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Sonnenschein und Handschellen

von Yumestar
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P12
L Light Yagami Misa Amane Soichiro Yagami
14.07.2020
09.08.2020
10
22.530
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26.07.2020 2.122
 
In der Zentrale herrschte eine Stille, die niemals so stark aufgefallen war wie heute. Normalerweise hörte man, wie sich L und Light stritten. Oftmals brachte Misa mit ihren unerschöpflichen Energiereserven Leben in die Bude. Doch jetzt war es so leise gewesen, dass man bei jeder Bewegung die Ketten rascheln hörte. Dabei bewegten sich Light und L so gut wie gar nicht. Light saß ruhig auf dem Sofa. Das einzige, was sich bewegte, war seine Hand, die auf der Tastatur seines Laptops tippte. L hockte neben ihm und beobachtete ihn. Distanz war dabei für ihn ein Fremdwort gewesen. Er hockte so nahe an Light, dass er über dessen Schulter hinweg auf den Bildschirm schauen konnte.
„Wenn du noch näher rückst, musst du dich später nicht wundern, wenn du auch zu husten beginnst“, kommentierte Light, ohne aufzuschauen. Der warme Atem an seinem Nacken reichte, um zu wissen, dass L nur wenige Zentimeter von ihm entfernt war.
„Ich möchte doch nur wissen, was du da tippst, Light“, erklärte L und ließ es wie eine Entschuldigung klingen. Er knapperte an seinem Daumennagel und studierte die Zahlen, die kurz auf dem Bildschirm erschienen und wieder verschwanden.
„Hackst du dich in irgendein System?“
„Ich versuche es für die Ermittlungen zu nutzen“, korrigierte Light und hustete leicht, „Warum fragst du?“
„Nur so.“ L nahm den Daumen aus seinem Mund und weitete die Augen, als wolle er damit den ganzen Inhalt des Bildschirmes einsaugen, „Kann ich dir vielleicht helfen?“
Light lehnte mit einer höflichen Geste ab, „Nein, danke. Ich schaffe das allein.“
„So, so.“ Ls Augen verkleinerten sich wieder, als hätte er das Interesse verloren. Stattdessen nahm er sich noch einen Keks und knabberte an diesem wie ein Hamster.

Light stöhnte und wischte die Krümel vom Laptop, „Könntest du bitte woanders essen?“
„Stört es dich etwa?“, fragte L ahnungslos und neigte den Kopf zur Seite, „Sonst hat es dich doch auch nicht gestört.“
„Es stört mich auch nicht, dass du isst. Nur die Krümel.“ Er deutete auf die braunen Krumen, die auf dem schwarzen Laptop deutlich zu sehen waren.
„Hm, stimmt.“ L beugte sich noch etwas weiter hinüber, um sich den ‚Schaden‘ selbst einmal anzusehen, „Sieht verkrümelt aus.“
Light schob ihn auf Seite und sah ihn leicht genervt an, „Ich dachte, du magst Anlehnen nicht so?“
„Wenn du es tust, mag ich es nicht“, erklärte L, als wäre es das Logischste auf der Welt, „Aber wenn ich es mache, ist das was völlig anderes.“
„Da will wohl jemand unbedingt krank werden“, murmelte Light und widmete sich wieder den Daten zu. Wenn er die richtige Sequenz des Codes herausfinden könnte, dann hätte er das System geknackt. Er probierte es aus, doch vertat sich. Eine brüchige Fehlermeldung leuchtete auf dem schwarz gewordenen Bildschirm auf.

„Du bist nicht ganz in Form, Light“, kommentierte L und konnte sich das leichte Grinsen nicht verkneifen, „Wieso versuchst du es nicht, wenn es dir besser geht?“
Light hätte nur allzu gerne die Schuld auf Ls Nähe geschoben, doch das hätte ihn auch nicht weitergebracht und ihn nur verdächtiger gemacht.
Stattdessen sagte er so gelassen wie möglich, „Ich werde es einfach nochmal versuchen.“
„Du bist stur“, meinte L, „Genau wie Kira.“
Die Ermittler schienen allesamt gleichzeitig zu ihm geschaut zu haben. Ihre Blicke waren skeptischer und verdächtiger als Light, der die Anschuldigungen bereits gewohnt war und sich dieses Mal nicht davon ablenken ließ.
„Was ist?“, fragte L die Ermittler, ohne sich einem Fehler bewusst zu sein, „Ich habe nur einen Vergleich gezogen. Ich habe nicht einmal erwähnt, dass er Kira ist.“
„Lass es gut sein, Ryuzaki“, meinte Light nur und zog damit Ls Aufmerksamkeit zurück zum Geschehen auf den Bildschirm. Oder besser gesagt beobachtete L weiterhin Light. Der Laptop schien ihn kein Stück zu interessieren.

„Ah, verdammt!“ Lights Ausruf unterbrach die Stille, die für eine Weile geherrscht hatte. Der Bildschirm vor ihm verdunkelte sich und dieselbe Fehlermeldung erschien ein weiteres Mal. Es war sein dritter Versuch und sein Letzter. Das Sicherheitssystem musste seinen Zugriff bemerkt haben und verwehrte ihm diesen. Jetzt musste er einige Stunden warten, bis er es erneut versuchen konnte.
„Siehst du, Light, in deinem Zustand kannst du nicht ermitteln“, sagte L und lächelte stolz, da sich seine Vermutung als die Richtige rausgestellt hat.
Light verabscheute dieses Lächeln, sagte aber nichts dazu und klappte den Laptop zu. Sein Kopf hämmerte und er trank das Glas Wasser, dass Matsuda ihm gebracht hatte. Darin hatte er eine Kopfschmerztablette aufgelöst.
Vielleicht wird das helfen, dachte er sich und schluckte das Wasser in einem Zug. Dann stellte er das leere Glas ab.
„Sich mit Medikamenten zuzudröhnen ist keine gute Idee“, meinte L und klang dabei wie eine überfürsorgliche Mutter, „Das behindert nur deine Arbeit.“
„Sagt der Richtige“, konterte Light und erinnerte sich daran, wie L fünfzig Halsschmerztabletten gelutscht hatte, als er an einem Tag heiser gewesen war. Auch L schien sich wohl kurzzeitig daran erinnert zu haben und steckte sich ein Bonbon in den Mund wie er es an jenem Tag ganze 50-mal getan hatte.

Light schloss den Laptop zum Laden an den Strom an und lehnte sich zurück.
„Außerdem möchte ich mich kurz ausruhen und nicht von den Kopfschmerzen gestört werden.“
„Hm, okay“, war alles, was L dazu einfiel. Er sprang vom Sofa und ging soweit es ihm möglich war zu den Monitoren.
„Misa scheint wach zu werden“, bemerkte er, „Ich würde ihr gleich gern ein paar Fragen stellen.“
„Wieso das?“, hinterfragte Light mit skeptischem Blick.
„Nur zu ihrer Erkältung“, meinte L und verengte die Augen, „Vielleicht finde ich etwas heraus, was meine Theorie erhärtet oder als falsch herausstellt.“
„Misa ist krank, also lass sie in Ruhe!“ Ungewollt war Light lauter geworden und bereute es sogleich, als ein leichter Hustenanfall ihn durchschüttelte. Sein Hals brannte anschließend und er hatte Mühe, zu sprechen, „Was willst du überhaupt aus ihr herauskriegen?“
„Beruhige dich.“ L schien nicht zu verstehen, worüber Light sich so aufregte, „Ich will sie nur nach dem Krankheitsverlauf fragen. Vielleicht können wir ihr nebenbei helfen.“
„Wir?“ Light stutzte kurz, bis ihm Ls Plan bewusst wurde. Er sprach langsam, als wolle er sich versichern, dass er es richtig verstanden hatte, „Du willst also, dass ich mitkomme.“
„Ich kann ja schlecht alleine hin.“ L hob die Hand und raschelte mit der Kette.
Light seufzte, „Schön. Meinetwegen.“
Er stand auf, legte sich aber die Decke über die Schulter, „Aber wehe dir, du stresst sie.“
„Ich werde ganz sanft zu deiner Freundin sein“, versicherte L ihn und begab sich schon einmal zur Treppe.
Light musste ihm wohl oder übel zu Misas Stockwerk folgen.

Auf Misas Etage war es ungewöhnlich still. L hörte nur Lights keuchende Atmung. Er drehte sich zu dem Jungen um, der sich mit einer Hand an der Wand stützte.
„Brich mir ja nicht zusammen, Light“, murmelte L und ging weiter.
Light öffnete den Mund, um zu protestieren, doch er sparte sich seine Kräfte, um mit L mitzuhalten. Wenn über seine eigenen Füße stolpern würde, würde L ihn gewiss über den Boden hinterherschleifen. Da kannte der Detektiv kein Pardon.
„Ryuzaki“, hauchte Light, als er auf wackeligen Beinen stehen blieb.
Mit dem Rücken lehnte er sich gegen die kalte Wand, die ihn erzittern ließ. Er rubbelte sich über die Arme, bis er die Hitze spürte.
„Komm schon, bis Misas Zimmer ist es nicht mehr weit“, meinte L und zog an der Kette.
Light stolperte nach vorne, fand aber schnell genug sein Gleichgewicht. Jetzt zu fallen hätte im schlimmstmöglichen Szenario geendet. Light schüttelte den Kopf über Ls Sturheit und lief die Wand entlang. Seine Hände hielten zittrig an dem Mauerwerk fest. Seine eigene Atmung hörte sich lauter an als Ls Schritte. Die ganzen Qualen nahm er auf sich, damit sich das scharfe Metall der Fessel nicht noch einmal in sein Handgelenk bohrte.
„Schau mal, wir sind schon da.“ L blieb vor der Tür zu Misas Apartment stehen und drehte sich zu Light, der fix und fertig bei ihm ankam. Seine Knie beugten sich, als würden sie jeden Moment nachgeben, wenn er nicht bald sitzen könnte. Light stieß ein lautloses Seufzen aus. Vielleicht war das aber auch nur ein zittrig ausgestoßener Atemzug. Lights Körper zitterte als würde ein Poltergeist ihn durchschütteln. Die Decke, die zuvor seine Schultern geziert hatte, lag einige Meter hinter ihm auf dem Boden. Zu weit entfernt, als dass Light nochmal zurückgegangen wäre, um sie zu holen. Zumal die Kette kürzer als die Strecke war.

„Na, wach?“, fragte L, als er ohne vorher zu klopfen ins Zimmer trat.
„Hm-Hm.“
Misa hob ihren Kopf vom Kissen und rieb sich die Augen. Ihre Haare sahen aus wie das Fell eines durchnässten Dackels. So verzottelt und verknotet, dass es gewiss ein Riesengeschrei gegeben hätte, wenn sie sich im Spiegel gesehen hätte. Glücklicherweise hatte sie den Blick heute noch nicht riskiert.
„Wie fühlst du dich, Misa?“, wollte Light augenblicklich wissen. Für einen Moment vergaß er seine wackeligen Knie und so gaben sie nach. Er krallte sich in den rauen Stoff des Sofas, um nicht Bekanntschaft mit dem Teppich zu machen. Egal, wie sehr die flauschigen Flusen einen sanften Fall versprachen.
„Light!“ Misa sprang auf, als wäre die Welt an ihr vorbeigezogen. In diesem Moment zählte nur Light, der sich mit zittrigen Armen aufrichtete und die letzten taumeligen Schritte zum Sofa machte. Als er sich ihr gegenüber hinsetzte, sackte sie zurück ins Leder.
„Bereite mir doch nicht solche Sorgen“, stöhnte sie und legte eine Hand an die Stirn, als würde sie fast ohnmächtig werden.
„Vielleicht bist du ja der Stressfaktor, Light“, meinte L und stieg auf das Sofa. Als seine baren Füße das Leder berührten, kratzten seine Zehennägel dagegen. Misa schaute angewidert weg und wendete sich ihm erst wieder zu, als er sich halbwegs ordentlich positioniert hatte: Natürlich in Hocke, auf seinen Knien sitzend und mit Daumen im Mund. Es erinnerte sie an einen primitiven Affen.

„Ich habe ein paar Fragen an dich, Misa“, fing L an, noch bevor Misa überhaupt völlig wach war. Ihr Blick hing noch bei Light fest, der keinen guten Eindruck machte. Seine Hände, die auf seinen zittrigen Knien ruhten, waren so blass, dass sich die Blutadern blau abmalten. Und die Augen, die müde zu ihr aufschauten, glänzten auf eine Art, die zwar hübsch, aber auch abschreckend war. Als würden Sterne erlöschen. Misas Augenbrauen zuckten und sie krallte sich fester in den Stoff ihres Nachthemdes. War es ihre Schuld, dass es Light so schlecht ging?
„Misa?“, L stupste das Mädchen an der Stirn an, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, „Ich hätte ein paar Fragen.“
„Was ist mit Light?“, fragte sie und schaute auf. Ihre Augen spiegelten Sorge, aber auch eine gewisse Strenge wider. Der Ernst schien ihrer Liebe entsprungen zu sein.
„Es ist nur eine Erkältung“, beruhigte Light sie und winkte ab. Seine Hand fiel erschöpft auf seinen Schoss zurück.
„Lügner!“
Misa erhob sich und knallte die Hände auf den Tisch, sodass die Blumenvase darauf wackelte. Sie hustete stark, bevor sie mit schweren Atemzügen weitersprach, „Dir geht es nicht gut. Das sehe ich doch. Sag mir, was los ist!“
„Er ist nur erkältet“, meinte L und bediente sich von den Keksen, die auf dem Tisch standen. Er brach diesen über und ließ die erste Hälfte in seinem Mund verschwinden. Mit vollem Mund sprach er, „Aber es könnte auch mehr dahinter stecken.“
Light stieß ihm in die Seite und sah ihn böse an. Die zweite Hälfte des Kekses fiel aus Ls Hand.
„Oh“, machte L nur und folgte dem Keks mit dem Blick. Die Frage, ob man der Fünf-Sekunden-Regel vertrauen konnte oder nicht erschien ihm wichtiger als das Gespräch weiterzuführen.
Light lehnte sich zurück und stieß ein langes Seufzen aus. Er räusperte sich, bevor er mit kühler Stimme zu Misa sprach, „Ryuzaki glaubt, dass wir nicht zufällig erkrankt seien, was natürlich völliger Quatsch ist. Es ist Herbst. Grippesaison.“ Er stieß die Wörter kurz aus, da der Hustenreiz mit jedem Wort stärker wurde, „Viele werden krank. Auch wir.“ Er hustete zur Seite weg. Ein leichter Schmerz breitete sich in seinen Lungen aus. Er räusperte sich laut, bevor er zum nächsten Satz ansetzte.
„Ich glaube nicht, dass Kira uns dieses Leiden eingebrockt hat.“
Zum Ende hin musste er so fürchterlich husten, dass seine Worte gar nicht mehr so sicher klangen, wie sie es in seinem Kopf gewesen waren.
Vielmehr zitterten darin die Unsicherheit und die Ungewissheit.
Wenn er jetzt nicht mehr Kira war, aber es früher doch einmal gewesen war, warum sollte der neue Kira ihn nicht auslöschen wollen? Es bestand doch die Gefahr, dass er seine Erinnerungen zurückerhalten könnte und dann alles ausplaudern würde.
Die Theorie, die er einst für lächerlich erhielt, manifestierte sich mehr und mehr zu einer Wahrheit, die er nicht akzeptieren wollte und konnte.

We’re getting into drama!
Es ist ein schöner Sonntagmorgen und wie beginnt man den am besten? Indem man Light quält :D
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