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Lüge und Verrat

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
20.07.2020
20.07.2020
3
73.055
 
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20.07.2020 31.901
 
Planet Astrokaszy
Regionale Hauptstadt Jasons Reef
Zerstörter Außenbezirk "Playgrounds"
06. Februar 3025

Tyr blinzelte einen Schweißtropfen von seinem linken Augenlid und fluchte lautstark, als der 75 Tonnen schwere Battlemech unter seiner Kontrolle nach rechts taumelte und mit den kläglichen Resten eines Gebäudes kollidierte. Die hoch aufragende, rußgeschwärzte Mauer brach unter lautem Getöse in einer meterhohen, dichten Staubwolke in sich zusammen während der Khopesh kurz strauchelte. Schnell schloss er die Augen und mahnte sich zur Konzentration. Dies war sein erster Kampf in der über 500 Jahre alten Kampfmaschine wie auch innerhalb der Spielergemeinschaft des Planeten. Uljana und er hatten all Ihre verbliebenen Ersparnisse in eine Wette auf seinen Sieg gesteckt. Er durfte nicht versagen.
Tief atmete er aus und öffnete dann wieder die Augen.
Noch immer breitete sich die Staubwolke in der von Ruinen gesäumten, breiten Straßenschlucht aus. Die Playgrounds waren vor langer Zeit ein dicht besiedeltes Viertel der Bezirkshauptstadt gewesen, dessen Ende in Form einer marodierenden Einheit gekommen war. Nach den schweren Kämpfen und einer folgenden Feuersbrunst hatten die überlebenden Bewohner das Gebiet verlassen und dem Verfall Preisgegeben. Seit wenigen Jahren tobten nun erneut Gefechte durch die Straßenschluchten. Organisierte Kämpfe auf deren Ausgang horrende Summen gesetzt wurden.
Hier trafen ausgebrannte Mechkrieger und Piraten, verzweifelte Söldner und anderer Abschaum aufeinander, denn anders als auf der Spielewelt Solaris gab es hier so gut wie keine Regeln. Die Startgebühren waren lachhaft und man benötigte keine teure Lizenz um seinen Mech in einen Kampf zu steuern.
Eine Bewegung in einer Seitenstraße keine 200 Meter von seiner Position entfernt riss ihn aus seinen Gedanken. Gemächlich schritt ein riesiges, vierfüßiges Monstrum auf die Hauptstraße und drehte sich dann in seine Richtung.
Das 100 Tonnen schwere Ungetüm, welches sich ihm nun langsam näherte, hatte seine Laufbahn vor Ewigkeiten als Mech für großangelegte Bauprojekte begonnen, was aber nun kaum noch zu erkennen war. Massive, rostige Panzerung zog sich über den riesigen, spinnenhaften Körper des Kisu. Sein Gegner hatte die Schutzklappen der kastenförmigen Startrampen der KSR-Lafetten zu beiden Seiten des Cockpits bereits geöffnet und auch die Läufe der mittelschweren Laser unterhalb dieses Bereichs wiesen bedrohlich in seine Richtung.
Ein kurzes Knacken in den Lautsprechern des klobigen Neurohelms gefolgt von der Stimme seines Gegners ließen ihn aus seiner Schockstarre erwachen.
„Das hier muss nicht mit deinem Tod enden, Junge. Es klebt genug Blut für zwei Lebzeiten an meinen Händen. Schalt deinen Reaktor ab und steig aus dem Schrott, den du Mech nennst, dann können wir alle nach Hause gehen.“
Die Worte von Stephano Gallierdi ließen Tyr schlucken. Der alte Mann hatte zumindest mit einer Tatsache Recht. Es klebte wirklich viel Blut an seinen Händen. Alleine hier auf Astrokaszy hatte er mindestens fünf Mechpiloten im Kampf getötet. Und das mit einem Industriemech.
Kurz schüttelte er den Kopf um seine Gedanken zu fokussieren und spannte die Kiefermuskeln an um einen Funkkanal zu öffnen.
„Das hier wird nicht mit meinem Tod enden, Gallierdi. Ich werde dir mit dem Schrott gleich so mächtig in den Hintern treten, dass du freiwillig aus deiner Maschine steigst. Youngblood Ende.“
Damit schloss er den Kanal und aktivierte den antiken Feuerleitcomputer während er den Khopesh in der Mitte der breiten Straße abstellte. Die alte Technik hatte bereits Probleme, sich bewegende Ziele zu erfassen. Befand sich der Khopesh selbst in Bewegung waren Treffer reine Glücksache.
Langsam zog er das Fadenkreuz in seinem Sichtfeld über die massige Gestalt des Kisu und wartete, bis die flackernde, grüne Entfernungsanzeige im unteren Bereich 180 Meter anzeigte.
Dann presste er die Auslöser seiner beiden Primärwaffen voll durch.
Das schwere, rückstoßfreie Geschütz in seiner rechten Armmanschette stieß einen meterlangen Flammenstrahl durch Öffnungen an seiner Rückseite aus und schleuderte das massive Projektil seinem Gegner entgegen, während die Partikelprojektorkanone in der rechten Manschette sich zuerst knisternd mit Energie auflud, die sich dann in einem gleißenden Strahl kreischend manifestierte.
Die schwere Granate prallte im ungünstigen Winkel an der rechten Raketenlafette des Kisu ab und verschwand dann jaulend aus seinem Blickfeld, wohingegen die aufgeladenen Partikel in einer Orgie der Zerstörung Panzerung vom vorderen, linken Bein der Maschine seines Gegners rissen.  
Der Impuls des künstlichen Blitzstrahls ließ jedoch auch alle Monitore in seinem Cockpit kurz flackern und ein Blick auf die Statusanzeige des Khopesh bestätigte seine schlimmsten Erwartungen.  
Der primitive Reaktor des Battlemechs mochte Störungen während des Betriebs gar nicht und die Masse an elektrischen Interferenzen welche die Betätigung der PPK mit sich brachte, führten nun zu Fehlfunktionen, welche Uljana verharmlosend einen Schluckauf nannte.
Gerade noch rechtzeitig drehte er die Kühlleistung seiner Weste auf Maximum als auch schon die höllische Hitzewelle über ihm zusammenschlug.
Gleichzeitig mit ihm hatte auch der Pilot des Kisu das Feuer eröffnet. Einer der mittelschweren Laser verfehlte sein Ziel und hinterließ eine rotglühende Spur auf dem verwitterten Asphalt vor dem Khopesh. Der zweite jedoch kochte Panzerung in einer ausgefranzten Spur von seinem rechten Bein. Von den zwölf Kurzstreckenraketen die, auf feurigen Antriebsflammen auf ihn zu donnerten, detonierten acht auf seinem Torso und den Armen in grellen Feuerbällen.
Tyr musste all sein, zugegeben beschränktes, Können in die Steuerung investieren um den schweren Battlemech vor einem Sturz zu bewahren. Mit einem holprigen Schritt rückwärts stabilisierte er den Stand seiner Maschine und blickte dann auf die Anzeigen um ihn herum um seine Möglichkeiten durch zu gehen.
Der Khopesh war überhitzt. Nicht schwerwiegend, aber doch so sehr, dass sich ein Einsatz der PPK verbot. Zumindest bis das Hitzelevel auf ein erträgliches Maß abgesunken war.
Der Kiso rückte weiter vor, wobei er das getroffene Bein nur vor sich her zu schieben schien.
Der Partikelstrahl musste den Aktivator oder die Myomermuskulatur beschädigt haben.
Sein Blick fiel auf das ausgebrannte Wrack eines gepanzerten Halbkettenfahrzeugs, welches nur einen Meter links neben seiner Maschine auf der Straße stand.
„Na gut, Gallierdi. Dann spielen wir das hier auf die schmutzige Art.“
Die Worte waren nur an ihn selbst gerichtet, während er den Torso des Battlemechs nach unten neigte. Mit der linken Kralle, die unter der Waffenmanschette angebracht war, griff er das Fahrzeugwrack und beschleunigte den Khopesh dann auf Höchstgeschwindigkeit.
Noch während er sich wie ein Bowlingspieler wieder aufrichtete, schwang er den linken Arm nach hinten und dann wieder nach vorn, wobei er den Griff um das Wrack löste.
Die Reste des Halbkettenfahrzeugs trudelten durch die Luft auf den Kiso zu, der völlig perplex stehen geblieben war.
Auch die Zielerfassung ließ das Fadenkreuz über dem gegnerischen Mech aufblinken und Tyr löste erneut das rückstoßfreie Geschütz, diesmal jedoch in Kombination mit dem darüber montierten mittelschweren Laser und der Kurzstreckenraketenlafette, welche auf seinem rechten Torso thronte.
Der Strahl grellen Lichts des Lasers zog eine rot glühende Furche über das rechte Bein des Kiso während die Granate des Geschützes in den Torso einschlug, wo sie in einer grellen Explosion große Brocken aus der Panzerung riss. Die Salve der sechs KSR war zu hoch angesetzt und zog bis auf ein Geschoss über den Gegner hinweg um auf einem verwüsteten Platz kurz hinter dem Kiso den Asphalt aufzureissen.
Die letzte Rakete erwischte den überschweren Industriemech direkt neben der Cockpitscheibe und ließ eine feurige Blume dort aufblühen, die den Mechkrieger einen Schritt zurück trieb.
Dann traf das geschleuderte Fahrzeugwrack berstend auf den Torso des Mechs und zerbrach in mehrere große Trümmerteile, die auf die Straße regneten.
Gallierdi wurde von dem plötzlichen Wechsel zu einer wesentlich aggressiveren Kampfweise völlig überrumpelt. Das Antwortfeuer seiner beiden KSR Lafetten war überhastet und ungezielt. Die zwölf Raketen heulten links und rechts an dem vorpreschenden Khopesh vorbei ohne Schaden zu erzielen.
Auf seinem 360 Grad Rundumdisplay konnte Tyr einen zweiten Helikopter ausmachen, der sich dem Kampf zwischen den beiden Mechs näherte. Zweifelsohne um eine weitere Perspektive für die Trivid Übertragung zu erhalten. Still lächelte er in sich hinein.
Dass die Spielleitung einen weiteren Hubschrauber herbei beorderte hieß, dass mehr Zuschauer Interesse an dem Gefecht zeigten. Und das hieß mehr Prämie für ihn und Uljana.
Nur noch dreißig Meter trennten die beiden Stahlgiganten voneinander als die Piloten noch einmal die Waffen auslösten.
Diesmal wurde der Khopesh von dem zurückweichenden Kiso mit einem Alphaschlag, also dem Feuer aus allen Waffen, belegt.
Die beiden mittelschweren Laser vereinigten ihre Zerstörungskraft auf dem linken Torso des schweren Battlemechs, während die volle Anzahl der KSR sich mit Einschlägen über alle Bereiche verteilten.
Erneut rang Tyr mit den Kontrollen, behielt jedoch die Kontrolle über seinen Sturmlauf, während seine beiden mittelschweren Laser, wie auch die KSR Lafette und das schwere rückstoßfreie Geschütz Tod und Vernichtung über seinem Gegner zusammenschlagen ließen.
Die Detonationen der KSR zogen sich über den rechten Torso des Kiso bis zum linken Bein, wo die Wirkung noch von den beiden Lasern verstärkt wurde und geschmolzene Panzerung sich in großen Mengen auf den Asphalt ergoss.
Die Granate des Geschützes schlug in die rechte KSR Lafette des Kiso, durchschlug die improvisierte Panzerung und explodierte im Inneren des Werfers. Ein heller Feuerball blähte das Gehäuse auf und ließ Flammenzungen aus den leeren Abschussröhren zucken, bevor tiefschwarzer Rauch daraus hervor quoll.
Erneut versuchte Gallierdi, sich mit einem unsicheren Schritt zurück aus dem Feuerbereich des anstürmenden Khopesh zu bringen.
Schweiß perlte von Tyrs Stirn, als er die Pedale welche die Geschwindigkeit seines Mechs regelten erneut voll durchtrat. Er konnte das gequälte Aufheulen des Gyroskops im Inneren der Maschine hören, als er den Torso erneut absenkte, nur Sekundenbruchteile, bevor die beiden Kampfmaschinen kollidierten.
Das Kreischen berstenden Metalls erfüllte sein Cockpit und die Erschütterung des Aufpralls warf ihn hart in die Gurte der Pilotenliege.
Der Khopesh schmetterte mit seinen fünfundsiebzig Tonnen und der Höchstgeschwindigkeit von über 30 km/h gegen das linke Bein des Kiso, das von den auftretenden Kräften in Höhe des ersten Gelenks funkensprühend abgerissen wurde.
Die Reste der internen Struktur bohrten sich durch die Panzerung der rechten Schulter des Khopesh und spießten den dort gelagerten Aktivator förmlich auf.
Der Kampf beider Piloten gegen die Schwerkraft war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Kiso brach vornüber zusammen, während sein Angreifer von dem massiven linken Torso abprallte wo weitere Panzerung pulverisiert wurde und dann rücklings zu Boden stürzte.
Benommen schüttelte Tyr den Kopf um die bunten Lichter vor seinen Augen zu vertreiben. Die Kollision und der anschließende Aufprall hatten ihm die Luft aus den Lungen gepresst und ließen ihn nun keuchend einatmen, wobei die in seine Haut schneidenden Gurte nicht gerade hilfreich waren.
Die Hälfte seiner Anzeigen im Cockpit waren nur noch schwarze Bildschirme, der Rest zeigte ein furchtbares Bild des Zustands seiner Maschine.
Der rechte Arm des Khopesh hing praktisch nur noch an wenigen Leitungen. Der Aktivator war hinüber, die Myomermuskulatur durchtrennt. Damit waren auch die Waffensysteme in diesem Arm nicht mehr nutzbar. Mehrere Wärmetauscher mussten durch die Erschütterung beschädigt worden sein und ausgetretenes Kühlmittel hatte den Lademechanismus der KSR Lafette unbrauchbar gemacht. Der Reaktor lief nur noch im Notprogramm. Die Panzerung im Frontalbereich war praktisch nicht mehr vorhanden.
Schnell überflog er die Schadenmeldungen und betrachtete dann den Mech seines Gegners.
Der Kiso war mindestens genau so schwer mitgenommen wie seine Maschine, aber Gallierdi versuchte bereits wieder, den Torso mit den drei verbliebenen Beinen vom Boden zu erheben.
Tyr musste die Fähigkeiten des erfahrenen Piloten anerkennen.
Er hatte sich wesentlich schneller von der Rammattacke erholt und das hintere linke Bein bereits fast in einer Position die ein Erheben möglich machte.
Tyr musste sich beeilen.
Er brachte den noch funktionierenden, linken Arm neben seinem Torso in Position und drückte diesen dann in die Höhe. Mit vorsichtigen Bewegungen brachte er den Khopesh wieder in eine stehende Position.
Gerade noch rechtzeitig.
Gallierdi hatte den Vorgang wenige Sekunden vor ihm abgeschlossen und feuerte sofort die beiden mittelschweren Laser und die verbliebene KSR Lafette auf ihn ab.
Vier der Raketen hämmerten Panzerung von Tyrs linkem Torso und Bein, während einer der mittelschweren Laser den rechten Arm traf und die wenigen, noch existierenden Verbindungen am Schultergelenk durchtrennte.
Krachend stürzte der Arm zu Boden und wieder musste Tyr sich in die Kontrollen werfen um das Gleichgewicht zu behalten.
Da sein Zielerfassungssystem zu einem der ausgefallenen Geräte zählte, richtete er den mittelschweren Laser in seinem linken Arm wie auch den KSR Werfer auf seinem rechten Torso manuell aus.
Gern hätte er auch die Feuerkraft seiner PPK hinzugefügt, aber erstens war er nur wenige Meter von seinem Gegner entfernt und damit viel zu nah für die Reichweitenwaffe und zweitens würde ihn ein Einsatz bei der reduzierten Kühlleistung des Khopesh wahrscheinlich im eigenen Saft schmoren.
Die Raketen fauchten aus Ihren Startrohren und sofort flackerte auf seinen Anzeigen ein weiteres Störungszeichen auf. Da der Nachlademechanismus des Werfers nicht einsatzbereit war, verblieb ihm nur noch der mittelschwere Laser.
Der Strahl des Lasers brannte eine rotglühende Furche über den rechten Torso des Kiso, kurz bevor drei der Raketen Feuerbälle auf dem mittleren Torso und dem vorderen, rechten Bein aufblühen ließen.
Wieder trat Tyr auf das Pedal für die Geschwindigkeit und brachte den Khopesh erneut in Nahkampfdistanz zu dem Kiso, dann ließ er seinen Battlemech das linke Bein heben und in einem vernichtenden Tritt gegen das vordere, rechte Bein des gegnerischen Mechs krachen.
Wieder splitterte Panzerstahl kreischend von der internen Struktur und erneut versuchte der gegnerische Pilot einen Schritt zurück zu weichen um auf den Angriff reagieren zu können, aber nun blieb Tyr an seiner Seite, in Schlagdistanz und außerhalb des Schussbereichs der Waffen des Kiso.
Wieder und wieder ließ er seine linke Armmanschette auf den Torso des todgeweihten Mechs krachen, riss mit der verbeulten Klaue Stücke der internen Struktur aus der Maschine, zerfetzte Kühlleitungen, Myomerbündel und Elektronik.
Wie grünes Blut ergossen sich große Mengen Kühlmittel aus der ausgefranzten Bresche und bildeten rasch schillernde Pfützen auf dem Asphalt der Straße.
Gerade als Tyr den Arm zu einem weiteren Schlag hob, erstarrte der Kiso vollständig in seiner bis dahin allenfalls eingeschränkten Bewegung und wenige Momente später öffnete sich die verbeulte Luke des Cockpits.
Stephano Gallierdi wirkte benommen, als er unsicher auf den Torso seiner völlig verwüsteten Maschine kletterte, den Neurohelm in seiner Hand einfach fallen ließ und erschöpft auf die schartige Panzerung sank.
Wieder knackten die Lautsprecher in Tyr's Helm, als die Spielleitung alle Frequenzen frei gab.
„Der Kampf ist beendet. Sieger durch Aufgabe ist Tyr Sievers.“
Es dauerte einige Sekunden bis Tyr die Worte des Kommentatoren verarbeitet hatte.
Dann legte sich eine bleierne Müdigkeit wie ein Schleier über seine Gedanken.
Mit langsamen Bewegungen ließ er den noch immer erhobenen Arm des Khopesh sinken und drehte den Battlemech dann in Richtung des Tores, durch das er die Playgrounds betreten hatte.
Einer der Helikopter folgte seinem langsamen Marsch durch das verwüstete Viertel und schien Nahaufnahmen seiner schwer mitgenommenen Maschine zu machen.
Das alles interessierte ihn jedoch nicht.
Er sehnte sich nur danach, das stickige, aufgeheizte Cockpit zu verlassen und nach einer Dusche.

Planet Astrokaszy
Regionale Hauptstadt Jasons Reef
The Barracks – Unterkunft für Mechkrieger
06. Februar 3025

Erfrischt aber noch immer mit bleierner Müdigkeit geschlagen stieg Tyr aus der Dusche, die wenig mehr als ein grauer Betonerker mit einem schmuddeligen Vorhang war. Schnell trocknete er sich mit dem von Uljana bereit gelegten Handtuch ab und schlüpfte dann in die schwarze Uniform, deren einziges Abzeichen der Aufnäher der Blackjack School of Conflict war. Die kniehohen, schwarzen Lederstiefel und der Waffengurt mit der glänzenden Laserpistole vervollständigten das Bild eines jungen Mannes, der sich dem Krieg verschrieben hatte.
Mit einem letzten Blick in den gesprungenen Spiegel fuhr er sich durch das dichte, schwarze Haar und öffnete dann die dünne Plasttür, die das hochtrabend Bad genannte Zimmer vom Wohn-Schlafbereich der Unterkunft trennte.
Uljana stand mit vor der Brust verschränkten Armen an die Wand gegenüber der Badezimmertür gelehnt und allein ihr Blick verriet ihm, dass etwas nicht stimmte. Ruhig legte sich seine rechte Hand auf den Elfenbeingriff der alten Laserpistole, bevor ein kaum merkliches Kopfschütteln ihrerseits ihn vom Ziehen der Waffe abhielt. Stattdessen betrat er den kleinen Raum und blickte zu dem Mann, der es sich auf einem der beiden Stühle an dem wackeligen Tisch neben der schmalen Schlafpritsche sichtlich gemütlich gemacht hatte.
„Rechter Arm abgetrennt, wobei der Aktivator wahrscheinlich völlig zerstört wurde. Massive Schäden am Kühlsystem und der Elektrik. Der Reaktor muss überholt werden und die meisten Waffensysteme sind unbrauchbar. Von der Panzerung wollen wir gar nicht erst sprechen.“
Der Mitfünfziger mit den langen, grauen Haaren, die in einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren und der schlanken Statur drehte sich zu Tyr um und blickte von dem alten Noteputer auf.
Die grauen Augen schienen keine Emotionen zu zeigen, auch wenn die Mundwinkel ein Lächeln formten.
Der Mann sprach keinen Akzent und auch seine braune Lederjacke und die darunter getragene zivile Kleidung ließen keine Rückschlüsse auf Herkunft oder Zugehörigkeit zu.
„Der Sieg war teuer erkauft, Junge. Viel zu teuer, wenn du mich fragst.“
Der Unbekannte legte den Noteputer auf der rissigen Tischplatte ab und griff zu einer verbeulten Blechtasse, aus der er einen Schluck nahm, bevor er zu Uljana blickte.
„Sie hätten nicht zufällig noch etwas von diesem wunderbaren Tee?“
Wortlos drehte sich Tyr's Verlobte zu der kleinen Küchennische um und trat kurz darauf mit einer dampfenden Teekanne sowie einer zweiten Tasse an den Tisch.
Kurz ging er seine Optionen durch, aber der Fremde schien unbewaffnet zu sein, was auf Astrokaszy eine Seltenheit war. Zumindest konnte man sich anhören, was er zu sagen hatte.
„Mein Gegner hatte 25 Tonnen Gewichtsvorteil, der Pilot kannte das Gelände und mein Battlemech war schon vor dem Kampf in keinem guten Zustand. Ich würde sagen, ich habe das Maximum herausgeholt.“
Ohne die Hand von dem Griff seiner Laserpistole zu nehmen trat Tyr an den Tisch und setzte sich auf den freien Stuhl, während Uljana dampfenden Schwarztee in die beiden leeren Tassen goss und sich dann wieder  an die Küchenzeile zurück zog.
„Ein hundert Tonnen schwerer Industriemech ist kein Gegner für einen fünfundsiebzig Tonnen schweren Battlemech. Egal wie hochgerüstet der Industriemech ist. Egal wie primitiv die Technik deiner Maschine auch war. Das alles spielt keine Rolle. Den Fehler hast du gemacht, Junge. Du hättest den Kiso aus der Entfernung in Stücke schießen können ohne Gefahr zu laufen selbst auch nur einen Kratzer abzubekommen. Diese Aktion mit dem Fahrzeugwrack mag vielleicht Medienwirksam sein, aber gebracht hat sie dir nichts. Der Sturmlauf gegen einen schwereren, besser gepanzerten Gegner... was hast du dir dabei gedacht?“
Wieder nahm der Mann einen Schluck aus der Blechtasse, schloss kurz die Augen und blickte dann erneut zu Uljana.
„Eine wirklich phantastische Mischung, Miss. Schmecke ich da Apfel?“
Uljana schien von der Frage völlig überrumpelt worden zu sein und nickte schließlich.
„Apfel, Waldfrucht und Orange. An heißen Tagen kann man Eistee daraus machen.“
Zufrieden nickte der Unbekannte und sah dann wieder zu Tyr, der innerlich vor Wut kochte.
„Nur die Ruhe, Junge. Nimm einen Schluck Tee. Der hilft dir, die bittere Wahrheit runter zu schlucken und mich nicht sofort zu erschießen.“
Zähneknirschend befolgte Tyr den Rat seines Gegenüber und trank etwas von dem heißen Tee.
Obwohl er die Antwort bereits erahnen konnte, stellte er die folgende Frage trotzdem.
„Welche bittere Wahrheit?“
Wieder lächelte der Fremde, ohne das seine Augen dem Beispiel der Mundwinkel folgten.
„Dass man dir beigebracht hat wie ein Battlemech funktioniert, wie man ihn steuert und seine Waffen abfeuert. Aber das alleine macht keinen Mechkrieger aus. Bei weitem nicht. Die Friedhöfe jedes Planeten sind gefüllt mit Gräbern von Frauen und Männern die dachten, sie wäre Krieger.“
Nach einem weiteren Schluck Tee zog der Mann einen wesentlich kleineren und offensichtlich auch moderneren Noteputer aus der Innentasche seiner Lederjacke und aktivierte ihn mit einer kurzen Codeeingabe.
Kurz schien die Luft über dem Gerät zu flimmern, dann stabilisierte sich ein Hologramm, dass die letzten Sekunden seines Kampfes gegen Gallierdi zeigte.
„Du beherrschst deine Maschine und du hast einen ausgeprägten Killerinstinkt. Das sind herausragende Voraussetzungen. Jetzt musst du nur noch lernen das alles überlegt einzusetzen und zu überleben.“
Damit leerte der Unbekannte die Tasse, stellte sie auf den Tisch zurück und erhob sich.
„Mein Name ist Jonathan Graham. Ich habe hier etwas aufgebaut, dass man auf Solaris wohl einen Mechkriegerstall nennen würde. Wir nennen uns selbst die schwarze Legion. Ein wenig martialisch, zugegeben, aber den Leuten gefällt es. Einer der bei mir unter Vertrag stehenden Krieger ist letzten Monat bei einem Kampf verstorben, was seine Stelle vakant macht. Sein Marodeur wurde dabei irreparabel beschädigt, aber ich bin mir sicher, dass mein Mastertech einiges von den Teilen verwenden könnte um deine Maschine wieder aufzubauen. Dein garantiertes Gehalt als Krieger beträgt 300 C-Noten im Monat. Von den Siegesprämien behalte ich so viel ein um die Schäden an deiner Maschine auszugleichen plus 20 Prozent. Gleiches gilt für sonstige Einnahmen. Kost und Logis ist frei. Für die erste Reparatur deines Mechs behalte ich das Wrack des Kisu und das komplette Preisgeld des Kampfes. Eure Wettgewinne könnt ihr behalten.“
Damit drehte er sich zu Uljana um.
„Ohne etwas, das ihn im Leben hält, ist ein Mechkrieger nur ein wandelnder Leichnam, meine Liebe. Deshalb bitte ich auch Sie, in meine Dienste zu treten. Ich habe eine wirklich gute technische Crew und denke, dass sie dort trotz ihrer Jugend gut hineinpassen würden. Ohne Ihre Referenzen gesehen zu haben biete ich Ihnen ebenfalls 300 C-Noten im Monat plus Kost und Logis.“
Jonathan Graham deaktivierte seinen eigenen Noteputer und ließ damit das Hologramm der beiden Mechs verschwinden, bevor er ihn wieder in die Tasche seiner Jacke steckte.
„Ich möchte nicht prahlen, aber dies ist das beste Angebot, dass Sie beide hier auf Astrokaszy bekommen werden. Es verfällt morgen Mittag. Punkt zwölf Uhr. Sollten Sie sich dafür entscheiden für mich zu arbeiten, so freue ich mich, Sie vor diesem Zeitpunkt in meiner Basis am Mount Keeve südlich des Flusses willkommen zu heißen. Ich garantiere, dass die Unterbringung angemessener ist als dieses Loch. So und nun empfehle ich mich und lasse Sie beide in Ruhe über meine Offerte sprechen. Ich wünsche einen angenehmen Abend und danke für den herrlichen Tee.“
Damit nickte er Uljana freundlich zu und hatte den rostigen Türgriff bereits herunter gedrückt als Tyr noch einmal zu Wort fand.
„Mister Graham, sie sagten, dass ich als Mechkrieger 300 C-Noten im Monat verdiene, während Uljana als Tech ebenfalls 300 C-Noten im selben Zeitraum erhält. Habe ich das richtig verstanden?“
Ohne sich zu Tyr umzudrehen öffnete der Angesprochene die Tür.
„Das hast du ganz richtig verstanden, Junge. Gute Techs sind auf diesem Staubball verdammt schwer zu finden. Schwerer als unerfahrene Mechkrieger. Wie schon gesagt, der Fehler in deinem Kampf lag nicht an der Ausrüstung, sondern an dir. Wer es schafft, so altes Equipment in einem so tadellosen Zustand zu halten, der ist in meinem Team hochwillkommen.“
Damit trat Jonathan Graham durch die Tür und auf den dunklen, fensterlosen Gang, bevor er die Tür hinter sich leise zu zog.
Zurück ließ er einen vor Wut brodelnden Mechkrieger und eine lächelnde Tech.


Mit gemessenen Schritten ging Jonathan Graham den von flackernden Neonröhren nur spärlich beleuchteten Gang entlang, wobei er leise ein fröhliches Lied pfiff. An der abwärts führenden Treppe wartete Zahra Lynch ungeduldig auf ihren Vorgesetzten.
„Das hat zu lange gedauert, Mister Graham. Noch fünf Minuten und ich wäre da rein gestürmt.“
Mitleidig lächelnd schlüpfte er an seiner Adjutantin vorbei die Treppe hinunter.
„Gute Ergebnisse benötigen durchdachte Planung, ausgedehnte Vorbereitungen und zielgerichtete Durchführung, Zahra. Mach dir keine Gedanken. Ich war nicht in Gefahr.“
Die junge Frau drehte sich auf dem Absatz um und folgte ihm in angemessenem Abstand, wobei die metallbeschlagenen Kampfstiefel im Gegensatz zu seinen mit Gummisohlen ausgestatteten Turnschuhen laut und vernehmlich auf dem Beton der Treppe klapperten.
„Wie Sie meinen, Sir. Thomlinson hat sich gemeldet. Er konnte die Daten des Noteputers über eine Verbindung zu Ihrem Gerät herunterladen. Die Sicherung war seinen Worten zufolge ein Witz. Er bereitet die Informationen auf und wird eine Zusammenfassung fertig haben bevor wir in der Basis eintreffen. Team Gamma ist in der freien Mechwartungshalle. Bei der Zielmaschine gibt es keine Bewegung. Sie bleiben in Position.“
Zufrieden nickte er und sprang die letzten drei Stufen der Treppe hinunter.
„Sehr schön, Zahra. Also alles nach Plan. Sollte Thomlinson bei den Daten Informationen zu dem Mech finden, soll er sie an Baxter weitergeben. Es kann nicht schaden, wenn unsere technische Abteilung bereits einige Spezifikationen hat. Haben wir bereits Rückmeldung von unseren Informanten bezüglich unserer Neuzugänge?“
Er war in der Ausgangstür stehen geblieben und ließ nun Zahra den Vortritt, die vorsichtig auf die Straße trat, während ihre Augen routiniert die Umgebung absuchten.
Kurz murmelte sie in das im Kragen Ihrer Flakweste verborgene Com, dann nickte sie in seine Richtung.
Noch während er aus dem Schatten des Eingangs trat, stoben zwei schwere Jeeps aus einer Seitenstraße und hielten auf der Straße direkt vor ihnen.
Ein grimmig aussehender Mann mittleren Alters sprang aus der Beifahrertür des ersten Fahrzeugs und öffnete ihm die Tür zum hinteren Fahrgastraum.
„Das Netzwerk glüht, Sir, aber es gibt keine neuen Erkenntnisse. Sie sind vor einer Woche mit dem Landungsschiff eingetroffen. Nur wenige Kontakte zu Einheimischen. Ein Buchmacher und ein Sicherheitsdienst. Keine Informationen über die Reiseroute. Kein Hintergrund. Wir hoffen über die Daten aus dem Noteputer etwas zu erfahren, aber bis jetzt sind es zwei leere Seiten.“
Wieder nickte Jonathan Graham, während er in den Jeep stieg und ein Stück aufrutsche um Zahra Platz zu machen, die sich nach einem erneuten Rundumblick zu ihm gesellte.
Schnell warf der grimmig dreinschauende Beifahrer die gepanzerte Tür ins Schloss und schwang sich dann ebenfalls wieder auf seinen Platz während der Fahrer bereits das Gaspedal durchtrat.
„Hornissennest von Königin. Sind auf dem Rückweg. Code grün. Ankunft geschätzt in einer Stunde.“
Er beobachtete interessiert, wie seine Adjutantin die Worte in das Com sprach und sich dann auf die schnell vorbeiziehende Landschaft aus Ruinen und bewohnten Gebäuden konzentrierte.  
Zeit sich zu entspannen.
Er lehnte sich in den lederbezogenen Sitz zurück und schloss die Augen um seine Gedanken zu ordnen. Tyr Sievers und seine Partnerin konnten die Lösung für einige schwerwiegende Probleme darstellen. Oder eine Bedrohung seiner Bemühungen. Je nachdem, wie sich die Gegebenheiten entwickelten.
Der junge Mechkrieger hatte in jedem Fall Potential. Und das galt auch für seine Tech.
„Er ist ein Absolvent der Blackjack School of Conflict und beide haben einen lyranischen Akzent. Französischer Einfluss. Sie bereitet einen wundervollen Tee zu. Aber keine Anzeichen einer Zeremonie wie im Kombinat. Vielleicht eine Grenzregion. Würde zu Blackjack passen. Der Mech ist ein Relikt aus den Entwicklungstagen dieser Technologie. Das Design erinnert an frühe Marik Entwürfe. Das passt alles nicht zusammen.“
Jonathan Graham hatte nicht bemerkt, dass er seine Gedanken laut aussprach, bis Zahra sich räusperte.
„Mein Großvater hat Münzen gesammelt, Sir.“
Ihre Worte ließen ihn kurz die Stirn in kraus ziehen, bevor er die Augen öffnete und sie anblickte.
„Bitte was?“
„Seltene Gold- und Silbermünzen, Sir.“
Zahra griff unter den Kragen Ihrer khakifarbenen Bluse und zog eine Kette hervor, die um ihren Hals hing. Daran baumelten ihre Hundemarken, die nicht mehr als den Vornamen, einen Kenncode und die Blutgruppe Preis gaben sowie eine verwitterte, golden schimmernde Münze.
„Das war sein Lieblingsstück. Eine der ersten Prägungen der Föderation von Oriente.“
Neugierig musterte er die Münze, bevor seine Adjutantin sie wieder unter die Bluse stopfte.
„Interessant, Zahra, aber ich kann noch immer keinen Zusammenhang erkennen.“
Die rothaarige Frau blickte ihn noch immer mit ihren eisigen, grünen Augen an, verzog dann das Gesicht und sah wieder aus dem Fenster, bevor sie zu einer Erklärung ansetzte.
„Sie kennen meine Herkunft, Sir. In der Sammlung meines Großvaters befanden sich Münzen aus der gesamten Inneren Sphäre und auch aus den Peripherie Reichen. Was ich damit sagen möchte, ist einfach, dass all diese Münzen in der langen Zeit unglaublich weite Strecken zurückgelegt haben, bevor sie in der Schatulle eines Hobbysammlers landeten. Im Falle dieser einen Münze quer durch den gesamten von Menschen besiedelten Raum. Dieses Mechdesign war vielleicht einmal eine Konstruktion des Hauses Marik, aber das ist einige Lebzeiten her. Wer weiß denn schon durch wessen Hände es gegangen ist, bevor die beiden es ergattern konnten. Rückschlüsse daraus zu ziehen wäre reine Spekulation. Bei allem gebotenen Respekt, Sir. Ich werde die Informationen jedoch in jedem Fall vermerken.“
Anerkennend pfiff Jonathan durch die Zähne.
Manchmal vergaß er die analytischen Fähigkeiten der neben ihm sitzenden Frau.
Da das Gespräch offensichtlich vorbei war, schloss er wieder die Augen und ließ die neuen Ansätze durch sein Gehirn wandern.
Die Zukunft würde in jedem Fall interessant werden, soviel war sicher.

Planet Astrokaszy
Hauptstadt Shervanis City
Landefeld des Raumhafens
06. Februar 3025

Katsumi Tomonaga ging gemessenen Schrittes über die Laderampe der Nagato, seines Landungsschiffs der Leopard-Klasse und blieb auf dem vor Hitze flimmernden Beton des Landefeldes stehen. Seine Blicke waren nicht auf die Skyline der angrenzende Stadt fixiert, sondern richteten sich auf die zur anderen Seite gelegenen Wüste.
„Mit der Administration des Raumhafens ist alles geklärt, Herr. Die offiziellen Vertreter schienen ihr Glück kaum fassen zu können, dass wir nicht hier sind um über die Stadt her zu fallen. Die Verteidigung wäre keine Herausforderung für deine Krieger.“
Minoru, sein Stellvertreter und rechte Hand trat neben den Anführer der aus dem Draconis Kombinat stammenden Piraten.
„Hai. Aber dafür sind wir nicht hier. Der Weg des Kriegers ist nicht verworren. Er ist zielstrebig und fokussiert. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen. Die Prüfungen beginnen in sechs Wochen und wir werden mindestens sieben Tage benötigen um Jasons Reef zu erreichen. Der Wesir ist ein großzügiger Mann. Die Belohnung für die Sieger der Kämpfe wird fürstlich ausfallen und wird uns Ehre bringen. Das ist unser Ziel. Das und nichts anderes, Minoru. Und jetzt geh und überwache das Ausladen der Mechs.“
Sein Stellvertreter drehte sich mit ernster Miene zu ihm um und verbeugte sich tief.
„Wie ihr befehlt, Sensei. Eure Weisheit wird uns leiten.“
Damit drehte sich der grobschlächtige Mann um und stapfte in den Schatten des Mechhangars zurück wo eine Meute an Techs bei seinen geschrienen, japanischen Worten auseinander stoben um sich an Ihr Werk zu machen.
Katsumi blickte weiter auf die sich vor ihm ausbreitende Wüste und nickte zufrieden.
Natürlich hatte die Desertion aus der Armee des Drachen und sein weiteres Leben als Pirat nicht mehr viel mit der Ehre der Samurai oder dem Kodex ihrer Lebensweise zu tun, aber hier hatten die Männer und Frauen unter seinem Kommando die Möglichkeit wieder einen Hauch davon zu spüren. Ein ehrenvoller Kampf stand ihnen bevor und er zweifelte keinen Moment daran, wer diesen gewinnen würde.
Zuversichtlich nickte er und drehte sich dann zu den wenigen anderen Landungsschiffen um, die auf dem großen Areal versammelt waren.
Ein Frachter der Danais Klasse wurde gerade in einiger Entfernung mit Waren beladen, unweit davon stand ein Buccaneer und auf der anderen Seite des Raumhafens ein in die Jahre gekommener Lion Mechtransporter, der wohl ebenfalls für Frachtflüge genutzt wurde.
Kein einziger offensichtlicher Gegner obwohl der Betrieb für einen so abgelegenen Raumhafen in der Peripherie recht ordentlich war.
„Ich hoffe deinem Ruf sind einige echte Krieger gefolgt, Wesir. Ich würde nur ungern ausschließlich gegen Ungeziefer antreten.“

Planet Astrokaszy
Regionale Hauptstadt Jasons Reef
Mount Keeve
07. Februar 3025

Tyr steuerte den alten Apocalypse World Rover fluchend durch das tiefe Schlagloch in der Straße wobei das geländegängige Vehikel wie ein Maulesel bockte bevor er missmutig zu dem Com griff.
„Vorsicht, Uljana. Hier vorn wird die Straße noch schlechter.“
Einhundert Meter hinter seinem Fahrzeug bahnte sich das siebzig Tonnen schwere Battlemech Bergungsfahrzeug mit dem aufgeladenen Khopesh quälend langsam seinen Weg über die wohl einst gut ausgebaute Straße die Steigung hinauf.
Er konnte sich den Gesichtsausdruck seiner Partnerin bildlich vorstellen als ihre Stimme über die stark rauschende Comverbindung erklang.
„Was zum Teufel meinst du mit noch schlechter? Das ist doch jetzt schon ein gottverdammter Trampelpfad!“
Ihre Laune hatte sich in den zwei Stunden seit dem Start der Höllenfahrt immer weiter verschlechtert, was er nur zu gut verstehen konnte. Sie hatten bereits zwei volle Stunde gebraucht um zu zweit den Battlemech sowie den abgetrennten Arm auf die Ladefläche zu schaffen und für den Transport zu sichern. Eine weitere Stunde später hatten sie die für das mit sechzehn großen Reifen bestückte Fahrzeug eigentlich zu engen Straßen der Innenstadt hinter sich gelassen und fanden nun katastrophale Wege vor, die auf den ihnen zur Verfügung stehenden, alten Karten als für Schwerlastverkehr geeignet ausgewiesen waren.
Tyr kannte die Wutausbrüche seiner Partnerin und hatte gelernt, den Tech in ihr zu akzeptieren. Was sonst hätte er auch tun können. Gegen eine Zwanzigjährige, die ein siebzig Tonnen schweres Monstrum mit mehr als dem selben Gewicht an Ladung sicher durch diese Einöde steuerte.  
„Ich freue mich darauf, Sie in meiner Basis am Mount Keeve willkommen zu heißen. So ein saublöder Vollidiot! Hätte der nicht zumindest mal anmerken können, dass es hier draußen keine einzige vernünftige Straße gibt?“
Tyr enthielt sich weiterhin jeden Kommentars, auch wenn er ein Lachen nicht unterdrücken konnte. Er selbst war dagegen gewesen, in die Dienste des dubiosen Mannes zu treten. Wohl auch wegen der geradezu herausfordernden Art und Weise wie er ihn während des Gespräches zurechtgewiesen hatte.
Uljana und er hatten die ganze Nacht über das Angebot diskutiert und waren schlussendlich zu dem Entschluss gekommen, darauf ein zu gehen.
Eigentlich war ihnen gar keine andere Wahl geblieben.
Der Gewinn aus seinem letzten Kampf würde die Reparaturkosten des Khopesh nicht abdecken und auch sonst sah es für das junge Paar nicht wirklich rosig aus.
Sie benötigten die Sicherheit einer Gruppe um auf Astrokaszy zu überleben. Einzelgänger starben hier sehr schnell einen sehr unschönen Tod.
„Gottverdammt. Wo hat der Bastard seine Basis errichtet? Auf einem Bergmassiv? Na warte! Wenn du das nächste Mal nach Tee fragst, piss ich dir in die Tasse! Mal sehen ob dir das Aroma auch zusagt!“
Tyr war sicher, dass Uljana nun ebenfalls das Schlagloch erreicht hatte, das er vor kurzem durchfahren musste und nun mit dem großen Lenkrad in der geräumigen Fahrerkabine des Bergungsfahrzeugs kämpfte.
Besorgt hielt er den Apocalypse am Straßenrand an und blickte zu dem die Steigung hinauf kriechenden Monstrum zurück.
Durch die Frontscheibe konnte er die kurze, blonde Mähne erkennen, welche die kleingewachsene Gestalt seiner Partnerin krönte. Der Rest schien hinter dem riesenhaften Lenkrad zu verschwinden.
„Du nutzloses Stück Dreck sollst den Weg vor mir erkunden um mich genau vor solchen Schluchten in der Straße zu warnen! Straße, von wegen. Das ist nicht mal eine verfluchte Piste. Hier ist vielleicht vor hundert Jahren mal jemand lang gelaufen, das war es dann aber auch. Bei Kerenskys Knochen, beweg jetzt endlich deinen Arsch diesen erbärmlichen Berg nach oben oder ich überrolle deine Schrottschüssel ohne mit der Wimper zu zucken!“
Sie unterstützte die Drohung mit einem Aufröhren des schweren Motors, was massive Battlemech Bergungsfahrzeug einen Satz nach vorn machen ließ.
Kurz lachte er auf, dann legte er wieder einen Gang ein und trat das Gaspedal durch, woraufhin der Rover  mit durchdrehenden Reifen, eine ausgeprägte Staubfahne hinter sich herziehend, die Straße hinauf preschte.

Zwei weitere, nervenaufreibende Stunden später hielt Tyr sein Geländefahrzeug an einer Abzweigung der Straße, welche von einer Schranke und zwei gelangweilt aussehenden Soldaten versperrt wurde. Die Schranke grenzte an einen kleinen Betonbunker und das weitere Gebiet war von einem rostigen Zaun umgeben, der am oberen Ende mit Stacheldraht verstärkt worden war. Die Wachen waren mit Rorynex Maschinenpistolen bewaffnet und der Lauf eines Maschinengewehrs ragte aus einer Schießscharte des Bunkers.
Jonathan Graham hatte offensichtlich ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis, was angesichts der instabilen Lage auf Astrokaczy wohl keine schlechte Idee war.
Mit langsamen Bewegungen ließ er den Motor des Rover auslaufen, öffnete dann die Fahrertür und stieg aus dem Fahrzeug, peinlich darauf bedacht, seine leeren Hände immer in Sichtweite der Wachen zu behalten.
„Hallo zusammen. Mein Name ist Tyr Sievers und ich bin hier auf Einladung von Mister Graham. Ich hoffe wirklich das wir hier richtig sind, denn wenn das hier nicht der Stützpunkt der Schwarzen Legion ist, steht mir eine Tracht Prügel bevor, die sich gewaschen hat. Von einer Frau. Was das Ganze noch ein klein wenig erniedrigender machen würde.“
Er lächelte aufmunternd, was von den beiden Wachen mit einem Grinsen quittiert wurde.
„Ihr wurdet angekündigt. Alles in Ordnung, ihr seid richtig. Der Boss erwartet euch im Hangar. Einfach der Straße einen Kilometer folgen, das Tor könnt ihr nicht übersehen.“
Der Sprecher hängte sich den Riemen seiner Waffe wieder über die Schulter und öffnete die Schranke mit einem kurzen Druck in einem Schaltkasten an der Wand des Bunkers während die zweite Wache durch eine sich öffnende Stahltür in dem niedrigen Betonbauwerk verschwand.    
Erleichtert nickte Tyr dem Mann zu und stieg dann wieder in den Rover. Er beeilte sich, den Motor zu starten und auf die breite Seitenstraße abzubiegen, da Uljana mit dem Transporter bereits auf fünfzig Meter heran gekommen war.
„Das sieht aus wie eine Festung!“
Ihre Stimme klang nun wesentlich ruhiger aus den Lautsprechern des Com. Er angelte sich das Mikrofon und presste den Knopf für das Öffnen eines Kanals.
„Maschinenpistolen und ein schweres Maschinengewehr in einer verbunkerten Stellung. Die Wachen tragen Handgranaten und ballistischen Schutz. Die sind nicht von hier. Müssen wohl Söldner sein. Zumindest dürften wir hier in Sicherheit sein. Vorausgesetzt Graham spielt kein falsches Spiel mit uns.“
Er ließ den Daumen von der Sprechtaste gleiten und legte das Mikrofon wieder zurück auf das Armaturenbrett.
„Dann wollen wir das Beste hoffen. Es wäre ja mal an der Zeit dass auch wir ein wenig Glück haben.“
Er konnte sich ihrer Hoffnung nur anschließen.
Ein wenig Glück wäre eine gelungene Abwechslung.

Die Straße endete auf einem großen, asphaltierten Platz vor einer 60 Meter aufragenden Felswand, in deren Granit eine Öffnung gebohrt worden war, durch das selbst ein Atlas bequem hätte schlendern können. Auf dem Platz standen einige rostige Wellblechhütten, verwahrloste Wohncontainer, Bergbaumaschinen in verschiedenen Verfallsstadien und Abraumhalden in unterschiedlichen Höhen.
Und Jonathan Graham.
Der schlanke Mann trug eine khakifarbene Uniform ohne Rangabzeichen genau wie seine weibliche Begleitung, die einen Schritt links hinter ihm in der prallen Mittagssonne ausharrte. Wie ein Prediger hatte er die Arme ausgebreitet und trug ein freundliches Lächeln zur Schau.
Tyr stellte den Rover ab und wartete, bis Uljana auch das Bergungsfahrzeug daneben manövriert und den Motor abgestellt hatte. Gleichzeitig mit ihr stieg er aus dem Apocalypse und klopfte sich den hellen Staub von der schwarzen Uniform. Auch der graue Tech-Overall seiner Partnerin war von dem feinen Wüstensand bedeckt, was sie jedoch in keinster Weise zu stören schien.
Nach einem kurzen Seitenblick marschierten sie auf Graham zu und blieben kurz vor dem freudig blickenden Mann stehen.
„Ich freue mich wirklich Sie beide hier zu sehen. Herzlich willkommen...“
„...am Arsch der Welt!“ beendete Uljana den Satz und funkelte ihr Gegenüber böse an.
„Eine kleine Warnung so am Rande unseres Gespräches wäre hilfreich gewesen, Mister Graham. Sowas wie: Ich wohne da hinten auf dem Gipfel dieses verschissenen Berges! Oder ein Hinweis, dass die Straßen hier rauf eigentlich nur ein verdammt schlechter Witz sind.“
Entgegen ihres Wesens behielt Uljana ihre Ruhe und sprach in angemessener Lautstärke, aber am Zittern der Stimme konnte man den innerlich kochenden Zorn erkennen.
„Wissen Sie eigentlich wie verdammt schwer es ist so ein Monstrum mit fünfundsiebzig Tonnen Zuladung schon über eine gut ausgebaute Straße zu bewegen? Auf dem Trampelpfad hier rauf hätte mir das Lenkrad fast die Arme aus den Gelenken gerissen!“
Das Lächeln war von den Zügen Jonathan Grahams verschwunden. Der Mann blickte nun betroffen abwechselnd von Uljana zu Tyr.
„Es tut mir leid, Miss Poljakow. Das war so nicht geplant. Ich dachte, dass Sie und Ihr Partner den Weg zu uns finden und wir Ihre Ausrüstung dann abholen. Ich hätte nie gedacht, dass Sie beide sofort alle Zelte abbrechen und wirklich alles hier hinauf schaffen. Wir hätten doch dabei geholfen.“
Da Tyr am Blick seiner Partnerin erkannte, dass eine Explosion kurz bevor stand, klinkte er sich in das Gespräch ein.
„Die Tatsache, dass die Sicherheit auf Astrokaszy nicht wirklich gegeben ist hat uns dazu bewegt, gleich alles mit zu bringen, Mister Graham. Unser Mech mag in keinem guten Zustand sein, aber Uljana hat wirklich wertvolle Werkzeuge und Ersatzteile in dem Container auf der Ladefläche und die Wachen, die wir zum Schutz angeheuert hatten waren ein nicht unerheblicher Kostenpunkt. Von dem Bergungsfahrzeug an sich mal ganz abgesehen.“
Damit griff er in die Tasche seiner Uniformhose und zog einen kleinen Stoffbeutel hervor, den er Graham fast beiläufig zuwarf.
„Das ist die Entlohnung für den Sieg über Gallierdi. Das Wrack seines Mechs liegt zur Abholung in den Mechwartungshallen bereit. Wie gefordert. Das ist das erste Mal, dass ich für eine Anstellung zahlen muss.“
Jonathan Graham angelte den Beutel aus der Luft und zog die Schnur auf, die ihn verschloss, bevor er den wertvollen Inhalt in seine Handfläche schüttete.
Vier tiefgrüne Smaragde und ein Diamant, allesamt ungeschliffen und groß wie der Nagel eines kleinen Fingers, funkelten in der Mittagssonne des Planeten um die Wette.
Die Edelsteine stammten aus den privaten Minen des Wesirs rund um Jasons Reef und waren der Grund für seinen Reichtum, der die Battlemechspiele erst ermöglichte.
Die Belohnung war Tyr heute Morgen durch einen Kurier des Wesirs mit den besten Glückwünschen überbracht worden.
„Unglaublich schön, finden Sie nicht?“
Der undurchsichtige Geschäftsmann blickte auf die Edelsteine und füllte sie dann wieder in das Säckchen, bevor er dieses in seiner Hemdtasche verschwinden ließ.
„Doch. Und auch unglaublich wertvoll, Mister Graham. Wenn Sie nichts dagegen haben, würden Tyr und ich nun gern sehen, was Sie dafür im Angebot haben.“
Die forschen Worte von Uljana ließen den Angesprochenen laut auflachen und nicken.
„Natürlich, Miss Poljakow. Das ist Ihr gutes Recht. Meine Leute werden sich um Ihre Ausrüstung kümmern. Machen Sie sich keine Gedanken. Ich garantiere für die Sicherheit Ihres Eigentums.“
Offensichtlich gut gelaunt drehte der Mann sich zu der rothaarigen Frau um und schlenderte dann in Richtung der riesigen Öffnung in der Felswand.
„Das hier ist im Übrigen Zahra Lynch, meine persönliche Stellvertreterin und Sicherheitschefin.“
Die Frau blickte kurz zu ihnen herüber und rang sich ein kaum merkliches Nicken ab, während sie leise in ein Bügelmikrofon murmelte.
Uljana und er schlossen sich Graham an, während einige Uniformierte herbei eilten um sich der Ausrüstung an zu nehmen.
„Bitte entschuldigen Sie das eher rüde Verhalten meiner Untergebenen, aber seien Sie versichert, dass Zahra in Bezug auf die Sicherheit der Anlage einen herausragenden Job macht. Dafür nehme ich einige Eigenheiten in Kauf. So halte ich es im Übrigen mit allen meiner Angestellten.“
Damit trat die kleine Gruppe durch die Öffnung in den Schatten einer großen, künstlich geschaffenen Kaverne, die ihm wie auch Uljana den Atem raubte.
„Herzlich willkommen im Herzen der Schwarzen Legion. Ich habe diese ehemalige Bergbauanlage vom Wesir persönlich gemietet und wir haben in den letzten zwei Jahren eine Menge Arbeit in den Ausbau gesteckt. Die vier Wartungsanlagen für industrielle Mechs wurden erweitert um auch Battlemechs jeder Gewichtsklasse gründlich überholen zu können. Wohnanlagen für die Mitarbeiter und das Sicherheitspersonal befinden sich in den Nebenstollen. Wir haben ein Fitnessstudio, einen Gemeinschaftsraum mit großem TriVid Projektor auf dem die Kämpfe hier auf dem Planeten und auch die auf Solaris und Antallos übertragen werden. Leider mit ein wenig Verspätung, aber die örtliche HPG Station zählt nicht unbedingt zu den leistungsfähigsten Einrichtungen dieser Art.“
Die Sätze hallten durch die riesenhafte, künstlich erschaffene Höhle, in der ein reger Betrieb herrschte.
Techs arbeiteten an allen drei in den Wartungscocons untergebrachten Maschinen, fuhren Ersatzteile in Elektrofahrzeugen durch die Gegend oder standen herum und betrachteten die Neuankömmlinge skeptisch während ein ganzer Zug uniformierter Männer und Frauen im Laufschritt eine Runde durch den hinteren Teil der Halle drehte.
„Das ist unglaublich, Mister Graham.“
Uljana war wie erstarrt und blickte fast mit Ehrfurcht von der Decke der Kaverne über die technischen Einrichtungen zu dem Ausgang.
„Dann warten Sie mal ab, bis Sie das Essen unserer Kantine getestet haben. Der Tee ist vielleicht nicht so gut wie Ihr Familienrezept, aber dafür können sich die Speisen sehen lassen.“
Tyr's Konzentration wurde von einem am Boden liegenden Battlemech in Beschlag genommen, der schwere Gefechtsschäden aufwies und dem zwei Tech's gerade mit einem Schneidbrenner zu Leibe rückten.
„Ist das der Marodeur des gefallenen Piloten?“
Die Miene Grahams verfinsterte sich schlagartig und er schnaufte tief bevor eine Antwort über seine Lippen drang.
„Das ist korrekt, Junge. Pieter van Zahnt war einer der erfahrensten Piloten in meinem Kader. Lanzenführer in den Gruppengefechten und mein Taktiker. Sein Tod war ein herber Verlust für die Schwarze Legion. Nach dem Gefecht habe ich seinen Mech von der siegreichen Partei zurückgekauft, aber die interne Struktur ist so schwer beschädigt, dass eine Reparatur weit außerhalb selbst unserer Möglichkeiten liegt.“
Er ließ seine Blicke  über die aufgerissene Panzerung des mittleren Torsos schweifen, über die zahlreichen Schmelzspuren welche auf Beschuss durch Laserwaffen hin deuteten und blieb dann an der geschmolzenen Cockpitscheibe hängen.
„Was ist passiert? Die Cockpitpanzerung sieht intakt aus, aber die Sichtscheibe macht den Anschein als wäre sie von innen heraus geschmolzen.“
Betreten nickte Graham zu Uljanas Worten, doch bevor er antworten konnte, trat ein älterer Mann von eher kleiner Statur, mit Brille und der typischen Bekleidung eines Techs mit Overall und Arbeitsschuhen zu der Gruppe.
„Ein Kurzschluss in einem der Sekundärsysteme führte zu einem Kabelbrand und dieser wiederum zu einem Schwelfeuer.  Dieses erhitzte die Umwälzanlage der Luftzufuhr dermaßen, dass der Reserve-Sauerstofftank platzte und das Feuer in dem aufgeheizten Cockpit in Sekundenbruchteilen in ein Inferno verwandelte. Wir können nur hoffen, dass Pieter von dem Lungenriss durch den Überdruck des Sauerstoffs getötet wurde. Die andere Möglichkeit wünsche ich niemandem.“
Betretenes Schweigen griff um sich, während alle Anwesenden mit finsteren Blicken zu dem zerstörten Marodeur sahen. Erst Jonathan Graham durchbrach die Stille mit fester Stimme.
„Ein wirklich bedauerlicher Vorfall. Aber das Leben geht weiter. Ich darf Ihnen Andrew Baxter vorstellen. Mastertech der Schwarzen Legion und ihr neuer Vorgesetzter, Miss Poljakow. Er ist ein Zauberer an unseren Maschinen und eigentlich ein ganz netter Kerl, wenn man die schonungslose und manchmal doch unpassende Ausführlichkeit seiner Erklärungen gewohnt ist.“
Ein strenger Seitenblick ließ den Mastertech bedauernd das Gesicht verziehen, bevor er Uljana die Hand entgegen streckte.
„Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Miss Poljakow. Jemand der einen solch alten Mech alleine am Laufen halten kann ist in meinem Team hochwillkommen. Dann müssen Sie Tyr Sievers sein.“
Seine Partnerin schüttelte lächelnd die angebotene Hand, gefolgt von Tyr, der von dem schwächlichen Händedruck überrascht wurde.
„Ich bin mit diesen Stahlmonstern aufgewachsen, Mister Baxter. Meine Familie besaß eine Werkstatt für Mechs und wir hatten den Exklusivvertrag für die Wartung der Milizmaschinen auf unserem Heimatplaneten. Praktisch waren meine Spielzeuge Hydraulikpumpen und Myomerbündel.“
Die Worte und das Lächeln ließen das Gesicht des Mastertechs aufleuchten.
„Na dann an die Arbeit, Miss Poljakow. Sie müssen mir alles über diese Maschine erzählen. Ich habe das Design noch nie gesehen und dabei dachte ich, alle Modellpaletten zu kennen. Für die Instandsetzung und Überholung brauchen wir alles Wissenswerte. Sie haben nicht zufällig Konstruktionszeichnungen oder Schaltpläne in Ihrem Besitz? Das würde uns die Arbeit um so einiges erleichtern.“
Der Mastertech hatte die Hand seiner Partnerin ergriffen und zog sie nun auf das in die Halle einfahrende Bergungsfahrzeug zu ohne ihr die Möglichkeit des Widerstandes zu geben.
Tyr blieb wie angewurzelt zwischen Graham und seiner Stellvertreterin stehen, die ebenfalls hinter den beiden Techs her blickten.
„Mach dir keine Sorgen, Junge. Baxter ist ein Freak, aber im positiven Sinne.“
Graham sah zu seiner Stellvertreterin hinüber, über deren Gesicht ein kaum merkliches Lächeln zuckte.
„Sollte ihr Partnerin nicht gerade Konstruktionsdetails auf ihrem Körper tätowiert haben, ist in dieser Richtung nichts zu befürchten.“
Es war das erste Mal, dass Tyr Zahra Lynchs Stimme hörte, aber ihm war sofort klar, dass sein erster, optischer Eindruck ihn nicht getäuscht hatte. Ein befehlsgewohnter Tonfall, klare und deutliche Aussprache. Die Dame war ein Militär, ganz ohne Zweifel.
Etwas anderes hatte er an Grahams Seite jedoch auch nicht erwartet.
„Ich mache mir keine Sorgen um Uljana. Sie zieht mit einem Schraubenschlüssel genau so schön Schrauben fest wie Scheitel auf Köpfen.“
Damit wendete er sich wieder den Mechcocons zu, von denen eine weitere Gruppe Personen auf sie zu kam.
„Ein Zeus, dazu ein Greif und ein Commando. Mit meinem Khopesh haben sie von jeder Gewichtsklasse etwas in Ihrer Sammlung und eine ganze Menge Feuerkraft aufzubieten. Haben Sie vor den Planeten zu übernehmen?“
Tyr hatte die Worte kaum ausgesprochen, da funkelten ihn Grahams Augen wütend an.
„Drei einfache Regeln, Junge. Es sind nur drei und ich erkläre Sie dir auch nur ein einziges Mal. Erstens: Ich bezahle euch und den ganzen Kram hier, also wird gemacht was ich sage. Ohne zu fragen. Ohne zu debattieren. Zweitens: Ich habe für alles was ich tue meine Gründe. Es langt, wenn ich diese kenne. Keine Fragen über den Sinn oder die Hintergründe und wir bekommen keine Probleme. Und Letztens, und das ist die wichtigste Regel überhaupt: Wer meint, mit mir ein falsche Spiel spielen zu müssen, dem mache ich das Leben zur Hölle. Keine Informationen an Außenstehende, keine Sonderabsprachen mit irgendwelchen Sponsoren ohne mein Wissen und meine Zustimmung. Alle Geschenke und Angebote gehen über meinen Tisch oder ich zertrümmere deinen Schädel auf der Tischplatte. Deinen, Zahras, den deiner wunderschönen Uljana. Ganz egal. Niemand hintergeht mich. Nicht ungestraft. Hast du das verstanden, Junge?“
Von der heftigen Reaktion seines neuen Chefs völlig überrascht schluckte Tyr hart und nickte schnell.
„Okay, Sie sind der Boss. Keine Fragen, keine linken Touren. Ich habe es verstanden, Mister Graham.“
Seine Antwort schien den Mann zufrieden zu stellen, denn genau so schnell wie das wütende Funkeln in die Augen getreten war, verschwand es auch wieder und wurde durch das bekannte, freundliche Lächeln ersetzt.
„Das freut mich, Junge. Dann wird das für uns alle hier eine erquickliche Zeit und ich werde dafür sorgen, dass jeder mit den Taschen voller C-Noten diesen Staubball verlässt. Du darfst mich Jonathan nennen.“
Die drei Neuankömmlinge hatten Tyr und seinen Auftraggeber erreicht und er wurde sich nun den musternden Blicken gewahr, welche die Frau und die beiden Männer ihm widmeten.
„Was für Frischfleisch zerrst du denn da in die Höhle, Chef?“
Die Sprecherin war eine Dame mittleren Alters von schlanker Statur und schwarzen, langen Haaren, welche die für Mechkrieger typischen, ausrasierten Stellen am Kopf nicht voll überdecken konnten. Die für den Kontakt zwischen Neurohelm und damit dem Hauptcomputer eines Battlemechs nötigen Verbindungen konnten durch Haare gestört werden, weshalb so gut wie alle Krieger diese an besagten Stellen entfernten. Wie auch ihre männlichen Begleiter trug die Frau eine khakifarbene Uniform, die der von Jonathan Graham glich.
Die Worte hätten unfreundlich geklungen, wäre da nicht der kameradschaftliche Unterton gewesen, welcher unter Mechkriegern weit verbreitet war. Das Steuern von Tonnen schweren Kampfmaschinen verband oft über Grenzen und Vorbehalte hinaus.
„Na dann ist es wohl an der Zeit für eine Vorstellungsrunde. Ich persönlich hätte dir zwar eine Ruhepause gegönnt, Junge, aber da wir nun schon alle versammelt sind darf ich dir deine Mitstreiter bekannt machen. Die forsche Dame mit dem losen Mundwerk ist Cassandra Vasquez. Pilotin des Zeus und ehemalig 4. Skye Rangers. Dies hier ist Tyr Sievers.“
Der Handschlag der Frau war kräftig und ihr nun aufgeschlossenes Lächeln ehrlich.
„Verdammt. Wenn du von den 4. Rangers kommst hast du dir das Recht verdient, mich Frischfleisch zu nennen. Ist mir eine Ehre.“
Seine Worte waren ehrlich gemeint und wurden von einem Augenzwinkern der Frau beantwortet.
Als nächstes schob sich ein tonnenförmiger Mann von undefinierbarem Alter mit grauem Bart und Glatze in sein Sichtfeld. Kurz zuckte Tyr zusammen, als der schmerzhafte Händedruck seine Handknochen zu zerquetschen drohte.
„Du kommst genau richtig, Jungchen. Ich habe deinen Kampf gegen das aufgeblasene Arschloch Gallierdi gesehen. War wirklich Zeit, dass dem Mal einer das Maul gestopft hat. Patrick Jansson, ehemals Lyran Regulars. Ich steuere den Commando.“
Die laute Stimme des Lyraners hallte wie ein Donnerschlag durch die Halle, war aber ebenfalls freundlich und aufgeschlossen.
Im Anschluss drehte sich der Regular zu dem letzten Neuankömmling um.
„Und das ist der Miesepeter in unserer frivolen Runde. Noel Zapotozni. Ehemaliger Ausbilder bei den Donegal Guards, Pilot des Greif und Interim Kommandant der Lanze.“
Tyr schwenkte die ausgestreckte Hand in Richtung des unscheinbaren, älteren Mannes, dessen vernarbtes Gesicht und Ausstrahlung bereits beim ersten Blick einschüchternd wirkte.
Verächtlich schnaufte der Veteran und ignorierte die Geste.
„Das muss man sich bei mir verdienen, Grünschnabel. Wo hast du gelernt, einen Mech zu steuern? Auf dem Getreidefeld deine Vaters?“
Der scharfe Tonfall in Kombination mit dem verachtenden Blick des Offiziers ließ ihn die Hand schnell zurück ziehen und in eine militärische Grundhaltung verfallen.
„Blackjack School of Conflict, Sir. Jahrgang 3024. Abschluss in Mechführung und Taktik. Danach freier Söldner in verschiedenen Anstellungen. Und meine Familie hat keine Landwirtschaft, Sir.“
Die Sätze sprudelten automatisch aus ihm heraus, was den ehemaligen Ausbilder zu besänftigen schien.
„Na zumindest ein Lyraner der eine vernünftige Meldung machen kann. Das lässt ja hoffen. Deine Vorstellung im Kampf gegen Gallierdi war eine Aneinanderreihung von Katastrophen, Krieger. Zuerst verrätst du deine Position indem du ohne ersichtlichen Grund ein Gebäude rammst und zum Einsturz bringst. Dann pfeifst du auf jedwede militärische Doktrin indem du nicht deine überlegene Reichweitenbewaffnung einsetzt sondern auf einen schwereren Gegner zu stürmst. Du zeigst keinen Funken Respekt dem Feind gegenüber sondern bewirfst ihn mit Müll und lässt dich dann auf einen Schlagabtausch mit einem Hunderttonner ein. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass ich in meiner Laufbahn kaum eine beschissenere Gefechtsleistung habe sehen dürfen. Daran werden wir arbeiten müssen. Da deine Maschine außer Gefecht ist, bedeutet das Theorie. Und ich verspreche dir, dass wird eine Menge Wissen sein, dass ich in deinen Kopf stopfe. Nur zu deiner Information, ich bin ein Freund und treuer Anhänger der Methode Lernen durch Schmerz. Richte dich also auf einige Runden mit der Infanterie ein. Die Ausgabe der Uniform ist ab Null sechshundert möglich. Ich erwarte dich also morgen Punkt Null siebenhundert geduscht, frisch rasiert und lernbereit am Eingang der Halle.“
Damit nickte der Ausbilder Jonathan Graham und seiner Stellvertreterin kurz zu, drehte sich auf dem Absatz um und stiefelte in Richtung seine Mechs davon.
„Jawohl, Ausbilder. Null siebenhundert. Ich werde da sein und freue mich darauf.“
Schon während Tyr die Worte aussprach, merkte er, wie bescheuert es sich anhörte.
„Lernen durch Schmerz, Junge. Rasiert und lernbereit!“
Noel Zapotozni unterbrach weder seinen Marsch durch die Halle, noch drehte er sich um. Trotzdem waren die Worte klar und deutlich zu verstehen.
Als der Ausbilder außer Hörweite war, prusteten Cassandra und Patrick laut los.
„Er scheint dich zu mögen, Tyr. Das war seine normale Art einem einen guten Tag zu wünschen.“
Entgeistert sah er zu der Mechkriegerin, die ihm daraufhin die Hand auf die Schulter legte.
„Das war die normale Art? Ist der immer so? Ich hab mich gefühlt als wäre ich wieder ein Kadett im ersten Jahr der Ausbildung. Der kommt mir vor als wenn er keinen Mech benötigt um seinen Gegner zu fressen. Wie ist sein Rufname? Ich hasse euch alle?“
Nun fiel auch Jonathan Graham in das Lachen mit ein.
„Nein, Junge. Sein Rufzeichen ist Sonnenschein. Passend, oder?“
Damit drehte sein Vorgesetzter sich zu den verbliebenen beiden Mechkriegern um.
„Sie zeigen ihm die Basis und helfen unserer Verstärkung sich hier zurecht zu finden. Eine Unterkunft ist vorbereitet und es wäre vielleicht keine schlechte Idee, die Uniform bereits heute schon in Empfang zu nehmen.“
Damit zog Graham eine lange Zigarre aus einer Tasche seiner Uniformbluse, biss das Endstück ab und spuckte es auf den Boden der Halle, bevor Zahra ihm mit einem schnell entzündeten Streichholz Feuer gab.
Nach einigen kurzen Zügen nickte der Mann dankend in Richtung der Frau und spie dann blauen Dunst in Richtung der hohen Hallendecke.
„Ich habe noch einige wichtige Dinge zu erledigen, Junge und überlasse dich den beiden hier. Fühl dich wie zuhause, denn genau das ist es. Dein neues Zuhause. Wenn es Probleme geben sollte, wende dich an mich oder an Zahra und wir werden eine Lösung finden. Die Verträge unterzeichnen wir dann in den nächsten Tagen. Herzlich willkommen bei der Schwarzen Legion.“
Damit wandte sich auch Graham ab und ging in Richtung eines der Seitenstollen davon, bestialisch stinkende Rauchschwaden hinter sich herziehend und gefolgt von seinem menschlichen Schatten.
„Sonnenschein? Wirklich?“
Noch immer völlig entgeistert von der Begegnung schloss Tyr sich den beiden anderen Mechkriegern an, die bereits in die entgegengesetzte Richtung der Halle unterwegs waren.
„Kein Witz, Tyr. Aber hüte dich davor, ihn außerhalb seines Cockpits so zu nennen. Und schon gar nicht, ohne dass er es dir angeboten hat.“
Patrick Jansson hatte die Hände in die Taschen geschoben und kaute auf der Unterlippe herum.
„Wir sind wirklich froh, dass du hier bist. Ohne einen vierten Mann wäre die Schwarze Legion disqualifiziert worden ohne die Chance zu haben den Jackpot zu kassieren und dafür haben wir zu hart gearbeitet.“
Cassandra Vasquez nickte zustimmend.
„Ein Sieg in den Endausscheidungen der Spiele würde eine sichere Fahrkarte aus dieser Hölle bedeuten. Mit genügend Credits um wieder auf die Beine zu kommen. Graham mag ein Eigenbrödler sein, aber er zahlt gut, wenn die Leistung stimmt. Hat er dir schon seine Predigt gehalten?“
Neugierig blickte die Mechkriegerin ihn an ohne den Schritt zu verlangsamen.
„Er ist der Boss, keine Fragen, keine Tricks, sonst Kopf Tischplatte?“
Wieder weckten seine Worte schallendes Gelächter seiner neuen Kameraden.
„Also ja. Genau die. Halt dich dran und dir wird es hier besser gehen als in den meisten Söldnereinheiten.“
Damit betrat die Gruppe einen mit Beton verstärkten Seitenstollen und Tyr bekam einen Eindruck von der schieren Größe der Anlage.
Vielleicht war es doch eine gute Idee gewesen, bei Jonathan Graham anzuheuern. Aber noch immer war da ein kleiner Teil in ihm der zu Skepsis mahnte.
Auch wenn er nicht sagen konnte, warum, war ihm das Ganze nicht geheuer.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Quartierbereich für Mechkrieger
07. Februar 3025    

Es war bereits später Abend und Tyr hatte das Einräumen der persönlichen Habe von ihm und Uljana in das neue, wesentlich geräumigere Quartier schon fast beendet als seine Partnerin plötzlich in der Tür stand.
„Die Rolle des Hausmannes steht dir zwar nicht wirklich, Traummann, aber es ist schön zu sehen, dass du dir Mühe gibst.“
Er verzog leidlich das Gesicht und legte einige T-Shirts aus der Reisetasche in den einfachen Schrank, der neben dem Doppelbett das einzige Möbelstück in dem fensterlosen Schlafzimmer darstellte.
„Ich tue mein Bestes. Wie war dein Tag?“
Mit einem schnellen Sprung stürzte sich Uljana auf ihn und riss ihn rückwärts auf das Bett, dass er bereits bezogen hatte.
Lachend drückte sie ihm einen liebevollen Kuss auf die Lippen und nagelte ihn auf seinem Brustkorb sitzend in der liegenden Position fest.
„Wundervoll. Du glaubst gar nicht, was die hier an Ausrüstung und technischer Kompetenz auffahren, Schatz. Andrew Baxter weiss mehr über Battlemechs als selbst mein Vater und Großvater zusammen und sein Team besteht aus Spezialisten für alles was mit Kriegsgerät zu tun hat. Sie können hier Panzerplatten nach Maß herstellen, Aktuatoren einstellen, Myomer zuschneiden, Computersysteme rekalibrieren. Ich glaube, ich habe heute mehr gelernt als während meiner gesamten Ausbildung zur Tech.“
Tyr musste lächeln als sie zu schwärmen begann und griff liebevoll ihre Hüfte.
„Nicht jetzt, du Lustmolch. Erstens muss ich dringend unter die Dusche und zweitens habe ich wirklich gute Neuigkeiten den Khopesh betreffend.“
Mit einem Mal war seine Betroffenheit bezüglich der körperlichen Zurückweisung wie weggefegt. Er hatte gehofft, so schnell wie möglich etwas über den Battlemech zu erfahren, dass es jedoch noch am selben Tag sein würde, hatte er nicht zu träumen gewagt.
Uljana stieg von ihm herunter, griff in die tiefe Beintasche ihres Overalls und zog einen brandneuen Noteputer hervor, der Grahams Gerät ähnelte.
Nach einigen kurzen Eingaben flackerte ein sich drehendes Hologramm des Khopesh über dem Bildschirm und Tyr setzte sich auf, um es genauer begutachten zu können.
„Wir sind die Konstruktionsdaten durchgegangen, die ich bei unserer Flucht runter geladen habe und es scheint, dass wir wirklich eine ganze Menge Glück haben. Der Khopesh wurde von meinen Vorfahren als Konkurrenzmodell zum Hector entworfen und ist damit eine der ersten Entwürfe für Battlemechs überhaupt. Die Komponenten wie der Reaktor, die Waffen, das Gyroskop, das alles sind Prototypen die später wesentlich verbessert wurden. Ein Grund weshalb er nie in Serie gebaut wurde und seit Generationen ein Dasein als Ausbildungsobjekt für neue Techs in der Werkstatt meiner Familie fristete.“
Etwas gelangweilt nickte er zu ihren Ausführungen.
„Okay, der Mech ist alt und ein Einzelstück. Soviel wussten wir auch vorher schon.“
Ein böser Blick aus den Augenwinkeln ließ ihn verstummen bevor sie murrend einige Befehle in den Comp eintippte.
Ein Großteil des Hologramms verfärbte sich rot und verschwand dann nach und nach, bis nur noch das Skelett der Maschine über dem Gerät schwebte.
„Wir werden die Maschine komplett strippen. Angefangen bei der desolaten Panzerung über die Aktuatoren und Myomermuskulatur bis hin zum Reaktor. Der Khopesh wird vollständig überarbeitet und in ein hochmodernes, gefechtstaugliches Monster verwandelt. Der Grundaufbau ähnelt dem Hector und damit dem Marodeur so sehr, dass wir die weitaus meisten Teile der ruinierten Maschine von Pieter nutzen können. Es ist anzunehmen, dass General Motors die Vogelbeine und das Torsolayout in großen Teilen vom Hector übernommen hat. Wir integrieren also den komplexen Bewegungsapparat und das Myomer ohne das umfangreiche Umbauarbeiten oder Anpassungen nötig wären. Das reduziert die Arbeitszeit immens. Die Arme ersetzen wir ebenfalls durch die des Marodeur, behalten aber die Manschetten mit den Greifkrallen. Das Gyroskop wird ebenfalls der Maro spenden genau wie die Sensoren und die Lebenserhaltung und auch das Kühlsystem, das wir aber um sechs Aggregate erweitern.“
Nach und nach tauchten grüne Teile um das Hologramm herum auf, die sich kurz darauf in das Modell integrierten und so eine Maschine mit völlig neuem Design formten.
„Der Reaktor ist ein Problem. Zum einen weil der des Marodeurs während des Gefechts schwer beschädigt wurde und zum anderen, weil die Anschlüsse nicht passen. Zum Glück hat Andrew ein volles Ersatzteillager aufgebaut in dem wir Teile eines ausgeschlachteten Hammerhands gefunden haben. Muss eine der Maschinen gewesen sein, mit denen Jonathan hier her kam. Der DAV 225 Reaktor passt in jedem Bezug und wird deine Höchstgeschwindigkeit auf 54 Kilometer pro Stunde erhöhen.“
Sie unterbrach den Vortrag, als sie sein Stirnrunzeln wahrnahm.
„Ich weiss, dass ist für einen schweren Mech noch immer nicht gerade viel, aber wir haben eine Möglichkeit gefunden, die Mobilität zu erhöhen. Die Sprungdüsen des Hammerhands werden dir erlauben, Distanzen von neunzig Metern zu überbrücken und das dürfte einige Gegner bei einer 75 Tonnen schweren Maschine überraschen.“
Ungläubig blickte Tyr auf die holographischen Düsen, die sich nun in den mittleren Torso und die Füße des Mechs einpassten.
„Das Biest wird springen können?“
Nun lächelte Uljana wieder und nickte voller Überzeugung.
„Das Biest wird springen können, mein Lieber! Und noch viel, viel mehr. Von der Bewaffnung behalten wir nur die Kurzstreckenraketenlafette und ihren Munitionsvorrat der gut gekühlt mit einem Großteil der Wärmetauscher im rechten Torso verbleibt. Die linke Manschette erhält einen mittelschweren Laser und eine Partikelprojektorkanone aus dem Marodeur, die rechte ebenfalls einen Laser sowie eine Binäre Laserkanone. Eine Weiterentwicklung des schweren Lasers, die sich wegen der großen Hitzeentwicklung eigentlich nie durchsetzen konnte. Das Ding hat einen unglaublichen thermalen Bums! Damit kannst du einer Wespe das Cockpit mit einem einzigen Treffer raus brennen. Dein neues Cockpit wird eine Spezialanfertigung aus einem Sammelsurium an Teilen. Das geht leider nicht anders weil wir kein Komplettes im Bestand haben. Wir nutzen als Basis das Cockpit eines schwarzen Ritter und ergänzen dann einen Zielcomputer den Andrew selbst entwickelt hat während ein Krupp-Com 650 für die Kommunikation sorgt. Zum Schluss packen wir den Khopesh in fast so viel Valiant Lamellor Schmiedepanzerung wie die Struktur tragen kann wobei wir versuchen, das Grunddesign zu erhalten.“
Mehrere grün leuchtende Panzerungsschichten legten sich auf das Hologramm, bis es drei Mal kurz aufleuchtete und dann einige Daten in kleinen roten Zahlen daneben erschienen.
„Wenn ihr glaubt, dass ich als Entrechteter Monate lang den Spielen nur zusehe, dann habt ihr euch geschnitten. Uljana, verdammt, was ihr da vorhabt wird Hunderttausende C-Noten verschlingen und wahrscheinlich ein Jahr an Arbeitszeit benötigen. Das wird Graham niemals genehmigen.“
Kopfschüttelnd verschränkte er die Arme vor der Brust und lehnte den Rücken an die kalte Betonwand an der das Bett stand.
„Das hat er bereits. Andrew und ich waren in seinem Büro, bevor ich hergekommen bin. Unser neuer Chef war von der Planung begeistert. Er hat angeordnet im drei-Schicht-System an dem Khopesh zu arbeiten. Jeder verfügbare Tech wird zu Überstunden verdonnert. Gerade in diesem Moment schneiden vier Teams die alte Panzerung runter. Wenn wir im Zeitplan bleiben und keine gravierenden Probleme auftreten kannst du deine neue Maschine in 30 Tagen testen. Genau richtig für die Qualifikationen der Endausscheidungen.“
Völlig entgeistert blickte er Uljana an.
„Das alles wollt ihr in einem Monat schaffen? Das ist verrückt. Unmöglich. Uljana, wenn ich das richtig verstehe, baut ihr einen völlig neuen Mech unter Nutzung der Teile einer ganzen Lanze. Ich bin kein Tech, aber alleine die Kompatiblitätsprobleme der einzelnen Baugruppen wird euch Wochen kosten. Dazu die Verkabelung.“
Von der Situation völlig überfordert blickte er weiter auf das leuchtende Hologramm, bis Uljana es mit einer kurzen Eingabe deaktivierte.
Sie schenkte ihm das Lächeln, welches er so sehr an ihr liebte und drückte erneut einen Kuss auf seine Lippen.
„Ich dachte eigentlich, dass die Aufgabenverteilung klar ist. Du, der Krieger, machst Dinge kaputt während ich, die Tech, Dinge wieder in Ordnung bringe. Ich werde nicht anfangen dir zu erklären wie du einen Mech zusammenschießen musst und du lässt uns in Ruhe den Khopesh überarbeiten.“
Zustimmend nickte er und begann, sie zu sich heran zu ziehen, was jedoch vehement verwehrt wurde.
„Ich sagte, ich muss unter die Dusche.“
Damit erhob sie sich vom Bett und wandte sich der Tür zum Wohnbereich zu, welchen man durchqueren musste um zum Bad zu gelangen.
Seine missmutige Miene schien Uljana dabei zu ignorieren.
Bis der geworfene Büstenhalter in seinem überraschten Gesicht landete.
„Kommst du?“
Alle Bedenken und Einwände waren in dem Moment verschwunden, als er vom Bett sprang und ihr hinterher eilte.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Büro von Jonathan Graham
07. Februar 3025

„Ich bin mir sicher, dass Miss Poljakow nicht gemerkt hat, dass wir die Spezifikationen des Khopesh bereits hatten. Sie ist eine junge Tech mit guter Auffassungsgabe und fundiertem Basiswissen, mehr definitiv nicht. Sie stammt von Blackjack im Lyranischen Commenwealth wo Ihre Familie bereits seit Generationen eine Wartungsanlage für Battlemechs betrieben hat. Die Vorfahren emigrierten schon zu Zeiten des Sternenbundes aus dem Bereich der Liga freier Welten wo sie wohl ein Konstruktionsbüro für damals hochentwickelte Waffen unterhielten.“
Andrew Baxter schob von seinem Platz auf dem Stuhl vor dem riesigen, chaotischen Schreibtisch einen Datenchip zu Jonathan Graham, der stumm nickte.
„Das erklärt den Besitz des Khopesh. Die Vorfahren nahmen ihr ehrgeizigstes Projekt mit in die neue Heimat. Das deckt sich mit der Analyse der restlichen Daten von dem Noteputer.“
Zahra Lynch stand in militärischer Manier neben dem Wissenschaftler und blickte nachdenklich auf den Chip.
„Eine Aktion des lyranischen Geheimdienstes um spezifisches Wissen zu beschaffen?“
Die Frage von Graham war eher an sich selbst gerichtet, während er den Datenchip mit Baxters Bericht zu sich zog und nach kurzem Zögern in das Lesegerät seines Computers steckte.
Kurz darauf flimmerte die Zusammenfassung der Gespräche mit seiner neuen Angestellten über den Monitor.
„Auszuschließen ist das natürlich nicht. Ich gebe aber zu bedenken, dass diese Vorkommnisse dann fast sechshundert Jahre zurück liegen. Und der Mech scheint in diesem Fall nicht auf gesteigertes Interesse des LIC gestoßen zu sein, sonst wäre er nicht bei der Familie verblieben.“
Baxter lehnte sich entspannt gegen die Lehne des Stuhls und rückte die dicken Brillengläser zurecht.
„Ich habe keine Ahnung, weswegen die beiden Blackjack verlassen haben und auch über Tyr Sievers konnte ich nur wenig in Erfahrung bringen. Sie haben sich in jedem Fall auf dem Planeten kennengelernt. Wahrscheinlich während seiner Ausbildung. Interessant ist, dass sie einmal eine Flucht erwähnt hat. Das ganze schien ihr peinlich zu sein, denn sie wechselte sofort das Thema und ich glaube auch nicht, dass es beabsichtigt war, mir das Preis zu geben.“
Zahra blickte interessiert zu dem sitzenden Wissenschaftler hinab.
„Eine Flucht? Wovor? Kriminelle Elemente? Staatliche Organe? Familie? Haben sie weiter nachgeforscht?“
Entnervt sah der kleingewachsene Mann zu ihr hinauf.
„Ich bin Wissenschaftler, Miss Lynch. Wissenschaftler, kein Agent oder Verhörspezialist. Ich kann eine Fehlersuche in einem komplexen Computersystem durchführen oder auch den Kühlmantel eines Lasers modifizieren. Aushorchungen von Angestellten steht weder auf meiner Liste von Fähigkeiten noch in meiner Stellenbeschreibung.“
Um das ohne Zweifel anstehende Streitgespräch der beiden bereits im Keim zu ersticken räusperte sich Jonathan Graham und blickte von dem Monitor auf.
„Nun gut. Wie steht es mit dem Mech? Ist er für unsere Zwecke geeignet oder verpulvere ich gerade eine Millionen C-Noten unserer Ressourcen?“
Augenblicklich erhellte sich Baxters Miene und er sah zu seinem Vorgesetzten, während er sich die Antwort auf die gestellte Frage zurecht zu legen schien.
„Der Khopesh ist perfekt. Anders als bei den restlichen Maschinen können wir hier von vornherein ein Design gestalten, das unseren Bedürfnissen entspricht. Durch die Implementierung so vieler Teile aus dem ersten Testobjekt ist die Kalibrierung der Messgeräte nur in geringem Ausmaß nötig und mit der neuen Waffenlast dürften wir im Einsatz aussagekräftige Ergebnisse erzielen. Ich gehe davon aus, dass wir trotz des Rückschlags den Zeitplan einhalten können.“
Das waren fürwahr gute Neuigkeiten. Jonathan hasste nichts mehr als Verzögerungen.
„Nun gut, Andrew. Dann fahren wir wie geplant fort. Behalten Sie ein Auge auf Miss Poljakow. Ich möchte über alle Unregelmäßigkeiten informiert werden. Die Sicherheit hat oberste Priorität.“
Verstehend nickte der Wissenschaftler und erhob sich dann von seinem Platz um zielstrebig die Ausgangstür an zu steuern.
Zahra Lynch würdigte er dabei keines weiteren Blickes.
Nachdem die Tür sich hinter dem Wissenschaftler geschlossen hatte, nahm seine Stellvertreterin auf dem nun freien Stuhl Platz. Ihre Mimik sprach Bände über das seit jeher gespannte Verhältnis zwischen Baxter und seiner Stellvertreterin.
„Wenn das arrogante Arschloch noch einmal so mit mir spricht, breche ich ihm mindestens einen Arm, Sir. Meine Frage war berechtigt. Wenn Tyr Sievers und Uljana Poljakow vor irgendetwas fliehen, ist das ein Sicherheitsleck, welches wir uns nicht leisten können.“
Zustimmend nickte er in ihre Richtung, schnaufte kurz und ließ den Bericht auf seinem Bildschirm dann verschwinden.
„Da bin ich ganz deiner Meinung, Zahra. Leider gehen uns zur Zeit die Optionen aus. Wir liegen hinter dem Zeitplan und brauchen diesen Mech um das wieder ins Lot zu bringen. Ein Monat Arbeitszeit ist vertretbar, wenn die Ergebnisse es rechtfertigen. Wir können es uns nicht leisten, wieder auf die Suche nach einem Piloten mit passender Maschine zu gehen. Das würde in jedem Fall den zeitlichen Rahmen sprengen. Außerdem glaube ich nicht, dass wir hier jemanden finden, der nicht auf der Flucht vor irgendwem ist. Hier raus kommen nur Menschen die wirklich verzweifelt sind.“
Er hatte die Hände gefaltet und auf dem Tisch abgelegt und war in Gedanken versunken, als ihre Worte den Weg durch sein Bewusstsein fanden.
„Wir können die beiden liquidieren und den Mech behalten. Die Suche nach einem passenden Piloten kann auf Astrokaszy nicht so schwer sein. Nicht bei all den Entrechteten da draußen.“
Ihr Einwand war durchaus berechtigt. Ehrlich gesagt hatte er diese Möglichkeit gerade selbst in Erwägung gezogen, aber schnell wider verworfen.
„Nein, Zahra. Ein Unfall mit tödlichem Ausgang ist tragisch, aber durchaus nicht verdächtig. Zwei weitere tote Angestellte innerhalb so kurzer Zeit würden aber unliebsame Fragen aufwerfen. Ich möchte keine Unruhe. Die Leute sollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren und nicht anfangen Nachforschungen anzustellen.“
Grübelnd erhob er sich aus dem bequemen Sessel, wobei das alte Leder knarrte und ging dann, die Hände in den Taschen seiner Uniformhose versenkt zu dem großen Bild, welches eine ganze Wand seines Büros einnahm.
Er spürte Zahra's Blick förmlich, der ihm auf Schritt und Tritt folge. Natürlich war sie anderer Meinung, aber das lag in der Natur der Sache. Für sie stand die Sicherheit an erster Stelle, während seine Priorität auf dem Ergebnis lag.
Wie schon so oft in seinem Leben studierte er die feinen Pinselstriche des Ölgemäldes, welches Gaveston's Gorge, einen gigantsichen Canyon zeigte. Der unbekannte Künstler hatte es geschafft, die majestätische Erscheinung der Gesteinsformationen einzufangen, was ihn immer wieder in seinen Bann riss.
Im Gegensatz zu den hellen, oberen Kanten des Canyons lag der Grund in tiefer Schwärze verborgen und selbst bei näherer Betrachtung nur zu erahnen.
„Wir müssen die Details, welche noch in der Dunkelheit verborgen sind, beleuchten, Zahra. Wir benötigen Informationen über Sievers und Poljakow. Du stellst Fisches der beiden zusammen, mit allem was wir bis jetzt haben und schickst es dann an unseren Kontakt. Prioritätsanfrage. Top Secret. Vierfachverschlüsselung. Und mach dem Hauptquartier klar, dass des dringend ist. Bis wir eine Antwort erhalten behalten wir die beiden unter schärfster Beobachtung.“
Er hatte sich nicht zu Zahra umgedreht und betrachtete noch immer gedankenverloren das Gemälde
„Natürlich, Sir. Wie Sie wünschen.“
Seine Stellvertreterin erhob sich fast geräuschlos, dann waren die Schritte ihrer metallbeschlagenen Stiefel auf dem Parkettboden sowie die sich öffnende und wieder schließende Tür zu vernehmen.
Er blieb allein in dem großen Raum zurück, den er sich in den letzten Jahren zu einem gemütlichen Büro ausgebaut hatte.    
Ruckartig riss er sich von dem Anblick los und ging dann zu dem niedrigen Schränkchen aus Eichenholz, welches an der Wand neben seinem Schreibtisch stand. Er öffnete die alte Tür mit den knarrenden Scharnieren und presste dann seinen Daumen auf den Abtaster des eingelassenen Panzerschranks.
Es dauerte nur Sekundenbruchteile, dann erlosch das rote Lämpchen neben der schwarzen Glasscheibe und ein gelbes flammte blinkend auf.
„Freigabecode. Graham, Jonathan. Den Teufel spürt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.“
Der innen liegende Computer analysierte seine Stimme sowie den Sicherheitssatz bevor sich die schweren Riegel des Safes öffneten und die Tür aufschwang.
Sofort fiel ihm die geladene und entsicherte Autopistole ins Auge , die griffbereit im oberen Fach neben einem Stapel Papiere lag. Dann wanderte sein Blick über die verschiedenen Aufbewahrungsboxen mit Datenchips und die Bündel Bargeld aus den verschiedenen Nachfolgestaaten bis er auf der kleinen Truhe verharrte, die an ihrem Platz im untersten Fach stand.
Vorsichtig hob er die hölzerne Box heraus und stellte sie auf dem Boden ab, bevor er den Deckel öffnete.
Der Anblick raubte ihm bei jedem Mal fast den Atem.
Dutzende Edelsteine funkelten im Wettbewerb um seine Aufmerksamkeit.
Durchsichtige Diamanten, blutrote Rubine und grüne Smaragde, blaue Saphire und schwarze Obsidiankristalle lagen auf dem schwarzen Untergrund aus Samt.
Sein ganz persönlicher Schatz.
Schnell fischte er das von Tyr Sievers übergebene Säckchen aus der Hosentasche und schüttete die darin enthaltenen Steine zu seiner Sammlung, bevor er die Truhe schnell wieder verschloss und zurück in den Panzerschrank stellte.
Erst als alles wieder verschlossen an seinem Platz stand setzte er sich an seinen Schreibtisch, öffnete die unterste Schublade und zog ein Glas sowie eine Kristallflasche mit bernsteinfarbenem Inhalt hervor.
Ein kleiner Schluck guten Brandys sowie eine Zigarre würden seinen geschundenen Nerven gut tun.
Und es würde ihm helfen, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Zumindest hoffte er das.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Mechhangar
08. Februar 3025          

Tyr's Lungen brannten wie Feuer und seine Beine schienen kurz davor, ihm den Dienst zu versagen, aber er weigerte sich, aufzugeben. Seit den frühen Morgenstunden war er dem Willen von Noel Zapotozni ausgeliefert und der offensichtlich sadistisch veranlagte Ausbilder schien wahre Freude in seinem Beruf zu empfinden.
„Na das war doch ein feiner Spaziergang, Mister Sievers. Finden Sie nicht?“
Sieben Kilometer Laufschritt im Gelände. Mit einem zwanzig Kilo schweren, mit Steinen befüllten Rucksack auf dem Rücken. Bei dreißig Grad Außentemperatur. Und das Ganze in unter einer Stunde.
Tyr benötigte all seine Zurückhaltung um die erwartete Antwort zwischen zwei Atemzügen durch die Zähnen heraus zu quetschen.
„Jawohl, Ausbilder. Ein feiner Spaziergang.“
Die entstellenden Narben im Gesicht des älteren Mannes zuckten kurz, gefolgt von einem bellenden Lachen das von den Felswänden des Hangars zurück geworfen wurde.
„Ihr Gegner ist eine leichte Scoutlanze bestehend aus einer Wespe, einem Heuschreck, einem Panther sowie einem Jenner. Ihr eigener Kampfschütze ist warm gelaufen, aber noch nicht überhitzt. Das Gelände ist hügelig und bewaldet. Verstärkung ist für keine Seite zu erwarten. Zumindest nicht in der nächsten Zeit. Die Scoutlanze schließt schnell zu ihnen auf. Was tun sie?“
Noel Zapotozni ratterte die Frage herunter, die er wohl schon hunderten Rekruten in der gleichen Situation gestellt hatte und Tyr war sich bewusst, dass eine falsche Antwort fünfzig Liegestützen bedeuten würde. Das hatte er heute bereits leidvoll erfahren müssen. Mehrfach.
Drei Sekunden dachte er über die Fragestellung nach, bevor er nochmals kurz Luft holte.
„Mein Kampfschütze ist auf Reichweite ausgelegt. Ich suche mir eine erhöhte Position, aus der ich den Gegner frühzeitig erkennen und bekämpfen kann. Vorzugsweise einen Hügel mit freier Fläche davor oder eine Lichtung. Ich sorge dafür, dass mein Rücken durch dichte Bewaldung oder Ähnliches gedeckt ist. Mein Primärziel ist der Panther, der mit seiner PPK ein ähnliches Reichweitenprofil wie meine mittelschweren Autokanonen besitzt. Da die Lanze offensichtlich nur aus leichten Scouts besteht, versuche ich so viel Schaden wie möglich ins Ziel zu bringen, wobei ich stationär bleibe um die Trefferrate zu erhöhen. Wenn der Gegner einen Aufklärungsauftrag hat, wird er die direkte Konfrontation meiden und abdrehen. Geht er auf den Kampf ein, gilt es, eine Maschine nach der anderen aus dem Gefecht zu nehmen und darauf zu achten, dass kein Gegner hinter mich kommt. Die Frontalpanzerung des Kampfschützen dürfte den leichten Waffen der Scouts lange genug stand halten um einen Sieg zumindest denkbar zu machen.“
Der alte Ausbilder nickte langsam zu Tyrs Worten, griff dann an seinen Gürtel und nahm die blecherne Trinkflasche ab, die dort baumelte. Mit routinierten Bewegungen schraubte er den Verschluss auf und nahm einen schnellen Schluck, bevor er ihm die Flasche anbot.
„Warum flüchten Sie nicht? Es steht immerhin vier gegen einen.“
Dankbar nahm er die Flasche entgegen und trank zwei gierige Schlucke. Auch um sich Zeit für die Antwort zu erkaufen.
„Die höhere Geschwindigkeit der Scouts macht eine Flucht unmöglich, Sir. Ich gebe den Vorteil der Geländewahl und des fast sicheren ersten Treffers aufgrund des genauen Zielens aus dem Stand auf und erlaube dem Gegner, meine dünne Rückenpanzerung zu attackieren. Der Gegner kann mich aus verschiedenen Richtungen angreifen und wird über kurz oder lang die Oberhand gewinnen.“
Wieder zuckten die Narben auf dem alten Gesicht und Tyr hätte schwören können, den Anflug eines Lächelns zu sehen.
Den ganzen bisherigen Tag löcherte Noel Zapotozni ihn bereits mit Fragen zu taktischen Gegebenheiten, strategischen Vorgehensweisen, Einzelheiten verschiedener Battlemechs und sonstiger militärischer Grundlagen. Und das alles, während er Tyr körperlich das Maximum abverlangte.
Er musste dem Ausbilder jedoch zugute halten, dass er den Lauf neben ihm durchgeführt hatte. Zwar ohne zusätzliches Gewicht, aber er war sich sicher, dass auch dies seinem Gegenüber möglich gewesen wäre.
Zapotozni war körperlich trotz seines Alters in herausragender Verfassung.
„Na gut, Mechkrieger. So schlecht, wie ich zu Beginn dachte, war deine Ausbildung dann wohl doch nicht. Trotzdem gibt es beträchtliche Lücken im Basiswissen, in der Führung wie auch in der Theorie. Das werden wir aber innerhalb eines Monats in den Griff bekommen. Ich habe dir Lernmaterial zusammen gestellt und in dein Quartier bringen lassen. Ich erwarte, dass es bis Ende der Woche durchgearbeitet ist. Wir werden jeden Morgen an deiner Fitness arbeiten. Null siebenhundert. Jede Tag. Ohne Ausnahme. Es ist jetzt zwölf Uhr TSZ. Ab unter die Dusche, Overall anlegen und nach dem Mittagessen meldest du dich bei deinem Herzblatt und greifst den Techs unter die Arme, die deinen Schrotthaufen überarbeiten. Du hast für heute genug meiner Zeit verschwendet.“
Damit nahm der Ausbilder die Trinkflasche wieder entgegen, verstaute sie an seinem Gürtel, nachdem er sie verschlossen hatte und marschierte dann in Richtung seiner Unterkunft davon.
„Jawohl, Sir.“
Die Worte kamen automatisch über seine Lippen, bevor er sich ebenfalls in Richtung der Quartiere für Mechkrieger schleppte.

Zwanzig Minuten später stand Tyr frisch geduscht und in einen sauberen, khakifarbenen Overall gekleidet an der Essensausgabe der Kantine und fühlte sich endlich wieder wie ein Mensch. Noch immer schmerzten seine Beine, aber der Duft leckerer Speisen ließ ihn das vergessen.
„Du bist doch der Neue, den Sonnenschein heute über den Berg gejagt hat, oder?“
Der zur Essensausgabe verdonnerte, vielleicht neunzehnjährige Infanterist trug über seiner normalen Uniform einen blauen Kittel der schon etliche Saucenspritzer abbekommen hatte sowie eine gleichfarbige Kochmütze und lächelte ihn mitleidig an.
„Hoch und wieder runter. Den ganzen Vormittag. Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du die Kelle schwingst und mir was von den Steaks und dem Kartoffelbrei auf das Tablett haust. Keine Sauce, die macht fett.“
Tyr fiel in das Lachen des Jungen ein, der sich beeilte und ihm ein dickes Stück gebratenen Fleisches und eine große Portion des Breis auf das Blechtablett schaufelte.
Zum Abschluss überreichte er ihm eine Schale mit grünem Salat, eine kleine Tasse klarer Suppe und zwei abgepackte Küchlein, die ebenfalls neben dem Becher mit Wasser und dem Besteck landeten.
„Lass es dir schmecken, Mechjockey. Und nur nebenbei, das Programm vom alten Zapotozni hast du herausragend hinter dich gebracht. Viele der Jungs haben einen Heiden Respekt vor der Leistung. Hab gehört das sogar der Staff Sergeant beeindruckt war. Und das ist ein wirklich harter Brocken. Schraub einen Gang zurück. Wenn unsere geforderten Leistungen angepasst werden weil du hier neue Maßstäbe setzt, dann werden die Jungs und Mädels nicht mehr ganz so toll von dir sprechen.“
Verstehend nickte Tyr und hob das Tablett an.
„Werde ich mir merken, Schlammstampfer. Wie ist dein Name?“
„Private Franky De Maggio. Sicherungsgruppe. Erster Zug. Kannst mich aber einfach Franky nennen. Macht hier jeder.“
Erneut nickte er.
„Ich bin Tyr Sievers. Hat mich gefreut, Franky.“
Damit drehte er sich um und stiefelte auf der Suche nach Uljana durch die voll besetzte Kantine.
Nach kurzem Suchen erblickte er seine Partnerin an einem der Tische, an dem auch Cassandra Vasquez und Patrick Jansson Platz genommen hatten und steuerte diesen zielstrebig an.
„Ist hier noch frei?“
Er sprach bewusst etwas tiefer und mit einem gespielten drakonischen Akzent, was Uljana sich irritiert umdrehen ließ.
Völlig überrascht von seiner Kleidung fand sie erst gar keine Worte, sondern rückte nur einen Platz auf, woraufhin er sich grinsend auf die harte Bank fallen ließ.
„Schatz! Warum hast du dich als Tech verkleidet? Und nur zu deiner Information, wenn das wirklich eine Verkleidung sein soll, dann bist du zu sauber.“
Sie presste ihm einen Kuss auf die Wange, blickte ihn jedoch weiter fragend an.
„Zapotozni hat mich zum Techdienst verdonnert. Ich glaube er war etwas enttäuscht davon mich nicht gebrochen zu haben, wobei er wirklich nah dran war. Ich fühle mich, als wenn ein Atlas auf mir Stepptanz geübt hätte.“
Das allgemeine Lachen am Tisch ließ er mit einem Bissen seines Steaks über sich ergehen und spülte mit einem Schluck Wasser nach.
„Ja, Sonnenschein scheint dich wirklich zu mögen.“
Cassandra ließ ihr Besteck klappernd auf das leere Tablett fallen und sah dann über den Tisch zu ihm herüber.
„Das hier ist Staff Sergeant Henry Miles. Kommandant der Sicherungsgruppe. Henry, das ist der neue Mechjockey Tyr Sievers.“
Er vernachlässigte den bereits auf die Gabel geschaufelten Kartoffelbrei und reichte dem zwei Plätze weiter sitzenden, hünenhaften Mann die Hand, die dieser freundlich schüttelte.
„Freut mich, Staff Sergeant. Ich dachte, der finstere Schatten von Graham würde die Sicherheit hier leiten.“
Er hatte sich bereits wieder dem Essen auf seinem Tablett gewidmet als der Infanterist mit einer wohlklingenden Stimme zu einer Erklärung ausholte.
„Nun, Mister Sievers, dem ist auch so. Miss Lynch hat den Oberbefehl und ich bin eher für die Durchführung ihrer Anweisungen verantwortlich. Mir sind die beiden Züge der Sicherungsgruppe unterstellt. Unser Boss hat aber auch noch eigene Kampfhunde auf diesen Staubball mitgebracht und die unterstehen nur dem Befehl von Graham oder Lynch. Wir sind für die Sicherheit der Basis verantwortlich, während diese Mistkerle einen faulen Lenz schieben und nur ihr eigenes Ding machen. Was immer das auch sein mag.“
Verstehend nickte Tyr, wobei das letzte Stück Steak in seinem kauenden Mund verschwand.
„Und was immer das ist, Ihre Jungs und Mädels könnten das wahrscheinlich besser.“
Er hatte die überhebliche Art von Henry Miles als das typische Verhalten von Schlammstampfern eingeschätzt, wurde aber von den folgenden Worten des Mannes eines besseren belehrt.
„Keine Chance. Meine Truppe besteht aus Grünschnäbeln. Fast ausschließlich ohne Kampferfahrung. Gute Soldaten, aber mit absolut keiner Erfahrung gesegnet. Graham hat uns brauchbare Ausrüstung besorgt, aber gegen seine privaten Kampfhunde stinken wir gewaltig ab. Einmal die Woche trainieren wir zusammen und ich kann ihnen sagen, dass sind Spezialisten. Keine Ahnung wo der Boss die ausgegraben hat, aber ich tippe auf Kommando- und Einzelkämpferausbildung. Das sind eiskalte Killer. Diese zwanzig Gestalten würden im Ernstfall mit uns den Boden aufwischen obwohl wir mehr als das doppelte an Mannschaftsstärke aufbieten können. Zum Glück sind die auf unserer Seite.“
Auch der Infanterist hatte das Mittagessen beendet und sah in die Runde.
„Wer ist jetzt eigentlich bei dem abendlichen Ausflug ins Boom Boom dabei, damit ich von der Bereitschaft die Fahrzeuge abstellen lassen kann?“
Fragend starrte Tyr in Cassandras Richtung, die mit einem verschwörerischen Lächeln antwortete.
„Man merkt, dass ihr noch nicht lange auf dem Planeten seid. Der Boom Boom Club ist einer der wenigen Orte in Jasons Reef, an dem Alkohol ausgeschenkt wird. Eigentlich ist das vom Wesir verboten, aber der Club wird wegen der Mechkrieger toleriert. Ein netter Ort um mal abzuschalten. Graham besteht darauf, dass seine Angestellten nur in größeren Gruppen und mit Anmeldung bei Lynch den Stützpunkt verlassen, was auf Astrokaszy definitiv eine weise Entscheidung ist. Wir wollen uns heute Abend ein wenig amüsieren und die Jungs und Mädels die sich diese Woche bei Henry unbeliebt gemacht haben müssen fahren und auf uns aufpassen.“
Ein schneller Blickwechsel zwischen ihm und Uljana machte deutlich, dass sie beide nichts gegen ein wenig Abwechslung einzuwenden hatten.
„Geht klar. Wir sind dabei. Gibt es irgendwas zu beachten?“
Mit einem schnellen Griff angelte sich seine Partnerin die Salatschüssel von seinem Tablett was ihn mit der klaren Suppe zurück ließ, die jedoch nach einem kurzen Test als durchaus genießbar eingestuft werden konnte.
„Keine Uniform. Zivilkleidung ist vorgeschrieben außer für die Fahrer und Wachen die eh bei den Fahrzeugen bleiben. Außerdem hat jeder eine Handfeuerwaffe mit sich zu führen.“
Kauend mischte sich nun auch Patrick Larsson in das Gespräch ein.
Der übergewichtige Scoutpilot hatte seinen Nachtisch bereits verschlungen und deutete nun auf die Küchlein auf Tyrs Tablett.
„Isst du die noch?“
Kopfschüttelnd schob er das abgepackte Gebäck zu dem Mechkrieger undefinierbaren Alters und löffelte dann weiter die mittlerweile fast zu kühle Suppe.
„Ein ziemlicher Sicherheitsfanatiker unser Boss, findet ihr nicht? Ich meine diese Basis ist besser gesichert als die meisten Außenposten der Miliz. Zwei Züge Infanterie als Sicherungsgruppe und jetzt auch noch das.“
Uljana hatte die Begutachtung des Salats beendet, die vorhandenen Tomatenstücke herausgepickt und auf dem Tablett abgelegt und begann, während sie die Unterhaltung fortführte, sich die grünen Blätter mit der Gabel in den Mund zu schieben.
Noch bevor jemand etwas sagen konnte, ergriff Henry Miles wieder das Wort.
„Sie sind hier nicht in der inneren Sphäre, Miss Poljakov. Das hier draußen ist ein Sammelbecken für subversive Elemente jeglicher Art. Der Boss achtet darauf, wen er einstellt damit sein Stall sauber bleibt und auch, dass niemand hier reinkommt der unter Umständen Böses im Schilde führt, aber wir sollten uns nichts vormachen. Die Armut der Bevölkerung in Jasons Reef liegt verdammt hoch. Und außerhalb der Stadtgrenzen wird das eher noch schlimmer. Die marodierenden Banden in der Wüste werden nur durch die Garde des Wesirs davon abgehalten in der Stadt Unruhe zu stiften, aber wie überall ist auch hier die Korruption ein Problem. Man erzählt sich, dass in der Anfangszeit der Schwarzen Legion eine Tech entführt wurde, die in Uniform auf dem Basar unterwegs war. Mister Graham erhielt einige Tage später eine Lösegeldforderung zusammen mit einer abgetrennten Hand jener Frau in einem Korb.“
Völlig entgeistert ließ Uljana die Gabel auf das Tablett fallen und blickte den Staff Sergeant an.
Dieser nickte nur, schien jedoch nicht gewillt zu sein, die Geschichte zu Ende zu erzählen.
Schließlich sprang Patrick Larsson ein.
„Er hat nicht gezahlt. Sie haben die Leiche des armen Mädels eine Woche später mit durchschnittener Kehle einen Kilometer von der Basis entfernt an der Straße gefunden. Die Schakale hatten sich bereits an der Leiche gütlich getan, aber es war klar dass sie keinen leichten Tod hatte. Muss ein übler Anblick gewesen sein. Wenn man der Geschichte glauben kann, ist Graham daraufhin zu einer Audienz mit dem Wesir gefahren. Drei Tage später hat man dann die Leichen von fünf Männern auf dem Basar gefunden, die mit der Entführung und dem Mord in Verbindung gebracht wurden. Sie wurden zu Tode gefoltert und als eine Art Warnung an den Füßen an einer Hauswand aufgehängt. Seit dem sind die Fronten geklärt und es gab so gut wie keine Übergriffe mehr. Trotzdem ist der Boss vorsichtig. Kann man ihm ja nicht verdenken.“
Auch Tyr war der Appetit an der Suppe vergangen und er legte bedächtig den Löffel neben die kleine, noch halb volle Schale.
„Ist die Geschichte belegt oder nur das übliche Geschnatter unter Soldaten?“
Reihum sah er in grübelnde Gesichter, bis er bei Cassandra angekommen war, die sich offenbar nicht aus der Ruhe bringen ließ.
„Die junge Tech hieß Fiona. Fiona Gale. Wir kamen mit dem selben Landungsschiff hier an und wurden zeitgleich von Graham angeworben. Ich kannte sie nicht gut, aber es war ein nettes, junges Ding. Fröhlich, aufgeschlossen und unbedarft. Das hat sie das Leben gekostet.“
Damit ergriff die Mechkriegerin mit den langen, schwarzen Haaren ihr Tablett und stand von der Bank auf.
„Ihr könnt über Graham sagen was ihr wollt, aber seine Mitarbeiter sind ihm wichtig. Deshalb die hohen Sicherheitsstandards. Wir alle sind Söldner und uns steht damit der Tod näher als das Leben, aber es ist eine Sache im Kampf zu fallen und eine ganz andere nach einer Gruppenvergewaltigung von einem der Bastarde mit einem rostigen Messer die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen.“
Damit drehte sie sich um und ging langsam in Richtung des Ausgang, wo sich auch die Sammelstelle für das schmutzige Geschirr befand.
Betretenes Schweigen hatte sich an dem Tisch ausgebreitet, dass nun von Henry Miles durchbrochen wurde.
„Lassen wir uns von der tragischen Geschichte nicht die Laune verderben. Meine Jungs und Mädels werden schon darauf achten, dass nichts passiert. Also, wer ist heute Abend dabei?“
Patrick nickte zustimmend und auch Tyr selbst zeigte seine Zustimmung, während Uljana noch immer betreten auf den vor ihr stehenden Salat starrte.
„Tut mir leid, aber ich bin raus.“
Mit einem aufgesetzten Lächeln sah sie zu ihm hinüber.
„Aber geh du ruhig ein wenig frische Luft schnappen, Schatz. Dein Laserpistole verstaubt sowieso im Schrank und einen Drink hast du dir auch verdient, wenn wir heute im Hangar fertig sind. Ich schließe mich euch beim nächsten Mal an. Versprochen!“
Dankbar nickte er, als auch sie sich von ihrem Sitzplatz erhob und kurz den Infanteristen anblickte.
„Sie werden doch auf ihn aufpassen, Henry? Er neigt dazu, sich in gefährliche Situationen zu begeben.“
Der Infanterist mit dem charmanten Lächeln antwortete ohne zögern.
„Ich verspreche es Ihnen, Uljana. Wir bringen ihren Mechjockey unbeschadet zurück.“

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Straße nach Jasons Reef
08. Februar 3025

Einige Stunden später polterten zwei Rock Rover Infanterietransporter sowie zwei Jeeps über die Schlaglöcher der Straße den Mount Keeve hinab durch die Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht.
Eigentlich war Tyr viel zu fertig für den Besuch der Boom Boom Bar, aber er hatte zugesagt und wollte nicht bereits am Anfang als jemand gelten, der einen Rückzieher machte.
In dem engen Innenraum des gepanzerten Halbkettenfahrzeugs hatten es sich Cassandra, Patrick, Henry und er sowie vier weitere, ihm nicht bekannte Angehörige der Schwarzen Legion gemütlich gemacht.
Da das Gefährt für den Transport von bis zu zwölf voll ausgerüsteten Infanteristen ausgelegt war, herrschte kein wirklicher Platzmangel, den das niedrige Dach jedoch vermittelte.
„Keine Panik. De Maggio ist ein guter Fahrer. Er lässt vielleicht nicht jedes Schlagloch aus, aber das liegt eher an seiner miesen Laune. Eigentlich war er heute mit einem Besuch im Boom Boom dran.“
Henry Miles schrie über das infernalische Heulen des Motors hinweg zu Tyr hinüber, der an der Ausstiegsluke am Heck Platz genommen hatte.
„De Maggio? Franky De Maggio?“
Er brüllte seine Frage zurück und musste sich dann an einen der Haltegriffe klammern um nicht von der Bank geschleudert zu werden als der Rock Rover erneut durch eines der tiefen Schlaglöcher rumpelte.
Der Staff Sergeant nickte beiläufig und blickte dann nach vorn zur Fahrerkabine als müsste er über die Frage nachdenken.
„Eigentlich ein guter Mann. Kommt aber aus zwielichtigen Verhältnissen. Wir haben ihn dabei erwischt, wie er mit zwei anderen eine Destille für Schwarzgebrannten in einem nicht genutzten Lagerraum zusammen gebaut hat. Sie wollten wohl aus den hier überall wachsenden Agaven Mezcal brennen und dann verkaufen. Verrückte Idee. Aber sie hatten es fast geschafft. Wir sind per Zufall darauf gestoßen. Ich wäre ja für eine harte disziplinarische Maßnahme gewesen, aber Graham war anderer Ansicht. Er hat gelacht und es bei zwei Monaten Strafdienst für die drei belassen. Mir soll es Recht sein.“
Die Soldatin, von der bis jetzt nur der Unterkörper und die Beine zu sehen gewesen waren, weil sie das Lasergeschütz auf dem Dach durch die offene, runde Luke bediente, ließ sich in das Innere des Fahrzeugs rutschen, zog das Staubschutztuch vom Mund und klemmte die Fahrerbrille an den Helm.
„Da Sie gerade davon sprechen, Staff Sergeant, ich hab das Ganze über den Bordfunk mitbekommen. Erstens war das eine klasse Idee und zweitens verstehe ich nicht, warum De Maggio die Karre fahren darf und ich die beschissene Kanone bemannen muss, während mir der Sand die Fresse poliert. Ich hab ihm doch nur geholfen die Teile zu besorgen.“
Wieder erschien das fast selbstgefällige Lächeln auf Henry's Gesicht.
„Erwartungshaltungen, Morris. Von De Maggio habe ich nichts anderes als dumme Ideen erwartet. Er ist eben so. Von Ihnen erwarte ich ein wenig mehr. Das haben sie enttäuscht. Deshalb fährt er das Fahrzeug und Sie bekommen das gratis Peeling. Und jetzt schwingen Sie ihren Arsch wieder an das Geschütz, Soldat.“
Fluchend zog die junge Frau das Tuch wieder über den Mund und setzte die Brille auf die Augen, bevor sie ihren Oberkörper durch die Luke nach oben schob.
Henry lehnte sich entspannt gegen die Wand des Rock Rover und schloss die Augen.
„Strafe muss sein, Mechjockey. Da bin ich eigen. Das nächste Mal wird sie es sich zweimal überlegen, ob sie bei solchen Dummheiten mitmacht.“
Tyr konnte ihm nur beipflichten. Die Tortur der Fahrt in der offenen Luke würde in jedem Fall in keiner guten Erinnerung bleiben und das für eine lange Zeit.
Schaudernd dachte er an seine Zeit als Rekrut zurück und die finsteren Stunden, die er im strömenden Regen Wache am Tor gehalten hatte.
Ihn hatte das von den meisten dummen Ideen kuriert.

Planet Astrokaszy
Jasons Reef
General-Aziz-Platz
08. Februar 3025

Zwei Stunden später hielt der kleine Konvoi auf der Straße vor dem Boom Boom Club und Tyr war froh als er sich endlich von der harten Bank erheben konnte. Mit schnellen Bewegungen entriegelte er die schwer gepanzerte Hecktür und stieß sie auf um gleich darauf auf die Straße zu springen.
„Zwei gottverdammte Stunden Fahrt um ein Bier in einem Club zu trinken. Ich hoffe wirklich es ist wenigstens gekühlt.“
Er streckte seine steifen Glieder und trat dann beiseite um den anderen Passagieren den Ausstieg zu ermöglichen.
„Kühl ist die Pisse. Nur schmecken tut sie nicht. Halt dich lieber an die harten Sachen. Da ist der Geschmack dann nach ein oder zwei Runden sowieso egal.“
Patrick Larsson schob seinen tonnenförmigen Körper, den er in ein dunkles T-Shirt und eine Jeans gekleidet hatte als nächstes aus der breiten Tür gefolgt von den vier Unbekannten und Cassandra, die die Beinfreiheit ebenfalls genoss. Auch aus den Jeeps und dem zweiten Rock Rover stiegen die Passagiere und strömten ohne großen Aufenthalt über die staubige, menschenleere Straße auf das große, hell erleuchtete Gebäude zu, dessen rotes Neonschild den Namen Boom Boom Club verkündete.
„Na dann, Tyr. Lass uns doch mal sehen, ob was los ist. Ich kann es gar nicht erwarten, da rein zu kommen.“
Henry schwang sich als Letzter aus dem Innenraum des Fahrzeugs, klopfte ihm auf die Schulter und marschierte dann zielstrebig auf den Eingang zu.
Tyr wollte sich im gerade anschließen, da erregte ein leiser Pfiff seine Aufmerksamkeit. Er drehte sich um und sah De Maggio und die Infanteristin, die Henry Morris genannt hatte am Heck des Panzerwagens stehen und mitleidig zu ihm hinüber blicken.
Unentschlossen steckte er die Hände in die Taschen seiner schwarzen Uniformhose und schlenderte die zwei Schritte zurück zu dem Rock Rover.
„Was wollt ihr beiden Galgenvögel?“
Franky De Maggio druckste nur herum, während Morris ebenfalls den Blickkontakt vermied aber zumindest kurz darauf zur Sache kam.
„Sir, Franky meinte, dass Sie ein vernünftiger Mann wären. Also nett und so. Und wir haben alle ihren Kampf gesehen. Mit Regeln haben Sie es ja auch nicht so. Ich meine, klar, wir haben Mist gebaut und der Staff Sergeant hat ja auch Recht mit seiner Predigt von wegen Strafe muss sein. Aber wir haben uns gedacht, wenn Sie doch schon mal da drin sind, könnten Sie vielleicht einem der Kellner ein wenig extra zu schieben damit er uns ein oder zwei große Bier hier raus bringt, Sir. Wir wären Ihnen wirklich dankbar, Sir. Sehen Sie, die lange Fahrt hier runter, die ganze Zeit den Kopf aus der Luke gestreckt. Ich hab mehr Sand im Maul als hier auf der Straße liegt, Sir. Ich möchte so weit gehen zu sagen, dass wenn ich jetzt jemanden auf Knien beglücke, es so wäre als würde dieser jemand sein bestes Stück in eine verdammten Schleifmaschine schieben. Sir. Nicht dass ich sowas vor hätte. Nur um Ihnen einen Eindruck meiner Lage zu vermitteln, Sir.“
Die verlegenen Worte der Soldatin ließen Tyr erneut schmunzelnd zurück an seine eigene Zeit als Rekrut denken. Und an einen Unteroffizier mit einer heißen Tasse Kaffee, der ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hatte.
„Und ich darf davon ausgehen, dass ein oder zwei große Bier da Abhilfe schaffen könnten. Ohne dass etwas an den Staff Sergeant oder sonst jemanden weiter getratscht wird. Und dass der edle Tropfen gerecht unter allen Beteiligten aufgeteilt werden würde.“
Weitere Soldaten waren an die Gruppe heran getreten und nickten eifrig, nachdem Tyr die Sätze ausgesprochen hatte.
„Aber natürlich, Sir. Es wird sein als wäre nichts geschehen, bis auf die Tatsache unserer Dankbarkeit Ihrer Person gegenüber. Und das mit dem Teilen ist natürlich Ehrensache.“
De Maggio lächelte breit unter seinem Helm und Tyr konnte nicht anders als sich kopfschüttelnd umzudrehen.
„Ich werde sehen, was sich machen lässt. Die Herren, die Dame. Ich wünsche einige unterhaltsame Stunden hier draußen.“
Unbewusst wiederholte er fast die gleichen Worte, die damals der Unteroffizier zu ihm gesagt hatte und beeilte sich dann, den Anschluss an die bereits im Eingang verschwindende Gruppe zu finden.

Der Boom Boom Club ließ Tyr bereits beim Eintreten in den großen Gastraum durch die riesigen Flügeltüren erstaunt inne halten. Die gelungene Mischung aus Club, Bar, Restaurant und Bordell erstreckte sich im Erdgeschoss auf mehrere Sitzgruppen, wenn man die auf dem Boden liegenden großen, grellbunten Kissen und niedrigen Tische so nennen wollte, einem langen Tresen aus schwarz lackiertem Holz mit hohen Hockern gleicher Farbe in der Mitte des Raumes sowie einer Balustrade im ersten Stock zu der mehrere, breite Treppen mit goldenen Geländern hinauf führten. Auf einer Bühne am anderen Ende des Raumes spielte eine Band, deren dunkelhäutige Sängerin in einem schwarzen, mit Pailletten bestickten Abendkleid und mit rauchiger, wohlklingender Stimme ein ruhiges Lied zum Besten gab.
Die Atmosphäre war so entspannt, dass Tyr sich sofort wohl fühlte.
Dunkles, poliertes Holz erstreckte sich von den Bodendielen über die Wandvertäfelung bis zu den Säulen und Deckenbalken, welche die Balustrade stützten.
Vor der Bühne hatte der Innenarchitekt, falls es so jemanden auf Astrokaszy überhaupt gab, einen Springbrunnen installieren lassen, der von Zeit zu Zeit kleine Fontänen glitzernden Wassers in die Höhe spie.
Der angenehme, erste Eindruck wurde durch die Vielzahl der Gäste bestätigt, die sich über den gesamten Raum verteilten.
Viele davon trugen Uniformen, einige andere zivile Kleidung. In einer Ecke machte er sogar die grünen Uniformen der Garde des Wesirs aus.
Rauchwolken aus dutzenden Wasserpfeifen, Zigarren und Zigaretten verschwanden lautlos in Abzugshauben unter der hohen Decke und Ventilatoren bliesen angenehm kühle Luft in den Raum.
„Na, zu viel versprochen, Mechjockey?“
Henry war neben ihn getreten und hielt ihm eine geöffnete Flasche Bier entgegen, die er dankbar entgegen nahm.
„Eher noch untertrieben, Schlammstampfer. Der Club ist der Wahnsinn. Hier könnte ich mich fast zuhause fühlen.“
Lachend schob der Infanterist ihn die drei breiten Stufen hinab und quer durch den Raum, vorbei an in strahlend weiße Uniformen gewandete Kellnerinnen, die mit silbernen Tabletts zwischen den Sitzgruppen hin und her huschten, bis sie einen Kissenberg erreicht hatten, der wohl von Cassandra und Patrick in Beschlag genommen worden war.
Die Mechkriegerin zog bereits an einem Schlauch, der mit einer blubbernden Wasserpfeife verbunden war, und blies anschließend Rauchringe in die Luft während der Scoutpilot bereits wieder schmackhast aussehendes Essen von einem silbernen Teller in sich hinein schaufelte.
Entspannt ließ der Staff Sergeant sich an einer freien Stelle auf die großen Kissen fallen und schlug dann die Beine über Kreuz, die er auf einem Beistelltisch ablegte.  
„Komm zu uns, Tyr. Genieße den Abend, denn du kannst nicht sicher sein, dass ein Morgen dich erwartet.“
Henry prostete ihm nach dem Zitat zu, dessen Quelle ihm entfallen war, und leerte die Flasche dann ohne abzusetzen in nur wenigen Zügen.
Auch Tyr trank einen Schluck des kühlen Bieres, musste sich jedoch eingestehen, dass Patrick wohl Recht hatte. Das einheimische Bier schmeckte schal, abgestanden und war so gar nicht nach seinem Geschmack.
„Nimm es mir nicht übel, Henry, aber ich muss mir erst was anständiges zu trinken organisieren. Das hier bekomme ich beim besten Willen nicht runter.“
Über das herzhafte Lachen von Patrick und das beleidigte Gemurmel des Infanteristen hinweg drehte er sich zu der Bar um und stiefelte darauf zu, während er einem vorbei eilenden Kellner die nur angebrochene Flasche auf das leere Tablett stellte.
An dem Ziel seines kurzen Weges angekommen stellte er einen Stiefel lässig auf die dafür vorgesehene Messingfußleiste und legte die Arme auf der polierten Oberfläche des Tresens ab.
Dem sofort erscheinenden Barmann in ebenfalls schneeweißer Uniform schenkte er ein gutmütiges Lächeln, dass dieser freundlich erwiderte.
„Herzlich willkommen im Boom Boom Club, mein Herr. Mein Name ist Rashid. Was kann ich Ihnen Gutes tun?“
Rashid war nicht viel älter als Tyr selbst und sein starker Dialekt zeigte deutlich, dass Astrokaszy seine Heimat war.
„Rashid, mein Name ist Tyr. Es freut mich, dich kennen zu lernen. Ich habe gleich zwei Dinge, um die ich dich bitten würde. Das erste wäre ein doppelter Whiskey. Irgendwas importiertes. Kein Eis.“
Ohne Zögern drehte sich der junge Barmann zu dem Regal mit unzähligen Flaschen um, das die Rückwand der Bar bildete und angelte eines der Behältnisse zielsicher aus dem Sortiment.
Ein polierter Tumbler aus Kristallglas landete lautlos vor Tyr auf dem Tresen und wurde kurz darauf mit einer angemessenen Menge bernsteinfarbenen Flüssigkeit befüllt.
Er griff in seine Hosentasche und zog einige der Geldstücke hervor, die in Jasons Reef als Zahlungsmittel genutzt wurden. Das wertvollste davon war eine goldfarbene Münze mit dem Konterfei des Wesirs.
Dieses schob er über das glänzende Holz auf Rashid zu.
„Dafür bekommen Sie zwei ganze Flaschen, mein Herr. Und wenn Ihr zweiter Wunsch ein unmoralisches Angebot beinhalten sollte, so muss ich Sie in das obere Stockwerk verweisen.“
Tyr schüttelte lachend den Kopf und nahm den Finger von der Münze.
„Die eine Flasche reicht mir voll und ganz, Rashid und nein, unmoralische Angebote sind nicht mein Ding. Aber ich habe draußen auf eurem Parkplatz ein paar Freunde die sehr durstig sind, aber denen es nicht gestattet ist, hier etwas zu trinken. Diese Freunde würden sich sehr über zwei große Bier freuen. Aber es darf niemand sehen, dass meine Freunde diese Getränke erhalten. Das muss also heimlich, still und leise von statten gehen, Rashid. Glaubst du, wir können hier zu einer Übereinkunft kommen?“
Lächelnd griff der junge Astrokaszy nach der Münze und ließ sie in einem ledernen Portemonnaie verschwinden.
„Aber natürlich, Mister Tyr. Das dürfte kein Problem darstellen. Heimlich, still und leise sind meine anderen Vornamen. Wie erkenne ich Ihre Freunde auf dem Parkplatz?“
Fast beiläufig griff Tyr nach dem Glas und nahm einen tiefen Schluck, genoss das Feuer, welches sich in seiner Kehle und dem Magen ausbreitete und griff dann auch nach der Flasche, welche Rashid ihm reichte.
„Acht Uniformierte. Zwei Jeeps und zwei Rock Rover Halbkettenfahrzeuge. Sag einfach, dass ich dich schicke.“
Eifrig nickte der junge Mann und beeilte sich dann, durch eine versteckte Tür hinter einem Spiegel der Rückwand der Bar zu verschwinden.
Zufrieden mit sich und der Welt drehte er sich zu dem Gastraum um und ließ die Atmosphäre auf sich wirken als sich eine faltige Hand auf seine Schulter legte.
Sofort rutschte seine Rechte zu dem Griff der Laserpistole im tief hängenden Halfter noch bevor er seinen neuen Gesprächspartner im Augenwinkel erkannte.
Stephano Gallierdi hatte ein halbvolles Glas Rotwein in seiner linken Hand und hob nun beschwichtigend die andere von seiner Schulter.
„Keine Sorge, Kleiner. Hätte ich dich erschießen wollen, so wäre das auf deinem Weg vom Eingang zur Sitzgruppe oder eben von hinten wesentlich einfacher gewesen.“
Tyr verfluchte in Gedanken seine Achtlosigkeit und drehte sich dann zu dem anderen Mechpiloten um, wobei er seinen Thumbler neben die Flasche auf die Theke stellte.
Die rechte Hand behielt er auf dem Griff der Pistole.
„Ich hätte auch nur noch ein einziges Mal auf deinen Kiso einschlagen müssen um dich zu zerquetschen, Gallierdi.“
Der alte Mann nickte bedächtig, während seine stahlgrauen Augen Tyr von oben bis unten musterten. Seine freie Hand steckte er in der Tasche seiner dunklen Anzughose, die in Kombination mit dem weißen Hemd und dem dunklen Sakko eher den Anschein eines gut gestellten Geschäftsmannes vermittelten als den eines Mechkriegers.
Die lichten, grauen Haare waren ölig nach hinten gekämmt und das faltige Gesicht stand ganz im Gegensatz zu den auf Hochglanz polierten Lederschuhen.
„Ja, das ist wohl wahr, Kleiner. Deshalb stehe ich hier. Ich habe dich unterschätzt und du hast mir gezeigt, wie überaus tödlich dieser Fehler sein kann. Ohne mich wirklich an den Sensenmann zu überstellen. Dafür möchte ich dir danken.“
Die Worte des alten Mechkriegers klangen ehrlich, wenn auch etwas verbittert was in Anbetracht der Situation nur zu verständlich war.
Tyr ließ die Hand von dem Griff der Laserpistole rutschen und griff wieder zu seinem Thumbler.
„Wir alle sind Soldaten, Mister Gallierdi. Krieger und keine Mörder. Ich töte, wenn ich dazu gezwungen bin und nicht weil es mir Spaß macht. Ein Dank ist also nicht nötig. Wenn Sie Ihren Kiso zurück kaufen wollen, bin ich der falsche Ansprechpartner. Er gehört jetzt meinem neuen Boss.“
Lachend schüttelte der alte Krieger den Kopf bevor er einen Schluck des Rotweines nahm.
„Eine gute Einstellung, Kleiner. Ziemlich einfältig, aber es zeugt von einem guten Herz. Den Kiso habe ich abgeschrieben. Bin auf ein etwas leichteres Gerät umgestiegen und damit sehr zufrieden. Du kämpfst jetzt für Jonathan Graham?“
Die beiläufig gestellte Frage ließ Tyr's geistige Alarmsirenen aufklingen und er räusperte sich bevor er ebenfalls von dem exquisiten Whiskey trank.
„Du brauchst nicht zu antworten. Mir ist durchaus bekannt, dass der Bastard seinen Leuten den Maulkorb anlegt. Du bist ein guter Fang für die Schwarze Legion, aber pass auf dich auf. Grahams Leute leben gefährlich. Wir sehen uns spätestens zu den Endausscheidungen auf dem Playground, Kleiner.“
Damit drehte sich Gallierdi um und spazierte mit eleganten Schritten zu einer Sitzgruppe, in der wohl Angehörige seines Teams ausgelassen feierten.
„Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und einen Kopf größer als du. Von wegen Kleiner, du alter Sack!“
Frustriert leerte er den Thumbler und befüllte ihn mit der daneben stehenden Flasche erneut, als Rashid hinter der versteckten Tür wieder auftauchte und ihm mit dem Daumen nach oben zu verstehen gab, dass die geheime Operation planmäßig durchgeführt worden war.
Zufrieden nickend nahm er den Stiefel von der Messingfußleiste und schlenderte zu seiner eigenen Gruppe zurück, die bereits ausgiebig dem in Strömen fließenden Alkohol zusprach und lauthals über die Vor- und Nachteile des örtlichen Bieres debattierte.
„Oh, der feine Herr Mechkrieger ist eher dem Whiskey zugetan als mit dem einfachen Fußvolk die derbe Schönheit von Gerstensaft zu genießen.“
Lachend rückte Henry ein Kissen weiter und Tyr ließ sich vorsichtig auf den nun freien Platz sinken, peinlich darauf bedacht, keinen Tropfen der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in seinem Glas zu verschütten.
Die Flasche stellte er auf dem niedrigen Tisch ab und nahm dankend den von Cassandra angebotenen Schlauch der Wasserpfeife entgegen.
Einen langen Zug später breitete sich der Geschmack von exotischen Früchten in seinem Mund aus und auch er lehnte sich entspannt in die gemütlichen Kissen.  
Patrick, der mittlerweile seine späte Mahlzeit beendet hatte, blickte fragend zu der Flasche und dann zu ihm und Tyr nickte großzügig, woraufhin der andere Mechkrieger zwei Finger der fast öligen Flüssigkeit in sein Glas kippte.
„Erzähl mal was von dir, Neuling.“
Die Stimme des Lyraners unterbrach ein sich entwickelndes Streitgespräch zwischen Henry und Cassandra über Geschmacksnuancen verschiedener Tabaksorten und der Staff Sergeant schwenkte sofort auf das neue, viel interessantere Thema um.
„Genau, in den letzten zwei Tagen hast du fast alles über uns erfahren und wir fast nichts über dich. Wird Zeit diese Ungerechtigkeit anzugehen, findest du nicht? Ich meine, Patrick und Cassandra müssen mit dir in die Endausscheidungen ziehen. Ihr Leben könnte von dir abhängen.“
Verächtlich stieß Cassandra einen Rauchring in die Luft.
„Vielleicht das Leben dieses Fettsacks in seiner sprintenden Konservendose, aber garantiert nicht meines.“
Die Worte der Pilotin ignorierend drehte der Infanterist sich eine Zigarette und entzündete diese an der glühenden Kohle der Wasserpfeife, ohne ihn aus dem neugierigen Blick zu entlassen.
„Ich möchte die Party nicht mit meiner doch eher traurigen Lebensgeschichte belasten, Leute. Es wäre unpassend.“
Missmutig nahm er einen erneuten Schluck aus dem Thumbler und merkte allmählich, wie der Alkohol seine Wirkung zeigte. Er war nichts mehr gewöhnt. Definitiv.
„Das kannst du getrost uns überlassen, Tyr. Wir haben ja gefragt. Also leg los. Wo kommst du her? Was machen deine Eltern? Wie hast du diese Traumfrau getroffen die unverständlicherweise an deiner Seite ist?“
Patrick beugte sich verschwörerisch nach vorn und wisperte die nächsten Worte.
„Oder bist du ein Adliger auf der Flucht und darfst nicht darüber sprechen?“
Zu dem einsetzenden Gelächter schüttelte er nur lächelnd den Kopf und atmete dann noch einmal tief ein und aus.
„Nein, das nicht gerade. Ich komme wie Uljana von Blackjack. Meine Mutter war eine Edelprostituierte für die obere Schicht des Planeten. Meinen Vater kenne ich nicht. Mit sechzehn schickte sie mich von Ihren Ersparnissen auf die Akademie, wo ich Uljana kennen lernte. Das Unternehmen ihres Vaters wartete nicht nur die Maschinen der Miliz sondern auch die des Akademiekaders. Hat zwei Jahre gedauert, aber dann habe ich das schönste Mädel des Planeten in den Armen gehalten. Beharrlichkeit zeichnet sich irgendwann aus. Kurz darauf wurde meine Mutter aus dem Fenster eines Hochhauses gestürzt. Der Fall wurde von der örtlichen Polizei nie aufgeklärt. Wahrscheinlich ein hoch gestellter, unzufriedener Kunde der genug Geld und Einfluss hatte um die Ermittlungen ins Leere laufen zu lassen. In jedem Fall nahm Uljanas Familie mich danach auf wie einen Sohn. Pjotr, ihr Vater gab mir eine Anstellung in seiner Firma und mit dieser Unterstützung konnte ich die Ausbildung beenden. Ich arbeitete mich im Büro immer weiter nach oben. Abteilung für Finanzen, Regressansprüche, allgemeine Buchhaltung und so. Vor zwei Jahren war von einem auf den anderen Tag Schluss. Eine andere Firma hatte die Verträge mit wesentlich günstigeren Angeboten an sich gerissen. Wir hatten keine Chance. Pjotr trickste ein wenig um die Bilanzen zu schönen und das flog bei einer Steuerprüfung auf. Er tauchte unter und bevor der Zoll den Betrieb schloss entwendeten Uljana und ich eine ganze Menge Ausrüstung. Unter anderem das Bergungsfahrzeug und den Khopesh. Wir nahmen das nächste Landungsschiff, bevor das Verschwinden von Millionenwerten auffallen konnte und streifen seit dem durch die Gegend. Durch die veraltete Technik des Mechs und meine nur geringe Erfahrung im Kampf fand ich nur Anstellungen bei runtergekommenen Söldnereinheiten im Garnisonsdienst  was unsere Ausgaben nicht annähernd abdeckte. So sind wir irgendwann hier gelandet. Den Rest kennt ihr.“
Betretenes Schweigen und betroffene Blicke machten die Runde, während er erneut den Thumbler leerte.
Patrick beeilte sich, die bereit stehende Flasche zu öffnen, sich zu ihm zu beugen und das Glas erneut zu füllen.
„Verdammt, Tyr. Tut mir leid aber dass deine Geschichte so tragisch ist konnte ja keiner ahnen.“
Henry Miles schluckte hart, was Tyr ein Lächeln abrang.
„Jeder hat so seine Geschichte, Schlammstampfer. Und nicht bei jedem ist sie rosarot. Entscheidend ist doch letztendlich nur, was wir daraus machen. Ich lebe und sitze hier mit neuen Freunden über einem guten Glas Whiskey, rauche Wasserpfeife und genieße den Abend. Was will ich denn mehr? Vergessen wir die Vergangenheit und lasst uns sehen, was die Zukunft so für uns bereit hält. Zum Wohl!“
Alle Beteiligten hoben ihre Gläser und leerten sie wie Tyr in einem Zug.
„Für einen jungen Spund sind das wirklich nette Worte. Wenn Sonnenschein jetzt noch dein Können an den Kontrollen eines Battlemechs in die Spur bringt, freue ich mich darauf, neben dir in den Kampf zu ziehen.“
Patrick erhob sich schwankend von seinem Kissenstapel, schloss kurz die Augen und blickte dann in Richtung einer der breiten Treppen des Boom Boom.
„Und jetzt entschuldigt mich einen Moment. Ich muss pissen! Außerdem habe ich auf das zu befürchtende Gespräch wirklich keine Lust.“
Damit bewegte er seinen tonnenförmigen Körper an dem kleinen Tisch vorbei und ging mit steifen Schritten auf die anvisierte Treppe zu, an der Tyr nun das Schild für die Toiletten erblickte.
„Was zur Hölle meint er damit? Habe ich was falsches gesagt?“
Verwundert sah er seinem Lanzenkamerade nach, der sich bemühte, die Treppe mit so viel Würde wie möglich zu erklimmen, als eine Frau Mitte dreißig in dem Overall eines Techs und mit kurzen, blonden Haaren und schlanker Figur taumelnd an die Sitzgruppe trat.
Dass die Dame betrunken war zeigte der vernebelte Blick und die krampfhafte Haltung, mit der sie ihre Bierflasche umfasst hielt, lange bevor sie zu sprechen begann.
„Da ist ja die feine Truppe des mordlüsternen Bastards. Hab euch gar nicht reinkommen sehen. Freut mich, dass ihr alle noch am Leben seid, ist ja bei der Schwarzen Legion schon eher unüblich.“
Henry nickte nur in Richtung der Frau während Cassandra sich aggressiv nach vorn lehnte.
„Hallo Megan. Freut mich auch, dich zu sehen. Ich glaube du hast genug getrunken. Geh zu deinen Freunden zurück und lass uns in Ruhe. Bis jetzt war es ein schöner Abend und ich möchte, dass es so bleibt.“
Die zierliche Mechpilotin schob eine ins Gesicht hängende Strähne des pechschwarzen Haares hinter ihr Ohr und legte den Schlauch der Wasserpfeife in der dafür vorgesehenen Halterung ab.
Die Stimmung war mit einem Mal gespannt, was Tyr sich nicht erklären konnte.
Nur das es mit der betrunkenen Frau zu tun hatte, war unübersehbar.
„Na aber was soll das denn, Cassandra. Ist das die Art, eine ehemalige Kameradin und Freundin zu begrüßen? Ich wollte doch nur kurz Hallo sagen oder ist euch das jetzt auch schon von dem elenden Henker verboten worden.“
Ihr Blick fiel auf ihn und es schien, dass die Frau namens Megan sich setzen musste, also rückte Tyr ein Stück auf um Platz zu machen.
Seine Erziehung setzte sich wieder besseren Wissens durch.
Sie leckte sich mit der Zunge über die Lippen und beachtete den freien Platz gar nicht.
„Dich kenne ich nicht. Bist du neu in Grahams Truppe? Ein neues Lamm, das er zur Schlachtbank führen kann? Dann möchte ich dir eines gleich sagen. Du bist so gut wie tot, Mann. Und der Schuss wird dich nicht von vorn treffen, sondern in den Rücken. Das ist die einzige Art wie es euch zu sterben gestattet ist. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“
Henry war aufgestanden und baute sich vor der Tech auf, der Speichel aus dem Mundwinkel rann.
Im Gegensatz zu seinem aggressiven Auftreten war seine Stimme ruhig, fast freundlich.
„Du weißt nicht, was du sagst, Megan. Du bist völlig betrunken. Wir alle fühlen mit dir, aber was du hier abziehst geht zu weit. Graham hatte nichts damit zu tun. Pieter hatte einfach nur Pech. Das kann jeden von uns treffen. Jeden. Ich bringe dich zu deinen Leuten zurück.“
Er griff die Frau am Arm, aber sie riss sich schnell wieder los und schrie ihm ins Gesicht.
„Pech? Pech nennst du das? Pieter war ein erfahrener Pilot. Er kannte seine Maschine wie kein anderer. Ich selbst habe vor dem Gefecht alle Systeme überprüft und der verdammte Druckluftzylinder war in Ordnung. Graham hat ihn umgebracht. Feige und hinterhältig, Henry. Nur weil er zu viele Fragen über die verdammten Steine gestellt hat. Nur darum. Darum musste auch Fiona dran glauben. Versteht ihr es denn nicht? Er wird euch alle umbringen. Einen nach dem anderen und ihr seht treu in Habacht-Stellung dabei zu.“
Tränen rannen der Frau über die Wangen als ein weiterer Tech hinter ihr auftauchte. Die Farbe seines Overalls glich der, welchen die Frau trug und mit einem warnenden Blick zu dem Infanteristen schob sich der Mann zwischen die beiden.
Einige geflüsterte Worte später ließ sich Megan ohne Widerstand von der Sitzgruppe weg führen, während Henry wieder zu seinem Platz zurück kehrte.
„Hatte nichts mit dir zu tun, Tyr. Auf solche Situationen legt Patrick keinen Wert. Er ist da eher sentimental gestrickt. Außerdem waren Pieter und Megan gute Freunde von ihm.“
Nun horchte Tyr auf.
„Pieter van Zahnt? Der gefallene Mechpilot?“
Traurig nickte der Infanterist und spülte den bitteren Geschmack des zurückliegenden Gesprächs mit einem Schluck seines Bieres hinunter.
Cassandra sprang für eine Erklärung ein.
„Genau der. Megan ist seine Witwe. Sie war Tech, ebenfalls in der Schwarzen Legion. Nach dem Tod von Pieter sind bei ihr die Sicherungen durchgeknallt. Bei Nacht und Nebel ist sie verschwunden und hat bei Team Ross angeheuert. Graham hat es durchgehen lassen, auch wenn er es als Desertion gesehen hat. Hat ihr eine Abfindung für Pieter bezahlt und ihr die zurück gelassenen Sachen geschickt. Trotzdem sieht sie in ihm den Teufel.“
„Und Fiona Bale war ihre was, Schwester?“
Seine Frage ließ Cassandra kurz schnaufen und dann bekümmert nicken.
„Ja. Megan hat zuerst bei der Schwarzen Legion angeheuert. Sie hat Fiona dann hierher geholt. Als die Geschichte passierte ist, machte sie sich schwere Vorwürfe und verrannte sich immer tiefer in Verschwörungstheorien. Die Heirat mit Pieter hat sie stabilisiert, aber ganz hat sie die Nachforschungen nie aufgegeben. Verdammt traurige Sache. Eine Verkettung unglücklicher Umstände die der Frau einfach die Beine unter dem Körper weggezogen hat. Sie war eine verdammt gute Tech. Ist sie wahrscheinlich noch immer. Aber den Verstand hat sie verloren.“
Patrick trat wieder an den Tisch und blickte sich kurz um, bevor er sich in die Kissen sinken ließ.
„Ist sie weg?“
Cassandra wie auch Henry bestätigten seine Frage knapp, woraufhin sich der ältere Mann entspannte.
Tyr hing noch immer seinen Gedanken nach und drehte bedächtig den Thumbler zwischen seinen Händen.
„Was meinte sie mit den Steinen?“
Seine Frage stieß auf Schweigen, bis Patrick schwer schnaufte und sich ein weiteres Mal aus Tyrs Flasche einschenkte.
„Also gut, Junge. Du warst ehrlich zu uns, also bin ich ehrlich zu dir. Ich erzähle dir die Geschichte ein einziges Mal aus meinem Blickwinkel. Ohne Wertung. Ohne Anklage. Und wenn du davon irgend jemandem was sagst, prügele ich dich ins Koma. Verstanden?“
Erschrocken nickte Tyr nur, bevor Patrick begann.
„Fiona und Megan stammen wie fast alle von uns aus dem lyranischen Raum. Bevor sie hierher kam hat Fiona die Außenstelle eines Juweliers auf Tharkard geleitet. Sie kannte sich also mit Edelsteinen verflucht gut aus. Sie hat wohl immer den Verdacht gehegt, dass Graham uns nur einen Bruchteil des Wertes der funkelnden Kostbarkeiten gibt und den Löwenanteil selbst einstreicht. Nach ihrem Tod hat Megan weiter nachgeforscht, stieß aber immer wieder auf eine Mauer aus Schweigen und Unwissenheit. Hat sie verrückt gemacht nicht zu wissen, was mit ihrer Schwester passiert ist. Als sie und Pieter geheiratet haben begann auch er darüber nach zu denken, was mit den verfluchten Steinen passiert, sobald der Boss sie in seine Hände bekommt. Pieter war ein schlauer Kopf und auch wenn ich das nicht gern sage, er war gierig. Die beiden haben sich ausgemalt, dass Graham für ein Syndikat arbeitet, das die Edelsteine hier günstig einstreicht und dann mit Schmugglern in die Innere Sphäre bringt, wo sie geschliffen werden und einen viel höheren Preis erzielen. Natürlich vorbei an der Steuer. Das würde die sündhaft teure Ausrüstung erklären. Und auch seine schiere Sucht nach Geheimhaltung. In jedem Fall marschiert Pieter als Lanzenführer in das Büro von Graham und stellt ihn zur Rede. Der streitet natürlich alles ab und scheucht ihn raus. Und zwei Tage später verbrennt Pieter van Zahnt bei einem Kampf aufgrund des Versagens eines Teils an seinem gut gewarteten Mech. Nimmt man jetzt noch die schlimme Sache mit Fiona hinzu, kann man angsteinflößende Schlüsse ziehen, aber davor möchte ich dich eindringlich warnen, Tyr. Ich habe keine Ahnung was Graham mit den Steinen anstellt und ehrlich gesagt will ich es auch nicht wissen. Wir wurden alle gewarnt, nicht zu viele Fragen zu stellen und daran halte ich mich. Und das solltest du auch so halten, Junge.“
Damit schloss Patrick und schien nicht gewillt zu sein, weitere Details Preis zu geben. Trotzdem hakte Tyr nach.
„Und die beiden waren deine Freunde?“
Der Scoutpilot blickte traurig auf sein Glas Whiskey und nickte nur stumm.
„Und du willst nicht wissen, was wirklich dahinter steckt?“
Diesmal schüttelte der untersetzte Mechpilot den Kopf und stürzte den Inhalt des Glases in einem Rutsch in sich hinein.
„Nein, Junge, das will ich nicht. Ich bin nicht so alt geworden weil ich meine Nase in Angelegenheiten steckte die mich nichts angehen. Im Gegenteil. Ich spüre feindliche Einheiten auf, gebe die Position an euch weiter und jage deren Scouts. Wenn es sein muss bis in die Hölle. Wenn es hart auf hart kommt, greife ich auch mir weit überlegene Einheiten an. Attackiere die Rückenpanzerung, setze ein paar schmerzende Treffer bevor ich mich aus dem Staub mache. Aber eines ist in meinem Job überlebenswichtig. Man muss wissen, wann man sich bedeckt halten und den Kopf einziehen sollte. Sonst wird er einem ganz schnell abgeschlagen. Das gilt auf dem Schlachtfeld genau so wie auch in dieser Sache.“
Verstehend nickte Tyr zu den Worten des alternden Mechkriegers und bemerkte erst jetzt, dass Cassandra wie auch Henry betreten auf ihre Getränke starrten.
Er hatte genug gehört und war nicht bereit, den Abend mit dieser Stimmung zu beenden.
„Okay, dann erzählt mir mal was über die anderen Teams, die es wahrscheinlich in die Endausscheidungen schaffen. Kann ja nicht schaden, seinen Gegner zu kennen.“
Sofort hellte sich die Stimmung der Anwesenden auf und über die kommenden Stunden hinweg erhielt Tyr wichtige Informationen zu den kommenden Kämpfen, obwohl seine Aufnahmefähigkeit mit steigendem Alkoholpegel immer weiter abnahm.

Der Morgen graute bereits, als die zwanzig Angehörigen der Schwarzen Legion durch die großen Flügeltüren wieder ins Freie traten oder in zwei Fällen sogar getragen werden mussten. Die Stimmung war ausgelassen. Tyr hatte sich von Henry eine Zigarette drehen lassen und ließ sich von ihm nun auch Feuer geben während er den noch immer menschenleeren Platz vor dem Club in Augenschein nahm. Vor ewigen Zeiten hatten die Bewohner von Jasons Reef einen Baum genau in die Mitte des gepflasterten Platzes gepflanzt, der jedoch nur noch ein verkümmertes Skelett darstellte. Die Geschäfte rund herum waren noch geschlossen und die Dunkelheit wurde nur von den Lichtern des Boom Boom Clubs erhellt.
„Wir wären dann bereit zur Abholung, Maultier. Stehen schon vor dem Club bereit.“
Henry nuschelte in das Com und wartete die Bestätigung gar nicht erst ab, bevor er Tyr schief angrinste.
„Na das nenne ich doch mal einen gelungenen Abend.“
Seine letzten Worte gingen im Aufheulen eines schweren Motors unter, das die breite Hauptstraße hinab auf den großen Platz hallte. Ein rostiger Sand Devil Schweber raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und brüllenden Rotoren heran. Das Fahrzeug war offensichtlich nicht bewaffnet und auch kaum gepanzert und befand sich auch sonst in einem äußerst desolaten Zustand.
Khaled Ibn Nasr, der Offizier der Garde des Wesirs, mit dem sich Tyr angefreundet hatte war hinter ihnen an der Spitze seiner Leute aus dem Club getreten und schüttelte nun wütend den Kopf.
„Verdammtes Idiotenpack. Es ist immer dasselbe wenn die Karawanen in die Stadt kommen. Die denken sie könnten mit ihren verrotteten Karren hier genau so aufdrehen wie in der Wüste.“
Schulterzuckend zog Tyr an seiner Zigarette als er schemenhaft eine Gestalt wahr nahm, die über den Platz taumelte.
Der Schweber raste noch immer mit geschätzten hundertzwanzig Stundenkilometern heran, da sprintete Tyr schon los. Seine Stiefel trugen ihn in Windeseile die Treppen hinab, während er sich die Lunge heraus brüllte.
„Hey, vorsicht! Hey, der Schweber!“
Wie durch Zauberhand ersetzte nun ein Adrenalinrausch den Alkoholeinfluss und er rannte so schnell ihn seine Füße tragen konnten über den Platz, vorbei an dem abgestorbenen Baum und über das Jahrhunderte alte Kopfsteinpflaster.
Das Tosen der Rotoren des Sand Devil war nun ohrenbetäubend und doch schien die Person es nicht einmal wahr zu nehmen. Wieder und wieder schrie er Warnungen, als er bemerkte, dass der Schweber genau auf die nun als Frau in einem Tech-Overall zu erkennende Gestalt zu hielt.
Entweder hatte der Fahrer das Licht ausgeschaltet um den Kick der Hochgeschwindigkeitsfahrt zu erhöhen oder die Scheinwerfer des Fahrzeugs waren defekt, was für Tyr viel wahrscheinlicher war.
In jedem Fall beschleunigte er sein Fahrzeug erneut in Richtung der Hauptstraße, die von dem Platz wegführte.    
Im letzten Moment drehte Megan van Zahnt irritiert den Kopf zur Seite, blickte erst zu dem nur noch wenige Meter entfernten Schweber und dann mit weit aufgerissenen Augen in seine Richtung.
Sein Schrei musste ihre Ohren erreicht haben, als die rostige Stoßstange des Schwebers sie erfasste, die Frau brutal erst auf die Motorhaube, dann das Dach und schließlich hinter dem Schweber auf die Straße schlagen ließ. Der Aufprall war dermaßen brachial das Tyr sich einbildete, die Knochen des Opfers bersten zu hören.
Kurz schlingerte der Sand Devil, bevor er ungebremst die Hauptstraße entlang rauschte.
Schlitternd kam Tyr neben Megan in kniender Position zum stehen, riss seine Laserpistole aus dem Holster und eröffnete das Feuer auf das fliehende Fahrzeug.
Die Impulsstrahlen seiner Waffe loderten heiß auf der wenigen Panzerung, die der Besitzer dem Sand Devil gelassen hatte, zogen Brandspuren über rostiges Metall und verblichenen Kunststoff und schmolzen sich durch eine improvisierte Heckscheibe in den Innenraum.
Erst als sein Magazin aufgebraucht war, ließ er den Abzugsbügel der glänzenden Laserwaffe los. Das leise Zischen der Strahlen wurde jedoch fast sofort durch das laute Bellen automatischer Waffen ersetzt. Franky De Maggio warf sich vor ihn und eröffnete im Knien das Feuer aus seinem Federated Long Rifle. Das Sturmgewehr spuckte armlange Flammen dem flüchtenden Sand Devil hinterher, der plötzlich von Funken und Querschlägern umgeben war. Die Infanteristin namens Morris deckte ihn ebenfalls mit ihrem Körper als sie auf seiner anderen Seite auf ein Knie herab sank und dann die Hölle aus ihrem leichten Maschinengewehr über den Sand Devil hereinbrechen ließ. Die donnernden Salven des vollautomatischen Gewehrs hallten über den Platz und erleuchteten in kurzen Blitzen jeden Winkel vor dem Boom Boom Club.
Zwischen den beiden Soldaten hindurch sah Tyr gerade noch, wie der schwer getroffene, eine schwarze Rauchfahne hinter sich her ziehende Sand Devil an einer Kreuzung abbog, dann versperrten ihm die mit quietschenden Reifen vor dem Quartett in Schutzposition haltenden Jeeps die Sicht.
Sofort erhob sich Morris und feuerte weiter in Richtung der Hauptstraße, während nun auch die Besatzungen der Jeeps aus allen Rohren zu schießen begannen.
„Bleiben sie unten, Sir. Wir regeln das!“
Franky De Maggio ließ das leer geschossene Magazin aus seinem Sturmgewehr gleiten, klopfte ein Neues kurz gegen seinen Helm, rammte es in die dafür vorgesehenen Öffnung und sprang dann ebenfalls auf um über die Motorhaube des Jeeps weiter großflächig Geschosse zu verteilen.
Tyr hingegen steckte die Laserpistole wieder in das Holster und betrachtete hilflos den zerschmetterten Körper von Megan van Zahnt, während die sich schnell ausbreitende Blutlache ihn bereits umschlossen hatte.
„Sani! Gottverdammt, wir brauchen einen Sanitäter!“
Sein Brüllen wurde von verschiedenen Soldaten aufgegriffen, und nur Sekunden später kniete sich ein junger Mann in Uniform der Schwarzen Legion neben ihn und begann, den schwer atmenden Körper zu untersuchen.
Nach nur wenigen Augenblicken sah der Sanitäter mit verbittertem Gesicht zu Tyr und schüttelte kaum merklich den Kopf.
Aber Megan van Zahnt war noch nicht tot. Ihre Lippen bewegten sich fast lautlos und ihr Blick war fest auf Tyr gerichtet.
„Feuer einstellen, ihr verdammten Arschlöcher! Das war ein Verkehrsunfall! Feuer einstellen habe ich gesagt. Der Schweber ist schon lange aus dem Schussfeld.“
Die brüllende Stimme von Henry Miles schallte über die Szenerie und nach und nach verstummten die Waffen.
„Ich kann sie nicht verstehen, Misses van Zahnt. Bitte wiederholen sie das noch einmal.“
Nachdem die Schüsse verhallt waren beugte sich Tyr ganz nah über das Gesicht der sterbenden Frau, während der Sanitäter sich erhob und Cassandra sowie Patrick herbei geeilt kamen.
Beim Anblick der schrecklichen Szene blieb die sonst so selbstsichere Mechpilotin wie angewurzelt stehen, presste die Hände vor den Mund und konnte die Tränen nicht zurück halten.
Patrick drehte sie von dem Anblick weg und presste ihren zitternden Kopf gegen seine Schulter, während er völlig überfordert auf Megan und Tyr starrte.
Mit einem letzten, gurgelnden Atemzug hob sich der Brustkorb der Frau noch ein Mal, dann brachen ihre Augen und Blut quoll aus dem Mund.
Tyr kam aus der gebeugten Position wieder hoch, atmete tief durch und schloss dann die Augen der Verstorbenen, bevor er sich erhob.
Seine Hose war Knie abwärts völlig mit Blut besudelt, genau wie seine Hände und sogar sein Gesicht. Seine Stiefel standen in der sich noch immer ausbreitenden Lache der roten Flüssigkeit.
Schwer atmend blickte er zu Henry und dem neben ihm stehenden Khaled Ibn Nasr.
„Der verfluchte Penner hat sie gesehen. Er hat auf der Hauptstraße beschleunigt und die Lichter abgeschaltet, damit er später bemerkt wird. Er ist mit Höchstgeschwindigkeit über einen hundert Meter breiten Platz gerast. Hundert Meter breit. Der Schweber ist drei Meter breit. Ohne zu bremsen fährt er rechts um den Baum herum. Jede andere Lenkbewegung hätte sie aus der verdammten Gefahrenzone gebracht. Nach dem Aufprall hat er nur kurz geschlingert als wäre er darauf vorbereitet gewesen. Jetzt könnt ihr euch ausrechnen, wie groß die Chance ist, dass das hier ein verdammter Verkehrsunfall war.“
Aufgebracht machte er sich auf dem Weg zu den vor dem Club stehenden Halbkettenfahrzeugen, bei denen auch der Rest der Gruppe stand.
„Ich erwarte alle Beteiligten morgen früh zur Befragung in meinem Büro, Staff Sergeant Miles. Sie sorgen dafür. Wir werden den Fahrer erwischen. So etwas läuft in meiner Stadt nicht.“
Khaled Ibn Nasr winkte einen seiner eigenen Jeeps heran, der mit quietschenden Reifen neben ihm zu stehen kam. Herrisch bestieg er das alte Fahrzeug und der Fahrer ließ die Reifen beim Anfahren durchdrehen. Er schloss sich damit zwei ähnlichen Vehikeln an, die bereits die Verfolgung des fliehenden Schwebers aufgenommen hatten.
„Zumindest tut er so, als würden ihn Recht und Ordnung in diesem Rattennest interessieren.“
Henry hatte Tyr eingeholt während Cassandra noch immer schluchzend in Patricks Armen lag, der sie etwas langsamer in dieselbe Richtung führte.
„Glaubst du wirklich das war kein Verkehrsunfall, Tyr?“
Der Infanterist hatte so leise geraunt, dass nur er die Worte verstehen konnte.
Das langsam nachlassende Adrenalin ließ eine bleierne Müdigkeit von ihm Besitz ergreifen und auch der Alkohol forderte seinen Tribut.
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Henry.“
Die beiden hatten die mit laufenden Motoren wartenden Fahrzeuge fast erreicht als Henry Miles stehen blieb und Tyr am Arm packte.
„Was hat Megan dir gesagt? Eben, bevor sie gestorben ist.“
Emotionslos blickte Tyr in Henry's Augen. Äußerlich schien er müde und abgelenkt, aber in seinem Kopf arbeitete es schwer.
„Ich glaube sie hat mich für Ihren Mann gehalten. Konnte kaum etwas verstehen. Aber es klang wie: Ich liebe dich.“
Henry's Hand rutschte von seinem Arm und er wendete sich wieder den Rock Rover Infanterietransportern zu, in denen nun die Angehörigen der Schwarzen Legion verschwanden.
Ein letztes Mal blickte Henry Miles zurück zu der alptraumhaften Situation auf dem Platz, dann widmete er sich wieder seiner Aufgabe.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Büro von Jonathan Graham
08. Februar 3025

„Was zur Hölle fällt Ihnen beiden ein?  Sie sollten beobachten. Nur beobachten, verdammt. Und jetzt habe ich eine Tote, die direkt vor den Augen eines Trupps meiner Leute und dem halben Offizierscorps der Garde des Wesirs ermordet wurde. Von den Fragen innerhalb der Einheit mal ganz abgesehen verlangt der Wesir ein Treffen und ich kann mir lebhaft vorstellen, über was der Mistkerl sich unterhalten möchte.“
Jonathan Graham war außer sich vor Zorn und schrie seine Gefühle mit zu Fäusten geballten Händen in die Gesichter der drei anderen Anwesenden.
Zahra Lynch stand einen Schritt neben ihren beiden Sicherheitsleuten und schien von der Ansprache nicht beeindruckt zu sein während die sonst so selbstsicheren Männer sich unter dem rasenden Blick des Geschäftsmannes zu winden schienen.
„Sir, wie Sie dem Bericht entnehmen können, gab die spätere Zielperson definitiv sensible Informationen an die beobachtete Gruppe weiter. Sie gab uns keine Möglichkeit einer anderen Klärung der Situation. Sie war nie alleine, weder im Waschraum noch irgendwo anders, sonst hätten wir eine subtilere Form der Liquidation gewählt. Als sie den Club verließ mussten Specialist Cromwell und ich unsere Position aufgeben um die Situation zu bereinigen. Zu diesem Zeitpunkt saßen unsere Leute noch auf den ganzen Raum verteilt und haben gefeiert. Es konnte keiner ahnen, dass sich die Aufbruchsstimmung innerhalb weniger Minuten durchsetzte und die Truppe mit einem Mal vor der Tür stand.“
Während er sprach, blickte der Soldat stur gerade aus und verzog keine Miene.
„Ich hatte das Fahrzeug bereits unter meine Kontrolle gebracht als ich von Specialist Heyden die Information über die geänderte Situation erhielt. Ein Abbruch der Aktion war da schon nicht mehr möglich. Wir hatten eine Entführung geplant. Die Leiche der Zielperson wäre dann spurlos in der Wüste verschwunden. Heyden stand am Platz bereit. Aber durch die plötzlich auftauchende Menschenmenge mussten wir handeln. Wir haben improvisiert, Sir. Wir entschieden uns für die Durchführung und tragen die Konsequenzen unseres Handelns.“
Auch der zweite Soldat zuckte nicht mit auch nur einem Muskel.
Mit einem kurzen Seitenblick auf Zahra nickte Graham und versuchte, seinen Gefühlsausbruch unter Kontrolle zu bekommen, was ihm trotz aller Anstrengungen nur leidlich gelang.
Wütend ging er um seinen voll geladenen Schreibtisch herum und ließ sich in den gemütlichen Sessel fallen.
„Fahren Sie fort, Specialist Cromwell. Jede verdammt Einzelheit.“
Der angesprochene Mann bestätigte den ihm gegebenen Befehl und räusperte sich dann kurz.
„Jawohl, Sir. Ich hatte den Schweber mit zwei jungen Beduinen an der Straße entdeckt. Die beiden waren offensichtlich alkoholisiert und das Fahrzeug trotz desolatem Zustand die perfekte Wahl. Zwei junge Einheimische, die eine Fremdweltlerin entführen, vergewaltigen und dann in der Wüste verscharren, bevor sie einem tragischen Unfall bei hoher Geschwindigkeit erliegen. Absolut wasserdicht. Das war der Plan. Ich neutralisierte die beiden im Nahkampf um bei einer späteren Untersuchung keine Spuren von Waffengewalt zu hinterlassen und lud die Körper in das Fahrzeug. Dann stieg ich selbst ein und beschleunigte. In diesem Moment erhielt ich die Meldung über die aufgetauchten Zeugen von Heyden via Com. Er empfahl das Ableben der Zielperson durch einen Verkehrsunfall und ich stimmte zu. Ich beschleunigte den Schweber auf Höchstgeschwindigkeit und neutralisierte die Frau ohne Kollateralschäden bei fast hundertachtzig Stundenkilometern. Ich konnte das durch den Aufprall hervorgerufene Schlingern des Fahrzeugs durch Gegenlenken abschwächen. Womit wir nicht gerechnet hatten war die Reaktion des neuen Mechkriegers.“
Nun sprang wieder Heyden in die förmlich vorgebrachte Meldung ein.
„Tyr Sievers nahm den Schweber zuerst wahr und reagierte trotz vorhergehendem, massivem Alkoholkonsum beachtlich, Sir. Er versuchte die Zielperson durch lautes Rufen zu warnen und sprintete über den Platz. Er erreichte das Ziel kurz nach dem Aufprall und zog sofort seine Waffe um das Feuer zu eröffnen. Gezielte Schüsse, Impulsfeuer, Sir. So etwas habe ich noch nie gesehen und ich spreche von der Waffe wie auch der Reaktion. Gepulstes Laserfeuer. Muss ein Relikt aus dem Sternenbund sein. Und der Mann ist ein herausragender Schütze. Er brachte alle Schüsse in ein sich mit hoher Geschwindigkeit bewegendes Ziel, nach einem Sprint von hundert Metern unter Alkoholeinfluss und bei Dunkelheit mit hohem Stressfaktor. Mit einer Handfeuerwaffe, Sir. Ich bin ausgebildeter Scharfschütze, aber das hätte ich nicht hinbekommen.“
Nachdenklich lehnte sich Graham in dem alten Sessel zurück, wobei das Leder ein leises Knarren von sich gab, faltete die Hände vor dem Mund und betrachtete die vor ihm stehenden Männer.
Seine Wut war verflogen und wurde durch sein analytisches Denken ersetzt für das er unter seinen Leuten bekannt und gefürchtet war.
„Er hat sofort geschossen?“
Beide Soldaten nickten ohne zu zögern.
„Sofort, Sir. Kniende Schusshaltung. Beide Hände an der Waffe. Bei den Reflexen tippe ich auf eine hochwertige Infanterieausbildung. MI6, DEST, Todeskommandos oder Lohengrin. In jedem Fall ist das kein normaler Mechjockey, Sir. Ich habe sein Training mit dem Lanzenführer am zweiten Tag gesehen und die Leistung hätte für jede Aufnahmeprüfung des DMI gereicht.“
Wieder nickte Graham, während sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen. Äußerlich ließ er sich das jedoch nicht anmerken.
„Interessant. Weiter!“
Wieder räusperte sich Cromwell, bevor er den vorgetragenen Bericht zum Abschluss brachte.
„Nach der Aktion begab ich mich zum vorher ausgemachten Treffpunkt, wo ich Specialist Heyden aufnahm. Es hatte sich heraus gestellt, dass die Garde des Wesirs mich verfolgt, aber die altersschwachen Jeeps waren für die Leistung des Schwebers kein Problem. Wir verließen die Stadt Richtung Bengalen und kontaktierten Hornissennest. Nachdem die Abholung gesichert war setzten wir die Leichen der beiden Beduinen auf Fahrer und Beifahrersitz, sabotierten die Treibstoffleitung, klemmten den Geschwindigkeitsregler fest und ließen das Fahrzeug in einer engen Kurve mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Felswand prallen. Der Schweber wurde bei dem Aufprall fast vollständig zerstört und den Rest hat der sich entzündende Treibstoff erledigt. Es gibt keine Beweise für unsere Beteiligung, Sir. Nicht einmal Hinweise. Nach der Zerstörung des Schwebers begaben wir uns zum Abholpunkt. Direkt nach der Rückkehr erstatteten wir der Kommandantin Bericht.“
Ruckartig setzte Graham sich auf und legte die Unterarme auf der Tischplatte ab.
„Nun gut, meine Herren. Entschuldigen sie meinen Ausbruch. Sie haben alles richtig gemacht. Es war mein Fehler. Ich hätte mich der Problematik mit Megan van Zahnt bereits sehr viel früher widmen müssen. Nun haben Sie meine Versäumnisse korrigiert. Ich werde eine Belobigung Ihren Akten hinzufügen und für den heutigen Tag nehmen Sie sich frei. Aber eine letzte Frage habe ich noch.“
Neugierig starrte er auf das breite, strahlend weiße Pflaster, welches an Cromwells rechter Halsseite klebte.  
„Wie ist das passiert?“
Die Miene des Angesprochenen verfinsterte sich schlagartig.
„Durch das Feuer von Sievers, Sir. Ein Strahl schmolz sich durch die Heckscheibe, streifte meinen Hals und brannte sich dann durch die Frontscheibe.“
Die Tatsache, dass er verletzt worden war, schien dem Mann gehörig auf den Nerv zu fallen. Aber das kümmerte Graham nicht.
Er erhob sich wieder aus dem Sessel, blickte den Soldaten funkelnd an und stützte die Fäuste auf der Tischplatte ab.
Als er sprach war sein Tonfall schneidend, geradezu bedrohlich.
„Ich habe gefragt, wie das passiert ist?“
Verstehend nickte Cromwell sofort aber es dauerte einige Sekunden, bis sein Gehirn eine passende Antwort zusammen geschustert hatte.
„Eine Unachtsamkeit beim Training mit scharfer Waffe, Sir. Nach dem Abschuss eines tragbaren Kurzstreckenraketenwerfers auf dem Übungsgelände rutschte mir die Waffe nach vorn und ich verbrannte mir den Hals an einer durch den Feuerschweif der Rakete glühenden Stelle des Rohrs. Keine Einschränkungen der Dienstfähigkeit, Sir. Ich werde beim nächsten Mal besser acht geben.“
Mit der Erklärung zufrieden nickte Graham in Richtung seiner Stellvertreterin.
„Wegtreten!“
Das nur leise gesprochene Wort der Frau rief ein sofortiges Zusammenschlagen der Hacken von Cromwell und Heyden hervor, die im Anschluss eine perfekte Wende auf dem Absatz vollführten und dann schnell das Büro verließen.
Einige Augenblicke lang starrte Graham auf die geschlossene Tür, bevor er Zahra fokussierte.
„Setz dich hin, verdammt. Es macht mich nervös, wenn du da die ganze Zeit in der Gegend herum stehst.“
Kurz mit den Achseln zuckend schlenderte die Frau zu einem der vor dem Schreibtisch stehenden Stühle und ließ sich darauf fallen.
„Cromwell und Heyden sind zwei meiner besten Leute. Wir trainieren die Jungs während der Ausbildung auf selbstständiges Denken und Handeln innerhalb der ihnen vorgegebenen Grenzen des Auftrags. So gesehen haben sie richtig gehandelt. Die Frau war eine Gefahr für die Geheimhaltung und musste liquidiert werden, Sir.“
Noch immer in Gedanken versunken ließ er sich wieder in den Sessel fallen.
„Ja, aber eine weitere Leiche wirft Fragen auf, welche die Geheimhaltung ebenfalls gefährden. Eine solche Häufung tragischer Ereignisse wird langsam unglaubwürdig, auch wenn wir unsere Spuren verwischen. Die Bestechungsgelder für den Wesir sind eine nicht zu unterschätzende Ausgabe unserer Ressourcen und ich befürchte, dass der gierige Mistkerl nach der Aktion seine Forderungen nochmals erhöhen wird. Und dann haben wir da noch Mister Sievers. Ich werde das Gefühl nicht los, dass meine Einschätzung falsch war und wir uns den Fuchs in den Hühnerstall geholt haben, Zahra.“
Schwer atmend griff Graham zu seiner Zigarrenschatulle, holte eine der wertvollen, gerollten Kostbarkeiten aus dem schützend, feuchten Klima und biss das Ende mit einer kurzen Bewegung ab, bevor er es zielsicher in den bereitstehenden Mülleimer spuckte.
Augenblicklich erhob sich seine Stellvertreterin, riss ein aus der Tasche gezogenes Streichholz am Rand der Tischplatte an und hielt es ihm entgegen.
Dankbar führte er die Zigarre an das brennende Stück Holz und zog mehrmals an dem Rauchwerk.
„Also lassen wir Mister Sievers und seine Partnerin verschwinden? Wir haben den Mech, Baxter ist zufrieden und wir besorgen uns einen Entrechteten aus der Stadt als Piloten. Problem gelöst, Sir.“
Sie blies das Streichholz aus und warf es ebenfalls in den Mülleimer noch bevor sie Grahams verärgerten Blick gewahr wurde.
„Hast du mir nicht zugehört? Ich habe gerade versucht dir zu erklären, dass wir uns weitere Unfälle oder das dubiose Verschwinden von Personen nicht leisten können. Gottverdammt, schalte endlich dein Hirn ein. Zumindest für den Moment können wir nicht viel unternehmen. Ich werde mit der Gruppe zur Befragung nach Jasons Reef fahren und dafür sorgen, dass der Wesir seine Bluthunde zurück pfeift. Sag Baxter, dass er Miss Poljakow von allen kritischen Angelegenheiten ausschließen soll, aber möglichst nicht so offensichtlich. Und ich will, dass Mister Sievers überwacht wird. Tag und Nacht. Ich will immer wissen, wo er sich gerade befindet und was er dort treibt. Haben wir schon eine Antwort von unserem Kontakt bezüglich seiner und Miss Poljakow's Identität?“
Missmutig verzog Zahra Lynch das Gesicht.
„Wir haben die Anfrage mit Priorität versendet, aber es wird mindestens ein bis zwei Wochen dauern, bis wir eine Antwort erhalten. Vorausgesetzt die Schreibtischhengste beeilen sich.“
Die Antwort war nicht gerade das, was Grahams Stimmung aufhellen konnte, aber er hätte sich für die Frage selbst ohrfeigen können. Was hatte er erwartet. Der einzige HPG ComStars befand sich in der planetaren Hauptstadt Shervanis City und war ein Klasse B Gerät, was die Versendung von Nachrichten zusätzlich verlangsamte. Selbst die teuren Prioritätsnachrichten mussten mehrere weitere HPG passieren, bevor sie bei dem Empfänger an kamen. Und dasselbe Spiel dann wieder zurück. Dabei waren die Nachforschungen noch nicht einmal eingerechnet. Zahras Schätzung von einer bis zwei Wochen Wartezeit für die Antwort war seiner Ansicht nach sehr positiv.  
„Na schön, Zahra. Es bleibt dabei. Nimm deine Jungs und Mädels an die kurze Leine. Keine Liquidierungen mehr, es sei denn ich habe diese persönlich genehmigt. Erst einmal packen wird die Samthandschuhe aus und halten uns alle Optionen offen.“
Sie nickte kurz und drehte sich dann der Ausgangstür zu als Graham sich nochmals räusperte.
„Und schick mir Mister Sievers her. Ich werde dem jungen Mann ein wenig auf den Zahn fühlen.“

Wenige Minuten später trat Tyr vor die Tür von Jonathan Grahams Büro, atmete noch einmal tief durch und klopfte dann vorsichtig an. Er war übermüdet und die Vorkommnisse der vorhergehenden Morgenstunden lagen ihm schwer im Magen. Zum Glück hatte Sonnenschein die morgendliche Übungseinheit ausgesetzt als er von dem Unfall erfahren hatte.  
Die Erklärungen an Uljana hatten ihn viel Zeit gekostet, was nur zu verständlich war.
Sie hatte einen furchtbaren Schrecken bekommen, als er in blutbesudelter Uniform die Wohnung betrat.
„Herein.“
Grahams Stimme klang wie gewohnt freundlich und Tyr öffnete die Tür um den Raum dann zu betreten und sie hinter sich wieder zu schließen.
Das Büro seines Brötchengebers war ein großer, fensterloser Raum, dessen komplette rechte Seite von einem kunstvollen Ölgemälde eingenommen wurde, welches einen Canyon zeigte.
Der Schreibtisch, vor dem in einem Ledersessel sitzenden Mann, war chaotisch mit Unterlagen, Datenchips und anderem Kram übersät, wie auch alle anderen Möbelstücke die ausnahmslos aus Holz gefertigt waren.
Mit einer einladenden Geste deutete Jonathan Graham auf einen der Stühle vor dem Tisch und Tyr beeilte sich, der stummen Aufforderung Folge zu leisten.
Der Geschäftsmann wartete, bis Tyr Platz genommen hatte und ließ dann einen Stapel Papier auf die Tischplatte fallen.
„Du siehst scheiße aus, Junge.“
Die ehrlichen Worte von Jonathan Graham ließen ihn erst stutzen, dann lachen.
„Na zum Glück haben Sie mich nicht wegen meines guten Aussehens eingestellt.“
Graham fiel in das Lachen ein und stand dann auf um sich zu einem kunstvollen, hölzernen Globus zu begeben, der etwas von dem Schreibtisch entfernt stand.
Mit einer kurzen Bewegung klappte er die obere Hälfte auf und brachte damit eine Sammlung Flaschen zum Vorschein. Nach kurzem Überlegen zog er eine davon aus ihrer Halterung und griff mit der anderen Hand zwei Kristallgläser, aus Versenkungen neben den Flaschen.
Als er zum Schreibtisch zurück kehrte und alles auf diesem Abstellte lachte er noch immer.
„Wegen des guten Aussehens! Der war wirklich gut, Junge.“
Mit fließenden Bewegungen öffnete er die Flasche und goss zwei Finger breit bernsteinfarbene Flüssigkeit in jeder der beiden Gläser.  
Tyr wollte protestieren, aber Graham erstickte jede Gegenwehr bereits im Keim, während er ihm eines der Gefäße in die Hand drückte.
„Ich bin der Boss. Wir trinken jetzt. Glaub mir, Junge, einen richtigen Kater bekämpft man mit einem Konter-Whiskey. Und der hier ist wirklich was besonderes. Hundert Jahre alt. Von Terra. Henry Miles hat mir erzählt, dass du einen guten Tropfen zu schätzen weist.“
Dankbar nickte er und stieß dann mit dem noch immer lächelnden Mann an um kurz darauf einen Schluck des besten Whiskeys zu nehmen, den er in seinem Leben geschmeckt hatte.
„Keine Sorge, wir beide und alle anderen Beteiligten an dieser furchtbaren Sache gestern werden später nach Jasons Reef fahren um diesem muslimischen Halsabschneider Ibn Nase oder wie er auch immer heißt, Rede und Antwort zu stehen.“
„Der Name des Mannes ist Khaled Ibn Nasr, Mister Graham. Und er gehört der christlichen Minderheit in der Stadt an. Wir haben uns gestern länger unterhalten.“
Sein Gegenüber hob eine Augenbraue, ersparte sich aber tiefer gehende Fragen.
„Na egal, in jedem Fall habe ich angeordnet, dass keiner der Leute heute noch arbeiten muss sobald wir aus der Stadt zurück kommen. Und jetzt unterhalten wir beide uns über gestern Nacht.“
Tyr fühlte sich unwohl, sah aber ein, dass Graham die folgenden Fragen stellen musste. Er war der Boss und im Grunde genommen konnte er dankbar sein, dass nicht Zahra Lynch vor ihm saß. In diesem Fall wäre die Unterhaltung nicht annähernd so gemütlich gewesen.
„Ich glaube nicht, dass ich den Berichten der anderen irgendwas hinzufügen könnte, Mister Graham. Wenn sie mit Henry gesprochen haben, dann wahrscheinlich auch mit Cassandra und Patrick sowie den Soldaten der Schutztruppe.“
Diesmal nickte Jonathan Graham bedächtig und blickte auf den Stapel Papiere vor sich, bevor er sich gemächlich wieder in den Sessel setzte.
„Du hast Recht, Junge. Ich habe mit allen gesprochen, die gestern Abend vor dem Boom Boom Club standen. Und alle erzählen mir dieselbe, völlig verrückte Geschichte. Die Geschichte von einem Jungen der hundert Meter quer über einen Platz sprintet, sich dabei die Seele aus dem Leib brüllt um eine ihm völlig fremde Frau vor einem sich nähernden Schweber zu retten und als er das nicht schafft, dem flüchtenden Fahrzeug mit seiner Laserpistole hinterher schießt. Als meine Infanterie eintrifft, sieht sie den am Boden knienden Jungen und entfesselt einen Feuersturm, der einen halben Straßenzug verwüstet. Siehst du, den Soldaten kann ich gar keinen Vorwurf machen. Die haben ihren Job gemacht. Aus ihrem zugegeben eingeschränkten Blickwinkel. Aber warum feuerst du hinter einem flüchtigen Unfallfahrer her? Einem ignoranten Lyraner, dem die Bewohner dieses Planeten am Arsch vorbei gehen könnte ich das nachsehen. Aber du hast ja gerade eben mit dem Wissen über den Namen des Offiziers und seiner religiösen Ausrichtung gezeigt, dass dem nicht so  ist. Also, was zum Teufel sollte das?“
Tyr verfluchte sich selbst. Er war in Grahams Falle getappt. Auch wenn der Geschäftsmann noch immer seinen freundlichen Tonfall bei behielt war seine Frage doch präzise und analytisch gestellt.
Er musste auf der Hut sein.
„Ich gebe es nicht gern zu, Mister Graham, aber ich war mächtig betrunken. Die Situation hat mich einfach überfordert. Als ich das Blut gesehen habe sind mir die Sicherungen durch gebrannt. Hab einfach nicht nachgedacht, sondern meine Waffe gezogen und geschossen, als ich sah, dass der Schweber nicht anhielt. Tut mir leid, Boss.“
Offensichtlich mit dieser Antwort zufrieden lehnte Graham sich in seinem Sessel zurück und nippte an dem Whiskey, wobei sein Blick nach unten, bis zu Tyrs Laserpistole wanderte, die im Holster an seinem rechten Bein festgeschnallt war.
„Mit dieser Waffe?“
Tyr nickte und daraufhin beugte Graham sich wieder nach vorn wobei er das Glas abstellte.
„Darf ich?“
Tyr runzelte die Stirn, zog jedoch vorsichtig die glänzende Waffe aus dem Holster und übergab sie mit dem Griff voran an den Geschäftsmann, der sie mit hochgezogenen Brauen entgegen nahm und begutachtete.
„Ein wirklich schönes Stück. Silberner Körper mit Edelstahlteilen und einem Griff aus poliertem Elfenbein. Massiv und doch elegant. Langes Hochenergiebatteriepack. Feuert einzeln oder im Impulsmodus. Sie muss noch aus den Zeiten des Sternenbundes stammen. Ein Erbstück?“
Mit einem Anflug von Stolz nickte Tyr.
„Seit Generationen im Familienbesitz, Mister Graham. Einer meiner Vorfahren soll Offizier der SBVS gewesen sein. Erzählt man sich zumindest. Aber das kann auch nur Bullshit sein. Ein Battlemech der Streitkräfte wäre mir zwar lieber, aber ich bin mit der Waffe zufrieden. Hat mir schon das ein oder andere Mal das Leben gerettet.“
Mit einem zufriedenen Nicken reichte Graham die Waffe an Tyr zurück, hielt sie jedoch im letzten Moment fest.
„Eine gute Waffe benötigt auch einen guten Schützen. Und die besten Schützen sind die, die überlegt ihre Ziele wählen, Junge. Wenn du noch ein einziges Mal ohne Grund ein solches Feuerwerk wie gestern auslöst stecke ich dir das Erbstück so tief in deinen Arsch dass du den Druck an den Mandeln spüren kannst. Haben wir beide uns verstanden?“
Tyr musste schwer schlucken und blickte seinem Auftraggeber dann in die Augen.
„War völlig unmissverständlich, Mister Graham. Wird nicht noch einmal passieren.“
Sein Gegenüber entließ den Lauf der Waffe aus seinem Griff und Tyr beeilte sich, sie wieder im Holster zu verstauen.
„Das mit deinem Mech werden wir hinbekommen. Ist dann vielleicht noch immer nicht auf dem Standard der SBVS aber definitiv das Beste was hier auf dem Planeten in der Gewichtsklasse zur Verfügung steht. Ich investiere eine ganze Menge in dich, Junge und ich erwarte das du dich revanchierst und Kämpfe für die Schwarze Legion gewinnst. Für mich gewinnst. Wirst du das für mich tun, Junge?“
Lauernd blickte der Geschäftsmann über den Tisch, stieß dieses mal aber auf einen Gesichtsausdruck, der brutaler in Tyrs jungem Gesicht nicht hätte sein können.
„Wenn Uljana mit der Maschine Recht hat, lege ich Ihnen einen verdammten Mechkopf vor das Tor, Mister Graham. Versprochen.“
Nun lächelte auch Graham wieder zufrieden und schob einen Stapel der Papiere auf ihn zu.
„Dann, Junge, unterschreibe jetzt die Verträge und du bist offiziell ein Teil meiner privaten, kleinen Armee.“
                 
Planet Astrokaszy
Regionale Hauptstadt Jasons Reef
Kommandantur der Garde des Wesirs
08. Februar 3025  

Tyr hatte auf der Fahrt von der Basis der Schwarzen Legion bis in die Stadt ein wenig Schlaf nachgeholt, fühlte sich aber noch immer wie gerädert und die lange Wartezeit vor dem Büro von Khaled Ibn Nasr zusammen mit fast dreißig anderen besserte an seiner Gemütslage nicht ein Quäntchen. Die ungemütlichen Hartplastikstühle ließen seinen Rücken bereits nach kurzer Zeit schmerzen und auch die allgemeine Stimmung war auf dem Tiefstpunkt angelangt.
Jonathan Graham hatte mit einer Abordnung seiner eigenen Sicherheitskräfte den Konvoi begleitet, war nach Erreichen der in einem nüchternen Betonhochbunker gelegenen Kommandantur jedoch weiter in Richtung des Palastes gefahren.
Er hatte die Augen bereits seit geraumer Zeit wieder geschlossen und den Hinterkopf an die kühle Betonwand gelehnt als eine Stimme in dem für Astrokaszy typischen Dialekt seinen Namen rief.
Noch bevor er reagieren konnte stieß die neben ihm sitzende Morris ihren Ellenbogen in seine Seite.
„Ich glaube Sie sind dran, Sir.“
Langsam hob er die Lider und blickte verschlafen zu ihr herüber, was die Soldatin mit einem Lächeln beantwortete.
„Schlafzimmerblick bei Männern ist nicht so meins, Sir. Aber versuchen Sie doch ihr Glück bei der orientalischen Schönheit in dem Büro. Vielleicht können Sie da punkten.“
Morris war bereits vor geraumer Zeit wieder aus dem Zimmer gekommen, wie auch alle anderen Angehörigen der Schwarzen Legion, so dass man nun nur noch auf seine Vernehmung warten musste.
„Lustig, Morris. Überaus anregende Vorstellung, zumal ich hier bis jetzt nur Schnurrbartträger ausmachen konnte. Würde mich überraschen, wenn das ausgerechnet in diesem Büro anders wäre.“
Unterdrücktes Lachen aus allen Richtungen begleitete sein Aufstehen aus dem orangenen Plastiksitz, dem ein ausgiebiges Strecken der schmerzenden Glieder folgte, bevor er sich auf den Weg zu dem auf dem Gang stehenden Soldaten der Garde machte.
Der junge Mann beobachtete seinen Weg emotionslos und schloss die Tür, nachdem Tyr das verqualmte Vorzimmer betreten hatte.
„Warten, hier.“
Der Dialekt des Mannes beruhte offensichtlich auf seinem schlechten Englisch, was Tyr nicht störte. Hätte er versucht, die einheimische Sprache zu sprechen, wäre er wohl in einer Irrenanstalt gelandet.
Das kleine Vorzimmer besaß keine Fenster, nur eine surrende Klimaanlage, einen aufgeräumten Schreibtisch auf dem in einem Aschenbecher eine Zigarette glimmte und eine weitere Tür zu dem Büro von Khaled Ibn Nasr.
Durch die nur einen Spalt geöffnete Tür streckte der junge Mann nun den Kopf und nuschelte einige Worte in der Landessprache, bevor er sie ganz öffnete und in seine Richtung blickte.
„Kommen!“
Tyr trat durch den Eingang in einen durch eine lange Fensterfront hell erleuchteten Raum mit einem weitaus größeren Schreibtisch, Aktenschränken, einem Sofa und davor stehendem Tisch. Auch hier arbeitete die Klimaanlage des Gebäudes, aber auf wesentlich höherer Stufe, denn die Luft war geradezu angenehm kühl.
Khaled Ibn Nasr, hoher Offizier der Garde des Wesirs und Kommandeur des Sicherheitsdienstes von Jasons Reef, was auf anderen Planeten wohl mit einem Polizeipräsidenten gleichzusetzen gewesen wäre, stand inmitten seines geräumigen Reiches und lächelte auf eine ehrliche, freundliche Art als Tyr eintrat.
„Tyr, eine Freude, Sie wieder zu sehen, auch wenn die Umstände eher unschön sind.“
Während sie einen festen Handschlag austauschten musste er seinem Gegenüber Respekt zollen.
Der Offizier war definitiv bereits jenseits der dreißig Jahre Grenze, was die einzelnen, grauen Haare in seinem das Gesicht dominierenden aber gepflegten Schnurrbart bezeugten.
Der Mann konnte nicht mehr geschlafen haben als Tyr selbst, wahrscheinlich sogar wesentlich weniger und trotzdem funkelten ihn die braunen Augen nun freundlich und neugierig unter den akkurat getrimmten Augenbrauen an.
Die olivgrüne Uniform der Garde saß perfekt auf dem eher unscheinbaren Körper und die schwarzen Haare waren militärisch kurz geschnitten und gekämmt. Nicht einmal dunklere Augenringe zeugten von dem Besuch des Boom Boom Clubs am gestrigen Abend, auch wenn Tyr diese Tatsache auf den dunkleren Teint des Mannes schob.
„Es freut mich ebenfalls, Khaled. Du siehst gut aus.“
Der ältere Mann deutete einladend auf das bequem aussehende Sofa und Tyr ließ sich dankbar auf dem handgewebten, goldenen Stoff nieder. Kurz darauf trat er ebenfalls zu dem Möbelstück, jedoch mit zwei kleinen, dampfenden Tassen auf kleinen Tellerchen in den Händen, wovon er eine an ihn weiter reichte.
„Mokka. Mit Kardamom, Zimt und Nelken. Eine Spezialität meiner Heimat. Wenn du Zucker oder Rosenwasser dazu wünschst, sag es einfach. Für Fremdweltler ist der aromatische Geschmack meist zu stark. Vorsicht, er ist sehr heiß und am Boden der Tasse sammelt sich der Kaffeesatz.“
Der Offizier schlürfte etwas von dem Mokka ohne sich zu setzen während Tyr die tiefschwarze Flüssigkeit erst kritisch musterte, schließlich jedoch nippend probierte.
Khaled hatte Recht. Das Kaffeearoma war stark ausgeprägt während die Gewürze einen orientalische Beigeschmack hinterließen. Zudem belebte es fast augenblicklich seine Lebensgeister.
„Ausgezeichnet, Khaled. Das wird in jedem Fall mein neues Lieblingsgetränk.“
Lächeln nickte der Offizier während Tyr noch einen vorsichtigen Schluck nahm und das Tellerchen mit der Tasse dann vorsichtig auf den Tisch stellte.
„Aber du hast mich ja nicht hier rein bestellt, damit wir zusammen einen Kaffee trinken, oder?“
Wieder schlürfte Khaled nachdenklich an der Tasse und ging dann einige Schritte zu der großen Fensterfront, welche einen atemberaubenden Blick auf die Stadt erlaubte.
„Mokka, Tyr. Kein einfacher Kaffee. Und eigentlich habe ich alle Informationen die ich benötige bereits von deinen Kameraden erhalten. Deine Mechjockeyfreunde haben alle drei ausgesagt was für ein netter Typ du bist, die Infanteristen loben deinen Einsatz. Wir haben eine genaue Beschreibung des beteiligten Fahrzeuges und den Tathergang habe ich selbst mitbekommen, wie du dich sicherlich erinnern wirst. Zudem ist das Ganze eigentlich bereits aufgeklärt.“
Nun war Tyr's Interesse geweckt und er lehnte sich nach vorn.
„Ihr habt den Fahrer erwischt?“
Tief schnaufend drehte sich der Offizier wieder zu ihm herum, stellte die Mokkatasse mit dem Unterteller auf dem Fenstersims ab und setzte sich dann auf demselben ab.
„Nicht direkt. Wir haben das vollständig ausgebrannte Wrack des Schwebers außerhalb der Stadt gefunden. Zwei Leichen. Fahrer und Beifahrer. Es sieht aus als wären sie bei hoher Geschwindigkeit von der Straße abgekommen und gegen eine Felswand geprallt.“
Er nickte in Richtung einer vor Tyr auf dem Tisch liegenden Aktenmappe.
Neugierig ergriff er die Mappe und öffnete diese, was er praktisch sofort bereute.
Verschiedene Fotos zeigten die beiden bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen in dem völlig zerstörten Sand Devil. Die Wucht des massiven Aufpralls hatte den kompletten Rahmen des Fahrzeugs zerquetscht, Teile des schweren Motors durch den Innenraum katapultiert und Teile der Verkleidung über mehrere Meter in der Umgebung verteilt.
Der gesamte Unfallort war ein Szenario der Verwüstung.
Als er die Mappe wieder zu schlug und auf den Tisch warf, räusperte sich der Offizier und griff wieder zur der Mokkatasse auf dem Fenstersims.
„Kein schöner Anblick. Wir konnten die beiden Insassen trotz des Zustands der Leichen recht schnell über das Fahrzeug identifizieren. Der Fahrer und Besitzer des Schwebers hieß Adel Fahim. Sein Beifahrer Hussein Baraa. Zwei junge Männer hier aus der Stadt. Waren in deinem Alter. Keine Vorstrafen. Nie dem Sicherheitsdienst ins Auge gefallen. Der eine Muslim, der andere Christ. Es war wohl Alkohol im Spiel, aber meine Spezialisten sagen, es war zu wenig für Ausfallerscheinungen. Ein Bier. Mehr nicht.“
Schlürfend trank Khaled aus der noch immer dampfenden Tasse und auch Tyr nahm nachdenklich einen Schluck, bevor er die Tasse wieder auf dem Teller abstellte und sich zurück lehnte.
„Also gut, Khaled. Ihr habt die Täter und ich versichere dir, dass mein Boss mir wegen des Waffeneinsatzes gehörig die Ohren lang gezogen hat. Ich möchte dir ausdrücklich versichern, dass dies zumindest von meiner Seite aus nie mehr vorkommen wird. Es zwing sich mir aber eine Frage auf. Warum diese Vernehmungen  wenn ihr die Täter bereits habt? Du kannst mit nicht erzählen, dass der Sicherheitsdienst der Stadt an bürokratischen Abläufen hängt.“
Schallendes Lachen schlug ihn von seinem Gesprächspartner entgegen, während dieser von der Fensterfront zu seinem Schreibtisch ging um dort eine weitere Mappe von einem Stapel zu nehmen.
Als der Offizier die Couch erreicht hatte, setzte er sich auf den daneben stehenden Sessel und überreichte die neuen Akten ebenfalls an Tyr.
„Ich liebe eure herrlich direkte Art, ihr verrückten Fremdweltler. Nein, Tyr, du hast absolut Recht. Mit Bürokratie haben wir hier auf Astrokaszy nicht viel am Hut. Und auch mit Recht und Gesetz haben wir hier erhebliche Defizite. Für die Aufklärung solcher Fälle habe ich in einer Stadt mit fast einer Millionen Einwohnern nicht mal einhundert Leute. Normalerweise würde ich meine Unterschrift unter den Bericht setzen, nachdem ich ihn gelesen habe und das ganze vergessen.“
Tyr hatte die neue Mappe aufgeschlagen und blickte auf die Bilder von zwei jungen Männern in der olivgrünen Uniform der Garde des Wesirs. Ihnen fehlten die goldenen Rangabzeichen am Kragen und die gleichfarbige Fangschnur, welche bei den Soldaten und Offizieren von dem rechten Schulterstück zur Knopfleiste des Uniformhemdes führte.
Noch bevor er eine Frage stellen konnte, führte Khaled mit nachdenklicher Miene aus.
„Die Rekruten der Garde des Wesirs, Abteilung öffentliche Sicherheit Adel Fahim und Hussein Baraa. Die Bilder wurde letzte Woche während der zeremoniellen Vereidigung der beiden gemacht.“
Erstaunt sah er zu dem Offizier hinüber und musste um seine Fassung ringen.
„Die beiden waren Gardisten?“
Langsam nickte Khaled Ibn Nasr, nahm ihm die Bilder aus der Hand und betrachtete sie.
„Ja, das waren sie. Einfache Soldaten des Sicherheitsdienstes sind angehalten, außerhalb ihrer Dienstzeit keine Uniform zu tragen. Sie werden es kaum glauben, aber unsere Abteilung ist unter der Bevölkerung eher unbeliebt. Deshalb sind auf den Leichen keine Uniformrückstände zu erkennen. Sie trugen Zivilkleidung. Adel Fahim erhielt den Schweber von seinem Vater, ebenfalls einem Offizier der Garde, als Geschenk zu seinem Abschluss der Spezialausbildung zum Einsatzfahrer für schweres Gerät. Er hat ihn zusammen mit seinem besten Freund von Grund auf renoviert und wieder fahrfähig gemacht. Den Motor hatten sie bereits überholt und die Karosserie sollte das nächste Ziel sein.“
Langsam setzte sich das Puzzle in Tyr's Gedanken zusammen.
„Hussein Baraa!“
Mit plötzlich ernstem Gesicht nickte Khaled Ibn Nasr wieder, noch immer auf die Bilder starrend.
„Hussein Baraa. Angehender Spezialist für Kriminaltechnik. Anwärter für den Offizierskader. Klassen- und Jahrgangsbester.“
Der Offizier schluckte hart und warf die Bilder auf den kleinen Tisch bevor er fortfuhr.
„Aber das Wichtigste und der Grund dafür, dass ich diesmal alles über den Fall wissen möchte ist die Tatsache, dass die Mutter von Hussein Baraa meine Schwester ist. Hussein war mein Neffe und wäre ein besserer Sicherheitsdienstoffizier geworden als ich es je sein werde. Er hat zu mir aufgeblickt, Tyr. Ich war nach dem frühen Tod seines Vaters sein Vorbild. Er wohnte mit seiner Mutter in meinem Haus, aß an meinem Tisch, hat mit meinen Töchtern gespielt. Und das seit über zehn Jahren. Die beiden haben für Ihre Arbeiten am Schweber meine Garage genutzt. Manchmal habe ich geholfen. Gestern Mittag habe ich mich mit Kollegen im Boom Boom Club verabredet und wusste dass es spät wird. Ich wusste, dass wir trinken werden und habe deshalb meinen Wagen vor der Kommandantur stehen lassen. Die beiden hatten mir so stolz erzählt, dass die Turbine des Sand Devil wieder läuft, da habe ich sie gefragt ob sie mich vielleicht abholen möchten. Sie waren begeistert.“
Seine Stimme brach ab während Tyr mit offenem Mund die Informationen verarbeitete. Eine einsame Träne rann über das vom Leben gezeichnete Gesicht von Khaled Ibn Nasr, der noch immer auf die Fotos starrte, welche nun auf dem Tisch lagen.
„Es tut mir furchtbar leid, Khaled.“
Ohne sich zu regen oder auf seine Beileidsbekundung zu reagieren sprach der Offizier weiter.
„Im Grunde genommen habe ich Hussein erzogen. Siehst du, ich habe drei wundervolle Töchter, aber in unserer Kultur sind die Söhne der strahlende Nachlass, den wir kommenden Generationen vermachen. Als der Junge der Garde beitrat hat er mich so unglaublich stolz gemacht. Er war der Sohn, den mir meine Frau nie geschenkt hat. Ohne ihr einen Vorwurf machen zu wollen. Der Allmächtige hat entschieden, dass Hussein mein Sohn werden sollte und ich war damit einverstanden. Ich habe versucht, ihm ein guter Vater zu sein, mit allen Pflichten, welche damit verbunden sind.“
Zutiefst erschüttert hörte Tyr dem Offizier zu, der mit sich selbst zu sprechen schien.
Dann, mit einem mal drehte Khaled den Kopf und blickte ihm direkt in die Augen. Wut flackerte darin auf. Eine tiefe und brennende Wut, wie er sie selten gesehen hatte.
„Die Beiden wären niemals so gefahren. Schon gar nicht vor dem Club, von dem sie mich abholen sollten. Ich bin der Kommandant des Sicherheitsdienstes. Kannst du dir vorstellen, welche Probleme das provoziert, wenn bekannt wird, dass mein Ziehsohn und sein Freund Rennen vor meinen Augen abhalten? Zwei gerade vereidigte Gardisten. Und ich dann auch noch in den Schweber steige. Ich hätte ihn grün und blau geschlagen. Und Adel ebenso. Und wenn der sich bei seinem Vater darüber beschwert hätte, wäre es ihm noch schlimmer ergangen. Und das wussten die Beiden ganz genau.“
Nun lehnte sich auch Khaled in dem Sessel zurück und atmete tief durch bevor er mit geschlossenen Augen weiter sprach.
„Was die ganze Sache aber vollkommen undurchsichtig macht, dass ist die Tatsache, dass die beiden nach dem Unfall in die Wüste gefahren sein sollen. Siehst du, Tyr, es gibt auf Astrokaszy ein Sprichwort. Such den Tod in der Wüste, denn etwas anderes wirst du dort nicht finden. Verliert etwas in der Übersetzung, aber ich glaube du verstehst was ich sagen möchte. Gehen wir von dem unwahrscheinlichen Fall aus, dass ich Hussein und Adel falsch eingeschätzt habe und die beiden wirklich in den Unfall verwickelt waren. Sie wissen, dass die Frau tot ist und sie können sich ausrechnen, dass ich den Unfall gesehen habe und ihnen folge. Gehen wir weiter davon aus, dass sie durch das Geschehene in Panik sind, wobei ich dir versichere, dass keiner der beiden selbst in Extremsituationen dazu neigte. Dann verlassen sie die Stadt, mit einem Schweber der genug Treibstoff für vielleicht fünfzig oder sechzig Kilometer im Tank hat Richtung Bengalen, einer Stadt, die vierhundert Kilometer entfernt ist. Dazwischen ist nichts, und Tyr, wenn ich nichts sage, dann meine ich genau das. Nichts. Sie haben kein Wasser an Bord. Keine Nahrungsmittel, keine Waffen, keine Kleidung, nicht einmal Sonnencreme. Sie kennen in Bengalen niemanden. In der anderen Richtung liegt Hydiena. Gerade vierzig Kilometer entfernt. Dort hatte Adel Familie.“
Die letzten Teile des Puzzles waren im Begriff, sich an die richtigen Stellen zu schieben. Schon jetzt wusste Tyr, worauf Khaled hinaus wollte. Es war praktisch offensichtlich.
Trotzdem unterbrach er den trauernden Offizier nicht. Zu groß war die Chance, dessen Wut auf sich zu ziehen.
„Wären sie hier in der Stadt geblieben und hätten sich in den nächsten Tagen gestellt, so wären sie vor einem unserer Gerichte gelandet. Ich will dich nicht anlügen, Tyr. Wie ich bereits zugegeben habe ist die Gerechtigkeit in Jasons Reef wie auf dem gesamten Planeten in einem ziemlich desolaten Zustand. Die Richter sind bestechlich und neigen dazu, Einheimische zu bevorzugen. In einem Verfahren gegen zwei Angehörige der Garde, die fahrlässig eine Fremdweltlerin totgefahren haben, würde das Urteil schon ohne mein Zutun milde ausfallen. Hätte ich einige ausstehende Gefallen eingefordert, wären die Jungs mit jeweils hundert Stockschlägen auf die Fußsohlen und einer einjährigen Beförderungssperre davon gekommen.“
Nachdem er seinen Vortrag abgeschlossen hatte, öffnete Khaled wieder die Augen, die nun wieder frei von Wut waren. Er trauerte und Tyr blieb keine andere Möglichkeit, als ruhig zuzuhören.
„Du siehst, mein Freund, es wäre töricht anzunehmen, dass Adel und Hussein den Unfall verursacht haben. Ich glaube nicht einmal, dass ihnen der Aufprall auf die Felswand das Leben gekostet hat. Ich bin viel eher der Meinung, dass die beiden bereits tot waren als Misses van Zahnt von dem Schweber erfasst wurde. Das ihre Leichen auf den Sitze platziert und der Unfall dann inszeniert wurde um den oder die wahren Täter zu decken.“
Tyr nickte verstehend, nahm einen letzten Schluck aus der Mokkatasse, darauf bedacht nicht den körnigen Kaffeesatz vom Boden in den Mund zu bekommen und faltete dann die Hände vor dem Mund. Krampfhaft überlegte er, welche tröstenden Worte er dem Offizier noch sagen konnte während ein anderer Teil seines Gehirns schon damit beschäftigt war, das Puzzle zu vervollständigen.
Wieder war es Khaled, der das Schweigen brach.
„Siehst du, Tyr, ich glaube nicht, dass du etwas mit dem Mord an Misses van Zahnt zu tun hast. Oder mit dem Mord an den beiden Jungs. Ich habe eine gute Menschenkenntnis und auch wenn ich nicht dein Feind sein möchte, so glaube ich doch, dass ein gutes Herz in dir wohnt. Ich führe diese Vernehmungen weil ich die Bestie fassen möchte, die drei Leben in meiner Stadt genommen hat und ich habe dir alle Einzelheiten und meine Verstrickungen in den Fall erklärt, weil ich hoffe, dass du Informationen hast, die Licht in das Dunkel bringen können.“
Erneut atmete Tyr tief durch, bevor er den Kopf schüttelte. Es hatte keinen Sinn, seinen Verdacht mit dem Offizier der Garde zu teilen. Noch nicht. Es war eine rührende Geschichte, aber er konnte nicht sicher sein, auf welcher Seite Khaled stand. Außerdem war zu befürchten, dass sie alle starben, wenn der trauernde Offizier zu tief grub.
Noch waren ihm die Hände gebunden.
„Wie ich bereits sagte, Khaled. Außer dem was die anderen und auch du gesehen haben, kann ich deinen Ermittlungen leider nichts beisteuern. Das ist eine furchtbare Sache und du hast mein volles Mitgefühl. Wenn ich irgendwie helfen kann, lass es mich wissen.“
Mit einem lang gezogenen Seufzer erhob sich der Offizier aus dem Sessel und auch Tyr schwang sich von der gemütlichen Coach.
„Schade, aber einen Versuch war es wert. Ich danke dir für dein Kommen, mein Freund und auch für dein offenes Ohr. Ich würde dich bitten, alles hier besprochene für dich zu behalten, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.“
Wieder gaben sich die beiden Männer die Hand und Tyr bestätigte den Wunsch von Khaled.
„Natürlich und danke für den Mokka.“
Als Tyr schon die Tür zu dem stickigen Vorraum geöffnet hatte, in dem der Adjutant des Offiziers bereits bei einer neuen Zigarette wartete, hielt er kurz inne.
„Ich habe den Motor des Schwebers erst kurz vor dem Unfall gehört, Khaled. Der Fahrer muss das Fahrzeug also in der Straße angelassen haben als wir aus dem Club kamen. Ich hatte nie einen Vater, aber hätte ich einen gehabt und der hätte mich gebeten ihn abzuholen, so wäre ich in jedem Fall früher in der Nähe gewesen. Vielleicht nicht direkt vor dem Club mit einem so heruntergekommenen Gefährt, aber ich hätte gewartet. Außerdem ist der Platz von der Straße aus nicht einsehbar. Wenn es also wirklich ein Anschlag war, muss es einen oder mehrere Beobachter gegeben haben, die dem Fahrer sagten, wann das Opfer in Position ist. Ihr solltet mal die Anwohner befragen. Möglich das jemand etwas gesehen hat.“
Khaled Ibn Nasr war zu seinem Schreibtisch gegangen und gerade im Begriff sich in den Bürostuhl zu setzen, als Tyr's Worte ein nachdenkliches Stirnrunzeln bei ihm hervor riefen.
„Das ist eine wirklich gute Idee, auch wenn die Bevölkerung eher selten mit uns spricht. Ich werde das in Erwägung ziehen. Warst du mal als Ermittler tätig?“
Schmunzelnd schüttelte er den Kopf.
„Nein, Khaled, ich bin Soldat und Söldner. Das Ermitteln überlasse ich euch Spezialisten. Ich habe mir nur so meine Gedanken gemacht. Auf Wiedersehen.“
Damit trat er durch die Tür und zog diese hinter sich zu, während der Adjutant ihn misstrauisch musterte und die Tür zum Gang hinaus aufstieß.
„Und auch Ihnen einen schönen Tag.“
Tyr verstand die Worte des Mannes nicht, aber freundlich hörten sie sich nicht an.
In Gedanken versunken ging er zu der wartenden Gruppe, die sich bereits zum Aufbruch bereit machte.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Quartierbereich für Mechkrieger
08. Februar 3025
 
Tyr wartete, bis Uljana tief und fest neben ihm eingeschlafen war, bevor er sich erhob und aus dem Schlafzimmer schlich. Behutsam schloss er die Tür und und zog eine Jogginghose über die Boxershorts, in denen er normalerweise schlief.
Mit ruhigen Bewegungen schaltete er das Tri-Vid ein und regelte die Lautstärke so weit herunter, dass nur ein Flüstern zu hören war. Die Übertragung eines vor zwei Monaten aufgezeichneten Mechkampfes in einer Arena von Solaris interessierte ihn jedoch nicht.
Aus dem Schrank unter dem Gerät holte er einige Snacks hervor und platzierte sie zusammen mit einer Flasche Wasser auf dem Wohnzimmertisch. Mit dem vorbereiteten Szenario zufrieden griff er zu dem Waffengurt, der an einem Kleiderhaken im Zimmer hing und und nahm zwei unbedruckte, kleine Blätter Papier, einen Bleistift sowie einen Klebestreifen vom Schreibtisch bevor er sich leise auf die Couch aus Lederimitat setzte und alles vor sich ablegte.
Ein Mechkrieger, der nicht schlafen konnte und sich ein wenig von dem Programm berieseln ließ während er seine Waffe reinigte und Fast-Food in sich hinein stopfte.
Perfekt.
Er nahm das Reinigungset aus der dafür vorgesehenen Tasche am Waffengurt und breitete die Bestandteile zwischen den Snacks aus bevor er die Laserpistole vorsichtig aus dem Holster zog und den schwarzen Ledergurt dann sorgfältig auf dem Platz neben sich zurecht legte.
Wieder und wieder ging er in Gedanken seine im Tagesverlauf erfolgten Gespräche mit Graham, Khaled und Uljana durch.
Seine Partnerin war erst spät von ihrer Schicht im Mechhangar in das Quartier zurück gekehrt und hatte nach einer langen Dusche die Konversation mit ihm gesucht.
Ihrer Ansicht nach bestand das Tech-Team der Schwarzen Legion aus zwei Teilen. Zum einen waren da die zwanzig Techs, die mit Routineaufgaben betraut waren und die Mechs der Einheit am laufen hielten, Wartungsarbeiten an den Systemen der Basis durchführten und aus Vertretern der gesamten Inneren Sphäre und auch der Peripherie bestanden. Normale Söldner im technischen Bereich, die einen guten Job machten. Und dann waren da noch die zwanzig Spezialisten, die Graham wohl mitgebracht hatte, als er auf dem Planeten landete, allen voran den Mastertech Andrew Baxter. Den Worten von Uljana zufolge ein eigenbrödlerisches Völkchen das unter sich blieb. Im Grunde genommen genau wie die Sicherheit der Basis, welche aus Henrys zwei Zügen Sicherungsinfanterie sowie den zwanzig Soldaten unter dem Kommando von Zahra Lynch bestand. Auch diese Angehörigen der Einheit pflegten so gut wie keine Kontakte zum Rest der Leute, waren von den Routineaufgaben ausgenommen und laut den Aussagen des Staff Sergeants eine eigene Elite.
Wiederum eine Ähnlichkeit zu den Techs. Baxters Crew bestand aus Spezialisten, die in der Lage waren, selbst schwierigste Reparaturen an kritischen Teilen der Mechs vor zu nehmen. Das war an sich nichts Besonderes. Der Stolz vieler Söldnereinheiten war ein guter Techstab. Hier jedoch waren Kompetenzen in einem Maße gebündelt die angesichts der Lage in der Peripherie doch außergewöhnlich anmutete.
Bereits mehrfach war Uljana mit Baxter aneinander geraten weil die beiden völlig unterschiedliche Herangehensweisen für auftauchende Problematiken hatten.
Während Uljana eine Fehlfunktion beheben wollte lag der Fokus des Mastertech auf dem Verstehen des Problems an sich und erst in zweiter Instanz an dessen Behebung.
Und so schienen es auch alle zwanzig Spezialisten der Techcrew zu halten.
Natürlich erledigten auch sie die verschiedenen Arbeiten an dem Khopesh, schienen aber jeden Schritt  genau zu protokollieren und nach dem besten Lösungsverfahren zu suchen.
Trotzdem gingen die Arbeiten an dem Battlemech mit unglaublicher Geschwindigkeit voran. Laut Uljana lagen die Techs bereits jetzt schon vor dem Zeitplan.
Tyr griff zu einer feinen Feile, die zur Ausstattung des Reinigungssets gehörte und begann dann, die Mine des Bleistifts abzufeilen, wobei er das feine Graphit-Pulver auf dem ersten Stück Papier auffing. Nachdem er in etwa einen Fingerhut voll der Substanz gesammelt hatte, legte er den Bleistift zur Seite, nahm die Laserpistole mit spitzen Fingern am Schutzbügel des Abzugs und tauchte mit der anderen Hand einen weichen Pinsel in das Graphit, bevor er dieses vorsichtig auf einigen Stellen der glänzenden Waffe verteilte.
Wieder schweiften seine Gedanken ab. Von den Vorgängen des Unfalls zu seinem Gespräch darüber mit Khaled Ibn Nasr. Nach diesem war ihm nun klar, dass die Witwe von Pieter van Zahnt einem Anschlag zum Opfer gefallen war. Schlecht vorbereitet und schlampig durchgeführt, aber er hegte keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Mord handelte.
Auch der Grund war für ihn klar. Die junge Frau hatte mit ihren Unterstellungen Unruhe in eine Sache gebracht, die jemand tief begraben wollte.
Und dieser jemand war aller Wahrscheinlichkeit nach Jonathan Graham. Sein neuer Arbeitgeber.
Konzentriert betrachtete Tyr sein Werk. An einigen Stellen des Laufes wie auch des Elfenbeingriffs der Waffe zeichneten sich durch das Graphit deutliche Fingerabdrücke ab.
Nachdem er den Pinsel beiseite gelegt hatte, riss er mehrfach kleine Streifen des durchsichtigen Klebebands ab und drückte diese vorsichtig auf die schwarzen Abdrücke.
Diese zog er dann wieder ab und vollendete die Prozedur, indem er die Streifen auf das zweite Blatt Papier klebte. Nun waren die schwarzen Abdrücke deutlich auf weißen Hintergrund zu erkennen.
Die Fingerabdrücke von Jonathan Graham.
Während er das Reinigungsset wieder zusammen packte, die Laserpistole mit einem antistatischen Tuch komplett reinigte und auch das zum Auffangen benutzte Blatt Papier zusammengeknüllt in den Mülleimer warf formte sich in seinen Gedanken ein Plan, dessen Umsetzung gefährlich aber aus seiner Sicht notwendig war.
Er wollte wissen, was es mit den Geheimnissen um Graham und den Morden auf sich hatte. Aber er musste auch vorsichtig sein. Die Schwarze Legion war schon für zu viele ihrer Mitglieder zum Friedhof geworden.
Mit routinierten Bewegungen löste er die glänzende Griffschale der Laserpistole und brachte ein darin verborgenes Gerät zum Vorschein, welches nicht länger als zwei Zentimeter war. Am oberen Ende ein einfacher Knopf war kurz darunter eine kleine Linse angebracht. Der Rest bestand aus einem miniaturisierten Speicherchip. Aus kurzer Entfernung machte Tyr drei Aufnahmen der Fingerabdrücke, bevor er das Gerät wieder an seinem Platz innerhalb des Griffes verstaute und diesen wieder an der Waffe befestigte.
Dann zog er den auf dem Tisch stehenden Aschenbecher zu sich und entzündete darin das Papier mit seinem Feuerzeug. Das kurze Aufflackern als die Klebestreifen verschmorten und den dabei entstehenden, stinkenden Qualm überdeckte er mit dem Entzünden einer Zigarette und lehnte sich dann zurück.
Auf dem Tri-Vid flimmerte der Kampf eines Verteidigers gegen einen Dunkelfalken, in der Arena, die „The Factory“ genannt wurde. Keiner der namentlich genannten Piloten war Tyr bekannt und auch die Kommentatoren schienen dem langatmigen Kampf kaum noch etwas abgewinnen zu können.
Gerade als der Dunkelfalke eine Salve seiner Autokanone gegen den anderen Mech schleuderte und Tyr die glimmende Zigarette im Aschenbecher ausdrückte, öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer und Uljana taumelte schlaftrunken in das Wohnzimmer.
Kurz irritiert blickte sie von dem Tri-Vid über den Tisch zu ihm und verschwand dann murmelnd im Bad.
Als sie wenige Momente später zurück kehrte, schaltete sie das Gerät wortlos ab, ging zur Couch, ergriff seine Hand und zog ihn zurück ins Bett.

Planet Astrokaszy
Mount Keeve
Hauptquartier der Schwarzen Legion
Quartierbereich für Mechkrieger
11. Februar 3025

Und wieder endete ein Tag wie der vorhergehende schon verlaufen war. Die morgendlichen Runden mit Sonnenschein begannen Tyr Spaß zu machen, was man von den darauf folgenden Stunden theoretischen Büffelns nicht gerade sagen konnte. Ungemein lehrreich, durchaus, aber eben auch langweilig und öde. Im Gegensatz dazu war die Hilfe im Mechhangar eine willkommene Abwechslung, wobei er die Fortschritte an der Modifikation seiner Maschine nicht nur verfolgen sondern sogar mitgestalten konnte.
Mittlerweile stand das Skelett des Battlemechs völlig ohne Panzerung in dem riesigen Hangar. Die Arme waren demontiert worden und die Beinaktuatoren lagen bereits neben der Maschine, so dass diese nur noch von dem sie umgebenden Wartungsgerüst aufrecht gehalten wurde. Das gesamte Myomer hatten die Techs heraus gerissen, wie auch fast alle Kabel. An der Demontage des Gyroskops wie auch des Reaktors war gerade gearbeitet worden, als Tyr's Schicht geendet hatte.
Zu seiner Ablösung war Uljana erschienen, die nun im Normalbetrieb ebenfalls rotierende Schichten zugeteilt bekam. Ein kurzer Kuss und einige liebevolle Worte später war sie an die Arbeit gegangen und er hatte sich in ihr gemeinsames Quartier begeben.
Frisch geduscht, jedoch ohne den Geruch von Haar- oder Körperseife, ging er seinen Plan nochmals durch und zog dann den schwarzen Overall an, der bereits in seinem Schrank bereit lag. Die Kampfstiefel in derselben Farbe folgten genau wie das Schulterhalfter aus Nylon, in dem er seine Laserpistole verstaute. Erneut betrat er das Bad, schraubte eine mitgebrachte Dose auf und verteilte dann mit kurzen Kontrollblicken in den Spiegel die schwarze Tarnfarbe in seinem Gesicht, peinlich darauf bedacht keine Stelle wie die Augenlider oder den Bereich hinter den Ohren zu übersehen.
Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, zog er den bereits gepackten Rucksack aus dem Schrank und die darauf liegenden, schwarzen Handschuhe über die Hände. Zum Schluss steckte er das Wurfmesser in den rechten Stiefel, das schwere Bowiemesser in die Scheide an der Rückseite des Overalls und die Garrotte in die Brusttasche.
Dann öffnete er die Lüftungsklappe über der Couch und brachte den dahinter liegenden Schacht zum Vorschein, dessen Verlauf er die letzten beiden Nächte studiert hatte.
Das System stammte noch aus den Zeiten, als die Basis dem Bergbau gedient hatte, war weit verzweigt und so eng, dass Tyr mit seinen breiten Schultern gerade hindurch passte.
Zuerst stopfte er den Rucksack in den Schacht, aktivierte die darauf festgemachte Taschenlampe und trat dann mit dem linken Fuß auf den großen Brocken selbst hergestellter Haftknete, den er auf der Innenseite des Lüftungsgitters befestigt hatte. Noch ein kurzer, prüfender Blick, dann zog er seinen Körper mit einem Ruck kopfüber in den waagrechten Schacht.
Wie geplant hing das Gitter durch die Haftknete an seinem Stiefel und nach zwei vergeblichen Anläufen schaffte er es, die Abdeckung an ihrem Platz zu arretieren.
Mit einem schnellen Ruck löste er die Knete schmatzend von der Sohle des Stiefels.
Damit war er alleine in dem dunklen, engen Schacht.
Kriechend, den Rucksack vor sich her schiebend, bewegte er sich vorsichtig weiter, wobei sein Blick über das Gepäckstück hinweg und den Strahl der Taschenlampe entlang fokussiert war.
So kam er langsam, jedoch ohne gesehen zu werden, eine halbe Stunde später an den Lufteinlass an der Oberfläche des Berges, wo er die Taschenlampe aus schaltete.
Mit einem kurzen Ruck an der Ventilationsanlage stieß er diese nach außen, ohne die Mechanik zu beeinträchtigen oder den Betrieb zu stören und griff dann zu der zusammengerollten Decke, die unterhalb des Rucksacks befestigt war. Diese rollte er nach außen in das weitläufige, nächtliche Gelände aus und kroch dann darunter aus dem Schacht.
Schnell klemmte er den Ventilator wieder in seiner gewohnten Position fest und beobachtete dann einige Minuten lang die Umgebung, aber der Mount Keeve lag in fast völliger Stille und Dunkelheit vor ihm.
Als er sich sicher sein konnte, dass niemand seine Aktion bemerkt hatte, kroch er weiter unter der Decke in Richtung der Grenze des Geländes.
Er hatte sich die Positionen der Infrarot- und Erschütterungsdetektoren während der ausgeprägten, morgendlichen Läufe mit Sonnenschein gemerkt, deckte seine Körperwärme durch die isolierte Rettungsdecke ab und kroch so langsam aus dem überwachten Teil der weitläufigen Anlage, dass die Sensoren nicht anschlugen.
Eine weitere halbe Stunde später hatte er die Grenze des überwachten Gebietes erreicht, rollte die Decke zusammen und schnallte sie wieder unter dem Rucksack fest, den er sich dann auf die Schultern zog.
Im Laufschritt ging es die bekannte Strecke den Berg hinab bis zu dem rostigen Maschendrahtzaun auf dessen oberen Ende gerollter Stacheldraht thronte.
Erneut griff er in den Rucksack und brachte eine Zange sowie metallene Kabelbinder zum Vorschein. Schnell durchtrennte er den Draht des Zauns an einigen Schnittstellen des Geflechts, schob sich hindurch und befestigte den Zaun dann wieder unauffällig mit den Kabelbindern.
Mit dem Verlauf seines Planes bis hierhin zufrieden drehte er sich Richtung Jasons Reef und verfiel in einen schnellen Laufschritt, den er über Stunden hinweg durchhalten konnte, sollte dies nötig sein.
Bereits nach wenigen Minuten kam das Ziel seines Laufs in Sicht.
Das militärische Geländemotorrad der Schwarzen Legion stand einfach mitten im Nichts, genau wie De Maggio es versprochen hatte.
Tyr ging hinter einem großen Stein in Deckung und kramte aus dem Rucksack ein Nachtsichtgerät hervor, welches er sich ebenfalls von dem Infanteristen besorgt hatte.
Es schien, als hätte der gewiefte Soldat sich ein Netzwerk an Kontakten innerhalb der Einheit etabliert, welches es ermöglichte, fast alles zu organisieren.
Nervös suchte er mit dem klobigen Gerät die Umgebung ab, konnte jedoch auf dem grünlichen Display außer dem Motorrad keinen Fremdkörper in der vernarbten Wüstenlandschaft entdecken.
Er wusste nicht, in wie weit er dem Soldaten vertrauen konnte, aber De Maggio schien an nichts anderem als seinem Profit zu interessiert zu sein. Zumindest die Loyalität zu seinem Dienstherren ließ zu wünschen übrig.
Tyr verstaute das Nachtsichtgerät wieder in dem Rucksack und ging dann mit vorsichtigen Schritten zu dem Motorrad. Noch immer rührte sich nichts in der Umgebung so dass Tyr zufrieden in seine Hosentasche griff und eine Zündkerze heraus zog.
De Maggio hatte ihm diese gegeben und erklärt, dass das Motorrad zu einer der routinemäßigen Geländepatroulien gehörte, aber am Abend mit Motorschaden einfach liegen geblieben sei.
Der Fahrer sei mit dem zweiten Soldaten auf einem Motorrad in die Basis zurück gekehrt, nachdem man dort aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit zu der Entscheidung gelangt war, dass Fahrzeug am nächsten Tag zu bergen.
Er hatte Tyr versichert, dass dieser nur die Zündkerze zu tauschen brauche um das Motorrad wieder in Bewegung zu setzen. Und er sollte Recht behalten.
Nachdem Tyr sich mit ziviler, landestypischer Kleidung aus dem Rucksack ausgestattet hatte und auch die nachtschwarze Farbe aus seinem Gesicht verschwunden war, tauschte er das Motorteil aus und schob das Vehikel einen Kilometer weit durch die Landschaft, bevor er aufstieg und das Bike startete.
Der kräftige Motor sprang sofort an und er jagte mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht auf die entfernten Lichter von Jasons Reef zu, die einladend funkelten.

Planet Astrokaszy
Regionale Hauptstadt Jasons Reef
Innenstadt
11. Februar 3025

Wesentlich schneller als der langsam fahrende Konvoi, welcher ihn und die Gruppe der Schwarzen Legion zu dem Club und am folgenden Tag zu der Kommandantur gebracht hatte erreichte Tyr das Hauptquartier der Garde des Wesirs und stellte das Motorrad in einer Seitengasse ab. Der Tagelmust, eine für Tuareg typische Kopfbedeckung, die auch das Gesicht bis zu den Augen verdeckte und im Grunde genommen nur aus einem blauen Stück Stoff bestand, welches um den Kopf gewickelt wurde, würde seine Identität verdecken. Für die wenigen Leute, welche noch auf der Straße unterwegs waren, war er nun nur ein einfacher Händler des Wüstenvolkes. Zumindest hoffte er das.
Gemächlich schlenderte er die Straße entlang bis er eine weitere, dunkle Seitenstraße erreichte, die direkt an die Umgrenzungsmauer der Kommandantur anschloss.
Hier waren keine Passanten mehr unterwegs und der stinkende Unrat, welcher den Boden bedeckte machte deutlich, dass dies wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben würde.
Die dreieinhalb Meter hohe Mauer aus Stahlbeton war auf ihrer Krone mit scharfkantigen Glasscherben und Metallfragmenten gespickt, was ein Erklimmen zu einem gefährlichen Unterfangen machte.
Nach kurzer Suche fand Tyr eine vermoderte, hölzerne Obstkiste und platzierte diese an der Wand, bevor er die zusammen gerollte Decke auf die Mauerkrone warf. Er konnte nur hoffen, dass der dichte Stoff ihn vor den Abwehrmaßnahmen schützen würde und die Isolierfähigkeit nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er würde sie bei seiner Rückkehr in die Basis noch benötigen.
Von der Wand des auf der anderen Seite an die Gasse grenzenden Gebäudes aus stieß er sich ab, sprintete einige schnelle Schritte durch die Dunkelheit und sprang dann mit Hilfe der Kiste in die Höhe. Er bekam die Mauerkrone durch die Decke zu fassen und stemmte sich dann darüber um lautlos auf der anderen Seite zu landen.      
Wie geplant befand er sich auf dem äußeren Bereich des umgrenzten Parkplatzes auf der abgewandten Seite der Kommandantur, der für die Gardisten und deren Offiziere vorgesehen war. Um diese Uhrzeit war der Platz fast vollständig leer, aber die wenigen Fahrzeuge gaben ihm genügen Deckung um die Situation zu erfassen.
Es waren keine Wachen zu sehen und auch sonst hatte niemand seinen Einbruch bemerkt.
Lautlos zog er die Deckenrolle von der Mauerkrone und stellte zufrieden Fest, dass die Beschädigungen sich in Grenzen hielten.
Sein Ziel konnte er in einem mit Maschendraht eingezäunten Gebiet am Rand des Parkplatzes ausmachen. Dort stand einsam und verlassen das völlig zerstörte Wrack des Schwebers.
Leise und immer auf genügend Deckung achtend arbeitete sich Tyr zu dem Verschlag vor, dessen primitives Vorhängeschloss für seine talentierten Hände und einen Dietrich kein Problem darstellte.
Noch einmal blickte er sich um und schlüpfte dann durch den schmalen Spalt, den er die Tür in dem Zaun öffnete.
Der Zaun des Verschlags war bis in eine Höhe von zwei Metern mit nicht durchsichtigen Planen verkleidet, welche wohl als eine Art Sichtschutz für die Gardisten dienen sollte und ihm erlaubte, die Taschenlampe zu aktivieren.
Im schwachen Strahl der Lampe stellte er den Rucksack ab und legte die Decke daneben, bevor er geduckt den Innenraum des Wracks in Augenschein nahm.
Das im Anschluss auf den Aufprall gegen die Felswand ausgebrochene Feuer musste lange gewütet haben, denn alle brennbaren Materialien waren davon verzehrt worden. Die Sitze bestanden nur noch aus dem Drahtgeflecht, das Armaturenbrett war praktisch nicht mehr vorhanden. Die Hitze hatte die Reste der Scheiben geschmolzen und in den Innenraum tropfen lassen. Auch nach eingehender Suche konnte Tyr in den verkohlten Überresten nichts finden, was seine Untersuchung des Falles weiter gebracht hätte.
Dann widmete er sich dem hinteren Teil des Fahrzeugs, das im Normalfall dem Schützen zugeteilt war. Hier hatten die jungen Gardisten eine Art Rücksitz eingebaut, von dem nur noch geschwärzte Streben zeugten.
Der Motor war aus der Verankerung gerissen worden und der massive Block hing teilweise über den Resten der Sitzbank, was ihn dazu zwang, sich in den engen Zwischenraum zu quetschen.
Vorsichtig stocherte er mit dem Wurfmesser in den verkohlten Überresten herum, bis ein glänzendes Stück Metall seine Aufmerksamkeit erregte.
Vorsichtig schob er die umgebenden Trümmerstücke zur Seite und brachte nach und nach einen Knopf zum Vorschein. Die Beschichtung des Ösenknopfes war durch das Feuer verbrannt aber das innen liegende Metall hatte der Hitze und den Flammen getrotzt. Es musste ein hochwertiger Knopf gewesen sein und Tyr bezweifelte, dass so etwas auf Astrokaszy überhaupt hergestellt wurde.
Er hob den Gegenstand vom Boden auf und packte ihn in eine kleine Plastiktüte, bevor er ihn in der leeren, linken Tasche des schwarzen Overalls unter der Zivilkleidung verstaute.
Zufrieden mit dem Ergebnis machte er sich auf den Rückweg, wobei er diesmal das Dach eines Kleinwagens nutzte um die Mauerkrone zu erklimmen und in der schmutzigen, dunklen Gasse unweit seines Startpunktes zu landen.
Dann kehrte er wieder im gemächlichen Tempo zu dem abgestellten Motorrad zurück. Sein nächstes Ziel würde wesentlich einfacher zu erreichen sein. Zumindest hoffte er das.

Nur wenige Minuten später erreichte er ein unscheinbares Gebäude in einer der besseren Gegenden von Jasons Reef und stellte das Motorrad etwas abseits davon auf einem öffentlichen Parkplatz ab. Er stieg von dem Fahrzeug ab und kniete sich daneben als wolle er den Motor überprüfen, statt dessen jedoch löste er schnell den Griff der Laserpistole im Schulterholster unter seiner Verkleidung und entnahm das drin enthaltene Gerät, bevor er den Griff wieder befestigte. Dann machte er sich auf den Weg zu dem großen, zweistöckigen Gebäude neben dessen Eingangstür ein bronzenes Schild die Zugehörigkeit zu ComStar offen kund tat. Der HPG des Planeten befand sich zwar in Shervanis City, aber um auch anderen Einwohnern die interstellare Kommunikation zu ermöglichen ohne eine tagelange Reise zu unternehmen unterhielt der quasi-religiöse Orden Zweigniederlassungen in den größten Städten, die über Satellit oder Richtfunk mit der Zentraleinheit verbunden waren. Da diese Einrichtungen ebenfalls von ComStar Personal betrieben wurden konnte man sich auf die Neutralität und auch Verschwiegenheit verlassen.
Er zog den blauen Schleier von seinem Gesicht und drückte die Klingel zwei Mal kurz hintereinander und bereits kurz darauf öffnete ein Bediensteter in der typischen Robe des Ordens die Tür.
"Sei gegrüßt. Was kann ComStar für euch tun?"
Das Gesicht des Akoluth war jung und strahlte Freundlichkeit aus, die Tyr erwiederte.
"Ich habe eine Nachricht zu versenden. Bild und Sprachbotschaft. Ich besitze ein eigenes Konto sowie ein Postfach, dass ich gern abrufen möchte."
Der junge Mann nickte freundlich zu seinen Worten und trat dann beiseite um Tyr ein zu lassen.
Die Empfangshalle war im Gegensatz zu dem äußeren Erscheinungsbild des Gebäudes prachtvoll ausgestattet, was bei dem kunstvollen Fußboden begann, der das Wappen des Ordens in Mosaiken zeigte bis hin zu der edlen Holzvertäfelung der Wände.
"Bitte wartet hier. Ich werde den zuständigen Adepten rufen. Wohin wünscht Ihr die Nachricht zu senden?"
Der Akoluth war bereits auf dem Weg zu einer der vielen Türen.
"Nach Blackjack III. Blackjack System. Lyranisches Commenwealth. Die Empfangsadresse ist ebenfalls ein Postfach."
Wieder nickte der Akoluth und verschwand dann lautlos.
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