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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
15
36.733
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28.08.2020 1.565
 
Gleich nachdem Molly seine Wohnung mit frischer Unterhose und sauberem Shirt verlassen hatte und zur Arbeit aufgebrochen war, huschte Sherlock durchs Bad, kramte die Telefonnummer aus seinem Schieber und setzte sich in das nächste Taxi.

Mycroft verfügte über die besten Überwachungsmöglichkeiten im gesamten Land, hatte Kontakte zu Spitzeln und Hackern der Spitzenklasse, aber er wusste seinen kleinen Bruder auch zu deduzieren wie kein Zweiter und Sherlock wollte nicht riskieren, dass er Verbindungen zu Molly schloss, die ihn nichts angingen. Außerdem hätte er sich förmlich in Genugtuung gesonnt, hätte Sherlock ihn um Hilfe ersucht.

Nein, das warf nur Fragen auf. Und verursachte mehr als nur Widerwillen in Sherlocks Magengegend.

Lestrade war nichtsdestotrotz die bessere Adresse. Und für sein Vorhaben wohl auch mehr als ausreichend, schließlich ging es hier nicht um einen Kriminellen der Extraklasse, sondern um einen...

Tja, um wen es sich handelte, könnte Sherlock nach seinem Besuch im Yard hoffentlich näher beziffern.

Der dichte Londoner Verkehr rauschte an ihm vorbei, während er aus dem Fenster starrte. Die dicke Wolkendecke des gestrigen Tages war ein wenig aufgeklart, aber es wehte ein stärkerer und unangenehm kühler Wind. Hinter dem Glasscheibe störte Sherlock das allerdings herzlich wenig.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Taxi hielt und Sherlock ins Yard eilte. Er kannte die Gänge so gut wie seine Westentasche, steuerte zielgerichtet auf das Büro des DI zu, als wäre er selbst schon jahrelang hier beschäftigt. Bei dem Gedanken musste er unwillkürlich schmunzeln. Seine Talente wären hier wahrlich verschwendet.

Lestrade sah Sherlock völlig verdutzt an, als dieser in sein Büro gestürmt kam.

„Sherlock!“, sagte er nur und schien den Stapel Akten um sich herum für einen kurzen Moment zu vergessen.

„Ich brauche alles, was Sie zu einem Brian mit dieser Telefonnummer hier wissen“, sagte Sherlock, ohne sich mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten und reichte ihm den Zettel.

„Sherlock, sehen Sie doch, ich habe zu tun!“, erwiderte Greg ausweichend und deutete auf die Papierberge. Offenbar war er wirklich im Stress, denn er hatte nicht einmal seinen Kaffee angerührt, aus dem schon längst keine heißen Dampfwolken mehr aufstiegen. Die Haar des Inspektors stand wirr von seinem Kopf ab, als hätte er es sich gerauft und seine Augen wirkten leicht gerötet und überanstrengt. „Außerdem kann ich das unmöglich machen. Das verstößt das gegen den Datenschutz!“, setzte er nach.

“Diese Grenze haben wir schon überschritten, als Sie mich das erste Mal an einen Tatort gebeten haben“, erwiderte Sherlock ungerührt und setzte sich provokant auf einen der Stühle, um zu signalisieren, dass er nicht eher fortgehen würde, bis er die Informationen hatte, die er brauchte. Sie gaben sich ein kurzes Blickduell, das Sherlock offenbar nach wenigen Sekunden gewonnen hatte, denn Greg seufzte schließlich resigniert auf. Er stand in Sherlocks Schuld und das wusste er.
Widerwillig erhob er sich und verließ mit dem Zettel in der Hand das Büro.

Sherlock lächelte.

***

Eine gute Stunde später hielt Sherlock alles in der Hand, was das Yard über Brian Timothy Scott, geboren am 04. August 1982 in Wokingham, wusste.

Sein Lebenslauf lies sich recht uninteressant. Er wuchs als Einzelkind bei seiner Mutter auf, nachdem sie sich vom Kindsvater hatte scheiden lassen, als er sechs Jahre alt war. Nach seiner Schullaufbahn hatte er ein spießig-vernünftiges Wirtschaftsstudium aufgenommen, es aber nicht sehr weit gebracht. Interessanter war da schon die derzeitige Adresse seines Arbeitgebers, bei dem er eine Stelle im Purchasing bekleidete. Von noch größerem Interesse allerdings war seine private Wohnanschrift und die Tatsache, dass er bereits polizeilich bekannt war.

Bisher waren zwei Strafanzeigen gegen ihn wegen sexueller Nötigung gestellt, aber letzten Endes wieder fallen gelassen worden, da es an Beweisen mangelte. Sexualdelikte waren generell nur schwer aufzuklären. Oft stand Aussage gegen Aussage und wenn das Opfer nach einer Vergewaltigung nicht sofort zu den dafür zuständigen Institutionen zur Sicherstellung etwaiger Spuren ging, dann war eine Anzeige nahezu aussichtslos. Zeugen gab es selten. Und dazu kamen die Grauzonen, wie es bei Molly der Fall gewesen war.

Sie hatte ursprünglich ihre Einwilligung gegeben. Niemand hatte sie zwingen und gewaltsam festhalten müssen, um sie zu fesseln. Aber nachdem sie gemerkt hatte, worauf dieser Brian aus war und dass er sich an ihrem Leid ergötzte, hatte sie sich zunächst gewehrt und es dann schließlich über sich ergehen lassen.

Die körperliche Unterlegenheit von den Opfern führte viel zu oft genau dazu, dass sie ihren Widerwillen nicht äußerten. Dass sie sich nicht trauten Nein zu sagen, weil sie instinktiv wussten, dass es nichts brachte und ihre Lage möglicherweise noch verschlimmerte. Laut Gesetz reichte ein klar kommuniziertes „Nein“, um eine sexuelle Handlung zu einer Straftat werden zu lassen, aber den Opfern half das herzlich wenig. Es hatte auch Molly nicht geholfen. Und auch nicht den beiden Frauen, die sich polizeiliche Hilfe gesucht haben.

Sherlock ballte die Hände zur Faust. Das war niederträchtig. Intellektuell nicht sehr fordernd, aber moralisch betrachtet einfach abscheulich, sich an Unschuldigen und nahezu Wehrlosen zu vergehen. Und Sherlock war sich sicher, dass das Vorstrafenregister dieses Brian Scott erheblich länger sein musste, als das, was das Yard zu bieten hatte. Aber genau das brachte ihn auf eine Idee.

„Wozu brauchen Sie eigentlich diese Daten?“, fragte Lestrade, der Sherlocks Reaktion offenbar genau beobachtet hatte. Wie auf ein Zeichen erhob sich Sherlock wortlos und verließ das Büro. Ein knappes Nicken als Dankeschön musste genügen. Er konnte und wollte keine Fragen beantworten. Es reichte, dass er in Mollys Privatsphäre eingedrungen war. Er wollte keine weiteren Parteien involvieren, wenn es nicht unbedingt notwendig war - erst recht keine Parteien, die sie kannten.

***

Sherlock saß auf einem recht gemütlichen Sofa in einem Apartment East Londons und wartete. Gedämpfte Straßengeräusche drangen durch die Fenster und überlagerten die Musik vom Stockwerk darüber nur unzureichend.

Brians Wohnung war weder nobel noch sonderlich groß. Es war gerade das, was sich jemand leisten konnte, der ein durchschnittliches Gehalt bezog. Die Unordnung war überwältigend, aber nicht sonderlich überraschend. Der fehlende Ordnungssinn einer Frau zeigte sich, wohin man nur blickte. Alles schrie nach einem Singledasein.

Auf dem Küchentisch stand ein einzelner benutzter Teller mit einer Kaffeetasse, die nur zur Hälfte ausgetrunken war. Die Krümel auf der Tischplatte stammten definitiv von mehr als einer Mahlzeit, die Brian zu sich genommen hatte. Das Interior war zweckdienlich und kaum aufeinander abgestimmt. Dekoartikel fehlten gänzlich. Das Bett reichte zwar für zwei Personen, auf der Matratze lag allerdings nur eine Decke und ein einzelnes Kissen. Die Flecken auf der Bettwäsche verrieten Sherlock, wie viele Wochen dieser Widerling sich schon einen runter geholt hatte, ohne die Wäsche zu wechseln. Auch das Bad war wenig hygienisch und der Toilettendeckel natürlich nach oben geklappt.

Obwohl sich Sherlock hier wenig wohl fühlte und seinen Platz auf der Couch notdürftig mit der Hand von Fusseln und Krümeln hatte befreien müssen, lächelte er - besonders dann, wenn sein Blick auf den dicken Briefumschlag neben ihm fiel oder er die Bilder in seinem Inneren durchblätterte.

Er hatte seine Hausaufgaben gemacht.

Es war erstaunlich, was man alles über Menschen in Erfahrung bringen konnte. Wenn selbst Programme für Marktforschungszwecke herausfinden konnten, welche Zahlungsmittel eine Person bevorzugte und wie viel Futter seine fette Hauskatze vertilgte, dann konnte man nur ahnen, wozu ein guter Hacker imstande war. Und Sherlock kannte gute Hacker.

Sehr gute Hacker.

Der Umschlag enthielt vor allen Dingen Bilder. Kompromittierende Bilder. Abstoßende Bilder. Leider auch Bilder von Molly, aber seine persönlichen Emotionen, wenn er sie so sah, versuchte Sherlock in den Hintergrund zu drängen. Er durfte nicht unüberlegt handeln. Er durfte auf keinen Fall die Kontrolle über sich und die Situation verlieren. Die Bilder dienten einem Zweck. Und zu den Bildern gab es natürlich auch Namen. Identitäten. Adressen. Auf jeden Fall genug, um diesen elenden Brian Timothy Scott hinter Gitter zu bringen. Oder medial zu diskreditieren. Ihn so sehr zu schädigen, dass er London getrost verlassen konnte - wenn nicht sogar gleich das Land.

Sherlocks Augen leuchteten siegessicher. Das Einzige, was er tun musste, war, dieses Ekel mit seinen Taten zu konfrontieren. Zu gern hätte Sherlock Gleiches mit Gleichem vergolten. Zu gern hätte er ihn in eine ähnliche unterlegene Lage gebracht und sich an seinem Leid ergötzt. An den Schreien. Dem schmerzverzerrten Gesicht. Vielleicht sogar an den Klang der brechenden Knochen. Aber das hatte keinen Stil. Es hätte ihn kein Stück besser gemacht. Und es hätte vermutlich auch keinen nachhaltigen Einfluss.

Brian sollte in Angst leben. In Angst vor Sherlock Holmes und in Angst, mit seinen Neigungen und Taten aufzufliegen. Sherlock wollte ihn stoppen. Für Molly kam die Hilfe zu spät, aber vielleicht nicht für zukünftige Opfer. Vielleicht konnte er nur ein paar Unschuldige da draußen davor bewahren, Ähnliches zu erleben.

Zugegeben: Der Gedanke, die Welt mit seinen Fähigkeiten ein kleines bisschen besser zu machen, war für Sherlock selten wirkliche, echte Motivation. Der Nervenkitzel, ein Rätsel zu lösen, sich mit Menschen zu messen, die ähnlich clever waren wie er und andere damit zu beeindrucken, den Kriminellen immer ein kleines Stück voraus zu sein, kitzelte und reizte ihn viel mehr. Alles andere war nettes Beiwerk. Aber in diesem Fall beruhigte das Motiv der guten Tat sein schlechtes Gewissen, das ihn seit gestern Abend leise aber fortwährend begleitete.

Fast hätte ihn dieser Gedanke und das zarte Gefühl der Schuld vom Wesentlichen abgelenkt, als er leise Schritte im Treppenhaus vernahm, die sich näherten. Und schließlich das Kratzen am Türschloss hörte, als Brian versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Oh, es war soweit. Innerlich rieb sich Sherlock die Hände. Und war gespannt auf den Blick dieses Rüpels, wenn er bemerkte, dass er nicht allein Zuhause war...
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