Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Captured

GeschichteThriller, Horror / P18 / Gen
21.07.2020
04.03.2021
10
15.344
2
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.07.2020 1.428
 
Ich zog die Tür hinter mir zu, als ich den Raum der Psychotherapien verließ.
Um die 50 Minuten Sitzung mit Gesprächen zu füllen und die Zeit sinnvoller zu nutzen, als nur Löcher in die Luft zu starren, stellte Frau Weber mir immer die gleichen fragen. Die stellt sie mir immer. Wie es mir im Krankenhaus ergeht. Ob ich mich mit meiner Zimmernachbarin verstehe oder ob ich auch genug Besuch meiner Angehörigen bekomme. Oder ob ich immer noch das Bedürfnis habe, mich von dem Krankenhausdach zu stürzen.
Sie macht nur ihren Job. Und eigentlich macht sie diesen auch sehr gut. Es liegt nicht an ihr. Es liegt an mir. Vielleicht liegt es doch ein bisschen an ihr. Wenn man davon absieht, dass ich es bemerke das Frau Weber mir ebenfalls nicht glaubt, erwische ich mich bei jeder Sitzung dabei wie ich sie muster. Sie hat eine wunderschöne natürliche braune Haut, tolle dunkle Haare und ungewöhnliche blaue Augen, die einen wunderbaren Kontrast zu ihrem Hautton bilden.
Wie erbärmlich ich mir immer vorkomme, wenn ich in meinen Bademantel und den viel zu großen Hausschuhen vor ihr sitze. Meine langen rotbraunen Haare flüchtig zu einem zotteligen Dutt hoch gebunden und tiefe dunkle Ringe unter meinen grünen Augen, die mittlerweile viel kleiner wirken als vorher.
Ich schlurfe unmotiviert in die Richtung meines Zimmers. Mittlerweile sind es 6 Wochen die ich hier bin. Im Krankenhaus auf der psychiatrischen Station.
In meinem Zimmer, setze ich mich auf mein Bett und schaue auf meine viel zu großen Hausschuhe. Kein wunder das ich immer durch die Gänge schlurfe. Wie ein Geist. Kraftlos. Leblos. Auf der Suche nach frieden.
Aber diese Hausschuhe gehörten Jayke.
Meinem toten Ehemann. Er starb vor über einem Jahr.
Es war Selbstmord.
Ich fand ihn auf dem Dachboden unseres Hauses.


Die Treppe stand unten als ich nach Hause kam, so rief ich seinen Namen die Treppe hoch. Er antwortete nicht. Er hatte mich bestimmt gehört und schnell hinter einen Karton versteckt um hervor zu springen und mich zu erschrecken. Aber ich bin vorbereitet Mister Engels. Diesmal wird das nichts, dachte ich während ich die knarrenden Treppen zum Dachboden hoch stieg.
Lächelnd stieg ich weiter hinauf, voller Freude meinen albernen Ehemann gleich in die Arme nehmen zu können. Meine Lippen auf seine zu drücken und den anstrengenden Arbeitstag zu vergessen. Ich hatte meinen Job gern. Es war ein kleines Brautmoden Geschäfts. Meine Chefin war super. Aber die Kunden konnten anstrengend sein. Natürlich konnten sie das. Es war ihr großer Tag, wofür sie wundervoll aussehen wollten,mit einem ganz besonderen Kleid. Aber es war ein schönes Gefühl, wenn eine zufriedene Braut glücklich aus dem Geschäft ging. Mit diesem einem perfektem - besonderem Kleid, um ihren zukünftigen Mann zu gefallen. Und dort oben wartete mein Mann. Ich stieg die letzte Stufe hinauf und zog mich nach oben. Ich blickte über den Dachboden und dann sah ich ihn. Er hing an einem Strick aus Kabeln, die er sich aus einer Kiste heraus genommen hatte. Sein Gesicht sah erschrocken verzehrt aus, wie bei jemanden der nun mal erstickt. Es dauerte eine Weile bis ich verstand welches Szenario sich da vor mir abspielte.
Als ich anfing zu verstehen schrie ich auf und erschrak  entsetzt zurück. Ich verlor den Boden unter meinen Füßen und fiel die Treppe wieder herunter. Bewusstlos fiel ich zu Boden.
Mein Kopf schien zu zerplatzen als ich wieder zu mir kam. Das Licht der Wohnzimmerlampe blendete mich und ich brauchte einige Minuten um klar sehen zu können. Vorsichtig setzte ich mich auf. Neben mir hörte ich eine vertraute weibliche Stimme.
“Oh mein Gott Livia geht es dir gut?”, sagte die Stimme und setzte sich neben mich. Sie legte mir einen Arm um die Schulter um mich zu stützen. Ich hatte das Gefühl das ich jeden Moment wieder das Bewusstsein verlieren würde. “Hier trink einen Schluck Wasser”, sagte sie und hielt mir ein Glas Wasser unter die Nase. Ich schaute auf das Glas und dann auf die Person die neben mir sahs. Es war meine Schwester Kathi. Wir waren am Abend verabredet. Sie wollte mit mir ihre Vorstellung ihres Brautkleid skizzieren. “Kathi ich hab etwas ganz seltsames getr…”. Ich stockte als ich auf den Flur hinaus sah und dabei zugesehen habe,wie zwei Männer einen Leichensack aus dem Haus transportierten. Mein Herz fing an schneller zu schlagen und mein Atem wurde hektischer. Ich schaute aus dem Fenster. Die Abenddämmerung wurde vom Blaulicht durchbrochen.
Nein. Nein. Nein. Das kann nicht sein.
Ich versuchte aufzustehen, aber sank auf den Boden. Meine Beine waren zu kraftlos um mich zu tragen. Nun sahs ich auf dem Boden. Nein. Nein. Nein.
Meine Augen fühlten sich mit Tränen. Mein Gesicht wurde heiß und meine Kehle zog sich zu. Ich zitterte und kroch mit all meiner Kraft in den Flur. Nein. Nein. Nein.
Mein Blick fiel auf die offene Dachbodentreppe, dann auf den Leichensack draußen. Nein. Nein. Nein.
Kathi ist mir gefolgt und sagte etwas zu mir, aber das hörte ich nicht mehr. Mein Ohren klingelten und ich hörte nur mein eigenes Schluchzen. Unterbrochen von meinen schreien. NEIN! NEIN! NEIN!
Meine Schwester hielt mich fest, doch ich hatte das Gefühl zu fallen. Ich versuchte mich zu wehren. Ich wollte los laufen. Ich wollte zu Jayke. Das musste ein ganz schlimmer Traum sein. Meine schreie verstummten. Mein schluchzen wurde tonlos und meine Glieder erschlafften. Ich fiel wieder in die absolute Dunkelheit.


Die Tür meines Zimmers wird aufgestoßen und holt mich aus meine Gedanken.
Ein neues Bett wird herein geschoben, was nur bedeuten kann, dass ich eine neue Zimmernachbarin bekomme. Die letzte junge Frau die sich mein Zimmer mit mir geteilt hat, war sehr nett gewesen. Wir haben uns gut verstanden und konnten einander verstehen. Wir teilten nur nicht das selbe Schicksal. Die Krankenschwester lächelt mich an. Ich mag sie. Sie hat oft die Frühschicht um am Nachmittag für ihren dreijährigen Sohn Marlon da sein zu können. Jeden Tag zeigt sie mir neue Fotos und erzählt mir, was für lustige Sachen er wieder getan oder gesagt hat.
Es ist schön sie so glücklich dabei zu sehen und lässt mich für einen kurzen Moment vergessen.
Ich öffne die Schublade meinen Nachtschrankes und hole meine Zigaretten heraus. Eine unnötige Angewohnheit die mit dem Tod meines Mannes kam. Wenn ich eine Zigarette rauche oder auch mal zwei, dann habe ich was zu tun. Ich rede mir selber ein, dass mich das Rauchen beruhigt. Ich nehme einen tiefen Zug und fülle meine Lungen. Jayke hätte es gehasst. Er machte regelmäßig Sport und gesunde Ernährung war ihm sehr wichtig. Er war derjenige der meistens gekocht oder die Wäsche gewaschen hat. Ich war eher eine Sorte Frau die aus jedem Wäschehaufen “bunt” machte.
Der Rauch erlosch, als ich die Zigarette ausdrücke. Ich füttere den Mülleimer damit und gehe zurück in das Gebäude. Die Aufzugswand ist kühl und ich lehne eine weile meine Wange daran.
Im 5 Stock angekommen verlasse ich den Aufzug. Das Essen müsste gleich ausgeteilt werden und hoffentlich ist es genießbarer als gestern. Oder Vorgestern. Oder Vorvorgestern. Oder …
Meine Gedanken wurden unterbrochen. Von einem jüngeren Mann. Er steht vor meiner Zimmertür. Meine Hände schwitzen und mein Atem wird schwerer. Plötzlich hatte ich ein Gefühl von Angst und Hass. Da war er. Der Mann der 5 Monate heimlich in meinem Haus gelebt hat. Und da steht er einfach. Vor meiner Tür. Möchte er zu mir? Und wieso? Will er mich jetzt endgültig töten? Ich laufe auf ihn zu. Immer schneller. Mich packt die Wut. Die Angst der letzten Monate hat mich stark gemacht und anstatt Hilfe zu rufen nehme ich eine Vase aus dem Schrank, die für die Patienten bereitgestellt werden und schlage ihm die auf dem Kopf. Erschrocken und leicht benommen schaut er mich hilflos an und ich werfe mich mit meinem gesamten Gewicht gegen ihn. Er stolpert und fällt zu Boden. Ich setzte mich auf seinen Brustkorb und fange an auf ihn ein zu schlagen. Immer und immer wieder. Ich schreie ihn an.
“Du perverses Arschloch. Du hast mein Leben zerstört”.
Schlag.
“Du hast mir alles genommen!”
Schlag.
“Ich bring dich um!”
Schlag.
“ICH HASSE DICH!”
Schlag.
Tränen laufen über mein Gesicht. Um mich herum Geschrei.
Ich merke wie mich die Pfleger versuchen von dem Mann herunter zu ziehen.
Ich wehre mich. Möchte ihn weiter schlagen. Möchte ihm die Schmerzen zufügen die er mir hinzugefügt hat.
Mit aller Kraft ziehen mich vier Personen von dem Mann und halten mich fest. Ich schreie. Ich weine. Ich trete wild um mich. Und dann merke ich den Stich. Mein Atem wird ruhiger und mein Körper erschlafft.
Da ist sie wieder. Die Dunkelheit.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast