Commilitones 7 - Maler, Mörder und Mäzene

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Claudia Auditore da Firenze Desmond Miles Ezio Auditore da Firenze Leonardo da Vinci OC (Own Character) Shaun Hastings
14.07.2020
11.08.2020
8
28.479
6
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
29.07.2020 4.410
 
Ezio lehnte sich über die Trockenmauer, die sie kurz nach ihrem Einzug im Hof hinter dem Haus errichtet hatten. Der linke und größere Teil gehörte zur Werkstatt und verfügte über eine Zufahrt zur Via San Vittore. Hier befanden sich auch die Ställe und Lagerschuppen. Auf der rechten Seite dagegen, die direkt an den Eingang des privaten Wohnbereichs anschloss, verbarg sich ein kleines Paradies, halb verborgen unter den knorrigen Ästen eines Olivenbaums. Zu Anfang war er noch das einzige Grün im Hof gewesen, doch nun reihten sich zwischen ihm und der Mauer mehrere Hochbeete aneinander, in denen sie Kräuter und Gemüse zogen. Mitten auf einem von ihnen stand Claudia, in Holzpantoffeln und Arbeitsschürze. Das Haar hatte sie sich eher zweckmäßig als aus Gründen der Zierde zurückgebunden. Einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr ins Gesicht, während sie den Boden mit einem Spaten traktierte. Ihre Miene wirkte konzentriert und entschlossen, und Ezio schwieg eine Weile, um sich der Betrachtung seiner Schwester hinzugeben. Er hatte sie nie so recht mit anderen Frauen vergleichen wollen, die ihre Gesichter hinter Masken aus Bleiweiß und zerstoßenen Perlen verbargen, während sie Stunden auf ihren Dachloggien ausharrten, um sich das Haar von der Sonne ausbleichen zu lassen – ganz so, wie es die Mode vorgab. Dieser Fessel hatte sich Claudia entzogen. Sie verzichtete bereits seit Jahren auf geflochtene Zöpfe, Seidenschleier und Eisen, mit denen sich die von der Oberschicht so heiß begehrten Locken legen ließen. Claudias Haar war wie das ihres Bruders, überwiegend glatt und nur dann zu Wellen neigend, wenn es feucht wurde.
„Du siehst hübsch aus, sorellina.
„Hübsch?“, fragte sie empört. „Ich schwitze wie ein Schwein!“
„Genau, und dabei blitzen deine Augen, da du so eine Wut auf diesen vermaledeiten Lehmboden hast, dass du sogar mit einem Pickel auf ihn einschlagen würdest, wenn du einen hättest. Das macht dich aufregend. Ambrogio würde vor lauter Entzücken einen Herzinfarkt bekommen, wenn er dich jetzt sehen dürfte.“
Claudia verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, und Ezio kicherte. Dabei schob er die gekreuzten Arme über die Mauer und legte das Kinn darauf.
„Es gibt viele Männer, die mit einer natürlich schönen Frau mehr anfangen können als mit einer dieser Anziehpuppen in Brokat und Seide. Leo ist so einer. Und der einzige Kerl, der dich verdient.“
Damit warf er Claudia eine Kusshand zu, um sie über seine Neckerei mit Ambrogio zu versöhnen, und entlockte ihr tatsächlich ein Schmunzeln.
„Du bist ein Vollidiot, Ezio. Woher die gute Laune?“
Auf diese Frage hin zeigte er die mitgebrachten Papiere. Claudia verengte die Augen und beugte sich vor, um sie betrachten zu können.
„Was ist da–“ Sie unterbrach sich mitten im Wort und ließ den Spaten fallen. „Sag nicht … Dein erster Kundenauftrag?“
Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen, und wieder kicherte er – diesmal, als Claudia auf ihn zusprang, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm und ihn übermütig aufs Haar küsste.
„Vorsicht! Du machst die Papiere dreckig …“
Bravo, Ezio! Das ist großartig! Das ist … Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
„Du hast doch schon was gesagt.“
„Nicht genug!“ Sie fiel in sein Lachen mit ein und küsste ihn erneut, diesmal auf die Stirn. „Ich bin so stolz auf dich, fratello! Was wirst du malen? Die Frau dort? Ist das nicht eine Zeichnung von Leo?“
„Ja, der Kunde möchte ihr Gesicht haben. Für eine Madonna mit Kind. Dafür brauche ich natürlich Modelle. Ich dachte an dich und Toni. Die Szene ist recht intim, und ich würde ungern eine fremde Frau dafür nehmen.“
„Inwiefern intim?“
„Die Madonna soll den Jesusknaben in den Armen halten und stillen, während sie auf ihn blickt. Das Gemälde ist für einen Saal im Ospedale bestimmt, als Trostspender für die Kranken.“
Claudia neigte den Kopf. Schon im Frühling hatte sie damit begonnen, Toni schrittweise zu entwöhnen. Zuerst waren die Nachtmahlzeiten weggefallen, dann das Stillen vor dem Zubettgehen. Beim Abendbrot saß Toni mit den anderen zusammen im Esszimmer, auf einem hohen Kissen, damit er über den Tisch blicken konnte. Brei und Obst aß er inzwischen gerne, und auch mit Suppen und Brot freundete er sich langsam an. Am Morgen und zum Mittag jedoch, wenn Claudia mit Kochen beschäftigt war und für einige Stunden nicht vom Herd abrücken konnte, gab sie ihm noch die Brust. Es war die zeitsparendste Methode, ein Kleinkind zu ernähren – und darüber hinaus auch die kostengünstigste.
„Ich glaube, dies wird die erste Gelegenheit sein, bei der es Toni Spaß macht, auf Befehl still zu halten“, sagte Claudia.
Ezio gluckste. Toni war schon immer lebhaft gewesen, und wenn er eines hasste, dann artiges Ausharren. Jede Minute wurde ihm dabei zur Qual. Beim Stillen jedoch zeigte er sich friedlich und auch äußerst anschmiegsam – so wie jedes Kind, das die Geborgenheit genoss, die nur eine Mutter zu geben imstande war.
„Nun denn, du neuer Stern am Künstlerhimmel“, sagte Claudia und klatschte vergnügt in die Hände. „Die Arbeitszeiten für dein Gemälde stehen damit fest.“
„Es sind die besten, die ich kriegen kann, noch dazu bei Tageslicht.“
„Dann halt mich hier nicht weiter auf, damit ich fertig werde und mich umziehen kann. Bereite du schon mal alles für dich in der Küche vor.“
„Mach ich. Oh, und Claudia?“
Sì?
Grazie mille.“
Di niente, Ezio. Von Herzen gern.“
Er lächelte, dann kehrte er in die Werkstatt zurück. Dort schob er sein Auftragsdoppel in die Mappe, in der sie alle unterzeichneten Dokumente zwecks möglicher Beweisvorlage aufbewahrten. Was die Organisation der Bottega betraf, waren sowohl Ezio als auch Leonardo äußerst penibel, geprägt vom Alltag der Bankiers und Notare, mit dem sie aufgewachsen waren. Die Rechnungen, die sie ausstellten, waren stets lückenlos und in sauberer Handschrift verfasst – was nicht als Selbstverständlichkeit abseits der kaufmännischen Berufe angesehen wurde.
„Un’, macht se’s?“, fragte Ambrogio.
„Was?“
„Na, Modell sitzen.“
Ma certo.
„Du hättest dir ja auch ’ne Frau suchen können, die du etwas unbefangener angucken kannst.“
Stirnrunzelnd schlug Ezio die Buchhaltungsmappe zu. „Wie meinst du das?“
„Nun ja, Claudia is deine Schwester. Da kannste das Brüstemalen doch gar nich genießen.“
„Genau das tue ich, Ambrogio, ich male. Wenn ich nackte Weiber ansabbern will, geh ich ins Bordell.“
„Pffft. Wann warst’n da zuletzt mal, du Pantoffelheld?“
Fast wäre Ezio ein „Letzte Woche“ herausgerutscht, aber er biss sich auf die Zunge. Seine Besuche im La Promessa Dolce waren nicht sexueller Natur, aber wie konnte er dies erklären, ohne zu verraten, wovon Ambrogio nichts wissen sollte?
„Es gab auch ein Leben vor diesem“ sagte Ezio ausweichend, wobei er dennoch die Wahrheit sprach. Als was, wenn nicht ‚altes Leben‘, sollte er seine Vergangenheit auch bezeichnen?
Ambrogio brummte und wühlte in einer Kiste mit Spateln nach einem passenden Werkzeug.
„Wie geht es eigentlich deinem Bruder?“, fragte Ezio – aus Interesse, aber auch, um vom Thema abzulenken.
„Nich gut, amico, nich gut. Er war ja schon immer anfällig. Bei jedem Schnupfen hat er ‚Hier!‘ geschrien. Aber jetzt …“ Er holte tief Luft und ließ die Schultern sinken. „Er weiß selbst, dass er nich mehr lange hat. Man kann ihm förmlich beim Abnehmen zusehen. Blass isser, dauernd müde, aber Schlaf findet er kaum. Wenn man die dottori fragt, erzählt dir jeder was andres. Der eine rät zum Aderlass, der andre drückt dir ’ne Flasche Theriak in die Hand. Helfen tut nix, aber Geld woll’n se alle. Wenigstens da sin’ sich die Quacksalber einig.“
„Es tut mir leid, Ambrogio …“
„Ah, is schon gut. Is ja nich eure Angelegenheit. Ich bin nur froh, dass wir finanziell in der Lage sin, ihm noch’n paar schöne Monate zu bieten, sofern man das schön nennen kann.“
„Ich würde es an seiner Stelle zu schätzen wissen, bei meiner Familie zu sein und nicht im Ospedale, worauf sich de Santis vorbereitet.“
„Recht hast’e. Drum … euer Familienleben in allen Ehren, Ezio, aber wer kümmert sich um dich, wenn du alt bist und keinen Finger mehr rühr’n kannst? Wo landest du dann, ohne Frau un’ ohne Kinder? Bleibt dir unter diesen Umständen überhaupt was andres als so’n Pflegebett in irgend’nem Ospedale?“
„Erst mal muss ich alt so werden, dass ich nichts mehr allein hinbringe“, entgegnete Ezio.
Ambrogio verdrehte die Augen. „Du bist ’n Sturkopf!“, schimpfte er und kehrte mit den ausgewählten Spateln zu seiner Staffelei zurück.
Während Ezio seine Arbeitsutensilien zusammensuchte, dachte er über das eben geführte Gespräch nach. Um seine finanzielle Zukunft machte er sich keine Sorgen. Der Schatz Marco Polos, der ihm durch seinen Ururgroßvater Domenico in die Hände gefallen war, würde ihn und seine Familie Jahrhunderte über Wasser halten können, sofern sie das einfache, bürgerliche Leben aufrecht erhielten, das sie momentan führten. Darüber hinaus hatten sie Monteriggioni und – vielleicht, irgendwann – auch wieder den Palazzo und das Bankhaus Auditore in Florenz. Ezio bezweifelte allerdings, jemals dorthin zurückkehren zu wollen. Er hatte losgelassen, vor vielen Jahren schon, und das Dasein eines Bankiers kam für ihn nicht mehr in Frage. Er war zu weit gegangen. Nicht als Assassine, aber als Mensch, der darüber entscheiden wollte, wer er war und wie er sein Leben gestaltete: in Freiheit. Und dort würde er, wann auch immer seine Zeit kam, auch sterben.
„Ein Pflegebett in einem Ospedale!“, knurrte Ezio, während er einen Stoß Zeichenpapier zurechtklopfte. „Als ob!“
Dann griff er nach seinem Silberstift und machte sich auf den Weg in die Küche.

~*~


Zwei Wochen zogen ins Land – Wochen, in denen sich die Menschen in den Schatten und die Kühle ihrer Häuser zurückzogen. Während Leonardo die meiste Zeit des Tages im Castello verbrachte, arbeitete Ezio in der Küche an der Grundzeichnung für sein Auftragsgemälde. Claudia freute sich über seine Gesellschaft, und während langsam eine Grundkomposition auf dem Zeichenpapier erwuchs, mit der sich Ezio zufrieden zeigte, plauderten sie über anstehende Projekte. Auch private Dinge wurden zum Thema, wie etwa Arias bevorstehende Einschulung. Mailand verfügte über mehrere Stifts- und Domschulen für die betuchten Bürger, aber auch über städtische Einrichtungen, in die Kaufmannsfamilien ihre Kinder schicken konnten, um Rechnen und Latein zu lernen. Den Mädchen wurde diese Bildung nicht verwehrt, denn jeder tüchtige Händler, der wenigstens einmal pro Jahr auf Reisen ging, war auf eine Ehefrau angewiesen, die in seiner Abwesenheit dazu fähig war, das Geschäft zu führen. Zwar rechneten weder Claudia noch Leonardo oder Ezio damit, dass Aria einmal einen Pfeffersack heiraten würde, aber es schadete ihr nicht, eine von öffentlicher Seite beglaubigte Schulausbildung zu absolvieren.
„Dauert es noch lange?“, fragte sie manchmal und linste dabei verstohlen zum obersten Brett des Wandregals, auf dem sie Wachstafel und Griffel wusste, die Leonardo bereits für sie gekauft hatte.
„Noch sieben Wochen, piccina“, erwiderte Maria, die bei ihnen saß und eine Schürze für ihre Enkelin nähte – extra für die Schule, in der die Kinder sauber und ordentlich gekleidet erscheinen mussten, wenn sie nicht den Unmut des Lehrers auf sich ziehen wollten.
Aria machte dicke Backen, schob die Unterlippe vor und blies Luft aus. „Das ist ja noch ewig hin!“, klagte sie.
„Bald wird sie dasselbe sagen, wenn sie auf die Ferien wartet“, bemerkte Ezio. Dass sowohl er als auch Claudia darüber lachten, beleidigte Aria zutiefst. Sie zog das Wörterbuch heran, das Ezio im Vorjahr illustriert hatte, und begann, daraus vorzulesen. Buchstaben waren ihr nicht fremd. Sie hatte bereits einiges an Zeit darauf verwandt, die Namen ihrer Familienmitglieder aufzuschreiben, wieder und wieder, bis sie alle fehlerfrei beherrschte.
„Sie ist sehr ehrgeizig“, sagte Claudia. „Die Schule wird ihr guttun – und der Umgang mit anderen Kindern auch. Vielleicht findet sie Freunde.“
„Oder Prügelknaben, wenn sie zu sehr nach ihrer Mutter kommt.“
„Ezio, du bist –“
„Dein Lieblingsidiot. Ich weiß.“

~*~


Später am Abend – es war Sonntag, der 15. Juli – trafen sie im Palazzo Melzi zusammen: Ezio, Leonardo, Claudia, Popoleschi, Bartolomeo und Salvatore Bellini. Der capitano der Stadtgarde nahm regelmäßig an den Besprechungen teil, worauf er mit Nachdruck bestanden hatte. Jetzt saß er mit geweitetem Kragen am einzigen Fenster, das Bartolomeo zu öffnen gestattet hatte. Es ging zum Fluss hinaus und sorgte zumindest für ein wenig Durchzug – und lästige Mücken, die vom Laternenlicht angezogen ins Zimmer schwirrten, um über Bellini herzufallen wie Straßenjungen über ein in der Gosse blinkendes Goldstück.
Cavolo!“, fluchte Bellini und fuchtelte mit beiden Armen. „Könnt ihr mal wen anders stechen, ihr räudigen Biester?“
„Ihr zeigt zu viel Haut, Salvatore“, bemerkte Ezio.
„Natürlich tu ich das! Ich geh ja sonst auch ein vor Hitze! Wir Ihr’s in Euren Kutten aushalten könnt, is mir ’n Rätsel!“
„Spanische Wolle“, sagte Ezio.
Prego?
„Unsere Waffenröcke sind aus spanischer Wolle gefertigt. Sie kühlt, wenn es warm ist, und sie wärmt, wenn es kalt ist. Sie wärmt sogar, wenn sie feucht wird.“
„Sie kratzt und stinkt nicht“, fügte Claudia hinzu.
„Und sie ist schwer entflammbar.“
Leonardos Einwurf brachte sowohl Ezio als auch Claudia dazu, ihn fassungslos anzustarren.
„Musst du denn immer alles ausprobieren, pazzo?“
Diese Frage schien Leonardo zu verwirren. „Sì, certo?
Der Tonfall, den er anschlug, machte deutlich, dass er es seltsam fand, dass außer ihm bisher keiner diese spezielle Eigenschaft ihrer Kleidung untersucht hatte, und Ezio hielt es für angemessen, das Thema zu wechseln.
„Hat sich im Fall des ermordeten Pärchens in Comacina inzwischen etwas Neues ergeben?“, fragte er.
„Nich viel, leider. Das Mädchen, das beim jungen Grasso war, hieß Bianca Bertolli un’ war weder verheiratet noch verlobt. Sie stammt aus ’ner einfachen Familie. Ihr Vater is lasagnari, die Mutter verdient sich ’n Zubrot als Näherin. ’N reicher Stecher wär jedenfalls nich das Schlechteste für das Mädel gewesen, erst recht nich, wenn er se geschwängert hätt’. Vielleicht war das sogar schon passiert, wer weiß. Jedenfalls traf sich der Grasso schon ’ne Weile mit ihr bei der alten Schreinerei, wie ’n paar Anwohner behauptet ham. Das Grundstück hat übrigens ’n gewisser Giorgio Trivulzio gekauft.“
„Ein Marchese, habe ich gehört.“
. Hat sich militärisch hervorgetan un’ will jetzt sesshaft wer’n. Repräsentativ sein, ’ne Familie gründen un’ all das. Von dem Mord isser natürlich nich begeistert, da sich jetzt die Ausstellung seiner Genehmigung zum Abriss der Schreinerei in die Länge zieht. Ich hab da noch’n paar Fragen, die ich erst geklärt ham will …“
„Anders als Stallone.“
„Der hat sich bei mir drüber beschwert, dass Ihr den Tatort verändert und Spuren vernichtet habt, die ihn zum Täter hätten führ’n können.“
Prego?
Bellini zuckte mit den Schultern. „Silvio is schwierig. Lässt sich nich gern reinpfuschen un’ so.“
„Wir haben ihm nicht reingepfuscht!“, erwiderte Ezio scharf. „Wir haben lediglich untersucht, ob das Pärchen einem Raubmord zum Opfer gefallen ist, um ein mögliches Motiv auszuschließen. Und nach einem Flüchtigen Ausschau gehalten habe ich, das war’s.“
„Silvio is angespannt. Das war jetzt der zweite Mord innerhalb eines Monats in seinem Bezirk. Der erste ereignete sich gar nich weit von der Schreinerei entfernt, bei den Höfen von San Babila. Hat ’ne Nonne erwischt, ’ne gewisse Schwester Angela. Sie steht in keinerlei Verbindung zu dem jungen Pärchen. Anders als die wurd’ se auch nich an ’nem uneinsehbaren Ort liegen gelassen, sondern auf die Straße gezerrt, wo man se schnell gefunden hat. Nach Sonnenuntergang isses passiert, genau wie beim Grasso un’ der Bertolli.“
„Also gibt es doch eine Verbindung“, sagte Claudia. „Zweimal dieselbe Tageszeit.“
„Das kann Zufall sein“, brummte Bellini und schlug nach einer Mücke, die sich auf seine Wange gesetzt hatte. Leises Sirren verriet, dass sie schneller gewesen war als seine Hand. Sie umkreiste eine neue Gelegenheit erhoffend seinen Kopf, während sich Claudia auf ihre Art ebenso hartnäckig zeigte.
„Oder ein wertvoller Hinweis!“, insistierte sie. „In diesem Fall kann es sich um keinen Mann handeln, der bis zum Abend arbeitet. Die meisten Betriebe schließen bei Sonnenuntergang, und ihre Mitarbeiter sind selten vor Einbruch der Nacht zu Hause. Er aber begeht seine Morde vor diesem Zeitpunkt. Er ist also kein Handwerker.“
Bellini rieb sich die Wange, nicht sicher, ob sie vom Mückenstich oder dem Schlag seiner Hand schmerzte, und sah Claudia an, die einen Kreis von möglichen Verdächtigen zu erstellen versuchte.
„Darüber hinaus“, fuhr sie fort, „kann er auch kein Wirt sein, denn die Tavernen öffnen bereits kurz vor Sonnenuntergang.“
„Wir wissen ja noch nich mal, ob die Morde überhaupt miteinander in Verbindung steh’n“, brummte Bellini. „Nonne un’ Liebespaar, wie passt das zusammen?“
„Für ein krankes Hirn passen viele Dinge zusammen, die für normaldenkende Menschen unbegreiflich sind“, sagte Popoleschi, der bis zu diesem Zeitpunkt geschwiegen hatte, nun aber Claudia und ihrer Theorie zur Seite sprang. „Ich habe während meiner Gardezeit in Florenz mit einigen Männern zu tun gehabt, die nur zum Vergnügen getötet und ihre persönliche Befriedigung als einzigen Lohn aus der Tat mitgenommen haben. Wurde die Nonne bestohlen?“
„Wie denn?“, fragte Bellini. „Nonnen tragen kein Geld spazieren.“
„Hat man sich an ihr vergangen?“
„Nein.“
„Hat man ihrem Kloster ein Drohschreiben zukommen lassen?“
Dio mio, no!
„Na also.“ Popoleschi hob demonstrativ die Arme und ließ sie wieder sinken. „Ohne politischen, finanziellen oder sexuellen Hintergrund bleibt nur das: irgendein kranker Geist, der sich wie ein vom Teufel Besessener gebärdet. Solche Leute können sich nicht in die Gesellschaft einfügen und fallen über kurz oder lang durch ihr unangenehmes Verhalten auf, das ihnen auch keinen ordentlichen Beruf einbringt. Bittet Stallone, sich unter den Menschen in Comacina umzuhören und gezielt nach solchen Personen zu fragen. Die Neureichen, die ihre Bauvorhaben dort durchsetzen wollen, spülen Mailand dringend nötige Gelder in die Stadtkasse. Wenn sie aber in ihrer zukünftigen Nachbarschaft mit Morden rechnen müssen, gegen die nichts unternommen wird, überlegen sie es sich wohl zweimal, ob sie weiter leerstehende Höfe und Werkstätten aufkaufen sollen.“
Vero“, murmelte Bellini. „Dabei isses so wichtig, dass dieser Bezirk wieder belebt wird. Im Zentrum war’n se schnell mit Neubauten. Da zieht’s ja auch die Massen hin. Aber die Viertel an den Stadtmauern …“
„Argumentiert so vor dem commissario, Salvatore“, forderte Bartolomeo. „Und richtet ihm aus, dass ich gerne bereit bin, zusätzlich Söldner zur Sicherung des Bezirks anzuwerben, wenn ihm seine Aufgaben über den Kopf wachsen sollten.“
„Er wird sich kaum halten könn’ vor Freude“, sagte Bellini gedehnt, und einige der Anwesenden glucksten.
„Kommen wir zu einem erfreulicheren Thema, der Errichtung der Kurierstation.“ Bartolomeo griff nach der vor ihm auf dem Schreibtisch stehenden Weinkaraffe und schenkte sich nach. „Ich habe mit Zanobi Borromei gesprochen, und er wäre bereit, sich mit seiner Drahtzieherwerkstatt im Kasernenhof anzusiedeln. Damit hätten wir einen initiierten Boten direkt vor Ort. Er arbeitet als solcher sehr eng mit zwei andern Männern zusammen, denen er sein Vertrauen schenkt: Pagolo Martelli, einem ausgebildeten Metallurgen aus Modena, und Frederico de Vienna, der eine kleine Druckerei am südlichen Stadtrand betreibt. Letztere ließe sich ebenfalls an die Porta Romana verlegen. Was das Trio fordert, ist genug Raum für zwei Fuhrwerke und sechs Pferde. Frederico lebt hauptsächlich von der Flugblattproduktion und steht in engem Kontakt zu den örtlichen Herolden. Er braucht einen Raum für seine Druckerpresse und hätte sein Schlafzimmer am liebsten direkt über der Werkstatt. Was Pagolo angeht, den will Zanobi in seinem Laden unterbringen, als Teilhaber und Vertretung, wenn er auf Handelsreisen geht.“
„Haben die drei Familie?“, fragte Popoleschi, der ausrechnen musste, wie viel Wohn- und Arbeitsraum er den Neuzugängen zur Verfügung stellen konnte.
„Frederico hat einen Sohn von siebzehn Jahren, der ihm in der Druckerei hilft, Pagolo eine Ehefrau und zwei Kinder, die noch nicht im ausbildungsfähigen Alter sind. Zanobi war dagegen nie verheiratet. Für so was hat er keine Zeit, sagt er immer.“
„Also sieben Personen.“ Popoleschi nahm Papier und Schreibzeug zur Hand, um das ehemalige Gestüt zu skizzieren, das er in den letzten Jahren in eine Söldnerkaserne umgewandelt hatte. „Hier vorne am Haupttor befindet sich zu rechter Hand ein langgezogenes Wirtschaftsgebäude, das wir unterteilen und so beide Läden darin unterbringen könnten. Schlafraum darüber kann ich nicht anbieten, aber es ließe sich ein Privatbereich im hinteren Teil einrichten und mit einer Tür oder einem Vorhang von der Druckerei abtrennen. Pagolo kann mit seiner Familie und Zanobi zu uns ins Haupthaus ziehen. Die einzigen beiden Räume, die wir im Erdgeschoss nutzen, sind die Küche und mein Büro. Der Rest steht leer. Es wären genug Zimmer für alle vorhanden. Meine Forderung bei dem Ganzen wäre Unterstützung im Haushalt durch Pagolos Gattin. Rosanna wird nicht jünger, und so manche Aufgabe macht ihr langsam zu schaffen. Vittoria hilft, so gut sie kann, aber einen Hof von dieser Größe am Laufen zu halten, verlangt mehr als nur vier zupackende Hände.“
Bartolomeo nickte, während er abwechselnd auf die Skizze blickte und sich Notizen machte. „Das klingt verhandelbar. Wie ist es um den Platz für die Fuhrwerke und Pferde bestellt?“
„Der ist vorhanden. Bisschen aufräumen und entrümpeln, vielleicht ein neues Schloss fürs Tor …“
„Für entstehende Unkosten werde ich aufkommen“, sagte Bartolomeo. „Allerdings möchte ich Eure Söldner darum bitten, beim Umzug behilflich zu sein. Wir werden einige starke Arme gebrauchen.“
„Für ein Fass Wein und ein paar Salami tun diese Saufköpfe alles“, brummte Popoleschi.
Bene, dann leiten wir das zeitnah in die Wege. Damit wäre auch dieser Punkt geklärt und wir können zum nächsten und letzten kommen – von dem ich Euch leider ausschließen muss, Salvatore, denn es geht dabei um ordensinterne Angelegenheiten.“
Die Aussicht, sich bei der vorherrschenden Schwüle bewegen zu müssen, weckte Bellinis Unwillen, aber ein gebieterischer Blick des Conte Palatino genügte, um ihn von seinem Sitzplatz zu jagen. Er richtete sich den Kragen und griff nach seinem Helm.
Allora, signori miei“, sagte er und tippte sich zum Abschied an den mit Ornamenten verzierten Kamm. „Buona notte a tutti.
Buona notte, capitano.
Sie warteten, bis die Tür hinter Bellini zugefallen war, dann richteten sich vier Augenpaare auf Bartolomeo, der gelassen an seinem Wein nippte. Draußen auf dem Korridor waren Schritte zu hören, dann die Stimme Gustavos, der Bellini zur Haustür geleitete.
„Ich dachte, Ihr vertraut ihm“, sagte Ezio.
„Das tue ich auch, aber ich kenne seine Neugier.“ Bartolomeo stellte den Becher beiseite und griff nach der obersten Schreibtischschublade zu seiner Rechten. Aus ihr förderte er einige Briefe zutage, die einmal sorgsam versiegelt gewesen sein mussten. „Bei seiner Rückkehr nach Mailand hat Zanobi Lageberichte von Fabio Orsini und Antonio de Magianis mitgebracht, die ich Euch überlassen möchte.“
„Aus Rom?“ Ezio richtete sich in seinem Stuhl auf und nahm die Briefe entgegen, die Bartolomeo ihm reichte.
„Unter anderem. Nach den Vorfällen in Forlì hat man ein besonders scharfes Auge auf Rodrigo Borgia geworfen, der momentan als Verlierer beim Ringen um die Macht dasteht. Statt ihre Herzogtümer an den Kirchenstaat zu verlieren, wie er gehofft hatte, ist es Caterina Sforza gelungen, sie zu erhalten und stellvertretend für ihren ältesten Sohn zu regieren. Papst Innozenz war sehr gnädig mit ihr, und das ausgerechnet auf Drängen der Familie seiner jungen Schwiegertochter, die inzwischen die finanziellen Angelegenheiten des Vatikans regelt.“
„Die Medici …“
Essattemente. Lorenzo hat sich ins Geschehen eingemischt, und wenn er sich Imola und Forlì schon nicht selbst unter den Nagel reißen kann, dann soll sie auch kein Kirchenstaat bekommen. Die Städte bleiben frei. In Rom ist es ein offenes Geheimnis, dass Borgia mit dieser Entscheidung absolut nicht zufrieden ist. Nun streckt er seine Fühler in Richtung Norden aus. Da er in unserem viel zu selbstverliebten Moro keinen Verbündeten für seine Zwecke finden kann, versucht er einen erneuten Bund mit den Barbarigo … oder dem, was von dieser Familie noch übrig ist.“
„Dem Dogen“, murmelte Ezio. „So kriegerisch und eroberungswütig wie Venedig ist, könnte das unangenehm werden …“
Bartolomeo nickte. „So wie auch die leidige Tatsache, dass sich d’Alviano noch nicht mit den neuen Machtverhältnissen innerhalb der Bruderschaft arrangiert hat, was de Magianis in seinem Schreiben anmerkt. D’Alviano war schon immer eine der heikelsten Konstanten innerhalb der Bruderschaft. Er ist ein großartiger und unerschrockener Kämpfer, aber auch schwer zu händeln. Das Akzeptieren von Hierarchien bereitet ihm Mühe, solange nicht er derjenige ist, der an der Spitze dieser Hierarchie steht. Euren Onkel hat er respektiert, da sich beide als condottieri im selben Metier bewegt und einen ähnlich rauen Umgangston an den Tag gelegt haben, der für Männer wie d’Alviano zu einer Führungsposition gehört, genau wie ein dazu passendes Verhalten. Ihr und Leonardo seid aus einem anderen Holz geschnitzt. Ihr versucht zu kommunizieren. D’Alviano wertet das als Schwäche.“
„Soll das heißen, dass wir uns erst seinen Respekt verdienen, wenn wir ihn auf einen Kampfplatz zerren und ihm ein paar Zähne ausschlagen?“
Ezios Augenbrauen schossen in die Höhe, und der Blick, den er von Bartolomeo sowohl für seine Worte als auch seine Mimik erntete, wirkte gequält.
„Ich würde es ungern so ausdrücken …“
„Aber genau so ist es doch, nicht wahr? Er ist der alte graue Wolf im Rudel, der nur den als Alpha akzeptiert, der ihn im Kampf niederringt.“
„Kann man so sagen …“
Bene!“, sagte Ezio. „Unter diesen Umständen bin ich sogar wütend genug auf ihn, um dieses Affentheater mitzumachen.“
Leonardo stöhnte. „Bitte nicht schon wieder Venedig!“
„Es ist erst wenige Jahre her, da gab es nichts Erstrebenswerteres für dich, als einmal in diese Stadt zu reisen.“
„Ja. Das war, bevor ich sie auch kannte!“
Ezio schnaubte amüsiert, während Claudia die Arme vor der Brust verschränkte.
„Weißt du, irgendwie bin ich jetzt sauer auf dich, dass du mich als Modell für dein Gemälde ausgesucht hast.“
„Eh, perché?“
„Weil ich Toni sonst einfach endgültig entwöhnen und mit euch kommen könnte, um diesem Großmaul selbst den nötigen Anstand beizubringen.“
„Ich bin mir sicher, dass du das könntest.“ Ezio lachte und streckte den Arm nach Claudia aus, um sie an sich zu ziehen. „Ich finde diese ganze Aktion mehr als lächerlich! Aber wenn Borgia wieder zunehmend Einfluss auf Venedig nehmen will, sollten wir schnell handeln und d’Alvianos Vorbehalte gegen uns aus dem Weg räumen, bevor sie uns zum Verhängnis werden. Zwei Wochen, länger werden wir nicht fort sein.“
„Das werte ich als Versprechen, fratello!“
„Ihr werdet Euch solange schon nicht langweilen“, versprach Bartolomeo. „Popoleschi und ich könnten Euer organisatorisches Talent beim Aufbau der Kurierstation gebrauchen. Und Ihr, Ezio –“
„Wollen wir nicht langsam Abstand vom Förmlichen nehmen?“, fragte dieser. „Du hast uns in deine Familie gelassen. Lass uns auch wie eine reden.“
Es gelang Bartolomeo nicht, seine Überraschung über diese Forderung zu verbergen, aber es sprach keine Ablehnung aus seinem Blick.
Bene, Ezio. Du hast ja recht. Und ich bedanke mich für euer Vertrauen. Seid unbesorgt, solange ihr unterwegs seid. Ich werde mich hier um alles kümmern.“
„Das weiß ich. Wir regeln unsere Abwesenheit in der Bottega und brechen dann schnellstmöglich auf. Je eher wir das Problem mit d’Alviano aus der Welt schaffen, desto besser.“ Ezio hob die Briefe an, die er noch immer in seiner Hand hielt, und stand dann auf. „Buonanotte, Barto. Wir melden uns.“
Buonanotte, amici. E buona fortuna.

~*~


Glossar:
Bravo! – Alle Achtung!/Ausgezeichnet!
Di niente! – Keine Ursache!
spanische Wolle – alte Bezeichnung für Merinowolle [Spanien war das einzige Zuchtgebiet dieser nordafrikanischen Schafrasse in Europa]
Allora, signori miei … – Nun dann, meine Herrschaften …
Review schreiben