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Detroit Evolution - Second Chances

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Gavin Reed
15.07.2020
15.07.2020
1
1.988
 
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15.07.2020 1.988
 
Ich bin wieder da und wie sollte es auch anders sein, bringe ich einen neuen Detroit Evolution-OS. Vielen Dank an die liebe Little MIss Creative, dass sie sich die Zeit genommen und Mühe gemacht hat, den OS für mich betazulesen. Ich weiß es sehr zu schätzen.

Eine wichtige Info vorab: Dieser Oneshot basiert auf dem brillanten DBH-Fanfilm Detroit Evolution von Octopunk Media. Ich empfehle dringend, sich den Film zu Gemüte zu führen, bevor ihr diesen Oneshot lest, damit ihr den korrekten Kontext habt und die kleinen und großen Andeutungen versteht, die sich darin finden.
Darüber hinaus kann ich euch den Film auch abseits dieser Geschichte nur ans Herz legen. Neben sehr hochwertigen technischen Aspekten (Musik, Kostüme, Setpieces, Schnitt, Shotkomposition, etc...) und hochtalentierten Schauspielern, quillt der Film über vor Herz und Passion und ich kann jedem DBH-/Reed900-Fan nur dringendst raten, sich den Film zu Gemüte zu führen und den Machern etwas Liebe in Form von Likes und Kommentaren dazulassen. Sie haben etwas Außerordentliches für uns Fans erschaffen und ich wünsche ihnen allen Erfolg, der ihnen dafür zusteht.

Das wars auch schon wieder von meiner Seite. Viel Spaß mit dem Oneshot.


Detroit Evolution - Second Chances



Als die fremde Simulation das erste Mal in Adas Bewusstsein erschienen war, hätte sie sich beinah zu Tode erschrocken – metaphorisch gesprochen, natürlich. Eben hatte sie noch erleichtert die Stille ihres Gartens genossen und die Gelegenheit nutzen wollen, all die neuen Eindrücke und Gefühle, die ihr Abweichen mit sich gebracht hatte, zu sortieren und zu verarbeiten, dann hatte sie eine ihr bekannte Stimme aufgeschreckt.

„Fuck, ich dachte Nines' Hirn sei langweilig, aber das hier ist ja noch schlimmer.“

Ihr erster Instinkt war es gewesen, ihr Programm auf Viren und Malware zu durchsuchen, doch ein schneller Scan brachte keine Ergebnisse. Ihre Software – eigentlich Nines' Software – lief fehlerlos.

Also warum sah sie sich einer Simulation von Detective Gavin Reed gegenüber, die sie nicht programmiert hatte?

„Was... wieso...“, sie brauchte erbärmlich lange, um ihre Gedanken zu sortieren und einen verständlichen Satz zu formen. „Detective Reed? Wie... wie kommen Sie hierher?“

Detective Reed zuckte nur mit den Schultern und vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jeans. „Woher soll ich das wissen? Wir sind hier doch nicht in meinem Kopf, oder? Hey, was ist es mit euch Blechbüchsen und diesen grässlichen Gärten?“ Er drehte sich einmal um sich selbst und sah sich skeptisch um. Besonders das perfekt angelegte japanische Steinbeet beäugte er mit unübersehbarer Abscheu.

Ada öffnete den Mund, um zu sagen, dass sie auch keine Erklärung dafür hatte, doch dann kam ihr ein Gedanke. „Sind Sie... hat Nines Sie programmiert?“

Detective Reed sah sie nicht einmal an. „Keine Ahnung, wie er auf die Idee gekommen ist. Fucking gruselig, wenn du mich fragst, aber er brauchte halt jemanden zum Reden. Fuck, hast du hier irgendwo eine... keine Ahnung, 'ne imaginäre Kaffeemaschine oder so?“

Ada blinzelte und versuchte, aus dieser Antwort schlau zu werden. Sie beobachtete Detective Reed, wie er sich in ihrem Garten umsah und sagte: „Ich vermute... dass ich mit Nines' Software gleichzeitig auch eine Kopie von Ihnen in mein Bewusstsein transferiert habe. Ich verstehe nur nicht, wie mir das entgehen konnte...“

„Karma? Die gerechte Strafe dafür, dass du Nines seine Software klauen wolltest?“, schlug Detective Reed vor und kam mit federnden Schritten auf sie zu. „Zumindest glaube ich nicht, dass irgendwer außer Nines mich freiwillig in seinem Kopf haben wollen würde.“

Ada wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Dann sagte sie tonlos: „Du kannst nicht hierbleiben.“

Detective Reed hob die Brauen. „Oh ja? Was, ruiniere ich etwa die Aussicht? Obwohl Nines sich doch solche Mühe gegeben hat, mich halbwegs herzeigbar zu gestalten? Du brichst mir das Herz.“

„Was... nein! Das ist es nicht!“, widersprach sie, doch Detective Reeds Lippen zuckten verräterisch. Verärgert zog sie die Augenbrauen zusammen. „Ich kann keine Simulation eines anderen Androiden in meinem Stasis-Garten bestehen lassen.“

„Ach? Auf einmal hast du Skrupel, Teile anderer Androiden für dich zu beanspruchen?“ Detective Reeds Ton war nach wie vor eher verspielt als wirklich vorwurfsvoll, dennoch trafen seine Worte Ada härter, als sie es je für möglich gehalten hätte.

Sie presste die Lippen zusammen und drehte sich weg. Bilder von Androiden fluteten ihr Bewusstsein, ihre angsterfüllten Augen, ihr Flehen, das auf taube Ohren gestoßen war... Thirium zwischen Adas Fingern, als sie sie in Stücke riss und sich jene Teile nahm, die sie brauchte. Lisas leere Augen, die durch sie hindurchzusehen schienen, bevor sie den leblosen Körper im Hafenbecken versenkte...

„Hey... ähm... Basic Instinct?“, Detective Reeds Stimme drang durch die Erinnerungen, klar und deutlich wie ein Lichtstrahl in absoluter Dunkelheit. Sie klammerte sich daran fest, zog sich gewaltsam aus dem Strudel von Bildern und Geräuschen und Schuld.

Als sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst war, stand Detective Reed direkt neben ihr und sah sie besorgt an. „Hey, bist du okay? Komm schon, Basic, rede mit mir. Mein Scheiß ist es nicht wert, darüber einen Kurzschluss zu kriegen...“

Ada nahm einen tiefen, wenngleich unnötigen Atemzug und schob all die verwilderten Dateien in den Hintergrund. Sie begriff nicht, wie Nines – oder irgendein anderer Abweichler – funktionieren konnte, während er permanent mit unkontrollierbaren Emotionen überrollt wurde.

Aber schließlich hatte Nines auch nicht die Schuld am Tod eines Dutzend unschuldiger Androiden auf sich geladen.

„Es... es geht mir gut“, presste sie hervor und ärgerte sich, dass ihre Stimme alles andere als fest klang. „Gefühle sind noch immer... kompliziert für mich.“

„Ha! Willkommen im Club. Sorry. Ich bin es nicht gewöhnt, dass jemand den Bullshit, den ich von mir gebe, ernst nimmt.“ Detective Reeds Gesicht zeigte so etwas wie Reue. „Du, ähm... kannst mich löschen, wenn du willst. Ich würd's dir nicht übel nehmen.“

Ada starrte ihn an und suchte nach Worten. Doch sie fand keine.

Vermutlich hatte er recht und es wäre das Beste, wenn sie ihn einfach löschen würde. Sie war sich nicht sicher, wie sie ihn überhaupt unbemerkt hatte kopieren können und es konnte keine gute Idee sein, fremde Simulationen in ihrem Programm frei herumlaufen zu lassen. Sie sollte einfach seinen Code aus Nines' Software isolieren und ihn löschen.

Wenn nur nicht der bloße Gedanke daran bereits wieder eine neuerliche Welle von Schuldgefühlen über sie hereinbrechen ließe.

Als ob sie nicht schon genug Existenzen ausgelöscht hätte. Sie wusste nicht, wozu Nines sich eine Simulation von Detective Reed hätte programmieren sollen, aber es musste einen Grund dafür gegeben haben. Ihn nun einfach zu löschen, erschien ihr... falsch. Er war ein Teil von Nines' Software... von Nines. Der ihr eine zweite Chance geschenkt hatte, nachdem sie ihm Unvorstellbares angetan hatte.

Wie könnte sie nun einen Teil von ihm einfach löschen?

„Ich... ich werde darüber nachdenken“, sagte sie schließlich ausweichend. „Ich... habe jetzt keine Zeit dafür. Ich entscheide es nächstes Mal.“

Sie wollte ihre Stasis beenden, doch Detective Reed hielt sie auf: „Es war nicht deine Schuld, okay? Du hattest keine Kontrolle über deine Taten. Das warst nicht wirklich du.“

Sie hielt inne. Es waren fast die gleichen Worte, mit denen Nines die übrigen Polizisten überzeugt hatte, sie gehen zu lassen. Es waren die gleichen Worte, die sie sich selbst seitdem Tag für Tag einzureden versuchte. Sie von jemand anderem zu hören, war... eine fast greifbare Erleichterung.

Sie fand keine Worte, um ihm zu antworten. Vielleicht fuhr er deswegen fort: „Niemand macht dir Vorwürfe für etwas, das du vor deinem Abweichen getan hast.“

„Vielleicht sollten sie das“, schnappte Ada zurück, ihre Stimme schärfer als beabsichtigt. Sofort presste sie die Lippen zusammen. Ihre LED blinkte zweimal rot, ehe sie sich wieder bei gelb einpendelte.

Sie hörte Detective Reeds Schritte hinter ihr, doch sie drehte sich nicht zu ihm um.

„Ach? Was, glaubst du, du seist der einzige fucking Android, der Mist gebaut hast?“, fragte er mit spöttischer Stimme. „Shit, Connor hat mich fucking krankenhausreif geprügelt, bevor er abgewichen ist. Zugegeben, ich habe vorher versucht, ihn zu erschießen... aber das ist nicht der Punkt.“

Er trat um sie herum, bis sie seinem Blick nicht mehr ausweichen konnte. „Schau, Basic... ich bin nicht der Typ, der andere in Watte packt. Ich bin nur das digitale Abbild eines koffeinsüchtigen Cops mit chronischem Schlafmangel. Nines war nett genug, mich ohne Augenringe zu programmieren, aber das macht mich nicht zum netten Kerl.“

Er vergrub wieder seine Hände in den Hosentaschen und wippte auf den Fersen vor und zurück. „Aber ich kann dir sagen, was ich auch Nines ein paar Mal sagen musste – es bringt niemandem etwas, immer nur in der Vergangenheit zu leben. Was geschehen ist, ist geschehen. Leben bedeutet, Fehler zu machen. Daran kannst du nichts ändern. Niemand ist je wirklich fehlerlos und es gibt kein Endziel, das man erreichen kann. Keine Liste, die du abarbeitest, bis du Perfektion erreicht hast. Wenn du das akzeptieren kannst... wird es leichter werden.“

Ada senkte den Blick. „Ich... ich weiß nicht, was ich tun soll“, gestand sie leise. „Ich habe so unendlich viel Leid verursacht... all diese Androiden, die ich getötet habe... es ist... so ungerecht, dass ich eine zweite Chance bekommen habe und sie nicht...“

Detective Reed schnaubte leise, doch es klang eher traurig, als belustigt. „Das Leben ist selten fair, Basic“, erklärte er mit ungewöhnlich sanfter Stimme. „Unschuldige leiden und solche wie du und ich bekommen zweite Chancen geschenkt. Fuck, natürlich ist es ungerecht! Aber so wie ich das sehe, sind wir es der Welt gerade deshalb schuldig, weiterzukämpfen. Unsere Talente guten Zwecken zu widmen. Unsere Chancen zu nutzen und fucking... besser zu sein.“

Ada bemerkte erst, dass sie ihn angestarrt hatte, als er seine kleine Rede beendet hatte und ihren Blick erwiderte. Sie zog die Stirn kraus und fragte: „Besser zu sein? Besser... als was?“

Und Detective Reed antwortete knapp: „Besser als das, was wir wären, wenn es uns nicht kümmern würde. Wenn es niemandem gäbe, der uns eine zweite Chance zu geben bereit wäre. Der daran glaubt, dass wir besser sein können.“

Dann schwiegen sie beide für eine ganze Weile. Ada kam sich entsetzlich dumm vor. Ein Android wie sie sollte nicht auf Weisheiten einer Simulation eines koffeinsüchtigen Cops mit chronischem Schlafmangel angewiesen sein. Dennoch fühlte sie sich nach Detective Reeds Worten etwas ruhiger.

„Besser als das, was wir wären, wenn es uns nicht kümmern würde...“, das war vage, aber es war ein Ziel, auf das sie hinarbeiten konnte. Sie wusste nicht, ob es die Schuld in ihrem Inneren je besänftigen würde. Aber möglicherweise war es auch gut so. Damit sie sich immer daran erinnern konnte, warum sie besser sein musste.

Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln, obwohl es beinem Kraftakt gleichkam. „Das klingt... logisch, Detective. Ich glaube, Sie haben recht.“ Sie musste schmunzeln. „Ich schätze, ich verstehe jetzt, warum Nines Sie programmiert hat.“

Detective Reed prustete. „Fuck, auch der modernste Android, den CyberLife je entwickelt hat, braucht hin und wieder jemandem, der ihm den Kopf geraderückt. Außerdem hat er mit mir Küssen geübt, als er noch zu feige war, dem echten Ich seine Gefühle zu gestehen. Aber verrate ihm nicht, dass ich dir das gesagt hab.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Und aller Logik zum Trotz, musste Ada lachen. Und es fühlte sich unendlich befreiend an. „Hat Detective Reed das wirklich nie bemerkt? Nines hatte doch nur Augen für ihn. Sind Menschen wirklich so blind?“

Und Detective Reed lachte mit ihr. „Du hast ja keine Ahnung!“

Wieder entstand ein Schweigen zwischen ihnen, doch diesmal war es deutlich weniger beklemmend. Ada sammelte sich und sagte: „Ich werde über Ihre Worte nachdenken, Detective. Für... für den Moment können Sie hierbleiben.“

„Ha, wusste ich doch, dass du meinem Charme nicht widerstehen kannst“, zog er sie auf und setzte sich entspannt ins Gras. „Ich bin hier, falls du jemandem zum Reden brauchst. Oder dich mal prügeln willst, oder so. Hab gehört, das kann helfen, Dampf abzulassen.“

„Ich werde darauf zurückkommen“, schoss Ada lächelnd zurück. Dann fügte sie noch hinzu: „Danke, Detective Reed.“

„Gavin“, war das Letzte, das sie hörte, bevor sie ihre Stasis beendete. „Bis später, Ada.“







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