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Sonnenschein und Handschellen

von Yumestar
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P12
L Light Yagami Misa Amane Soichiro Yagami
14.07.2020
09.08.2020
10
22.530
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26.07.2020 2.187
 
„Light?“
L berührte ihn kurz an der Schulter, zog seine Hand aber augenblicklich weg, als Light sich schüttelte.
„Alles okay“, meinte Light und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, als wolle er sich den blöden Gedanken wegwischen.
„Ich bin nur etwas erschöpft“, stöhnte er und hielt sich den Kopf. Jeder Zentimeter pochte so fürchterlich, dass er die vorhin eingenommene Tablette nur für ein Placebo hielt. Eine Illusion. Gesundheit erschien ihn wie etwas, was er seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt hatte.
„Du kannst dich etwas hinlegen“, bot L an und rückte näher an die Sofalehne, „Die Fragen kann ich ihr selbst stellen.“
„Kommt gar nicht in Frage“, zischte Light unter vor Schmerzen zusammengebissenen Zähnen. Er gewann die Kontrolle über die Schmerzen zurück und fiel erschöpft gegen die Rücklehne. L spürte die harte Vibration und sah zu Light, der mit irgendetwas kämpfte, dass L nicht in Worte fassen konnte. Waren es Schmerzen? Angst? Unsicherheit? Light biss sich auf die Lippen, als versuchte er still zu bleiben. Sein Blick blieb starr auf die Tischkante gerichtet. Seine Augen waren mit Erschöpfung und einer gewissen Verzweiflung getränkt, die sich wie ein glitzernder Schleier über die Pupillen legte und diese zum Leuchten brachte. Wie Schokoladenpapier in der Mittagssonne.
L nahm sich bei diesem Vergleich noch einen Keks und biss hinein.

„Light, ich möchte, dass du dich während der Befragung hinlegst“, sagte Misa und zeigte sich kompromisslos. Das Schmunzeln auf ihren Lippen ließ sie aber kindisch dabei wirken, „Wenn du das nicht tust, werde ich keine einzige Frage beantworten.“
Light seufzte und gab den auffordernden Blicken nach. Zumal ihn bereits die Schwerkraft runterdrückte. Sein Körper schien nicht stark genug, um dieser zu trotzen. Er glitt mit dem Kopf auf die Sofalehne und rutschte mit seinem Körper hinunter, zog aber die Beine ran, um L noch etwas Platz zu lassen. Der Detektiv quetschte sich in die Sofaecke wie ein Hund, der Angst vor den Füßen seines Herrchens hatte.
Misa kicherte leicht und reichte einer ihrer Decken an L.
Der Detektiv studierte den rosa-farbigen Stoff und musterte die Herzen mit schiefgelegtem Kopf.
Misa wies ihn kichernd zurecht, „Du Blödi. Die sollst du über Light legen.“
„Achso.“

L setzte sich immer noch nicht in Bewegung. Misa stöhnte und stand auf. Ihr Körper zitterte leicht und sie schlang die Arme um sich. Sie riss L die Decke weg und breitete diese über Light aus.
„So“, sagte sie, als sie fertig war. Sie setzte sich wieder an ihren Platz und kuschelte sich in ihre eigene Decke.
„Danke, Misa“, murmelte Light heiser und räusperte sich. Er legte den Kopf auf die Arme und betrachtete Misa. Sie sah sicher genauso schlimm aus wie er, wenn nicht sogar schlimmer. Sie kämpfte damit ihre Augen offen zu halten und blinzelte dabei immer wieder heftig, als wolle sie die Müdigkeit mit einem Wimpernschlag besiegen. Schließlich ließ sie sich zur Seite fallen und plumpste auf ihr Kissen zurück.
„Ich beantworte eure Fragen im Liegen“, ächzte sie und packte sich ein Kissen unter die Arme. Dieses schlang sie fest um sich, als wäre es Light. Nun, zumindest hatte das Kissen denselben Orangeton wie Lights Haare.
Misa schielte kurz zu Light hinüber und lächelte. „Jetzt liegen wir beide.“

Als etwas Ruhe eingekehrt war, alle eine entspannte Sitz- oder Liegeposition angenommen hatten und L mit Keksen ausgestattet war, begann die Befragung.
„Also, Misa.“ L biss in seinen Keks, bevor er weitersprach, „Wann haben die Symptome angefangen?“
„Puh.“ Misa pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaute zur Decke, „Weiß nicht so genau. Vor eins, zwei Tage?“
„Misa, ich brauche die genaue Zeit“, ermahnte L sie und schluckte den Keksbissen runter.
„Dann eben drei Tage.“
„Gut. Was für Symptome?“
„Zuerst Halsschmerzen, dann Husten, Schnupfen.“ Sie räusperte sich und grummelte, „Seit Tagen habe ich keinen Hunger mehr.“
L nickte ihre Auflistung ab und wandte sich Light zu, „Hast du dieselben Symptome?“
Light hatte den Arm über den Mund gelegt, doch seine Augen verrieten, dass er nachdachte.
„So in etwa, ja.“
L schloss die Augen und dachte laut nach, „Vielleicht tötet Kira euch auf dieselbe Art.“

Misa setzte sich abrupt auf und quiekte, „Töten?“
Sie hustete und hielt sich die Hände vor den Mund. Dann hauchte sie leise, „Du meinst, Kira will mich töten? Obwohl ich ihn verehre?“
Sie fiel zurück auf die Kissen und stieß ein dramatisches Seufzen aus, „Obwohl es mir recht wäre. Ein Tod durch Kira könnte ich eher verkraften als den Tod durch eine blöde Erkältung.“
„Man stirbt nicht so einfach an einer Erkältung“, meinte Light und atmete hörbar laut aus. „Warum sollte uns Kira überhaupt auf diese Art und Weise töten?“
L hob einen Finger und schwenkte diesen belehrend, „Light, das Fieber schränkt bereits dein Denken ein.“
Er nahm sich den letzten Keks und schob ihn sich in den Mund, „Weil Herzversagen zwar schnell, aber auffällig wäre. Zumal ihr keine Verbrecher seid.“
„Und eine Erkältung wäre unauffälliger?“, schloss Misa und blies die Wangen auf, „Da will ich doch lieber aus Liebe sterben.“
„Dann stell es dir als Liebestod durch Erkältung vor“, meinte L, als wäre es das Simpelste auf der Welt.
„Warum stellen wir uns nicht einfach vor, dass wir überhaupt nicht sterben?“, schlug Light leicht genervt vor.
Sein Kopf schien beinahe zu explodieren, doch er hielt sich tapfer. Er biss die Zähne zusammen, schloss die Augen und atmete tief durch.
Das hier ist bestimmt nicht Kiras Schuld, sagte er sich, Nur ein blöder Virus. Ein Rhinovirus oder ein Coronavirus oder weiß-gott-was, aber nicht Kira!

„Light.“
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und ruckte mit dem Kopf hoch. Ls Blick wirkte beinahe… besorgt.
„Was ist, Ryuzaki?“, fragte Light müde.
„Du wirkst etwas neben dir“, meinte L und legte seinen Handrücken an Lights Stirn. Es war eine Berührung von wenigen Millisekunden, die L wohl reichten, um hohes Fieber festzustellen.
„Dein Zustand verschlechtert sich auffällig schnell.“
„Was?“, entfloh es aus Misas Mund. Sie schaute auf und schien wacher zu sein, „Was ist mit Light?“
Sie betonte jedes Wort als ginge es um Leben und Tod.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand L und hob Lights Hand an.
„Puls. Weiter unten“, murmelte Light.
Seine Sicht wurde mit jeder vorbeitickenden Sekunde schwächer. Er nahm seinen Herzschlag ungewöhnlich laut wahr. Ls Finger fühlten sich kalt und unangenehm an, als sie über seinen Arm nach unten zum Handgelenk glitten. Light konnte nicht mehr sagen, ob es Ls Finger oder die Handschellen waren, die auf seine Ader drückten. Ohne dass man es ihm sagte, wusste er, dass sein Puls raste. Ihm wurde heiß und kalt zur selben Zeit. Der Schweiß rannte. Der Tisch drehte sich. Der Teppich schien wegzugleiten. Misa schnappte nach Luft, dann rannte sie zu ihm. L sagte etwas, doch seine Worte klangen wie in Watte getaucht. Light formte Worte mit seinem Mund, doch schaffte es nicht mehr, sie auszusprechen. Seine Augen schlossen sich, als wollten sie nicht sehen, wie die Dunkelheit über ihn herzog.

„Light!“, schrie Misa zwischen ihrem Husten. Sie schrie seinen Namen, bis ihr die Stimme versagte und sie nur noch klanglos die Silben seines Namens formen konnte. Sie fiel auf ihre Knie vor dem Sofa und erfasste Lights Hand, die L losgelassen hatte.
Der Detektiv schaute zu den Kameras, als erwarte er von diesen eine Anweisung. Dann schielte er zurück zu Light. Er sprang vom Sofa hinunter und schob Misa mit dem Fuß auf Seite.
Sie formte mit den Mund Silben, die Ls Decknamen darstellten.
„Stabile Seitenlage“, antwortete L, doch er formulierte es wie eine Frage.
Er nahm Lights Beine und streckte diese. Dann legte er den nahen Arm angewinkelt nach oben, sodass die Handinnenfläche zu ihm schaute. L ergriff Lights andere Hand am Handgelenk und legte ihm diese an die Wange.
Misa schaute ihm mit Angst, aber auch mit Überraschen zu. L wirkte zwar unsicher und nachdenklich, während er Lights Körperteile arrangierte wie Puzzleteile, doch er blieb dabei ruhig und gefasst.
Oder er ist Profi darin, sich die Angst nicht anmerken zu lassen, glaubte Misa und ärgerte sich über ihre eigene Unfähigkeit, Hätte ich doch nur im Erste-Hilfe-Kurs besser aufgepasst!

L hatte gerade Lights Kopf nackenwärts gebeugt, als Soichiro ins Zimmer geschossen kam.
„Was ist mit meinem Jungen?“, fragte er und hetzte sich zu Lights Seite.
„Alles unter Kontrolle“, beruhigte L ihn und ließ von Light ab, „Er macht bereits die Augen auf.“
Tatsächlich kehrte Light bereits Sekunden später wieder zu Bewusstsein zurück und Soichiro konnte aufatmen. Auch Misa fiel ein Stein vor Herzen.
„Light?“
Soichiro beugte sich über ihn und musterte ihn mit besorgter Miene.
„Vater?“, flüsterte Light noch leicht benommen. Er blinzelte einige Male, bevor das Bild vor seinen Augen schärfer wurde.
„Mein Junge.“ Soichiro lachte vor Erleichterung und schüttelte gleichzeitig mit dem Kopf, „Wie kannst du mir das nur antun?“
L ließ die beiden in Ruhe und ging zu Misa, „Bei dir alles okay?“
Sie nickte und streckte den Daumen hoch. Dann rappelte sie sich auf und schlürfte zum Sofa zurück. Sie flüsterte L ein lautloses ‚Danke‘ zu, bevor sie sich wieder unter ihren Decken begab und zu Light schaute.

„Ryuzaki, ich nehme meinen Sohn aus den Ermittlungen“, sagte Soichiro und trat zu L, „Würdest du bitte die Fesseln lösen?“
„Nein.“
„Ryuzaki.“ Soichiro konnte seine Wut nur schwer bändigen. Seine Hände, die er zu Fäusten geballt hatten, zitterten unkontrolliert.
„Ich nehme mich selbst auch aus den Ermittlungen“, sagte L, ohne eine Miene zu verziehen. Sein Blick blieb kühl, doch seine Augen huschten zu Light, „Zumindest bis Lights Zustand sich gebessert hat.“ Er verengte seinen Blick und beobachtete wie Light sich vorsichtig aufsetzte.
„Es ist nämlich gerade interessant geworden.“
„Interessant?“ Soichiro sah L ungläubig an und schüttelte an Ls Schulter, „Mein Sohn ist gerade zusammengebrochen und das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“

L zuckte von der heftigen Berührung zurück und machte einen Schritt nach hinten. Unter Soichiros wütenden Blick fühlte er sich klein und in die Ecke gedrängt. Seine Stimme blieb aber fest und sein Ton kompromisslos.
„Die Fesseln werde ich unter keinen Umständen lösen. Solch eine Nachtsichtigkeit erlaube ich in diesem Fall nicht.“
„Ryuzaki!“
L biss die Zähne zusammen und verzog einen Mundwinkel, „Wenn es sein muss, kümmere ich mich persönlich um Light. Damit kann ich Ihnen entgegen kommen.“

Soichiro sah L in die Augen und merkte, wie ernst es ihm war. Er schluckte die Wut hinunter und nickte. Hätte er den Mund geöffnet, hätte er sich nur Einwände gegen Ls Worte ausgesprochen. Ihm rannte so viel durch den Kopf. Allen Gedanken voran die Sorge um seinen Sohn. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn Light sich Zuhause in einem warmen Bett ausgeruht hätte. Doch L hatte ihn nach wie vor im Visier. Die Idee war bescheuert. Ls Theorie hatte weder Hand noch Fuß. Die ganze Situation war mehr als überfordernd.
Und trotzdem hatte Soichiro dieser zugestimmt. Weil er L vertraute und weil er glaubte, dass dies das Beste für seinen Sohn sei. Das schlechte Gewissen plagte ihn auch noch, als er die Treppe hinunterging und sich zu den anderen Ermittlern setzte. Der Kaffee neben ihn dampfte unberührt vor sich hin. Zu schwer wog die Sorge, als dass sein Magen es verkrampften konnte.

„Uhhh, Doktor Ryuzaki?“, scherzte Misa, um die Stimmung etwas aufzulockern. Ihre Stimme klang noch heiser und brüchig, aber war bereits kräftig genug, dass andere sich ihre Verschwiegenheit zurückwünschten.
„Ach, sei doch still“, zischte L und schritt zum Telefon. Die Kette störte ihn dabei plötzlich mehr als sie sollte.
„Was ist los, Ryuzaki?“, fragte Light, der selbst im erschöpften Zustand die Anspannung bei dem Detektiv mitbekam. Es war kaum zu übersehen, dass L von etwas genervt war.
„Gar nichts“, antwortete L im ruhigeren Ton, doch es klang nicht überzeugend. Er stieß den Telefonhörer mit der Zehenspitze von der Halterung und schnappte sich mit der Hand den zu ihm schwingenden Hörer.
„Mit dir stimmt doch was nicht“, murmelte Misa und beobachtete ihn. Alle Anzeichen einer Krankheit schienen mit einem Mal bei ihr verschwunden zu sein und sie war lebhaft wie immer. Zumindest für einen kurzen Moment. Im nächsten kroch sie hustend und schniefend zurück unter die Decken und verfluchte ihre Erkältung.

L ignorierte sie und bat die Ermittler über Telefon, ihn mit Watari zu verbinden.
„Ich brauche ein paar Dinge“, hatte er ihnen als Erklärung gegeben. Dann hatte er aufgelegt. Mit einem ruhigen Blick und dem Daumen im Mund, sprach er zu Light und Misa.
„Ich habe mich noch nie um jemanden gekümmert. Das könnte eine neue, interessante Erfahrung werden.“
Er klang gespannt, geradezu schien er sich über die Herausforderung zu freuen. Und doch war da etwas in seinen Augen, das gar nicht zu dem berühmten Detektiv passten.
Unsicherheit.
Jede neue Herausforderung brachte auch Risiken mit sich und entblößte Schwächen, die sonst im Verborgenen geblieben wären.
Und vor genau solch einer Herausforderung stand L nun.

Ich habe eindeutig zu viel Spaß daran, Light durch Himmel und Hölle fahren zu lassen. (Später kann er ja sowieso nicht zu einer diesen beiden Orten, also sieht er sie jetzt einmal XD)
Und L tut mir in gewisser Weise ja auch leid. Er ist zwar intelligent, aber zum Kümmern braucht man Empathie.
Das kann sicher noch witzig werden. Freut euch also schon aufs nächste Kapitel!
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