Commilitones 7 - Maler, Mörder und Mäzene

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Claudia Auditore da Firenze Desmond Miles Ezio Auditore da Firenze Leonardo da Vinci OC (Own Character) Shaun Hastings
14.07.2020
07.08.2020
7
25.184
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
01.08.2020 3.605
 
Auf der Rialtobrücke war es leicht, sich im Gewirr aus Händlern und Zulieferern zu verlieren, die Waren zum Fondaco dei Tedeschi oder zur Pescheria schleppten. Was nicht so groß war, dass es nur in Kähnen angeliefert werden konnte, wurde in Kisten über die einzige Brücke getragen, welche die Inseln beidseits des Canal Grande miteinander verband. Hier trafen Kulturen aufeinander und schwängerten die Luft mit ihren Sprachen und Gerüchen. Zimt aus China, Pfeffer aus Indien, Safran aus dem Orient, Paradieskörner aus Westafrika. Die exotischen Düfte übertünchten das Odeur der Kanäle und nährten das Gefühl, dass die ganze bekannte Welt in Wahrheit nur ein kleines Staubkorn in den Weiten der Unendlichkeit war.
Ezio und Leonardo schoben sich durch das Gedränge, neben dem selbst das geschäftige Markttreiben in Florenz oder Mailand verblasste. Weit über hunderttausend Menschen lebten in Venedig und verteilten sich mehr schlecht als recht auf den Straßen, Gassen und Plätzen. Sich gegen den Strom zu bewegen, war ein schier auswegloses Unterfangen, und so ließen sich Ezio und Leonardo treiben, weg von der Rialtobrücke und hinein in das Herz von San Marco, einem der sechs Sestieri der Lagunenstadt.
„Weißt du, wo d’Alviano sein Söldnerquartier hat?“
„In der Nähe des Arsenale. Die genaue Adresse werden wir von Teodora erfahren. Wir brauchen ohnehin ein Zimmer für die Nacht, und ich gedenke nicht, in eines der öffentlichen Gasthäuser einzukehren. Man weiß nie, wie schwatzhaft die Wirte dort sind …“
„Du willst im Bordell schlafen?“
„Bevorzugst du eher die Gesellschaft von Dieben?“
„Nein …“
Bene!“, sagte Ezio und steuerte auf das La Rosa della Virtù zu, das einzige Quartier der Bruderschaft in Venedig, das vor sechs Jahren nicht durch Il Sfregiato niedergebrannt worden war – in einer beispiellosen Säuberungsaktion, die Ezio an Bartolomeo Melzis Worte erinnerte. Die Geschichte wiederholte sich, immer und immer wieder.
Es war noch früher Nachmittag, und die meisten Menschen, die von der Rialtobrücke auf den daran anschließenden Campo San Bartolomeo strömten, noch nicht an Dirnendiensten interessiert. Am Abend jedoch, wenn die Märkte schlossen, verlagerte sich die Gier der Handelsreisenden von den Warenumschlagplätzen in die Horizontale, und es war durchaus Geschäftstüchtigkeit, die dafür gesorgt hatte, dass in dieser Gegend die meisten Bordelle der Stadt ansässig waren.
Ezio blieb vor dem La Rosa della Virtù stehen und drückte prüfend gegen die Tür. Sie schwang auf, und angenehme Kühle empfing ihn. Er gab Leonardo einen Wink und trat in das Vorzimmer. Schwere Vorhänge hielten den Straßenlärm ab und schufen Intimität. In seiner Ausstattung unterschied sich das La Rosa della Virtù kaum von anderen Bordellen. Mit floralen Mustern versehene Ledertapeten, Wandschirme mit exotischen Motiven und gepolsterte Liegen bestimmten das Bild. Auf letzteren saßen und lagen die Dirnen, die sich die Zeit bis zum allabendlichen Kundenandrang mit Spielen und Musik vertrieben. Sie trugen die für ihren Berufsstand typische Haartracht, während die Inhaberin des Etablissements keinen Hehl daraus machte, was sie gewesen war, bevor sie sich der Prostitution verschrieben hatte: eine Nonne. Ihr schwarzer Habit wäre sogar züchtig erschienen, hätte sie ihr Dekolleté nicht tief ausgeschnitten und ein an einer Kette hängendes Kreuz als einzige Bedeckung desselben gewählt.
„Ezio Auditore und Il Leone. Welch seltene Gäste in meinem Haus.“
Buongiorno, Schwester Teodora.“ Ezio ergriff die ihm dargebotene Hand und küsste sie, ein charmantes Lächeln auf den Lippen. „Es ist schön, Euch wiederzusehen. Wie laufen die Geschäfte?“
„Ich kann nicht klagen.“ Sie lachte, bevor sie sich an Leonardo wandte, der ihre Begrüßungszeremonie ebenfalls elegant zu zelebrieren verstand. „Was führt Euch nach Venezia?“
„Ein Treffen mit Bartolomeo d’Alviano. Ihr seid gewiss so freundlich, uns den genauen Weg zu seinem Söldnerquartier zu beschreiben? Wir waren bisher leider nie persönlich dort.“
„Ist das der einzige Dienst, den Ihr von mir verlangt, signori?“
„Nein. Wir möchten auch um ein Zimmer bitten, zumindest für heute und morgen. Wir planen nicht, lange in der Stadt zu verweilen, bevorzugen aber dennoch ein angenehmes uns sicheres Nachtlager.“
„Das wird sich einrichten lassen.“ Teodora faltete die Hände vor ihrem Schoß. „Ihr wünscht ein gemeinsames Zimmer?“
Precisamente.
Bene, ich werde es für Euch vorbereiten lassen. Falls Ihr einige meiner Mädchen in Anspruch nehmen möchtet …“
Bevor Ezio abwehren konnte, meldete sich Leonardo zu Wort. „Ihr bietet auch Bäder und diese orientalischen Körperanwendungen zur Entspannung an, nicht wahr?“, fragte er.
, so ist es.“
„Also, einem Bad wäre ich nicht abgeneigt …“ Er musterte Ezio, der kurz blinzelte, dann aber einverstanden nickte.
„Ja, ein Bad wäre angenehm. Wir haben mehrere Tage im Sattel zugebracht.“
„Das riecht man.“
Was Ezio mit Humor nahm, quittierte Leonardo mit einem verdrossenen Gesichtsausdruck. Teodora lachte.
„Keine Sorge, meine Herren. Ich werde mich um wohlriechende Essenzen für Euer Bad bemühen. Wann gedenkt Ihr, aus Castello zurückzukehren?“
„Nach Sonnenuntergang.“
„Gut. Dann brecht jetzt zur Piazza San Marco auf, die könnt Ihr nicht verfehlen. Lauft dort am Kanal entlang nach Osten, am Dogenpalast vorbei. Nach zwei Brücken haltet Ihr Euch links und folgt der Straße, bis Ihr zur Kirche San Zaccaria kommt. Ihr gegenüber befindet sich d’Alvianos Anwesen.“
„Habt Dank, Schwester Teodora.“
Con piacere, Ezio. Und grüßt den alten Haudegen von mir. Er war lange nicht mehr hier …“
„Wir werden es ihm ausrichten.“
Sie traten zurück auf die Straße und folgten ihr, den Rat Teodoras beherzigend, nach Süden. Ezio hielt sich dicht an Leonardo, auch wenn dies von ihm verlangte, einige entgegenkommende Passanten zur Seite zu schieben.
„Orientalische Körperanwendungen?“, fragte er gedehnt.
. Man wird mit Öl eingerieben, wobei Haut und Muskeln durchgeknetet werden, bis man in einen Zustand der Entspannung fällt. Ich habe drei Tage im Sattel gesessen. Mir tut der Arsch weh.“
„Ich kann dich auch massieren, mio caro ...“
„Bist du etwa eifersüchtig?“
„Ein wenig.“
Leonardo gluckste. Im Gewühl war es ihm ein Leichtes, Ezios Hand zu fassen und zu drücken, ohne dass irgendjemand Notiz davon nahm.
„Mir gefällt das.“
„Hm?“
„Deine Eifersucht. Zuhause merke ich davon nie etwas.“
„Da habe ich ja auch keinen Grund.“
„Und jetzt hast du ihn? Wirklich?“
„Nein, es ist nur … Ich … ich mag’s einfach nur nicht, wenn … nun …“
„Spuck’s schon aus, Ezio.“
„Wenn dich jemand irgendwo anfasst, wo ich meine Finger selbst gerne hätte.“
Leonardo gluckste erneut, und am liebsten hätte er Ezio in die nächstbeste Gasse gezogen, um einen Augenblick mit ihm allein zu sein – nur war Alleinsein im Zentrum von Venedig ein Ding der Unmöglichkeit. Im beständig wogenden Menschenstrom bewegten sie sich entlang der Kanäle, vorbei an Märkten, Kirchen und Palazzi, bis sie durch einen Torbogen auf die Piazza San Marco gespült wurden. Hier führte sie ihr Weg vorbei an der Kathedrale mit ihren byzantinischen Kuppeln, dem Campanile und dem Dogenpalast, bis zu der von der Markus- und Teodorussäule dominerten Piazzetta, von der aus man einen weiten Blick über die Lagune genießen konnte.
„Hier gibt es auch Anlegestellen“, brummte Leonardo. „Wir hätten uns gleich bis zum Dogenpalast fahren lassen und uns den Spießroutenlauf durch diesen Moloch sparen können.“
„Da wir sowieso zuerst zu Teodora mussten … nein.“
Leonardo seufzte und trabte Ezio hinterdrein, am Palazzo Ducale vorbei und über die Brücke, hinter der sich der Stadtteil Castello erstreckte. Dabei ließen sie es sich nicht nehmen, kurz innezuhalten und die Ostfassade des Palastes zu betrachten, die noch immer starke Brandschäden aufwies. Es war das erste Mal, dass sie die Auswirkungen ihres letzten Venedigbesuchs zu Gesicht bekamen, und das Ausmaß der Zerstörung erschreckte sie.
„Das wird noch Jahre dauern, bis sie das repariert haben“, murmelte Ezio, während er die Gerüste betrachtete, die entlang der Ostfassade errichtet worden waren. Zerstörte Elemente mussten abgetragen und mit Kähnen in die Lagune transportiert werden. Es war eine schwere und undankbare Arbeit, und Ezio empfand leichtes Mitleid mit den Bauarbeitern.
„Eher Jahrzehnte“, sagte Leonardo. „Es ist nicht der repräsentative Bereich des Palastes. Dann würde es schneller gehen.“
Sie setzten ihren Weg fort, und langsam aber sicher wichen Prunkbauten und Palazzi einem industrieller geprägten Stadtbild. Zwischen Schiffbauern und Seilern waren in Castello vor allem Glasbläser ansässig, die ihre Botteghe entlang des Kanals errichtet hatten. In weiten Teilen Europas war Glas nach wie vor ein kostspieliges Luxusgut, sodass es außerhalb von Kirchen kaum Verwendung fand – anders in Italien, wo sich reiche Patrizierfamilien ihre Palazzi damit schmücken ließen. An diesen Anblick waren Ezio und Leonardo längst gewöhnt, so wie auch an die Gegenwart von Spiegeln, bei deren Herstellung Venedig ebenfalls eine Monopolstellung besaß. Die staunenden Blicke und Gesten ausländischer Händler, die sich die zum Verkauf stehenden Waren präsentieren ließen, konnte Leonardo kaum nachvollziehen, und so langweilte er sich bereits, kaum dass sie den dritten Laden passiert hatten.
„Ezio?“
„Hm?“
„Sind wir bald da?“
„Eine Brücke noch und dann links. – Könntest du dir vorstellen, hier eine Bottega zu haben?“
„Du kennst die Antwort.“
Ezio schmunzelte. Er wollte gerade besagte Brücke in Angriff nehmen, als Leonardo ihn unvermittelt am Arm packte und zurückhielt. Eine Gruppe aus laut schwatzenden und lachenden Handwerksgesellen schob sich an ihnen vorbei, und in ihrem Schutz wich Leonardo zurück, bis sie sich beide hinter einigen aufgestapelten Transportkisten wiederfanden.
„Was ist los?“
Ezio hatte die Stimme gesenkt und verharrte still an Leonardos Seite, bis dieser an ihm vorbei und auf die Brücke deutete.
„Da.“
„Was?“
„Der mit dem schwarzen Hut.“
Leonardos Umschreibung hätte kaum oberflächlicher sein können – oder eine größere Untertreibung. Der Mann, der vor ihnen auf der Brücke stand und besagten Hut trug, war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Selbst sein Haar, das sich in seinem Nacken zu einem dichten Kranz kräuselte, war schwarz – und seine Augen, die viel zu klein für sein fleischiges Gesicht zu sein schienen. Er diskutierte mit einem Herren, der, seiner Erscheinung nach zu urteilen, der Zunft der avvocati angehörte und ungeduldig mit einem Stylus auf eine mit Papieren gefüllte Ledermappe in seinem Arm schlug.
„… reichen die Gelder für die Anfertigung des Gusses nicht aus. Nicht bei einem Standbild dieser Größe.“
„Niemand hat Euch darum gebeten, es so groß zu machen, Maestro. Vier Meter hoch …“
„So hoch wie die Statue des Marcus Aurelius in Rom.“
„Der war ein Kaiser und kein größenwahnsinniger condottiero, der die Serenissima noch im Tode zu bestechen versucht.“ Der Advokat schürzte die Lippen. „Ich leite Ihr Anliegen gerne an Rat weiter, aber ich kann Euch ohne Rücksprache nicht mehr Geld zukommen lassen, als ursprünglich vertraglich vorgesehen war.“
„Es sind Materialkosten. Ich verdiene nichts daran. Es ist die Stadt, der Reichtümer durch die Lappen gehen, nicht mir.“
Ezio hatte einen Moment gebraucht, um zu erkennen, wer der schwarzgekleidete Mann war, den der Advokat mit „Maestro“ angesprochen hatte. Nun, da es ihm wie Schuppen von den Augen fiel, fragte er sich, wie er Leonardos heftige Reaktion auf den Anblick seines alten Lehrmeisters deuten sollte.
„Glaubst du allen Ernstes, dass er dich so erkennt?“, fragte er leise.
Dio mio, das wäre fatal!“
Ezio runzelte die Stirn. „Ein Wort, Leo, nur ein einziges Wort, und er kann seine coglioni im Kanal suchen. Du hast mir nie erzählt, was er mit dir angestellt hat, aber glaub’s mir, ich kann’s mir denken!“
„Es ist Schnee von gestern.“
„Momentan offenbar nicht.“
„Warten wir einfach, bis er verschwindet …“
Ezio sah Leonardo an – versuchte, im Schatten seiner Kapuze seine Augen auszumachen, doch er konnte sie nicht finden. Leonardo wich seinem Blick aus, und er tat es bewusst. Die Vorstellung, d’Alviano aufzusuchen, ohne zuvor ein klärendes Gespräch geführt zu haben, nagte an Ezio. Sie hatten beide viel zu lange über diese Sache geschwiegen. Es hatte funktioniert, denn es hatte keinen Anlass gegeben, der am Schorf alter Wunden kratzte und sie aufriss, begierig, sie erneut zum Bluten zu bewegen. Jetzt aber stand ein solcher Anlass nur wenige Meter von ihnen entfernt – in Gestalt von Andrea del Verrocchio.
Ezio sah sich um. Die Menschenmenge hier draußen am Canale di San Marco war im Vergleich zum Stadtzentrum überschaubar, aber noch immer zu viel des Guten. Wenn er Leonardo dazu bringen wollte, dieses Detail seiner Vergangenheit endlich anszusprechen, mussten sie allein miteinander sein. Die Blöße in der Öffentlichkeit war das größte Trauma, das Leonardo aus seiner Anfangszeit als Künstler mitgenommen hatte. Ezio kannte es, und ihm setzte er Leonardo nicht wissentlich aus.
„Lass uns auf dem Dach reden. Bitte.“
Er erhielt keine Antwort. Schweigend wandte sich Leonardo um und schlüpfte zwischen den Kisten hindurch. Er lief am Laden vorbei, zurück in Richtung Palazzo Duccale, um nach einer Gasse Ausschau zu halten, in deren Schatten sie eintauchen konnten – weit genug von der Brücke entfernt, auf der Verrocchio weiter mit dem Advokat über sein Reiterstandbild diskutierte.
Zwischen einem Fischer und einem Glasbläser wurden sie fündig, und kurz darauf erklommen sie die Dächer. Der Himmel rückte näher und der Blick über die Lagune wurde weiter. Eine Insel erhob sich kaum hundert Meter von ihnen entfernt aus dem Blau. Auf ihr stand eine Kirche, deren Campanile eine frappierende Ähnlichkeit zu dem von San Marco aufwies. Leonardo starrte darauf, während sich Ezio neben ihm auf die Ziegel sinken ließ.
„Ich habe dir davon erzählt, dass mich mein Vater damals in Vinci mit dem Sohn eines befreundeten Ölmühlenbesitzers in der Scheune erwischt hat. Es war harmlos. Die Spielereien zweier Jungen, die nur wissen wollten, ob sie so besonders sind, wie sie es sich einbildeten, oder doch nur einer von vielen. Ab einem gewissen Alter macht man sich Gedanken … wird neugierig. Wir fanden es nicht schlimm. Wir legten unsere Kleider ab und inspizierten einander. Es ist nichts passiert. Kein Kuss. Ein paar prüfende Brührungen, ja. Aber nichts davon … nichts davon würde ich heute als sexuelle Handlung bezeichnen, wie es mein Vater getan hat. Er sah nur seinen verkommenen Sohn, nackt und mit einem anderen Burschen im Heu. Ich verstand sein Problem nicht, aber ich war auch zu jung und wusste zu wenig vom Leben, um die Sache aufzuklären. Und als ich bei Verrocchio war und er mich bat, für seinen David Modell zu stehen … Ich habe mir keine Gedanken gemacht, Ezio. Ich war ein Junge vom Land, der wohl verstand, welche Teile des Körpers zur Zeugung von neuem Leben taugen, aber dem Lüsternheit fremd war. Ich begriff sie nicht. Und ich vermutete nichts Böses. Heute weiß ich, dass er meine Unwissenheit ausgenutzt hat. Dass ich ein Befriediger seiner Triebe war, solange er sich mit mir schmücken konnte. Es war nicht recht, was er getan hat, aber wer bin ich, ihm Vorwürfe zu machen? Dass er mich verstoßen hat wie einen Aussätzigen, das war es, was mich verletzte. Bevor das geschah, war ich nicht mal in der Lage, zu begreifen, wie er seine Schüler manipulierte. Ich war auch nicht der Einzige, der ihm damals gefiel.“
„Ich habe die Leute darüber reden hören, dass er eine Schwäche für Knaben hat …“
„Ja. Die hat er. Sie hinterfragen wenig. Und er ist immer der, der den Ton angibt.“
„Hat er dich geschlagen? Oder gezwungen, ihm dienlich zu sein?“
„Nein, nie. Er wusste es so zu drehen, dass immer ich derjenige war, der angeblich entschieden hatte. Er ist ein Schmeichler und Verführer. Ein sehr egoistischer. Wem ich hierbei die meisten Vorwürfe mache, bin ich selbst. Ich war dumm, ich habe mich ausnutzen und in meinem Sein bescheiden lassen, und das über Jahre hinweg. Dann bin ich ausgezogen, um meine eigenen Bottega aufzubauen. Endlich – und auf Drängen deines Vaters. Wenige Monate später stand ich wegen der Saltarelli-Affäre vor Gericht, und bis heute frage ich mich, ob Verrocchio die Finger mit drin hatte, um sich für mein Weglaufen zu rächen. Sandro war auf jeden Fall beteiligt, und es würde mich nicht wundern, wenn dies auf Anweisung unseres Maestros hin geschah. Er wollte immer sein Lieblingsschüler sein und hasste jede Form von Konkurrenz …“
„Willst du Gewissheit?“
Leonardo holte tief Luft und stieß sie geräuschvoll wieder aus. „Was bringt mir das? Es ist vorbei.“
„Wenn Verrocchio es war, könntest du ihn um ein paar Zähne erleichtern.“
„Nein.“
„Dann tu ich es.“
„Ich sagte Nein.“ Leonardo hob die Hand und legte sie auf Ezios Arm. Nun sah er ihm endlich wieder ins Gesicht. Etwas Flehendes lag in seinem Blick. „Wir haben es uns vor langer Zeit geschworen, Ezio. Keine Handlungen, die reinen Rachegedanken entwachsen und sonst keinerlei Ziel verfolgen, keinerlei Sinn haben. Sich jetzt vor Verrocchio zu stellen, macht das, was war, nicht ungeschehen – und es bringt mir auch nichts für meine Zukunft. Ich habe meine Lehren aus dem Ganzen gezogen, und damit hat es sich. Dass es mich vorhin so kalt erwischt hat, war meine eigene Torheit. Ich hätte damit rechnen sollen, ihm hier zu begegnen. Schließlich erzählt man sich überall, dass er zurzeit für die Serenissima arbeitet. Bramante hatte es noch letzte Woche vor mir erwähnt. Ich bin ein Dummkopf.“
„Nein. Nur ein Mensch mit Gefühlen, auch wenn du nicht so viel darüber sprichst.“
„… und der nicht besser ist als sein Maestro, hat er doch auch seinen eigenen Schüler verführt.“
Leonardo scherzte, dennoch sah sich Ezio dazu bewogen, die Aussage zu korrigieren.
„Du hast mich nicht verführt, auch wenn mir im Nachhinein ziemlich klar war, dass du mich wolltest. Ich war keine Unschuld vom Lande, du hast mich nicht manipuliert und dein Schüler bin ich auch erst später geworden.“
„Beginnt die Manipulation nicht bereits in dem Moment, in dem man einen Menschen will?“
„Dass du mir gezeigt hast, dass du dich an meiner Seite wohlfühlst, war eine Botschaft an mich. Ich habe eine Weile gebraucht, um sie zu verstehen. Und als es soweit war, wusste ich, dass ich den ersten Schritt machen musste, um die Sache ins Rollen zu bringen.“ Ezio lächelte. „Du hast mich verwirrt, caro mio, aber nie manipuliert. Manipulation ist etwas, das dir so wenig liegt wie Latein – mit dem Unterschied, dass man Latein lernen kann.“
„Das werd ich wohl nie“, brummte Leonardo.
Ezio lachte, schlang seinen Arm um ihn und zog ihn an sich. „Du hast genug andere Qualitäten. Welche von der Sorte, die man nicht lernen kann, sondern einfach haben muss. Vergiss Latein, Leo. Wende dich lieber Dingen zu, die dir Freude bereiten. Dinge, mit denen du glänzen kannst, da sie keiner so beherrscht wie du. Der Moro hat mit dir keinen Gelehrten eingestellt, der ihm die Schriften von Cicero herunterbeten soll. Er hat einen Künstler und Ingenieur angeheuert. Sei, was du bist, und versuch nicht, dich zu jemandem zu machen, der du nicht sein kannst.“
„Du hast ja recht …“ Leonardo suchte Ezios Hand, und diesmal hielt sein Griff länger als noch vor wenigen Minuten auf der Straße. „Wir sollten weitergehen, wenn wir uns zum Sonnenuntergang bereits wieder auf den Rückweg machen wollen.“
„Wenn wir Verrocchio schon nicht verprügeln, dann wenigstens d’Alviano? Ich meine … das wäre in Hinblick auf unsere Zukunft richtig sinnvoll!“
„Ezio …“
„Was?“
Leonardo schüttelte den Kopf, aber das Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, verriet ihn.
Va bene. Da kann’s nicht schaden.“

~*~


Bei dem Anwesen d’Alvianos handelte es sich um einen schmucklosen quaderförmigen Bau mit ummauertem Hof, in dem sich mehrere Barracken befanden. Fünf Männer saßen auf Holzblöcken im Freien und schliffen die Klingen ihrer Schwerter und Äxte, aber keiner von ihnen hob den Kopf, um die Besucher zu begrüßen, die in dunklen Waffenröcken und mit über den Kopf gezogenen Kapuzen nähertraten. Ein misstrauisches Schielen aus den Augenwinkeln war alles, was sie als Reaktion zeigten.
„Wir möchten d’Alviano sprechen.“
„Wer’s wir?“
„Jemand, den ihr nicht verärgern solltet.“
Der Söldner, der sie angesprochen hatte, warf bei Ezios Worten den Schleifstein beiseite und stand auf. Es war ein stämmiger Bursche, der Ezio um eine Handbreit überragte. Dunkle Locken umrahmten sein vierschrötiges, von Pockennarben gezeichnetes Gesicht.
„Jetz‘ hör ma‘ zu, bellimbusto. Wenn du hier einen auf Wichtig machen willst, nur weil du ‘n paar schnieke Stiefel anhast, dann verpiss dich lieber, bevor ich dir drauf spuck!“
„Wo ist d’Alviano?“, fragte Ezio.
Nun legten auch die übrigen vier Männer ihre Werkzeuge beiseite und erhoben sich von ihren Holzblöcken.
Leonardo, der die sich anbahnende Eskalation erkannte, seufzte. „Sehen wir im Haupthaus nach. Wenn er dort nicht ist, ist er auch nicht in der Kaserne.“
„Ha! Hört euch diesen Schlappschwanz an, Männer!“, höhnte das Narbengesicht. „Der trägt seinen Waffenrock auch nur zum Carnevale spazieren! – Wo sind denn eure Schwerter, ihr zwei Schafsköpfe? Streithämmer, Äxte, Armbrüste? Könnt wohl nicht damit umgehen und wollt nur mal ’n bisschen Modenschau machen, um einfältige Weiber zu beeindrucken, die auf ein bissen Kostüm reinfallen, was?“
Leonardo starrte ihn an. Dann griff er schweigend nach einem Reisigbesen, der neben den Söldnern an der Hauswand lehnte.
„Oh, oh …“, machte Ezio.
Das Narbengesicht wertete diese Lautäußerung auf seine Art. „Oh, oh“, äffte er Ezio nach und lachte. Er klang wie ein großer, heiserer Hund. „Habt ihr‘s gehört, Jungs? Der Kapuzenknallkopf will mich mit ‘nem Besen verprügeln!“
„Weil ich‘s kann“, sagte Leonardo prosaisch.
„Was du gleich kannst, ist deine Kauleiste vom Boden aufsammeln, du klei–“
Weiter kam Narbengesicht nicht. Der in seine Magengrube schlagende Besenstiel ließ ihn Luft ausblasend vornüber kippen. Um sein Gleichgewicht kämpfend umschlang er seinen Leib, erhielt einen Hieb auf den Kopf mit der Reisigrute und knickte schlussendlich unter einem gezielten Streich gegen seine Kniekehlen ein. Die vier übrigen Söldner standen mit offenen Mündern da und starrten – vollkommen mit der Schnelligkeit überfordert, mit der Leonardo ihren Kollegen auf den Boden gezwungen hatte.
„Ich geb euch einen gut gemeinten Rat“, begann Ezio. „Gebt meinem Freund hier nichts in die Hand, was auch nur annähernd wie ein Stock aussieht, oder es wird euch leid tun. Va bene, amici miei, ich frag euch jetzt zum letzten Mal: Wo ist d’Alviano?“
„Der's hier!“, ertönte es hinter ihnen.
Leonardo ließ den Besen sinken, und gemeinsam mit Ezio drehte er sich um.
Mitten auf dem Kasernenhof, die behandschuhten Fäuste in die Hüften gestemmt und in voller Rüstung, stand condottiero Bartolomeo d’Alviano.

~*~


Glossar:
Pescheria – Fischhalle am Westufer des Canal Grande
Sestieri – Singular: Sestiere; historische Stadtviertel Venedigs
La Rosa della Virtù – Die Rose der Tugend
avvocati – Singular: l‘avvocato; (Rechts)Anwalt
bellimbusto – Lackaffe, Schnösel, Fatzke
Review schreiben