Lonesome

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Brad Crawford / Oracle
15.07.2020
15.07.2020
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15.07.2020 1.742
 
Disclaimer: Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld. Alles, was an Orten, Personen, Namen etc. bekannt vorkommt, gehört nicht mir.

A/N: Dieser Oneshot darf bei Interesse gerne als Prequel zu What about my Dreams? und Willkommen in Japan gelesen werden.

Weiterhin ist dieser Oneshot ein Geschenk für Silvana, die das 100ste Review zu What about my Dreams? geschrieben hat.
Ich finde es durchaus angebracht, Reviewschreibern auch mal einen Wunsch zu erfüllen, quasi als Dankeschön für die Zeit, die sie sich zum Hinterlassen eines Reviews nehmen. Deswegen picke ich mir ab dem 100sten Review in unregelmäßigen Abständen immer wieder welche heraus, deren Verfasser sich dann einen Oneshot wünschen darf.
Wer also einen Wunsch hat… Und nein, es muss kein halber Roman als Review verfasst werden, nur regelkonform muss es sein, die Länge ist unerheblich.



für
Silvana







Lonesome


Sein Atem bildete weiße Wölkchen in der frostschwangeren Novemberluft und die Wettervorhersage würde Recht behalten. In den frühen Abendstunden würde Schneefall einsetzen und vor morgen Mittag nicht wieder aufhören. Er vergrub die Hände tiefer in den Manteltaschen, während er weiterging.

Es war das erste Mal seit über sechs Jahren, dass er allein außerhalb einer SZ-Einrichtung unterwegs war. Das erste Mal, dass er allein unter Nicht-Begabten war, seit man ihn aus dem Waisenhaus geholt hatte. Doch er verspürte keinerlei Aufregung, keine Freude, keinen Nervenkitzel und keine Neugier. Er fühlte sich lediglich beobachtet, seit er das Parkhaus verlassen hatte und sein Gefühl trog ihn unter Garantie nicht. Das hier war ein Test, einer von so vielen Tests, die er in den letzten paar Monaten teils wissentlich, teils unwissentlich durchlaufen hatte und womöglich hatte man ihn heute Morgen glauben machen wollen, er habe sie nun allesamt bestanden und sei auf der sicheren Seite. Ein spöttisches Grinsen zupfte unwillkürlich an seinen Mundwinkeln. Er verbiss es sich. Es war nicht die rechte Zeit, um sich eine Blöße zu geben.

Man hatte ihm gesagt, er solle in die Stadt fahren, solle eventuell für notwendig erachtete Besorgungen machen, bevor man ihn morgen zum Flughafen brachte. Das Team in Minsk brauche zügig einen Ersatz für seinen Hellseher.

Ausgerechnet Minsk!

Er biss sich auf die Zunge.

Chronisch hatten sie auch nach Minsk versetzt, das war erst anderthalb Jahre her. Aber er würde ihn dort nicht wiedersehen, ihn, den einzigen Menschen, zu dem er in den vergangenen sechs Jahren wirklich so etwas wie Vertrauen gehabt hatte. Den Mann, der ihn aus den USA nach Deutschland gebracht hatte, der hier seine Bezugsperson gewesen war, der… Ein tiefer Atemzug, um ruhig zu bleiben, zumindest äußerlich. Wenn man ihn nach Minsk schickte, ließ das nur einen Schluss zu: Chronisch war tot oder nicht einsetzbar.

Und er konnte nicht anders, als ihm zu wünschen, dass er tot war, denn das war die gnädigere Variante.

Alles was er noch tun konnte, war zu akzeptieren, dass er wieder allein war, ganz gleich wohin SZ ihn schickte. Ganz gleich, wie oft man ihm eine glänzende Zukunft prophezeite, ihn deswegen Leuchtend nannte oder positive Vermerke in seine Akte schrieb. Es spielte keine Rolle. In Minsk würde er genauso einsam sein wie hier, falls das heute nicht doch nur irgendein weiterer Test und eine damit einhergehende Lüge gewesen war. Vielleicht hatten sie ihn nur getäuscht und das so harmlos, dass es sich in keiner seiner Visionen niedergeschlagen hatte. Nur wie dem am Ende auch sein mochte: Es war ihm schon jetzt gleichgültig.

Er blieb stehen, wartete, bis die Fußgängerampel auf Grün sprang und ging weiter, bog um eine belanglose Hausecke auf die Fußgängerzone ab und… Eine plötzliche Windbö fegte ihm feuchtkalt ins Gesicht, ließ ihn schaudern. Warum hatte er nicht an eine Mütze gedacht…? Vielleicht sollte er einfach wieder umkehren. Er hatte nichts zu besorgen. Wozu denn auch? Es sollte nach Minsk gehen, nicht auf die Malediven! Und man hatte ihm ja nicht einmal gesagt, ob man ihn als neues Teammitglied oder Springer nach Weißrussland schickte!

Aber er drehte nicht um, sondern ging weiter, blieb nur hin und wieder an einem Schaufenster stehen, um die Auslage zu betrachten ohne sie wirklich anzusehen. Es gab nichts zu besorgen, weil SZ ihn mit allem Notwendigen ausstatten würde, sofern man ihn nicht getäuscht hatte. Oh, er wünschte, man hätte ihn getäuscht! Man hätte Chronischs Briefe abgefangen und würde sie ihm nachher oder morgen Früh aushändigen und ihn nicht zum Flughafen bringen. Dann wäre alles wieder halbwegs in Ordnung. Dann… An der nächsten Hausecke hielt er inne, um sich kurz umzusehen. Die Fußgängerzone war alles andere als menschenleer. Schüler hasteten in Richtung des Hauptbahnhofs voran, Mütter schoben zusätzlich mit Einkäufen beladene Kinderwagen von Geschäft zu Geschäft, Berufstätige in Kostümen und Anzügen verließen das Bankgebäude gegenüber und den angrenzenden Bürokomplex aus Glas und Stahl, der kaum in die Kulisse dieser eigentlich beschaulichen Innenstadt passen wollte. Die Straßenbeleuchtung sprang flackernd an. Mit einem leisen Seufzen setzte er seinen ziellosen Weg fort. In den Schaufenstern war zum Teil bereits die Weihnachtsdekoration ausgestellt und dort, wo sie noch fehlte, würde sie gewiss innerhalb der nächsten Tage folgen. Auf dem Marktplatz hatten bereits ein paar Schausteller mit dem Aufbau ihrer Weihnachtsmarktbuden begonnen. Die Menschen brachten sich langsam, aber sicher in Stimmung für die herannahende Adventszeit. Er fröstelte. Nicht der Kälte wegen, sondern innerlich. Für ihn gab es kein Weihnachten mehr, genauso wenig wie jede andere Art von Feiertagen. SZ kannte so etwas nicht und er wünschte, er könnte einfach vergessen, was er von Weihnachten mit seinen Eltern, seiner Familie noch erinnern konnte. Vielleicht wäre dann alles leichter. Vielleicht… Sein Blick streifte Schaufensterpuppen mit Strickpullovern und bunt bedruckten Winterjacken. Manche trugen Mützen, Ohrenschützer oder gar Skibrillen. Im Schaufenster der winzigen katholischen Buchhandlung war die Krippe bereits aufgebaut worden, abgesehen von den Hirtenfiguren, den Schafen und beiden Hunden und dem Ochsen war sie jedoch leer. Die fehlenden Figuren würden erst ab Heiligabend dazugestellt werden, die Könige mit ihren Kamelen und dem Elefanten sogar erst am sechsten Januar. Vielleicht sollte er für einen Moment in der Kirche eine Straße weiter Platz nehmen und nichts weiter tun als die Stille zu genießen. Das und Geruch von Staub, altem Holz und Heizungswärme. Vielleicht… Er verwarf den Gedanken wieder, als er feststellen musste, dass ein Weihnachtsbaumverkäufer den Platz vor dem Gotteshaus gerade in Beschlag kam. Arbeiter waren damit beschäftigt, einen Bauzaun zu errichten und auf dem Areal, das er einschließen sollte, wurden bereits jetzt erste Tannen in Position gebracht. Langsam ging er weiter, zog irgendwann die Schultern gegen den nun spürbar frischer werdenden Wind hoch. Beobachtet fühlte er sich noch immer und kurz war er versucht, erneut stehenzubleiben, in irgendeiner stillen, finsteren Ecke, in der man kurze Zeit unbeobachtet sein konnte, um eine Vision herbeizuführen. Aber er tat es nicht, ging stattdessen einfach weiter, vorbei an noch einer Buchhandlung, einem Bekleidungsgeschäft und einem für Haushaltswaren, dem Laden eines landesweiten Telefonanbieters und alles schwappte über ihn hinweg ohne ihn tatsächlich zu erreichen. Aus einer Konditorei mit Café kam lachend und händchenhaltend ein junges Paar und er musste kurz stehenbleiben, um sie nicht versehentlich anzurempeln, wohingegen sie ihn offenbar gar nicht bemerkt zu haben schienen, so beschäftigt wie sie miteinander waren. Sie taumelten davon wie lichttrunkene Motten. Für einen Wimpernschlag sah er ihnen nach, wandte sich ab und wollte selbst weiter, doch… Ein Lichtreflex, den er nur aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen hatte, ließ ihn innehalten.

Im Schaufenster des Augenoptikers auf der gegenüberliegenden Seite der Fußgängerzone war grauhaarige Dame gerade damit beschäftigt, ein paar Brillen neu zu platzieren. Er blinzelte irritiert, trat nebenbei noch einen Schritt zur Seite, um Platz für einen Herrn mit Hut, Mantel und Gehstock zu machen, doch beachtete den Mann ansonsten nicht. Es war die Augenoptik, die… Vor seinem inneren Auge, in seiner Erinnerung sah er sich noch einmal dort vor dem Schaufenster sich, sich selbst vor rund fünf Jahren und neben ihm stand Chronisch. Es war irgendein Vormittag im Sommer, die Luft war noch frisch und kühl, obwohl der Himmel sich tiefblau und wolkenlos ausspannte.

„Wir gehen nur kurz rein und lassen meine Brille richten.“

Chronischs Worte von damals hallten in seiner Erinnerung wider. Genauso leise und sanft wie der Präkogniker sie damals gesagt hatte, und die Brille hatte es wirklich nötig gehabt. Der Kontakt mit dem Fußball am vorangegangenen Nachmittag hatte ihr eine deutliche Schieflage verpasst und jetzt, heute und im Nachhinein war er auch der Meinung, Chronisch hatte noch Glück gehabt, dass ihm der Ball nicht die Nase gebrochen und der Blumentopf seinen Kopf verfehlt hatte. Was für ein verrückter Unfall das gewesen war… Die Erinnerung allein ließ ihn aller trüben Stimmung zum Trotz noch vage schmunzeln und auf die andere Seite der Fußgängerzone wechseln.

Aus der Nähe betrachtet hatte sich das Schaufenster kaum verändert. Es gab noch immer die verschiedenfarbigen Kisten und Blöcke in unterschiedlichen Größen, die Tücher und die Kunststofftannenzweige, die dort nur im Winter lagen. In diesem Jahr mit rot und weiß blühenden Weihnachtssternen dazwischen und goldenen Christbaumkugeln anstelle der Sonnenbrillen des Sommers.

„Wenn du möchtest, kannst du auch ein paar Brillen aufprobieren.“

„Ich brauch doch gar keine!“

„Das macht nichts, das kann man auch nur so, nur zum Spaß machen.“

Chronisch hatte ihn als seinen kleinen Bruder vorgestellt, hatte behauptet, er müsse später noch zum Augenarzt und sie wollten nebenbei nur schon einmal schauen, ob es hier eine Brille gebe, die ihm gefiele, und dann hatten sie fast eine Stunde lang nichts anderes getan, als ungefähr alle Modelle mal aufzusetzen. Das Richten von Chronischs Brille hingegen hatte keine fünf Minuten in Anspruch genommen.

Aus dem vagen Schmunzeln wurde ein zaghaft um seine Mundwinkel zuckendes, nostalgisches Lächeln. Es war damals ja obendrein das allererste Mal gewesen, dass er das SZ-Gelände wieder verlassen hatte – und heute war wieder eines dieser ersten Male. Die Brillenmodelle hatten sich allerdings verändert, waren mit der Zeit und mit der Mode gegangen und… Sein Blick glitt über die Ausstellungsstücke, über schmale Rahmen und runde Gläser, bis… Nein! Konnte das tatsächlich sein?

In der rechten Ecke des Schaufensters, vor einem weißen Weihnachtsstern lag ein Modell, das genau wie das aussah, das Chronisch…

„Das macht nichts, das kann man auch nur so, nur zum Spaß machen.“

Warum denn eigentlich nicht?

In Minsk würde niemand wissen, ob er wirklich eine Brille trug und er musste ja niemandem verraten, dass es nur Fensterglas war, doch was auch immer Chronisch zugestoßen war, er würde sich an ihn erinnern. Jedes Mal, wenn er die Brille auf- oder absetzte oder in den Spiegel sah.

Kurzentschlossen machte er den Schritt zur Tür und betrat den Laden.



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