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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
15
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06.09.2020 2.154
 
Molly saß immer noch in ihrem Versteck, als John zurückkam, hatte aber offenbar ihre Fassung wiedergewonnen und sich ein wenig beruhigt. Dennoch war er besorgt um sie. Als Arzt und als Freund.

Er reichte ihr seine Hand. Zaghaft ergriff sie sie und stand schließlich auf – immer noch etwas wackelig auf den Beinen. Ihr blutverschmiertes Shirt mutete schlimmer an, als ihre Verletzung eigentlich war. Ihre Nase hatte mittlerweile aufgehört zu bluten. John betrachtete Mollys Gesicht sorgfältig. Sie war offensichtlich geschlagen worden, aber die Spuren würden bald verblassen. Wenn sie sich erst einmal gründlich gewaschen und umgezogen hatte, war ihr Anblick sicher nur noch halb so schlimm. Trotzdem hatte sie das nicht verdient.

„Wie geht es dir?“, fragte John so einfühlsam wie möglich.

„Beschissen“, sagte sie rundheraus und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Sie blickte kurz Richtung Decke und atmete tief durch, um nicht erneut von einem Weinkrampf erschüttert zu werden.

John nickte nur. Was sollte er darauf auch sagen? Das war sicher das Schlimmste und Furchterregendste, was ihr je widerfahren war. Die Bilder von Sherlock mit dem Messer in der Hand schoben sich vor sein geistiges Auge und erschütterten selbst den Kriegsveteran.

R A P I S T.

„Darf ich erfahren, was dir dieser Typ angetan hat?“, fragte John vorsichtig, aber Molly schüttelte sofort den Kopf.

„Nicht jetzt, John.“

Wieder nickte er nur. Er konnte sie schließlich nicht dazu zwingen und wollte es auch nicht. Nicht in ihrem Zustand. Sie hielt immer noch die Küchentücher in der Hand, die er ihr wenige Minuten zuvor überreicht hatte und steuerte auf die Blutspuren auf dem Boden zu. So gut es ging reinigte sie die Dielen und holte anschließend einen nassen Lappen und Reinigungsmittel. John wollte ihr helfen, hatte aber gleichzeitig den Eindruck, dass ihr die Geschäftigkeit gut tat. Er kam sich irgendwie überflüssig vor.

Sein Blick fiel auf ihre Küchenuhr.

Oh nein. In einer halben Stunde würde die Kita schließen. Er musste Rosie holen!

„Molly, ich... ähm... Möchtest du mich vielleicht in die Kita begleiten? Dann bist du nicht so allein“, versuchte er es - bemüht, ihr nicht das Gefühl zu geben, nicht in seinen Zeitplan zu passen. Was hatte er auch für eine Wahl?

„Ich...“, begann Molly und wich seinem Blick aus. „Könnte ich vielleicht sogar ein paar Tage bei dir bleiben? Ich meine... Ich will nicht alleine hier sein. Nicht nachts, ich...“, stotterte sie.

„Natürlich“, sagte John ganz selbstverständlich. Er würde für sie da sein, so wie sie für ihn da gewesen war. Oder für Rosie. Es überraschte ihn, dass es ihr so schwer fiel, ihn darum zu bitten. Scheu sah sie in sein Gesicht.

„Wirklich?“

„Ja“, erwiderte er und lächelte ihr ermutigend zu.

„Na gut... Ich... ähm... packe nur schnell ein paar Sachen“, sagte sie leise und lief rasch in ihr Schlafzimmer. „Und, John?“

„Ja?“

„Danke.“ Dann warf sie ihre Kleider auf das Bett.

Immerhin, das waren zwei Fliegen mit einer Klappe. Er würde weder seine Tochter vernachlässigen noch Molly in dieser Situation im Stich lassen. Und vermutlich tat ihr die Ablenkung mit seinem kleinen Wirbelwind sogar gut.

***

Es war gegen 8 Uhr abends, als in Johns Haus endlich Ruhe einkehrte. Molly hatte sich umgezogen, ein paar Klamotten wahllos in eine kleine Reisetasche geworfen und großzügig Katzenfutter in Tobys Fressnapf gefüllt, bevor sie in Johns Auto gestiegen war. Sie war dankbar dafür gewesen, dass John sie nicht mit Fragen belästigte, auch wenn er Antworten verdient hatte.

Obwohl sie bei John offensichtlich willkommen war, hatte sie doch versucht, ihm als Gegenleistung für seine Gastfreundschaft so gut es ging bei seiner Tochter zur Hand zu gehen. Normalerweise fiel ihr das sehr leicht, aber heute war sie nicht ganz bei der Sache, was wohl kaum überraschte.

Ihr Nase schmerzte noch ein bisschen, aber ansonsten sah sie relativ unversehrt aus. Mit dem frischen Shirt hatte sie sich sofort etwas besser gefühlt, dennoch tobte es in ihrem Inneren. So gut die Ablenkung auch getan hatte, sie spürte, dass sie Zeit brauchte, um mit den Geschehnissen fertig zu werden. Zeit für sich.

Molly saß auf Johns Sofa und starrte gedankenverloren vor sich auf den Tisch, während er seine Tochter ins Bett brachte. Sie hatte geahnt, dass sich Sherlock einmischen würde. Er konnte es einfach nicht lassen. Er machte immer, was er wollte. Was er für richtig hielt. Er scherte sich nicht darum, was andere dachten. Er scherte sich nicht darum, was andere fühlten. Er scherte sich nicht darum, ob er damit eine Vertrauensbasis zerstörte.

Vertrauen.

Molly lachte bitter. Sie war noch nie so sehr hintergangen worden. Sie hatte sich noch nie so beschissen gefühlt wie heute. Und sie hatte Angst. Angst, dass Brian sich erneut rächen würde. Dass Sherlock es mit seiner Aktion nur noch schlimmer gemacht hatte. Sie wusste nicht, wie sie sicher auf Arbeit kommen sollte. Sie wusste nicht, wie sie jemals wieder ruhig schlafen sollte. Sie wusste im Augenblick nicht einmal, ob sie wieder ihre Wohnung betreten konnte. Die Bilder, die Schreie, der Blutgeruch – Die Erinnerungen brachen erneut über sie herein und wieder begann sie zu zittern.

„Brauchst du etwas zur Beruhigung?“, fragte John und Molly schreckte hoch. Sie hatte nicht gehört, dass er wieder die Treppe heruntergekommen war.

„Entschuldige“, schob er schnell nach und setzte sich zur ihr auf das Sofa. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Kann ich dir etwas bringen? Eine Pille? Einen Drink?“

„Keine Medikamente, bitte. Lieber einen Drink. Einen etwas stärkeren“, sagte Molly und John stand wieder auf, um sich zur Küche zu begeben. Wenige Augenblicke später hielt Molly ein Glas in der Hand und nippte daran.

„Das wird mir zumindest beim Einschlafen helfen“, sagte sie und plötzlich – wie aus heiterem Himmel – schossen ihr wieder die Tränen in die Augen. Gott, sie stand völlig neben sich.

John legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie zu sich. Wie ein Kind weinte sie an seiner Brust, ohne sich dafür zu genieren. Beruhigend strich er ihr über den Rücken, während die Schluchzer ihren Körper schüttelten und hielt ihren Ausbruch einfach aus. Er sagte nichts, er war einfach nur da. Und ohne dass Molly sagen konnte, wie es passierte, lag sie neben ihm auf dem Sofa, immer noch in seinen Armen.

Es war so natürlich. So unkompliziert. Und es tat ihr verdammt gut.

Molly fragte sich für einen kurzen Moment, ob John seit Marys Tod je wieder eine Frau im Arm gehalten oder auch nur getroffen hatte. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Er war so furchtbar zerrüttet gewesen. Wie hatte er das nur überstehen können? Das, was ihr heute widerfahren war, war im Gegensatz zu Johns Erlebnissen kaum der Rede wert. Warum war sie nur so schwach und empfindlich?

„Ich habe niemandem davon erzählt“, begann sie auf einmal in die Stille hinein. „Auch Sherlock nicht. Er hat es einfach gesehen. Die Spuren. Er war der Einzige, der wusste, dass ich... dass ich...“

„Vergewaltigt wurde?“, sprach John die Worte aus, die sie nicht sagen konnte.

„Ja - irgendwie. Ich hatte ihn darum gebeten, sich nicht einzumischen. Er schien das zu akzeptieren.  Wir... wir kamen uns näher. Und dann habe ich diese Mail hier bekommen“, sagte Molly und zog ihr Handy aus der Hosentasche, um sie John zu zeigen.

„Er hat sich... in deine Cloud eingewählt?“, fragte John und langsam schien ihm zu dämmern, wo der Hase im Pfeffer lag. Er seufzte hörbar.

„Ja. Er muss es gewesen sein. Sieh dir den Zeitstempel an.“

John schaute noch einmal auf das Display und runzelte die Stirn. „War das nicht der Tag, an dem du in der Baker Street warst?“

„Die... Nacht... in der ich in der Baker Street war, ja“, sagte Molly und errötete. „Ich dachte, er... er... hätte doch Interesse an mir. Nach all den Jahren. Aber ich war einfach nur naiv und blind und verliebt. Er hat mein Vertrauen missbraucht, John. Er hat mich benutzt, um an meine Daten zu kommen. Weil es ihm einen Kick gibt, auf Verbrecherjagd zu gehen. Und ich bin drauf rein gefallen.  Ich bin verdammt noch-“

„Ja und Nein“, unterbrach John ihren Redefluss. Molly schaute ihm irritiert ins Gesicht. „Denk nach, Molly“, fügte er hinzu.

Nachdenken? Worüber? Das lag doch auf der Hand!

„Was hat Sherlock mit dem Amerikaner getan, der Mrs Hudson in seiner Wohnung festgehalten hat?“, half er ihr auf die Sprünge. Molly versuchte sich an den Blogartikel zu erinnern.

„Aus dem Fenster geworfen“, sagte sie schließlich.

„Genau.“

„Hat er das wirklich getan? Ich dachte, das war nur deine künstlerische Freiheit“, hakte sie noch einmal nach.

„Nein. Ich war unten bei Mrs. Hudson, als er an ihrem Fenster vorbei geflogen kam“, sagte John und musste schmunzeln. Und Molly konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern. Das war unfassbar!

„Warum hat er Magnussen erschossen? Einen Menschen ermordet?“, fragte John kurz darauf.

„Um dich und Mary zu schützen“, antwortete Molly.

„Richtig. Er wäre dafür fast in einen Einsatz gegangen, der ihm das Leben gekostet hätte“, sagte John. „Und warum hat er seinen Tod vorgetäuscht?“

„Um im Stillen Moriartys Netzwerk zu zerschlagen“, sagte Molly wie aus der Pistole geschossen.

„Falsch. Moriarty war schon tot. Das hätte er auch anders bewerkstelligen können. Nochmal: Warum hat er seinen Tod vorgetäuscht, Molly?“

„Um...“, sie dachte nach. „Um dich, Mrs Hudson und Greg zu schützen. Weil ihr sonst erschossen worden wärt.“

„Genau. Er hätte auch beinahe ein ganzes Schwimmbad in die Luft gesprengt, weil Moriarty Bomben um meinen Torso hat binden lassen. Der Punkt ist: Sherlock hat ein verschobenes Moral-Verständnis – ich denke, darüber sind wir uns einig - aber solche Dinge tut er nur, wenn ihm die Menschen etwas bedeuten. Du weißt, wie sehr ich getroffen war, dass er mir zwei Jahre lang kein Lebenszeichen gegeben hat. Nachdem ich erfahren habe, dass er gar nicht tot ist, habe ich mich gefühlt wie du gerade. Wir hatten so lange Zeit ein Dach miteinander geteilt. Ich dachte, uns verbände eine tiefe Freundschaft und doch war ich fast der Einzige gewesen, der nicht wusste, dass er noch lebte. Ich habe mich gefühlt wie weggeworfen. Aber du weißt, dass das nicht wahr ist. Hätte er nicht so gehandelt, wie er es getan hat, wäre ich vermutlich nicht mehr am Leben. Er hat dich nicht benutzt Molly. Das, was er getan hat, war nur ein Ausdruck dafür, dass du ihm etwas bedeutest. Er wollte Rache, weil du so etwas nicht verdient hast. Und dafür geht er manchmal auch über Leichen.“

Johns Worte hingen schwer in der Luft. Zum ersten Mal hörte sie das Ticken seiner Wanduhr, als ein kurzes Schweigen einsetzte, in dem sie ihn einfach anstarrte. Molly wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie lag in seinen Armen – völlig erstarrt – und wagte kaum zu hoffen, dass seine Worte wahr waren. Konnte er wirklich Recht haben? Hatte Sherlock tatsächlich nicht nur aus blankem Eigennutz gehandelt? Sondern weil sie ihm... wichtig... war?

Molly erinnerte sich an den Blick, den er ihr zugeworfen hatte, als er auf Brian gesessen hatte. Den Blick, den sie kaum aushalten konnte. Ohne darüber nachzudenken schmiegte sie sich enger an John, der sie als Antwort sanft auf den Scheitel küsste und über ihr Haar strich. Er roch erstaunlich gut. Hatte sie das eigentlich je wahrgenommen?

„Meinst du wirklich?“, fragte sie beinahe flüsternd und John brummte nur bestätigend. Sie spürte, dass er an ihrem Scheitel lächelte. So gut sich die Hoffnung in ihrer Bauchgegend auch anfühlte – darüber würde sie nachdenken müssen.

„Wo bist du eigentlich so plötzlich hergekommen?“, fragte Molly nach einer kurzen Pause.

„Sherlock hat mir eine Nachricht geschickt.“

Molly runzelte die Stirn.

„Warst du in der Nähe? Zwischen Brians Auftauchen und deinem lagen vielleicht sieben Minuten“, sagte sie in dem Versuch die fehlenden Puzzlestücke zusammenzusetzen.

„Nein, ich war in meiner Praxis. Ich bin zwar extrem schnell gefahren, aber habe mindestens eine Viertelstunde zu dir gebraucht.“

Mollys Hirn ratterte.

„Mmmhh. Sherlock hatte kurz zuvor versucht mich zu erreichen, aber ich bin nicht ans Telefon gegangen. Wie konnte er wissen, dass Brian auf dem Weg zu mir war?“

„Er ist Sherlock“, sagte John nur, der darüber wenig überrascht schien. „Vielleicht solltest du ihm diese Frage persönlich stellen, falls du wieder mit ihm reden willst“, fügte er fast schon ermutigend hinzu.

Molly lächelte. War sie wirklich zu hart zu Sherlock gewesen? Sie hing eine Weile ihren Gedanken nach und dachte schon, John wäre eingeschlafen, doch dann bewegte er seine Glieder, um eine bequemere Position auf der schmalen Couch zu finden.

„Und was hat Sherlock eigentlich mit dem Messer gemacht?“, fragte sie schließlich.

„Brian einen Schriftzug in den Bauch geritzt. Ich wusste ehrlich nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich habe ihn noch nie so gesehen. So wütend. Ich dachte, er würde ihn ernsthaft verletzen“, erwiderte John ruhig, aber absolut aufrichtig.

„Schriftzug? Was für einen Schriftzug?“

„Rapist. Vergewaltiger“ sagte John. „So schnell wird der sich wohl nicht mehr an Frauen vergehen.“

Nun, da musste Molly ihm recht geben. So angsteinflößend diese Szene auch gewesen war – auf merkwürdige Weise fühlte sich Molly gerade ein wenig befriedigt. Vielleicht würde sie doch ganz gut schlafen können heute Nacht...
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