Das war so geplant

von ticiiee
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
14.07.2020
20.07.2020
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14.07.2020 1.163
 
Die Musik war laut, überall standen Leute in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit. An der Bar war es ruhig, obwohl auch hier der Bass laut in den Ohren des jungen Mannes dröhnte, der sich an die Theke lehnte und ein zweites Bier bestellte. Normalerweise sah er davon ab, solchen Veranstaltungen beizuwohnen. Grossen Menschenmengen ging er lieber aus dem Weg, vermutlich deshalb, weil er absolut nicht mit Smalltalk oder dergleichen umgehen konnte. Reine Höflichkeit hatte ihn dazu gebracht, die Einladung anzunehmen, die der Creative Producer der Firma letzte Woche ausgesprochen hatte. Der junge Mann arbeitete erst seit kurzem hier in Berlin und wollte es sich nicht gleich verscherzen. Ausserdem hatten ihm viele seiner Bekannten mitgeteilt, dass sie ebenfalls hier sein würden, weshalb er sich letzten Endes dazu durchgerungen hatte, heute Abend in Jackett und Anzugshose hier aufzulaufen. Die Krawatte hatte er im Schrank gelassen.

Der Barkeeper stellte das Bier vor ihm ab, der junge Mann nahm die Flasche dankend entgegen und drehte sich um. Er liess den Blick durch den Saal schweifen und beobachtete das Spektakel, welches sich vor ihm abspielte. Sehr viele Leute waren heute hier, unter ihnen einige international bekannte Gesichter, mit denen man (oder vielleicht nur er) nicht gerechnet hatte. Seine Kollegen aus der Firma feierten ausgiebig auf der Tanzfläche. Sie hatten bereits beim Empfang tief in die Gläser geblickt, weshalb es keinen zu überraschen schien, dass sie alle bereits jetzt betrunken waren. Der junge Mann schüttelte amüsiert den Kopf. Mit einer Hand begann er, am Etikett seiner Bierflasche zu knubbeln. Eine nervöse Angewohnheit, die er nicht loswurde. Dabei gab es keinen Grund, gerade jetzt nervös zu sein, dachte er sich. Die Preisverleihung war reibungslos verlaufen und weder er noch sonst jemand aus seinem Umfeld hatten sich beim offiziellen Teil der Veranstaltung in irgendeiner Weise blamiert. Er müsste jetzt glücklich sein, erleichtert über den Preis und vor allem ausgelassen tanzend, so wie seine Mitarbeiter. Warum also war er so angespannt?

«Du siehst nicht so aus, als hättest du Spass.»

Er hatte den Mann, der neben ihn getreten war und ebenfalls an der Bar lehnte, nicht bemerkt. Etwas erschrocken wandte er sich ihm zu und musterte ihn. Er war fast einen Kopf kleiner als er, seine blonden Haare lagen ordentlich frisiert an Ort und Stelle. Sein Köper allerdings zeigte, dass er um einiges sportlicher war als der junge Mann selbst, mit diesen Oberarmen konnte man vermutlich Bäume umhauen, schoss es dem jungen Mann durch den Kopf. Das schwarze T-Shirt spannte sich an der Brust und den Ärmeln.

«Ich hab’ keine Ahnung, warum ich eigentlich hier bin», antworte er wahrheitsgemäss. Der Blonde schnaubte, seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. «Dann sind wir schon zwei», sagte er und reichte ihm die Hand. «Ich bin Felix.»

«Tommi.» Sie schüttelten sich die Hände, wobei Tommi meinte, einen kurzen Stromschlag durch seinen Arm zucken zu spüren.

«Na gut, Tommi, dann würde ich vorschlagen, dass wir verschwinden? Ich kenn’ einen Ort, wo’s nicht so…naja…so ist.» Tommi lachte auf, stellte die halbleere Flasche hinter sich auf die Theke und nickte Felix zu. «Ich bin dabei. Lass uns abhauen.»

Tommi folgte Felix durch die Menge und wunderte sich dabei über seine eigene Spontanität. Noch nie in seinem Leben war er einfach so mit einem dahergelaufenen Typen von einer Party verschwunden, an der man seine Anwesenheit erwartete. Nicht mal während des Studiums war ihm etwas in der Art gelungen. Vielleicht lag es an Felix’ Auftreten. Der Mann hatte etwas an sich, dass Tommi noch nie zuvor bei jemandem gesehen hatte. Felix führte ihn durch eine schwere Tür in ein Treppenhaus. Das Licht war gleissend und Tommi musste seine Augen kurz abschirmen, da es im vorherigen Raum nur sehr spärliche Beleuchtung gegeben hatte. Die Musik war nur noch leise durch einen Spalt unter der Tür zu hören. «Das ist also dein Ort?», fragte Tommi. Er konnte die Verwunderung nicht ganz aus seiner Stimme bannen.

«Ne, was glaubst du denn?» Daraufhin fing Felix an, die Treppen hinaufzueilen. Tommi hatte Mühe, Schritt zu halten und als sie auf dem obersten Absatz wieder vor einer Tür standen, musste er sich kurz am Geländer hinter sich abstützen.

«Kommst du aus Berlin, Tommi?»

«Nein, ich wohne in Köln.» Was wollte Felix mit dieser Fragerei bezwecken?

«Und was hat dich hergebracht?»

«Ein Jobangebot. Ich bin erst seit gut einem Monat dabei.»

«Dann hast du, wie ich vermute, Berlin noch nicht von oben gesehen?»

Bei dieser Frage musste Tommi lachen, obwohl er nicht genau wusste, weshalb.

«Nein, dazu hatte ich leider noch nicht die Möglichkeit.» Also lehnte Felix sich gegen die Tür, dasselbe schiefe Lachen wie schon vorhin auf den Lippen und liess Tommi mit den Worten «Willkommen in Berlin», auf das Dach treten.

Seit einem Monat wohnte Tommi nun in der Hauptstadt. Er hatte seine Freunde und seine Familie in Nordrhein-Westfalen zurückgelassen, hatte sich, ohne gross darüber nachzudenken, in ein neues Leben gestürzt. Bisher hatte er keinen Grund gehabt, diese Stadt zu mögen oder sie als schön zu bezeichnen. Laut, dreckig, unhöflich. Das waren die Adjektive, die er benutzt hatte, wenn er seinen Eltern am Telefon erzählt hatte, wie es ihm gefiel. Die einzigen sozialen Kontakte, die er bisher in Berlin hatte, waren seine Arbeitskollegen und gelegentlich ein Telefonat oder ein Treffen mit seinen früheren Kommilitonen, welche sich in der Hauptstadt ein kleines Geschäft aufgebaut hatten. Doch jetzt, genau in diesem Moment, hier auf diesem Dach, mit diesem Mann, den er kaum zehn Minuten kannte, fühlte Tommi sich endlich angekommen. Tausend Lichter glitzerten überall, wo er hinsah. Der Lärm der Strassen erschien kilometerweit weg.

«Ich wusste nicht, dass Berlin so schön sein kann.» Tommis Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Neben ihm nickte Felix. «Ja», begann er. «Wenn sie will, kann sie doch was von sich zeigen, die Gute.» Er bedeutete Tommi, sich auch auf den Dachvorsprung zu setzen. Ihre Füsse baumelten rund achtzig Meter über dem Asphalt. Felix atmete tief ein, als eine warme Brise um ihre Nasen wehte.

«Bringst du jeden Typen hier hoch, der nicht weiss, wohin mit sich selbst?», rutschte es Tommi nach einigen Minuten des Schweigens heraus.

«Nein. Ausserdem hast du gar nicht ausgesehen, als wüsstest du nicht, wohin mit dir selbst. Du hast unglücklich gewirkt, deshalb dachte ich, dir könnte n’bisschen Licht guttun.» Tommi nickte bloss. Mehr traute er seiner Stimme nicht zu. Er konnte fühlen, wie sich die Anspannung in seinem Innern, die dort schon seit Tagen gesessen hatte, endlich abfiel. Seine Schultern entspannten sich und für einen winzigen Augenblick hätte Tommi schwören können, er könnte sich hier von der Kante stossen und würde davonfliegen, hinaus in die Weiten Berlins.

«Gefällt’s dir?», fragte Felix und sah ihn von der Seite an. Tommi fing seinen Blick auf. Täuschte er sich, oder waren Felix’ Wangen gerade einen Hauch röter geworden? Selbst im gelblichen Licht der Strassenlampen und Lichter in den Fenstern konnte Tommi das unergründliche Blau in Felix’ Augen erkennen. So tief, voller Geheimnisse.

«Es ist wunderschön», antwortete er, ohne seinen Blick abzuwenden.