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Sonnenschein und Handschellen

von Yumestar
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P12
L Light Yagami Misa Amane Soichiro Yagami
14.07.2020
09.08.2020
10
22.530
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09.08.2020 2.086
 
Die Tränen quollen über, bei dem Gedanken, dass er hätte sterben können. Light dachte an seinen Vater, an seine Mutter und an seine Schwester, die von Schmerzen durchschüttelt werden würden, sollte ihm etwas passieren. Und er dachte daran, dass wenn er jetzt starb, er Kira nicht aufhalten konnte. Er wäre völlig umsonst gestorben.
Light dämpfte ein Schluchzen mit seiner Hand, nicht wollend, dass L oder Misa etwas von seinen Gefühlen mitbekam. Misa war zu seinem Glück eingeschlafen, doch L beobachtete ihn so intensiv, dass das Verstecken unmöglich war.
Doch L sagte kein Wort dazu. Er hockte vor Light, beinahe regungslos. Er hob weder die Hand, um ihn zu trösten, noch sagte er ihm, dass er aufhören sollte. Auf dem Gesicht trug L denselben kühle Ausdruck, den er immer hatte.
L ließ Light einfach weinen.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis Light sich beruhigt hatte. Er wischte sich die Augen mit den Ärmeln trocken und murmelte eine Entschuldigung, die durch den Stoff gedämpft klang.
„Brauchst dich nicht zu entschuldigen“, meinte L und streckte kurz den Rücken durch. Die Zeit, in der er regungslos saß und nichts getan hatte, hinterließ Schmerzen, die nur durch Zucker oder guten Ermittlungen gelindert werden konnten. Und an beiden mangelte es ihm gerade. Er warf einen kurzen Blick zu dem Laptop, der unter den Büchern und Heften silbern glänzte wie ein Stück Schokoladenpapier. Fast hätte er sich dieser Halluzination ergeben, wenn Lights Husten ihn nicht davon abgelenkt hätte. L blickte Light mit schief gelegten Kopf, als verlangte er eine Erklärung.

„Was ist, Ryuzaki?“, fragte Light leicht genervt. Wenn L etwas zu melden hatte, sollte er das doch bitte laut sagen und sein Belangen nicht mit unverständlichen Blicken kommunizieren.
„Hattest du Angst?“, wollte L wissen. Er ließ die Frage gewöhnlich klingen und Light antwortete, als wäre es keine große Sache.
„Ja, hatte ich.“
Jetzt, wo Light es laut ausgesprochen hatte, jagte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Vielleicht war es für ihn doch nicht so gewöhnlich, Angst zu verspüren. Immerzu hatte er geschützt gelebt, nichts und niemand hatte sein perfektes Leben bedroht… Doch jetzt? Jetzt war die Situation ganz anders und Angst wirkte wie das Normalste der Welt.

„Ich dachte, du würdest keine Angst kennen, Light Yagami.“  
Es blieb Light ein Rätsel, warum L seinen vollen Namen benutzt hatte. Der Detektiv lehnte sich zurück, steckte den Daumen in den Mund und blickte an Light vorbei. Irgendetwas sagte Light, dass L tief in Gedanken war. Vielleicht waren es die Augen, die so groß wie sie waren, verträumt wirkten.
„Hatte ich auch nicht, bis jetzt“, sagte Light ehrlich und lehnte sich ans Sofa. Er sehnte sich danach auf dem gepolsterten Sitz zu liegen. Sein Hintern fühlte sich bereits steif an, vom Sitzen auf dem harten Boden. Doch er hätte es mit diesen Pudding-Beinen wohl kaum hinaufgeschafft. Und L konnte er nicht um Hilfe bitten.

Light setzte sich etwas bequemer hin und seufzte, „Ich habe immer in einem sicheren Umfeld gelebt, habe eine liebende Familie und nie wirklich Probleme gehabt. Verstehst du?“
L schüttelte den Kopf und senkte den Blick. Es schien, als würde ihn noch etwas anderes beschäftigten. Etwas, was nichts mit dem Fall zu tun hatte.
Schließlich sagte er, „Muss schön sein.“
„Hm?“, machte Light, nicht wissend, worauf L hinauswollte.
„Sicherheit. Eine Familie.“ L schaute auf und Light erkannte in dessen Blick Unbehagen und einen Hauch von Nervosität. Erst jetzt fiel ihm auf, dass L sich mit einer Hand am Knie festhielt und die Finger tief in den Jeansstoff bohrte.
Er schloss mit dem Hauch eines Zitterns ab, „Ich verstehe solche Dinge nicht. Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst, Light.“
Light schüttelte den Kopf. Lange Erklärungen hätten ihn wohl um seine Stimme gebracht und L wohl ratloser zurückgelassen. Light war sich nicht einmal sicher, ob er in diesem fiebrigen Zustand überhaupt eine Erklärung für Dinge finden konnte, die man unter normalen Umständen auch nicht so leicht erklären konnte.

Stattdessen kam er direkt zum entscheidenden Punkt, „Ich wollte damit nur sagen, dass ich vorher das Gefühl der Angst nicht kannte, es jetzt aber umso deutlicher spüre.“
„Weil du Kira bist“, ergänzte L und seine Stimme klang so kühl, dass Light sich nicht sicher war, ob es eine Frage oder eine Aussage war.
Deswegen schüttelte er schnell mit dem Kopf, „Ich bin nicht Kira.“
„Kira würde auch keine Angst kennen“, erklärte L und klang wie ein Kind, das versuchte, einen Erwachsenen von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen, „Warum sollte er Angst kennen, wenn er jeden töten könnte, der eine Gefahr für ihn darstellt? Er könnte mich wahrscheinlich auch aus dem Weg räumen, wenn er wollte.“
L zuckte mit der Schulter, als hätte er sich mit dem Gedanken abgefunden, doch Light wirkte entsetzt.
„So darfst du nicht denken“, sagte er und schüttelte ungläubig den Kopf, „Kira weiß doch deinen Namen nicht, oder? Dann kann er dich auch nicht töt…“
Lights Stimme ging in ein Krächzen über und verschwand dann komplett. Light hielt sich den Hals und biss die Zähne zusammen. So stark war der Schmerz, den er in diesem Moment verspürte. Es fühlte sich an, als hätte man seine Kehle verschlossen.

„Wer weiß, ob Kira meinen Namen weiß“, meinte L und klang desinteressiert. Im Inneren ratterten seine Gedanken aber schneller als ein Uhrenwerk, Wenn Misa wirklich Kira Zwei war, hat sie höchstwahrscheinlich meinen Namen gesehen. Dann weiß auch Kira davon.
Er knabberte angespannt an seinem Daumennagel und täuschte dann Angst vor. Light sprang darauf an.
Mit der Brüchigkeit einer kaum funktionierenden Stimme hauchte er, „Aber Ryuzaki… Keiner… Dein Name… Niemand weiß ihn.“
„Und keiner weiß, was Kira wirklich weiß“, ergänzte L und schaute auf, „Das ist die wahre Gefahr.“
Erst jetzt bemerkte er, dass Light nicht nur mit Heiserkeit, sondern auch mit seiner Atmung zu kämpfen hatte. Light hatte die Hand auf seiner Brust liegen und keuchte, als bekäme er schlecht Luft. Er röchelte und hustete, dass es wie Ersticken klang.  
Ls Augen weiteten sich, gleichermaßen vor Schrecken als auch vor Sorge und Ratlosigkeit. Niemand hatte ihm gesagt, was man tun sollte, wenn jemand vor einem erstickte. L durchblätterte mit einer Hand das Medizinbuch, während er mit der anderen Hand beruhigende Bewegungen machte, die aber aufgrund der Hektik nicht als solche zu erkennen waren.
„Ganz ruhig, ich hab alles im Griff.“
Light hätte mit den Augen gerollt, wenn er nicht solch eine Atemnot gehabt hätte.

Wie viele Sekunden L letztendlich gebraucht hatte, um zu einer Lösung zu kommen, erschien im Moment des Handelns unwichtig. L brachte Light in eine aufrechte Sitzposition, indem er einen Arm um ihn legte und ihn gegen sich lehnen ließ. Das harmonierte zwar nicht gut mit seiner eigenen Sitzposition, doch solange er nicht nach hinten fallen würde, würde es auch klappen. Er drückte Lights angespannten Schultern runter und flüsterte ihm zu, dass alles gut werden würde. Dabei verstand L selbst nicht, warum ‚Beruhigen‘ einer der Maßnahmen war, die im Buch aufgelistet war. Doch Light schien dadurch ruhiger zu atmen. Nein, vielmehr schob L das auf die Erschöpfung.  Viel länger würde Light nicht durchhalten.

„Ryuzaki, wir haben einen Krankenwagen verständigt“, tönte es durch die Lautsprecher. Die Worte schallten in Ls Kopf wieder, doch er protestierte nicht gegen diese Maßnahme, sondern murmelte ein leises: „Ist okay.“  
Dann blickte er auf die Fesseln und ließ sie kurz rascheln. Er würde sie auch noch eine ganze Zeit lang weitertragen, Krankenhaus hin oder her.
Ich lasse ihn nicht gehen, dachte L entschlossen und drückte Light unbewusst fester an sich, Wenn die Krankheit von Anfang an inszeniert war, dann gebe ich ihm keine Chance, dieses Theater zu Ende zu spielen.
In diesem Moment rasten tausend Gedanken durch seinen Kopf, doch sie kamen nicht gegen Lights laute Atmung an. Die unregelmäßigen Atemzüge irritierten ihn. Das Keuchen, das Japsen, das Röcheln. Es waren für ihn fremde Geräusche, die ihm gleichzeitig als Beweis dienten, dass Light noch lebte.
Er atmet noch. Irgendwie.

Und so ging es eine ganze Zeit lang weiter. Als L die Sanitäter die Treppe raufgehen hörte, war Light bereits bewusstlos geworden. Sein heißer Kopf lag zwischen Ls angewinkelten Beinen, damit der Oberkörper erhöht lag. Light atmete noch immer, nur so schwach, dass L es kaum wahrnahm. In manchen Sekunden glaubte er, Lights Atmung hätte gänzlich aufgehört.
L erschrak und war froh zugleich, als die Sanitäter ins Zimmer traten. Die Männer in blauer Kleidung und weißen Masken rannten sofort an Lights Seite und taten so viele Dinge gleichzeitig, dass selbst L leicht überfordert war und sich zurückzog. Er hielt so viel Abstand, wie ihm durch die Kette möglich war. Zu seinem Glück waren die Sanitäter so sehr damit beschäftigt, Lights Zustand zu stabilisieren, dass die Kette unbemerkt blieb oder zumindest für niemanden von Wichtigkeit war.

L blinzelte, als die Sanitäter Light eine Sauerstoffmaske überzogen. Es war der Moment, in dem er realisierte, wie schlecht es wirklich um Light stand.
Vielleicht hat Kira ihn doch im Visier gehabt, dachte L und stellte sich schon einmal auf ein schnelles Ende ein. Sie würden ins Krankenhaus fahren und dort würde man Lights Tod feststellen. Und dann wäre es auch egal, warum sie aneinander gekettet waren. Zumindest stand für L fest, dass er definitiv dabei sein wollte, wenn Light durch Kira starb. Vielleicht würde es ihn bei den Ermittlungen weiterhelfen.

Ein Sanitäter ging auf L zu und fragte, was passiert sei.
Ohne zu dem Mann aufzusehen, antwortete L, „Er hat nicht mehr richtig geatmet.“  
„Er fühlte sich seit heute Morgen nicht gut.“
Als Soichiro zu den Sanitätern sprach, senkte L den Kopf. Er hörte es an dem Keuchen, dass der Polizeichef die Treppen hochgerannt war, um schnellstmöglich bei seinem Sohn zu sein.
„Wer sind Sie?“, fragte einer der Sanitäter.
„Ich bin Lights Vater“, erklärte Soichiro.
L lauschte ihnen und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, Sie wollen den Namen.
„Light, so heißt der Patient?“
Aus seiner Position konnte L nicht sehen, an wem die Frage gerichtet war, deswegen antwortete er vorsätzlich.
„Light Yagami.“
„Gut“ meinte der Sanitäter und ging zu den anderen zurück. L hörte, wie sie Lights Namen riefen. Scheinbar hatten sie es nach einigen Versuchen geschafft, Light zu Bewusstsein zu bringen, doch so genau wusste L es nicht. Zu sehr war er damit beschäftigt nach einer guten Erklärung für die Handschellen zu suchen. Er brauchte eine Möglichkeit, um bei Light zu bleiben.

„Wir bringen ihn auf alle Fälle ins Krankenhaus“, informierte einer der Sanitäter und das war Ls Stichwort gewesen. Er stellte sich auf und sagte ohne Zögern, „Ich komme mit.“
„Und Sie sind?“, fragte einer der Sanitäter.
„Ein Freund“, erklärte L und schloss die Augen, bevor er sie öffnete und weitersprach, „Nennen Sie mich Ruee Ryuzaki.“
„Gut“, meinte der Sanitäter, schüttelte dann aber mit dem Kopf, „Sie können trotzdem nicht mitkommen.“
L schien mit dieser Reaktion bereits gerechnet zu haben und machte einen Schritt vor. Dann erklärte er mit ruhiger Stimme, „Der Patient leidet unter schwerwiegenden Halluzinationen, weswegen er rund um die Uhr überwacht wird. Sollte ich auch nur eine Minute nicht in seiner Nähe sein, hätte das schwerwiegende Auswirkungen auf seine Psyche. Also nehmen Sie mich mit.“

L warf einen kurzen Blick zu Light. Er war glücklicherweise zu benebelt, um zu verstehen, was da gerade über ihn gesagt wurde. L hörte ein auffälliges Räuspern neben sich, was ihn daran erinnerte, dass Soichiro auch noch anwesend war.
L sah den verärgerten Mann an und zischte genauso verärgert, „Hätte ich denen lieber sagen sollen, dass er unter dem Verdacht steht, Kira zu sein?“
Soichiro verzog eine Miene, als wollte er protestieren, hielt seinen Mund aber geschlossen. Als die Sanitäter ihn fragten, ob diese Aussage stimmte, antwortete er mit einem resignierten „Ja.“
Als sie nicht mehr unter dem Blick der Sanitäter standen, zischte er, „Dafür hältst du aber die ganze Zeit ein Auge auf ihn, Ryuzaki“
„Das war der Plan“, meinte L und zuckte mit der Schulter. Dann folgte er den Sanitätern, die Light aus dem Zimmer trugen.
Misa öffnete kurz die Augen und sah, wie man Light wegtrug. Sie wollte hinterher, doch Soichiro beruhigte sie mit den Worten, dass dies das Beste für Light sei. Dann rief er den Sanitätern zu, dass er so bald wie möglich ins Krankenhaus fahren würde.
Schließlich hatte Soichiro ein gutes Gefühl dabei, L alleine mit Light im Krankenhaus zu lassen.

Vielleicht habe ich etwas übertrieben XD
Okay, Light, das war nicht meine Absicht, verzeih mir :D
Wer sich wundert, warum die Sanitäter blaue Kleidung tragen… In Japan ist das so.
Ich muss ja leider gestehen, dass ich von Krankenhäusern wenig Ahnung habe. Ich werde trotzdem mein Bestes geben!
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