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Dead Gardens. Orchid Edenthew – Entscheidungen einer Mentorin

von Crowl
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
OC (Own Character)
17.07.2020
08.01.2021
26
45.814
2
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Dieses Kapitel
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17.07.2020 1.825
 
Meine Narben schmerzen. Wie immer, wenn die Hungerspiele wieder kurz bevor stehen. Mürrisch tunke ich einen Finger in das Cremetöpfchen und verstreiche die weiße Paste behutsam über die geröteten Furchen auf meiner linken Wange. Es ist, als ob mein Körper allergisch auf dieses perverse Spektakel reagiert. Dabei bräuchte ich diese Art von Erinnerung überhaupt nicht. Es vergeht ohnehin kein Tag, an dem ich nicht an die Spiele denke. An meine eigenen genauso wie an die fünf folgenden, bei denen ich als Mentorin dabei sein musste. Zehn tote Tribute aus unserem Distrikt habe ich mittlerweile zu verantworten. Und morgen kommen wieder zwei Verdammte dazu. Dann ist das Dutzend voll.

Schon der bloße Gedanken daran lässt meinen Kopf schmerzen, und ich schüttele mich, um ihn zu vertreiben. Ab morgen muss ich wieder wochenlang für alle die strahlende Siegerin geben. Ich sollte diesen letzten Tag in Freiheit nicht mit einer meiner Migränen verschwenden. Also lege ich nach dem Eincremen der Narben kein Makeup auf – Für wen auch?! Hier lebt ja weit und breit niemand außer mir! –, schlüpfe in eine graue Jogginghose und einen gleichfarbigen Schlabberpulli und schlurfe die Treppe runter in die Küche. Schnell ein paar Brote belegen, und dann nichts wie raus aus dieser verfluchten Villa und diesem sogenannten „Dorf der Sieger“ mit seinen nutzlos leer stehenden Häusern! In das kleine Kiefernwäldchen ungefähr einen Kilometer außerhalb. Diese stille Einsamkeit in der Natur ist genau das, was ich jetzt brauche, bevor der ganze widerwärtige Trubel von Neuem beginnt. Die ewige Blutmühle…

Ich bin gerade dabei, meine Sachen zusammenzupacken, als sich draußen brummende Geräusche nähern. Ganz offenbar mehrere Fahrzeuge, die schließlich direkt vor der Villa anhalten. Das bedeutet bestimmt nichts Gutes. Wenigstens heute hätten sie mich doch noch in Ruhe lassen können! Mit verschränkten Armen stelle ich mich im pompösen Foyer auf, um die unerwünschten Besucher frostig zu empfangen. Schon höre ich Schritte und gedämpfte Stimmen vor dem Eingang. Dann senkt sich die Klinke, die Tür öffnet sich knarrend, und herein tritt… ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, mit hellbraunen Zöpfen und in einem blütenweißen Spitzenkleid. Vor dem Bauch umklammert sie einen großen Plüschteddy ganz fest mit beiden Händen. Neugierig lässt sie ihren Blick durch das weitläufige Treppenhaus schweifen, dann entdeckt sie mich, lächelt breit und läuft fröhlich auf mich zu. Kurz vor mir stoppt sie jedoch abrupt ab und blickt mich mit zusammengekniffenen Augen an: „Du bist hübsch, aber warum hast du denn diese roten Streifen im Gesicht?“ „Ich… äh…“, kann ich nur baff stammeln.

Mit so etwas hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Wer ist dieses Kind?! „Na na, mein Schatz“, tadelt eine mir leider allzu bekannte Stimme amüsiert aus dem Hintergrund, und ich löse meinen Blick von dem Mädchen. Präsident Snow hat jetzt den Raum betreten, in einem nachtschwarzen Anzug und mit der üblichen weißen Rose im Knopfloch. Draußen vor der offenen Tür sehe ich noch eine Gruppe Friedenswächter in ihren klobigen Uniformen und mit den Waffen im Anschlag stehen. „So redet man aber nicht mit seiner Gastgeberin!“, fährt er streng fort. „Miss Edenthew hat die Hungerspiele gewonnen, als du noch gar nicht geboren warst. Sie ist eine Heldin! Begrüß sie, wie es sich gehört!“ Die Kleine dreht sich zu ihm um: „Tschuldigung, Papa“, erwidert sie zerknirscht. Dann wendet sie sich wieder mir zu, macht einen kleinen Knicks und sagt mit zuckersüßer Stimme: „Danke, dass wir heute hier sein dürfen!“ „Ja, schon gut, sei mir willkommen“, murmle ich, jetzt nur noch mehr verwirrt. Dieses zauberhafte Wesen soll Snows Tochter sein?! Ich hätte nie gedacht, dass er auch nur eine Frau hat… Ich meine, wie kann man einen solchen Menschen lieben?

„Herzchen, die Hausherrin und ich haben noch einige Dinge zu besprechen“, reißt Snow das Gespräch wieder an sich. „Erwachsenenkram, es würde dich nur langweilen. Warum gehst du nicht mit Brummi nach oben ins Kaminzimmer und spielst dort ein wenig mit ihm?“ Er blickt mich schelmisch an: „Sie haben doch nichts dagegen, oder?“ „Nein nein“, antworte ich rasch, „bitte, fühl dich ganz wie zuhause.“ Das Mädchen nickt eifrig, lächelt mich noch einmal an und hopst dann vergnügt mit ihrem Teddybär die Treppe hoch. Snow schaut ihr mit fast schon sanfter Miene hinterher und wartet, bis sie durch die Tür am Ende des Flurs verschwunden ist. Schlagartig verändert sich jetzt sein Gesichtsausdruck und er fixiert mich mit diesen stechenden Augen, die ich so an ihm fürchte. „Und wir beide setzen uns am besten im Wohnzimmer zusammen“, sagt er in einer Art und Weise, dass es mehr ein Befehl als ein Vorschlag ist. Sogleich geht er energisch voran, als wäre das hier sein Haus – na ja, eigentlich ist das auch gar nicht so falsch –, setzt sich in den großen dunkelbraunen Ledersessel und weist mir einen Platz auf der Couch an der anderen Seite des niedrigen Glastisches zu. Hier dämmere ich sonst oft stundenlang vor mich hin, wenn ein trüber Tag einfach kein Ende nehmen will. Eine Siegerin zu sein, das bedeutet drei, vier Wochen höchste Anspannung im Jahr und ansonsten – absolute Leere. Zumindest für mich. Aber in diesem Moment muss ich hellwach sein!

„Also, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches“, frage ich Snow misstrauisch. „Sie sind doch sicher nicht nur hergekommen, um Ihrer Tochter eine Geisterstadt zu zeigen.“ „Nein, in der Tat nicht“, antwortet er in dieser oberflächlich ruhigen und gleichzeitig lauernden Tonlage, die mir auch jetzt wieder einen Schauer über den Rücken jagt. „Aber Sie müssen sich nicht sorgen, Miss Edenthew: Ich bin hier, um Ihnen ein Geschenk zu überbringen! Und das, obwohl ich eigentlich nicht sonderlich zufrieden mit Ihnen bin. Wir hatten eine Vereinbarung getroffen, erinnern Sie sich? Distrikt 1 sollte ein Ort der Sieger werden! Und doch steht dieses Dorf, wie Sie eben ja schon zugegeben haben, immer noch so leer…“ Verdammt, hätte ich bloß besser auf meine Wortwahl geachtet! „Ich habe mich an unsere Abmachung gehalten“, beeile ich mich ihm zu versichern. Seine Anspielung gefällt mir ganz und gar nicht, denn ich ahne nur zu gut, worauf das hinauslaufen kann. „Ich habe die Spiele immer öffentlich unterstützt, und wir haben jetzt auch häufig Freiwillige bei der Ernte.“ „Das ist ja alles schön und gut“, entgegnet er unbeeindruckt. „Aber am Ende zählt der Erfolg in der Arena. Und da haben Sie nun mal nicht viel vorzuweisen.“ „Das stimmt so nicht!“, verteidige ich mich hastig. „Unsere Tribute überleben jetzt viel länger als früher! Glow hat es vor zwei Jahren immerhin auf den dritten Platz geschafft und…“ „Der dritte Platz!“, unterbricht er mich und klatscht höhnisch in die Hände. „So wie Ihr Distriktpartner bei Ihren eigenen Spielen? Ich gratuliere! Warum rufen Sie die beiden nicht her, damit ich ihnen Medaillen umhängen kann?“ Das sitzt! Unwillkürlich senke ich den Blick und starre betreten auf meine verschränkten Füße. „Sie wissen doch selbst am besten, dass es in den Hungerspielen nur einen Sieger gibt“, belehrt er mich. „Alles andere spielt überhaupt keine Rolle!“

Snow lehnt sich im Sessel zurück und streicht sich durch den dunklen Kinnbart. „Aber ich will nicht zu hart mit Ihnen sein, Miss Edenthew. Sie sind noch jung und haben von vielen Dingen einfach keine Ahnung. Von Erziehung, zum Beispiel. Wie könnten Sie auch, schließlich haben Sie ja selbst keine Kinder.“ Er mustert mich missbilligend. „Und das wird sich wohl auch nicht ändern, wenn Sie sich zwischen den Spielen weiterhin nur in einem solchen Aufzug im Haus verkriechen. Doch natürlich ist das Ihre Privatsache, da will ich mich gar nicht groß einmischen.“ Na vielen Dank auch! Als ob ich überhaupt noch so etwas wie ein normales Leben führen könnte, geschweige denn eine Beziehung… „Jedenfalls“, fährt er fort, „ist es so: Meine Tochter, die Sie ja eben kennengelernt haben, liebt Schokoladeneis. Wirklich, seit ich sie zum ersten Mal davon habe kosten lassen, ist sie geradezu versessen darauf. Sie himmelt mich an, wenn ich ihr welches besorge. Nun ist Schokoladeneis natürlich ungesund für ein Kind in ihrem Alter, ich kann es ihr also nicht immer erlauben. Aber von Zeit zu Zeit muss sie es schon bekommen. Ansonsten könnte ihre liebreizende Zuneigung ganz schnell in trotzige Aufmüpfigkeit umschlagen. Und damit wäre doch keinem gedient. Verstehen Sie, was ich meine?“ „Schon. Aber ich finde nicht, dass man einen Sieg bei den Spielen mit Süßigkeiten vergleichen kann“, erwidere ich vorsichtig. „O doch“, betont er, „es ist das gleiche Prinzip: Erziehung! Die Bewohner der Distrikte sind genau wie kleine Kinder. Sie fangen schnell das Quengeln an, denn sie wissen nicht, was gut für sie ist. Dafür brauchen sie ihren Präsidenten! Ansonsten würde wieder Chaos ausbrechen, wie damals im Bürgerkrieg. Es ist meine Verantwortung, das zu verhindern! Und Sie als Siegerin – als Freiwillige zumal! –, als Mentorin dieses Distrikts stehen in der Pflicht, mich dabei zu unterstützen! Was das betrifft, vermisse ich bei Ihnen eine angemessene Motivation, und unser bisheriges Gespräch heute bestärkt mich darin nur noch weiter. Um das zu verbessern, habe ich Ihnen daher das bereits erwähnte Geschenk mitgebracht.“

Er macht ein Handzeichen, und zwei seiner Leibwächter verlassen den Raum. Kurze Zeit später kehren sie mit einer Glasurne zurück, wie sie bei der Ernte benutzt wird, und stellen sie direkt vor mich auf den Tisch. Sie ist bis oben hin mit Losen gefüllt. „Na los, Miss Edenthew“, fordert Snow mich auf, „heute dürfen Sie sich einmal als Losfee versuchen!“ „Danke für das Angebot, aber ich denke, das überlasse ich dann lieber unserer Eskorte Cassandra. Sie hat da viel mehr Erfahrung“, antworte ich ausweichend, obwohl es ja doch nichts nutzen wird. „Tja, ich fürchte, ich muss darauf bestehen“, kontert er mit schneidender Stimme, die keine weiteren Widerworte duldet. Also beuge ich mich vor, greife lustlos in die Urne und ziehe den erstbesten Zettel. „Nicht so!“, weist Snow mich zurecht. „Geben Sie sich etwas mehr Mühe! Bedenken Sie, welche Folgen Ihre Wahl bei der richtigen Ernte hätte!“ Seufzend lege ich das Los zurück, wühle mit der Hand einige Sekunden lang und fische ein anderes Stück Papier heraus. Ich blinzle zu Snow hinüber, der mich mit vor der Brust verschränkten Händen erwartungsvoll ansieht. Dann entfalte ich das Los und lese den Namen, der darauf geschrieben steht: Blossom Edenthew!

„Nun sagen Sie bloß, Sie haben Ihre eigene Schwester gezogen“, fragt der Präsident mit gespielter Überraschung. „So ein Unglück! Aber wir proben hier ja nur, Miss Edenthew, noch ist gar nichts passiert. Versuchen Sie es doch einfach erneut!“ „Ach, hören Sie schon auf mit Ihren Spielchen!“, rufe ich wütend und schleudere den Zettel zurück in den Behälter. „Ich bin doch nicht blöd! Jedes einzelne Los hier drin trägt ihren Namen!“ „Das haben Sie völlig richtig erkannt“, entgegnet er kühl und reibt seine Finger gegeneinander. Die Maske ist endgültig gefallen. „Dass diese Urne morgen noch nicht auf der Bühne steht, ist mein Geschenk an Sie. Sie wissen genau, niemand würde es wagen, sich nach diesem Los freiwillig zu melden! Ich gebe Ihnen ein letztes Mal die Chance, mir einen Sieger zu liefern! Ansonsten werden Sie bei den nächsten Spielen ganz sicher in höchstem Maße engagiert sein. Weil es dann nämlich um das Leben Ihrer Schwester gehen wird!“
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