Bis das es bricht (Schattenjäger One-Shot)

von Balmaiden
OneshotSchmerz/Trost, Tragödie / P12
19.07.2020
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„Gib Worte deinem Schmerz. Grimm, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis das es bricht!“
-William Shakespeare, "Hamlet"


Er kam so abrupt und unerwartet, das die junge Schattenjägerin ihn erst gar nicht begreifen konnte.
Den Schmerz.
Bitterer, entsetzlicher und alles umfassender Schmerz. Der Schrei blieb ihr im Hals stecken.
Eloisa keuchte auf und griff sich ans Schlüsselbein. Es war als triebe ihr jemand ein glühend heißes Schwert durch die Schulter direkt ins Herz.
Der Schmerz raubte ihr die Sinne. Blind und taub wankte Eloisa in eine schmale, schmutzige Gasse. Halt suchend klammerte sie sich an die schmutzige Backsteinwand und schnappte nach Luft, wie eine Ertrinkende.
Benommen betrachtete sie ihre Hand im milchig-trüben Mondlicht. Eine schmale Hand mit schlanken, feingliedrigen langen Fingern, die nicht so recht zu der Kriegerin passten, die Eloisa war.
Sie musterte die Hand, als gehöre sie zu einer Fremden. Doch es war ihre eigene Hand, die Hand mit der sie schon unzählige Dämonen getötet hatte. Und sie war überzogen von einer roten, zähen Flüssigkeit.
Ihre Parabatairune blutete. Wie warmes, dickflüssiges Leben lief das Blut über ihre Hand und den Arm hinab. Doch es war nicht Eloisas Leben, dass da davon floss ...
Blankes Entsetzten jagte durch den Körper der Schattenjägerin. Ihr Herz wusste, was es bedeutete, ehe ihr Verstand es recht begriff.

Das Band zerriss.

Eloisas Beine versagten und sie sank kraftlos zu Boden. Das Mädchen schlug so hart auf den Knien auf, das ihr der Aufprall durch sämtliche Knochen ging.
Nein. Nein. Nein.
Wieder und wieder hallte das Wort durch ihren Kopf, doch fand es nicht den Weg über ihre Lippen. Sie waren nichts weiter als das Echo des Wunsches, etwas ungeschehen zu machen, das sich nicht verändern ließ. Die Grausamkeit des Endgültigen.
Die Welt verlor jede Kontur. Mit einem verzweifelten Wimmern vergrub Eloisa das Gesicht in ihren Händen.
Nein. Nein. Nein.
Nie hatte sie solche entsetzliche Schmerzen gefühlt, nie! Eloisa hatte nicht einmal gewusst, das ein Mensch, obgleich ein Mensch mit Engelsblut in den Adern, in der Lage war so etwas zu spüren.
Es war, als würde sie von innen heraus langsam vergehen. Und sie wünschte sich ihren Tod herbei. Oh, wie gern wäre Eloisa einfach tot! Um dem bodenlosen Schmerz ihres zerbrechenden Herzens zu entfliehen. Sie wünschte sich, der Erzengel möge gnädig sein und  ihr das Leben hier und jetzt in dieser Gasse aushauchten und  einfach ihre unsterbliche Seele mit sich nehmen, an einen Ort an dem all das menschliche Leid nichtig war.
Doch Raziel war nicht gnädig, er kannte kein Erbarmen. Hilflose Tränen strömten ihr über die Wangen, die schmalen Schultern bebten unter dem haltlosen Schluchzen. Eloisa fühlte nichts um sich herum. Nicht die kalte Wand an ihrem Rücken, nicht den harten Boden, auf dem sie saß - nur den entsetzlich endgültigen Schmerz und den Tod.

Das Mädchen wusste nicht, wie lange es so da gesessen hatte. Irgendwann zog sie sich mühsam und am ganzen Leib zitternd an der Wand hoch. Auf unsicheren Beinen wankte sie durch das aufkommende Morgengrauen. Londons ewiger Nebel vermischte sich mit den ersten tapferen Sonnenstrahlen des Herbstes.
Obwohl ein neuer Tag angebrochen war, konnte Eloisa nicht glauben, das die Welt sich tatsächlich einfach so mit ihrer gnadenlosen Beständigkeit weiterdrehte.
Eine verzweifelte Sehnsucht ergriff sie, tausendmal schlimmer noch, als der körperliche Schmerz, der diesem neuen grausameren Gefühl Platz machte.
Keuchend blieb sie stehen und blickte in das Antlitz eines Engels. Eines wunderschönen Engels, mit dichtem walnussfarbenem Haar, das ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, vollen Lippen und eisgrauen Augen umrahmte. Doch auf dem Gesicht zeichnete sich bodenloser, unendlicher Schmerz ab, so als hätte man ihm die Flügel ausgerissen und ihn aus dem Himmel verbannt. Es gab kein Wort für diese Qual. Eloisa blickte in ihr eigenes Spiegelbild.
"Silas ...", hauchte sie. Der Name glitt ihr über die Lippen wie schwereloser Rauch. Unzählige Male hatte sie diesen Namen bereits ausgesprochen. Er hinterließ einen altbekannten Geschmack zurück. Der Geschmack von Vertrauen und Freundschaft, von gemeinsamer Stärke und absoluter Loyalität. Und von Liebe.
"Silas ...", wisperte sie erneut in die Dunkelheit. Ein fast lautloses Flüstern hatte genügt, er hatte immer gehört - vielleicht  auch gespürt - wenn sie ihn rief. Und er war immer sofort zu ihr geeilt.
Doch er würde niemals wieder zu ihr kommen.
Silas war tot.
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