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Silbrige Sünde

OneshotAllgemein / P12
21.07.2020
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Wir hatten unser Nachtlager etwa zwei Tagesmärsche von Kafarnaum entfernt aufgeschlagen. Es dämmerte bereits und wenn man aufmerksam war, konnte man hier und da einzelne Sterne erkennen. Stille hatte sich über das Lager gesenkt, mit Ausnahme gelegentlicher Eulenrufe und des leisen Rauschens der Baumwipfel im Wind. Ich schloss die Augen und sog die Eindrücke in mich auf. Hin und wieder vernahm ich die gedämpften Stimmen der anderen Jünger, doch ich schenkte ihnen keine besondere Beachtung. Die Kühle der Nacht war eine Wohltat für meine Füße, die vom vielen Wandern ermüdet waren, einem Krug Quellwasser gleich, der darüber gegossen wurde. Kurz überlegte ich, meine Sandalen aufzuschnüren und meine nackten Füße auf die Erde zu stellen, doch ich wollte den Moment nicht zerstören, indem ich viele ausladende Bewegungen machte. So streckte ich sie nur nach vorne aus. Ein paar Atemzüge lang konzentrierte ich mich nur auf die Umgebung, lauschte den Geräuschen, dem Knistern des Feuers, dem leisen Scharben der Steine, wenn jemand sich bewegte. Als ich die Augen wieder öffnete, bemerkte ich in einer der Baumkronen den Umriss eines Vogels. Ich beobachtete ihn, wie er unruhig den Kopf drehte, sein Gefieder aufplusterte und schließlich auf einen anderen Ast flatterte, wo er sich niederließ und ein paar Sekunden verweilte, ehe er sich erneut in den Himmel erhob und davonflatterte. Ich folgte ihm mit meinem Blick, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann blickte ich wieder auf die Landschaft vor mir. Karge Steine, ein paar Bäume, nicht ein Tropfen Wasser im Umkreis einer Strecke, die innerhalb einer Stunde zu Fuß erreicht werden konnte. An manchen Tagen liebte ich die Einsamkeit, an anderen Tagen wurde sie mir jedoch zu viel und ich fieberte dem Moment entgegen, in dem wir wieder anderen Menschen begegneten, wieder in eine Stadt kamen. Doch gerade war ich froh um die Stille, die sich wie ein Mantel um meine Schultern legte, mich einhüllte und die drückende Hitze des vorangegangenen Tages aus meinem Gedächtnis vertrieb.
Eine Weile lang betrachtete ich stumm die Umgebung. Ich fasste gerade den Entschluss, mich zur Ruhe zu begeben, als direkt hinter mir mein Name fiel. Aufmerksam geworden lauschte ich dem Gespräch.
„… zu berücksichtigen“, sagte Philippus gerade. Er sprach leise, trotzdem konnte ich seine Worte gut verstehen. „Stimmst du mir da zu?“
„In jeder Hinsicht.“ Das war Johannes. „Ich stimme mit deiner Meinung vollkommen überein.“ Auch seine Stimme klang gedämpft. „Was mich dennoch umtreibt, ist die Tatsache, dass wir nicht in der Lage waren, diesen Menschen eine anständige Versorgung zukommen zu lassen. Sie sind seit Tagen auf den Beinen, manche kommen von weither, haben die Strapazen einer langen Reise auf sich genommen, nur, um dem Joch der Unterdrückung zu entgehen. Sie haben sich von uns Hilfe erhofft und wir mussten sie mit leeren Händen wieder fortziehen lassen.“
„Judas sagt, die Kasse sei leer, das Geld reiche nicht aus. Dabei haben wir doch erst letztens einen großen Betrag von einer Frau als Spende erhalten.“
„Ja, ziemlich merkwürdig“, stimmte Johannes ihm zu. Er senkte die Stimme noch weiter. „Glaubst du, dass Judas …?“
„Dass er lügt? Ich kann es mir nicht vorstellen.“
„Fakt ist jedenfalls, dass wir weniger Geld haben als gedacht. Vielleicht sollten wir Jesus einweihen, damit er mal mit Judas redet. Vielleicht bekommt er ja heraus, wo das verschwundene Geld geblieben ist.“
„Und falls du doch recht hast und er wirklich etwas damit zu tun hat?“ Johannes hob die Schultern. „Dann wird er sich von unserem Herrn einen heftigen Tadel anhören müssen. Vielleicht entzieht er ihm sogar die Verantwortung für die Kasse. Aber noch sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es ist nicht mehr als eine vage Vermutung. Womöglich tun wir ihm Unrecht, wenn wir ihn beschuldigen.“ Mit diesen Worten wandte sich Johannes wieder dem Feuer zu.
Ich saß stocksteif da und wagte kaum zu atmen. Sie ahnten etwas! Und sie wollten Jesus davon erzählen! Ein Glück, dass ich ihnen den Rücken zuwandte, sonst hätte mein Gesichtsausdruck sie unweigerlich darauf gebracht, dass sie recht hatten. Dass ich der Versuchung des Geldes erlegen war, sosehr ich auch versuchte, redlich und rechtschaffen zu sein. Mit einem flauen Gefühl im Magen legte ich mich zur Ruhe. An diesem Abend dauerte es lange, bis der Schlaf sich einstellte.

Ein paar Tage später kam Jesus zu mir. „Ich hörte von Johannes, dass in der letzten Woche mehrere Leute ein Opfer gebracht und uns einen Teil ihres Vermögens überlassen haben. Der Vater schenke ihnen seinen Segen. Mit den Spenden konnte vielen Armen geholfen werden.“
„Das freut mich“, erwiderte ich. Dennoch kam ich nicht umhin, mich zu fragen, welche Absicht seine Worte bargen. Wollte er mich testen? Hatte Johannes ihm von seinen Vermutungen erzählt, war dies seine Art, meine Aufrichtigkeit einer Probe zu unterziehen? Ich musterte ihn unauffällig, doch konnte ich kein Anzeichen von Misstrauen oder Falschheit an ihm ausmachen. Und er bemerkte es, selbstverständlich tat er das.
„Bedrückt dich etwas, Judas?“
„Nein, nichts, Herr“, antwortete ich. Er sah mir in die Augen und legte die Hand auf meine Schulter. Sein Blick war so voller Liebe, dass ich es beinahe nicht mehr ertragen konnte und den Blick abwandte. Jesus schwieg. Es war kein unangenehmes Schweigen, doch hatte ich das Gefühl, dass es mit jeder Sekunde Stille, die verstrich, an Bedeutung zunahm. Und plötzlich brach es aus mir heraus: „Herr, ich bin ein schlechter Mensch. Du vertrautest mir die Kasse an, doch ich habe dich enttäuscht. Die Silbergroschen, die uns die Leute gaben, nahm ich für mich. Entbinde mich von diesem Amt, lass einen anderen an meine Stelle treten.“
Jesus sah mich an. „Ist es das, was du willst?“
Das war es nicht, ich wusste es, mein Verstand sagte mir zwar, dass es das Beste wäre, doch mein Herz zog es weiterhin zum Geld. Dennoch nickte ich.
„Das ist es nicht, Judas. Prüfe dein Herz“, sagte er. „Heuchelei ist eine schwere Sünde, ebenso wie Habsucht. Doch wenn du mich lässt, werde ich dein Herz öffnen für die Wahrheit Gottes, werde ich dich von deinen Sünden reinigen. Du musst mir nur vertrauen.“
Was er sagte, berührte mich und für einen Augenblick wollte ich ihm um den Hals fallen, ihm die Füße küssen und an seiner Seite in den Himmel auffahren. Doch dann holte mich die Realität ein. Er hatte mich der Heuchelei bezichtigt, ein Vorwurf, den ich nicht nachvollziehen konnte. Vielleicht hing mein Herz zu sehr an irdischen Dingen und vielleicht maß ich dem Geld mehr Bedeutung bei als Jesus und der Rest der Jünger, doch das machte mich nicht zum Heuchler. Wenn ich mich um die Armen sorgte, sorgte ich mich gleichzeitig auch um uns, denn was wir an Lohn erwirtschafteten, war nicht gerade viel; das Wenige, das wir erhielten, kam in die gemeinsame Kasse, deren Verwalter ich war, war es da nicht legitim, auch an meine Bedürfnisse zu denken? Zumal das meiste aus dem Beutel auf Jesu Geheiß an Andere abgegeben wurde.
„Und schon wieder verlierst du dich in deinen Gedanken“, sagte Jesus und ich schreckte auf. „Teile sie mit mir. Befreie dich von deiner Last.“
„Herr“, begann ich und verstummte. Ich will mehr, als mir zusteht, dachte ich, doch die Worte verließen meine Lippen nicht. „Zürnst du mir?“, fragte ich stattdessen.
„Ich zürne dir nicht“, erwiderte Jesus. „Ich habe Vertrauen in dich gesetzt, du aber ließest dich von der Versuchung verführen. Dein Wunsch, dich von deinen Pflichten als Kassenwart zu entbinden, entsprang deinem Drang nach Ansehen. Du tatest es, weil du glaubtest, es könnte dir das Ansehen der Gruppe erhalten.“
In manchen Gesprächen mit Jesus hatte man das Gefühl, dass er alles wusste, dass er dein Innerstes gnadenlos nach außen kehrte. So auch ich in diesem Moment. Ich nickte stumm.
„Judas“, sagte er sanft. „Du hast mir deine Sünde gebeichtet und ich vergebe dir. Doch beherzige meine Warnung und achte auf deine Gedanken. Wie leicht werden Gedanken zu Worten und diese dann zu Taten. Und auch unrechtmäßige Taten können rasch in Gewohnheiten umschlagen, welche sich in deinem Charakter manifestieren.“ Bei diesen Worten sah Jesus mich eindringlich an und ich verstand die Warnung. „Denn zu guter Letzt wird es dein Charakter sein, der dein Schicksal bestimmt.“
Ich spürte, dass von seiner Seite aus diese Unterhaltung nun beendet war, doch hatte ich noch ein – zugegeben recht vermessenes – Anliegen, welches ich kaum vorzubringen wagte. „Herr, die Kasse …“
„Wird weiterhin deine Aufgabe sein“, antwortete Jesus. „Sieh es als Chance und lerne.“
Ich neigte den Kopf. „Ich danke dir, Herr.“
Er schenkte mir ein Lächeln, dann ging er zu Petrus und Andreas, um sich mit ihnen zu unterhalten. Ich ließ mich ein bisschen zurückfallen, um den neugierigen Blicken und den Fragen der Anderen zu entgehen. Außerdem brauchte ich Zeit zum Nachdenken. Den Rest des Tages widmete ich dem Geldbeutel an meinem Gürtel keinen einzigen Blick mehr.








Jesus' mahnende Worte gegen Ende habe ich aus einem Spruch von Talmud umgeformt. Er erschien mir einfach so passend, dass ich die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen wollte. ;) Hier ist der Originalspruch:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

https://www.aphorismen.de/zitat/19331
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