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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
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09.09.2020 2.226
 

Blut, viel Blut. Schreie, immer lauter, immer kreischender. Brian, der auf ihr saß – ein diabolisches Grinsen im Gesicht. Er hielt ein Messer in seiner Hand. Blut tropfte von der Klinge auf ihren Bauch. Auf ihren wunderbar straffen und makellosen Bauch. War es ihr Blut? Sein Blut?

Sein Gesicht war zu einer hässlichen Fratze verzogen, als er mit dem Messer immer näher kam. Schreie. Schrille Schreie. Ihre Schreie, die darum flehten, er möge aufhören. Wild warf sie sich von rechts nach links, aber war gefangen. Unter seinem Gewicht. Aber da war mehr.

Sie hatte keine Möglichkeit ihre Hände zu bewegen. Oder die Füße. Etwas schnitt in ihre Gelenke. Seile. Oder gar Ketten? Hilflos, bewegungslos, verzweifelt. Tränen, so viele Tränen. Und Schmerz. Brians Lachen. Sie hielt es nicht aus, könnte es nicht ertragen. Mit einem Hieb nach unten stach er-

Molly schreckte nach oben, schreiend. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. In einem Bett. Aber welchem? Nicht ihrem. Ihre Kleidung klebte klamm an ihrem Oberkörper.

Schritte. Sie hörte Schritte vor dem Zimmer. Wo war die Tür?

Diffuses Licht von draußen. Ein schmaler Lichtschein unter dem Türschlitz. Da. Ein Lichtschein, der kurz verschwand, als eine Gestalt vorbei huschte.

Panik. Panik stieg in ihr auf, das Herz drohte in ihrer Brust zu zerspringen. Sie zitterte, schwitzte, keuchte.

Bis sie das leise Weinen eines Kindes hörte.

Rosie.

Sie erkannte ihre Stimme. Es war Rosie.

Sie war in Johns Haus, in Johns Gästezimmer, in Johns Bett. Sicherheit. Sie war sicher. Erleichtert schloss sie die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Ihre Hände zitterten noch immer. Aber es war alles gut. Sie war hier, bei John.

Vielleicht war es Rosies Weinen, das sie geweckt hatte, vielleicht aber auch der Traum, der sie heimgesucht hatte. Unwichtig. Sie versuchte normal zu atmen und sich zu beruhigen. Sie stand auf, um ihr Shirt zu wechseln und das Fenster zu öffnen, starrte hinaus in die Nacht, ohne etwas zu sehen. Starrte ins Leere, ohne zu denken.

Die Tür öffnete sich und sie drehte sich herum. Es war John. Müde – und besorgt.

Es ist alles gut. Rosie ist nur kurz aufgewacht“, erklärte er so furchtbar einfühlsam wie immer. Er musste ihren Schrei gehört haben. Dann kam er näher in seinem weit geschnittenen Shirt und seinen Shorts. Das Licht war zu diffus, als dass sie die Farbe erkannte. Aber sie erkannte sein ermutigendes Lächeln. Und die Hand, die ihr etwas entgegen streckte. Eine Pille.

Ich will keine Medikamente“, sagte sie leise - wiederholte, was sie schon am Abend deutlich gemacht hatte.

Ich habe es genommen, als mich der Krieg nachts heimgesucht hat. Und nach Sherlocks Tod. Und Marys...“, erwiderte er nur.

John, ich habe getrunken.“

Ja, vor Stunden. Das ist nicht zum Schlafen. Es beruhigt nur die Nerven. Nimm es. Es wird dir helfen, wie es mir geholfen hat“, sagte er, aber bedrängte sie nicht, er überredete sie nicht. Stattdessen trat er einen Schritt zurück und wandte sich wieder zu Tür.

Du weißt, wo du mich findest, wenn du mich brauchst“, sagte er, bevor er hindurch schritt und sie wieder hinter sich schloss.

Molly drehte die Pille in ihrer Hand. Sie hatte sich nicht einmal bedankt. Das würde sie nachholen müssen. An Schlaf war gerade nicht zu denken, dazu war sie noch immer zu aufgewühlt.

Ihr Blick fiel auf das Wasserglas. Dann zurück auf die Pille. Sie seufzte.

***

John stopfte sich eine Gabel Salat in den Mund, während er über seiner Kassenabrechnung brütete. Heute war ein kurzer Praxistag und die Nachmittage nutzte er, um seine Leistungen abzurechnen. Er saß gerade über der ersten Aufstellung und hatte seinen Teller noch nicht einmal halb geleert, als Sherlock seinen Lockenkopf zu seinem Sprechzimmer hereinstreckte.

„Sherlock“, sagte John nur überrascht, weil er nicht mit seinem Freund gerechnet hatte. Er betrat das Zimmer, dann zog er Johns Pistole aus dem Hosenbund und legte sie auf den Tisch.

„Die gehört dir“, sagte Sherlock ungewöhnlich ungelenk.

„Ich weiß. Und du hast extra den Weg in meine Praxis auf dich genommen, um sie mir zurückzubringen?“, fragte John leicht ungläubig, aber ohne vorwurfsvoll zu klingen.

„Ja.“

Nein, definitiv nicht. Dafür kannte John ihn viel zu gut. Es hatte bisher weit dringendere Gründe gegeben, weswegen Sherlock seine Praxis hätte aufsuchen können und doch hatte er es nie getan. John hatte sogar geglaubt, dass er nicht einmal die Adresse kannte.

John lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Sherlock aufmerksam. Heute war ein herrlicher Tag, die Sonne fiel auf den großen Schreibtisch und tauchte das ganze Zimmer in angenehmes Licht. Der Detektiv hielt seinem Blick stand und wirkte so ruhig und abgeklärt wie immer. Wenn er nicht gerade ein Messer in der Hand hielt und jemanden den Bauch aufschlitzte. Oder die Waffe auf einen Schwerverbrecher richtete.

John versuchte es anders.

„Wollen wir eine Kleinigkeit zu Mittag essen? Mein Salat ist ohnehin nicht besonders gut.“

„Ich brauche kein Mittag, danke“, sagte Sherlock und John unterdrückte ein Lächeln.

Bingo. Die clevere Spürnase aß offensichtlich derzeit nichts. Das sagte mehr, als Sherlock vermutlich hätte in Worte fassen können.

„Dann eben nur einen Spaziergang“, schlug John vor, erhob sich und holte die Jacke aus seinem Schrank, nachdem er die Waffe verstaut hatte. Sherlock folgte ihm ohne zu protestieren. Sie beide wussten, dass es um mehr ging als nur den Revolver.

Es war draußen nicht ganz so warm, wie die Sonne hatte vermuten lassen, aber dennoch war es angenehm mild und in dem kleinen Park ein paar Straßen weiter fast schon idyllisch. Sherlock schwieg. Aber John spürte, dass er reden wollte. Reden musste. Dass er nur aus einem Grund zu ihm gekommen war.

„Ihr geht es gut, Sherlock“, sagte John unvermittelt. Gut war übertrieben. Aber Molly war sicher und immerhin in der Lage, irgendwie weiter zu machen. Sherlock nickte stumm, die Hände in seinen Manteltaschen vergraben.

„Nur in der Nacht kommt sie schwer zu Ruhe. Ist sehr nachdenklich. Aber ich denke, sie schafft es auch ohne psychologische Hilfe“, setzte er nach. Sherlock schnaubte.

„Wie sähe die auch aus? Zuhören und Reden. Mir hat sich nie erschlossen, warum man dafür Studieren muss“, entgegnete er herablassend. John spürte sofort Wut in sich aufsteigen. Dieser arrogante Mistkerl!

„Mir hat es immerhin geholfen, keinen Suizid zu begehen! Nach dem Krieg, nach deinem Sprung, nach Marys Tod. Und es hat dir geholfen, berühmt zu werden. Es war meine Psychologin, die mir empfohlen hat, einen Blog zu schreiben!“, sagte er und ballte unwillkürlich die Fäuste.

„Die gleiche Psychologin, die meinte, dein Tremor und dein hinkendes Bein wären eine posttraumatische Belastungsstörung?“, fragte er amüsiert und John hatte echte Mühe, Sherlock nicht an die Gurgel zu springen. Er warf ihm einen vernichtenden Blick zu, die Kiefermuskeln angespannt und tatsächlich schien Sherlock erst jetzt zu realisieren, was er eigentlich gesagt hatte. Sein Gesichtsausdruck änderte sich von einer auf die andere Sekunde, die Arroganz wie weggeblasen.

„Entschuldige“, murmelte er und wandte den Blick ab.

John versuchte sich zu beruhigen. Er wich einer Joggerin aus und beobachtete ein paar Vögel, die aufgeregt nach Kekskrümeln suchten und zählte langsam bis zehn. Nicht provozieren lassen.

„Hat sie es dir erzählt?“, fragte Sherlock, ohne John dabei anzublicken.

„Nicht im Detail, aber ich habe ein grobes Bild“, antwortete er. Sherlock nickte. Es war ihm sichtlich unangenehm darüber zu sprechen.

„Was habe ich übersehen, John?“, fragte er nach einer kurzen Pause und wirkte überraschend verloren. John blickte nur in sein Gesicht und hoffte, dass er seine Aussage etwas näher ausführte. „Warum hat sie sich so von mir abgewandt? So wie... du. Damals...“, fragte er und seine Augen enthüllten endlich etwas von dem Schmerz, den seine restliche Fassade so gut versteckte. Er schluckte und sah zu Boden, während sie weiter liefen und die kleinen Steine unter ihren Schuhen knirschten.

„Glaubst du, du hast richtig gehandelt?“, fragte John statt ihm eine Antwort zu geben.

„Im Groben: Ja. Ich habe damit gerechnet, dass sie sauer werden würde, wenn sie erfährt, dass ich in ihre Privatsphäre eingedrungen bin. Du warst auch immer wütend, wenn ich ungefragt deinen Laptop benutzt oder mich in deine Dates eingemischt habe. So viel verstehe ich mittlerweile. Ich habe mich sogar... schuldig... gefühlt. Aber ich habe es letztlich getan, um einem Verbrecher auf die Schliche zu kommen. Ich habe sie gerettet, als er sie angegriffen hat. Warum wendet sie sich von mir ab? Warum soll ich mich von ihr fernhalten?“, fragte er noch einmal. Nur Gott wusste wie lange er schon über diese Frage nachgedacht hatte ohne eine Antwort zu finden.

„Weil du sie hintergangen und ihr Vertrauen missbraucht hast, Sherlock“, sagte John knapp und Sherlock blieb abrupt stehen.

„Ich habe was?“

John steuerte auf die nächste Bank zu und setzte sich. Sherlock folgte ihm – sichtlich schockiert.

„Soweit ich weiß, hat sie dich darum gebeten, die Sache ruhen zu lassen“, begann John schließlich. Sherlock intervenierte sofort.

„Nein. Sie hat gesagt, sie will damit nichts mehr zu tun haben. Und sie hätte auch nichts mehr damit zu tun gehabt, wenn mein Plan aufgegangen wäre.“

„Sherlock, so funktioniert das nicht. Sie wollte dir damit zu verstehen geben, dass du dich da raus halten sollst. Und hat darauf vertraut, dass du ihren Wunsch akzeptierst. Stattdessen hast du sie hinter ihrem Rücken ausspioniert und diesen Brian gegen ihren Willen aufgesucht.“

„Weil er es verdient hat! Weil er nicht einfach davon kommen sollte!“, verteidigte sich Sherlock.

„Ich weiß“, sagte John milde und es entstand eine kurzes Schweigen. John wollte nicht indiskret sein, aber er musste die nächste Frage einfach stellen, weil sie in diesem Kontext entscheidend war. „Hattet ihr Sex?“

Sherlock drehte augenblicklich seinen Kopf zu John und starrte ihn überrascht an. Seine Lippen waren zu einer festen Linie zusammengepresst. Er sagte nichts.

„Beantworte meine Frage, Sherlock. Molly hat gesagt, ihr wärt euch näher gekommen. Sie hat mir den Zeitstempel der E-Mail gezeigt. Es war mitten in der Nacht“, fuhr er fort. Auf Sherlocks Stirn zeichneten sich plötzlich tiefe Furchen ab.

„E-Mail? Was für eine E-Mail?“, fragte er.

„Eine Sicherheitsmail mit dem Hinweis, dass sich jemand in ihre Cloud eingewählt hat“, erklärte er. Sherlocks Gesichtszüge entglitten ihm augenblicklich. Er schloss kurz die Augen und fuhr sich durch die Haare. Dann lehnte er sich gegen die Bank und seufzte hörbar. Offensichtlich hatte John ihm etwas Neues erzählt. Etwas, das er nicht bedacht hatte. Etwas, das ihm einen Fehler deutlich machte.

„Sie wusste also ohnehin davon. Deswegen ist sie nicht ans Handy gegangen, als ich sie versucht habe, vor Brian zu warnen“, sagte er mehr zu sich selbst als zu John. Langsam ergab alles einen Sinn – für alle Parteien.

„Nochmal, Sherlock: Hattet ihr Sex? Ich kann auch nicht glauben, dass ich dir diese Frage stelle, aber sie macht einen Unterschied“, versuchte er es erneut.

„Wie kann das einen Unterschied machen?“

„Du hast wirklich keine Ahnung, was?“, fragte John und seufzte innerlich. Manchmal war Sherlock wirklich noch wie ein Kind.

„Nein. Für so etwas habe ich dich“, erwiderte er stumpf.

„Hör zu: Frauen geben beim Sex nicht nur ihren Körper, sie geben ihre Seele. Sex passiert nicht rein physisch sondern auch emotional. Zumindest oder besonders dann, wenn sie ernsthaft an einem Mann interessiert sind. Die Intimität erhöht die Vertrautheit zueinander. Viele Männer gaukeln daher die großen Gefühle vor, um sich Sex zu erschleichen. Oder sich mittels Sex andere Gefälligkeiten zu erschleichen, weil Frau aufgrund des wachsenden Vertrauens leichter zugänglich wird. Wenn sie dann erfährt, dass das ganze Geplänkel reine Schauspielerei war, fühlt sie sich verarscht, ausgenutzt, weggeworfen“, erklärte John und versuchte angestrengt nicht so zu klingen, als spräche er mit einem Fünfjährigen. „Und ich fürchte, Molly fühlt sich gerade genau so. Sie glaubt, dass du sie nur an dich heran gelassen hast – was auch immer zwischen euch passiert sein mag – um an Brian heranzukommen.“

Sherlock beugte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf seine Knie und strich sich mit den Händen über das Gesicht, ohne etwas zu erwidern. Dann verschränkte er die Arme im Nacken und starrte auf den Boden zwischen seinen Füßen. Seine Reaktion sagte John alles, was er wissen musste. Also doch. Sherlock Holmes hatte tatsächlich so etwas wie ein Sexleben.

Wieder herrschte Schweigen, aber dieses Mal war es kein unangenehmes oder angespanntes. John war froh, dass Sherlock damit zu ihm gekommen war. Dass er über Dinge redete, über die er sonst niemals reden würde. Und er brauchte gerade ein paar Augenblicke, um das Gesagte zu verarbeiten. Zu realisieren. Seine nächsten Schritte zu kalkulieren.

„Sie fühlt sich also nicht nur hintergangen und betrogen, sondern auch noch von mir benutzt“, resümierte er schließlich leise. John konnte nicht anders als bestätigend zu nicken, auch wenn Sherlock immer noch seine ganze Aufmerksamkeit seinen Füßen widmete.

„Aber weißt du was?“, sagte John. „Ich habe ihr erklärt, dass du nur dann Leute aus dem Fenster wirfst, erschießt oder ihnen den Bauch aufschlitzt, wenn sie den Menschen etwas angetan haben, die dir etwas bedeuten...“

Sherlock richtete sich bei den Worten wieder auf und sah John ins Gesicht. Er schmunzelte und lachte schließlich brummend.

„Ich hoffe, ich lag mit meiner Erklärung nicht daneben“, sagte John - still darauf hoffend, ein paar Informationen aus Sherlock herauszukitzeln, aber seine Mühe war vergebens. Sherlock erwiderte immer noch nichts. Er war so verschlossen wie eh und je – selbst seinem engsten Freund gegenüber.

John beschloss, ihn nicht weiter zu bedrängen. Das hatte bei jemanden wie Sherlock ohnehin keinen Zweck. Stattdessen schickte er schnell ein Stoßgebet gen Himmel, Gott möge seinem Freund dabei helfen, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen...
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