Reif für die Insel - Down Under

von ruawei
GeschichteDrama, Romanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
15.07.2020
11.08.2020
12
9.673
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15.07.2020 799
 
"Sehr geehrte Damen und Herren,

hier spricht ihr Schreiberling ruawei. Auf unserem Flug von Norderney nach Australien setzen wir in wenigen Zeilen zur Landung an. Bitte stellen Sie Íhre Rückenlehne nach hinten und lesen Sie hoffentlich interessiert die Fortsetzung  von REIF FÜR DIE INSEL.

Vielen Dank!"



"Schau mal, Hubsi! Da links gehts zu den Dundas Rocks!“, rief Anja und deutete auf das Schild, das vor ihnen am Straßenrand auftauchte. „Hier auf der Karte sind die als besondere Sehenswürdigkeit eingezeichnet!", ergänzte sie, während sie auf dem Beifahrersitz mit dem Straßenatlas hantierte, Hubsi neben ihr brummte: "Ham mir noch ned genug Stoa gsehn in den letzten Wochen? Außerdem ham mir noch a lange Fahrt vor uns. Wir wollen bis zur Küste runter! Und mir ham heut früh auf dem Campingplatz in Norseman eh so getrödelt!“
Er hatte recht. Nach tagelanger Fahrt durch Hitze und Staub war ihnen der kleine Bergbauort im australischen Outback wie das Paradies vorgekommen. Deswegen hatten sie sich am Morgen viel Zeit gelassen, ihre Zelte wieder abzubrechen, respektive ihren Camper startklar zu machen, mit dem die beiden Ex-Ehepartner seit Wochen auf dem australischen Kontinent unterwegs waren. Anjas Enthusiasmus war trotz der inzwischen langen Reisedauer unverändert groß und sie war immer bereit, auch Umwege in Kauf zu nehmen, um JEDE noch so kleine Sehenswürdigkeit entlang ihrer Route, wie hier eben die Dundas Rocks, anzufahren, während ihrem Mitfahrer neben ihr höchstens jede zweite genügt hätte. Deshalb gab es hin und wieder ein leises Donnergrollen auf Wolke Sieben, auf der sich die beiden Neu-Verliebten seit dem Abend auf Norderney befanden.
Aber das andauernde Glücksgefühl, wieder zusammen zu sein, wieder Bett und Tisch zu teilen, wenn auch nur in einer fahrbarer "Blechbüchse", und in der Nacht wieder die Nähe des anderen zu spüren, blies das drohende Gewitter meist schnell fort.

„Dort sind auch die Reste der alten Goldgräberstadt Dundas", ließ Anja erwartungsgemäß nicht locker und war immer noch in die Karte vertieft. Hubsi seufzte, trat auf die Bremse ihres kleinen Wohnmobils, setzte den Blinker und bog auf einen sandigen Waldweg ab.

Die beiden Deutschen wussten inzwischen zur Genüge, dass die Straßen auf dem fünften Kontinent nicht mit denen zu Hause zu vergleichen waren. Ein Highway hielt meist nicht, was sein Name versprach. Manche Überlandverbindung würde aufgrund ihres Zustands und der teilweise sehr engen Fahrbahn in Deutschland nicht einmal den Status einer Bundesstraße genießen, aber hier in Down Under donnerte vom kleinen PKW bis hin zum 22-achsigen LKW als Roadtrain mit zwei bis drei Anhängern alles drüber - besonders auch die vielen Touristen, die mit Wohnmobil oder Wohnwagen-Gespann unterwegs waren. Australien war nun mal ideal für Camping-Reisen. Die Nebenstraßen, die von den geteerten Highways abzweigten, waren oft nur staubige, nicht asphaltierte Fahrbahnen, die Witterung und andere Einflüsse im Lauf der Zeit in Wellblechpisten verwandelt hatten, und die man am besten bloß mit Fahrzeugen mit Allrad-Antrieb befahren sollte.
Langsam und behutsam lenkte Hubsi ihr rollendes Zuhause über die vielen Bodenwellen, trotzdem wurden Fahrzeug und Insassen kräftig durchgeschüttelt. Aber was machte das schon? Der Betreiber der Wohnmobilvermietung sah das sicher anders, denn er hatte ausdrücklich vor Fahren auf unbefestigten Straßen gewarnt. Aber er war weit weg und Hubsi und Anja waren im Jetzt und Hier und seit Wochen in Abenteuerlaune!
Minute um Minute verging. Das Auto quälte sich scheppernd über die vielen Schlaglöcher und wirbelte eine Staubwolke hinter sich auf. Die beiden Hobby-Entdecker blickten gespannt nach vorn. Hinter jeder Biegung konnte die Sehenswürdigkeit auftauchen. Endlich war es soweit: der Wald lichtete sich und machte den Blick auf eine große ebene Fläche frei. Dundas? Doch es gab keine verlassenen Häuser, nicht einmal ein paar Ruinen, zurückgelassene Gerätschaften, alte Autos oder ähnliches, die belegten, dass hier irgendwann einmal ein belebter Ort gewesen war. Nur zwei Straßenschilder ragten einsam aus dem roten Sand des australischen Outbacks, und wenn nicht eine Gedenktafel bestätigt hätte, dass sich hier einst das Örtchen Dundas befand, hätten die beiden Deutschen nicht einmal gewusst , dass sie richtig waren. An das Areal des ehemaligen Dorfes grenzte ein etwa fußballfeldgroßer See, der aber inzwischen ausgetrocknet und von einer glänzend weißen Salzschicht überzogen war. Vielleicht auch ein Grund, warum die Einwohner ihre Bleibe irgendwann verlassen hatten?
"Ist das wirklich alles? Das ist ja wohl ein Witz!", stellte Anja enttäuscht fest.
Mit einem "Kopf hoch! Immer lächeln!" schien ihr Partner sie trösten zu wollen, bevor er zynisch nachschob: "Das ist sicher 'Versteckte Kamera'! Die Aborigines, die hier in der Gegend wohnen, kugeln sich vor Lachen, weil wieder zwei dämliche Touristen auf das Schild hereingefallen sind!"
Anja ignorierte seinen Spott und ließ ihren Blick schweifen. "Schau, Hubsi! Dort drüben sind die Dundas Rocks", stellte sie dann triumphierend fest und öffnete die Beifahrertüre.
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