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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
15
36.733
11
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
24.08.2020 1.890
 
Anmerkung: Liebe Leser, es ist soweit. Das Rätsel um die mysteriöse und völlig unspektakuläre Nachricht aus dem ersten Kapitel wird endlich gelöst :D

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Sherlock kämpfte gegen die Müdigkeit, die seine Lider immer schwerer werden ließ.

Konzentration. Er musste sich voll und ganz auf Molly konzentrieren.

Ihre Atmung war flacher geworden, ihre Augen geschlossen, aber noch hatte sie die REM-Schlafphase nicht überwunden. Wenn er sich jetzt von ihr löste und aus dem Zimmer schlich, würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder aufwachen. Nein, er musste warten und sich in Geduld üben und durfte auf keinen Fall selbst wegdämmern.

Molly hatte das Gesicht mehr oder weniger an seinem Hals vergraben und das einfallende Licht war mittlerweile so schwach, dass Sherlock nur schwer auf die Augenbewegungen hinter ihren Lidern achten konnte. Das war schlecht. Das nahm ihm die sicherste Grundlage, um zu beurteilen, ob sie sich im Tiefschlaf befand oder nicht. Ihre Atem- und ihre Herzfrequenz mussten ausreichen, um ihm die nötigen Hinweise zu geben. Noch zuckte hier und da ein Muskel, noch ging ihr Puls etwas zu schnell, noch immer würde er warten müssen, während es zunehmend dunkler in seinem Zimmer wurde. Gott sei Dank lag es auf der Hinterseite des Hauses und war so vor den Geräuschen der Straße weitestgehend geschützt.

Nach weiteren fünf Minuten versuchte sich Sherlock vorsichtig zu bewegen und stellte zufrieden fest, dass Mollys Körper kaum darauf reagierte. Sie veränderte kurz ihre Position nachdem er sich von ihr gelöst hatte, schlief ansonsten aber friedlich weiter. Er schwang so geräuschlos wie möglich die Beine aus dem Bett, ließ seine Hose auf den Boden gleiten, aber zog sich die Unterhose wieder hoch. Dann huschte er durch seine Tür.

Molly rührte sich nicht.

Natürlich war es kein Zufall gewesen, dass er sie darum gebeten hatte, ihr Handy lautlos zu schalten und es ihm auszuhändigen. Natürlich hatte er genau darauf geachtet, wie sie das Display entsperrte und sich die Zahlenkombination gemerkt. Zumindest die drei Zahlenkombinationen, die er für möglich hielt. Er hatte keinen direkten Blick auf das Display erhaschen können, da sie ihm gegenüber gestanden hatte, aber das, was er hatte, würde genügen.

Die Zugangsdaten zu ihrer Cloud befanden sich in einem Schieber seines Schreibtisches. Sein Laptop war wie immer im Ruhemodus, sodass er keine Zeit mit Hochfahren verschwenden würde. Ihr Handy würde ihm lediglich als Absicherung dienen. Wenn ihre Cloud durch eine Zwei-Faktor-Authentifizierung gesichert war - wovon er ausging - würde er mit dem Login selbst nicht sehr weit kommen. Dass sie zum Überwinden der zweiten Barriere ihren Fingerabdruck verwenden würde oder gar eine Sicherheitsdatei, schloss er aus. Sie war keine Irene, die hochsensible Daten von Schlüsselfiguren sammelte und mit ihrem Leben verteidigen musste. Sie war Molly und in diesem Zusammenhang wohl Otto Normalverbraucher. Nein, viel wahrscheinlicher war, dass als zweite Authentifizierung ein Code an ihr Handy gesendet würde.

Sherlock schlich zu seinem Schreibtisch und griff nach Mollys Telefon. Die erste mögliche Zahlenkombination ging ins Leere, aber die zweite entsperrte wie erhofft das Display.

ICH KÖNNTE DIR EINE KLEINE VERSUCHSREIHE VORSCHLAGEN. DETAILS FOLGEN, SOBALD DAS TAXI VOR DEINER TÜR GEHALTEN HAT. SH

Sherlock runzelte die Stirn. Wieso hatte sie sich seine letzte Nachricht noch einmal durchgelesen, bevor sie ihm das Handy überreicht hat? Und was für einen Unfug er da geschrieben hatte! Er sollte Dinge wie diese besser lassen. Seine Kompetenzen lagen eindeutig woanders. Und seine Prioritäten gerade auch.

Er lauschte noch einmal in die Stille, aber alles blieb ruhig. Dann öffnete er seinen Laptop, der sofort aufleuchtete. Mit wenigen Klicks und mithilfe der Zugangsdaten hatte er sich schnell in die Cloud eingewählt und nur wenige Sekunden später leuchtete auch Mollys Handy auf.

Bingo!

Er tippte den angezeigten Code ein und hatte in Windeseile Zugriff auf das komplette Back-Up ihres Telefons. Das leise aufkeimende Schuldgefühl, unrechtmäßig in ihre Privatsphäre einzudringen, schob er ungeduldig zur Seite. Das hier war wichtiger. Und musste schnell gehen.

Entgegen seiner ersten Überlegungen hielt sich Sherlock nicht damit auf, nach irgendwelchen Nachrichten oder Anzeichen einer Dating-App zu suchen. Wenn Molly sich auf eine intime Begegnung mit jemanden eingelassen hatte, dann war das deutlich privaterer Natur. Dann kommunizierte sie nicht mehr über eine App oder einen Messenger, sondern hatte vermutlich ihre Mobilnummer herausgegeben.

Mithilfe ihres Handys und der in der Cloud hinterlegten Daten glich er ihre Kontaktliste ab und musste gar nicht lange suchen. Unter B fand er eine Handynummer, die in der Cloud noch existierte, aber nicht mehr auf ihrem Telefon. B wie Brian. Hastig und mit einem winzigen Triumphgefühl notierte sich Sherlock die Nummer, überflog dann noch die restlichen Kontakte, konnte aber keine anderen Abweichungen mehr feststellen.

Er schaute auf die Uhr. Insgesamt waren jetzt sieben Minuten vergangen. Molly würde bald wieder in eine leichtere Schlafphasen übergleiten. Er loggte sich aus, warf den Zettel mit den Zugangsdaten und der Nummer wieder in seinen Schieber, legte das Handy genau an die Stelle, wo es vorher gelegen hatte - natürlich nachdem er die Nachricht mit dem Code gelöscht und wieder den Chatverlauf mit sich und Molly geöffnet hatte - und schlich sich zurück in sein Bett und an Mollys Seite.

Das war fast schon zu einfach gewesen, um wahr zu sein.

Und tatsächlich hatte Sherlock einen winzig kleinen Fehler begangen. Hatte eine Sache nicht bedacht in all seinen Überlegungen, die er auch jetzt noch nicht bemerken sollte, als er die Augen schloss und in einen leichten Schlaf abdriftete.

***

Als Molly am nächsten Morgen erwachte und sich anhand von Sherlocks Atemzügen erinnerte, wo sie sich befand, öffnete sie zaghaft ihre Augen und versuchte sich nicht zu bewegen. Sie wollte ihn nicht wecken, wollte lieber den Augenblick und die Tatsache genießen, dass sie hier neben ihm in seinem Bett liegen durfte. Dass sie ihm beim Schlafen zusehen und ungeniert in sein faszinierendes Gesicht blicken durfte. Sie wollte den Schmetterlingen in ihrem Bauch nachspüren, von denen sie jedoch feststellte, dass sie heute nicht ganz so munter und aufgeregt darin herum flatterten wie sonst.

Sie hatte nie darauf zu hoffen gewagt, jemals mit Sherlock zu schlafen. Sie hatte es sich in allen Details immer und immer wieder ausgemalt, aber nie damit gerechnet, dass es wirklich einmal soweit käme. Sollte sie sich nicht glücklich fühlen? Sich in einem verliebten Freudentaumel wieder finden?

Irgendwie war es ganz anders passiert, als sie es sich vorgestellt hatte. Es war gut gewesen. Sehr gut sogar. Hemmungslos, leidenschaftlich, reizvoll. Sie mochte es, Sherlock so zu sehen. Sie mochte es, von ihm herausgefordert zu werden. Aber ihre sexuelle Erfahrung mit ihm wurde von dem überschattet, was davor passiert war. Sherlock war mit Bedacht und Kalkül vorgegangen, hatte nichts den Zufall überlassen und Molly in ihrem psychischen Zustand immer noch in den Fokus gestellt, war in Summe jedoch weit dominanter und unnachgiebiger vorgegangen als an dem Abend in ihrer Wohnung.

Konnte sie das wirklich? Hatte es ihn vielleicht sogar angemacht, sie zu schlagen? Würde es immer so sein, dass sie eine Strafe zu erwarten hätte, wenn sie nicht tat, was er sagte?

Sie hatte ihn gestern wieder nicht berühren dürfen. Nicht so, wie sie wollte. Sie wollte seinen Herzschlag unter ihren Fingerspitzen spüren, wollte seinen Oberkörper, der gerade nackt vor ihr lag und sich mit seinen tiefen Atemzügen auf und ab bewegte, mit den Lippen erkunden. Ihn schmecken, riechen, fühlen. Ihr aufgewühltes Gemüt wurde nur dadurch etwas besänftigt, dass er sie in seine Arme gezogen und beruhigend gestreichelt hatte. Dass sie ihm nahe sein durfte.

Die ersten Lichtstrahlen tanzten über seinen flachen Bauch und ohne darüber nachzudenken, legte Molly ihre Hand auf seine Haut, spürte die Wärme, die er ausstrahlte und ließ sie langsam nach oben zu seiner Brust wandern. Feine Stoppeln seiner ohnehin spärlichen Behaarung kitzelten ihre Handfläche und drängten sich ihr mit jedem Herzschlag ein Stück entgegen. Das war besser. Viel besser.

Sanft ließ sie ihren Blick über seine Haut und seine Narben wandern. Er fiel auf seine Lippen, die sich so wunderbar auf ihren anfühlten, auf seine Wangenknochen, an denen man sich schneiden konnte und auf seine blau-grünen Augen.

Seine blau-grünen geöffneten Augen.

Molly zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

„Entschuldige, ich... ich...“, stammelte sie und fühlte sich, als hätte man sie beim Stehlen erwischt. Sherlock sah einfach unverwandt in ihr Gesicht, erwiderte jedoch nichts. Sein Blick war unergründlich. „Du hast mir... nicht erlaubt... Ich...“, setzte sie nach, ohne wirklich etwas zu sagen.

Dann grinste er amüsiert, griff nach ihrer Hand und legte sie wieder zurück auf seinen Oberkörper. Ließ sie fühlen, was sie hatte fühlen wollen und wirkte plötzlich um so vieles sanfter. Die Zeit schien für einen kurzen Moment still zu stehen, als sie seinen Herzschlag an ihrer Handfläche und seinen Puls durch die Hand auf ihrem Handrücken spüren konnte.

Seine gestrigen Worte hallten durch ihren Kopf.

...Du hast meinen größten Respekt...
...Sonst hätte ich es niemals so weit kommen lassen...

Es hatte so verdammt aufrichtig geklungen. So verdammt...

„Die Regeln gelten beim Sex, Molly. Nicht in jeder Lebenslage“, sagte Sherlock brummend und riss sie damit aus ihren Gedanken. Molly kam sich auf einmal reichlich dumm vor. Die Schamesröte stieg ihr ins Gesicht und insgeheim verfluchte sie sich, dass sie alles immer zerdenken musste. Dass sie alles so kompliziert machte.

"Was dich eher beunruhigen sollte, ist dein Schichtbeginn im Barts", fügte er hinzu. Molly fiel buchstäblich alles aus dem Gesicht. Sie hatte seit gestern Nachmittag nicht einen Gedanken an die Arbeit verschwendet. Erschrocken riss sie die Augen auf.

"Oh Gott, wie spät ist es?", fragte sie hysterisch und sprang auf. "Ich habe nicht einmal frische Unterwäsche. Verdammt, ich komme bestimmt zu spät!"

Sherlock war sein ewig ruhiges Selbst und verschränkte entspannt die Arme hinter dem Kopf, während er sie beobachtete und damit nur noch wuschiger machte. Ziellos lief sie im Zimmer umher und suchte nach ihrer Kleidung, bis ihr einfiel, dass sie sich gestern im Wohnzimmer ausgezogen hatte. Als sie zur Tür hinaus eilen wollte, sagte Sherlock: "Es ist gegen 7 Uhr und du kannst eine frische Unterhose von mir haben."

Molly hielt inne und verschnaufte kurz. 7 Uhr. Dann hätte sie noch eine Stunde bis zum Schichtbeginn.

Beruhige dich, das schaffst du rechtzeitig, versuchte sie ihrem panischen Ich entgegenzuhalten. Der Hormoncocktail in ihrem Blut war jedoch stärker. Leider.

"Und ein Shirt, wenn du willst", fügte Sherlock noch hinzu und betrachtete ihren nackten Körper flüchtig und unaufdringlich.

"Ein Shirt? Von dir? Die sehen sofort, dass es nicht meines ist!", protestierte Molly und wusste nicht recht, ob sie damit in ihrer Aufregung in ein Fettnäpfchen getreten war. Sherlock hatte doch gesagt, sie müssten diskret vorgehen oder nicht? Aber so wie sie es sagte, klang es fast, als würde sie sich für die Verbindung zu ihm schämen.

"Du trägst einen Kittel", entgegnete Sherlock jedoch nur völlig emotionslos und Molly hätte sich am liebsten die Hand vor den Kopf geschlagen. Richtig. Sie könnte in Reizwäsche oder in einem Cosplay-Kostüm arbeiten und niemand würde es bemerken. "Spring unter die Dusche, ich bringe dir die Sachen", sagte Sherlock und erhob sich noch sichtlich müde von seinem Bett.

Molly bedauerte kurz, dass Sherlock eine Unterhose trug, während er zum Kleiderschrank ging, bis ihr auffiel, dass seine Aussage genau genommen und zum wiederholten Male richtungsweisend war. Ihr Struktur gab, wenn sie gerade kopflos schien.

Sie seufzte. Warum war sie auch nur so furchtbar schnell aus der Fassung zu bringen?
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