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Captured

GeschichteThriller, Horror / P18 / Gen
21.07.2020
04.03.2021
10
15.344
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22.07.2020 1.999
 
Ich liege in meinem Bett und starre die Decke an.
Man hatte mich unter Beruhigungsmittel gesetzt und mich auf ein neues Zimmer gebracht. Ich war jetzt alleine. Ich durfte die Station, nicht mehr alleine verlassen und schon gar nicht das Gebäude. Mir taten die Hände weh. Kein Wunder. Ich habe, auf diesen Mann eingeschlagen, als gäbe es kein Morgen mehr. Seine Nase ist gebrochen und er hat eine große Platzwunde an seinem Kopf, durch den Aufprall auf den Boden, als ich mich mit meinem ganzen Gewicht auf ihn geschmissen hatte. Er ist schmächtig und war überrascht, über meine plötzliche Attacke. Da kann einem auch mal eine 1,68 cm große Frau mit mittlerweile nur noch 62 Kilo umhauen. Jedenfalls bin ich jetzt mit diesem Mann in einem Krankenhaus. Ein Mann der mich Monatelang gequält und gefoltert hat. Bei dem Gedanken wird mir schlecht.
Ich bin müde. Ich schließe die Augen und es dauert wenige Minuten, bis der Schlaf die Übermacht bekam.

Kopfschmerzen quälen mich, als ich wach werde. Ich setze mich langsam auf und nehme mein Handy von dem Nachttisch. Keine neue Nachrichten oder verpasste Anrufe. Es ist 7:38 Uhr. Gleich wird die Frühschicht hereinspazieren und das Frühstück servieren. Ob Vanessa wieder die Frühschicht hat und mir gleich wieder ein neues Foto ihres Marlons zeigen wird?
Es ist nicht viel, aber dies ist irgendwie unser morgendliches Ritual geworden. Auf etwas was ich mich freuen konnte. Ich lege mein Handy zur Seite und springe unter die Dusche. Das einzig Gute des Zimmerwechsel ist, das ich jetzt mein eigenes Badezimmer habe. Nicht groß, aber besser als sich das Bad mit 3 anderen Leuten zu teilen.
Ich stehe noch im Handtuch in meinem Zimmer, als ein klopfen, an der Tür zu hören ist. Die Tür wird aufgestoßen und es ist nicht Vanessa, die mit dem Tablett in der Hand das Zimmer betritt.
Die Schwester war stabil und viel zu klein für ihr Gewicht. Sie hat graues krauses Haar und eine streng wirkende Brille, die ihre Nase ziert.
Sie stellt das Tablett auf dem Tisch ab und schaut mich an. “Guten Morgen”, sagt sie und lächelt nicht. “Guten Morgen”, gebe ich zurück und sie verlässt ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Ich schaue auf meine Bereits geschmierten Brote auf dem Teller. Daneben steht eine Tasse Kaffee und ein Himbeerjoghurt. Sie geben mir das Messer immer noch nicht, denke ich und setze mich an dem Tisch. Wahrscheinlich haben sie Angst, dass ich mich mit dem Messer umbringen möchte. Ich gebe zu, es gab einen Vorfall vor ein paar Tagen. Aber nicht mit einem stumpfen Brotmesser. Ich wollte mich vom Dach stürzen. Es ist schwierig damit umzugehen, wenn mir keiner glaubt, was mir passiert ist. Mir wurde alles zu viel und der Gedanke, alles hinter mir zu lassen, erfüllte mich mit Hoffnung. Seitdem darf ich auch nicht mehr auf die Dachterrasse des Krankenhauses.
Nach dem Frühstück gehe ich eine Rauchen. Natürlich mit einem Pfleger als Aufpasser. Das habe ich mir selber zuzuschreiben. Aber andererseits ist es auch gut. Wenn ich schon in dem Krankenhaus bin, mit einem Psychopathen. So muss ich mir wenigstens keine Gedanken machen, dass er sich diesmal auf mich stürzt und auf mich einschlägt.
Ich werfe meine Zigarette weg und nicke dem Pfleger zu, als ich eine Stimme hinter mir höre.
“Guten Morgen meine liebe, wenn Jayke dies sehen könnte, würde er dir jetzt einen Vortrag halten, wie ungesund dies für dich ist”.
Bei den Namen meines Mannes fange ich an leicht zu frösteln und drehe mich um. Ein großer schlanker Mann in einem teuren blauen Anzug, steht direkt vor mir und lächelt mich an.
“Guten Morgen, David”, antworte ich. David streckt mir die Hand hin und ich schüttel sie. “Wie geht es dir, Livia?”, fragt er mich und schaut dabei an mir herunter. Ich weiß genau was er denkt. Meine Fresse siehst du schrecklich aus. Ja, das weiß ich.
“Den Umständen entsprechend”, antworte ich. “Was treibt dich hier her?”
“Deine Schwester Kathi hat mich gestern angerufen”.
Owei. Ich weiß genau wovon er spricht. Kathi wurde gestern ins Krankenhaus gerufen, nach meinen Ausbruch. Ich wurde wegen Körperverletzung angezeigt. Da ich voll mit Beruhigungsmittel war, konnte ich mich nicht mit der Polizei unterhalten und Kathi schickt mir einen Anwalt. David war ein Freund von Jayke gewesen. Sie haben sich auf beruflicher Ebene kennengelernt. Jayke war Gerichtsmediziner. Er hatte in seinem Job viel erlebt. Dies ließ mich darauf schließen, dass dies der Grund für seinen Selbstmord war. Ich glaubte, dass er all das, nicht so gut verkraftet hatte. Viel später erst, habe ich herausgefunden, das dies nicht der Grund war.
“Wir sollten drinnen reden”, sage ich zu ihm und er folgt mir ins Krankenhaus. “Lass uns zusammen einen Kaffee trinken. Dann können wir alles bereden. Außerdem haben wir uns lange nicht mehr gesehen”, sagt er und zeigt auf die Cafeteria. Ich schaue den Pfleger an und wende mich dann David zu. “Tut mir leid, aber ich darf nicht ohne Aufsicht außerhalb der Station bleiben”. David sieht mich mitleidig an. Ich ignoriere es. “Komm wir gehen in den Besucherraum auf meiner Station”.
Der Besucherraum ist so gut wie leer. Es sitzt nur eine Frau mit ihrem Sohn an einem Tisch und sie spielen Uno. Wir setzen uns an einem Tisch direkt am Fenster. Die Sonne schaut ab und zu durch die Wolken und lässt den Raum, für kurze Momente erhellen. Sofern die weißen Wände noch heller werden konnten. Davids Handy summte auf. Er holt sein Handy aus der Jackentasche und schaut auf seinen Display. “Oh tut mir leid Livia. Da muss ich kurz antworten”.
“Kein Problem”, gebe ich zurück und schaue ihm dabei zu, wie er die Nachricht in sein Handy tippt. Es stimmt. Wir haben uns lange nicht gesehen. Das letzte mal auf der Beerdigung. Er blieb nur zur Beisetzung. Den anschließenden Kaffee und Kuchen blieb er fern.
Er hat sich kaum verändert. Er trägt die Haare immer noch kurz und keinen Bart. Ein paar graue Haare schimmern durch das dicke schwarze Haar. Wäre Jayke jedoch nicht gewesen, hätten er und ich uns nie kennengelernt. “Einfache” Fälle übernimmt er normalerweise nicht. Er wird dies nur tun, weil ich Jaykes Ehefrau war. David legt sein Handy zur Seite. Er lehnt sich weiter auf den Tisch, faltet seine Hände und schaut mich an. “Dann erzähl mal. Was ist passiert?”
Ich sehe ihn an. Er kennt meine Geschichte nicht. Wie soll ich ihm erklären, dass ich einen Mann verprügelt habe, den ich für einen Psychopathen halte?
“Ich habe einen Mann verprügelt”, fange ich an.
“Und wieso?”
“Weil er mir Angst macht”.
Er schaut mich verdutzt an.
“Er macht dir Angst? Wieso gehst du dann nicht zur einer Krankenschwester, sondern verprügelst ihn?”
Gute Frage. Wieso? Wieso musste ich das alles durch machen? Wieso sitze ich seit Wochen in einem Krankenhaus? Wieso glaubt mir keiner?
“Er sah aus wie jemand, der mich 5 Monate gequält hat”.
“Jemand hat dich gequält? Und du denkst dieser jemand ist dieser Mann?”
Ich nicke. “Hmm. Und wie hat er dich gequält?”, hackt er nach. Ich antworte nicht. “Livia. Wenn ich dir helfen soll oder verstehen soll wieso, dann musst du mir erzählen was los ist”.
“Hast du heute noch was vor?” “Wie bitte?”. Er schaut mich verwirrt an. “Wenn du möchtest das ich dir alles erzähle. Von Anfang bis zu diesem Moment, in dem wir beide hier sitzen, dann solltest du heute mit niemanden mehr zum golfen verabredet sein”.
“Das golfen habe ich vor Jahren an den Nagel gehangen”, lächelt er. Ich lächel nicht. “Schon gut. Tut mir leid”. Er hob abwehrend die Hände. “War ein kleiner scherz. Also gut. Ich habe Zeit. Erzähl mir deine Geschichte, wenn du es möchtest”.
Ich blicke auf den Tisch. “Kannst du dafür sorgen, dass er mich nie wieder quälen wird?”
“Wie bitte?”
“Ob du dafür sorgen kannst, dass er mich nie wieder quälen wird”. Ich sehe ihn voller Hoffnung an.
“Wenn er dich Monate gequält hat, werde ich dafür sorgen, dass er das Tageslicht eine ganze weile nicht mehr sieht”.
Ich schmunzel. Plötzlich war das Gefühl der Hoffnung verflogen. Mir hat seitdem ich hier bin keiner geglaubt. Die Polizei nicht. Meine Familie nicht. Die Ärzte und Therapeuten nicht. Wieso sollte jetzt ein Anwalt mir glauben, der ebenfalls keine Beweise oder ähnliches in der Hand hat, das für eine Anzeige geschweige denn für eine Haftstrafe reichen würde?
“Livia?”, fragte David mich. “Ist alles in Ordnung?”
“Nein, David ist es nicht. Ich.. ich.. ich weiß nicht. Ich..”. Meine Stimme zittert. Mein ganzer Körper zittert. “Ist schon gut”. Er legte seine Hand auf meinen Arm. “Du musst es nicht erzählen”. Er holt eine Visitenkarte aus seiner Tasche und schreibt etwas darauf. Ich blicke auf die weiße Karte. Eine Nummer stand auf der Rückseite der Karte und ich sehe ihn an. “Wenn du reden willst rufe mich unter dieser Nummer an. Das ist meine private Handynummer. Ich weiß nicht ob du diese hast. Du kannst mich zu jeder Zeit anrufen Livia”.
Er drückt mir den Arm und stand auf. “Setz dich nicht unter Druck Liebes”, fügt er mit einem lächeln hinzu.
Seine braune Tasche klemmt unter seinem Arm, als er den Raum verlässt.

Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Zimmer. Ich aß nichts und der drang zu Rauchen war auch sehr gering. Es war langweilig und ich schlief viel.
Am Abend knabbere ich an einer Scheibe Brot herum.
Eigentlich habe ich kein Hunger, denke ich. Ich muss immer wieder an das Gespräch mit David denken. Soll ich es nochmal versuchen? Meine Gedanken werden vom Klingelton meines Handys unterbrochen. Das Display leuchtet auf und es ertönt “Footloose” aus dem gleichnamigen Film. Ich nehme mein Handy und schaue auf den Display und ein Bild von Kathi mit dem Kontaktnamen “Kathi Bär” lächelt mir entgegen. Ich nehme ab: “Hey Kathi”.
“Hey meine süße”, gibt sie zurück. “Wie geht es dir heute?”
“Nicht so gut”.
“War David heute bei dir? Hast du mit ihm geredet?”, fragt sie und ich höre wie Teller im Hintergrund klackern. “Ja, er war da. Ich habe ihm aber nichts erzählt”. Kathi und ich stehen uns sehr nah, aber ich hab immer noch nicht ganz verstanden ob sie mir all das geglaubt hat. Ich denke schon. Nein. Ich hoffe.
“Ach Liv. Du musst mit ihm reden. Die Anzeige ist nicht gerechtfertigt”.
“Ich habe einen Mann verprügelt, der..”. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher ob, Er der Mann war.
“Ja das weiß ich Liv. Ich möchte nur, dass du endlich aus dem Krankenhaus kommst und wieder ein Leben hast”.
Mein Leben wurde vor über einem Jahr zum Selbstmord gebracht. Ich sage nichts.
“David kann dir dabei helfen, Vertrau ihm. Jayke hat ihm auch vertraut”.
“Jetzt komm mir nicht so. Ich kenne David nur flüchtig und nicht so gut wie Jayke es tat. Wieso sollte er mir dann glauben, wenn du es nicht mal tust?” Meine Stimme fing wieder an zu zittern und ich unterdrückte ein schluchzen. Tränen stehen mir in den Augen.
“Liv bitte”, sagt meine Schwester und ich lege auf. Ich sinke auf mein Bett und schaue auf meine viel zu großen Hausschuhe.
Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, bis ich mein Handy und die Visitenkarte nehme. Ich tippe die Nummer von David ein und lege den Hörer ans Ohr.
Mein Herz pocht heftig.
Ein paar Minuten vergingen bis David den Anruf entgegen nahm.

Eine Woche nachdem ich mit David gesprochen hatte, stellt uns das Krankenhaus eine Räumlichkeit zur Verfügung in dem wir in Ruhe sprechen können.
In der Zwischenzeit, hatte er sich einigermaßen mit meinem Fall vertraut gemacht. Aber Einzelheiten konnte nur ich ihm erzählen.
Wir sitzen in dem Raum, in dem ich Gestern noch mit Frau Weber sahs. Er setzt sich auf den Sessel und ich auf die Couch, ihm gegenüber.
“So. Dann wollen wir mal beginnen meine Liebe”.
Ich würde jetzt alles in dieses Gespräch setzen. Alles an Mut. Alles an Angst. Alles an Hoffnung.
Ich atme tief ein und wieder aus.
Und dann fange ich an, zu erzählen.
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