufeln der Hölle, hat sich hier nur abgespielt?, dachte MC.
Und schrie vor Schreck laut auf, als plötzlich in mieser Soundqualität das Gitarrenriff von Hell´s Bells aus ihrer Jackentasche dröhnte.
Während sie mit zitternden Händen ihr Mobiltelefon aus der Tasche angelte und das Gespräch entgegennahm, kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass AC/DC als Klingelton für ein polizeiliches Diensttelefon vielleicht doch nicht gerade die beste Wahl darstellte.
Es war einer der Männer von New Scotland Yard.
Sie verabredeten, sich in einer halben Stunde auf der Wache zu treffen.
Das hieß, auch MC sollte sich mal so langsam auf den Weg machen.
Sie überlegte, was sie hier vor Ort noch tun könnte. Überlegte kurz, ob sie die Abfahrt von der Straße in den Wald mit Polizeiband absperren sollte. Aber das könnte irgendwelche Landeierkinder, die dort vorbeikamen, erst recht neugierig machen und anspornen, den Weg zur Lichtung einzuschlagen.
Die Lichtung.
Der alte Richtplatz.
MC erschauderte. Also kein Band, und diesmal lassen wir hier alles schön ganz genau so, wie wir es vorgefunden haben. Mit Ausnahme unserer Stiefelspuren im Sand.
MC drehte sich um, ging auf ihren Wagen zu, hob´ dabei den Blick - und blieb wie angewurzelt stehen.
Über der Kühlerhaube des Wagens schwebte ein körperloser Schädel und starrte aus toten Augen feindselig in ihre Richtung.
Er hat sich irgendwie befreit!, war ihr erster Gedanke.
Irgendwie?!
Emmett, du verdammter Schafskopf!
Ein Gedanke, den sie allerdings sogleich wieder verwarf. Denn dies hier war eindeutig nicht der Kopf, den sie im Kühlschrank kaltgestellt hatte.
Dieser Schädel war der einer Frau. Der Schädel musste ziemlich lange unter der Erde gelegen haben, trotzdem war noch deutlich zu erkennen, dass die Frau, der er gehört hatte, auch zu Lebzeiten keine Schönheit gewesen war.
MC tat, was sie gelernt hatte, in solchen Situationen zu tun. Sie hoffte, dass sie sie richtig einschätze.
Blitzschnell zog sie die Waffe aus dem Holster am Hosenbund, entsicherte und legte auf den Schädel an.

***

Emmett Brewsters Augen lasen zwar die Worte auf dem Blatt Papier, das MC an die Tür des Kühlschranks geheftet hatte; indes, ihre Bedeutung kam nie in seinem Gehirn an. Zu absurd, zu deplaziert war gerade diese Nachricht oder Botschaft an dieser Stelle, als dass Emmett ihr so viel Bedeutung beimaß, dass er sich auch nur eine Sekunde mit ihrem Inhalt beschäftigte. Ganz zu schweigen davon, dass ihm in den Sinn gekommen wäre, der an sich eindeutigen Aufforderung nachzukommen.
Er wollte Kaffee trinken. Und er trank ihn immer mit sehr viel Milch. Die Milch war im Kühlschrank. Also öffnete Emmett den Kühlschrank.
Und prallte zurück und stolperte rückwärts.
Starrte auf das Ding im obersten Kühlfach.
Mein Gott, dachte er mit steigendem Entsetzen, MC, verdammt, was hast du getan?!
Er hatte immer gewusst, dass mit dieser Neuen irgendwas nicht stimmt. Von London nach Maidenhead, das stank förmlich nach Strafversetzung. Nur - strafversetzt weshalb? MC hatte nie offen darüber gesprochen.
Von Kolleginnen wie Kollegen hielt sie sich gleichermaßen fern. Und ansonsten schien sie in Maidenhead auch keine dicken Freunde zu haben. Redete sowieso immer nur davon, bald wieder weg zu sein. Zurück in London.
Und nun das!
Ein abgesägter Kopf im Kühlschrank.
MC musste komplett durchgedreht sein.
Emmett starrte immer noch den Schädel an, als der die Augen aufschlug und breit grinste.
Emmett sah es und pinkelte sich in die Hose.
Schneller, als er reagieren konnte, schoss der Schädel ihm entgegen und verbiss sich in Emmetts Gesicht, das weiche Fleisch der Wange direkt unterm rechten Jochbein.
Emmett griff nach dem Kopf, machte einen Schritt rückwärts, stolperte, setzte sich unsanft auf den Allerwertesten und prallte rücklings auf den gefliesten Boden.
Der Aufprall presste ihm jeden Kubikzentimeter Luft aus der Lunge. Emmetts Brustkorb fühlte sich an, als stünde ein PKW darauf.
Der Schädel nutzte die Gelegenheit und fraß sich Emmetts Wange hinauf. Beim Auge angekommen, stülpte er seine Lippen über die Augenlider und begann schmatzend zu saugen.
Emmett schrie und griff wieder nach dem Schädel. Aber sein Griff war zu kraftlos, er konnte das Monstrum nicht von sich loslösen.
Der Schädel saugte weiter an Emmetts Auge, Emmett spürte einen stechenden Schmerz, und dann sprang sein Augapfel aus der Höhle und verschwand im Maul des Schädels. Der biss mit mahlenden Kiefern den Sehnerv durch und zerkaute sodann mit genießerischem Gesichtsausdruck Emmetts Augapfel. Frisches rotes Blut und milchiger Sabber tropfen von seinem Kinn.
Von unsagbarem Grauen geschüttelt, sah Emmett dem Schädel mit seinem verbliebenen Auge zu. Der Schädel schluckte, und die zerkauten Reste von Emmetts Augapfel wurden durch den abgeschnittenen Hals hinabgepresst, quollen aus der zerfetzten und ausgefransten Wunde unten wieder hervor und klatschten auf die schlichten, schwarzweißen Fliesen, die auch vor dieser Schweinerei schon dringend mal wieder einen nassen Wischmopp nötig gehabt hätten.
Emmett wusste nicht, ob er würgen oder schreien sollte.
Der Schädel nahm ihm die Entscheidung ab, indem er sich mit gefletschten Zähnen abermals auf den Deputy stürzte.

***

Ohne zu zögern zog MC den Stecher durch. Der Schuss krachte, sein Echo verlor sich im Dickicht des Waldes.
MC hatte ihre Dienstwaffe zwar bislang ausschließlich auf der Übungsschießbahn abgefeuert, bei jeder vorgeschriebenen Standardübung allerdings stets zumindest die geforderte Mindestpunkt- und Trefferzahl erreicht. Im Fall der widernatürlichen Abscheulichkeit, die sie hier und jetzt aufs Korn genommen hatte, landete sie zwar keinen Volltreffer, erwischte den Schädel jedoch immerhin mit einem satten Streifschuss.
Etwas dunkles, flüssiges spritzte über Kühlerhaube und Frontscheibe des Wagens.
Der Schädel kreischte, heiser, schrill, und spuckte schwarzes Blut. Er geriet ins Taumeln und flog eine Kurve, offensichtlich im Bemühen, die Flugahn zu stabilisieren.
Das war MCs Chance. Und sie nutzte sie.
Sie sprintete zum Wagen, sprang hinein, schlug die Tür zu und startete den Motor. Während sie am Lenkrad kurbelte, um die Kurve zurück in den Wald zu kriegen, suchten ihre Augen den Himmel über ihr nach dem Schädel ab.
Da war er! In weiter Kurve flog er auf den Wagen zu. MC gab Gas und rauschte den einzigen Weg entlang in den Wald hinein.
Ein Blick in den Rückspiegel bestätigte, was sie schon befürchtet hatte: Der Schädel folgte ihr. Im Abstand von zehn, vielleicht fünfzehn Yards flog er hinter dem Wagen her, ein bösartiges, abartig gieriges Grinsen im halb verfaulten Gesicht. Die Wolken an Abgasen, die MC ihm entgegenblies, machten ihm nicht das Geringste aus.
Ganz im Gegenteil.
Für den Schädel duftete es paradiesisch, nämlich wie die Hölle.
MC ließ den Schädel bis auf drei Yards an den Wagen herankommen. Dann bremste sie scharf. Ihr war klar, dass das auf dem rutschigen Waldboden ein reichlich halsbrecherisches Manöver war, aber was besseres fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.
Der Wagen schlitterte geradeaus und drohte auszubrechen, aber MC lenkte schnell genug dagegen. Der Schädel zeigte weniger gut ausgebildete Reflexe. Er knallte praktisch ungebremst in die Heckscheibe des Wagens. Das Glas splitterte, blieb aber ganz. Der Schädel rutschte die Scheibe hinab, wobei er eine hässliche bräunliche Schleifspur hinterließ, und kullerte rücklings vom Kofferraum.
MC schaltete in den Rückwärtsgang und trat das Gaspedal durch. Der Wagen schoss zurück. Ein zweifaches, deutlich spürbares Holpern zeigte an, dass MC den Schädel sowohl mit dem Hinter- als auch mit dem Vorderrad erwischt hatte.
Sie stoppte den Wagen.
Der Schädel lag einige Yards vor dem Wagen am Boden. Beziehungsweise im Boden, nachdem MC ihn überfahren und praktisch in den Untergrund hinein gestanzt hatte.
Langsam öffnete sie die Wagentür und stieg aus. Richtete die Mündung ihrer Waffe auf den Schädel und ging langsam, Schritt für Schritt, auf ihn zu.
Anderthalb Yards vor ihm blieb sie stehen.
Der Schädel selbst rührte sich nicht. Aber er war noch am Leben, wenn das, was ihn belebte, Leben genannt werden konnte.
In seinem Gesicht arbeitete es. Die gebrochene und eingedrückte Nase, das Loch im Gesicht, das von ihr übrig geblieben war, warf schwarze Bläschen. Ein Augenlid zuckte. Ein Mundwinkel verzog sich wie in Zeitlupe.
MC schoss das ganze Magazin leer. Schädel-, Fleisch- und sonst welche Stücke spritzten umher.
Was danach von dem Schädel noch übrig war, war nicht mehr als solcher erkennbar und würde nie wieder fliegen. Noch sonst etwas tun.
Dachte MC und ging zurück zum Wagen.
Den Weg zum Revier fuhr sie mit Blaulicht. So konnte sie wenigstens aufs Tempolimit pfeifen.
Sie hatte beim Losfahren nicht mehr in den Rückspiegel geguckt. Sonst wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass ein paar der größeren Stücke, zu denen sie den Schädel zerschossen hatte, noch zuckten und pulsierten. Und MC war eh bereits auf der Landstraße Richtung Maidenhead, als die ersten Fleischfetzen und Schädelstücke anfingen, langsam aufeinander zu zu kriechen ...

***

Sie trafen praktisch zeitgleich beim Revier ein. MC beäugte die beiden Hauptstadtcops.
Ein langer dünner, der allerdings langsam anzusetzen schien; sowie ein etwas kleinerer, der dabei jedoch immer noch einen guten Kopf größer war als sie. Der Kleinere war dafür doppelt so breit wie der lange. Hongkong-Chinese. Mit Ethnien kannte MC sich aus. Bei dem Langen tippte sie auf finsterstes Schottland. Westküste. Er roch ganz leicht nach Fish & Chips.
Sie begrüßten und stellten einander vor.
"Was haben Sie mit Ihrer Heckscheibe gemacht?", fragte der Chinese mit Blick auf MCs demolierten Dienstwagen.
"Was haben Sie mit der Frontverglasung angestellt?", fragte MC anstatt einer Antwort mit Blick auf den Audi.
"Ist uns was reingeflogen", sagte der Lange, Oberinspektor John Sinclair.
"Das muss aber ein großer Vogel gewesen sein. Und ich seh´ auch gar keine Federn", wunderte sich MC.
"Wir glauben, das liegt daran, dass es vielleicht gar kein Vogel war, Deputy Corbijn", sagte Inspektor Suko und biss sich auf die Lippe.
MC sah den Chinesen an und nickte nur stumm. Der nickte zurück. Sie wandte sich um und ging auf das Wachgebäude zu.
"Kommen Sie mit. Ich hab´ da was im Kühlschrank, das sollten Sie sich ..."
Ein lautes Krachen aus dem inneren des Gebäudes unterbrach sie, gefolgt von einem markerschütternden Schrei.

***

Deputy Corbijm hatte sofort reagiert, war zur Tür gelaufen und hatte sie aufgeschlossen. Mit gezogenen Waffen, nach allen Seiten sichernd, betraten wir das Gebäude.
Ebenerdig, mehr oder weniger ein Bungalow. Das Innere wirkte freudlos, schon weil kaum Licht von außen hineinfiel.
Wir sicherten das gesamte Gebäude.
In den Toilettenräumen wurden wir schließlich fündig.
Die Leiche war männlich und trug eine Polizeiuniform. Wo das Gesicht gewesen war, war nur mehr eine blutige Masse.
Der Kollege musste sich vom Wachraum bis hierher geschleppt haben, wohl auf allen Vieren.
Oder aber er war geschleift worden.
Die Blutspuren auf dem Boden markierten deutlich sichtbar den Weg.
Das kleine Fenster in der Außenwand hinter der Leiche stand offen.
Ein Mensch hätte dort niemals hindurchgepasst. Nicht mal ein Kind. Bestenfalls ein Säugling, aber den konnten wir als Täter zumindest hier getrost ausschließen.
Ein einzelner menschlicher Schädel allerdings schon.
"Was ist hier passiert?", fragte Suko.
Deputy Corbijn hatte vom Telefon auf ihrem Schreibtisch aus den Notarzt verständigt., dabei jedoch gleich angemerkt, dass Eile nicht mehr geboten sei. Jetzt deutete sie auf die Kaffeemaschine. "Brewster wollte Kaffee trinken."
"Dafür musste er aber doch nicht unbedingt an den Kühlschrank", sagte ich.
"Brewster trank seinen Kaffee immer mit sehr viel Milch."
Ich erwiderte nichts. Aber insgeheim war ich froh, dass ich meinen immer schwarz trank.

***

"Wir haben es also mit mindestens zwei verschiedenen fliegenden Schädeln zu tun, einem männlichen und einem weiblichen. Den männlichen haben Sie, MC, an der Straße beim Wald gefunden, hierher gebracht, sind von ihm attackiert worden und haben ihn dann in den Kühlschrank sperren können. Der zweite Schädel hat sowohl Sie, MC, im Wald attackiert, an der Stelle, wo sie die drei Leichen gefunden haben; und war es möglicherweise auch, der meinem Partner und mir die Frontverglasung ruiniert hat."
Suko winkte ab. "Vollkasko."
Ich brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
"Gehen wir weiter davon aus, dass Schädel Nummer eins sich aus dem Kühlschrank befreien konnte oder von Deputy Brewster versehentlich befreit wurde -"
Die Kühlschranktür hatte weit offen gestanden, als wir ins Wachbüro gekommen waren. Ich sah MC an, und sie sah weg.
"- dann sind jetzt mindestens zwei, vielleicht aber auch drei oder noch mehr Schädel dort draußen unterwegs. Den Schädel, der Sie, Deputy, im Wald attackiert hat, haben Sie an Ort und Stelle in Stücke geschossen. Allerdings mit konventioneller Munition, weswegen ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen will, dass Sie in der Beziehung wirklich erfolgreich waren ..."
Deputy Corbijn schüttelte den Kopf. "Der Schädel ist hin. Der war nur noch Schaschlik, ach was, Frikassee."
Ich musste lächeln. Immer wieder erlebte ich, wie Außenstehende alltäglich gültige Maßstäbe an Phänomene des Magischen, besonders des Schwarzmagischen, anlegten; und dann erstaunt feststellen mussten, dass die Hölle und ihre Heerscharen in keines der vorgefertigten Raster passen wollte. "Hoffen wir, dass Sie recht haben. - Mindestens einer der fliegenden Schädel hat bereits einen Mord begangen, wobei wir nicht wissen, auf wessen Konto die Leichen auf der Lichtung gehen. Wie, sagten Sie, nennt man hier diesen Ort, MC?"
Deputy Corbijn starrte mich an.
"Den alten Richtplatz. Oder Richtstatt. Richtstatt ist, glaube ich, der altertümlichere Ausdruck." Sie runzelte die Stirn. "Denken Sie, der Ort könnte irgendwas mit den Schädeln zu tun haben?"
"Keine Ahnung", sagte ich. "Wer könnte uns denn was darüber erzählen?"
Corbijn überlegte. "Wahrscheinlich jemand, der schon ziemlich lange hier lebt. In Maidenhead, meine ich. Brewster hätte vielleicht was gewusst."
Sie schluchzte.
Suko und ich starrten in unsere Kaffeetassen.
"Die toten Männer im Wald", sagte unsere junge Kollegin, nachdem sie sich die Nase geputzt hatte. "Was wird mit ihnen?"
"Nun, ich denke, die Kollegen von Yard kümmern sich darum. Sind bereits unterwegs."
"Sicher", gab sie zu bedenken. "Aber der Weg von der befestigten Straße durch den Wald zur Lichtung ist ziemlich leicht zu übersehen. Was, wenn sie ihn nicht finden und stattdessen stundenlang rumkurven?"
Da hatte sie allerdings recht. Außerdem hatte sie erwähnt, dass einer der Leichen der Kopf fehlte.
Kurz hintereinander trudelten das Notarztteam, das sich um den Leichnam von Deputy Emmett Brewster kümmern würde, und zwei weitere Polizisten in Uniform ein. Die Kollegen hatten Ersatz-Bereitschaftsdienst. MC hatte sie herbeordert.
Einen der beiden, einen blasser Jüngling namens Cave, stellte sie als Lotsen für die anrückenden Kollegen vom Yard ab. Er sollte sich an der Abzweigung zur Lichtung im Wald positionieren und dem Tatortteam den Weg weisen.
Den anderen teilte sie als Notbereitschaft ein sowie für den Telefondienst.
Dann trat sie wieder zu Suko und mir.
"Und was haben Sie nun vor?"
"Tja", sagte ich. "Wenn es nach uns ginge: Alle vorhandenen Schädel möglichst schnell und ohne große Kollateralschäden finden und vernichten."
MC grinste. "Search and destroy?"
"Genau. - Da sich in die Richtung aber gerade nichts zu tun scheint, schlage ich vor, wir fahren gemeinsam zum Richtplatz und schauen uns die Leichen mal an."
MC seufzte. Der Anblick und die folgende Attacke durch den fliegenden Schädel hatten sie wahrscheinlich mehr mitgenommen, als sie zeigen wollte.
"Alles klar. Fahren Sie mir einfach nach."
Draußen standen wir dann vor unseren Wagen. Deputy Corbijns Streifenmobil war mit der geborstenen und zersplitterten Heckscheibe eindeutig nicht mehr straßentauglich. Und unser Audi, den es von vorn getroffen hatte, erst recht nicht.
"Heute ist Sonntag, da haben alle Werkstätten geschlossen", sagte die junge Polizistin. "Ich werde Gordy anrufen." Sie ging ein paar Schritte zur Seite und telefonierte mit ihrem Mobilgerät.
Wer immer auch Gordy sein mochte - wenn er den Audi wieder auf Vordermann brachte, war er mir willkommen.
Corbijn beendete das Gespräch und trat wieder zu uns.
"Alles klar, der Reparaturdienst ist unterwegs. Wollen wir warten?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nutzen wir lieber die Zeit."

***

Also hatten wir uns zu dritt in einen anderen Streifenwagen gequetscht, und Deputy Corbijn chauffierte Suko und mich zu jenem mitten im Wald gelegenen ehemaligen Richtplatz, der offenbar jetzt wieder in Betrieb war. Die Beschreibung des Tatorts und des Zustands der Leichen, wie Corbijn sie geliefert hatte, ließen kaum einen anderen Schluss zu.
Corbijn fuhr, ich saß auf dem Beifahrersitz, während Suko es sich im Fond bequem gemacht hatte.
Deputy Corbijn erkundigte sich während der Fahrt nach der Londoner Polizei. Wie sich herausstellte, hatte sie bis vor einem Jahr ebenfalls in der Hauptstadt gedient. Offenbar war sie nach Maidenhead zwangsversetzt worden. Ganz deutlich wurde sie in der Beziehung nicht. Irgendwas mit Insubordination in Tateinheit mit Beleidigung eines Vorgesetzten.
Sie machte auf mich den Eindruck einer zupackenden, selbstbewussten Frau. Wenn sie sich mit einem Vorgesetzten angelegt hatte, mochte es dabei ordentlich zur Sache gegangen sein.
Plötzlich verlangsamte sie den Wagen. Ich blickte nach vorn. Ein dunkler Wagen, der uns entgegen gekommen war, bog vielleicht zweihundert Yards vor uns gerade in den an die Straße grenzenden Wald ab. Ich tippte auf einen Chevrolet. Aus der Distanz war das nicht richtig zu erkennnen gewesen.
Corbijn sah mich an. "Waren das Ihre Kollegen vom Yard?"
Ich schüttelte entschieden den Kopf. "Die kommen mit mehr als einem Wagen, so viel ist sicher."
Sukos Kopf erschien zwischen Corbijn und mir. Er deutete nach vorn.
"Da lang geht´s zu diesem Richtplatz?"
Corbijn nickte.
"Gutes Timing", sagte ich. "Dann mal hinterher. Aber auf Abstand. Schleichfahrt."

***

Sie hatten den selben schwarzen Chevy genommen, mit dem Milton am Morgen schon einmal hierher gefahren und kurz darauf Hals über Kopf wieder getürmt war. Diesmal saß er am Steuer. Morgens hatte Tony den Wagen gefahren. Tony lag nun auf der Lichtung im Wald in der Sonne, mit zerkautem Gesicht und zerfetztem Hals.
Hillbilly hatten sie den Kopf abgeschnitten. Dann hatte er, Milton, die Leiche präpariert. Damit die Bullen weder Finger- noch Gebissabdrücke mit denen in ihrer Datenbank abgleichen konnten und so ratzfatz gewusst hätten, dass die Leiche sich ehedem als ein gewisser Hillbilly Hill durch London gegaunert hatte. Bis er gierig geworden war. Und seinem Boss eine knappe Million geklaut hatte. Was dieser spitzgekriegt hatte. Pech für Hillbilly.
Was mit Frank passiert war, hatte Milton nicht mehr mitgekriegt. Er hatte seinen Kumpel in das halb ausgehobene Grab, das sie für Hillbilly gegraben hatten, stürzen sehen. Dann hatten sich mehrere dieser gruseligen, mordsgefährlichen fliegenden Schädel auf Frank gestürzt.
Wenn Milton sich vorstellte, was die Schädel wahrscheinlich mit Frank gemacht hatten, wurde ihm schlecht. Vor Angst.
Denn genau dorthin, wo all das passiert war, waren sie nun unterwegs. Er und Pinky und Rollo. Zwei tumbe Muskelmaschinen, die taten, was man ihnen sagte, und keinerlei Fragen stellten.
Wie gemacht, um Knochen zu brechen, Schädel zu zertrümmern - oder um möglichst schnell ein Loch zu buddeln, in dem man drei Leichen verschwinden lassen konnte.
Wobei es ihm, Milton, oblag, auch noch die Leichen von Frank und Tony zu präparieren.
Keine Frage, der Tag war einer von der rabenschwarzen Sorte.
Sie tuckerten durch den sich rasch verdichtenden Wald. Pinky und Rollo saßen nebeneinander auf der Rückbank, mit dem Ergebnis, dass der Chevy nach hinten mächtig durchhing. Alle naslang schlug der Boden am Heck auf dem unebenen Waldboden gegen eine Wurzel oder einen Stein. Jedesmal rummste es. Pinky und Rollo verzogen keine Miene.
Einmal, als es ein paar Dutzend Yards geradewegs geradeaus ging, meinte Milton, im Rückspiegel etwas funkeln gesehen zu haben. Wurden sie etwa verfolgt?
Er beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen, bremste den Wagen aus Mangel an Alternativen mitten auf dem Weg und hielt.
Das Muskel-Doppelgebirge auf der Rückbank sah einander fragend an.
"Was ist?", fragte Pinky, der Glatzköpfige. Rollo hatte schulterlange Locken. Deswegen nannte O´Bannon ihn manchmal scherzhaft Rudi Völler. Anfangs hatte Milton geglaubt, das sei Rollos richtiger, bürgerlicher Name. Bis Hillbilly ihn aufgeklärt hatte. Milton hatte nur die Achseln gezuckt. Er interessierte sich nicht für Fußball.
"Wartet", sagte Milton, sah kurz auf die Uhr im Armaturenbrett und behielt danach wieder den Rückspiegel im Blick.
"Sicher ist sicher."
Als sich nach drei Minuten noch nichts und niemand im Rückspiegel gezeigt hatte, war Milton überzeugt, dass das Funkeln, das er beobachtet hatte, harmlos gewesen war. Er startete den Wagen und fuhr weiter.
Pinky und Rollo hatten die ganze Zeit über still auf der Rückbank gesessen und geschwiegen.
Wahrscheinlich war ihnen nichts eingefallen, was sie hätten sagen können.
Die Lichtung sah noch immer aus, wie Milton sie mittags, halb irr vor Grauen und Angst, verlassen hatte. Nur die Sonne war weitergewandert. Das Licht fiel nun in einem flacheren Winkel. Die Schatten des Waldes griffen nach dem Ort, um ihn sich einzuverleiben. Milton erschauderte.
Rollo und Pinky hatten bereits die Schaufeln gefunden, mit denen Frank und Tony zuvor gegraben hatten.
"Grabt das angefangene Grab weiter", wies Milton sie an. "Aber holt vorher Franks Leiche raus."
Da muss ich noch ein wenig Anonymisierungsarbeit leisten, dachte er bei sich selbst, während er seinen Werkzeugkasten holte, der immer noch dort stand, wo Hillbillys Leiche aufgestanden war und -
Milton schielte zu Hillbillys kopflosem Körper hinüber, den Pinky und Rollo ebenfalls aus dem Grab gehievt hatten. Er schien jetzt vollends tot zu sein.
Schien.
Immerhin: Mit Hillbilly war Milton so weit fertig. Also wandte er sich Tonys Leiche zu. Auch der sah übel aus. Die eine Gesichtshälfte hing in Fetzen. Der Hals war an einer Seite so tief aufgerissen, dass Milton bei genauem Hinsehen die blanken, in Anspannung und letztendlich im Tod erstarrten Sehnen erkennen konnte. Er war froh, seit dem Frühstück nichts mehr gegessen zu haben.
Er griff nach der Geflügelschere und machte sich an den Tonys Fingern zu schaffen. Dabei warf er immer wieder einen Blick nach oben, in die Lüfte. Im Gegensatz zu Pinky und Rollo war ihm bekannt und gewusst, in welcher Gefahr sie allesamt schwebten ...

***

Linus McWright liebte es, den Rasen hinterm Haus zu mähen. Und seine Eltern ließen ihn gern mähen. Bekam der übergewichtige Sechzehnjährige so doch wenigstens ein wenig Bewegung. Ansonsten saß er entweder vor seinem Computer und spielte Spiele, die ab 18 waren und eifrig auf dem Pausenhof seiner Schule kursierten, natürlich mit decodiertem und geknacktem Kopierschutz. Oder er las kleine Hefte, in denen angeblich jeweils ein ganzer Roman steckte. Er las Horror, Fantasy, Science-Fiction, Krimis und Western. Auch Ärzte-, Berge- und Fürstenromane hatte seine Mutter schon in Linus´ Zimmer gefunden.
Zu allem Übel hatte Linus kürzlich verkündet, selbst Schriftsteller werden zu wollen, und seinen Eltern seine ersten eigenen Versuche in diversen Genres präsentiert.
Die Eltern waren danach ziemlich ratlos gewesen.
Darum hatten sie auch nichts dagegen, wenn Linus alle drei Tage den Rasen mähte. Auch wenn das auf Dauer für den Rasen alles andere als gut sein würde.
Wenn Linus den Rasen mähte, bekam ihr Sohn Bewegung und schriftstellerte nicht.
Der Rasen hinter dem adretten Haus im Grünen maß gut und gern ein Viertel Fußballfeld. Wenn Linus´ Rasenmähspleen nicht gewesen wäre, hätte sein Vater wohl einen jugendlichen Arbeitslosen oder einen armen Schüler anhauen müssen, damit der ihm für zwei Pfund fünfzig die Stunde alle zwei bis drei Wochen den Rasen kürzte.
Dank seines Sohnes konnte er sich das Geld sparen.
Linus schob lässig den elektrischen Mäher übers Gras. Er hatte keine Freunde, und er wollte auch gar keine. Am liebsten war er allein und versank in fremden Welten, in Computerspielen und fantastischen, spannenden Romanen. Die besten waren in letztem Fall auch gleich die billigsten. Sein Taschengeld reichte für gut zwei Dutzend Stück pro Monat.
Die Spiele waren allesamt Raubkopien. Alle in seiner Klasse kopierten sie. Alle hatten Doom, die ganze Palette, auch das allerneueste. Besonders in den unteren Klassen, von der zweiten an aufwärts, waren alle ganz wild auf Doom. Besonders die Mädchen.
Linus spielte lieber Tomb Raider. Er war immerhin schon Sechzehn. Und da er keine Freunde hatte, hatte er folgerichtig auch keine Freundin. Lara Croft wäre allerdings genau die Richtige für ihn gewesen. Tough, gut gebaut; und sie tat alles, was er wollte. Zumindest auf dem Computermonitor.
Lara war zwar etwas gröber gepixelt als einige ihrer jüngeren Kolleginnen, aber das kam Linus durchaus entgegen.
Es ließ der Fantasie entschieden mehr Spielraum.
Linus kam an den Rand des Rasens, machte eine scharfe 180-Grad-Kehrtwende und marschierte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Nur um eine Rasenmäherspur versetzt.
Rasenmähen beruhigte ihn. Die stumpfe, systematische Arbeit, dabei der eintönige Lärm des Elektro-Mähers. Das alles war wie eine Massage fürs Hirn. Außerdem freuten sich seine Eltern offensichtlich jedes Mal, wenn er ihnen gegenüber ankündigte, wieder mal zur Tat schreiten zu wollen. Vermutlich freuen sie sich, weil sie denken, dass ich mehr Bewegung brauche, dachte Linus. Außerdem gefällt ihnen nicht, was ich schreibe.
Aber, dachte er weiter, ihnen gefällt auch nicht, was ich lese. Also zählt ihr Urteil nicht. Aber vielleicht sollte ich mal was ausdrucken und in der Schule verteilen ...
So dachte Linus, merkte, dass er dabei die ganze Zeit auf den Rasenmäher vor sich hinab gestarrt hatte, und hob den Kopf.
Und blieb wie angewurzelt stehen.
Nur wenige Yards vor ihm, auf Augenhöhe, schwebte körperlos ein Schädel. Er sah aus wie ein Zombie in den einschlägigen Filmen, die Linus natürlich ebenfalls kannte. Auf seiner Festplatte nahmen sie mit Abstand den meisten Speicherplatz ein.
Nein, korrigierte sich Linus. Er sieht eher aus wie der Schädel einer Hexe. Einer Zombie-Hexe, falls es so etwas gibt.
Zuerst dachte Linus an einen makabren Scherz. Jemand - wahrscheinlich hatten die Thompson-Zwillinge von nebenan die Finger im Spiel - hatte eine Flugdrohne, wie sie jetzt allerorts durch die Luft schwebten, als Zombietotenschädel präpariert und verkleidet. Doch dann hätte der Kopf irgendwo einen Propeller oder Flügel aufweisen müssen. Das war nicht der Fall.
Linus blickte sich hilfesuchend um. Aber er war allein. Allein auf dem Rasen, allein im Garten. Seine Eltern, das wusste er, hielten sich im Haus auf. Doch bis dahin war es weit, und Linus war dank seiner Rasenmäherei zwar ein ausdauernder Flaneur, aber kein überragender Sprinter.
Genau genommen konnte er überhaupt nicht sprinten.
Nicht mal rennen.
Bestenfalls laufen.
Im weitesten Sinne.
Und auch das kaum lange und weit genug.
Der fliegende Schädel schwebte jetzt genau eine Armlänge entfernt in Augenhöhe vor ihm. Blutige, pupillenlose Augen starrten ihn an. Der Mund öffnete sich, Leichenwürmer wanden sich heraus und fielen in schleimigen Bündeln zu Boden. Die langen, strähnigen Haare wehten leicht im Wind.
Auf einer Wange des Schädels zeichnete sich ein rosa Fleck ab, der aussah wie eine frisch vernarbte Wunde.
Linus dachte nicht groß nach. Er hätte auch gar nicht gekonnt, selbst wenn er gewollt hätte. Angesichts dessen, was da vor ihm schwebte und ihn mit mahlenden Kiefern anglotzte, hatte sich sein Verstand bis auf weiteres empfohlen.
Linus schob den Rasenmäher mit laufendem Motor zur Seite, breitete die Arme aus, als wolle er den Schädel umarmen, spannte Schultern und Oberarme an und schlug zu. Er verpasste dem Schädel eine knallharte beidseitige Doppelbackpfeife. Der Schädel riss das Maul auf, und Leichenschleim und Würmer spritzten Linus ins Gesicht. Der Schädel geriet ins Trudeln. Der Sechzehnjährige, über dessen Hängebauch sich das Dämonenkiller Dorian Hunter-T-Shirt spannte, ballte eine Hand zur Faust und ließ sie von oben auf den Schädel krachen. Er war neben Lara Croft und Dorian Hunter auch Fan von Bud Spencer, und dies war eine von Bud Spencers bevorzugten Kampftechniken, um einen Gegner ins Reich der Träume zu schicken. Bud Spencer machte das in praktisch jedem seiner Filme.
Und es funktionierte auch hier. Wie ein Stein fiel der Schädel zu Boden, rollte noch ein paar Meter und lag dann still.
Linus atmete tief durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Dann drehte er sich um und lief so schnell wie noch nie in seinem Leben. Dabei schrie er aus Leibeskräften, aber seine Schreie gingen unter im Motorenheulen des elektrischen Rasenmähers, der verwaist auf dem Rasen zurückblieb.
Der Schädel schüttelte sich, rollte sich ein paarmal im Gras hin und her, schoss wieder in die Höhe und verharrte dort. Er blickte dem dicken Jungen nach, der schwerfällig Richtung Haus stolperte.
Er fletschte die nadelspitzen Zahnstümpfe zu einem höllischen Grinsen - und jagte der fliehenden Beute nach, die nicht die geringste Chance hatte ...

***

Deputy Melanie Corbijn trat abrupt und ohne Vorwarnung auf die Bremse. Der Wagen bockte und blieb stehen. Suko, der hinten saß und nicht angeschnallt war, krachte mir ins Kreuz.
"Sie haben angehalten", sagte Deputy Corbijn auf meinen fragenden Blick hin, ohne mich anzusehen. Sie spähte unverwandt durch die Frontverglasung hinaus auf den kaum erkennbaren Weg vor uns.
Ich folgte ihrem Blick. "Sorry, aber ich seh´ überhaupt nichts. Nur Wald."
"Sie haben angehalten. Ich schätze mal, sie warten. Ob sie verfolgt werden. Entweder sie machen das routinemäßig, oder sie haben uns irgendwie bemerkt."
Ich versuchte weiterhin, in all dem Grün und Braun etwas, das einem dunklen Wagen ähnelte, zu entdecken. Ohne Erfolg.
Schließlich, nach ein paar Minuten, die wir schweigend geharrt hatten, ließ Deputy Corbijn den Wagen wieder an und fuhr weiter.
"Sie fahren weiter", sagte sie, ohne den Blick vom Weg vor uns zu nehmen, "also fahren wir auch weiter."
Nochmal zwei oder drei Minuten später schien sich der Wald weit vor uns zu lichten.
Corbijn bremste wieder den Wagen.
"Wie machen wir´s?", fragte sich mit Blick auf mich und Suko. "Mit Blaulicht und Tatütata Sturmangriff - oder lautlos anschleichen wie die Indianer?"
Sie grinste. Ich lüpfte eine Braue.
"Was schlagen Sie vor, MC?"
Sie überlegte keine Sekunde.
"Da wir weder wissen, wer unser Gegner ist, noch wie zahlreich er ist und über welche Waffen er verfügt, würde ich sagen - anschleichen."
Mal ganz davon abgesehen, dass wir nicht einmal wussten, ob wir es überhaupt mit einem oder mehreren Gegnern im funktionalen Sinne zu tun hatten. Vielleicht saßen in dem Wagen, dem wir gefolgt waren, auch bloß ein paar harmlose Kiffer, denen die Lichtung Platz und Gelegenheit bot, um unbeobachtet in freier Natur mal ordentlich einen durchzuziehen. Das Wetter war schließlich gut. Da konnte man sich die Sonne gleich direkt ins Herzen scheinen lassen.
"Eine hervorragende Wahl", lobte ich, und wenn mich nicht alles täuschte, wurde Deputy Corbijn dabei sogar einen Anflug lang rot im Gesicht. "Ausfächern können wir nicht groß, Suko und ich können uns bestenfalls auf den letzten Metern ein wenig in die Büsche schlagen. Sei´s drum. Den Auftritt überlassen wir ihnen, MC. Dies ist Ihr Revier. Wir sind Ihre Rückendeckung. Die Kavallerie, sozusagen."
MC überlegte kurz. "Einverstanden."

***

Wir waren bis auf gut zwei Dutzend Yards an die Einfahrt zur Lichtung heran, da sahen wir schon durchs Dickicht, was dort passierte.
Wir sahen drei Schatten am Boden liegen, die wohl die Leichen waren, die Corbijn gefunden hatte. Dazu zwei bullige Typen, wahre Muskelberge, die mit Schaufeln in Handarbeit eine Grube aushoben. Sowie einen dritten Mann, der neben einer der Leiche kniete und offenbar an ihr herumhantierte.
"Das sind keine Kiffer", flüsterte die Deputy. "Die wären viel zu faul, um eine Grube auszuheben. Ich tippe darauf, dass die Killer zurückgekehrt sind, um die Spuren, also die Leichen, zu beseitigen."
"Dem schließen wir uns an", sagte ich, und Suko nickte.

***

Milton war gerade mit Tonys Zähnen fertig geworden. Nun hockte er neben Franks Leiche. Ein paar Meter weiter schnauften Pinky und Rollo wie Pferde, während sie unablässig die Grube verbreiterten und vertieften. Nicht mehr lange, dann würden sie die Leichen hineinwerfen, auf dem Rückweg Zähne, Fingerspitzen und Augäpfel in der Themse versenken, und dann würde dieser Alptraum hoffentlich für immer vorbei sein. Hoffte zumindest Milton inständig.
Seit sie die Lichtung erreicht hatten, rauchte er Kette. Franks Leiche wies kaum noch einen Fetzen heilen Fleisches auf. So muss man aussehen, wenn man in einen riesigen Fleischwolf gerät, dachte Milton. Nur dass es so große Fleischwölfe wahrscheinlich gar nicht gab.
Plötzlich riss ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken. Ein Wagen. Das Geräusch eines fahrenden Wagens. Es wurde lauter. Das konnte nur eins bedeuten.
Er kam auf die Lichtung zu.
Milton sprang auf, spuckte die brennende Zigarette aus, die zwischen seinen Lippen gehangen hatte, und zog gleichzeitig seine Waffe aus dem Schulterholster unter der Jacke. Pinky und Rollo hoben die Köpfe und starrten in Richtung der Zufahrt zur alten Richtstatt.
Dort fuhr ein Streifenwagen der Polizei auf die Lichtung. In gemäßigtem, ja geradezu entspanntem Tempo.
Milton sackte das Herz in die Hose.
Das war´s, dachte er.
Die Streife stoppte, die Fahrertür wurde geöffnet, jemand in Uniform ging dahinter in Deckung, und dann erscholl eine weibliche Stimme, durch das Megafon auf dem Wagendach verstärkt.
"Lassen Sie alles, was Sie in Händen halten, fallen und legen Sie die Hände hinter den Kopf. Bewegen Sie sich nicht. Sie sind hiermit verhaftet."
Milton schoss ohne zu zögern und ohne jede Vorwarnung.

***

Damit hatten wir nun so nicht gerechnet. Die Kugel des Gangsters hieb in die Fahrertür, hinter der Deputy Corbijn sich verschanzt hatte. Dem Echo des Schusses folgte ein Aufschrei.
Suko und ich sprangen gleichzeitig vor. Wir hatten uns in der Deckung des Waldes rings um die Lichtung herumgeschlichen und waren nun im Rücken der Gangster. Dass es sich um Gangster handelte, war so klar wie Kloßbrühe. Abgesehen davon, dass ich nach all den Jahren bei New Scotland Yard zwei Meilen gegen den Wind riechen konnte, wenn ich es mit Typen aus dem Dunstkreis der organisierten Kriminalität zu tun hatte, war das Trio hier immerhin gerade offensichtlich dabei, drei Mordopfer im Waldboden verschwinden zu lassen. Die Vermutung lag nahe, dass die Totengräber auch die Mörder waren.
Wir hatten kurz überlegt, zwei oder drei von Corbijns Kollegen als Verstärkung herbeizurufen, aber das hätte uns zu viel Zeit gekostet. Außerdem würde bald das Tatortermittlerteam vom Yard aus London eintreffen. Und die Kolleginnen und Kollegen würden uns bei einer zünftigen Schießerei alles andere als eine Hilfe sein. Im Gegenteil. Ich wollte das hier über die Bühne gebracht haben, wenn sie eintrudeln würden.
Corbijn schoss zurück. Der Gangster, der das Feuer eröffnet hatte, ließ sich fallen, wobei er die über und über blutige Leiche neben sich als Deckung nutzte. Die beiden Muskelberge, die in dem halb ausgehobenen Massengrab standen, zogen die Köpfe ein.
Suko und ich eröffneten ebenfalls das Feuer. Plötzlich sahen sich die Gangster umzingelt. Auch aus dem Grab wurde jetzt gefeuert, und zwar in Sukos und meine Richtung. Wir hechteten nach vorn, raus aus dem Dickicht und auf die Lichtung, ließen uns auf die Bäuche fallen und schossen im Liegen weiter.
Ein Schatten glitt dicht über mich hinweg. Im ersten Moment dachte ich, ein aufgeschreckter Vogel habe sich in den Kugelhagel verirrt.
Und dann noch einer.
Dann sah ich sie.
Zwei Schädel.
Körperlos, flügellos, und doch so flink und agil wie Turmfalken.
Gleichzeitig spürte ich eine nur allzu vertraute Wärme auf der Brust.
Das Kreuz, mein Talisman, Beschützer und Waffe, aus reinstem Silber geschmiedet vom Propheten Hesekiel, reagierte auf die Gegenwart schwarzmagischer Umtriebe.
Die Köpfe kreisten über uns, als wollten sie sich erst einmal orientieren. Das gab uns Gelegenheit, sie näher in Augenschein zu nehmen.
Der eine Kopf war zweifelsfrei der eines Mannes. Er sah noch relativ frisch aus.
Anders der andere. Der war genauso zweifelsfrei weiblich, befand sich jedoch bereits im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.
Die Haut spannte sich wie vergilbtes Pergament über die Gesichts- und Schädelknochen. Die milchigen Augen lagen in tiefen Höhlen. Das farblose Haar war dünn und verfilzt und flatterte strähnig im Wind.
Der männliche Schädel schoss auf den Gangster zu, der als erster geschossen und hinter dem blutigen Leichnam Schutz gesucht hatte. Der Gangster hatte die Schädel ebenfalls bemerkt und sich auf den Rücken gerollt. Er hielt die Waffe mit beiden Händen, zielte und schoss dem auf ihn zurasenden Schädel entgegen, erwischte ihn auch ein ums andere Mal, was den Schädel jedes Mal kurz aus der Bahn trudeln ließ. Dann war das Magazin des Gangsters leer geschossen, er schrie auf und schleuderte dem Schädel die Waffe entgegen, traf ihn sogar. Dann war der Schädel bei ihm.
Das Schreien des Gangsters ging in ein Kreischen über. Noch schwebte der Schädel über ihm. Ich legte an, nahm Maß und schoss.
Der Schädel ruckte zur Seite, als habe ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Ich hatte ihn in die Schläfe, zwischen Ohr und Auge, getroffen. Er trudelte ein paar Meter durch die Luft. Und plumpste wie ein Stein zu Boden.
In der Zwischenzeit hatte sich der andere Schädel, der weibliche, in die Grube zu den beiden Muskelbergen gestürzt. Wir hörten schrille Schreie, fast schon ein Quieken. Blut spritzte in einem dünnen Strahl über den Grubenrand, gefolgt von einer abgerissenen Hand. Ein Schuss krachte. Dann noch einer.
Dann war es still. Bis auf feuchte, schmatzende Laute, die aus der Grube drangen.
Mein Partner und ich erhoben uns langsam und sondierten die Lage.
Der Kopf, den ich mit der Silberkugel aus meiner Waffe erwischt hatte, lag weiter leblos - wie tot - im Sand. Der Gangster, den er attackiert hatte, lag auf dem Bauch, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Deputy Corbijn, die ihre Deckung verlassen hatte, stand über ihm und hielt ihn mit ihrer Waffe in Schach. Corbijn blutete am linken Oberarm, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie nickte Suko und mir zu.
Mit den Berettas im Anschlag schlichen mein Partner und ich auf die Grube zu. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Chinese die Pistole in die andere Hand wechselte und die Dämonenpeitsche zückte. Eine tausendfach geübte Bewegung aus dem Handgelenk, und die drei Riemen, die aus der Haut des Dämonen Nyrana gezogen waren, glitten aus dem Griffstück.
Ein Hieb mit dieser Peitsche reichte aus, um dem meisten, was schwarzes Blut in den Adern hatte, den Garaus zu machen.
Allein die schmatzenden Geräusche waren so ekelhaft, dass mir die Magensäure in den Hals stieg.
Wir lugten über den Grubenrand.
Den Anblick werde ich nie vergessen.
Von den beiden Muskelbergen war nur noch eine rohe, blutige Masse über, aus der nur noch hier und da etwas menschliches - ein Fuß, ein Finger, ein halbes Gesicht - herausragte.
Der Schädel schwebte über der rohen Fleischmasse. Wir blickten von oben hinab auf den Hinterkopf, aber die Geräusche ließen nur einen Schluss zu.
Der Schädel fraß.
Suko und ich sahen einander an. Ein Hauch von Grün lag über seinem Gesicht, was verriet, dass es ihm genauso ging wie mir.
Er sah mich fragend an, und ich nickte grimmig.
Wir zwangen uns, wieder in die Grube hinab zu blicken.
Suko pfiff durch die Zähne.
Der Schädel drehte sich langsam um und blickte zu uns hinauf.
Das Gesicht war über und über voller Blut. Zwischen den Zähnen hing etwas, das aussah wie ein roher Fetzen Muskelfleisch.
Der Schädel glotzte uns an, während seine Kiefer weiterkauten.
Suko ließ die Peitsche knallen. Die Riemen fuhren in die Grube und wickelten sich stramm um den Schädel. Der Schädel kreischte und fuhr aus der Grube auf, bis die Peitsche, die Suko unbeirrt festhielt, bis die Riemen sich sirrend spannten und ihn abrupt stoppten. Schwarzer Rauch stieg von dem Schädel auf, den Suko mit der Peitsche in der Luft zu hielt wie einen Winddrachen. Im nächsten Moment züngelten bläuliche Flammen um den Schädel, dann zerstieb er lautlos zu einer Wolke pechschwarzen Rauchs, die ein Windstoß in Fetzen riss.
Die Peitschenriemen fielen leer und schlaff zu Boden.

***

Deputy Carlo Caves Geleit für die Spurensicherung des Yard hatte sich damit erledigt, dass MC und die beiden Copper aus London selbst zum alten Richtplatz gefahren waren. Er hatte daraufhin Deputy Waldo Eberhardt, der auf dem Revier Telefon- und Wachdienst schob, mitgeteilt, er werde bis auf weiteres die übliche Streife fahren. Eberhardt, der faule Sack, war damit natürlich einverstanden. Bloß nicht zu sehr bewegen, und sei´s motorbetrieben, auf dem Fahrer- oder Beifahrersitz eines Streifenwagens.
Carlo tuckerte gerade durch eine trutschige Wohngegend. Ein- und Zweifamilienhäuser. Grüne Vorgärten. Hier und da Sonntagsspaziergänger, meist in Kleingruppen. Eltern schleiften kleine Kinder mit. Manche der Kinder schrien.
Carlo hatte als Kind auch jeden Sonntagnachmittag mit seiner Familie den üblichen Sonntagnachmittagsspaziergang absolvieren müssen. Er hatte es auch gehasst.
"Hey Waldo, was denkst du? - Ich und MC?"
Es knackte im Funkgerät, dann päpte Waldo: "Was?! Melde dich gefälligst vorschriftsmäßig! Der Funkverkehr wird schließlich aufgezeichnet ..."
Carlo lachte. "Klar. Und irgendwer hört sich den ganzen Mist sicher auch an."
Dann hörte er ein klackendes Geräusch in der Leitung. Er wusste, was es war. Waldos Zippo-Feuerzeug. Waldo rauchte also wieder in der Wachstube. Carlos Stimme bekam einen drohenden Unterton.
"Du lötest schon wieder, Waldo. Ich kann´s bis hier riechen."
Waldo hustete. "Ich steh´ am Fenster. Der Rauch zieht raus." Nochmal husten. "Und du wirst tunlichst die Klappe ..."
Waldo verstummte.
"Warten wir´s ab", sagte Carlo, während er vor einer roten Ampel stoppte. "Also, was denkst du, Alter? Ich und MC? Ich meine, die Kleine ist zwar aus der Stadt, aber wenn wir mal ehrlich ..."
"Pausentaste", unterbrach sein Gesprächspartner ihn, "Halt mal kurz die Luft an. Hier kommt gerade ein Triple-Nine rein ..."
Triple-Nine stand für die Ziffernfolge 999.
Den allgemeinen telefonischen Notruf.

***

Kaum war auch der zweite Schädel unschädlich gemacht beziehungsweise vernichtet, rollten zwei schwarze Transporter und ein städtischer Leichenwagen auf die Lichtung. Die Tür des vorderen Transporters wurde geöffnet, und Inspektor Franklin sprang heraus. Wir kannten einander hinlänglich - und schätzten einander als Kollegen, um es mal so zu formulieren.
"Wie lange habt ihr da im Busch gelauert und zugesehen?", fragte ich halb im Scherz.
"Wir dachten, wir warten, bis ihr mit eurem Geballer fertig seid", lachte Franklin.
"Ihr seid ja Helden", spottete Suko.
"Von Amtshilfe haltet ihr also nichts", stellte ich fest.
Franklin hob abwehrend die Hände. "Hey, hey! Wir kommen unbewaffnet und in Frieden."
Sein Blick schweifte über die Lichtung. "Na, hier sieht´s ja aus."
Er sah Suko und mich an. "Vielen Dank auch."
"Gern geschehen", sagten Suko und ich fast gleichzeitig.
Franklin grinste säuerlich und machte sich daran, seine Leute einzuteilen. Mein Partner und ich gingen zu Deputy Corbijn.
"Alles okay?", fragte ich mit Blick auf das Blut an ihrem Arm.
"Streifschuss, schätz´ ich", sagte sie und zuckte die Achseln. Nach wie vor hielt die den dritten Gangster in Schach. Er schien unverletzt. Er lag immer noch auf dem Bauch, die Hände hinterm Kopf verschränkt.
Ich ging vor ihm in die Hocke. Verzichtete darauf, mich vorzustellen.
"Euer Gangsterkram und wer hier wen umgebracht hat und verschwinden lassen wollte - das alles interessiert mich nicht die Bohne. Damit wird sich die Staatsanwaltschaft eingehend beschäftigen. Was mich interessiert, sind diese fliegenden Schädel. Also - was können Sie mir dazu sagen?"
Er hob den Kopf, so gut es ging, und blickte mich an.
"Wir sollten nur Hillbilly töten, wegen dem Geld, und das haben wir auch. Aber dann hat Hillbilly plötzlich wieder gelebt, und Frank hat ihm den Kopf ab ... den Kopf abgeschlagen, aber der Kopf hat trotzdem noch gelebt und ..."
Ich unterbrach ihn und deutete auf den männlichen Schädel, den ich mit der Silberkugel erwischt hatte und der ein paar Yards weiter regungslos am Boden lag. Das Einschussloch war deutlich erkennbar. Ein dünner Faden schwarzen Blutes lief hinaus und versickerte im Boden.
"Ist das Hillbilly?"
Der Gangster verdrehte den Hals, starrte zu dem Kopf herüber und nickte stumm.
"Und der andere Kopf? Der gut abgehangene Frauenschädel?"
Er schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung, wo der herkommt. Damit haben wir nichts zu tun."
Er sah mich verzweifelt an. "Ich schwör´s."
"Sparen Sie sich Ihren Eid für den Richter", sagte ich und erhob mich wieder.
Wir übergaben den Gefangenen den Kollegen von der Tatortermittlung. Die konnten ihn dann gleich beim Yard abliefern.
"Den hier kenne ich", sagte Corbijn und kickte den Schädel mit der Fußspitze an, sodass er zur Seite rollte und mit dem Gesicht nach oben liegen blieb. "Den hatte ich schon im Kühlschrank. Die Lebensmittel kann man jetzt alle wegschmeißen." Sie blickte auf, sah mich an, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Vermutlich dachte sie wieder an ihren toten Kollegen, Deputy Emmett Brewster. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Der Schädel wird nie wieder jemandem gefährlich. Es ist vorbei."
Suko wackelte unschlüssig mit dem Kopf.
Ich zog fragend die Augenbrauen hoch.
"Wir haben immer noch keinerlei Ahnung, was hier eigentlich vorgefallen ist", gab mein Partner zu bedenken.
"Nun", ließ ich mich auf das dialektische Spiel ein. "Wir hatten zwei gewissermaßen von schwarzer Magie beflügelte Schädel und haben sie neutralisiert." Ich deutete auf die Lichtung ringsum, den alten Richtplatz. "Die Gangster-Episode mal außen vorgelassen."
"Hm", machte Suko, "aber die Ursache, die Quelle dieser schwarzen Magie, ist uns nach wie vor unbekannt."
"Wie sollen wir die noch ermitteln, jetzt, da sowohl Gangster- wie Hexenschädel keine Auskunft mehr geben können?"
Suko zuckte die Achseln. "Und wer sagt überhaupt, dass die beiden Schädel hier die beiden einzigen gewesen sind?"
Ich dachte nach. Mein Partner hatte recht. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, schaltete sich Deputy Corbijn ein.
"Was haben Sie gerade gesagt? Hexenschädel?"

***

Deputy Waldo Eberhardt lauschte den Ausführungen des Mannes am anderen Ende der Leitung. Der Mann flüsterte in die Sprechmuschel seines Telefons, deswegen verstand Waldo nicht jedes Wort.
Das, was er bisher allerdings verstanden hatte, hatte ihn dazu veranlasst, sich gleich die nächste Zigarette zwischen die Lippen zu klemmen und sie anzustecken.
Und ihm war piepegal, ob MC oder sonst wer nachher was davon roch.
Noch während der Anrufer weiterflüsterte, hatte Waldo den Kanal geöffnet, der ihn mit allen sich zurzeit im Dienst befindlichen Kollegen verband, die auf Streife oder sonst wie unterwegs waren.
Also Carlo und MC.
Waldo versprach dem Anrufer, dass ein Team seiner Kollegen bereits unterwegs sei. Dann berichtete er seinem Kollegen und seiner Kollegin in knappen Worten von dem Notruf.
Und war heilfroh, gerade nicht selbst dort draußen unterwegs zu sein.
Er trat wieder ans Fenster und warf den Zigarettenstummel hinaus.

***

Bevor sich die Leute von der Sani-Abteilung um die Leichen der Gangster kümmerten, hatte man Corbijns Wunde verbunden. Es handelte sich tatsächlich nur um einen oberflächlichen Streifschuss. Die Kugel hatte die Fahrertür ihres Wagens, hinter der sie Schutz gesucht hatte, durchschlagen, war dabei jedoch in ihrer Bahn abgelenkt worden und hatte lediglich die Oberhaut aufgerissen. Der Muskel war unverletzt geblieben.
"Die alte Rutherford aus der Stadtbibliothek hat mir mal was erzählt."
Deputy Corbijn schwieg. Sie schien nachzudenken.
"Stadtbibliothek?", fragte Suko.
Corbijn sah ihn an. "Das einzig Gute in Maidenhead", sagte sie säuerlich. Sie runzelte die Stirn. "Die alte Rutherford hat mir mal was erzählt. Was mit dem alten Richtplatz. Und drei Hexen." Sie kratzte sich am Kinn. "Wie war das bloß nochmal?"
"Eine lokale Legende?", fragte ich.
Sie nickte. "So was in der Art."
Suko fragte: "Hat die Bibliothek heute geöffnet?"
Corbijn nickte wieder. "Heute ist Sonntag. Sonntags ist geöffnet."
Ich begriff, worauf mein Partner hinauswollte. "Also wenn diese Miss Rutherford möglicherweise etwas weiß, was uns weiterhelfen könnte - warum fahren wir nicht zur Bibliothek und fragen sie?"
Corbijn zuckte die Achseln. "Spricht nichts gegen."
Richtplatz. Hexen. Schädel. - Da ließen sich durchaus Zusammenhänge denken.
Wir waren schon auf dem Weg zurück zum Streifenwagen, um zur Stadtbibliothek zu fahren, da meldete sich Deputy Corbijns Mobiltelefon.
Sie nahm das Gespräch entgegen, lauschte kurz. Dann entglitten ihr förmlich die Gesichtszüge. Noch mit dem Telefon am Ohr begann sie, Richtung Streife zu laufen, wobei sie Suko und mir winkte, uns ebenfalls zu sputen.
Wir warfen uns in den Wagen und schlugen die Türen zu, während Corbijn schon anfuhr.
"Das war ein Notruf", sagte sie, während wir in den einzigen Zufahrtsweg zur Lichtung einbogen und der Wald uns verschluckte.
"Eine Familie hat sich in ihrem Haus verbarrikadiert. Der Anrufer hat angegeben, sie würden von einem fliegenden Schädel angegriffen."
Deputy Corbijn warf mir einen kurzen Seitenblick zu, und mir lief es polarnachtkalt den Rücken herunter.
Also hatten wir es tatsächlich mit noch mehr als den beiden Schädeln vom alten Richtplatz zu tun.
Drei Hexen?
Das würde bedeuten ...
"Die Adresse ist ganz in der Nähe", sagte Corbijn.
Suko und ich munitionierten unsere Berettas auf.

***

Emily McWright stand am Panoramafenster zum Garten hinaus und beobachtete ihren Sohn.
Dieser Rasenmäh-Fimmel war entschieden nicht gesund. Da konnte Linus´ Vater noch so sehr abwiegeln und beschwichtigen.
Der Rasen würde eine solche Traktur kaum noch ein Jahr überleben. Dennis würde ihn im Winter neu aussähen müssen. Beziehungsweise aussähen lassen müssen.
Wenn Linus nicht gewesen wäre, hätte ihr Mann auch fürs Rasenmähen jemanden angestellt.
Aber ein neuer Rasen würde immer noch billiger sein als der Fitnesscoach, den sie letzten Sommer für ihren Sohn engagiert hatten. Linus hatte den Sportstudenten schlichtweg ignoriert.
Emily Wright sah zu, wie ihr Sohn mit Schwung den Mäher über den Rasen schob.
Und wie plötzlich etwas vor ihm in der Luft schwebte.
Himmel, war das etwa eins von diesen Drohnendingern, die hier neuerdings überall in der Luft rumflogen? Womöglich mit einer Kamera dran, die gerade ihren Sohn filmte? Oder gar noch schlimmerem?
Und wo war das Ding so schnell hergekommen?
Linus war stehen geblieben.
Emily drehte sich zu ihrem Mann Dennis um, der in seinem Lieblingssessel saß und den Guardian studierte.
"Schau´ mal, Dennis."
Dennis McWright hob nicht mal den Blick von der Zeitung.
"Er mäht den Rasen, ich weiß. Unser Sohn steckt nun mal mitten in der Pubertät. Seien wir froh, dass er sich nicht noch absonderlicher benimmt. Wenn ich mir vorstelle, was ich in der Zeit alles so getrieben ..."
"Sch!" Seine Frau brachte ihn mit einem scharfen Zischen zum Schweigen.
Draußen auf dem Rasen hatte Linus das unbekannte Flugobjekt gerade mit einer beidseitigen Doppelbackpfeife, gefolgt von einem Schlag mit der geschlossenen Faust von oben auf den ...
Oh Gott, dachte Emily und schlug vor Entsetzen die Hand vor den Mund.
Konnte das wahrhaftig sein?
Was ihr Sohn da gerade vorgeführt hatte, war Emily nämlich durchaus vertraut. Aus den Filmen mit Terrence Hill und Bud Spencer, die Linus so sehr liebte. Und Dennis auch, obwohl er es nicht zugeben wollte.
Bud Spencer machte das in praktisch jedem seiner Filme. Mit dem Kopf seines Gegners.
Dem Kopf.
Emily zwinkerte, und tatsächlich, es gab keinerlei Zweifel.
Was ihr Sohn da zu Boden geboxt hatte, war ein Kopf gewesen. Ein Schädel. Ein Schädel, der auf keinem Rumpf mehr saß. Der frei in der Luft geschwebt hatte. Emily hatte sogar die langen dünnen Haare im Wind flattern sehen.
"Dennis ..?"
Im nächsten Moment drehte sich Linus draußen auf dem Rasen um die eigene Achse und kam schreiend auf die Terrasse und das Haus zugerannt.
So schnell hatte Emily ihren Sohn noch nie laufen sehen.
In seinem Rücken erhob sich der Schädel vom Rasen zurück in die Luft. Er schwenkte ein paar Mal nach links und rechts aus. Und schoss hinter ihrem Sohn her.
"Dennis!"
Hinter sich hörte sie die Zeitung rascheln und die Sesselfedern knirschen.
Dennis McWright war wie seine Frau Mitte dreißig, hatte im Gegensatz zu dieser allerdings schon einiges an Hüftspeck angesetzt. Was Emily indes zumindest in einer Hinsicht durchaus recht war. Besser du als ich, dachte sie bei sich.
Dann hörte sie die leise Stimme ihres Mannes in ihrem Rücken.
"Ach du heilige Scheiße."
Emily riss die Tür zur Terrasse auf. Linus hatte den Weg zu zwei Dritteln geschafft. Sie hörte ihn Keuchen. Zwei, vielleicht noch drei Yards hinter ihm folgte der Schädel.
Emily und Dennis sahen die grau-weiße, verwitterte Haut, die milchig-öligen, weit aus den Höhlen tretenden Augen, die grinsend geöffneten Kiefer, die schwarzen, gleichwohl nadelspitzen Zahnstummel darin.
Der Schädel gab ein Fauchen von sich wie ein Raubtier.
"Schneller, Schatz!", feuerte Emily ihren Sohn an, der mittlerweile mehr stolperte als lief. "Du schaffst es!" Sie wandte sich zu ihrem Mann um.
"Tu´ doch was, verdammt nochmal! Dennis!! !"
Der starrte nur auf den Schädel.
"Ich? Tun? Was denn?"
"Herrgott!"
Emily wich zur Seite und zog dabei ihren Mann mit, genau in dem Moment, als Linus durch die Glastür von der Terrasse ins Wohnzimmer getorkelt kam. Im nächsten Augenblick schlug Emily die Tür zu und stellte den Griff senkrecht. Damit war die Tür verriegelt.
Der Kopf hatte nicht mehr bremsen können und war mit einem dumpfen Knall gegen das Türglas geprallt.
"Zurück!" Emily drängte Mann und Sohn zurück in die Küche. Linus schnaufte wie ein Nilpferd. Sein Gesicht hatte die Farbe von Ziegenkäse.
Emily riss die Schublade neben dem Herd auf und zog nach kurzem Zögern das größte Messer heraus, das darin lag.
Derweil nahm der Schädel draußen vorm Fenster Anlauf - und rammte mit voller Wucht mit der Stirn gegen die Glastür. Es knackte fies, feine Risse zeichneten sich auf der Scheibe ab.
Der Schädel nahm wieder Anlauf ...
"Die Treppe hoch!"
Die McWrights hechteten von der Küche in den angrenzenden Hausflur und von hier aus die sechsundzwanzig Stufen der hölzernen Wendeltreppe hinauf, die in den ersten Stock des Einfamilienhauses führten. Vom Flur dort oben gingen vier Türen ab. Eine führte ins Bad, die zweite ins Schlafzimmer von Mr. und Mrs. McWright. Hinter der dritten lag Linus´ Zimmer. Und hinter der vierten eins, das mehr oder weniger als Abstellraum benutzt wurde. Ursprünglich hatte hier Linus´ Geschwisterchen einziehen sollen. Dazu war es allerdings nie gekommen, aus welchen Gründen auch immer. Zu dem Geschwisterchen.
Ohne sich absprechen zu müssen, rannten alle drei ins elterliche Schlafzimmer. Unten, im Erdgeschoss, hörten sie Glas splittern. Bevor er die Zimmertür ins Schloss schlug, blickte Dennis McWright noch einmal kurz hinaus, und die Nackenhaare standen im zu Berge.
Der Kopf kam gerade seelenruhig die Wendeltreppe herauf geschwebt. Er drehte das Gesicht nach links und rechts und schien zu schnuppern. Dann hielt er inne, ruckte herum - und starrte Dennis McWright mitten ins Gesicht. Und grinste, wobei ihm irgendwas aus dem Mund fiel, was auf den Treppenabsatz fiel und sich dort zu bewegen schien.
Dennis McWright hatte die Tür zugeknallt und den Schlüssel im Schloss zweimal herumgedreht. Derweil war seine Frau schon damit beschäftigt, die schweren Kunststoffrollos vor den Fenstern herunterzulassen. Ihr Sohn saß auf dem Bett. Rotz lief ihm aus der Nase und Tränen aus den Augen. Aber er gab keinen Ton von sich. Dazu war er immer noch zu sehr außer Atem.
"Das Telefon!" Dennis McWright lief um das Bett herum zum Nachttischschrank und schnappte sich das mobile Gerät aus der Festnetzstation.
Dreimal die selbe Taste.
Von außen rummste es vernehmlich gegen die Zimmertür.
"Kacke und Mondschein", stöhnte Emily und schaltete sämtliche Lampen im Zimmer an.
"Der Stuhl!" Während er sich den Hörer ans Ohr presste, deutete Dennis in Richtung des Möbelstücks neben dem Kleiderschrank, das dort, wie ihm jetzt gerade auffiel, schon immer gestanden hatte, bislang allerdings ohne jedweden praktischen Sinn oder Nutzen.
Emily verstand sofort, packte den Stuhl und klemmte die Lehne unter die Türklinke.
Wieder rummste es gegen die Tür, und Türholz wie Stuhl ruckten und zitterten sichtlich.
"Nun geh´ schon ran", zischte Dennis McWright. "Scheiß Bullen ..."
Emily starrte ihren Mann an, dann ihren Sohn.
"Wo ... wo ist Eloise?"

***

Eloise Duval war im Keller und hatte gerade die Waschmaschine mit Schmutzwäsche aufmunitioniert, als oben im Erdgeschoss das Geschrei und Gerenne einsetzte. Dann splitterte Glas. Entschieden lauter als eine vom Tisch gefallene Blumenvase.
Die siebzehnjährige Austauschschülerin aus Luxemburg hatte in den drei Monaten, die sie jetzt bei den McWrights wohnte, um ein Semester lang eine englische Schule zu besuchen, allerhand Skurrilitäten erlebt. Nicht zuletzt auf zwischenmenschlicher Ebene. Und der Rasenmäh-Tick von Familienstammhalter Linus war regelmäßiges Thema, wenn sie via skype mit ihren auf dem Kontinent zurückgebliebenen Freundinnen chattete. Eloise schob es auf die britische Mentalität.
Sie hörte, wie mehrere Leute schreiend die Treppe zum ersten Stock hinaufrannten.
Irgendwas war da faul.
Eloise griff sich das Erste, was sie fand - ein Kehrblech, massives Metall - und spähte die Kellertreppe hinauf.
Die Kellertreppe befand sich direkt unter der Treppe zum ersten Stock. Ebenfalls eine Wendeltreppe. Beide Treppen umliefen dieselbe massive Stahlsäule, die sich vom Kellerfundament bis unter den Dachfirst erstreckte.
"Emily? Dennis?"
Eloise traute sich nicht, laut zu rufen. Vielleicht war ja ein Einbrecher im Haus. Aber an einem Sonntag? Am hellichten Tag?
Sie schlich langsam die Treppe hinauf, den Griff des Kehrblechs fest umklammert.
Sie spähte über den Treppenabsatz in den Flur.
Und hätte beinah laut aufgeschrien.
Direkt vor ihr, am Rand zur ersten Treppenstufe, saß Gizmo. Der schwarze Kater starrte Eloise mit leerem Blick an, leckte sich ein, zwei Mal die Pfote, hob den Kopf, fletschte die Zähne, fauchte -
- und war im nächsten Moment verschwunden.
Eloise blinzelte kurz.
Dann hob sie ebenfalls den Blick.
Sie brauchte etwa drei Sekunden, um zu verarbeiten, was sie sah.
Und dann schrie sie wirklich.
Direkt vor ihr, einen guten Meter über dem Boden, schwebte etwas, das Eloise erst auf den zweiten Blick als das erkannte, was es war:
ein einzelner menschlicher Schädel.
Lange strähnige Haare. Der Hals unterhalb des Kinns hing in Fetzen hinab.
Der Schädel hatte Gizmo gepackt, hatte sich in dessen Nackenfell verbissen. So sehr der Kater, der immerhin locker vier bis fünf Kilo auf die Waage bringen mochte, auch zappelte, dem eisernen Griff der Kiefer der höllischen Erscheinung vermochte er nicht zu entkommen.
Die Kiefer des Schädels kauten, mahlten. Möglicherweise hatte er den Kater in den Nacken gebissen, um ihm so das Genick zu brechen, aber nur das Nackenfell erwischt.
Als der Schädel merkte, dass er so nicht weiterkam, schleuderte er den Kater mit einer schnellen Drehung zur Seite gegen die Wand.
Der Kater krachte in ein Aquarell von Emily McWright, das die Tower Bridge bei Sonnenuntergang zeigte, und klatschte zu Boden. Dort blieb er in unnatürlich verdrehter Haltung liegen, maunzend, schreiend, während die Vorderpfoten über den Parkettboden kratzten, ein verzweifelter Versuch, wieder auf die Beine zu kommen.
Der Schädel hing über der Katze in der Luft und starrte hinab auf das Tier, das trotz des gebrochenen Rückgrats versuchte aufzustehen.
Dann stürzte er sich abermals hinab, verbiss sich in der Schnauze des Stubentigers - und riss dem Tier mit einer schnellen Bewegung das Gesicht vom Schädel.
Blut spuckend kippte das Tier zur Seite und blieb mit zuckenden Vorderbeinen liegen.
Eloise hatte alles mit angesehen. So starr vor Schreck, dass sie das Gefühl hatte, sich nie wieder bewegen zu können.
Der Schädel starrte hinab auf das verendende Tier. Blut tropfte ihm von der verschmierten Visage. Langsam wandte er sich zu Eloise um.
Beweg´ dich!, schrie alles in dem Mädchen, lauf weg, mach´, dass du wegkommst!
Aber sie konnte nicht.
Der Horror war einfach zu mächtig.
Deswegen registrierte sie auch nicht die Türklingel.
Den Schatten hinter der Milchglasscheibe neben der Haustür.
Erst die Rufe, die von draußen zu ihr drangen, sowie die Faustschläge von außen gegen die schwere Eichentür brachten sie ins Hier und jetzt zurück.
Und sie schrie wieder.
Wie sie noch nie geschrien hatte.
Der Schädel grinste.
Dann raste er direkt auf sie zu.

***

Deputy Carlo Cave hatte die Adresse erreicht, von der der 999er eingegangen war.
Noch bevor er aus seinem Wagen gestiegen war, hatte er den Schrei gehört.
Er stammte entweder von einer jungen Frau oder einem Kind.
Carlo sprintete zur Eingangstür und klingelte.
Dabei fiel ihm auf, dass im ersten Stock des zweigeschossigen Hauses die Rollläden vor den Fenstern hinabgelassen waren.
Neben der Haustür befand sich eine Milchglasscheibe. Carlo versuchte hindurch zu spähen, konnte aber außer einigen vagen Bewegungen im Inneren des Hauses nichts entdecken.
Ein dumpfes Klatschen von drinnen; dann wieder ein Schrei.
Carlo überlegte nicht lange. Er zog seine Dienstwaffe, richtete sie schräg von oben auf die untere Hälfte der Milchglasscheibe und drückte ab.
Die untere Hälfte der Scheibe zersplitterte zu Scherben, die in den Wohnungsflur flogen. Carlo duckte sich, um durch das Loch zu schlüpfen, darauf bedacht, nicht an den spitzen Zacken der oberen, im Rahmen verbliebenen Hälfte der Scheibe hängen zu bleiben.
Im Flur kauernd, hob er den Kopf.
Und gleich darauf die Hand mit der Waffe.
Er sah etwas durch die Luft fliegen, etwas von der Größe eines Fußballs, allerdings mit langen, strähnigen Haaren, die wie ein Schweif hinter ihm her flatterten.
Der Ball flog auf eine junge Frau zu, die etwas wie eine kleine Schaufel in der Hand hielt und gerade ausholte. Als der Ball nah genug heran war, drosch sie ihm das Schaufelblatt entgegen. Wie ein Tennisspieler, der einen gegnerischen Matchball parierte.
Der Ball wurde zurückgeschleudert. Er knallte unter die Zimmerdecke, geriet kurz ins Trudeln - und Deputy Carlo Cave erkannte, worum es sich bei dem Ball tatsächlich handelte.
Als das Gesicht plötzlich direkt vor seinem schwebte.
Die milchig-grauen, pupillenlosen Augen starrten ins Leere. Gleichzeitig schienen sie Carlo zu fixieren.
Der bluttriefende Mund grinste und enthüllte ein Gebiss voller ebenso blutiger, kurzer, nadelspitzer Zähne.
Carlo fühlte sich an das Gebiss eines Piranha erinnert, das er mal in einer Sendung auf National Geographic TV gesehen hatte.
Er hob die Waffe.
Wieder schrie die Frau.
Dann wurde es dunkel. Und der kurze Rest von Deputy Carlo Caves Leben wurde zu einem Potpourri aus Finsternis und Schmerz.

***

Der Schädel hatte sich in sein Gesicht verbissen und fraß. Carlo hatte es geschafft, die Waffe zu heben. Hatte noch gespürt, dass die Mündung des Laufs auf etwas Hartes traf. Der Schädel saugte an seinem Auge, und der Schmerz ließ Carlos Kopf explodieren, als der Augapfel aus der Schädelhöhle gesogen und gleich darauf, noch über den Sehnerv mit Carlos Gehirn verbunden, zerbissen wurde. Trotzdem schaffte Carlo es, den Finger zu krümmen und den Abzug durchzuziehen.
Im nächsten Moment wurden ihm die Gesichtshaut und ein Teil der Kopfhaut vom Schädel gerissen.
Sein verbliebenes Auge, voller Blut und ohne Lider, um es wegzuzwinkern, starrte auf den Schädel, der eine Handbreit vor ihm schwebte, ein rauchendes Loch in der eingefallenen Wange, während er seelenruhig auf Carlos Gesicht herumkaute.
Carlo schluchzte auf. Spuckte Blut. Dann begann er leise zu lachen.
Ein letztes Mal schaffte er es, die Waffe zu heben.
Die Mündung des Laufs, noch warm vom letzten Schuss, fand seine Schläfe.
Der Knall des Schusses zerfetzte Carlos Trommelfell. Aber das bekam der Deputy schon nicht mehr mit.
Die Kugel war schneller als der Schall.

***

Eloise war bei dem Schuss, mit dem Deputy Cave sich selbst gerichtet und gleichzeitig erlöst hatte, zusammengezuckt. Und hatte endlich ihre Erstarrung abschütteln können. Ohne zu zögern war sie die Treppe zum ersten Stock hinaufgerannt.
Der Schädel, für den die Leiche von Carlo Cave uninteressant war, spuckte dessen Gesicht aus, wandte sich um und folgte Eloise. Ohne Eile. Schließlich rannte sie direkt in die Falle.
Aus dem oberen Stockwerk gab es kein Entkommen, es sei denn, sie würde aus dem Fenster springen. Aber auch dann würde er sie kriegen.
Gelegentlich flackerten Gedanken und Fragen, bruchstückhaft und vage, im kaum vorhandenen Bewusstsein des Schädels auf.
Wer bin ich?
Wo komme ich her?
Was tue ich hier?
Gedankenfetzen wehten vorbei.
Ein hölzerner Wagen.
Ein Richtblock.
Eine brennende Grube.
Der Wald ringsum.
Doch hielten sich die Gedankenfetzen nie lange genug, um tatsächlich eine Art Denken in Gang zu setzen.
Der pure Instinkt behielt die Oberhand, trieb den Schädel an.
Der pure Mordinstinkt.
Eloise stolperte in den oberen Flur. Vier Türen, drei standen offen.
Sie lief zu der geschlossenen Tür, rüttelte an der Klinke.
Verschlossen.
Drinnen wurde geschrien. Jemand rief ihren Namen.
Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Im Spalt erschien das Gesicht von Emily McWright.
"Gott, Eloise! Gott sei dank! Du lebst!" Emily war im Begriff, die Tür weiter aufzuziehen, um Eloise ebenfalls ins Zimmer zu lassen - da verzerrte sich ihr Gesicht plötzlich zu einer Maske blanken Entsetzens. Sie schlug die Hand vor den Mund. Und im nächsten Moment die Tür zu.
Eloise drehte sich langsam um.
Vor ihr, auf Augenhöhe, keinen Yard entfernt, schwebte der Schädel.
Eloise hob die Hand mit dem Kehrblech.

***

Das Rummsen gegen die Schlafzimmertür hatte aufgehört.
Dann hatten die Schreie begonnen.
Eloise!
Dann war ein Schuss gefallen, und Glas war zersplittert.
Mehr Lärm.
Schreie.
Noch ein Schuss.
Und dann hatte Eloise vor der Tür gestanden. Aber es war der jungen Frau nicht gelungen, den Schädel zu vernichten. Er hatte direkt hinter ihr geschwebt, triefend nass von Blut, und dem Mädchen über die Schulter gegrinst. Da hatte Emily McWright die Nerven verloren und die Tür wieder zugeschlagen. Den Schlüssel im Schloss gedreht, bis er blockierte.
Dann hatte sie in den Abfalleimer neben dem Schuhschrank gekotzt.
Beim Anblick seiner sich übergebenden Frau hatte Dennis McWright ebenfalls zu würgen begonnen. Linus saß weiter auf der Bettkante, starrte auf seine Schuhspitzen und nuschelte unverständliches Zeug vor sich hin, wobei ihm der Rotz aus der Nase lief.
Dann hörten die McWrights von jenseits der Tür die gellenden Todesschreie der Austauschschülerin, die man guten Gewissens ihrer familiären Obhut anvertraut hatte.

***

Das Erste, was uns auffiel, als wir das Haus der McWrights erreicht hatten, war der Streifenwagen auf dem Grünstreifen neben der Straße.
"Das muss Carlo sein." Deputy Corbijn parkte hinter ihrem Kollegen.
Kaum dass der Wagen stand, erscholl aus dem Haus ein grauenvoller, langgezogener Schrei.
Es gibt Schreie; und es gibt Schreie.
Dieser war ein Schrei in höchster Not und Verzweiflung gewesen.
Ein Todesschrei, nicht mehr und nicht weniger.
Deputy Corbijn schwang sich aus dem Wagen und lief auf den Hauseingang zu. Suko und ich folgten. Als wir die zerbrochene Scheibe neben der Haustür sahen, zogen wir alle drei synchron unsere Waffen.
"Ich will Ihnen nicht die Butter vom Brot nehmen, Deputy", wandte ich mich an unsere junge Kollegin, "aber meine und Sukos Waffen sind mit Silberkugeln geladen. Wenn sich also einer der schwarzmagischen Schädel im Gebäude befindet, wäre es vielleicht von Vorteil, wenn mein Partner oder ich die Vorhut bilden."
Deputy Corbijn runzelte kurz die Stirn, nickte dann.
"Alter vor Schönheit", grinste Suko.
Ich ging in die Hocke und spähte durch das Loch in der zerbrochenen Milchglasscheibe.
Ein gewöhnlicher Hausflur.
Dann sah ich die Leiche.
Sie saß aufrecht gegen einen Heizkörper gelehnt. Polizeiuniform. Der Kopf war praktisch nicht mehr vorhanden.
Ich wandte mich zu Deputy Corbijn um.
"Ich fürchte, Ihren Kollegen hat´s erwischt."
Sie biss die Zähne zusammen, dass ihre Wangenmuskeln hervortraten.
"Sehen Sie den Schädel?"
Ich inspizierte den Flur.
"Nein."
"Worauf warten wir dann?"
Nacheinander schlüpften wir durch das Loch in den Hausflur. Ich verzichtete darauf, zu überprüfen, ob Deputy Caves Blutkreislauf noch einen Puls aufwies. Ich hätte an den Handgelenken oder im Leistenbereich nachfühlen müssen. Vom Hals war nicht mehr genug vorhanden.
Über uns, im ersten Stock, rumpelte etwas. Gedämpfte Stimmen drangen zu uns herab.
Ich blickte Suko an. Deutete auf meine Brust, dorthin, wo ich das silberne Kreuz trug. Seit wir das Haus betreten hatten, hatte es sich langsam, aber spürbar erwärmt. Ich machte eine Bewegung mit dem Kopf Richtung Treppe. Suko verstand mich stumm.
Zu beiden Seiten, ich innen, Suko außen, sicherten wir die sich spiralförmig emporwindende Wendeltreppe, sicherten uns dabei gegenseitig und stiegen Schritt für Schritt, Stufe um Stufe hinauf.
Das erste, was wir wahrnahmen, war das feuchte Schmatzen. Ich lugte über den Treppenabsatz, und mein Blick fiel auf ein paar Turnschuhe, gefolgt von dürren Beinen, die in einer hautengen verwaschenen Bluejeans steckten.
Der- oder diejenige, zu dem oder der sie gehörten, musste rücklings am Boden liegen.
Noch eine Stufe.
Vorsichtig.
Suko neben mir.
Hinter mir hörte ich Deputy Corbijn keuchen.
Das Mädchen mochte vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt gewesen sein. Die Leiche lag auf dem Rücken, und über ihrer aufgerissenen Bauchdecke schwebte einer der verfluchten untoten Schädel. Wie eine Krähe hackte er gerade die Zähne in die Eingeweide der Toten, deren Hände und Füße noch gelegentlich spastisch zuckten, letzte Entladungen der elektrischen Energie in den Muskeln. Der Schädel hackte in die Eingeweide, riss eine blutige weiß-blaue Darmschlinge heraus und begann, sie - beinah genüsslich, wie es schien - zu zerkauen. Ein dunkle zähe Flüssigkeit tropfte ihm von Kinn.
Langsam wandte er sich zu uns um, als wir in sein Blickfeld kamen. Starrte uns aus leeren, blicklosen Augen an. Kaute seelenruhig weiter, als seien wir nichts anderes als Insekten, die über seine Schuhspitze krabbelten.
Suko hob seine Waffe, um auf den Kopf anzulegen, doch ich drückte seinen Arm wieder runter. Wies auf die Tür hinter dem fressenden Schädel.
"Das ist die einzige geschlossene Tür hier. Möglicherweise hat sich dort jemand versteckt", sagte ich, ohne den Blick von dem Schädel zu nehmen. "Wenn du daneben schießt und die Tür triffst, könnte jemand dahinter verletzt werden."
Ich deutete auf meine Brust.
Suko nickte stumm.
Ich zog das Kreuz hervor, das mittlerweile so heiß war, dass es auf der Haut brannte.
Der Schädel hörte auf zu kauen. Die Darmschlinge fiel ihm aus dem Maul zurück auf die Leiche.
Er starrte mich an. Es war eindeutig der Schädel einer Frau. Aber er musste Jahrzehnte alt sein, wenn nicht Jahrhunderte. Er sah beinah aus wie mumifiziert. Womit, in drei Teufels Namen, hatten wir es hier zu tun?
"Kannst du sprechen?", fragte ich ihn. Gleichzeitig hielt ich ihm das Kreuz am ausgestreckten Arm entgegen.
Der Schädel schüttelte sich wie ein nasser Hund und fletschte die Zähne. Ein hohles Knurren drang aus seiner abgeschnittenen, zerfetzten Kehle.
"Kannst du sprechen?", wiederholte ich.
Der Schädel machte aus dem Stand einen Satz nach vorn, schoss direkt auf mich zu. Aus dem Augenwinkel sah ich etwas dunkles an mir vorbei huschen, und im nächsten Moment wickelten sich mit einem schnalzenden Geräusch die drei Riemen von Sukos Dämonenpeitsche um den Schädel. Schwarzes Blut spritzte, als die Riemen in die weiche, faulige Haut schnitten. Ein harter Ruck von Suko, der die Peitsche zurückriss, brachte den Schädel dazu, senkrecht um die eigene Achse zu rotieren, bevor er zu Boden ging, an uns vorbei Richtung Treppe kullerte und wie ein aufgeblasener Spielball die Stufen hinabsprang. Unten im Parterre blieb er am Treppenabsatz liegen, mit dem Gesicht, das man nur als Fratze bezeichnen konnte, nach oben.
Mittlerweile wussten wir dank reichlich Geklopfe und Gerufe, dass sich hinter der verschlossenen Tür im ersten Stock mehrere Personen aufhalten mussten.
"Ist sie ... tot?", fragte Suko und deutete auf den Schädel am Fuß der Treppe.
Ich stieg langsam die Treppe hinunter, das Kreuz in der Rechten.
Unten beugte ich mich über den Schädel. Die toten milchigen Augen blinzelten, eine pechschwarze, augenscheinlich knochentrockene Zungenspitze fuhr über Zähne und Lippen.
Ein letzter Versuch. Schaden konnte es nicht.
"Wer seid ihr? Wo kommt ihr her?"
Nichts.
Keine Antwort.
Stattdessen platzten die Striemen, die Sukos Peitsche im Gesicht hinterlassen hatten, auf, und eine sämige dunkle Pampe quoll hervor.
Ich hätte den Schädel lang und elendig krepieren lassen können, aber ich war kein Arschloch, auch nicht gegenüber Schwarzblütern.
Ich presste dem Schädel das Kreuz auf die Stirn.
Er riss Augen und Maul auf und kreischte so schrill, dass es mir in den Ohren klingelte.
Ätzender, bestialisch stinkender Rauch kräuselte sich in der Luft.
Dann zerfiel der Schädel im Bruchteil einer Sekunde, von jetzt auf gleich, zu einem Haufen kalter, grauer Asche.

***

Wir hatten im Anschluss das gesamte Haus der McWrights inspiziert, um sicherzugehen, dass sich nicht noch ein weiterer Schädel im Gebäude herumtrieb. Erst nachdem wir der Familie mehrfach versichert hatten, dass die Gefahr gebannt sei, öffneten die McWrights die Tür zu dem Zimmer, in das sie sich geflüchtet und in dem sie sich verbarrikadiert hatten. Und das auch erst, nachdem Deputy Corbijn ihren Dienstausweis unter der Tür durchgeschoben hatte.
Das tote Mädchen, für das wir nichts mehr hatten tun können, war kein Familienmitglied gewesen, sondern eine Austauschschülerin aus Luxemburg. Misses Wright oblag nun die furchtbare und grausame Aufgabe, die Eltern des Mädchens vom Tod ihrer Tochter zu unterrichten. Deputy Corbijn würde den Eltern von Deputy Carlo Cave die schlimme Nachricht überbringen.
Ich zückte mein Mobiltelefon und wählte unseren Kollegen Franklin von der Spurensicherung an. Seine Leute waren gerade mit den Hinterlassenschaften des Gemetzels auf der Lichtung im Wald fertig geworden. Ich steckte ihm, dass sie vor der Rückfahrt nach London gleich noch zwei weitere Leichen aufsammeln konnten, und nannte ihm die Adresse der McWrights. Durchs Telefon hörte ich Franklin mit den Zähnen knirschen.
"Verdammt, heute ist Sonntag, Sinclair. Könnt´ ihr euch nicht ein bisschen zurückhalten?"
"Wir werden für unsere Arbeit bezahlt, ihr für eure", sagte ich und legte auf.
Suko und ich hatten uns den teuflischen Schädel, als er noch lebte, ziemlich genau angesehen. Deputy Corbijn hatte berichtet, sie habe einen der Schädel auf dem Weg im Wald förmlich in Stücke geschossen. Der Gangster, den wir festgenommen und den Kollegen vom Yard übergeben hatten, hatte erwähnt, mindestens einer seiner Kumpane habe vor seinem Tod auf einen der Schädel geschossen und diesen auch sichtbar getroffen.
Doch keiner der Schädel, denen wir bisher begegnet waren, hatte irgendeine Form äußerlicher Verletzung gezeigt. Zumindest keine halbwegs frische.
Dass wir es mit mehr als bestenfalls einem halben Dutzend dieser Dinger zu tun hatten, daran mochte ich nicht so recht glauben, und sowohl mein Partner als auch Deputy Corbijn gaben mir nach kurzer Rücksprache recht. Wenn die Stadt von fliegenden Schädeln förmlich überrannt worden wäre, dann hätten wir das bereits mitgekriegt.
Hieß das womöglich, dass die Schädel sich selbst kurierten? Dass sie über gewisse Selbstheilungskräfte verfügten, ähnlich wie Werwölfe und Vampire?
Wir wussten immer noch so wenig. Und so paradox es sich anhören mochte: Aus Erfahrung wusste ich, dass wir manches womöglich auch nie in Erfahrung bringen würden.
Für uns, Deputy Corbijn, Suko und mich, gab es hier nichts mehr zu tun. Beim Abschied wandte ich mich an Mister McWright, der den telefonischen Notruf an die örtliche Polizei abgesetzt hatte. Mit einem Ohr hatte ich mitbekommen, dass er Krimi- oder Horrorautor oder beides war und prompt, quasi aus dem Stegreif, eine Story improvisierte und zusammenfabulierte, mit fliegenden Schädeln, die nach einem Unfall in einem nahegelegenen Chemiewerk ... - Irgendsowas.
Falls sein saloppes Geschwätz dazu dienen sollte, die Stimmung seiner Frau und ihres recht kompakt gebauten Sohnes aufzupäppeln, ging das augenscheinlich gerade voll in die Hose.
"Stimmt es eigentlich, Mister Wright", unterbrach seinen Wortschwall, "dass Krimiautoren am liebsten selbst bei der Polizei dienen würden, das aber in den allermeisten Fällen aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt hat?"
Er sah mich an. Runzelte die Stirn. Schüttelte den Kopf.
"Mit Verlaub, das ist ein Märchen, Herr Oberinspektor. Feuilleton-Geschwätz."
Ich hob eine Augenbraue.
"Sicher?"
Mister McWright hatte den Schock wegen des fliegenden Schädels und der zwei Leichen in seinem Haus offenbar gut weggesteckt. Er war scheinbar schon wieder die Ruhe und Selbstsicherheit in Person. Er lächelte fein, wie ein Pädagoge, der mit einem Kind sprach.
"Absolut. Was mich persönlich angeht, Herr Oberinspektor, bin ich außerdem Anarcho-Syndikalist und lehne jede Form staatlicher Machtausübung von Grund auf entschieden ab."
Ich hob noch eine Augenbraue.
"Tatsächlich?"
Er nickte ernst. Verzog keine Miene.
"Absolut, Herr Oberinspektor."
Scheiße, dachte ich, sagte es aber nicht. Nicht im Dienst. Sukos Blick allerdings sprach Bände. Wir dachten mal wieder ziemlich genau das Gleiche ...

***

Endlich! Der Tag war gekommen!
Der Tag, an dem sie einander die Unschuld rauben wollten.
Alles war perfekt arrangiert. Kevins Eltern waren auf Besuch aus und würden vor spätabends nicht heimkehren. Das Dienstmädchen hatte seinen freien Tag, war ebenfalls außer Haus und würde erfahrungsgemäß erst am nächsten Morgen zurückkehren. Und Angelinas Eltern glaubten, Kevin habe ihre Tochter zu einem Besuch im städtischen Zoo abgeholt.
Sie waren zusammen und unbehelligt und allein, den ganzen Tag lang gehörte das Haus ihnen, und niemand würde sie stören.
Eilig hatten sie es trotzdem. Beide waren immerhin schon sechzehn. Angelina sogar noch ein paar Monate älter als Kevin.
Kevin hatte seine Freundin in sein Zimmer im ersten und einzigen Stock seines Elternhauses geführt.
Er hatte überlegt, sie auf die Arme zu nehmen und zu tragen, bei genauer Begutachtung von Angelinas üppigen Rundungen hatte ihn allerdings der Mut verlassen. Er war sich nicht mehr sicher gewesen, ob er die ganzen siebenundzwanzig Stufen hinauf durchhalten würde.
In seinem Zimmer hatten sie es sich auf dem von hereinfallendem Sonnenlicht gefluteten Bett gemütlich gemacht.
"Versprich mir eins", flüsterte das Mädchen, die feucht schimmernden, vor Erwartung bebenden Lippen dicht am Ohr des Jungen.
"Alles", gelobte er mit heiserer Stimme, ohne auch nur eine Sekunde lang seine Liebkosungen zu unterbrechen.
"Sei zärtlich ..." Die letzte Silbe klang aus in einem langgezogenen Seufzer - der jäh überging in einen schrillen Schrei!
Kevin schreckte hoch und sah das Mädchen verständnislos an.
Ihr Blick war starr auf das Fenster in Kevins Rücken gerichtet. Sie hob langsam ihren ausgestreckten Arm und deutete in diese Richtung. Ihre Unterlippe zitterte.
"D-d-da! Oh nein!"
Kevin hatte sich umgedreht und sah nun auch, was Angelina so aus der Fassung brachte. Er musste blinzeln, weil die Sonne durch Fenster hineinschien und ihn blendete. Trotzdem konnte er erkennen, was Angelina offenbar so erschreckt hatte.
Von draußen, vor dem geschlossenen Fenster, blickte jemand ins Zimmer hinein. Ein Spanner, schoss es Kevin heiß durch den Kopf. Na, warte ...
Er wollte schon aufspringen, zum Fenster laufen, es aufreißen und den Perversen mitsamt der Leiter, auf der er stehen musste, rückwärts in den Garten kippen - da hielt er mitten der Bewegung inne.
Der Schädel hob sich zwei Handbreit in die Höhe, und das Pärchen auf dem Bett machte die Entdeckung, dass unterhalb des Halses offenbar kein Körper mehr war. Der Schädel schien frei in der Luft zu schweben.
Der Schädel selbst sah aus, wie man sich die von Verwesung zerfressene Fratze eines Zombies in einem Horrorfilm vorgestellt hätte.
Ohne Vorwarnung schnellte er vor und krachte mit der Stirn gegen die Glasscheibe des Fensters. Die Scheibe - immerhin doppeltes Verbundglas - zeigte Risse, blieb aber ganz.
Kevin und Angelina schrien synchron auf. Angelina flüsterte mit zitternder Stimme: "Tu´ doch was, Kevin! Mach´, dass er weg geht!"
Kevin griff nach der Hand seiner Freundin und zog sie vom Bett Richtung Tür.
Der Schädel grinste, nahm ein weiteres Mal Anlauf, krachte in die Scheibe - und diesmal ging diese scheppernd zu Bruch, scharfe Splitter und Scherben regneten ins Zimmer und auf das zerwühlte, leere Bett.
Da waren die beiden Teenager längst zur Tür hinaus und stolperten die Treppe hinab ins Erdgeschoss.
Unten angekommen, lief Kevin zur Haustür und riss sie weit auf. Dann fasste er Angelina wieder bei der Hand, legte einen Finger auf die Lippen zum Zeichen, dass das Mädchen sich still verhalten sollte, und zog sie mit sich ins angrenzende Wohnzimmer.
Behutsam leise schloss er die Zimmertür.
Angelina zitterte wie Espenlaub. Sie schluchzte leise, Tränen liefen über ihre Wangen. Kevin nahm sie in die Arme und merkte dabei, dass er selbst mindestens genauso sehr zitterte.
"Warum sind wir nicht weggelaufen?", flüsterte das Mädchen.
Kevin sah ihr in die Augen. "Genau das soll er denken", flüsterte er zurück. "Dass wir vorne durch die Haustür raus und weg sind." Er streichelte sanft ihren Kopf. "Dann fliegt er raus. Und wir sind ihn los und in Sicherheit."
Er machte sich von dem Mädchen los und legte den Kopf seitlich an die Tür, um zu lauschen.
Nichts.
Machten fliegende Schädel beim Fliegen Geräusche? Im selben Moment, als er sich die Frage stellte, hätte Kevin beinah laut aufgelacht. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was hier gerade passierte. Wer - oder besser: was - da gerade hinter ihm und Angelina her war.
Dann fiel ihm wieder ein, dass in seinem Zimmer das Fenster zu Bruch gegangen war, und die nächste Frage brachte ihn zumindest halbwegs wieder in die Realität zurück.
Heiliger Strohsack, wie erklär´ ich das meinen Eltern?
Der Schädel war derweil die Treppe hinab geschwebt. Auf dem unteren Treppenabsatz verharrte er kurz. Er drehte sich langsam um die eigene Längsachse, bis der Blick der trüben, toten Augen an der offenstehenden Haustür klebenblieb.
Der Schädel schoss auf die Tür zu, doch noch bevor er hindurch war, hielt er abrupt inne. Das Monstrum wandte sich auf der Stelle um, die Nüstern blähten sich auf, und der Schädel schnaufte, als ob er schwer atmen würde. Was jedoch definitiv nicht der Fall war. Der Schädel hatte es so wenig nötig zu atmen, wie alle lebenden Toten, denen die schwarze Magie zu neuem, unnatürlichem Dasein verholfen hatte. Stattdessen schnupperte und schnüffelte er in verschiedene Richtungen. Wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm.
Drei Türen gingen vom unteren Hausflur ab, den Hauseingang nicht mitgezählt.
Eine führte in ein kleines Gäste-WC, eine gegenüber in die Küche, die dritte lag am Ende des Flurs und führte ins Wohnzimmer.
Die Türen zu WC und Wohnzimmer waren geschlossen.
Der Schädel hatte die Witterung seiner Beute aufgenommen und flog auf die Tür zum Wohnzimmer zu. Er nahm schon Anlauf, um die Tür mit Gewalt aufzurammen, da hielt er plötzlich wieder inne.
Dann wandte er sich der Tür zur Küche zu und flog hindurch.
Kevin hatte den Schädel durchs Schlüsselloch beobachtet.
"Verdammt", presste er zwischen den Zähnen hervor, "er ist nicht drauf reingefallen."
Angelina saß inzwischen auf der Couch. Hier hatte sie Jacke und Handtasche abgelegt, bevor Kevin mit ihr nach oben gegangen war.
Es wollte dem Mädchen scheinen, dass das fast schon in einem anderen Leben passiert war.
Angelina suchte in ihrer Handtasche nach der Schachtel Zigaretten, von der ihre Eltern tunlichst nichts erfahren sollten, nestelte umständlich ein Stäbchen heraus und ließ es prompt fallen, weil ihre Hände zu sehr zitterten. Sie las die Zigarette vom Teppich auf, steckte sie sich zwischen die Lippen, zündete sie an, inhalierte und fing prompt an zu husten.
Kevin drehte sich zu ihr um und legte wieder den Finger an die Lippen.
"Pscht!"
In der Küche fand sich der Schädel vor einer weiteren Tür, die ebenfalls verschlossen war. Es war die Verbindungstür, die direkt von hier ins Wohnzimmer führte, das neben der Couchgarnitur außerdem den Familien-Esstisch beherbergte.
Kevin hatte gleich, als er mit Angelina ins Wohnzimmer geflüchtet war, überprüft und sichergestellt, dass die Tür zur Küche verschlossen war. Vorsichtshalber hatte er noch einen der Stühle vom Esstisch mit der Lehne unter die Türklinke geklemmt.
Der Schädel musste einsehen, dass alle Türen zum Wohnzimmer, in dem seine Beute mehr oder weniger in der Falle saß, für ihn verschlossen waren.
Dann fiel sein Blick auf die Wand neben der Tür.
Und die Zombie-Fratze verzerrte sich zu einem abartigen Grinsen, und in Vorfreude auf ihr bevorstehendes Mahl floss ihr stinkender Geifer aus dem Maul und klatschte in zähen Tropfen auf die Küchenfliesen.

***

"Wen rufst du an?"
Angelina hatte ihr Mobiltelefon aus ihrer Handtasche gezogen, eine Nummer gewählt und hielt das Gerät ans Ohr. Sie blies Rauch aus und aschte in den fast schon antiken Aschenbecher aus massivem Bleikristall, der auf dem niedrigen Couchtisch stand.
"Na, wen wohl? Die Bullen natürlich!"
Kevin runzelte die Stirn. "Die Bullen? Tolle Idee. Und was willst du denen erzählen?"
Angelina schnaubte und machte eine ausgreifende Geste, die den ganzen Raum einschloss.
"Na, was wohl? Was hier abgeht natürlich! Die sollen, verdammt nochmal, kommen und ..."
Kevin unterbrach sie mit einem abschätzigen Lachen.
"Wenn du den Bullen erzählst, dass ein fliegender Schädel hinter uns her ist, schicken die höchstens eine Notambulanz der städtischen Psychiatrie ..."
Weiter kam er nicht, denn im nächsten Moment ertönte ein dumpfer Knall aus Richtung der Tür zur Küche.
Kevin warf sich auf der Stelle herum.
"Scheiße, die Durchreiche!"
Neben der Tür gab es in der Wand zwischen Küche und Wohnzimmer beziehungsweise dem Esstisch eine Öffnung in der Wand, um bequem Speisen von hier nach da und leeres Geschirr und benutztes Besteck zurück zu transportieren, ohne jedesmal laufen zu müssen.
Die Öffnung, gut einen Meter breit und hoch, war durch zwei einfache Schwingtüren verschlossen. Die jedoch beim geringsten Druck nachgaben und sich öffneten.
Der Schädel war ohne viel Federlesens direkt hindurch geflogen.
Im Wohnzimmer angekommen, verharrte er regungslos in der Luft, die widerlichen, leeren, eitergelben Augäpfel auf die beiden Teenager gerichtet, die vor Schreck erstarrt schienen. Sein Maul verzerrte sich zu einer höllischen Parodie eines Lächelns. Der Schädel schüttelte sich und stieß dabei abgehackte, kieksende Töne aus. Er schien gleichsam zu feixen, so sehr genoss er offenbar den Horror, das Grauen und die nackte Todesangst, die er bei seinen beiden Opfern auslöste. Wieder blähten sich seine Nüstern, er konnte das warme, frische Blut in den Venen und Arterien der beiden jungen Menschen riechen und leckte sich mit der kleinen, schwarzen Zunge gierig die kaum mehr vorhandenen Lippen. Ja, er würde sie aussaugen bis auf den letzten Tropfen!
Der Schädel schien kurz zu überlegen, welches seiner Opfer er sich zuerst vorknöpfen sollte.
Dann stürzte er sich unvermittelt mit einem schrillen Kreischen auf das Mädchen.

***

Kevin hatte noch schreien wollen: "Nein! Nimm´ mich!" - Doch zu spät! Tatenlos musste der junge Mann mitansehen, wie sich dieses grausige Etwas, das es nicht geben konnte, nicht geben durfte, auf das Mädchen stürzte, das er mehr liebte als alles andere auf der Welt.
Das konnte, durfte er nicht zulassen!
Als Angelina den kreischenden Schädel auf sich zu rasen sah, griff sie, einem Instinkt folgend, in ihre Handtasche und zog wahllos das erste heraus, was sie in die Finger bekam.
Es war eine kleine Dose Haarspray.
Ohne überhaupt zu überlegen, richtete sie blitzschnell die Sprühöffnung dem heranrasenden Schädel entgegen und presste den Daumen auf die kleine Plastikhaube oben auf der Dose.
Zischend spritzte der nebelartige Schwall in die abscheuliche Fratze und hüllte sie in eine süßlich parfümierte Wolke.
Der Schädel kreischte abermals auf, raste dicht am Kopf des Mädchens vorbei und krachte in den Vitrinenschrank mit Kevins Sportauszeichnungen.
Kevin hatte sich derweil nach etwas umgesehen, was er als Waffe gegen den Schädel einsetzen konnte, und war am gemauerten Kamin, der eine Ecke des Raums einnahm, fündig geworden. Er riss mit beiden Händen den gusseisernen Schürhaken aus der Halterung neben dem Rost, auf dem noch ein paar verkohlte Holzreste lagen.
Der Schädel hatte sich wieder aufgerappelt und in die Luft gehoben. Er glänzte feucht von dem chemischen Frisurfestiger, mit dem Angelina ihn eingedeckt hatte. Noch eher er reagieren konnte, war Kevin bei ihm und verpasste ihm mit dem Schürhaken einen derartigen Schlag gegen die Schläfe, dass das Geräusch, mit dem der Schädelknochen barst, deutlich zu hören war. Der Schädel wurde zur Seite geschleudert, prallte gegen die tapezierte Wand, fing sich jedoch wieder und trudelte in die Gegenrichtung davon.
Genau in Richtung der Öffnung des Kamins.
Angelina war von der Couch aufgesprungen. Als der Schädel an ihr vorbei trudelte, deckte sie ihn blitzschnell mit einer weiteren Dosis aus ihrer Sprühdose ein.
Gemeinsam, Kevin mit dem Schürhaken, Angelina mit der Dose, deren Inhalt auf den teuflischen Schädel wirkte wie Pfefferspray, trieben sie den Schädel zurück, bis der den Kamin im Rücken hatte.
Kevin holte aus, traf den Schädel mitten im Gesicht und prügelte ihn rücklings auf den Kaminrost. Dort blieb der Schädel wie betäubt liegen. Seine Augen waren halb geschlossen, die blutverschmierte Unterlippe zitterte, Kevin und Angelina glaubten beinah, ihn leise wimmern zu hören.
Unvermittelt riss der Schädel die Augen wieder auf. Im selben Moment wurde Angelina bewusst, dass sie immer noch die mittlerweile weitestgehend heruntergebrannte Zigarette zwischen den Lippen hielt.
Sie sog daran, spürte und schmeckte den Rauch.
Die Zigarette brannte also noch, hatte noch Glut.
In einer einzigen, geschmeidigen Bewegung riss sich das Mädchen die Zigarette aus dem Mund und schnippte sie gekonnt in Richtung des Schädels. Kaum hatte die Glut des Stummels in berührt, entzündete sich mit einem hohlen Fauchen das Haarspray, mit dem Angelina ihn eingedeckt hatte.
Im Nu brannte der Schädel lichterloh!
Er begann bestialisch zu kreischen, krachte rechts und links gegen die gemauerten Wände innerhalb des Kamins. Dann schoss er vor, aber Kevin hatte mit einer solchen Aktion gerechnet und drosch ihn mit einem gezielten Hieb mit dem Schürhaken zurück in den Kamin.
Dort blieb der Schädel einen Moment lang regungslos liegen, und die beiden Jugendlichen dachten beinah schon, jetzt sei es vorbei, als das Bündel bläulich-grün züngelnder Flammen plötzlich hochschoss - und im nächsten Augenblick verschwunden war.
Der Schädel war brennend den Kaminschacht hinauf geflohen.
Kevin ging schnell zwei Schritte vor, bückte sich, schob den Kopf in den Kamin und verdrehte den Hals, um den Kaminschacht empor blicken zu können.
Alles, was er sah, war ein quadratischer Ausschnitt des tiefblauen Nachmittagshimmels.
Der Schädel hatte es offenbar geschafft.
Er war entkommen.
Kevin richtete sich wieder auf und sah seine Freundin an. Ihre schulterlangen dunkelblonden Haare waren zerzaust, ihr Gesicht war gerötet und sie hatte Rußflecken auf Stirn und Wangen.
Stumm, ohne überflüssige Worte, die eh nichts von dem hätten ausdrücken können, was gerade in ihnen beiden vorging, nahmen sie einander in die Arme.
Dann küssten sie sich. Wieder und wieder und wieder.
Sie sahen einander tief in die Augen, und Angelina ergriff Kevins Hand und zog ihn schweigend zur Tür und von dort aus in den Flur. Sie machte Anstalten, ihn weiter die Treppe hinaufzuführen, doch er hielt sie mit sanftem Widerstand zurück.
"Bist du sicher? Ich meine, nach all dem ..."
Angelina legte ihm einen Finger auf die Lippen als Zeichen, still zu sein. Sie küsste ihn; dann blickte sie ihm tief in die Augen.
"Wann, wenn nicht jetzt?"

***

Der dritte Schädel war also auch vernichtet. Aber wie viele gab es nun überhaupt insgesamt?
Einer der Schädel, die wir hatten neutralisieren können, hatte offensichtlich zu einem der toten Gangster auf der Lichtung im Wald gehört. Die anderen beiden waren jedoch offenbar uralt und weiblich gewesen. Sollte es sich hierbei tatsächlich um Hexenschädel handeln, und standen diese wiederum in einem Kontext mit der lokalen Mythe oder Legende, an die Deputy Corbijn sich zu erinnern glaubte, dann war davon auszugehen, dass sich noch mindestens ein weiterer fliegender Schädel in Maidenhead und Umgebung herumtrieb.
"Wer, hatten Sie gesagt, hat Ihnen einmal etwas über die alte Richtstatt in Zusammenhang mit drei Hexen erzählt, Deputy?"
Corbijn zog die Stirn kraus. "Die alte Miss Rutherford aus der Stadtbibliothek." Sie blickte auf ihr Smartphone.
"Ist gleich sechs, dann schließt die Bücherei. Wenn wir jetzt hinfahren, können wir sie vielleicht noch abfangen."
Ich sah zu Suko.
Mein Partner zuckte die Achseln. "Haben wir gerade was besseres vor?"
"Fahren wir."

***

Wir rollten just in dem Moment auf den Parkplatz vor der Stadtbücherei von Maidenhead, als eine Frau in einem langen braunen Mantel von außen die Doppeltür am Eingang zu den Räumlichkeiten abschloss.
Deputy Corbijn sprang aus dem Wagen und lief auf die Frau zu, die sich umgedreht hatte.
"Miss Rutherford?"
Sie blieb bei der Frau stehen und wechselte einige Worte mit ihr, die wir nicht verstehen konnten. Dann kamen beide auf unseren Wagen zu.
Suko und ich stiegen ebenfalls aus.
Miss Rutherford war eine rüstige Dame in den Sechzigern, mit einem stahlgrauen Haardutt auf dem Kopf und verwegen viel Make-up im Gesicht für eine Frau ihres Alters.
Corbijn erklärte ihr andeutungsweise, weshalb wir hier waren und was wir von ihr wollten, und Miss Rutherford schlug vor, dass wir uns in ein Café schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite setzen sollten, um in Ruhe reden zu können.
Wir fanden einen Fensterplatz zur Straße hin. Suko und mir knurrten die Mägen, schließlich hatten wir seit mittags nichts mehr gegessen, und ich zudem auch bloß die Fish & Chips.
Trotzdem blieben wir tapfer und bestellten uns bloß Kaffee beziehungsweise Tee. Miss Rutherford trank Earl Grey. Deputy Corbijn bestellte sich eine zuckerfreie Coke.
"Die Sache mit dem alten Richtplatz und den drei Hexen, das wollen Sie also genau wissen, soso." Miss Rutherford lächelte hintergründig. "Und darf man erfahren, woher Ihr Interesse stammt?"
Deputy Corbijn sah erst meinen Partner, dann mich an. Ich zuckte die Achseln. Sollte sie der Bibliothekarin meinetwegen von den fliegenden Schädeln erzählen. Die Sache würde eh noch in der Öffentlichkeit die Runde machen. Spätestens dann, wenn Dennis McWright demnächst seinen neuesten Gespenster-Krimi veröffentlichen würde.
Immer vorausgesetzt, dass er für eine Krimi-Story mit fliegenden Schädeln überhaupt einen Verlag fand.
Aber Deputy Corbijn schien sich anders entschieden zu haben.
"Das erzähl´ ich Ihnen, nachdem Sie uns die Geschichte erzählt haben. Ist sie eigentlich echt?"
Miss Rutherford blinzelte.
"Echt?"
Corbijn zuckte die Achseln. "Na, real. Entspricht sie den Tatsachen? Oder ist das bloß ein Märchen? So wie der Rattenfänger von Hameln?"
"Oha", beeilte ich mich einzuwenden, "Der Rattenfänger von Hameln ist mitnichten ..."
Miss Rutherford schnitt mir mit einer knappen Geste den Satz ab. Sie lächelte entschuldigend.
"Nein. Es ist kein Märchen."
Ihr Blick wanderte von einem zur anderen.
"Es ist alles andere als ein Märchen."
Dann begann die alte Dame zu erzählen ...

***

Maidenhead, 1729 n. Chr.

Das ganze Volk von Maidenhead war auf den Beinen. Der Zug der Einwohner des idyllischen, gut anderthalb Tagesreisen westlich von London gelegenen Dorfes folgte der Hauptstraße Richtung Süden, bis er an einer bestimmten Stelle in eine Einmündung im dichten Wald abbog.
Die Leute gingen langsam, die Häupter gesenkt. Hier und da lärmte ein Kind, das schnell wieder zur Ruhe gebracht wurde. Die Erwachsenen hüllten sich vollends in Schweigen.
Doch die Idylle trog.
Es war keine fromme Prozession, die die Gemeinde hier abhielt.
Zwar führte ein Geistlicher den Zug an, doch war es kein Pfarrer oder Priester oder Bischof, sondern ein Inquisitor der Heiligen Anglikanischen Kirche. Und direkt hinter ihm folgte ein offener Wagen, der von zwei schwarzen Pferden gezogen wurde. Auf die Ladefläche des Wagens waren drei Frauen gekettet, die ihrem Tod entgegen fuhren.
Die drei waren der Hexerei angeklagt, geprüft und für schuldig befunden worden.
Geprüft?
Wahrhaft grausam hatte man sie geschunden. Kaum einen Flecken heiler Haut trugen die drei Hexen noch an den gemarterten Leibern. Die Folterknechte der Gesandtschaft der Heiligen Anglikanischen Inquisition hatten ganze Arbeit geleistet.
Dabei war so lange alles gut gegangen. Die Frauen hatten abseits der Gemeinde, wo man sie nur die Kräuterfrauen nannte, allein in einer Hütte im Wald gelebt. Und niemanden gestört. Und man hatte sie in Ruhe gelassen, abgesehen von den paar Malen, wenn einigen Kindern nach einer Mutprobe war und sie die Holzhütte, in der die Frauen wohnten, aus der Deckung, die das Unterholz des Waldes ringsum bot, mit Steinen beworfen hatten.
Dann war irgendwann die Tür der Hütte langsam von innen geöffnet worden, und die Kinderbande verschwand schreiend im Wald.
Ja, lange war alles gut gegangen. Als die Pest in London gewütet hatte und auch nach Middlehead überzuspringen drohte, waren die drei Kräuterfrauen am Samstag auf dem Markt erschienen, mit einem Bottich voll von einer milchigen, fettigen Substanz darin, die wohl auf Rindertalgbasis hergestellt war. Die Frauen erklärten den Marktbesuchern, es handle sich bei dem aromatisch duftenden Fett um ein Mittel gegen die Pest. Später hieß es, von denen, die sich an jenem Tage mit dem Mittel aus dem Bottich die Stirn eingerieben hatten, hätten alle die Pest unbeschadet überlebt.
Lange war alles gut gegangen; doch dann war etwas geschehen. Niemand in der langsam aber stetig zu einer Stadt heranwachsenden Gemeinde wusste Genaues; oder wollte Genaues wissen.
Ein Trupp Jäger, hieß es, sei im Wald auf der Jagd nach Wild gewesen und dabei zufällig auf die Kräuterfrauen gestoßen.
Die drei Frauen - die eine blond, die zweite schwarzhaarig, die dritte fuchsrot - waren alles andere als attraktiv. Wer sie gesehen hätte, hätte sie vielleicht auf Ende zwanzig geschätzt.
Es gab einige Spekulationen, kichernd hinter vorgehaltener Hand, was die drei ganz ohne Mann des nachts in ihrem Haus im Wald wohl treiben mochten.
Drei Frauen.
Mehr als zehn Männer, im Rudel auf der Jagd.
Allein im Wald.
Ohne Zeugen.
Niemand wusste nichts Genaues, aber Jede und Jeder konnte sich alles in aller Deutlichkeit selbst denken.
Kurz nach dieser Episode ging es los.
Zuerst verschwanden Tiere. Hier eine Katze, dort ein Hund.
Dann verschwanden Kinder.
Jugendliche, die sich im Wald herumgetrieben hatten, berichteten, sie hätten die drei Frauen gesehen, wie sie mit einem riesigen Ziegenbock getanzt hätten.
Dass die Frauen dabei nackt gewesen waren, erzählten sie nicht.
Und was die Frauen sonst noch mit dem Bock getrieben hatten.
Dann war das Wasser in sämtlichen Brunnen plötzlich über Nacht so abgestanden, dass man es kaum noch trinken konnte.
Und einigen der Älteren fiel es nun auch wie Schuppen von den Augen. Die Pest, das war vor über fünfzig Jahren gewesen. Und in all der Zeit seither schienen die drei Kräuterfrauen um keinen Tag gealtert.
Am nächsten Tag hatte der Bürgermeister einen berittenen Boten nach London geschickt. Zum Sitz des Bischofs. Mit der schriftlichen Bitte um Beistand.
Drei Tage später war der Tross aus Soldaten ihrer Majestät und Männern der Heiligen Anglikanischen Kirche in Maidenhead eingetroffen, in der Morgendämmerung, im strömenden Regen.
Noch am selben Tag war man in den Wald eingedrungen, hatte die drei Frauen aus der Hütte gezerrt und in den Verliesen unterm Rathaus mit der peinlichen Befragung begonnen.
Die Heilige Inquisition der anglikanischen Kirche stand der der katholischen in nichts nach.
Allen bekannten Folterpraktiken hatte man die drei Frauen unterworfen, mit Ausnahme derer, die bei längerfristiger Anwendung zwangsläufig zum Tode geführt hätten. Denn der Inquisitor wollte ein Geständnis. Doch zu welchen Bestialitäten er auch griff - die Frauen schrien zwar, aber sobald die unmittelbare Qual vorüber war, lachten sie ihn schon wieder aus.
Und gestanden - rein gar nichts.
Zumindest nicht das, was er hören wollte.
Dass sie nämlich mit dem Teufel im Bunde standen.
Die Folterknechte hatten auch die Hexenprobe angewandt, hatten glühende Nadeln in schwarze, schorfige Warzen gerammt. Und die vermeintlichen Hexen hatten gewimmert und geschrien, aber der Inquisitor hatte intuitiv gespürt, dass die Pein nur vorgespielt war. Rein gar nichts hatten die Hexen gespürt. Und da wusste er, dass er es tatsächlich mit Hexen zu tun hatte. Und er fühlte, wie eine eiskalte Hand mit spitzen Fingernägeln seinen Rücken hinabfuhr.
So wurden die drei Frauen anhand von Indizien als Hexen überführt. Die Strafe war indes die selbe.
Der Tod.
Da die drei Verurteilten jedoch bis zuletzt standhaft geleugnet hatten, mit dem Teufel im Bunde zu sein, konnte man sie gemäß Kirchenrecht nicht lebendig dem Feuer übergeben, sondern musste sie vorher enthaupten. Erst danach sollten Köpfe und Körper vom reinigenden Feuer zu Asche verbrannt werden.

***

Das Ziel der Prozession, die ein Todesgeleitzug war, an jenem sonnigen Freitag, war die im Wald gelegene Richtstatt. Hier stand der Galgenbaum, hier lag das Schafott. Die weite, natürliche Lichtung ringsherum um letzteres würde heute bis auf den letzten Stehplatz gefüllt sein.
Neben dem Schafott, einer kreisrunden, mehrere Stufen hohen Tribüne, auf der ein gewaltiger pechschwarzer Baumstumpf stand, war eine Grube ausgehoben, groß genug, drei Körper zu fassen. Ausgelegt war die Grube mit Reisig und reichlich trockenem Holz.
Hier sollten die drei der Hexerei überführten Frauen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.
Der Zug stoppte vor dem Schafott. Soldaten in schimmernden Rüstungen ketteten die Frauen los, zerrten und stießen sie brutal vom Wagen. Peitschten sie die Stufen zum Schafott hinauf. Der Inquisitor und sein Schreiber folgten. Und dann ein Mann, der ganz in eine schwarze Kutte gehüllt war, mit spitzer Kapuze und Gesichtsmaske, die nur einen schmalen Streifen für die Augen freiließ. Es war der Henker, der Vollstrecker. Das Beil trug er bei sich. Der breite Stiel hatte etwa Armlänge. Die mondsichelförmige Klinge steckte in einem Futteral aus braunem Wildleder.
Derweil ergoss sich das nachrückende Publikum auf die Lichtung.
Es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, bis sich alles so weit beruhigt hatte, dass der Inquisitor das Wort ergreifen konnte.
Nochmals verlas er Anklage- und Urteilsschrift, bestätigte das Urteil abschließend im Namen der Heiligen Anglikanischen Kirche und war gerade im Begriff, dem Henker aufzutragen, seines Amtes zu walten, als plötzlich eine der drei zum Sterben verdammten Frauen - es war die Rothaarige - laut aufheulte.
"Ihr alle", spie sie in die Runde der Männer auf der Blutstätte und ins Publikum ringsum, "ihr alle habt keine Ahnung, was ihr hier tut! Aber ihr werdet es nie wieder tun, das versprechen wir euch, meine Schwestern und ich!"
Der Inquisitor gab einem der Soldaten den Befehl, die Frau zum Schweigen zu bringen. Der Soldat schlug der Frau hart ins Gesicht, so hart, dass ihre Nase brach und das Blut auf ihre nackte, von schwelenden Brandwunden übersähte Brust spritzte. Die Frau steckte den Schlag weg, wie sie all die Foltern zuvor weggesteckt hatte, und sprach unbeirrt weiter, wobei mit Blut vermischte Spucke von ihren Lippen spritzte.
"Nie wieder werdet ihr an diesem Ort, auf dieser Lichtung, dieser Richtstatt einen Menschen töten, richten, morden, nennt es, wie ihr wollt. Nie wieder, hört ihr! Wenn es nur einer von euch wagen sollte, an diesem Ort, an dem ihr mich und meine Schwestern vernichten wollt, wenn es nur einer von euch wagt, hier nach uns jemals wieder Blut zu vergießen - dann werden wir wiederkommen. Und dann werdet ihr uns wahrhaft kennen lernen."
Wieder schlug der Soldat zu, und diesmal brach die rothaarige Frau in die Knie.
Sie wurde als Erste ohne ein weiteres Wort vor den gewaltigen, von wer weiß wie altem Blut schwarzen Baumstumpf geschleift. Der Henker brauchte zwei Hiebe, um den Kopf vollständig vom Rumpf zu trennen.
Bei den anderen beiden Frauen reichte jeweils ein Hieb.
Das schmatzende Geräusch, mit dem die Klinge des Beils Fleisch, Muskeln, Arterien, Venen und Knochen durchtrennte, gefolgt vom dumpfen Pochen, wenn die Klinge in das Holz des Richtblocks fuhr, hallte über die ansonsten totenstille Lichtung.
Alle hatten den letzten Fluch der Hexe gehört.
Danach entzündete man den Reisig und das Holz in der bereits ausgehobenen Grube und warf die Leichen der Frauen sowie ihre Köpfe hinein.
Die Hinrichtung war vorüber, nach und nach zogen die Menschen zurück auf dem Weg, den sie gekommen waren, durch den Wald und dann die Hauptstraße in nördlicher Richtung, zurück nach Maidenhead.
Immer noch schweigend.
Alle hatten sie den Fluch der Hexe gehört.
Und er hallte wider in ihren Köpfen, wieder und wieder.
Das Feuer in der Grube brannte zwölf Stunden. Dann waren die Körper der Frauen restlos zu Asche verbrannt.
Die Körper, ja.
Nicht jedoch ihre Köpfe.
Als nur noch schwache Glut in der Grube glomm und man die grauweiße Asche durchstocherte, rollten erst einer und dann auch die anderen beiden Schädel aus ihr hervor.
Alle drei Schädel sahen noch genau so aus, wie sie vom Rumpf getrennt worden waren.
Keinem einzigen hatte das bis tief in die Nacht lodernde Feuer irgendetwas anhaben können.
Blankes Entsetzen, purer Horror erfasste das gute Dutzend Männer, die abgestellt waren, die Grube mit Erde wieder zu schließen.
Was sollten sie tun?
Der Inquisitor und seine Entourage waren unmittelbar nach der Hinrichtung der Hexen wieder abgereist. Ihn konnten die Männer nicht mehr um Rat fragen.
Schließlich beschloss man, die Grube mit den unversehrten Schädeln darin wieder zuzuschütten. Die Anwesenden schworen einander, niemals ein Wort über die Schädel zu verlieren.
Einer tat es dann aber schließlich doch. Im Vollrausch, im Pub, vor einem Gästepublikum, das wohl genauso besoffen war wie er selbst.
Der Mann berichtete nicht nur, dass die drei Schädel völlig unversehrt gewesen seien; sondern behauptete auch, mindestens einer der Schädel habe die Augen bewegt und versucht zu sprechen.
Ein, zwei Jahrzehnte später bekam ein Lokalreporter Wind von der Sache, witterte eine brauchbare Story und suchte nach Augenzeugen, die damals bei der Verbrennung dabei gewesen waren. Es stellte sich heraus, dass offenbar alle Männer, die damals zugegen gewesen waren, kurz danach einen brutalen oder sonstwie äußerst unschönen Tod gestorben waren.
Suff, Selbstmord, schlimme Unfälle mit landwirtschaftlichem Gerät ...
Kurz nach der Hinrichtung der drei Hexen - dass es sich bei den drei Verurteilten um solche gehandelt hatte, zog nach der Nachricht von den feuerfesten Schädeln niemand mehr ernsthaft in Zweifel - fand zudem eine Sondersitzung im Rathaus von Maidenhead statt ...

***

"Auf dieser Sitzung wurde einstimmig beschlossen, dass vom Gericht in Maidenhead verkündete Todesurteile fürderhin nicht mehr vor Ort in Maidenhead, sondern in London vollstreckt werden sollten."
Miss Rutherford machte eine Pause und trank einen Schluck von ihrem Tee.
"Ein Protokoll der Sitzung wird übrigens bis heute im Rathausarchiv verwahrt." Die alte Dame lächelte charmant. "Ich habe es gelesen."

***

Deputy Corbijn runzelte noch die Stirn, aber bei mir war der Dime schon auf halber Strecke der Erzählung der Bibliothekarin gefallen.
Ich sah Suko an, der zog einen Flunsch und nickte.
Wir hatten beide die selben Schlüsse gezogen.
Das also war des Pudels vielzitierter Kern.
Von wegen fahrender Scholast. Vielmehr ein alter Hexenfluch. Ein Bannfluch, ein Bann, der gebrochen worden war, ein Fluch, der in Erfüllung gegangen war.
Getriggert, also ausgelöst, durch die Hinrichtung, die die Gangster am Ort des Geschehens durchgezogen hatten.
"Das ist ja ein Ding", staunte mein Partner.
Nie wieder hatte auf der alten Richtstatt ein Mensch getötet werden sollen. Und man hatte sich daran gehalten und dort nie wieder jemanden hingerichtet.
Bis die Gangster kamen und dort einen der ihren ermordeten.
Der Frevel war getan, also ging der Fluch der Hexen in Erfüllung, indem ihre Köpfe, die man nicht hatte verbrennen können, aus ihrem Grab, der Feuergrube, zurückgekehrt waren, um Angst, Schrecken und Tod zu verbreiten.
Was ihnen bisher durchaus gelungen war, und das sogar am Tage des Herrn.
Wenn andere Leute in Ruhe und Frieden ihr Wochenende genießen.
Ach, egal.
"Und nun Sie", sagte Miss Rutherford leise. "Warum hat Sie diese Geschichte so brennend interessiert?" Sie ließ ihren Blick über unsere kleine Runde schweifen, und er war stockfinster.
"Ist es das, was ich denke?"
Deputy Corbijn sah mich wieder fragend an, und wieder nickte ich. Daraufhin erzählte sie Miss Rutherford in groben Zügen, was seit dem Mittag passiert war.
Als Corbijn geendet hatte, schüttelte die Bibliothekarin nur schweigend den Kopf.
"Haben Sie damit gerechnet, dass so etwas geschehen würde, Miss Rutherford?", beendete Suko, an Miss Rutherford gewandt, die Stille.
Sie sah uns an. "Damit, dass die Schädel der Hexen eines Tages aus der Feuergrube empor fahren würden, um sich an den vermeintlichen Nachkommen ihrer Peiniger zu rächen?" Sie schüttelte entschieden den Kopf. "Nein. - Aber man sagt, jeder Fluch fällt irgendwann auf denjenigen zurück, der ihn ausspricht. Und dann ist das, was hier geschieht, nur folgerichtig. Denn indem sie sich wieder manifestiert haben, haben die drei Hexen gleichzeitig Ihnen" - dabei sah sie Suko und mich an - "die Möglichkeit gegeben, die Teufelsbrut endgültig dahin zu jagen, wo sie hingehört. Nämlich in die Hölle."
Wow.
Schön formuliert.
Ich lächelte wohl. Miss Rutherford zwinkerte mir zu.
Suko machte den erhabenen Augenblick ziel- und treffsicher zunichte.
"Noch haben wir erst zwei der drei Hexenschädel erwischt."
Ich verdrehte die Augen und winkte ab.
Ich wollte etwas sagen und blickte zu Miss Rutherford. Sie hatte den Kopf gedreht, sah in Richtung Fenster und hatte mir dabei ihr scharf geschnittenes Profil zugewandt.
Ich sah, wie der im Dämmerlicht des Cafés mausgraue Dutt leicht zitterte. Gleichzeitig spürte ich, wie sich das Kreuz auf meiner Brust in Sekundenschnelle intensiv erwärmte. Mein Blick folgte dem von Miss Rutherford.
Wie heißt es so schön? - Wenn man vom Teufel spricht ...
Draußen vorm Fenster schwebte der letzte verbliebene der drei fliegenden Hexenschädel.
"Schau´ an. Wenn man von Schädeln spricht ...", hörte ich Suko flüstern. "Aller guten Schädel sind drei. Wie sieht´s aus? Packen wir sie uns? Jetzt oder nie!"
Ich nickte, ohne ihn anzusehen. Manchmal ging er mir schon ein kleines bisschen auf die Nerven.
"Unglaublich", flüsterte Miss Rutherford. "Dass ich das noch erlebe ..."
Bevor noch eine oder einer von uns reagieren konnte, handelte der Schädel.
Prompt war mal wieder die Hölle los.
Und das - auch das waren wir hinlänglich gewohnt - nicht nur sprichwörtlich.

***

Mit einem infernalischen Krachen knallte der Schädel durch die Glasscheibe. Scherben regneten auf uns hinab. Im Hintergrund hörte ich überraschte Schreie; dann entsetztes Schreien. Stühlerücken, Rufe, schnelle Schritte in Richtung des Ausgangs in meinem Rücken.
Ein heißer Wind fegte durch das zerbrochene Fenster in die Gaststube, bei dem es sich definitiv um kein Wetterphänomen handelte. Der Schädel schoss in den Raum, haarscharf über unsere blitzschnell eingezogenen Köpfe hinweg.
Suko und Deputy Corbijn waren praktisch gleichzeitig auf den Tisch zwischen uns gesprungen, Corbijn ihre Dienstwaffe, Suko die schlagbereite Dämonenpeitsche in der Hand.
Der Schädel flog eine sanfte Kurve, wobei er die auf einem Regal hinter der Theke aufgereihten Whisky-, Schnaps- und Likörflaschen abräumte.
Noch mehr Gekrache, noch mehr Scherben.
Ein kurzer Blick in die Runde genügte, um festzustellen, dass alle anderen Anwesenden offenbar aus dem Café geflüchtet waren.
Im Sitzen zog ich die Beretta und legte auf den Schädel an.
Der ahnte womöglich, was ich vorhatte, spürte vielleicht sogar instinktiv, dass die Waffe mit Kugeln aus geweihtem Silber geladen war, gegen das für ihn kein Kraut gewachsen war, und ging blitzschnell hinter dem Tresen auf Tauchstation.
Im nächsten Moment ertönte aus genau dieser Richtung ein spitzer Schrei.
Jemand wirbelte hinter dem Tresen hoch. Es war die junge Kellnerin, das Mädchen, das uns an unserem Tisch mit Getränken versorgt hatte. Offensichtlich war sie, anstatt wie alle anderen schnurstracks die Beine in die Hand zu nehmen und den Laden zu verlassen, hinter der Theke in Deckung gegangen.
Sie taumelte, sprang herum und drehte sich mehrmals um die eigene Achse und schrie dabei die ganze Zeit weiter.
Dann sah ich, was los war.
Der Schädel hatte sich anscheinend im Nacken des Mädchens verbissen.
"Verdammt!", hörte ich Corbijn und Suko unisono im Chor fluchen. Miss Rutherford flüsterte hinter vorgehaltener Hand: "Oh mein Gott!" Ihre Augen waren groß wie Untertassen; und mindestens ebenso starr.
Corbijn und Suko fluchten, weil es unmöglich war, in dieser Situation dem Schädel mit Peitsche oder Pistole zu Leibe zu rücken. Die Gefahr war zu groß, den Schädel zu verfehlen und das Mädchen zu treffen.
Ich reagierte blitzschnell.
Mit der freien Hand riss ich mir das Kreuz vom Hals, wobei die Kette, an der ich es trug, zu Bruch ging.
Die Kette war egal. Das Kreuz war gefühlt siedend heiß.
Ich streckte es dem Schädel im Nacken des Mädchens entgegen und brüllte die Formel!
"Terra pestem teneto - salus hic maneto!"
Ich selben Moment brach das Mädchen schreiend hinter der Theke zusammen und entschwand unseren Blicken.
Plötzlich herrschte Totenstille.
Ein, zwei Sekunden rührte sich niemand.
Mag sein, wir hielten sogar alle kurz den Atem an.
Dann sprangen Suko und Corbijn vom Tisch. Im nächsten Moment waren beide mit einem Satz auf dem Tresen, wobei sie den Raum dahinter mit ihren Waffen sicherten.
Corbijn sprang hinter die Theke, drei Sekunden später tauchte sie wieder auf, das völlig verängstigte, zitternde und wimmernde Mädchen im Arm.
Der Schädel, der ihr im Nacken gesessen hatte, war von dort verschwunden.
Blut lief in einem dünnen Rinnsal ihren Nacken hinab und tränkte den Rücken ihrer weißen Bluse. Ich blickte Miss Rutherford an. Die alte Dame hatte sich offenbar blitzschnell wieder gefasst. Sie verstand sofort, griff nach ihrem Mobiltelefon, das vor ihr auf dem Tisch lag, und rief einen Notarzt.
Die Gesichtsfarbe des Mädchens fiel mir auf. Sie war aschfahl, grau wie das Antlitz einer Toten. Einer Toten, die nicht erst gestern oder vor ein paar Minuten gestorben war.
Ihre kurzen, gerade noch - wie ich deutlich erinnerte - pechschwarzen Haare wiesen dieselbe Farbe auf wie das Gesicht.
Aschfahl.
Totengrau.
Deputy Corbijn klärte die Situation und die Erscheinung auf, indem sie dem Mädchen die kurzen Haare verstrubbelte.
Feine graue Asche nieselte heraus, auf ihre Schultern und zu Boden.
Die letzten sterblichen Überreste des letzten der drei dämonischen fliegenden Hexenschädel.
Der Fluch war gebannt. Nein, er war aufgehoben. Die Schädel waren vernichtet. Und die Hexen konnten nun endlich zur wohlverdienten Hölle fahren.
Deputy Corbijn lächelte mir zaghaft zu.
Ich lächelte zurück und nickte.
Der Spuk der fliegenden Schädel war vorbei.

***

Der Abend dämmerte bereits, als wir uns von Deputy Melanie Corbijn verabschiedeten. Der Audi hatte eine nagelneue Frontscheibe.
"Man muss nur die richtigen Leute kennen", grinste Deputy Corbijn und wackelte vergnügt mit dem Kopf. Ich ermahnte sie, Ernst zu wahren, immerhin waren an jenem Tag zwei ihrer und auch unserer Kollegen auf grausame Art und Weise ums Leben gekommen.
"Aber jetzt ist es vorbei, oder?"
Nun war es an mir und meinem Partner, mit den Köpfen zu wackeln.
"Das können wir nur hoffen, Deputy. Genau weiß man das bei der anderen Seite nie."
Deputy Corbijn schien nachzudenken.
"Die andere Seite ist wichtig, oder?"
"Nun", sagte ich lächelnd, "für ein paar Ganztagsstellen beim Yard allemal wichtig genug."
"Sicher." Sie grinste. Wir schüttelten einander zum Abschied die Hände. "War auf alle Fälle nett, mal wieder mit Leuten aus der Stadt zu tun zu haben. Und wie heißt es so schön: Man trifft sich immer zweimal im Leben."
"Das nächste Mal dann hoffentlich unter angenehmeren Umständen."
"Grüße an Big Ben."
"Machen wir glatt."

***

Auf der Rückfahrt verglichen Suko und ich unsere Bodycounts.
"Headcounts trifft es in diesem Fall wohl eher", sinnierte mein Partner laut, dem ich wieder das Steuer überlassen hatte. Sukos harte Birne schien von der brachialen Begegnung mit dem Lenkrad des Audi keine schwerwiegenden Schäden davon getragen zu haben. Sein Schädel war offenbar unkaputtbar.
"Na schön. Wer hat wie viele Schädel erledigt?"
"Mal sehen." Ich zählte an den Fingern ab beziehungsweise auf. "Ich hab´ den Schädel des Gangsters mit einer Silberkugel erwischt."
"Zählen wir den mit?", erkundigte sich mein Partner grinsend.
"Natürlich. Warum nicht?"
"Ich frag´ ja nur. - Okay. Also ein Punkt für dich."
"Daraufhin hast du den ersten Hexenschädel mit der Peitsche geknackt."
"Eins zu eins. Suko gleicht aus zum Remis. Das Publikum tobt vor Begeisterung."
Ich hob warnend den Zeigefinger. "Abwarten."
"Warten? Worauf?" Mein Partner hupte einen PKW auf den Seitenstreifen, in dem ein älteres Ehepaar saß. Als wir sie überholten, zeigte uns die Frau vom Beifahrersitz aus den Stinkefinger.
"Festnehmen?", schlug ich grinsend vor. "Mit Leibesvisitation und allem Pipapo?"
Suko verzog das Gesicht. "Ne, lass´ mal, irgendwann muss auch mal Feierabend sein. Wo war ich stehen geblieben?"
"Schädel Nummer drei."
"Genau. Jener welcher, der ebenfalls Zorros Rache anheimgefallen ist ..."
"Tatsächlich?" Ich tat überrascht. "Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihm das Kreuz auf die Stirn gedrückt und ihn damit in ein Häufchen Asche verwandelt."
Suko sah mich an und schüttelte den Kopf. "Wenn ich mich recht entsinne, war er da schon so gut wie tot. Sogar toter als tot, wenn man in Betracht zieht, dass die Schädel ja die ganze Zeit über schon tot waren."
"Machen wir halbe-halbe", schlug ich vor, schon um des lieben Friedens willen.
"Dann steht´s immer noch remis", resümierte der Inspektor.
"Tja. Womit wir bei Schädel Numero Quattro wären." Ich kratzte mich demonstrativ am Kinn. "Den - da dürften wir uns ausnahmsweise einig sein - meine Wenigkeit mithilfe des Kreuzes erledigt hat."
"Du?" Suko tat mehr als erstaunt. "Du hast gar nichts. Dein Kreuz hat ihn erledigt. Ganz allein. Du warst bloß Stichwortgeber. Wie jedesmal."
"Moment mal ..." Ich dachte nach.
Suko grinste von einem Ohr zum anderen. "Stimmt´s oder hab´ ich recht?"
"Das Kreuz ist die ultimative Waffe des Sohns des Lichts", fing ich an, hörte aber selber, wie lahm ich dabei klang.
"Denk´ mal drüber nach", sagte Suko. "Bis dahin gilt: anderthalb Punkte für Inspektor Suko, anderthalb Punkte gehen an Oberinspektor Sinclair. Remis."
Ich war zwar immer noch nicht überzeugt, ließ es aber darauf beruhen. Darüber nachdenken würde ich später aber bestimmt nochmal.
Auf der anderen Seite der Rechnung standen fünf tote Gangster, zwei tote Polizisten und eine tote Austauschschülerin.
Die Gangster waren uns herzlich egal, aber das Mädchen und die Kollegen waren Verluste, die uns trotz aller Flachserei an die Nieren gingen.
Eine Stunde später waren wir wieder in London. Nach der beinah ländlichen Idylle in Maidenhead schlugen uns der Lärm und das Gewühl der Stadt wie eine geschlossene Faust
entgegen.
"Ich habエ einen Mordshunger."
"Verdammt, jetzt wo du´s sagst ..."
"Luigi´s?"
"Hat der noch offen?"
"Sonntags abends? Was denkst du denn?"
"Dann nichts wie hin!"

***

Eine letzte Wendung erhielt der Fall der fliegenden Schädel am folgenden Tag, als mich ein Anruf von Franklin von der Spurensicherung erreichte.
Sie hatten alle Toten aufgrund der Papiere in ihren Taschen identifizieren können, denjenigen, der den Kopf verloren hatte, inklusive. Sein Name war William Hill gewesen.
Alle drei hatten ersten Erkenntnissen zufolge auf der Lohnliste eines gewissen Mikey O´Bannon gestanden, einer in jeder Hinsicht gewichtigen Figur in der Londoner Unterwelt. Der kriminellen, nicht der schwarzmagischen.
"Und jetzt kommt´s", kündigte Franklin den Knüller an, den er meinte, mir mitteilen zu müssen.
"Bin ganz Ohr", sagte ich.
"In Dolans Jackentasche haben wir einen Schlüssel gefunden. Für ein Gepäckschließfach am Flughafen Heathrow. Wir konnten es uns nicht verkneifen, mal einen Blick hinein zu werfen, und was finden wir da?"
Er machte eine Kunstpause.
"Sie werden es mir gleich sagen."
"Eine Sporttasche voller Banknoten. Vom Hunderter an aufwärts. Insgesamt fast 80.000 Pfund Sterling."
"Darum ging es also?", fragte ich.
"Was meinen Sie?", fragte Franklin zurück.
"Deswegen mussten fünf Männer sterben?"
Franklin zögerte. "Vielleicht war es auch die Bezahlung dafür. Dass jemand sie umbrachte."
"Oder das Geld hat mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Mikey O´Bannon wird´s wissen."
"Tja. Das rauszufinden ist Ihr Job, nicht meiner."
"Nicht wirklich. Mein Job ist in diesem Fall schon erledigt." Ich überlegte kurz. "Danke für die Info, Franklin", sagte ich und beendete das Gespräch.
Wieder dachte ich an die fliegenden Schädel und konnte selbst nur den Kopf schütteln. Aus der dunklen Vergangenheit, die Jahrhunderte überdauert, begraben in tiefer Erde, hatte der Fluch uns heimgesucht.
Wer wusste schon, was sonst noch alles in Englands und aller Kontinente Erde begraben lag und nur darauf wartete, sein Haupt zu erheben und aufzuerstehen.
Welche Bedrohungen, Gefahren, Bestien und bösen Geister?
Eins war klar.
Es würde nie aufhören.
Nie.
Immerhin, dachte ich, als ich zum Wagen ging. Auch mal in Maidenhead gewesen.
Ich griff zum Telefon und rief einen Kollegen aus der Personalabteilung an, der mir noch einen Gefallen schuldete. Am Ende des Gesprächs zeigte er sich zuversichtlich, dass für Deputy Melanie Corbijn bald wieder eine Stelle beim städtischen Polizeidienst frei werden könnte.


ENDE.
 
 
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