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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
15
36.733
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03.09.2020 2.434
 
WARNUNG! Detailliert beschriebene Gewaltszenen!
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Molly hatte kaum die Türklinke nach unten gedrückt, als ihr das Türblatt schon entgegen flog und sie nach hinten warf. Unsanft landete sie auf den Dielen und hatte gar nicht erst eine Chance sich wieder aufzurappeln, weil sich der Angreifer sofort rittlings auf sie setzte und ihr hart ins Gesicht schlug.

„Du miese Schlampe, ich hätte dich viel härter ran nehmen sollen!“, sagte eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. Molly war wie betäubt von ihrem Schock und dem Schmerz, der auf ihrer Wange brannte, dass sie viel zu lange brauchte, um zu realisieren, was hier gerade passierte.

Brian. Es war Brian, der da auf ihr saß und sie wütend und unberechenbar anfunkelte.

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mir diesen Detektiven auf den Hals zu jagen? Dafür wirst du bezahlen, das verspreche ich dir!“, schrie er beinahe und schlug ihr erneut ins Gesicht. Tränen schossen ihr in die Augen.

„W-Was?“, fragte sie, weil sie ihm nicht folgen konnte.

„Jetzt stell dich nicht so dumm! Dieser... Sherlock Holmes. Ich habe recherchiert. Du kennst ihn, also erzähl mir nicht, du hättest damit nichts zu tun! Außerdem warst du die letzte, mit der ich es getrieben habe, aber die erste, die dabei gezetert hat wie ein Kleinkind!“

Sein rasender Blick machte ihr Angst. Er war unberechenbar und sah aus, als würde er sie gleich in Stücke reißen. Molly kannte ihn – nicht gut, aber gut genug, um zu wissen, dass er gnadenlos und sie in ernsthaften Schwierigkeiten war.

Der nächste Schlag folgte und Molly spürte, wie das Blut aus ihrer Nase schoss. Sie versuchte sich zu wehren oder wenigstens die Hände schützend vor das Gesicht zu halten, aber es war aussichtslos. Mit einem gezielten Griff hatte er ihre Handgelenke gepackt, rutschte noch ein Stück höher und presste ihre Hände unter seine Knie. Molly hatte das Gefühl, kaum noch anständig atmen zu können. Panik ergriff sie. Niemals würde sie sich aus eigener Kraft befreien können – er hingegen brauchte nur sein Gewicht verlagern, um ihr die Finger zu brechen.

Er war völlig außer Kontrolle und sie war hilflos.

Sie zappelte mit den Beinen, versuchte ihre Hüfte zu drehen, aber Brian fühlte sich an wie ein Berg, der keinen Millimeter weichen würde. Das Gefühl, ihm ausgeliefert und haltlos unterlegen zu sein, brach sich wieder Bahn und schnürte ihr die Kehle zu.

„Stop, bitte!“, war alles, was sie hervorpressen konnte. Sie klang genauso jämmerlich, wie sie sich fühlte.

„Hör auf zu Jammern! Das ging mir schon beim ersten...“, sagte er, aber kam nicht weit. Die schwere Last seines Gewichts verließ plötzlich ihren Körper, als er nach oben gezogen wurde. Instinktiv schob sich Molly mit den Füßen von ihm weg und rappelte sich auf.

Es ging alles zu schnell. Viel zu schnell. Sie sah Sherlock – wusste der Teufel, wo er auf einmal herkam - der Brian von ihr weg zerrte und ihm einen gezielten Schlag in die Magengegend versetzte. Das Geräusch, das er von sich gab, ließ Molly angewidert die Augen schließen. Dann hörte sie das Knacken eines Knochens und einen Schrei.

„Oh Gott, oh Gott, oh Gott“, wimmerte sie und presste sich die Hände auf ihre Ohren, während das Blut aus ihrer Nase auf ihr Shirt und den Boden tropfte. Dann kroch sie wie ein Kind unter den Küchentresen und zog die Beine an ihre Brust, als würde sie hier niemand finden können. Die Tränen rannen heiß ihre Wangen hinab, ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Immer wieder hörte sie Schläge und Schreie und umfallende Gegenstände.

Ihr Herz drohte in ihrer Brust zu zerspringen, sie hechelte vor Angst wie ein Hund nach einem Sprint. Ihre Hände wurde allmählich taub und sie wusste, dass sie drohte zu hyperventilieren.

Bis mit einem Mal Ruhe einkehrte.

Ruhe, die nur von den heftigen Atemzügen der kämpfenden Männer gestört wurde. Ängstlich sah sie hinter ihrem Versteck hervor und erblickte Sherlock, der auf Brians Schulterblatt saß und seinen Arm in einer bizarren Stellung verdreht hatte. Brian wagte nicht, sich zu bewegen.

Sherlock warf ihr einen Blick zu. Darin lag Wut und Kampfeslust, aber auch Schmerz. Schmerz, sie so zu sehen. Schmerz, dass sein Plan nach hinten losgegangen war. Diesen Blick konnte Molly beinahe noch weniger ertragen, als die Geräusche nur wenige Sekunden zuvor. Er sagte nichts.

Sie wandte sich ab.

***

KOMM ZU MOLLY. MIT REVOLVER. SH

Nur wenige Worte, aber vollkommen ausreichend, dass John sich sofort auf den Weg machte. Die Arzthelferin in seiner Praxis kannte dieses Verhalten von ihm mittlerweile nur zu gut und hatte aufgehört, sich darüber zu beschweren. Sie wusste, was sie zu machen hatte. Welche Termine sie absagen konnte, welche sie alleine durchführen würde und welche John - pflichtbewusst wie er war - später und vermutlich mit privatem Hausbesuch nachholen musste. Sie bekam das hin – auch ohne ihn.

Es war Gott sei Dank noch kein Londoner Berufsverkehr, sonst hätte John mit seinen riskanten Fahrmanövern und Geschwindigkeitsüberschreitungen vermutlich sein Leben aufs Spiel gesetzt. Aber hier ging es um Molly. Das hier war persönlich und nicht irgendein Fall, der vielleicht aufregend war, ihn aber ansonsten wenig tangierte. Er hatte Molly so viel zu verdanken – besonders seit Marys Tod. Er würde sie niemals im Stich lassen.

John hatte keine Ahnung was passiert war. Und gerade auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

In Rekordzeit bog er in Mollys Straße ein und kam mit quietschenden Reifen vor ihrer Wohnung zum Stehen. Er schnappte sich seinen Revolver, dann eilte er auf die Eingangstür zu, die bereits offen stand, als würde man ihn erwarten. Das Adrenalin rauschte durch seine Venen, als er über die Türschwelle trat, nicht wissend, was ihn erwartete.

Das Einzige, was er sah, war Sherlock, der seelenruhig auf einem Mann saß. Und Blutspuren. Er steckte den Revolver in seinen Hosenbund. Offenbar hatte Sherlock die Gefahr weitestgehend selbst gebannt.

Und dann hörte er das Schluchzen einer Frau, die nur Molly sein konnte. Von ihr war allerdings keine Spur zu sehen. Sherlock schien seinen Gedanken zu lesen und nickte nur in Richtung Küchentresen. John schaute sich um, wurde aber von Sherlock unterbrochen.

„Ich brauche dich hier“, sagte er und die Eiseskälte in seiner Stimme überraschte ihn. Dennoch trat er näher.

An den Typen auf dem Boden gewandt, sagte Sherlock:

„Du wirst dich jetzt umdrehen, verstanden? Und versuch nicht wieder so dumm zu sein und etwas so Unüberlegtes zu tun wie gerade eben.“

Sherlock ließ den Arm los und betrachtete den Mann auf dem Boden, der sich ängstlich auf den Rücken drehte, mit unverhohlener Verachtung.

„Halt ihn fest“, sagte er zu John ohne ihn anzublicken.

Er tat, was Sherlock von ihm verlangte und hielt den Mann am Boden. Angst und Wut spiegelte sich in seinem Gesicht und John wandte den Blick schnell ab, nur um mit Erschrecken festzustellen, dass Sherlock zu Mollys Küchenzeile geeilt war und ein Messer aus dem Messerblock zog.

Was zum Teufel war hier eigentlich los?

Mit großen Schritten kam Sherlock zurück und setzte sich auf die Hüfte des Mannes, um ihn zusätzlich zu fixieren. Seine Augen wirkten bedrohlich. Diesen Blick hatte John nur einmal gesehen, und zwar kurz bevor der große Detektiv in seiner Verzweiflung Magnussen erschossen hatte. Das war kein gutes Zeichen. Der Mann unter ihm wimmerte.

„Sherlock, was hast du vor?“, fragte John und schaute besorgt auf das Messer in dessen Händen.

„Halt ihn fest!“, erwiderte Sherlock nur und zog an dem Shirt dieses Typen, von dem John immer noch keine Ahnung hatte, wer er eigentlich war und entblößte dessen Bauch.

„Sherlock!“, ermahnte John ihn noch einmal nachdrücklich, aber erntete nur einen ungeduldigen Blick.

„John, du bist Soldat. Darauf trainiert, Befehle auszuführen. Halt. Ihn. Fest!“, sagte er und klang selbst für Johns Ohren angsteinflößend. Verdammt, was hatte dieser Typ getan? Und wie zur Hölle sollte John eine richtige Entscheidung treffen, wenn er nicht wusste, was hier eigentlich gespielt wurde? Er konnte doch nicht einfach zusehen, wie Sherlock…

Doch er setzte bereits den ersten Schnitt. Zielstrebig und schnell. Der Mann schrie markerschütternd auf und versuchte sich zu bewegen. Mollys Schluchzen drang an sein Ohr. So wie sie klang war sie einem Nervenzusammenbruch ziemlich nahe.

„Halte still und ertrag es! Das ist doch das, was du von deinen Opfern forderst, nicht wahr?“, sagte Sherlock ungerührt.

Opfer? Welche Opfer? John war zwar Soldat, aber auch immer noch ein Arzt und befand sich gerade in einem tiefen Interessenskonflikt. Wieso tat Sherlock so etwas? Er hatte viel erlebt. Er hatte gesehen, wie Sherlock andere – Kriminelle – zusammenschlug. Wie er eine Waffe abfeuerte. Wie er regelmäßig für einen höheren Zweck das Gesetz brach. Aber selten war er so in Rage gewesen. Immer hatte er sich unter Kontrolle gehabt. Das hier war anders. Ganz anders und John konnte partout nicht sagen, ob es richtig oder falsch war. Ob der Mann unter ihm so etwas verdient hatte.

Fuck.

Sherlock schnitt immer wieder in die Haut und schien dabei etwas zu schreiben, das John wegen dem hervorquellenden Blut kaum entziffern konnte. Der erste Buchstabe schien ein R zu sein, der zweite augenscheinlich ein A.

Der Mann unter ihm schrie und schrie. Seine Atmung ging hektisch, aber er bewegte sich nicht. Molly wimmerte immer noch in ihrem Versteck und John drehte sich zu ihr um. Und da saß sie, wie ein Häufchen Elend unter dem Küchentresen, die Beine an die Brust und die Hände auf die Ohren gepresst. Angestrengt kniff sie ihre Augen zusammen. Ihr Gesicht und ihr Oberteil war mit Blut besudelt. Ihr Anblick war fast schockierender als Sherlock in seiner Wut.

Fokussieren! Und nicht die Nerven verlieren!

Er würde sich um Molly kümmern, wenn das hier vorbei war.

Das Blut von den Schnitten lief mittlerweile in Rinnsalen auf den Boden, wenn es sich nicht seinen Weg zur Kleidung suchte und dort versickerte. Der Geruch von Eisen stieg John in die Nase und obwohl er den Anblick von Blut gewohnt war und im Krieg weit Schlimmeres gesehen hatte, wurde ihm übel.

Auf das A folgte ein P, danach ein I.

Wenigstens stellte er fest, dass Sherlock die Schnitte nicht so tief setzte, dass er ernsthafte Schäden verursachte. Es würden Narben zurückbleiben – worauf Sherlock offenbar plädierte. Er wollte sein Opfer zeichnen. Brandmarken.

Konnte das John mit seinem Gewissen vereinbaren?

Die Lettern waren etwa vier Zentimeter hoch und würden am Ende deutlich lesbar bleiben. Das S, an dem sich Sherlock etwas länger aufgehalten hatte, konnte John im ersten Moment kaum lesen. Das Blut klebte mittlerweile nicht nur an dem Messer sondern auch Sherlocks Hand und sogar dem Unterarm. Gott sei Dank trug er kein Jackett und hatte die Ärmel seines Shirts nach oben geschlagen, sonst würde er bald aussehen wie nach dem Harpunieren des Schweins von damals.

Der Mann unter Johns Händen wurde plötzlich immer ruhiger und John befürchtete, dass er gleich ohnmächtig werden würde. Er nahm seinen Puls, der viel zu schwach und viel zu schnell war. Aber dann stand Sherlock plötzlich auf und starrte zufrieden auf sein Werk.

R A P I S T

„Das sollte meinen Worten genügend Nachdruck verleihen“, sagte er und lächelte sogar.

Rapist. Das englische Wort für Vergewaltiger. John riss die Augen auf und drehte sich erneut zu Molly um.

Fuck.

„Kümmer dich um sie“, sagte Sherlock, der Johns Blick gefolgt war. Er wischte seine blutige Hand an einem Küchentuch ab und streckte die Hand aus. John zog den Revolver aus seinem Hosenbund und überreichte ihn seinem Freund, der plötzlich unheimlich befriedigt aussah.

John stand auf. Sherlock riss den Mann gnadenlos an den Haaren nach oben, der gefährlich schwankte, als er an sich herab sah. Das Blut lief ihm in den Hosenbund und tropfte teilweise auf den Boden, der mittlerweile an ein Schlachthaus erinnerte.

Sherlock zerrte den Mann mit Johns Revolver im Anschlag nach draußen. Die endlich einsetzende Stille wurde nur von Mollys Schluchzen unterbrochen. John kroch augenblicklich zu ihr unter den Tresen und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Sie zitterte. Erleichtert stellte er fest, dass die Blutung offenbar nur von ihrer Nase kam und nichts Ernstes war.

Zaghaft öffnete sie die Augen und löste die Hände von ihren Ohren. Sie war völlig aufgelöst und stand offenbar unter Schock.

„Bitte John, bring ihn weg von hier“, sagte sie schwach und flehend.

„Es ist alles gut, Molly. Sherlock kümmert sich gerade darum“, sagte er so ruhig wie möglich.

„Ich rede nicht von Brian…“, erwiderte sie und starrte John lange ins Gesicht ohne zu blinzeln. John brauchte einen Moment, um ihre Worte zu verarbeiten. Wovon sprach sie bitte?

„Molly, Sherlock hat dich vor diesem… Brian… gerettet. Er…“

„Nein, John“, unterbrach sie ihn überraschend streng. „Er hat mir die Sache eingebrockt…“

John war wie vom Donner gerührt. Mit so einer Aussage hätte er am wenigsten gerechnet. Verdammt, was hatte Sherlock nur angestellt? Er seufzte, aber dann nickte er, obwohl er rein gar nichts verstand.

„Okay“, war alles, was er sagte. „Okay.“

Dann erhob er sich wieder und reichte Molly ein paar Küchentücher, an denen sie sich notdürftig säubern konnte. „Bleib hier. Ich bin gleich zurück“, sagte er und ging nach draußen.

Sherlock stand am anderen Ende der Straße und stieß Brian gerade in ein Taxi. Von dem Revolver konnte John nichts erkennen. Vermutlich hatte er ihn in den hinteren Hosenbund gesteckt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. John ging ihm entgegen, nachdem das Taxi los gefahren war.

„Ich sagte doch, du sollst dich um Molly kümmern.“

„Das tue ich. Sie sagte mir, ich solle dich von ihr fernhalten“, erwiderte John kühl und verschränkte die Arme vor seinem Körper. „Was ist hier eigentlich los, Sherlock? Wieso schneidest du einem Mann den Bauch auf und warum will eine Frau, die du vermeintlich gerettet hast, nichts mit dir zu tun haben?“

Sherlock schien Johns Fragen gar nicht zu hören. Es war ziemlich offensichtlich, dass er nach seinem ersten Satz ausgestiegen war, denn in seinen Blick war eine Traurigkeit getreten, die John nur zu gut kannte. Es war dieselbe Traurigkeit, die in seinen Augen gelegen hatte, als John sich nach Marys Tod von ihm abwenden wollte.

„Das hat sie gesagt?“, fragte Sherlock nur, der unheimlich getroffen wirkte. Seine Wut und sein Hass waren verflogen. John sah ihn trotz seines Ärgers mitfühlend an. Sein Anblick traf ihn unerwartet hart.

„Ja.“

Sherlock nickte resigniert. „Ich… ich kann es dir nicht erzählen, John. Aber Molly kann es. Sieh nach ihr. Bitte“, sagte er. Dann drehte er sich um und lief wieder zur Straße, ohne noch einmal zurückzublicken. John sah ihm nach und beobachtete, wie er sich angestrengt mit seinen Händen durch die Haare fuhr. Sein Revolver zeichnete sich an Sherlocks Rückansicht ab, aber John verzichtete darauf, ihn zurückzufordern. Er würde ihn nicht brauchen. Nicht mehr. Nicht jetzt. Das hatte Zeit.

Dann wandte er sich wieder ab und seufzte, bevor er Mollys Wohnung ein weiteres Mal betrat.
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