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Captured

GeschichteThriller, Horror / P18 / Gen
21.07.2020
04.03.2021
10
15.344
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25.07.2020 1.789
 
Kennt ihr das, wenn ihr eine lange Zeit, nicht zu Hause gewesen seit und eure Wohnung oder Haus das erste mal wieder betritt?
Man nimmt Gerüche wahr, die man sonst nicht war nimmt. So trat ich nach 6 Wochen, zurück aus der Reha, wieder in mein Haus und bemerkte, dass es hier nach Minze und Kaffee roch. Nach Jayke und mir. Das nehmen also Freunde und Familie wahr, wenn sie in unser Haus treten?
Ich stand im Flur und schaute ins Wohnzimmer.
Ich bin zu Hause, dachte ich. Doch es fühlte sich nicht nach zu Hause an. Nichts war mehr so wie es vor Jaykes Tod war. Ein Gefühl der Trauer durchzog mein Körper und ich schluckte schwer. Ich schloß meine Augen.
Tief einatmen.. und ausatmen, dachte ich und holte tief Luft. Als ich meine Augen wieder öffnete, vergaß ich fast, erneut Luft zu holen. Mein Blick fiel auf die Treppe zum Dachboden. Hatte ich vergessen, diese wieder hoch zu schieben und den Dachboden zu schließen?, fragte ich mich und schmiss meine Tasche auf den Boden. Ich lief ohne darüber nach zu denken, auf die Treppe zu, schob sie hoch und knallte die Dachbodentür in ihre fugen zurück. Ich sank auf den Boden und klammerte mich an dem Stab, mit dem man die Tür vom Dachboden öffnen konnte. Nicht zusammenbrechen, fuhr es mir durch den Kopf und holte erneut tief Luft. Über zwei Monate ist es jetzt her und es fühlt sich immer noch genauso schlimm an. Jedesmal wenn ich an Jayke dachte, fühlte es sich so an, als würde ich mit ihm sterben. Er war meine große Liebe. Aber ich muss weiter machen. Ich stand wieder auf und ging zur meiner Tasche zurück. Ich nahm diese und den Koffer, der mich in die Reha begleitet hat. Im Schlafzimmer hob ich den Koffer auf das Bett und wollte ihn öffnen, als mir etwas auf dem Bett auffiel. Es sah irgendwie benutzt aus. Am dem Tag, als Jayke sich umgebracht hatte, bin ich nachdem ich aus dem Krankenhaus kam, direkt zu Kathi gezogen. Bis zu dem Tag, als ich kurzfristig in die Reha gefahren bin, bin nicht mehr hier gewesen. Kathi und ich holten gemeinsam Sachen für mich. Und ich würde schwören, dass ich seither das Bett nicht mehr angerührt hatte.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Handy klingelte. Ich wühlte in meiner Tasche herum und zog neben meinen Handy, noch gefühlt 20.000 Kassenbons und mein Ladekabel heraus. “Die Tasche einer Frau, sind wie die weiten des Universums”, zog Jayke mich immer auf. Ich nahm ab, ohne darauf zu schauen, wer anrief. “Hallo?”
“Hey Schwesterchen”, brüllte Kathi in ihren Lautsprecher. “Ich bin in ca 10 Minuten bei deinem Haus”.
Ich hörte im Hintergrund Fahrgeräusche. Sie war im Auto und auf dem Weg zu mir. Wir wollten gemeinsam das Haus putzen und das ein oder andere Teil von Jayke weg packen. “Hi Kathi”, antwortete ich, “Ich bin vor ein paar Minuten nach Hause gekommen. Ich mach uns schon mal einen Kaffee. Bis gleich”.
“Oh gerne, Sparky freut sich auch schon auf dich”, gab sie zurück und trennte die Verbindung.
Sparky.. mein treuer Australian Shepherd. Jayke und ich haben ihn damals gekauft, als unsere Tochter ausgezogen ist und zu studieren begann. Wir haben zwei gemeinsame Kinder. Mirijam und Tim. Jayke brachte noch einen Sohn mit in unsere Beziehung. Josh lebte mit uns in diesem Haus und ab und zu bei seiner Mutter. Mirijam ist mit 19 Jahren mit ihrem Freund nach Hamburg gezogen, um dort Fremdsprachen zu studieren. Zum übel jeder Mutter, hat sie diesen Platz in Hamburg bekommen, anstatt in Köln.
Seitdem wirkte das Haus so leer und leise, dass wir uns einen Hund kauften. Sparky.
Ich ging in die Küche und setzte Kaffee auf. Als ich den Schrank öffnete um die Kaffeetassen heraus zu nehmen, fiel mir wieder etwas auf. Die Tassen standen nicht sortiert, wie immer. Sondern willkürlich ineinander gestellt oder sogar einfach nur reingelegt. Ich entnahm zwei und stellte sie auf die Küchentheke. Komisch, dachte ich und öffnete einen weiteren Schrank. Da keine frische Milch im Haus war, nahm ich das Milchpulver aus dem Schrank und erschrak innerlich. Wie kann das denn jetzt sein?, wunderte ich mich und öffnete die Dose. Das Pulver war leer. Ich stellte die Dose auf die Theke und wich ein Stück zurück. Jemand muss in meinem Haus gewesen sein. Aber wer? Und wie? Jayke trank kein Kaffee und ich nahm das Pulver nur, wenn wir einen Ausflug machten oder in den Urlaub fuhren und ich auf der Fahrt, nicht auf meinen heißgeliebten Kaffee verzichten konnte. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, das jemand in meinem Haus gelebt hat, während ich weg war. Wieder wurden meine Gedanken unterbrochen, als es an der Tür klingelte. Ich ging zur Haustür und öffnete sie. Sparky bellte vor Freude und sprang immer wieder an mir hoch. “Hallo mein Liebling”. Ich drückte ihn so sehr, dass er sich wild wehrte um meinen liebevollen Drücker zu entkommen. Er schleckte mir das Gesicht und knuddelte sich an mich. “Ich hab dich auch vermisst mein süßer”. Er verschwand im Haus und lief hin und her. Ich weiß genau was er tat. Er sucht sein Herrchen.
Ich wandte mich meiner Schwester zu. “Hey Kathi”, lächelte ich sie an. “Hey meine Liebe, ich freu mich das du wieder da bist”. Sie drückte mich innig und ich war wirklich froh, wieder hier zu sein. Bei meiner Familie.
“Komm rein, Kaffee ist fertig. Allerdings fehlt die Milch. Dann müssen wir den wohl schwarz trinken”.
Kathi hielt eine Tüte hoch. “Ich habe ein paar Sachen eingekauft, die du eventuell gebrauchen könntest”, grinste sie und trat ein. “Oh Wow, du bist meine Rettung”.
Wir setzten uns und redeten viel. Ich erzählte ihr, wie es mir ergangen war und sie erzählte mir, wie es ihr ergangen war. Als ich die Kaffeetassen, in die Spülmaschine stellen wollte, fiel mir das benutzte Geschirr auf. Ich drehte mich zu Kathi um. “Sag mal Kathi. Hat Josh oder einer der Kinder, in den letzten Tagen hier gewohnt?” Sie sah mich verwirrt an. “Keine Ahnung, ich glaube nicht wieso?”
“Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber es wirkt so, als hätte jemand hier gewohnt. Da Bett sieht benutzt aus. Meine Tassen sind durcheinander und das Milchpulver leer. Und schau…” ich öffnete die Spülmaschinentür ein Stück weiter und zeigte auf das Geschirr.
Sie zuckte mit den Schulter. “Wahrscheinlich hat Josh sich, tatsächlich ein paar Tage hier niedergelassen. Du weißt doch wie er ist. Ein Chaot. Seine Freundin hat sich von ihm getrennt und er wusste wahrscheinlich nicht, wo er hin soll”.
“Ja, du hast wahrscheinlich recht. Seit Jaykes Beerdigung, hab ich nur ganz wenig von ihm gehört. Ich wusste nicht, dass Clara sich getrennt hat. Er erzählt mir ja nichts”, antwortete ich und setzte mich wieder zu ihr.
“Mach dir nicht so einen Kopf. Ruf ihn an, dann weißt du es”. Sie legte beruhigend ihre Hand auf meinen Arm. “Ja, das sollte ich tun”.
“Aber nun los. Wir haben viel zu tun”, sagte sie und klopfte auf den Tisch.

Es vergingen einige Stunden, bis wir das Haus von seinem Staub befreit hatten. Wir wuschen die Wäsche und räumten ein paar Sachen weg, die Jayke nicht mehr gebrauchen würde. Seine Schuhe oder seine Zahnbürste weg zu packen, fiel mir nicht so schwer, wie seine Anziehsachen aus dem Schrank zu holen. Ich holte eines seiner Hemden raus und drückte es an mich. Es roch nach ihm und meine Augen füllten sich mit tränen. “Wenn dir das zu viel ist, Liv. Dann sollten wir erstmal eine Pause machen. Du musst…”. “Nein”, fiel ich ihr ins Wort. “Ich muss das jetzt tun. Er würde das nicht wollen, dass ich mich quäle”.
Betretendes Schweigen kam über uns.
Kathi sagte kein Wort mehr, als ich Jaykes Sachen, in Kartons und Tüten packte. Ich behielt nur ein Hemd von ihm im Schrank. Eins an dem ich mich klammern kann, wenn ich wieder einen Moment der Schwäche hatte.
Ich knotete die letzte Tüte zu und sah dann zu Kathi.
“Wo soll ich die Sachen verstauen?”
“Auf dem Dachboden?” Sie sah mich dabei nicht an, als sie diesen Vorschlag aussprach. “Ist das dein Ernst?”, brach es aus mir heraus. “Wo denn sonst Liv? Dieses Haus hat kein Keller und ich werde es nicht verantworten, dass du die Abstellkammer oder ein anderes Zimmer mit den Kartons voll stopfst”.
Ich sah sie nicht an. “Liv?”, hörte ich sie sagen.
“Vielleicht können wir die Kartons in eure Garage stellen?”
Sie verdrehte die Augen. “Und Tobias und ich stellen unsere Autos, dann auf dein Dachboden?”
Wieder schweigen.
“Okay… aber zwing mich nicht, dazu da hoch zu gehen”, gab ich nach und schaute sie dabei fest an.
Sie nickte. “Okay, ich rufe Tobias an. Er wird mir helfen”.

Es war schon spät, als Tobias kam und Kathi half, die Kartons nach oben zu tragen. Tobias ist Polizist und war ebenfalls ein guter Freund von Jayke gewesen. Durch ihn haben Kathi und Tobias sich kennengelernt. Das war vor 3 Jahren auf Jaykes 43ten Geburtstag. Er wollte eigentlich nicht feiern. “43 ist keine besondere Zahl”, sagte er, aber ich hatte trotzdem eine kleine Überraschungsparty, für ihn geplant. Zum Glück für meine Schwester und ihrem zukünftigen.
“So das war der letzte”, sagte Kathi und Tobias brachte den letzten Karton hoch. “Danke”, sagte ich und sah die Treppe hoch. “Kathi hängt da noch..?” Ich brachte es nicht über mich es auszusprechen. Sie zögerte, nickte aber dann. “Ich bitte Tobi, es zu entfernen” und sie trat wieder die Treppe zum Dachboden rauf. Ich hörte ein leises Gemurmel, gefolgt von einem “Ja, mach ich”.
Kathi und Tobias traten hintereinander die Treppe hinunter. “Wir werden dann jetzt fahren. Ruf an wenn was ist”, sagte Kathi und nahm mich in den Arm. “Ich danke euch”, gab ich zurück und hielt sie einen Moment länger fest. Dabei fiel mein Blick auf den Gegenstand, den Tobias in der Hand hielt. Es war ein dickes gewöhnliches Kabel und die Verkleidung hatte an manchen Stellen risse. Vermutlich durch Jaykes Gewicht. Ich löste mich von Kathi und Tobias drückte mich kurz. “Ruh dich aus”.
Ich schloss die Tür, als sie in ihre Autos stiegen und sah zum Dachboden.
Ein komisches Gefühl, hier alleine zu wohnen.
Ich werde das Haus für den Wohnungsmarkt frei geben, dachte ich und schloss die Augen. Jaykes Sachen sind jetzt da oben, dort wo es geendet hat. Ich kann nicht hier wohnen bleiben.
Sparky kam angelaufen und setzte sich vor mich. “Ach Gott. Tut mir leid mein süßer. Ich hab dich heute so vernachlässigt. So wie die letzten Wochen”. Ich bückte mich zu ihm und streichelte sein Kopf. “Komm wir gehen eine Runde”. Ich nahm seine Leine und meinen Schlüssel und verschwand in den Abend.
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