Ein verhängnisvolles Date

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Molly Hooper Sherlock Holmes
21.07.2020
15.09.2020
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21.07.2020 2.187
 
An dieser Stelle nochmal TRIGGERWARNUNG! Angedeutete non-con actions!
Und smut. Was soll ich sagen, ich kann einfach nicht anders :D
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Sherlock saß an seinem Mikroskop im Barts und untersuchte ein paar Proben, die er vom letzten Tatort unter den missbilligenden Blicken von Anderson hatte mitgehen lassen. Molly war während seiner Untersuchungen sonst immer ein unscheinbarer Schatten gewesen, den er leicht ausblenden konnte, wenn er sich auf eine Aufgabe konzentrieren musste. Heute wirkte sie jedoch zerstreut, ja regelrecht entrückt. Am Anfang hatte er noch versucht, diesen Umstand zu ignorieren, aber mit jeder Sekunde, die verstrich, fiel es ihm schwerer. Die Abweichung vom Normalen wollte deduziert und geklärt werden, lenkte seinen Verstand ab von den wesentlichen Dingen.

Er seufzte.

Seine Bemerkung damals über Jim hatte damit geendet, dass Molly fluchtartig aus dem Labor gestürmt war. Das Gegenteil von „Gut“ war eben immer noch „Gut gemeint“ und die Probleme ihres Privatlebens gingen ihn außerdem nichts an. Er hatte zugegebenermaßen auch kein großes Interesse daran. Was er wissen musste, fand er in der Regel selbst heraus und hielt sich nicht lange mit Gesprächen auf.

Sherlock bereitete einen neuen Objektträger vor, schaute durch das Mikroskop und drehte an dem Rädchen, bis das Bild gestochen scharf wurde. In dem Moment scherbelte es hinter ihm und Molly fluchte. Sherlock verdrehte die Augen. Immerhin war ihr lediglich eine Pinzette aus der Hand gerutscht und nichts zu Bruch gegangen oder verschüttet worden.

Als sie sie aufhob, rutschte ihr Ärmel ein kleines Stück nach oben und Sherlock entdeckte rote Spuren an ihrem Handgelenk. Nun, das war tatsächlich interessant. Und besorgniserregend. Sherlock lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme, während er Molly aufmerksam musterte. Sie bemerkte seinen Blick und räusperte sich verlegen.

„Ist alles in Ordnung?“, bemühte sich Sherlock schließlich zu fragen, denn mit Fragen konnte man schließlich selten Schaden anrichten.

Molly wich seinem Blick aus, wirkte plötzlich nervös.

„Ähm… ja, ich denke schon“, sagte sie zögerlich und eine Spur zu leise. Das war ungewöhnlich. Sherlock vertraute ihr und sie ihm. Warum log sie ihn so offensichtlich an?

„Dann zeig mir deine Hände“, sagte er und drehte sich mit seinem Stuhl zu ihr.

„Was?“

„Wenn alles in Ordnung ist, dann zeig mir deine Hände“, wiederholte er und bemühte sich darum, nicht allzu ungeduldig zu klingen. Molly wich seinem Blick aus, streckte ihm aber schließlich zögerlich ihre geöffneten Handflächen entgegen. Sherlock ließ seinen Arm nach vorn schnellen und ergriff sie. Mit der anderen schob er ihren Ärmel einen Stück nach oben, um das Muster um ihr Handgelenk zu begutachten.

Molly war für einen Moment wie gelähmt, doch dann zog sie ihren Arm zurück und Sherlock ließ sie gewähren. Er hatte genug gesehen. Betreten sah sie zu Boden.

Das war delikat.

So mitgenommen wie Molly wirkte, hatte Sherlock für einen kurzen Moment geglaubt, sie wäre jemandem zum Opfer gefallen. Wenn diese recht frischen Spuren jedoch von einer Straftat herrühren würden, wäre sie heute nicht zur Arbeit erschienen und säße gerade bei der Polizei, um ihre Aussage zu machen. Oder bei ihm.

Angesichts ihres mentalen Zustands war Sherlock jedoch nicht weniger besorgt.

„Hast du freiwillig mitgemacht?“, fragte er so einfühlsam, wie es ihm möglich war. Mollys Wangen hatten sich mittlerweile rot gefärbt, die Situation war ihr sichtlich unangenehm. Sie zuckte zunächst zaghaft mit den Schultern und nickte dann stumm. Das war nicht sehr glaubhaft.

„Für dein eigenes Wohlbefinden würde ich dir raten, das nächste Mal das Safeword zu benutzen. Angesichts dieser stümperhaften Arbeit allerdings solltest du in Erwägung ziehen, diese Spielereien ganz zu lassen“, sagte er gewohnt sachlich.

„S-Stümperhaft?“, fragte sie schwach und zog an ihrem Ärmel.

„Ich nehme an, es ist gestern Nacht passiert. Dass heute noch die Abdrücke an deinen Handgelenken sichtbar sind, zeugt nur davon, dass die Fesseln viel zu fest waren. Außerdem erkennt man, wo sich die Knoten befunden haben. Aber abgesehen davon hat er – deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen - deine Grenzen offenbar deutlich überschritten, was nicht gerade für professionelles oder behutsames Vorgehen spricht“, erklärte Sherlock.

Molly starrte ihn entgeistert an.

„Wie dem auch sei, ich glaube ohnehin nicht, dass das meinen Präferenzen entspricht“, sagte sie kleinlaut und wollte sich wieder ihrer Arbeit zuwenden.

„Oh, das würde ich nicht behaupten“, sagte Sherlock. Sein Kommentar war gewagt. Er ließ sich ungern in solcherlei Dinge verwickeln, aber die Möglichkeit, anderen seine Erkenntnisse unter die Nase zu reiben, ließ er sich mindestens ebenso ungern entgehen.

Molly drehte sich wieder zu ihm um und fegte dabei erneut ihre Pinzette vom Tisch, die ein Stück in Sherlocks Richtung rutschte. Er stand von seinem Stuhl auf, um sie aufzuheben.

„Was meinst du damit?“, fragte sie irritiert. Er kam näher, um ihr das Instrument zu überreichen und konnte förmlich spüren, wie sich Mollys Körper anspannte. Zögerlich nahm sie die Pinzette wieder entgegen.

„Bring erst einmal deine Gerätschaften in Sicherheit“, sagte er, statt ihre Frage zu beantworten. Sein Blick war fest auf Molly gerichtet, die sich zögerlich zu ihrem Labortisch umdrehte. Sherlock stellte sich dicht hinter sie und hielt sich links und rechts von ihrem Körper an der Tischkante fest, ohne sie zu berühren.

Molly war vor Schreck wie gelähmt und hielt die Luft an.

„Ich meine damit, dass du von Natur aus eher devot bist“, sagte Sherlock leise, der nur wenige Zentimeter von ihrem Ohr entfernt war. Er hörte, wie sie schluckte.

„Weil du meinst, du könntest mich herumschubsen?“, fragte sie.

„Das muss ich gar nicht. Du gehst mir freiwillig zur Hand “, entgegnete er selbstsicher. Er hatte Molly gegenüber vielleicht den einen oder anderen sozialinkompetenten Kommentar fallengelassen, aber er hatte sie noch nie nach seinem Gutdünken herumgeschubst. Dafür respektierte er sie viel zu sehr. Er legte ihr seine Hand auf den Rücken, strich sanft und langsam daran herunter, fühlte ihr aufgeregtes Zittern durch den Stoff des Kittels. Dann drückte er sie nach vorn. Sie war so überrascht, dass sie nachgab und schließlich mit dem Oberkörper auf der Platte landete.

„Sherlock, was zum…

„Arme nach hinten“, sagte er und unterbrach sie mit seinen Worten. Obwohl Molly zitterte und nach ihren gestrigen Erfahrungen vermutlich auch ein wenig Angst hatte, befolgte sie seine Anweisung nach kurzem Zögern. Sherlock umgriff mit einer Hand ihre Handgelenke und pinnte sie auf ihrem Rücken fest, bevor er auch noch sein Becken gegen ihres presste, um sie an Ort und Stelle zu halten.

Ihr Puls war deutlich beschleunigt. Seiner mittlerweile auch, aber das brauchte sie nicht zu wissen.

„Durchatmen, Molly“, sagte er und wartete darauf, dass sich ihr Brustkorb regelmäßig hob und wieder senkte, um die Anspannung aus ihrem Körper weichen zu lassen. Von Situationen wie diesen hatte Sherlock schon fantasiert, als er Molly zum ersten Mal begegnet war. Seine letzte sexuelle Interaktion war schon Jahre her und hatte es ihm immerhin ermöglicht, seine volle Aufmerksamkeit auf seine Karriere zu richten. Aber Mollys Unschuld reizte ihn mehr, als ihm lieb sein konnte.

Er hielt sie einige Momente in dieser Position, gab ihr die Gelegenheit, die Situation überhaupt erst einmal zu realisieren. Als sich Mollys Atmung wieder halbwegs normalisiert hatte, sagte er schließlich: „Du hast dich nicht einmal dagegen gewehrt. Nicht einmal protestiert.“

Gut, dass sie sein selbstgefälliges Grinsen gerade nicht sehen konnte. Sie schwieg, aber das Rot ihrer Wangen färbte sich noch dunkler.

„Solche Experimente macht man nicht mit jedem, Molly. Überlege dir gut, wem du vertraust“, fügte Sherlock hinzu und ließ schließlich wieder von ihr ab. Dann ging er zurück zu seinem Mikroskop als wäre nichts geschehen und konnte sich endlich wieder auf seine Arbeit konzentrieren.

***

Es war Wochenende. Molly saß auf ihrem Sofa und nippte an einem Glas Wein. In den letzten Tagen war viel zu viel passiert und sie wollte sich irgendwie betäuben. Sie konnte nicht mal sagen, was sie überhaupt dazu geritten hatte, sich auf diesen Brian einzulassen. Beim Online-Dating lernte man wirklich nur einen Verrückten nach dem anderen kennen, bis man schließlich nach dem kleinsten Übel suchte. Er war von Anfang an ein wenig egozentrisch gewesen und hatte eine dominante Ader an den Tag gelegt, übte aber eben auch einen gewissen Reiz auf Molly aus. Augenscheinlich passten Arschlöcher immer super in ihr Beuteschema.

Sie hätte sich dafür ohrfeigen können, dass sie so naiv gewesen war. Sie war neugierig gewesen auf die neue Spielart - seit Shades of Grey waren SM-Spiele ohnehin salonfähig geworden. Leider war Brian eben nur kein Christian Grey, sondern einfach nur ein rücksichtsloser Scheißkerl. Was er getan hatte, war erniedrigend gewesen. Molly hatte ihn darum gebeten, aufzuhören, aber das schien seine perversen Neigungen nur weiter anzuheizen. Bewegungsunfähig wie sie war, hatte sie sich einfach nur unheimlich hilflos gefühlt und verzweifelt mit den Tränen gekämpft, weil sie ihm diese Genugtuung nicht auch noch geben wollte. Dann hatte sie in eine Art Überlebensmodus umgeschaltet und alles stumpf über sich ergehen lassen.

Vielleicht hätte sie ihn tatsächlich anzeigen sollen, aber dann hätte sie vor der Polizei die ganzen Details haarklein aufführen und mental noch einmal durchleben müssen, also hatte sie sich schlussendlich damit begnügt, ihn achtkantig rauszuschmeißen und damit abzuschließen. Für den Fall der Fälle trug sie wenigstens immer ein Pfefferspray und ihr Handy bei sich, auch wenn sie nicht daran glaubte, ihm jemals wieder über den Weg zu laufen. Er hatte bekommen, was er wollte und suchte sich mit Sicherheit bereits das nächste Opfer.

Sherlock hatte vollkommen recht gehabt. Sie wollte vorsichtiger damit sein, wem sie vertraute.

Sherlock.

Die Bilder aus dem Labor tauchten immer wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Warum hatte er das getan? Natürlich demonstrierte er gerne seine Überlegenheit, aber niemals auf diesem Wege. Nicht physisch. Dass er sich mehr oder weniger geoutet hatte, war mehr als überraschend gewesen. Und das, was er getan hatte, wurde in ihrer Fantasie tatsächlich mit jedem weiteren Male reizvoller.

Konnte es wirklich sein, dass er recht hatte?

Ich meine damit, dass du von Natur aus eher devot bist…

…Du hast dich nicht einmal dagegen gewehrt…

Es war ihr im Nachhinein so furchtbar peinlich. Erstens, dass er überhaupt von ihrer Misere erfahren hatte und zweitens, dass sie ihm so leichtes Spiel gelassen hatte. Seine plötzliche Nähe hatte sie wie paralysiert und ihr den Atem Stocken lassen. Sie war Wachs unter seinen Händen gewesen und hätte alles mit sich machen lassen, nur um ihn in ihrer Nähe zu haben.

Er reizte sie, das musste sie zugeben. Von Anfang an. Es war genau dieses Unnahbare, leicht Dominante, immer Überlegene in seinem Wesen, das sie schwach werden ließ. Alleine sein Kleidungsstil und seine stets kontrollierte Haltung hatten sie manche Nacht wach liegen lassen. Dass er sie plötzlich auf diese Weise berührt und seine Macht über sie demonstriert hatte, entfachte ihre Libido, ohne dass sie es wollte.

…Solche Experimente macht man nicht mit jedem, Molly…

Waren seine Worte möglicherweise eine Anspielung auf sich selbst gewesen? Und wenn er Brians Vorgehen als stümperhaft bezeichnete – hatte er vielleicht in diesen Dingen die nötige Erfahrung? Molly machte die Neugier fast wahnsinnig. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Sherlock überhaupt sexuell an ihr interessiert war, aber sie hatte sich auch genauso wenig vorstellen können, dass er sich mit solchen trivialen Dingen wie Sex beschäftigte.

Das Piepen ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken.

ZU DEINEM EIGENEN SCHUTZ: KEINE DATES HEUTE ABEND. SH

Molly war zunächst irritiert, musste dann jedoch schmunzeln. Entweder war es Johns Einfluss, der ihn über Mollys Wohlbefinden nachdenken ließ oder er handelte in einer ihr noch unerklärlichen Weise zu seinem eigenen Vorteil.

ZU SPÄT. TOBY SCHNURRT SCHON ZUFRIEDEN UNTER MEINEN HÄNDEN. MH

Sie schmunzelte. Gott, was schrieb sie da eigentlich für einen Mist? Das musste der Alkohol sein.

ICH ZIEHE DIE KRATZSPUREN EINES KATERS DEN NEUERLICHEN ABDRÜCKEN AN DEINEN HANDGELENKEN VOR. SH

Bitte was? Sie wusste nie, wie sie seine Nachrichten deuten sollte. Fast konnte man glauben, er hatte ebenso an einem Whiskeyglas genippt. Oder sich zu ihrem Missfallen Kokain gespritzt.

Sie tippte: DEIN VORGEHEN WÄRE MIT SICHERHEIT DISKRETER GEWESEN. Gott nein, das konnte sie unmöglich so abschicken. Sie löschte den Text wieder und überlegte kurz. Sie schrieb: UND WELCHE SPUREN HÄTTEST DU HINTERLASSEN?

Hilfe, das war ja sogar noch schlimmer. Viel zu anzüglich. Sie wollte den Text erneut löschen, als plötzlich ein Zucken durch ihren kleinen Kater ging, er sich aufrichtete und ausstreckte. Dann kletterte er auf ihren Schoß und trat von einer Tatze auf die andere, bevor er sich wieder auf ihr zusammenrollte und die Augen schloss.

Ihr Handy piepte.

OH MOLLY, DAS MÖCHTEST DU WISSEN? ICH NEHME AN, ES IST DER WEIN, DER AUS DIR SPRICHT… SH

Oh Gott, sie hatte aus Versehen den Text verschickt, den sie gerade hatte löschen wollen! Ging es peinlicher? Was sollte sie darauf bitte antworten? Ihr Herz schlug ihr augenblicklich bis zum Hals. Sicherheitshalber legte sie das Telefon zur Seite und dachte fieberhaft nach. Vielleicht sollte sie gar nichts mehr dazu sagen, schließlich hatte sie ein Händchen dafür, die Dinge mit jedem weiteren Satz nur noch schlimmer zu machen. Lieber griff sie zu ihrem Weinglas und kippte ihn hinunter.

Durchatmen.

Und vielleicht mal kurz die Toilette aufsuchen. Ja, das war auf jeden Fall eine bessere Idee.

Sie schob ihre Arme unter den kleinen Kater und legte ihn unter Protest zurück auf seine Decke. Auf dem Weg zum Klo sah sie nicht, dass ihr Handy noch einmal aufleuchtete.
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