Geschichte: Fanfiction / Bücher / Vollendet / Scherben

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Scherben

von Bodiel
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Connor Lassiter
17.07.2020
17.07.2020
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Vorab – diese Geschichte zu schreiben war mir mehr als nur ein Bedürfnis. Es war ein Drang, der lange in meinem Hinterkopf gepocht hat. „Vollendet“ ist eine Buchreihe, die ich vermutlich nie wieder lesen werde, weil ich sie hinsichtlich der Thematik und Härte fast unerträglich fand, insbesondere angesichts dessen, dass es Jugendbücher sind. Die Bücher haben mich nachhaltig entsetzt und verstört. Seit ich den letzten Band beendet habe, nagte die Frage an mir, wie um alles in der Welt Connor und seine Eltern je wieder zusammenkommen sollen, wie es im Schlusssatz angedeutet wurde – und ich vermisste die längst überfällige Aussprache zwischen ihnen, stellvertretend für die Konfrontation von Eltern mit ihrem Kind nach ihrer Unterzeichnung der Verfügung. Es war insbesondere deshalb sehr emotionsbehaftet und schwer für mich, diese Geschichte zu schreiben, weil ich selbst mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe und immer wieder ähnliche Konfliktkonstellationen erlebe, wie sie in den Büchern aufgegriffen werden. Ich bin sehr froh, dass Eltern in unserer Realität nicht die uneingeschränkte Freiheit haben, über den Körper ihrer Kinder entscheiden zu dürfen.

Ich hoffe, dass diese Geschichte den einen oder anderen erleichtert, der sich eine solche Aussprache gewünscht hat.

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Er hatte sich diesen Moment so oft vorgestellt, und doch war er nicht darauf vorbereitet. Er fragte sich, ob es inzwischen vielleicht zu spät war. Ob er schon damals, als er erfuhr, was seine Eltern getan hatten, die Aussprache mit ihnen hätte suchen müssen anstatt von Zuhause wegzulaufen. Doch was hätte das geändert?
Sehr viel, wurde ihm da mit erschreckender Klarheit bewusst. Sehr, sehr viel. Die Welt wäre heute noch immer die gleiche, nicht im Begriff, sich zu verändern – vielleicht niemals. Alles, wofür er so hart gekämpft hätte, wofür er gelitten hatte, würde nun nicht sein. Die Aufklärung der Bevölkerung über die wahren, verdeckten Hintergründe der Befürworter wären nie erfolgt, die Umwandlung hätte neue, nie gekannte Ausmaße angenommen. Ihn fröstelte bei der Vorstellung. Connor gehörte zu den Menschen, die die Welt in diesem Moment revolutionierten – indem die Umwandlung ein für alle Mal abgeschafft wurde, ersetzt durch passende Organe aus dem Drucker. Die zukünftigen Generationen würden die Umwandlung vielleicht nur noch als eine schauerliche Maßnahme aus früheren Zeiten kennen, die inzwischen undenkbar wäre.
Doch Connors Gedanken waren nicht in der Zukunft, und in der Gegenwart war das Zerlegen von Jugendlichen in ihre Einzelteile, um ihre Körperteile als Spende weiterzugeben, alles andere als undenkbar. Es geschah noch immer. Gerade jetzt.
Connor wollte seine Eltern anschreien. Ihnen das entgegenschleudern, womit er seinen mittlerweile nicht mehr existenten Abschiedsbrief begonnen hatte: Ich hasse euch! Wie konntet ihr? Denn seine Eltern hatten genau das getan, worüber die Welt nun in Streit geriet: Die Verfügung unterschrieben, die ihn zum Organspender zu Lebzeiten machte.
Stattdessen blieben ihm die Worte schmerzvoll im Halse stecken, als seine Mutter ihm um den Hals fiel, ihn so fest an sich drückte, dass er zu ersticken glaubte, und immer wieder seine Schläfe küsste. Sie weinte, ihr ganzer Körper bebte – so wie damals, als er ihr Blumen geschenkt hatte. Und genau wie damals tat sie ihm Leid. Das machte ihn wütend. Sie sollten ihm nicht Leid tun, nachdem sie ihm soetwas antun wollten.
Sein Vater sah ihn nur an, mit einem noch gequälteren Gesicht als damals, da er seine gute Klassenarbeit in Händen hielt, die erste seit langer Zeit. Er hatte sich damals nur so viel Mühe gegeben, weil er sie leiden lassen wollte für ihre Entscheidung, ihnen zeigen, was sie für einen schrecklichen Fehler begangen hatten. Unerwarteterweise waren die ersten Worte seines Vaters, als sie sich wiedersahen, gewesen: »Kannst du uns je verzeihen?«
Nein, das konnte er nicht. Niemals. Doch statt die schuldig gebliebene Antwort zu geben fragte er nur: »Warum?« Es war ein Wort, eine Frage, die alle Gedanken zusammenfasste, die in ihm vorgingen.
Seine Mutter hörte plötzlich auf zu zittern und löste sich von ihm, zögerlich, als ob sie Angst hätte, er könnte wieder weglaufen, sobald sie ihn losließ. Aber Connor hatte keinen Grund mehr wegzulaufen. Es war die Zeit für Konfrontation, für Antworten. »Warum? Ich sage dir, warum.« Ihre Stimme war so unfassbar fest, und sie sah genau in seine braunen Augen. »Weil wir schlechte Eltern sind.«
Das hatte er nicht erwartet. Intuitiv wollte er seiner Mutter widersprechen, wie er es so oft getan hatte. Da waren so viele gute Erinnerungen an seine Kindheit, so viel Liebe und Zuwendung für ihn – die schlagartig verschwunden schienen, als er in die Pubertät kam. Trotzdem hatte er von seinen Eltern nie als schlechten Eltern gedacht. Umso unverzeihlicher war es für ihn, was sie getan hatten.
Sie warf seinem Vater einen schwer zu deutenden Blick zu, dann sprach sie ebenso fest weiter, und alle Tränen versiegten: »Es spielt keine Rolle, ob du uns jemals verzeihst, Connor. Denn egal, wie du dich entscheidest: Wir werden es uns niemals verzeihen können. Niemals.«
»Es gibt sicherlich eine Menge, was du uns zu sagen hast. Mehr, als du jemals in Worte fassen kannst«, sagte sein Vater da plötzlich im selben entrückten Tonfall. »Und uns geht es genauso. Es ist so viel geschehen, nicht nur für dich. Ich schätze, wir werden Jahre brauchen, uns alles zu sagen, was wir zu sagen haben – vielleicht ein Leben lang.« Er atmete tief durch, wappnete sich für das, was er zu sagen hatte. »Als du fort warst, da war es, als ob wir… zerbrochen wären. Ja, ich glaube, das ist der passende Ausdruck. Zerbrochen in Scherben. Und als wir uns gerade neu zusammengesetzt hatten, waren wir etwas anderes als zuvor – nur um ein weiteres Mal zu zerbrechen.«
»Wie meinst du das?«, fragte Connor, der spürte, wie der Sturm seiner Emotionen abflaute und dem Bedürfnis wich, einfach zuzuhören – ewig, wenn es sein musste. Reden hatte plötzlich keinen Sinn mehr, denn er wollte Antworten.
Sein Vater seufzte – ein Laut, in dem hörbares Elend mitschwang und der eine Saite in Connor anschlug, von der er geglaubt hatte, sie wäre längst unwiderruflich verstummt. »Ich meine es so, wie ich es sage. Das erste Mal zerbrochen sind wir, als du weggelaufen bist. Wir haben uns solche Vorwürfe gemacht, uns unweigerlich gefragt, ob es dir gut geht, ob du… genug Zuessen hast und dir nicht kalt ist.« Er wandte sich kurz ab, um sich zu sammeln, und dann sprach er mit ernsthafter, hilfloser Wut: »Als wir dich fanden und ich dir sagte, dass es vorbei ist, da war das kein Triumph meinerseits – es war das Eingeständnis meiner, unserer Niederlage. Denn als ich bemerkte, dass du fort warst, da war ein Teil von mir sehr froh. Der Teil, der schon damals wusste, dass es falsch ist. Als du uns ein weiteres Mal entkamst, diesmal ohne Spur, war ich erleichtert – und hoffte gleichzeitig, du würdest gefunden werden. Damit du dort draußen, ganz allein, nicht in Gefahr gerätst. Es ist so seltsam, denn wir waren doch die Gefahr. Wir waren es, die wollten, dass du umgewandelt wirst. Damit du nicht auf die schiefe Bahn gerätst, dein Leben wegwirfst. Wir hätten das nicht ertragen. Wir wollten es verhindern, um jeden Preis, solange wir noch konnten. Und du warst schon sechzehn. Wir dachten, keinen Einfluss mehr auf dich nehmen zu können, weil… weil wir als Eltern versagt haben.« Nun weinte er tatsächlich.
Seine Mutter war es, die weitersprach, nun ebenfalls wieder Tränen in den Augen. »Du wirst uns nicht glauben können, dass wir dich auch zu dem Zeitpunkt noch geliebt haben, als wir die Verfügung unterzeichnet haben. Ehe du auf den Straßen verendet wärst und man uns vorgeworfen hätte, dass wir Schuld daran hätten, denn wir hätten es verhindern können, wählten wir diesen Weg. Als grausigen, einzigen Ausweg aus einem in unseren Augen noch viel unerträglicheren Schicksal. Und man hat es uns wirklich schön dargestellt – Leben retten, der Gemeinschaft helfen, dem Kind einen Ausweg bieten in den beruhigten geteilten Zustand. Diese Werbung von Feuerwehrmännern, die bei einem Einsatz schwere Lungenschäden erlitten hätten und nun eine neue Lunge bräuchten. Ärzten ein Herz spenden, sodass sie noch viele weitere Leben würden retten können. Und du wärst am Leben geblieben, hättest dir keinen Schaden zufügen können und wir konnten uns sagen, rechtzeitig eingegriffen zu haben.«
»Als dieser Junge im Fernsehen sprach«, fügte sein Vater hinzu, als er sich gefasst hatte, »dieser Finch, der den großen Hirnlappen von dem Wandler erhalten hat und dessen Bewusstsein immer wieder neben seinem zum Vorschein kam, da erkannten wir erstmals, wie naiv wir waren. Vermutlich haben wir uns durch die Alternativlosigkeit eingeredet, dass dieser Weg der richtige wäre. Wir fanden den Gedanken unerträglich, dass du tot bist oder es dir schlecht geht. Wie wollten nicht glauben, dass der einzige Weg, es zu verhindern, schlimmer sein könnte als der Tod. Es war… wie in einem Horrorfilm, als der Junge berichtete, dass dieser andere in ihm ist. Der Gedanke, dass du gefangen sein könntest in einem anderen Körper, in vielen anderen Körpern, und immernoch ein Bewusstsein hast…« Er schluckte schwer.
»Wir können uns niemals vergeben.« Seine Mutter sprach es aus wie einen unumstößlichen Fakt, an den sie nochmals in ganzer Härte erinnert worden war. »Und doch hat uns der Gedanke, dass du allein dort draußen in der Wildnis bist, ohne uns, mitten im Spätherbst und beginnenden Winter, völlig zerrüttet. Als wir erfuhren, dass du in diesem Erntecamp gelandet bist, da haben wir geweint – vor Erleichterung, dass du noch lebst, und vor Grauen, was dir jetzt blüht. Wir haben versucht, die Verfügung für ungültig zu erklären und dich zu uns zurückzuholen, doch das wurde uns verweigert. Es gab kein Zurück. In dem Moment wussten wir, dass der Staat uns unser Kind weggenommen hat, und dass es die ganze Zeit nur darum ging – nicht, Eltern oder Kindern zu helfen, ja nicht einmal darum, Kranken zu helfen. Das war alles nur Fassade, ein Bruchteil von dem, wofür die Teile aufgewendet wurden. Wir haben uns mit den Jahren an den verschwenderischen Umgang mit Körperteilen gewöhnt, haben gebrochene Arme nicht geheilt, sondern einfach abgenommen und die eines Wandlers angenäht. Eltern lassen ihren Kindern Teile des Hirns ersetzen, damit sie besser rechnen und Geige spielen können oder eine Sprache im Bruchteil der Zeit beherrschen, die es braucht, sie zu lernen. Gleichzeitig hieß es immer, es gäbe zu wenig Wandlerteile. Wir waren auf die falsche Spur geraten – das, was wir von dir immer befürchtet hatten. Nur mussten wir nicht ansatzweise die Konsequenzen tragen, mit denen du konfrontiert wurdest. Du musstest leiden für unsere Fehler, wie es immer ist – die Leidtragenden sind die Kinder ihrer unfähigen Eltern. Und dann kam plötzlich die Nachricht von der Zerstörung des Camps, und dass du tot wärst. Das war der Moment, an dem wir das zweite Mal zerbrachen, heftiger als zuvor. Ich wünschte mir in der Zeit danach tatsächlich, du wärst umgewandelt worden, denn dann wärst du wenigstens… noch da. So hatten wir dich endgültig verloren.« Sie wirkte völlig verzweifelt, wie ein Schatten ihrer selbst. »Ich kam mir selbst wie tot vor, wollte um jeden Preis der Welt, dass du lebst. Aber du warst weg, für immer. Wir erlebten einen völligen Stillstand. Es gibt diese Statue, wo steht sie, in Belgien? Von dieser Person, deren Inneres nicht vorhanden ist. Sie soll darstellen, wie sich Eltern fühlen, die ihr Kind verloren haben. So war es wirklich. Als wir dann erfuhren, dass du überlebt hattest, wie auch immer dieses Wunder möglich war, da war es, als hebt sich ein Schleier von der Welt. Mein Kind lebte…« Sie lächelte ihn so unbeschreiblich glücklich und unglücklich zugleich an, dass Connor schluckte und spürte, wie Tränen hinter seinen Augen drückten. Alle Restwut, die er noch in sich gespürt hatte, war nun endgültig zu kalter Asche heruntergebrannt. So überzeugt er gewesen war, dass nichts seine Wut mildern konnte, so sicher war er nun, dass sie sich nie wieder entzünden würde.
»Unser Kind«, stellte sein Vater da richtig. »Unser Kind, das wir verraten haben. Wir ließen nichts unversucht, zu dir zu gelangen, mehr über dich und deinen Werdegang zu erfahren, doch ohne Erfolg. Nur der gefährliche, egoistische, verachtenswerte Rebell, den die Medien aus dir gemacht haben, war unübersehbar. Wir hassten die Sender dafür, in was für ein negatives Licht sie dich rückten, wie sie dich als Staatsfeind darstellten und den Hass der Bevölkerung auf dich schürten. Aber es war ganz anders: So viele Leute haben mit dir sympathisiert, dich im Stillen unterstützt und dir geholfen – wir waren es, die Ablehnung erfuhren. Wir haben uns geschämt dafür, kein Vertrauen in dich gehabt zu haben. Du hast mehr als bewiesen, dass du jemand bist, auf den wir stolz sein können. Jemand, der die Welt zum Besseren verändert, von einem unsäglichen Übel befreit mit Hilfe einer Technik, die ohne dich wohl niemals wiederentdeckt worden wäre. Wir hätten aus Angst und Blindheit beinahe dein Leben zerstört – und die Welt daran gehindert, zu heilen. Es ist wohl ausgleichende Gerechtigkeit, dass wir nun niemals heilen werden. Wir haben die Scherben vielleicht zusammengesetzt, aber wir können nie wieder ganz werden. Es bleiben immer die Lücken dazwischen.«
Diese Worte triggerten ihn. Denn auch Connor war mittlerweile ein Haufen Scherben, wieder zusammengesetzt zwar, aber doch nicht wieder so, wie er vorher gewesen war. Hatten seine Eltern die Narben bemerkt? Seinen fremden Arm? »Mir geht es genauso, Dad.« Vermutlich glaubten sie, er meine es im übertragenen Sinne, und so hob er sein Oberteil an und drehte sich, damit sie die Nähte sehen konnten, an denen er wieder zusammengesetzt worden war, außen und innen. Vielleicht erkannten sie nun, bei der genaueren Betrachtung seines Körpers, dass auch sein einer Arm und ein Auge nicht mehr die waren, mit denen er geboren wurde. Er hatte sie von einem anderen Wandler erhalten, ohne seine Zustimmung, nachdem das Camp zerstört und er in einer Not-OP gerettet wurde.
Seine Mutter schlug erschüttert die Hände vor den Mund, und sein Vater weitete fassungslos die Augen. »Was…?«, keuchte er völlig entsetzt.
»Ich bin umgewandelt worden«, sagte Connor. »Aber man hat mich wieder zusammengesetzt. Es stimmt also, dass man tatsächlich nicht tot ist. Man ist immernoch da. Aber man hat kein Bewusstsein mehr. Es ist bloß noch eine seelenlose Weiterexistenz.« Die furchtbare Umwandlung hatte an Grauen für ihn verloren, seit er ihr unterzogen worden war, vielleicht auf die gleiche Weise, wie für einen Menschen die Angst vor dem Tod abnahm, wenn er ein Nahtoderlebnis hatte. Bei seinen Eltern war das ganz offensichtlich nicht der Fall. Seine Mutter streckte die Finger nach den Nähten aus, fuhr sie zitternd nach und gab einen unterdrückten Aufschrei von sich, der wie eine Mischung aus Würgen und Schluchzen klang.
»Die haben dich… zerschnitten? Und wieder zusammengesetzt?«, fragte sein Vater und wurde dabei so weiß wie eine Wand.
»Ja. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es ist. Oder eher, wie es nicht ist. Ich kann mich an die Zeit nicht erinnern. Ich war nur noch die Summe meiner Teile, ohne Verstand. Seit ich wieder eins bin, spüre ich, dass etwas anders ist als vorher. Die Lücken zwischen den Teilen. Die Nähte. Ich werde nie wieder komplett sein, auch wenn ich aus den Scherben zu einem Ganzen zusammengesetzt wurde.« Er suchte den Blick seiner Eltern, nachdem er sich wieder bedeckt hatte.
Nun schloss ihn sein Vater in die Arme und küsste ihn. Connor ließ es geschehen, erwiderte die Umarmung. Er hätte nicht geglaubt, sich seinen Eltern je wieder nah fühlen zu können, aber so nah wie jetzt war er ihnen vielleicht noch nie zuvor gewesen. Sie hatten selten so tiefe Gedanken mit ihm geteilt, die ihm solche Erleichterung verschafften. Er spürte, wie sein Vater seinen Nacken mit einer Hand umgriff, so wie früher. Und er mochte es.
»Ich dachte, ihr würdet mich hassen«, flüsterte er. »Dafür, dass ich euch so viel Ärger gemacht habe. Dafür, dass ich geflüchtet bin. Ich dachte, ihr wolltet mich loswerden. Und dass ihr Lucas als das Kind seht, das es wert ist, behalten zu werden. Anders als ich.«
»Ohhhhh…« Es klang wie ein übel genervtes Stöhnen, das sein Vater von sich gab, und seine Mutter lachte halbunterdrückt auf.
»Lucas fängt an, deinem Vater noch mehr auf die Nerven zu gehen als du deinerzeit. Er hört plötzlich dieselbe furchtbare Musik, macht ständig Ärger und strapaziert unsere Nerven«, erklärte sie.
Das überraschte Connor. Lucas war von ihnen beiden stets das Vorzeigekind gewesen.
»Er ist jetzt ein Jugendlicher, genau wie du damals«, sagte sein Vater, weigerte sich aber, ihn loszulassen, als Connor sich aus dem Griff winden wollte. »Jetzt bleib schon hier.« Er vergrub das Gesicht in seinem Haarschopf, und Connor spürte sein Zittern. »Wir können nicht alle Jugendlichen umwandeln, die schwierig werden. Dann… dann hätten wir zwei Kinder verloren. Warum soll es mit dem anderen klappen, wenn es mit dem ersten nicht geklappt hat? Wir hätten Hilfe mit euch beiden gebraucht, aber es gab sie nicht. Alle sagten immer nur, man solle umwandeln lassen. Die wollen doch gar nicht, dass man den Kindern hilft. Die sind froh, wenn für genug Nachschub gesorgt ist. Wir haben Lucas nie mehr als dich geliebt. Wir wussten bei dir nur nicht, was wir tun sollen. Jetzt stehen wir mit ihm vor derselben Frage. Aber du bist noch da, und dafür danke ich jedem Gott, den es gibt.« Er küsste ihn auf die Schädeldecke. »Du bist vielleicht der einzige, der uns helfen kann.«
»Wieso das?«, fragte Connor ernstlich verwundert.
»Nun sei nicht albern«, brummte sein Vater. »Du hast hunderte schwierige Jugendliche organisiert und angeführt, allesamt solche, die die Nerven ihrer Eltern derart strapaziert haben, dass sie sie zur Umwandlung freigaben. Sie alle haben auf dich gehört, etwas geleistet, gezeigt, dass sie sehr wohl zu etwas taugen, anders als die Allgemeinheit behauptet. Wenn jemand uns mit unserem Rotzlöffel helfen kann, dann du.«
Das stimmte wohl tatsächlich, auch wenn es merkwürdig war, darüber nachzudenken. Er war gerührt, dass seine Eltern seinen Rat wollten – bei dem Kind, von dem er geglaubt hatte, dass dessen Stern viel heller leuchtet als seiner. Er fühlte sich plötzlich sehr erwachsen – etwas, das ihn unerwartet nervös machte. »Lucas liebt dich. Zu dir hatte er immer ein gutes Verhältnis. Zu uns wurde es dagegen immer schlechter, nachdem du fort warst. Und wir konnten es ihm nicht ernstlich übelnehmen. Wie konnten wir jemals glauben, er würde über den Verlust seines Bruders einfach hinwegkommen?«
»Du hast so viel erreicht, dass wir uns sicher sind, du hättest dich gut entwickelt, hätten wir dir nur die nötige Zeit gegeben. Dadurch sind wir auch überzeugt, dass sich Lucas gut entwickeln wird«, sagte seine Mutter und klang tatsächlich zuversichtlich.
»Wäre er der ältere von euch beiden, wäre er der Wandler von Akron geworden«, sagte sein Vater plötzlich. Seine Mutter warf ihm einen empörten Blick zu, der ihn jedoch nicht im Mindesten kümmerte. »Was denn? Wir wären statt mit Connor mit ihm überfordert gewesen, hätten ihn ständig angeschrien und für ihn die Verfügung unterschrieben. Es lag nicht an Connor.« Er drückte ihn fester an sich, wie um seiner Aussage Ausdruck zu verleihen. »Mein Junge…«
Connor fühlte sich von ihren Worten erlöst. Er hatte sie schon so oft in ähnlicher Weise von den Eltern anderer Wandler gehört, zu deren Rettung er aufgebrochen war. Wir waren überfordert, haben als Eltern versagt. Alle sagten, es wäre das Beste. Und die Broschüren klangen vertrauenswürdig, so, als würden sie die Jugendlichen fachgerecht darauf vorbereiten, sodass sie sich nicht mehr davor fürchteten. In Frieden in ihr neues Leben im geteilten Zustand gehen konnten. Als würden beide Seiten erlöst sein.
»Es geht vielen so wie uns, wenn man sich umhört«, sagte seine Mutter. »Das ist es, worüber nicht offen gesprochen wird. Wie viele es bereuen, ihre Kinder zur Umwandlung freigegeben zu haben. Nur ist es keine Entscheidung, die wieder rückgängig gemacht werden kann. Eltern sind auch nur Menschen, überfordert, eingeschränkt in ihrer Sichtweise und nicht immer objektiv. Sie sollten nicht die Macht bekommen, solche unverzeihlichen Fehler zu begehen. Ich war entsetzt, als ich von den Abschiedsbriefen hörte, die zu Tausenden bei Eltern in den ganzen Staaten eingingen. Diese Aktion hat viele wachgerüttelt. Vielleicht war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Wir müssen andere davor bewahren, den gleichen Fehler zu begehen. Deshalb haben wir den weiten Weg auf uns genommen – um dich zu sehen, und um für deine Sache einzustehen.«
»Wir können nie wieder gutmachen, was wir getan haben«, fügte sein Vater hinzu. »Aber wir können gemeinsam verhindern, dass andere das gleiche tun. Wir werden dich nie wieder hergeben und dich auf deinem Weg begleiten.«
In Connor breitete sich die beruhigende Gewissheit aus, dass er nicht länger gegen die ankämpfte, die er tief im Herzen liebte. Sie würden mit ihm kämpfen. Als ein ganzes, das aus Scherben bestand. Es war tatsächlich ein Neubeginn.
Er hatte geglaubt, ihnen noch so viel sagen zu müssen, all das, was in seinem Abschiedsbrief geschrieben stand und was sie seiner Ansicht nach erfahren sollten. Doch er wusste nichts mehr zu sagen, als sie ihm schließlich die Frage stellten: »Was ist dir in all der Zeit da draußen widerfahren?«
Connor seufzte. »Das ist eine Geschichte, die Bücher füllen würde.«
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