Commilitones 7 - Maler, Mörder und Mäzene

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Claudia Auditore da Firenze Desmond Miles Ezio Auditore da Firenze Leonardo da Vinci OC (Own Character) Shaun Hastings
14.07.2020
11.08.2020
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07.08.2020 4.545
 
Che bella giornata! Erst geraten wir in ’n Scharmützel, dann brennt mir die Pasta an un’ jetzt verdrischt man meine Söldner mit ’nem gottverdammten Besen!“
„Das überlebt dieses Großmaul wenigstens.“
Leonardo zeigte sich von d’Alvianos herrischem Auftreten unbeeindruckt. Er lehnte den Besen zurück an die Hauswand und trat vor den condottiero, der sogar Narbengesicht um einige Zentimeter überragte. Leonardo reichte d’Alviano somit nur knapp bis zur Nasenspitze, aber seinem Selbstbewusstsein tat dies keinen Abbruch. Ezio ertappte sich dabei, wie er seinen Freund bewundernd musterte. Die Aura, die Leonardo versprühte, war speziell – ein Stolz, der sich nicht brechen ließ und von dem Ezio zunehmend verstand, worin er begründet lag. In seine Bewunderung mischte sich die Sehnsucht, Leonardo ganz nahe zu sein, um mit ihm zu teilen, was sie beide stärkte. Am Anfang ihrer Beziehung war er davon ausgegangen, dass es Leonardo war, der Ezios Seele Frieden gab. Inzwischen hatte er begriffen, dass diese Wirkung keine einseitige war. Leonardo zog ebenso viel Kraft aus Ezios Zuneigung, wie er selbst sie gab.
„Was für ein Scharmützel?“
Leonardos Frage riss Ezio aus seinen Gedanken, und er straffte sich.
„Drüben am Rio del Vin“, knurrte d’Alviano. „Gesandte aus Rom ham sich dort auf’m Campo San Provolo breitgemacht un’ über die ‚verachtenswerte Bruderschaft‘ gehetzt, die ‚die erlauchteste Republik Venedig sabotiert‘. Tätliche Übergriffe auf die Bürger wur’n uns vorgeworfen. Unruhestiftung. Beschädigung von Marktständen.“
„Und ist was dran?“ Leonardo sah d’Alviano unverwandt ins Gesicht.
„Was soll’n die Frage?“
„Sie verlangt eine ehrliche Antwort. Nicht mehr und nicht weniger.“
Der condottiero kniff die Augen zusammen, was die Wirkung seiner scharf geschnittenen Brauen noch verstärkte. Er war ein Mann, dem man seinen Berufsstand ansah, das Gesicht grobknochig und von deutlich hervorstehenden Wangenknochen dominiert. Was d’Alviano verkörperte, war Entschlossenheit und Kampfgeist. Gefühlsregungen wie Nachsicht gehörten nicht zu seinem Repertoire.
„Ich bin kein Duckmäuser, wenn’s das is, worauf Ihr anspielt, Leone“, sagte er schroff. „Wenn jemand in der Stadt Ärger macht, dann erhält er ’ne angemessene Reaktion. Ich halt’ nix von dieser ganzen Anschleicherei, die Ihr so gern betreibt. Ein wahrer Krieger zeigt keine Heimtücke. Er marschiert mit klaren Absichten auf!“
„Wir sind Assassinen und keine Horde wildgewordener Affen, die durch die Werkstatt eines Glasbläsers tobt, um dort alles, was nicht festgeleimt ist, von den Regalen zu fegen. Ihr habt den Eid geschworen, Bartolomeo. Ihr kennt unsre Gebote!“
. Widerstand gegen die Tyrannei!“
„Aber nicht mit Euren Mitteln!“ Leonardo, der bis zu diesem Zeitpunkt mit ruhiger Stimme gesprochen hatte, verließ langsam die Geduld. „Wir wurden darüber informiert, dass Borgia sein Augenmerk wieder auf die Serenissima gerichtet hat, um den Einfluss der hiesigen Templer auszubauen und die Quartiere der Bruderschaft endgültig zu beseitigen. Wenn ich mir durchlese, was uns de Magianis über die letzten Vorfälle in der Stadt zu berichten wusste, dann frage ich mich auch nicht, warum Borgia mit seinen Absichten Erfolg hat!“
D’Alvianos Nasenflügel blähten sich. Mit finsterer Miene sah er dabei zu, wie Leonardo die Briefe aus der Tasche zog, die ihnen Bartolomeo Melzi in Mailand überlassen hatte.
„Zerstörung zweier Marktstände auf dem Campo San Severo im Zuge einer Prügelei. Beschädigung des Baugerüsts an der Westfassade von San Francesco della Vigna bei einer Auseinandersetzung mit den Stadtwachen und die daran anschließende Versenkung eines Lastenkahns im Rio de Santa Giustina. Ein erneutes Intermezzo mit einigen Gardisten südlich des Arsenale wegen einiger dummer Witze, die als einziger Auslöser für das Scharmützel angegeben werden …“
„Diese bastardos haben meine Mutter beleidigt! Ich habe auch ein Ehrgefühl!“
„Das bezweifle ich gerade.“
Leonardo ließ die Briefe sinken und starrte d’Alviano an. Die Söldner, die um sie herum versammelt standen, beschlossen, dass es nun an der Zeit war, sich zurückzuziehen. Einer von ihnen half Narbengesicht vom Boden auf und führte ihn zur nächstgelegenen Baracke, wobei er auf ihn einredete, dass ein Schluck Grappa genau das Richtige sei, um den erlittenen Schrecken zu verdauen. Die anderen drei trollten sich in Richtung des Hauptgebäudes, wobei sie den Assassinen verstohlene Blicke über ihre Schultern zuwarfen. Leonardo reute es nicht, dass sie das Weite suchten.
„Wenn auch nur die Hälfte des Berichts hier der Wahrheit entspricht, rechtfertigt das jede Hetze, die man über uns verbreitet“, fuhr er fort, und mit jedem Wort gewann sein Tonfall an Schärfe. „Ihr zieht die Aufmerksamkeit auf Euch und macht überall in Venedig von Euch reden. Statt den Bürgern das Bild zu vermitteln, dass Ihr ihnen eine Hilfe sein könntet, schädigt Ihr ebengenannte Bürger und versucht auch noch, Eure Taten als heroischen Eingriff in die Politik zu verkaufen. Euer Vorgehen folgt nicht unserem Credo. Es missbraucht es. ‚Verbergt euch in der Masse‘ und ‚Gefährdet nie die Bruderschaft‘! Gleich zwei Grundregeln sind es, die Ihr gebrochen habt! Wir reden hier nicht von einem einmaligen oder ungewollten Versehen, sondern Eurer vorsätzlichen Rebellion gegen neue Hierarchien, die Euch missfallen und die Ihr nicht akzeptieren könnt.“
„Als ich der Bruderschaft beitrat, lag ihre Leitung in den Händen eines erfahrenen Kriegers“, erwiderte d’Alviano. „Nich in denen von kapitalistischen Krösussen un’ aufgeblasenen Pinselschwingern. Ihr führt keine Truppen, Ihr übernehmt keine Verantwortung. Ihr seid nix als feige Meuchler!“
Ezio hatte genug gehört. Er fasste Leonardo an der Schulter und schob sich an seine Seite, ein wütendes Funkeln in den Augen.
„Assassinen sind keine Söldner, Bartolomeo. Und wenn du den Unterschied bisher nicht begriffen hast, dann wird es langsam Zeit!“ Er ließ die respektvolle Anrede bewusst fallen. In Anbetracht der Provokationen, die d’Alviano gegen sie aussprach, hielt Ezio sie auch nicht länger für angemessen. Der condottiero musste begreifen, wo die Grenzen seiner Befehlsgewalt lagen, auch wenn ihm seine Profession nichts anderes lehrte, als zu kommandieren. „Du handelst hier in Venedig als Vertreter der Bruderschaft und gemäß ihrer Gesetze. Diese Gesetze sind unabhängig davon, ob du mit uns als Mentoren einverstanden bist oder nicht. Das Credo war vor uns da. Es wird auch nach uns weiter existieren. Wem du in erster Linie dienst, ist ihm. Indem du gegen die Regeln verstößt, schadest du nicht Leonardo und mir, sondern der Bruderschaft als Ganzes. Dieses Verhalten ist inakzeptabel, und wenn du es nicht änderst, müssen wir die Konsequenzen daraus ziehen. Nicht zu deinem Wohl, aber zum Wohl aller andren.“
D’Alviano ballte die Rechte zur Faust, hob sie jedoch nicht an. Er kämpfte um seine Beherrschung, die ihm aufgrund der ausgesprochenen Zurechtweisung zu entgleiten drohte.
„Seid Ihr deshalb hergekommen?“, fragte er gereizt. „Nur, um mir das zu sagen?“
„Aus keinem anderen Grund“, antwortete Ezio. „Wir vertrauen den lokal eingesetzten Vertretern und schauen ihnen nicht auf die Finger, wenn es nicht sein muss. Aber was man über deine Aktionen in den letzten Wochen berichtet hat, konnten wir nicht ignorieren. Also sind wir hier. Ein persönliches Wort wiegt mehr als eine schriftliche Order, zumal wir davon überzeugt sind, dass du einem Brief unsererseits ohnehin nicht genug Ernst beigemessen hättest.“
D’Alviano murmelte Unverständliches in seinen Bart. Dass er dabei ihren Blicken auswich, erfüllte Ezio mit grimmiger Zufriedenheit.
„Ich habe keine Lust, diese Angelegenheit auf persönlicher Ebene weiter auszudiskutieren“, fuhr er fort. „Ich verlange nicht, dass du restlos von meinen Qualitäten überzeugt bist, und Leonardo tut das ebenso wenig. Aber was wir beide von dir verlangen, ist, dass du dich an die Regeln hältst, die ganz unabhängig von uns für alle initiierten Mitglieder der Bruderschaft gelten. Gefährde sie nicht, sondern schütze sie, mit allem, was dir zur Verfügung steht.“
„Vor allem mit ein bisschen mehr Hirn“, sagte Leonardo.
D’Alviano öffnete den Mund zu einem wütenden Protest, schloss ihn aber wieder und öffnete stattdessen die Faust. „Bene“, knurrte er schließlich. „War das alles?“
„Nun, wenn wir schon hier sind, kannst du uns auch dein Quartier zeigen und uns über die aktuelle Lage informieren“, sagte Ezio. Er blieb beim Du. Es war zu früh, einzulenken und zu einer respektvollen Anrede zurückzukehren – einer Anrede, die d’Alviano ihm und Leonardo gegenüber jedoch aufgrund ihres Ranges verwenden musste. Es schadete ihm nicht, sich zu vergegenwärtigen, dass er nicht auf derselben Stufe stand wie seine Großmeister.
„Gern“, erwiderte d’Alviano, und zum ersten Mal schien er ein geäußertes Entgegenkommen ernst zu meinen. „Ich war jahrelang raus aus der Stadt un’ hab vieles hier nach der Rückkehr aus’m Salzkrieg neu aufgebaut. Dreiun’fünfzig Männer hab ich, die fest für mich arbeiten. Etwas mehr als die Hälfte von denen wohnt hier. Vorwiegend die ohne Familie.“
„Wie finanzierst du das?“
D’Alviano zuckte mit den Schultern. „Na ja, an Aufträgen für die großen Herren führt manchmal kein Weg vorbei. Wir war’n also auch im Auftrag der Serenissima bei der Schlacht von Calliano beteiligt. Abgesehen davon unterstützen wir Sympathisanten der Bruderschaft, wie die Signora Margherita di Francoforte. Sie hat ’ne Druckerei am Campo San Bartolomeo. Die hat mal ihrem Mann Pietro gehört, aber den ham se gelyncht.“
„Wieso das?“
„Er war zu eifrig darin, Druckwerke zu vertreiben, die den Templern nich gepasst ham. Er hatte ’n ganzes Imperium aus Schriften aufgebaut un’ Niederlassungen in Pisa, Perugia, Siena, Florenz, Bergamo, Mantua un’ Mailand. Letzteres is zu seiner ewigen Ruhestätte gewor’n. In Santa Maria della Grazie ham se ’n begraben. Seine Frau will da jetzt hinziehen, nachdem se das alte Wohnhaus in Frankfurt verkauft hat. Darum kümmert se sich grad. Ins Heilige Römische Reich zieht’s die nich zurück. Man könnt’ meinen, die sin’ da katholischer als der Papst!“
„Es gab also wieder Ärger mit Kirchenvertretern?“
„Natürlich. Allen voran so ’ne Schmeißfliege mit Tonsur aus’m Elsass, die überall rumgebrüllt hat, dass Pietro häretische Schriften publizier’n würd’.“
Ezios Miene verdüsterte sich. „Institoris.“
„Ja, genau der. Un’ weil die Signora Margherita die Arbeit ihres Mannes fortführ’n will, wenn auch ’n bisschen umsichtiger, isse auf der Reise natürlich gefährdet. Deshalb begleitet se ’n deutscher Assassine nach Frankfurt un’ auch wieder zurück. Nennt sich Rocco, der Bursche.“
Jetzt schmunzelte Ezio. „Ich glaube, den kennen wir. Du und deine Männer achten in der Abwesenheit der Signora also auf die Druckerei?“
„Genau. Hab zwei meiner Leute abgestellt, die da solange wohn’ un’ das Haus in Ordnung halten. Gab schon Einbruchsversuche un’ solchen Unsinn. Man könnt meinen, die Templer hätten mehr Schiss vor’n paar Büchern als vor ’ner Armee.“
„Das haben sie tatsächlich“, sagte Leonardo. „Der Krieg, der mit Informationen geführt wird, ist mächtiger als jener, für den man ein Schwert braucht.“
D’Alviano sah zweifelnd drein, nickte aber zum Haupthaus hinüber. „Kommt mit. Ich zeig Euch ’ne Karte mit unsren aktuellen Standorten un’ den Gebieten, die unter der Kontrolle der Templer steh’n.“
Sie überquerten den Hof, und auch wenn sich niemand zeigte, ahnte Ezio, dass sie von mindestens einem Dutzend Augenpaaren beobachtet wurden, die sich hinter den Fenstern der Baracken ringsum verbargen.
„Dieser Pietro de Francoforte, von dem du vorhin gesprochen hast … War es ein Attentat?“
. Pietro wusste, dass er auf der Todesliste der Templer stand, drum hat er sein Testament rechtzeitig aufsetzen lassen. Nich hier, wo er sich beobachtet sah, sondern in Mailand. Die ham ihn irgendwo aufgegriffen und aufgeschlitzt. Jedenfalls trieb seine Leiche zwei Wochen nach Weihnachten auf ’nem Kanal.“
„Das sind die Nebelwochen, nicht wahr?“
„Mhmhm. Die beste Zeit, um sich unliebsame Leute vom Hals zu schaffen.“
D’Alviano stieß die Tür zum Haupthaus auf und führte Ezio und Leonardo in ein kleines Vorzimmer, das als Büro diente. Ein Kontortisch stand in seiner Mitte. An der rückwärtigen Wand hingen eine Karte der Stadt und eine Tafel, auf der unverfängliche Termine wie bevorstehende Stadtfeste, Prozessionen oder Kundgebungen notiert waren. Hier nahm d’Alviano wohl Aufträge und Bezahlungen entgegen. Ezio beobachtete, wie der condottiero um den Schreibtisch herumging, eine Schublade aufzog und eine weitere Karte zutage förderte. Anders als jene an der Wand war sie mit zahlreichen Markierungen und Notizen versehen. Umständlich breitete sie d’Alviano auf der Tischplatte aus. Ihr Papier war stellenweise eingerissen, fleckig und gewellt.
„Hier sin’ wir grade“, verkündete er und deutete auf ein Kreuz im Osten der Stadt. „Bis auf’s Arsenale is dieses Viertel unter unsrer Kontrolle. Wo’s auch recht ruhig zugeht, ist Santa Croce, wo se sich immer noch nich von der Pest erholt ham. Ihre Palazzi bau’n die reichen Säcke lieber entlang des Canal Grande oder rein ins Zentrum. Je näher an den großen Warenumschlagplätzen, desto besser. Da ham wir kaum Verbündete.“
„Bis auf Teodora“, sagte Ezio.
„Ja, die. Aber was kann se schon groß ausrichten, außer bei den Reichen und Handelsreisenden rumzuspionieren, die auf ’nen kleinen Fick vorbeikommen?“
„Das hast du scheinbar lange nicht mehr getan. Sie hat sich beschwert, dass du dich nicht bei ihr blicken lässt, und uns darum gebeten, dir Grüße auszurichten.“
D’Alviano quittierte die Spitze, die Ezio amüsiert zwinkernd ausgesprochen hatte, mit einem Schnauben. „Vielleicht sollt se mal ihre Preise überdenken. Für das Geld, das se verlangt, kauf ich mir lieber ’n Fass Wein un’ mach’s mir selbst!“ Er tippte auf verschiedene Stellen auf der Karte. „Das hier is Antonios neues Diebesversteck, nachdem das alte abgefackelt is. Nur zwei Straßen weiter un’ noch näher am Wasser. Falls es wieder mal brennen sollte, muss er nur’n Eimer aus’m Fenster un’ in die Lagune hängen. In der Nähe von Teodora is die vorhin erwähnte Druckerei der Signora Margherita. Die dient uns als Kurierstation. Un’ hier, im Ospedale, ham wir ’n dottore, der uns bei Bedarf versorgt. Anonym, versteht sich.“
Er tippte auf einen Punkt im Norden. Ezio beugte sich vor und entzifferte den Namen des sechsten und letzten Stadtviertels von Venedig, das ihm bisher noch unbekannt gewesen war: Cannaregio.
„Ihr seid gut versorgt“, sagte er. „Bei entsprechendem Auftreten sollte es kein Problem für euch sein, die Stellung in der Stadt zu halten. Erarbeitet euch die Gunst der Bürger. Lehrt sie keine Furcht. Seid hilfsbereit. Wenn ihr Menschen in Bedrängnis seht, greift ein.“ Er hob den Kopf und warf dem condottiero einen bedeutungsvollen Blick zu. „Was ich damit meine, ist körperliche Bedrängnis. Keine Bagatelle wie ein paar schlechte ‚Deine Mutter‘-Witze.“
D’Alviano schnaubte. „Würdet Ihr Euch denn eine solche Beleidigung gefallen lassen?“
„Nein. Aber ich würde dafür sorgen, dass nur das betreffende Lügenmaul ramponiert wird, und kein Baugerüst oder Marktstand. Man ist nicht eher im Recht, nur weil man derjenige ist, der am lautesten schreit. Sei umsichtiger, Bartolomeo. Und halte Unbeteiligte aus solchen Angelegenheiten raus.“
Per quanto mi riguarda. Seid Ihr noch ’n paar Tage in der Stadt?“
„Ja, wieso?“
„Weil morgen ’n Borgia-Kurier auf’m Campo San Luca erwartet wird. Er soll ’n Vertreter des Dogen treffen un’ irgendwelche Anweisungen übergeben.“
„Und woher weißt du davon?“, fragte Ezio interessiert.
„Von de Magianis. Der hat’s von Teodora.“
„Ein Dieb scheint sich den Bordellbesuch eher leisten zu können als ein mit Aufträgen ausgelasteter condottiero, hm?“
„De Magianis is so verschwenderisch wie die Geldsäcke, die er ausnimmt“, knurrte d’Alviano. „Also, seid Ihr dabei?“
„Um welche Zeit soll der Bote eintreffen?“
„Zur zweiten Nachtstunde vor’m Campanile.“
Va bene. Wir werden da sein.“

~*~


Das Badezimmer war ein zum Garten ausgerichteter Raum im Erdgeschoss des La Rosa della Virtù. Jetzt, während der Sommermonate, hatte man auf das Verhängen der Fenster verzichtet. Eine frische Abendbrise strich über Leonardos Gesicht und verstärkte den Duft von Lavendel und Orangen, der dem Wasser entstieg. Mit einem wohligen Seufzen ließ er sich tiefer in den Zuber sinken und die Reinigungsprozedur über sich ergehen, welche die Dirnen ihm und Ezio angedeihen ließen. Gleich drei Mädchen hatte ihnen Teodora zur Verfügung gestellt, und sie gaben sich alle Mühe, ihre speziellen Gäste zu verwöhnen. Während eine von ihnen neben dem Zuber saß, auf einer Laute spielte und die dem Instrument entlockten Melodien mit leisem Summen begleitete, brachten die beiden anderen Schalen mit Seifenlauge für die Haarwäsche. Leonardo genoss die Kopfmassage, die mit dieser Anwendung einherging, und beobachtete schläfrig, wie auch Ezio immer mehr in sich zusammensank. Er saß Leonardo gegenüber, hatte wie er die Ellenbogen über den Rand des Zubers geschoben und den Kopf zurückgelegt. Pure Wonne war es, die aus seinen Zügen sprach.
Leonardo lächelte. „Vielleicht sollten wir das öfter tun.“
„Hm?“
„In intimer Atmosphäre baden gehen. Ich finde es angenehmer als das ständig überfüllte Badehaus.“
„Das ist es zweifellos.“
„Ihr könnt uns gerne öfter mit Eurer Anwesenheit beehren, die Herren“, sagte eine der Dirnen, die sich ihnen beim Betreten des Raums als Lucia vorgestellt hatte. „Ich habe auch lieber Genießer um mich als grölende Trunkenbolde.“ Mit diesen Worten ließ sie den hell schimmernden Gazeschleier zurückgleiten, den sie sich wohl nur zur Zierde um den Leib gewickelt hatte, nahm einen Schwamm zur Hand und stieg zu Ezio und Leonardo in den Zuber. Das Wasser umspielte ihre Hüften, die sie bei jedem noch so kleinen Schritt elegant zu schwingen verstand. Die erotische Darbietung gehörte zum Programm. Leonardo nahm sie gelassen hin und beobachtete Ezio, dessen Ausdruck zwischen Anerkennung der hübschen Physiognomie der Dirne und Reserviertheit ob ihrer möglicherweise zudringlichen Absichten schwankte.
„Wenn Ihr einen speziellen Wunsch habt, bello mio, so lasst es mich wissen“, hauchte Lucia verführerisch und tunkte den Schwamm ins Badewasser.
„Erm, ja …“
Leonardo sah den hilfesuchenden Blick, den Ezio ihm zuwarf, schmunzelte und schloss die Augen – ein klares Signal, dass er sich nicht einmischte und schlichtweg vertraute. Er kannte Ezios hartnäckige Furcht, aufgrund von Erregung seinen Trieben zu unterliegen. So sehr Leonardo die übermäßige Rücksichtnahme seines Freundes auch schätzte, so war es doch an der Zeit, dass dieser durch eigene Erfahrung und nicht bloß durch Worte begriff, dass er weder Wutanfälle noch Enttäuschung vonseiten Leonardos zu befürchten hatte, wenn sein Körper natürliche Schwächen zeigte.
Sich der Kopfmassage hingebend, die er nach wie vor erhielt, lauschte Leonardo dem Summen der Lautenspielerin und dem sanften Plätschern des Wassers, wenn der Schwamm darin eintauchte oder nass triefend über Ezios Brust und Schulter strich. Er überlegte, ob Isabella in Mailand ebenfalls Kundenbäder anbot – und ob sie auch Claudia dorthin schicken konnten. Ins Badehaus ließen sie Ezio und Leonardo nie allein. Zu groß war die Gefahr für eine alleinstehende Frau, von anderen Männern in eindeutiger Absicht angesprochen oder sogar berührt zu werden. Die Badehäuser waren Orte der Begegnung, der Ausgelassenheit und Wollust, und die meisten dieser Einrichtungen kannten keine Geschlechtertrennung, die über ein paar dekorative Raumteiler hinausging. Hatte Claudia jedoch Ezio oder Leonardo bei sich, ließ man sie in Ruhe – abgesehen von den Blicken, die fremde Männer aus sicherer Entfernung auf sie zu werfen wagten.
Grazie, aber da wasch ich mich selbst.“
Das leise Brummen riss Leonardo aus seinen Gedanken. Er blinzelte und sah gerade noch, wie Ezio Lucias Hand aus dem Wasser fischte und ihr den Schwamm abnahm.
„Ich werde nicht zudringlich, wenn Ihr es nicht wünscht, Signor“, erwiderte die Dirne höflich. „Ist sie sehr schön?“
„Wer?“
„Eure Liebste.“
„Wenn du dich umdrehst, kannst du dir ein eigenes Bild davon machen.“
Lucia folgte der Anweisung, musterte Leonardo und kicherte. „Gegen Euren Geschmack ist nichts einzuwenden, Signor. Mir würde er auch gefallen. Soll ich weitermachen?“
Ezio zögerte, dann gab er ihr den Schwamm zurück. Die Nervosität, die ihn beherrscht hatte, wich nun einem Ausdruck, den Leonardo nur als kleinlaut bezeichnen konnte.
„War’s so schlimm, einfach mal vor jemand anderem außer mir klar zu machen, was du nicht willst?“, stichelte er.
Cazzo“, knurrte Ezio, aber er war viel zu zerknirscht, um die Beschimpfung ernst zu meinen. „Hast du das Bad etwa allein für diese Lektion bestellt?“
„Bestimmt nicht!“
Sein Lachen ließ Ezio endgültig entspannen, und er lehnte sich wieder gegen die mit einem Leinentuch ausgeschlagene Zuberwand. Lucia fuhr mit seiner Waschung fort, nun im Bewusstsein, dass er keine amourösen Dienste von ihr verlangte, und das Mädchen, das Leonardo zugeteilt war, tat dasselbe. Sie kletterte zu ihnen in den Zuber und tränkte ihren Schwamm im Badewasser, bevor sie ihn in sanft kreisenden Bewegungen über Leonardos Oberkörper führte.
„Wie lange seid Ihr beide schon zusammen?“, fragte sie. Offenes Interesse lag in ihrem Blick, und so sah Leonardo nichts Anstößiges dabei, ihr zu antworten.
„Neun Jahre.“
„Das ist viel für eine Beziehung, die nicht von einem Ehevertrag bestimmt wird.“
„Verträge sind fürs Geschäftliche. Liebe ist kein Geschäft.“
„Ihr habt begriffen, was Schwester Teodora den Männern zu lehren versucht“, sagte die Dirne. „Sie betont gern, dass man sich die Gnade Gottes nicht durch Beten und Ablässe erwirbt, sondern nur in einer Partnerschaft erfährt. Hingabe offenbare überirdische Kraft, nicht das Niederknien zwischen Holzbänken.“
„Ist sie deshalb keine Nonne mehr?“, fragte Leonardo.
Die Dirne nickte. „Teodora hat das Kloster, in das ihre Eltern sie gebracht hatten, um sie Keuschheit zu lehren, bereits nach wenigen Jahren wieder verlassen. Sie bezeichnet das Dasein als Nonne als irdisch und steril. Kirchenvertreter würden nicht verstehen, wer ihr Gott wirklich ist.“
„Womit sie nicht Unrecht hat.“ Leonardo suchte Ezios Blick und lächelte, als er seinen Freund zustimmend nicken sah. Dann wandte er sich wieder der Dirne zu. „Wir werden noch ein oder zwei Nächte im La Rosa della Virtù bleiben. Können wir morgen auch über euch verfügen?“
„Wenn Ihr das wünscht, Signor, gerne. Ist es denn ein Auftrag, der Euch in der Stadt hält?“
„Du bist sehr neugierig.“
„Ich möchte nur abschätzen, welche Dienste von uns erwünscht sein werden.“
„Entspannung …“ Leonardo zögerte und sah die Dirne an, deren Name ihm nicht bekannt war. Sie verstand sofort und lächelte.
„Raya.“
Grazie, Raya. Entspannung ist es, die wir wünschen. Ein wenig Musik, etwas Pflege und einen gemütlichen Platz in eurem Haus, an dem wir den übrigen Gästen nicht begegnen müssen.“
„Ich werde veranlassen, dass man einen entsprechenden Raum für Euch reserviert, Signor“, versprach Raya und fuhr dann mit der Waschung fort. Das Mädchen an der Laute stimmte ein neues Lied an, und für einige Minuten sprach niemand von ihnen ein Wort. Die Geräusche der Nacht drangen durch die mit Holzgittern versehenen Fenster zu ihnen vor. Schritte, Stimmen und Gelächter, das Zirpen der Zikaden und ab und an ein Vogelschrei, der in den Kanälen zwischen den Häuserschluchten widerhallte. In Momenten wie diesen war auch das sonst so überfüllte Venedig ein kleines Paradies.
Die Dirnen zogen sich zurück, als die Waschung beendet war, wohl wissend, dass Ezio und Leonardo einen intimen Moment wünschten, um ihre Zweisamkeit im Zuber zu genießen. Noch war das Wasser warm und angenehm, und es ließ sich gut darin aushalten.
„Das war eine hervorragende Idee“, murmelte Ezio schläfrig. „Das Bad und auch deine Planung für morgen. Die Mädchen sind in Ordnung.“
„Gewiss sind sie das“, erwiderte Leonardo. „Die Zufriedenheit ihrer Kunden ist ihr Geschäft. Nur, weil die Masse darauf aus ist, ihren Schwanz in ein gefälliges Loch zu stecken, sind Dirnen in gehobenen Bordellen wie diesem nicht billig oder gar ungehobelt. Teodoras Konzept gleicht dem von Paola. Ihre Mädchen erhalten zumindest ein Grundmaß an Bildung, verstehen sich auf Unterhaltung wie Musik, Gesang und Tanz und verfügen über die Fähigkeit, individuelle Kundenwünsche zu erkennen und zu erfüllen. Hier wird dich niemand zum Sex zwingen, wenn du keinen willst. Den Alltag vergessen und entspannen, darum geht es. Deshalb empfinde ich ein Bordell wie dieses auch als zünftiger als jedes Badehaus, in dem sich sowohl Männer als auch Frauen dazu privilegiert sehen, andere zumindest mit Blicken zu vergewaltigen.“
„Das ist wahr“, gab Ezio zu. „Aus diesem Blickwinkel habe ich das Ganze bisher nie betrachtet … Du warst früher oft bei Paola.“
„Ja, vor allem nach der Saltarelli-Affäre. Es gab damals keinen anderen Ort, an dem ich Gesellschaft zu suchen wagte, da ich das Gerede der Leute nicht ertrug. Paola hat mich nie verurteilt.“
„Wie bist du ausgerechnet zu ihr gekommen?“
„Durch deinen Vater.“ Leonardo schmunzelte über das konsternierte Blinzeln, mit dem Ezio auf diese Offenbarung reagierte, und hob die Schultern, nur um sie sogleich wieder fallen zu lassen. „Ich hatte getrunken. Viel zu viel. So viel, dass ich mich nicht einmal mehr erinnern kann, aus welcher Gosse mich Giovanni gezogen hat. Es war nur wenige Tage nach meiner Freilassung aus dem Stinche … Ich hatte niemanden mehr in Florenz, zu dem ich gehen konnte. Bei Verrocchio war ich raus. Dein Vater wusste das. In dem Zustand, in dem ich war, konnte er mich jedoch nicht allein lassen, also brachte er mich zu Paola. Bei ihr bin ich wieder zu mir gekommen, nackt und gewaschen, unter einer Decke und auf einem Kissenhaufen in ihrem Büro. Sie hat sich um mich gekümmert, während dein Vater Kontakt zu meinem Onkel aufgenommen und ihn über meine Lage informiert hat. So kam ich für einige Wochen aus Florenz raus und zurück nach Vinci. Ich schämte mich, da ich zio Francesco nicht zur Last fallen wollte. Er war damals schon verheiratet, und seine Frau Alessandra hatte gerade die zweite Fehlgeburt erlitten. Die dritte hat sie das Leben gekostet, einige Jahre später. Sie waren lange abstinent gewesen, aber Alessandra wollte es wohl noch mal versuchen.“
„Dein Onkel hat danach nie wieder geheiratet?“
„Nein. Er kümmert sich um meine Mutter und meine Halbgeschwister, wenn Accattabriga wegen Aufträgen unterwegs ist. Ansonsten hat er das Gasthaus. Ich war immer noch nicht da, um es mir anzusehen …“
„Wir könnten im Herbst nach Vinci reiten und Familienbesuche machen“, schlug Ezio vor. „Bei Francesco, Caterina, Piero …“
„Und bei der Gelegenheit auch bei Massimo nach dem Rechten sehen“, sagte Leonardo und nickte. „Das klingt nach einer guten Idee. Lass uns das machen, wenn nichts dazwischen kommt.“
„Einverstanden.“ Ezio neigte den Kopf, dann löste er den rechten Arm von der Kante des Zubers und streckte ihn von sich. Ein warmes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Komm zu mir, caro“, bat er.
Leonardo löste sich von seinem Platz. Es war nur ein knapper Meter, der sie voneinander trennte, und bereits auf halbem Weg schob sich Ezios Hand um seine Schulter. Ein Gefühl von Geborgenheit durchströmte Leonardo. Er schloss die Augen, als er sein Gesicht in Ezios Halsbeuge vergrub. Kein Auswalzen der Thematik, keine Interpretation seiner Worte, keine Analyse seiner Vergangenheit. Ezio nahm das Erzählte als das hin, was es war: Informationen. Leonardo schätzte diesen Wesenszug an ihm, und einmal mehr spürte er, wie Ezio ihm eine Sicherheit schenkte, die Leonardo in Gesellschaft der meisten anderen Menschen schmerzlich vermisste.
Ti amo“, flüsterte er und küsste die warme Haut zwischen Ezios Brust- und Schlüsselbein. Die Reaktion erfolgte prompt. Fingerspitzen strichen in Leonardos Haar und vergruben sich darin, während sich nun auch Ezios linker Arm um seinen Körper schob. Er fühlte sich um Jahre zurückkatapultiert, zu jenem Abend, an dem er Ezio seine Verwicklung in die Saltarelli-Affäre gebeichtet und um den Fortbestand ihrer Freundschaft gebangt hatte. Doch statt die Distanz zu suchen, hatte Ezio einen Schritt auf Leonardo zu gemacht, ihn zu sich aufs Bett und in seine Arme gezogen. Es war die schönste Liebeserklärung gewesen, die Leonardo jemals erhalten hatte, noch bevor ihn Ezio Wochen später zum ersten Mal geküsst und sich ihm hingegeben hatte – in einem Vertrauen, das er ihn bis heute spüren ließ.
Der Wind trug den Klang von Musik in den Raum, begleitet von Gesang und Gelächter. Irgendwo auf der anderen Seite des Canal Grande wurde ausgelassen gefeiert. Feuerwerk tauchte die Nacht in ein Spiel aus Licht und Farbe, während dumpfe Schläge die Straßen und Kanäle erschütterten. Leonardo nahm sie kaum wahr.
In seiner Seele herrschte Frieden.

~*~


Glossar:
Che bella giornata! – Welch schöner Tag!
Margherita de Francoforte – gemeint ist Margarete Ugelheimer, Witwe des Buchhändlers und Druckers Peter Ugelheimer, der in den 1480er Jahren ein großes Handelsnetz für Druckwerke in Nord- und Mittelitalien aufbaute. Nach dem Tod ihres Mannes verlegte sie ihren Hauptwohnsitz nach Mailand und agierte in Venedig als Fernhändlerin und De Facto-Verlegerin
Per quanto mi riguarda. – Von mir aus./Meinetwegen.
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