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Ein verhängnisvolles Date

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
15
36.733
11
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Dieses Kapitel
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31.08.2020 1.877
 
Anmerkung: Liebe Leser, mein Urlaub ist schon wieder vorbei und hat dem Alltag wieder Platz gemacht. Ich hoffe wieder regelmäßiger veröffentlichen zu können :)

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Brian öffnete nichtsahnend seine Wohnungstür, warf den Schlüssel erleichtert seufzend auf die Flurkommode und zog sich die Schlaufe seiner Umhängetasche über den Kopf. Erst als er das Wohnzimmer betrat, bemerkte er, dass er nicht alleine war und gefror augenblicklich zu Eis. Seine Tasche fiel auf den Boden, ohne dass er Notiz davon nahm. Wie vom Donner gerührt starrte er Sherlock mit offenem Mund an.

Sein Gesichtsausdruck wirkte zugegebenermaßen wenig intelligent, aber das tat er bei erschrockenen Menschen selten. Sherlock beobachtete, wie Brians Wangen immer blasser wurden und befürchtete kurz, dass er gleich ohnmächtig werden würde.

Ansonsten sah er aus wie auf den Fotos in seiner Polizeiakte. Seine dunkelblonden Haare waren kurz geschnitten, sein Bart gestutzt, aber nicht vollständig abrasiert. Er trug ein schlichtes weißes Hemd zu einer Jeans, die er schon mehrere Jahre besitzen musste, denn sie wies nicht nur Gebrauchsspuren auf, sondern war regelrecht abgetragen. Beides mindere Qualität, aber gerade noch ausreichend, um einen halbwegs anständigen Eindruck im Büro zu machen. Von Sport schien er nicht viel zu halten – er neigte zu einem leichten Fettansatz, war aber immer noch normalgewichtig.

Brians Wohnung, sein Job, seine ganze Erscheinung war allenfalls durchschnittlich und Sherlock hatte keine Ahnung, weshalb sich Molly überhaupt mit jemanden wie ihm getroffen hatte. Aber er war erstens hetero und zweitens ohnehin nicht sehr bewandert in diesen Dingen – was wusste er schon davon. Jedenfalls hätte niemand auf der Straße vermutet, dass ein Typ wie er solche Neigungen auslebte. Offensichtlich kompensierte er damit irgendeinen Minderwertigkeitskomplex.

„Wer zum Teufel sind Sie?“, fragte er schließlich nach einer halben Ewigkeit des Blickduells.

Ach du lieber Gott.

Sherlock verdrehte ungeduldig die Augen und seufzte. Er war ständig in den Zeitungen, die nicht müde wurden, von seinen ach so genialen Fähigkeiten zu berichten. Ganz zu schweigen von dem ganzen Rummel, den er verursacht hatte, als er vermeintlich tot war und zwei Jahre später wieder auferstanden ist. Schaute dieser Typ denn keine Nachrichten? Vielleicht fehlte ja einfach der Hut...

„Ich bin Sherlock Holmes, beratender Detektiv.“

Brian schaute ihn immer noch an wie ein Schaf. Offenbar gab es keinen Groschen, der hätte fallen können.

„Und was bitte sucht ein beratender Detektiv in meiner Wohnung? Ich sollte die Polizei rufen!“, entrüstete sich Brian, der sich augenscheinlich von seinem anfänglichen Schock erholt hatte. Seine Gehirnzellen schienen allerdings noch nicht wieder vollständig zu funktionieren.

„Tun Sie das. Ich habe schon weit illegalere Dinge getan, als in unbedeutende Wohnungen einzubrechen und dennoch werde ich immer noch regelmäßig vom Yard um Hilfe gebeten, wenn sie einmal wieder nicht weiter wissen. Was praktisch immer der Fall ist…“, sagte Sherlock ungerührt. „Bei der Gelegenheit weisen Sie den Polizisten am anderen Ende doch gleich darauf hin, dass mittlerweile Beweismittel gegen Sie vorliegen, die Sie ihm gern persönlich überreichen möchten, bevor er Ihnen die Handschellen anlegt.“

Natürlich war das ein Bluff. Nichts lag Sherlock ferner, als die Polizei zu involvieren, aber Brian sollte schließlich zu einem ähnlichen Schluss kommen. Seine Miene verfinsterte sich zusehends.

„Wovon reden Sie da? Ich habe nichts getan!“, rief Brian, aber Sherlock rollte innerlich erneut mit den Augen. Dass die Leute aber auch immer noch versuchten, Unwissenheit zu mimen oder ihre Unschuld zu beteuern, wenn das Kind schon längst in den Brunnen gefallen war!

Sherlock erhob sich langsam und bedacht vom Sofa und reichte Brian den Umschlag. Er wollte nicht länger sitzen, sondern flexibel agieren können, sollte Brian die Nerven verlieren. Bei ertappten Menschen wusste man nie, wie sie reagierten.

Zögerlich öffnete Brian den Umschlag und entnahm die Bilder, die er nur flüchtig betrachtete.

„Wo haben Sie die her?“, fragte er nun sichtlich wütend. „Und was soll das bitte beweisen?“

Die Farbe war in seine Wangen zurückgekehrt. Tatsächlich bildeten sich die ersten Schweißperlen auf seiner Stirn und Sherlock wettete, dass seine Hände mittlerweile ebenso feucht waren. Zu gern hätte Sherlock seinen Puls genommen. Er war sich sicher, dass er raste.

„Wenn Sie mich fragen, sehen die Frauen darauf nicht besonders erquickt aus“, sagte Sherlock provokant und starrte gelangweilt und mit verschränkten Armen aus dem Fenster.

“Das gehört zum Spiel. Die haben freiwillig mitgemacht”, sagte Brian wenig überzeugend.

“Deswegen wurden auch zwei Strafanzeigen gegen Sie gestellt”, entgegnete Sherlock trocken und drehte sich zu ihm um.

Brian sah ihm trotzig ins Gesicht. “Diese Bilder und zwei fallengelassene Anzeigen. Ist das alles, was Sie zu bieten haben?”, fragte er - und zerriss schließlich halb triumphierend das Papier in seinen Händen.

„Sind Sie eigentlich ein Idiot?”, entgegnete Sherlock und betrachtete den Regen der zu Boden fallenden Schnipsel. “Ich habe natürlich Kopien. Adressen. Identitäten. Glauben Sie wirklich, ich würde Ihnen das komplette Beweismaterial überlassen?“

„Wenn Sie so viel Beweise gegen mich haben, warum wenden Sie sich dann nicht selbst an Ihre Freunde bei der Polizei, um mich hinter Gitter zu bringen?“, fragte Brian und Sherlock war ehrlich überrascht. So viel Intelligenz hätte er diesem Typen gar nicht zugetraut. Und so viel Mumm.

Er lächelte.

"Weil ich Sie viel lieber selbst in der Hand habe", erwiderte Sherlock. Das klang irgendwie bedrohlich. Fast Mafia-mäßig und deutlich souveräner als: "Weil die Opfer nicht so viel Staub aufwirbeln möchten".

Mit so einer Antwort hatte Brian offenbar nicht gerechnet und starrte Sherlock nun wieder wortlos ins Gesicht.

"Ich schlage vor, wir überspringen dieses ganze Geplänkel. Seien Sie sich sicher, dass ich genug gegen Sie in der Hand habe, um Sie nicht nur festnehmen zu lassen, sondern auch medial zu zerstören. Ich kann Ihre Familie und Ihren Freundeskreis dazu bringen, sich komplett von Ihnen abzuwenden. Sie würden ihren Job verlieren. Ich könnte dafür sorgen, dass Sie London verlassen und sich nie wieder hier blicken lassen", sagte Sherlock, der langsam zum Kern der Sache vorstoßen wollte. Für seinen Geschmack hielt er sich schon viel zu lange in dieser stickigen Bude auf.

“Was wollen Sie?”, fragte er schließlich resigniert, was nahezu einem Geständnis gleich kam. Hätte Brian wirklich eine reine Weste, würde er sich nicht so einfach erpressen lassen.

“Am liebsten würde ich Sie dafür kastrieren, dass Sie sich wehrlose Opfer für Ihre perversen Spielchen suchen. Aber das wäre etwas plump, finden Sie nicht?”, fragte Sherlock ruhig. Brian antwortete nicht, aber das war nicht überraschend. “Ich möchte lediglich, dass Sie wissen: Ich beobachte Sie. Und ich werde Sie finden, wenn es wieder passiert. Und dann werde ich nicht mehr so freundlich sein wie heute.”

Und mit diesen Worten ließ Sherlock Brian einfach stehen. Als er sich an ihm vorbei drängte, bemerkte er, wie dieser schwer schluckte und die Fäuste ballte, aber er wusste, dass Brian ihn nicht angreifen würde. Dazu war er viel zu feige. Er maß sich schließlich nicht einmal mit seinesgleichen...

***

Molly lag völlig apathisch auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Auf ihrem Nachtschrank stand eine Flasche Wein, die fast vollständig geleert war. Ein Glas fehlte – die Wirkung des Alkohols bisher auch.

Sie fühlte sich leer. So leer und enttäuscht und kopflos. Sie hatte aus unerklärlichen Gründen nicht einmal die Kraft zu weinen.

Ihr Handy vibrierte irgendwo ganz in ihrer Nähe, aber sie beachtete es nicht. Sie wollte allein sein. Allein, mit ihren Gedanken.

Das durfte alles nicht wahr sein.

Sie hatte Sherlock vertraut. Immer. Sogar noch mehr seit den letzten Tagen. Seit sie sich so nahe gekommen waren. Sah ihn vor sich, hier, auf ihrem Bett. Erinnerte sich daran, wie sie sein Gesicht berühren und seine Lippen küssen durfte. Wie überwältigt sie war von ihrer Emotionalität an jenem Abend. Endlich – endlich war sie ihm näher gekommen, hatte sogar mit ihm geschlafen und wurde doch so bitter von ihm enttäuscht.

„Nein, Sherlock. Ich will... nichts mehr damit zu tun haben“, hatte sie gesagt und ihm damit deutlich gemacht, dass er sich raus halten sollte. Dass nicht ungeschehen gemacht werden konnte, was vorgefallen war. Dass er Brian nicht suchen musste.

Und dann, drei Tage nach ihrem mehr oder weniger unfreiwilligen Besuch in der Baker Street, hatte sie ihr Mailprogramm geöffnet, um ihre Nachrichten zu überprüfen wie sie es immer in regelmäßigen Abständen tat. Und hatte darin etwas gefunden, woran sie mit keiner Silbe gedacht hatte: einen Sicherheitshinweis darüber, dass sie sich von einem anderen Gerät in ihre Cloud eingewählt hätte. Eine simple Info-Mail, die man normalerweise einfach löschte, wenn man nicht so genau las.

Aber Molly hatte sich nicht in ihre Cloud eingewählt. Sie hatte gar keinen Grund dazu. Tatsächlich wusste sie nicht einmal genau, in welchen Abständen ein solches automatisches Back-Up eigentlich durchgeführt wurde und war noch nie in ihrem Leben in die Verlegenheit gekommen, genau auf dieses zurückzugreifen.

Sie war es definitiv nicht gewesen.

Zuerst hatte sie geglaubt, dass irgendwelche Hacker am Werk gewesen sein mussten. Dass sich jemand Unbefugtes Zugriff zu ihren Daten verschaffen wollte und sie ihre Mail-Adresse löschen und alles, was damit zu tun hatte, sichern musste.

Bis sie den Zeitstempel gesehen hatte.

Es war der Abend gewesen, an dem sie bei Sherlock gewesen war. Der Abend, an dem sie das erste Mal in seinen Armen hatte einschlafen dürfen. Und plötzlich kam ihr alles, was in der Baker Street passiert war, so abgekartet vor. So berechnet.

Sie war herein gefallen auf Sherlock.

Ihr Telefon vibrierte schon wieder, aber Molly rührte sich nicht.

Dass Sherlock ihr Handy hatte haben wollen, ergab plötzlich viel mehr Sinn. Dass er sie ins Schlafzimmer geführt hatte – weg von seinem Schreibtisch. Dass er überhaupt mit ihr geschlafen hatte. Es fühlte sich alles auf einmal so verdammt falsch an. Er hatte mit ihr gespielt, er hatte sie gelenkt, er hatte sie benutzt. Er hatte ihr etwas von Vertrauen erzählt und von Respekt, nur um ein weiteres Rätsel lösen zu dürfen.

Würde Sherlock sie tatsächlich respektieren, hätte er ihren Wunsch akzeptiert. Stattdessen hatte er ihr Vertrauen missbraucht, war nicht nur in ihren Körper, sondern auch ungefragt in ihre Privatsphäre eingedrungen. Hatte sie regelrecht hintergangen.

Molly hätte das Ausmaß ihrer Enttäuschung niemals in Worte fassen können. Sie spürte nur, wie sich immer wieder ihr Magen zusammenkrampfte. Wie es schmerzte - irgendwo tief in ihr drin.

Die Lampe an ihrer Decke fing allmählich zu schwanken an. Ihre Glieder sanken schwer in die Matratze, aber der Alkohol vertrieb auch das Frösteln, das sie seit ihrer Entdeckung begleitete. Vielleicht würde sie heute einmal schlafen können. Vielleicht würde der Alkohol sie ein bisschen betäuben. Nur ein winziges bisschen. Sie wäre so dankbar dafür.

Aber irgendwie wollte eine höhere Macht ihr keine Ruhe gönnen. Das Handy vibrierte zum dritten Mal und schließlich erhob sich Molly schwer seufzend. Sie brauchte einen kurzen Moment, um sich daran zu erinnern, wo sie es abgelegt hatte, doch als sie der Kommode an ihrer Zimmertür näher kam, erstarb das Vibrieren bereits. Ihr Display verriet ihr in großen Lettern, dass Sherlock der Anrufer gewesen war.

Mit dem wollte sie am allerwenigsten sprechen.

Lieber wollte sie sich die Decke über den Kopf ziehen und nie mehr darunter hervor kriechen. Gerade als sie sich wieder zu ihrem Bett herum drehte, schrillte und klopfte es energisch an ihrer Wohnungstür.

Herrgott, was war denn nur los? Genervt und leicht beschwipst lief sie über den Flur.

„Ich komme schon!“, rief sie, weil das Hämmern in ihrem Kopf dröhnte. In wenigen Schritten hatte sie die Eingangstür erreicht - nicht ahnend, dass sie besser auf Sherlocks Anrufe reagiert hätte.
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