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2020 07 16: Das Feuer der Revolution [by Eiche]

OneshotAllgemein / P12 / Gen
16.07.2020
16.07.2020
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Tag der Veröffentlichung: 16.7.
Zitat: „Man sagt, dass das Feuer am hellsten leuchtet, wenn die Umstände am schlimmsten sind." "Ja, aber niemand glaubt es wirklich." (Das wandelnde Schloss)
Titel der Geschichte: Das Feuer der Revolution
Autor: Eiche
Kommentar des Autors: Zu dieser Geschichte inspiriert hat mich das Buch „Die roten Matrosen“ von Klaus Kordon.

Das Feuer der Revolution




“Und denk dran. Sind die Umstände am schlimmsten, dann leuchtet die Hoffnung und das Feuer um so heller.“

Ich blicke vom Brief auf. So glücklich war ich, als ich ihn vorhin gefunden habe. Es ist der erste, den ich von meiner Freundin Erna vom Land bekommen habe. Aber was bedeutet dieser letzte Satz? Glaubt sie wirklich daran? Denkt sie, uns geht es gut?

Der Krieg hat uns alle ausgemergelt, und immer noch ist er nicht zu Ende. Als wollten all die Mächtigen nicht aufgeben, dabei haben sie doch schon längst verloren. Krieg, seit mehr als drei Jahren. Und wann er enden wird, weiß niemand. Wir haben keine Chance, das wissen wir alle. Und wir an der Heimatfront leiden darunter.

Der Winter ist kalt und Nahrung ist knapp, genau wie Kohle. Ich tue alles, um irgendwie Geld zu verdienen. Meine Mutter will nicht, dass ich arbeite, auch wenn sie sich selbst dafür den ganzen Tag abrackert. Aber ich glaube sowieso nicht, dass ich eine Stelle bekommen würde. Und so versuche ich durch Koffertragen am Bahnhof oder Schuhputzen ein paar Groschen dazuzuverdienen. Wenn ich nicht auf meine kleine Schwester aufpassen muss. Auch Kohle versuche ich immer wieder zu stehlen. Nur bin ich da leider nicht die einzige. Wir junge Erwachsene streiten uns mit den kleinen Kindern um die kleinen Arbeiten, die uns beim Überleben helfen könnten, dabei hat niemand genug.

Wäre Vater nur da. Aber der ist an der Front, so wie fast alle Männer im Reich. Und die Frauen müssen versuchen, die Kinder durchzufüttern. Doch die Preise kann niemand bezahlen. So oft mussten wir hungern, die letzten Jahre. So oft habe ich mich gefragt, was wir am nächsten Tag essen sollten. Meine Mutter versucht alles. Sie arbeitet so lange sie kann, aber ich weiß, dass sie am Ende ist. Könnte ich sie nur entlasten. Vater fehlt ihr, sie bräuchte ihn. Und ich weiß, dass sie sich schuldig fühlt, da sie meiner Schwester und mir nicht das Leben bieten kann, das wir verdienen. Aber wer kann das heutzutage schon?
Und immerhin leben wir.

Mir wird ganz kalt als ich an unsere Nachbarn denke, Frau Huber und ihre Familie. Im ersten Kriegswinter ist ihre Jüngste gestorben, Tuberkulose. Dann sind ihr Mann und ihr Ältester an der Front ums Leben gekommen. Diesen Winter ist einer der kleinen Jungen verhungert. Und immer noch muss sie vier Kinder durchfüttern. Sie ist eine Heldin, Frau Huber, genau wie Mutter, genau wie alle Mütter, die in diesen grauenvollen Zeiten alles tun, um ihre Kinder zu ernähren, ganz alleine. Die Männer und Söhne in Lebensgefahr oder schon tot. Und wir können nichts dagegen tun.

Erna hat gut reden. Ja, sie muss die Umstände hier nicht erleben, sie darf bei ihrer Tante auf dem Land wohnen. Sicher haben sie genug zu essen. In der Zeitung stand, auf dem Land bekommen sie nichts von Krieg mit. Sicher geht es ihr gut, sie muss nicht arbeiten und sich nicht fragen, ob sie die Nacht überleben wird.

„Morgen meine Große.“
Meine Mutter kommt in die Stube. Sie nimmt eine Decke und legt sie sich um die Schultern. Dann setzt sie sich zu mir. Wir haben nicht genug Brennmaterial um den ganzen Tag zu heizen. Und da sie auch nichts hat, was sie zum Frühstück kochen könnte, lohnt es sich nicht, den Herd anzufeuern. So sparen wir wenigstens etwas Kohle.

„Erna hat dir geschrieben.“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage
„Ja, aber sie hat keine Ahnung, wie es hier ist. Sie meint, das Feuer würde am hellsten leuchten, wenn die Umstände am schlimmsten sind. Aber sieh dir unseren Herd an. Kein Feuer, kein Licht. Keine Wärme, keine Hoffnung. Und wann war es schon schlimmer als jetzt?“

Mutter blickt mich lange schweigend  an. Sie scheint zu überlegen.

„Vielleicht meint sie das Feuer in den Herzen der Menschen. Du bist nicht die einzige Unzufriedene. So viele Menschen hungern, wir alle leiden unter dem Krieg. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir beginnen uns zu wehren.
Das Feuer, das sie meint, ist die Revolution. Wie in Russland wird es auch hier bald Aufstände geben. Und wenn wir endlich die Macht haben, endlich entscheiden können, was passiert, dann wird es uns allen besser gehen. Und mit jedem Morgen kommen wir dem Tag des Umsturzes näher.
Das Feuer wurde entfacht, schon vor langer Zeit, von denen, die es am wenigsten wollten. Und es findet immer mehr Nahrung, frisst sich immer weiter, sie füttern es. Und eines Tages wird es groß genug sein, lange wird es nicht mehr dauern. Und dann wird es die alte Weltordnung verbrennen und wir können aus der Asche eine neue, bessere Welt bauen.“





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Das Zitat hat zu dieser Geschichte wirklich gut gepasst. Eine tolle Umsetzung.

Eure lula-chan
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