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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
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12.09.2020 2.382
 
Brian lag in seinem Bett, alle Viere von sich gestreckt, seinen malträtierten Bauch entblößt. Im Zimmer war es stickig, die gesamte Bude sah aus wie Sau. Er hatte sich um nichts gekümmert. Um gar nichts.

Dieses elende Dreckschwein!

Seine Haut brannte immer noch wie Feuer. Die hübsche Inschrift war entsetzlich entzündet und er konnte nicht sagen, ob es an dem Messer gelegen hatte oder an seinem stümperhaften Versuch, die Wunde zu säubern. Er hatte seit Tagen nicht vernünftig geschlafen und in der Packung auf seinem Nachtschrank waren nur noch drei Schmerztabletten. Sein ganzer Körper schmerzte. Ein Auge war halb zugeschwollen und seine Haut hatte die eingesteckten Fausthiebe sehr sorgfältig kartographiert.

Fuck, er konnte nicht mal Mami anrufen und fragen, was er noch tun konnte. Oder seine Nachbarin darum bitten, für ihn in die Apotheke zu gehen.

Er hatte ernsthaft geglaubt, dass er die Taxifahrt nach Hause nicht überstehen würde. Dass er während der Fahrt ohnmächtig werden würde und in irgendeinem Krankenhaus erwachte. Einem Krankenhaus, in dem er sich erklären musste.

Das Blut war fortwährend weiter in seinen Hosenbund gesickert. Er hatte es fühlen können. Seine Kleidung war klebrig und durchnässt gewesen. Er hatte gezittert und hätte am liebsten gewimmert, wenn es im Auto ruckelte und sein Shirt über die Wunde strich. Gott sei Dank gab es einen Aufzug in dem Mietshaus, in dem er wohnte. Einen abgefuckten, dreckigen, aber immerhin.

Das erste, was er sich mit schwankenden Beinen bereitgestellt hatte, war ein Kotzeimer gewesen. Das zweite ein weiterer Eimer mit Wasser und einen Lappen, um sich zu säubern. Und Desinfektionsmittel. Dieses scheiß Desinfektionsmittel! Er hatte es einfach großzügig über die Wunde gekippt und dann gehechelt und geschrien wie eine werdende Mutter in den Wehen. Und das alles nur wegen dieser blöden Schlampe!

Gottverdammt, wer hätte auch ahnen können, dass dieser Sherlock Holmes so ein Sadist war. Dieser geleckte und immer so glatt rasierte Detektiv mit seinen Locken und seinem makellos-spießigen Anzug. Ein Schnüffler. So einer machte sich doch nicht die Hände schmutzig! Und der andere Typ musste dieser Watson gewesen sein, von dem er gelesen hatte. Ein Arzt. Ein verfickter Arzt, der auch noch zugeschaut hatte. So viel zum hippokratischen Eid. Drecksack! Er hätte sie beide ebenso hinter Gitter bringen können wie sie ihn. Es war so ungerecht. So verdammt ungerecht!
Wehe dem, dass dieses Arschloch noch einmal bei ihm in der Wohnung auftauchte! Das nächste Mal wäre er vorbereitet. Wenn es ihm wieder besser ging...

Dass Brian eine scheiß Angst vor dem Detektiven mit den Locken hatte, hätte er niemals zugegeben. Auch nicht sich selbst gegenüber…

***

Fünf Tage waren seit dem Vorfall vergangen und Molly war bisher nur in ihrer Wohnung gewesen, um Toby neues Futter bereitzustellen und sein Katzenklo zu säubern. Zu mehr hatte sie sich nicht aufraffen können und fühlte sich unheimlich schuldig. Ihr Kater kam jedes Mal erwartungsvoll angerannt, wich ihr nicht mehr von der Seite und strich ihr pausenlos um die Beine. Es war offensichtlich, dass er sie vermisste. Dass ihm langweilig war. Dass er die Veränderung spürte.

Und dennoch brachte sie es nicht übers Herz, wieder zurückzukehren. Die Bilder waren noch immer zu präsent, die Angst ein stetiger Begleiter. Sie fühlte sich bei John wesentlich sicherer. Und wesentlich wohler.

Obwohl Brian sie so hart ins Gesicht geschlagen hatte, war ein Veilchen Gott sei Dank ausgeblieben. Das hätte nur Fragen aufgeworfen, die Molly nicht beantworten wollte. Sie wollte endlich vergessen. Wollte das alles hinter sich lassen und nie mehr damit konfrontiert werden. Die Arbeit und die Nachmittage mit Rosie lenkten sie ab, in den Nächten wälzte sie sich allerdings unruhig hin und her und konnte ewig nicht in den Schlaf finden.

Sie war geschafft. Müde. Nachdenklich.

Vor allem Johns Worte geisterten ihr wieder und wieder im Kopf herum. Sie wollte die Angelegenheit mit Sherlock klären, sie aus der Welt schaffen, um endlich Ruhe zu finden. Aber der Schmerz saß zu tief, als dass sie dafür die Kraft gehabt hätte. Sie fühlte sich nicht bereit, ihm zu verzeihen. Noch nicht. Das, was passiert war, übertraf alles, was er sich ihr gegenüber geleistet hatte und war mit einer einfachen Entschuldigung nicht wegzuwischen. Oder mit einen Kuss auf die Wange. Das brauchte Zeit.

Zeit, die ihr nicht vergönnt war.

Ihr fuhr ein Schreck durch sämtliche Glieder, als sie am frühen Nachmittag an Johns Haus ankam und mit dem Fahrrad durch das Gartentor huschte, um es hinter dem Haus anzuschließen. Auf den Stufen des Hintereingangs saß eine schwarze Gestalt und wartete. Der Schrei, den sie am liebsten ausgestoßen hätte, blieb ihr im Halse stecken. Ihr Herz pochte ihr augenblicklich bis zum Hals und beinahe wäre sie wieder auf ihr Rad gesprungen und hätte die Flucht ergriffen. Doch die Gestalt erhob sich. Der schwarze Belstaff bauschte sich theatralisch um Sherlocks schlanke Beine, sein tiefer Bariton, der nichts als ihren Namen sagte, hielt sie zurück.

Heilige Maria, nicht einmal in Anbetracht der aktuellen Situation bewies er ein Mindestmaß an Sozialkompetenz! Kam ihm denn so gar nicht in den Sinn, dass ein schwarz gekleideter und lauernder Mann im ruhigen Hinterhof ein wenig unheimlich war?

Molly schloss kurz die Augen und atmete tief durch.

„Sherlock“, sagte sie nur, ohne ihn dabei anzusehen und suchte einen Platz für ihr Fahrrad.

„Können wir... ähm... reden?“, fragte er überraschend unsicher. Molly erwiderte nichts und schlang stattdessen das Fahrradschloss durch den Fahrradständer. „John hat heute seinen langen Praxistag und du Frühdienst. Ich kenne deinen Schichtplan, ich wollte...“

„Meinen Schichtplan! Welche Daten hast du dir eigentlich noch beschafft, ohne dass ich davon weiß?“, fuhr sie ihn an und bereute es im selben Moment. Hätte sie vorher in sein Gesicht gesehen, hätte sie vorher in seine traurigen Augen geblickt, wären ihr diese Worte niemals über die Lippen gekommen. Sherlock öffnete den Mund, aber ihm entwich kein Laut. Betroffen wich er ihrem Blick aus.

Verdammt.

Für einen Augenblick herrschte unangenehmes Schweigen, doch dann räusperte sich Molly schließlich. Mit einem Zeichen bedeutete sie ihm, ihr zu folgen und öffnete die Hintertür zu Johns Haus. Sie huschte hinein, warf ihre Tasche achtlos in die Ecke, hing aber zumindest ihre Jacke ordentlich in die Garderobe. Wortlos ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Das hier würde unangenehm werden. Vermutlich würden sie streiten. Richtig streiten. Heftig streiten. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten.

Sie verschränkte abwehrend die Arme und starrte vor sich auf den Tisch wie sie es bereits fünf Tage zuvor getan hatte. An dem Rascheln der Kleidung konnte sie erahnen, dass sich Sherlock gerade seines Mantels entledigte. Dann folgte er ihr. Ruhig und bedacht wie immer.

„Dann rede“, sagte Molly wenig freundschaftlich, doch Sherlock blieb einfach stehen. Er stand da – auf dem Teppich, auf dem auch der Couchtisch stand – und sagte nichts. Sah sie einfach nur an. Vorsichtig, verletzt, unsicher.

Und dann tat er etwas, womit Molly niemals in ihrem Leben gerechnet hätte. Was sie ihm niemals zugetraut hätte.

Sherlock kniete sich nieder.

Rücken gerade, die Hände auf den Oberschenkeln, den Blick zum Boden. Genauso, wie er es an jenem Abend Molly aufgetragen hatte.

„Sherlock, was zum...“, begann sie, weil sie in ersten Moment die Botschaft nicht verstand. Er rührte sich nicht. Was sollte das?

Doch dann erkannte sie, was es zu bedeuten hatte: Er, Sherlock Holmes, der cleverste Detektiv Londons, der sich von nichts und niemanden etwas vorschreiben ließ, unterwarf sich ihr.

„Du wirst empfangen, was ich dir gebe“, hatte er damals zu ihr gesagt. Und „Du wirst es aushalten“, als er ihr offenbart hatte, dass er sie mit zehn Schlägen bestrafen würde. Und genau diese Rolle nahm jetzt er ein. Er würde alles aushalten, was sie ihm entgegen warf. Sie hätte ihn schlagen oder ihn anschreien dürfen, hätte den Schmerz der ganzen letzten Jahre an ihm auslassen können und er hätte es über sich ergehen lassen.

Mollys Wut war mit einem Mal wie weggeblasen. Die Symbolik seiner Gestik traf sie hart.

„Warum tust du das?“, fragte sie schwach, doch er schwieg. Sie überlegte.

„Du darfst sprechen“, setzte sie nach.

Ohne den Blick vom Boden zu heben, sagte er: „Weil das hier eine Sprache ist, die ich verstehe. Ich will es nicht wieder... vermasseln.“

Verdammte scheiße, es brauchte nur diese wenigen Worte, um Molly wieder die Tränen ins Gesicht zu treiben. Sie waren so wahr. So echt. So ehrlich.

„Sieh mich an, Sherlock“, sagte sie. Das hier war verdreht. Eine verkehrte Welt. Es brach ihr das Herz, ihn so zu sehen. Erst recht, als er ihr ins Gesicht blickte. Sie sank ebenso auf die Knie und robbte zu ihm hinüber. Sie wollte nicht so mit ihm sprechen. Sie wollte nicht über ihm stehen. Sie wollte ihn nicht bestrafen.

Sie wollte einfach nur, dass alles wieder gut war.

Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, die sie schnell fort wischte. Gott, sie hatte in den letzten Tagen echt mehr als genug geweint.

„Hör sofort damit auf, Sherlock. Ich kann dich nicht so sehen“, sagte sie leise, dann griff sie vorsichtig nach seiner Hand. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und drückte sie, als würde er sich still für die Berührung bedanken.

„Es tut mir so leid“, hauchte er kaum hörbar. Molly nickte nur stumm durch ihren Tränenschleier.

„Sherlock, hör zu... Ich weiß – oder hoffe zumindest – dass du mit guten Absichten gehandelt hast. Dass du nur Gerechtigkeit wolltest. Aber wie zur Hölle soll ich dir vertrauen, wenn du mich so hintergehst?“

Sherlock sah ihr getroffen ins Gesicht, die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

Molly, ich weiß, ich habe gleich mehrere Fehler begangen“, begann er. „Weil ich irrational gehandelt habe. Die Menschen verstehen nicht, warum ich mich von Gefühlen distanziere. Warum ich mich einzig und allein auf Fakten konzentriere. Genau DAS ist der Grund, Molly. Ich habe es schon einmal gesagt: Gefühle sind ein chemischer Defekt, der auf der Verliererseite zu finden ist. Wir haben verloren. Ich habe versagt und dich in eine noch prekärere Situation gebracht“, sagte er und schluckte schwer. Molly wusste nicht, was sie auf seine Worte erwidern sollte. Noch nie hatte er sich derart in Selbstkritik geübt. Die einsetzende Stille hing schwer im Raum, schien sie beinahe zu erdrücken.

Wenn es etwas gibt, womit ich es wieder gut machen kann…“, fügte er schließlich hinzu ohne seinen Satz zu vollenden oder sie anzusehen.

Nein, gibt es nicht. Noch nicht. Ich brauche Zeit, Sherlock. Zeit, um alles zu verarbeiten“, sagte Molly traurig, denn Sherlock sah bei diesen Worten so unglaublich verloren aus. So hilflos. Er war jemand, der die Dinge in die Hand nahm. Der sie kontrollierte. Der etwas tun musste. Zu Warten war für ihn wohl die größte Strafe. Dennoch nickte er schweigend. So sehr ihr sein Anblick auch schmerzte, wusste Molly doch, dass sie sich dieses Mal nicht hinten anstellen durfte. Dass sie auf sich Acht geben und für sich einstehen musste.

Dennoch kroch sie zögerlich in seine Arme und schmiegte sich an ihn, vergrub die Nase an seiner Halsbeuge und sog den unverwechselbaren Duft nach Sherlock in sich auf. Sie konnte einfach nicht anders. Es war schon so lange her gewesen! Sherlock hielt sie fest umschlungen und Molly bemerkte, dass er erleichtert aufatmete. Das hier war schwer für ihn. Wie hatte sie nur glauben können, dass er aus purem Eigennutz gehandelt hatte? Sie war unfair gewesen, auch wenn er ihre Grenzen eindeutig überschritten hatte.

Es war so verdammt schön, von ihm gehalten zu werden. Ihm so nahe zu sein. Auch wenn sich in das Glück immer noch so viele Zweifel, Ängste und Sorgen mischten. Vielleicht könnte es tatsächlich wieder gut werden. Bald.

„Du kommst gut mit John zurecht“, sagte Sherlock unvermittelt – der Ton in seiner Stimme leicht verändert. Irritiert sah Molly in sein Gesicht. Was wollte er damit andeuten? Er blickte auf ihr Haar, dann zurück in ihre Augen.

„Du... du riechst nach ihm“, erklärte er und Molly musste aufpassen, dass ihr nicht gleich alles aus dem Gesicht fiel. Scheiße. Dass sie mit John kuschelnd auf dem Sofa gelegen hatte, war mittlerweile fast eine Woche her und sie war seitdem mehrfach duschen gewesen. Es war unmöglich, dass Sherlock davon etwas bemerkt hatte. Oder doch?

„Ich schlafe in seinem Bett“, sagte sie. „Ich meine: im Gästezimmer“, setzte sie nach und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Was war das denn bitte für eine Erklärung? Sie sollte die Klappe halten!

Sherlock nickte nur, dann räusperte er sich, um die unangenehme Stille zu füllen.

„Sag mal, was hast du eigentlich mit Brian gemacht? Ich meine, bevor er bei mir war? Er dachte, ich hätte dich auf ihn angesetzt“, sagte Molly schnell, um das Thema zu wechseln.

„Nichts. Ich habe lediglich ein bisschen über ihn recherchiert und ihn dann mit seinen Verfehlungen konfrontiert. Mit Bildern hauptsächlich. Wusstest du, dass er Fotos von dir gemacht hat?“, erwiderte Sherlock knapp.

„Er hat was? Nein!“, sagte Molly und spürte sofort wieder die Wut in ihrem Bauch aufsteigen.

„Er scheint alle seine Opfer fotografiert zu haben. Hat die Bilder offenbar gesammelt wie andere Trophäen oder Briefmarken. Dadurch war es mir natürlich ein Leichtes ihm zu drohen. Kannst du dir vorstellen, dass er nicht einmal die leiseste Ahnung hatte, wer ich eigentlich bin?“, pikierte er sich und Molly konnte sich nur zu gut ausmalen, wie sehr das sein Ego getroffen haben musste. Trotz des ganzes Mists, der passiert war, konnte sie plötzlich ehrlich kichern.

„Und woher wusstest du, dass er auf dem Weg zu mir war?“

„Ich habe jeden seiner Schritte verfolgt, Molly. Nach meinem Besuch bei ihm hatte ich gehofft, er wäre zu eingeschüchtert, um sich dir noch einmal zu nähern. Um überhaupt einen unüberlegten Schritt zu tun. Aber Menschen, die wütend sind, lassen sich schlecht durchschauen. Sie sind zu emotional und dadurch unkalkulierbar. Deswegen hatte ich Vorsichtsmaßnahmen getroffen“, sagte er, aber die Enttäuschung darüber, dass er dennoch zu spät gekommen war, stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Molly richtete sich auf, um ihm einen sanften Kuss auf die Lippen zu hauchen. Ihre Fragen waren zu einem großen Teil geklärt. Sie würde die Sache ruhen lassen können – irgendwann – aber sich heute nicht länger damit aufhalten, darüber zu sprechen.

„Weißt du, Sherlock, ich denke, ich werde heute Nacht endlich wieder etwas besser schlafen. Das habe ich auch dringend nötig...“

Ihr war plötzlich wieder sehr viel leichter ums Herz. Sie schmiegte sich an ihn, ließ sich von ihm halten und lauschte seinen Atemzügen.

Es würde wieder gut werden. Ganz bald.
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