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Sonnenschein und Handschellen

von Yumestar
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P12
L Light Yagami Misa Amane Soichiro Yagami
14.07.2020
09.08.2020
10
22.530
6
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14.07.2020 2.200
 
Sonnenschein und Handschellen


Dokumente stapelten sich wie Papierberge auf Ls Schreibtisch und überwucherten dabei das Stück Erdbeerkuchen, in dessen Sahne ein Papier kleben blieb. L hob es mit einem Finger an, nahm sich eine Fingerbreite Sahne und ließ sie in seinen Mund verschwinden. Nachdem die 50-tägige Inhaftierung von Light keine Ergebnisse gebracht hatte und er seinen Verdacht gegen Light erstmal fallen lassen musste, fühlte L sich in gewisser Weise niedergeschlagen. Der September brachte bereits Spuren der herbstlichen Kälte mit sich, doch keinerlei Hinweise darauf, wer nun die Morde an den Verbrechern beging. In Ls Kopf kreiste die Vermutung, dass es ein neuer Kira mit derselben Fähigkeit wie die des Alten war. Nur müsste er zur Stützung dieser These erstmal einen Beweis in den vielen Dokumenten finden. Hauptsächlich handelte es sich bei diesen um die Täterprofile. Name, Alter, Todeszeitpunkt, Todesursache, Beruf und Privates – All das stand feinsäuberlich in den Spalten eingetragen. Bisher erschienen L diese Morde aber willkürlich.

Die eiserne Kette an Ls Handgelenk raschelte, als sich Light in den Bürostuhl zurücklehnte. Ein leise gehaltenes Niesen folgte. L schaute von den Dokumenten auf und blickte zu Light, der ein zerrupftes Taschentuch aus seiner Hose zog. Ls Kopf machte eine 90-Grad Drehung.
„Und bei dir ist alles in Ordnung?“ L fragte nicht aus Höflichkeit, sondern vielmehr aus der Angst heraus, sich anstecken zu können und für die nächsten Ermittlungen auszufallen. Ein grausiger Gedanke, der ihn schaudern ließ.
„Ja.“ Light nickte und zwang das Taschentuch zurück in die Hosentasche. Dann fügte er hinzu: „Es ist nur eine kleine Erkältung, nichts weiter.“
„Nichts weiter?“, wiederholte L und legte seinen Daumen an den Mund. Während er angespannt an seinen Fingernagel knabberte, überlegte er krampfhaft. Schließlich sprach er die Ungereimtheit aus, die ihm dabei aufgefallen war: „Aber wenn du die ganze Zeit bei mir warst, wie konntest du dann krank werden?“
„Ich weiß nicht“, meinte Light und zuckte mit der Schulter, „Vielleicht habe ich mich bei Misa angesteckt? Sie sprach doch kürzlich von Halsschmerzen.“
„Wohl wahr.“ L entspannte sich und richtete seinen Blick wieder auf die Dokumente. Es gab Wichtigeres zu tun, als sich um Light zu sorgen. Die Information, dass einer der Ermordeten große Furcht vor Kira hegte, interessierte ihn mehr. Vielleicht, weil dieser Ermordete ein dreifacher Mörder war, der nie auch nur für einen Mord verurteilt wurde? Nun hatte dieser seine Strafe durch Kira erhalten.
Aber warum ausgerechnet er?, fragte sich L und ging das Profil durch. Außer dieser einen Tatsache, erwies sich keine Sache an dem Opfer auffällig. Der 36-jährige Mann hatte seine Frau und deren zwei Kinder umgebracht und war Branchenleiter bei einem inländischen IT-Unternehmen. Er starb am 10.09.2004 an Herzversagen. Mehr Informationen hatte L über ihn nicht.

L stieß ein lautloses Seufzen aus und ließ sich die Dinge noch einmal durch den Kopf gehen. Weit kam er mit seinen Gedanken nicht, da Lights Husten es schier unmöglich für ihn machte, sich zu konzentrieren.
„Vielleicht solltest du dich lieber ausruhen“, schlug L ihm vor, ohne auch nur einmal aufzuschauen.
Light stöhnte leicht, „Das würde ich ja, wenn ich nicht festgekettet wäre.“
„Oh, stimmt.“ L tat, als wäre ihm erst jetzt diese Tatsache bewusst geworden und sagte, „Das ist jetzt wohl etwas unangenehm.“
Ob er damit die Tatsache oder seine eigene Unachtsamkeit meinte, ließ er zur Interpretation offen.
„Für mich ist das unangenehm“, erwiderte Light und räusperte sich, „Diese Erkältung ist lästig und stört meine Konzentration. So kann ich nicht richtig ermitteln.“
„Denselben Gedanken hatte ich auch, Light.“
„Du weißt aber schon, dass ich nichts dafür kann, oder?“, fragte Light. Bei L war er sich nie ganz sicher, ob dieser sich dümmer gab als er war oder ob er neben einer mangelnden Sozialkompetenz auch wenig Kenntnisse über ein zivilisiertes Bürgerleben hatte. Allein die Art wie er saß, -die Knie angewinkelt und den Rücken gebogen- deutete doch darauf hin, dass L wenig Ahnung vom zivilisierten Benehmen hatte.

„Tja, ich achte wenigstens auf meine Gesundheit“, sagte L und stopfte sich ganz unverfroren ein Stück vom Kuchenboden in den Mund. Light verzog eine Augenbraue, verkniff sich aber das Kommentar über Ls ungesundes Essverhalten. Sein Kopf pochte zu sehr, als dass er sich in ewige Diskussionen mit L versteifen wollte und konnte. Vor allem, da keiner von ihnen jemals zugeben würde, dass er im Unrecht war.
Stattdessen murmelte Light ein leises „Ich achte auch auf meine Gesundheit.“
„Ich sehe keinen Beweis für diese Aussage“, konterte L und machte sich nach dem Kuchenboden nun endlich an die süße Füllung ran. Er nahm die zarte Creme lieber mit den Fingern als mit der bereitgestellten Gabel. Diese ließ er durch seine langen Finger gleiten, als würde er Argumente abwägen.
Schließlich verkündete er mit vollem Mund sein Ergebnis: „Ich glaube ja, dass dein Immunsystem schwächer als meines ist, sonst wäre ich womöglich auch krank geworden.“
„Vielleicht zeigen sich die Symptome bei dir auch einfach nicht oder erst später“, konterte Light und stieß entnervt die Luft zwischen seine zusammengebissenen Zähne aus, wobei ein Zischeln entstand, „Außerdem habe ich eine fünfzigtägige Inhaftierung und reichlich Stress hinter mir. Wessen Immunsystem wäre da nicht etwas am schwächeln?“
„Auch wieder wahr.“ L schien das Interesse verloren zu haben und strich stattdessen den Sahnehaufen mit der Gabel glatt.
Light schaute ihm kurz dabei zu, sagte aber nichts weiter, um seine Stimme zu schonen. Dann nahm auch er eines der Dokumente an sich und suchte in den Täterprofilen nach Hinweisen.

Eine Zeit lang ermittelten die beiden schweigend nebeneinander. Nur das Rascheln der Ketten und der immer wieder klingende Husten von Light störten die unberauschte Stille zwischen den beiden. Erst als auch die anderen aus der Sondereinheit zu ihnen stieß, wurde es laut in der Ermittlungszentrale.
„Und habt ihr schon etwas herausgefunden?“, erkundigte sich Matsuda und versuchte einen Blick auf die Monitore zu erhaschen. Ls gebeugter Rücken versperrte ihm jedoch die Sicht, sodass er schließlich mit einem Murren aufgab.
L antwortete ihm kühl, „Selbst wenn du das jeden Tag fragst, kommen die Ergebnisse nicht schneller. Manches braucht Zeit.“
Light räusperte sich und ergänzte: „Genau. Ermittlungen benötigen Zeit.“
„Aber mit jedem Tag, der vergeht, sterben unzählige Menschen!“, entgegnete Aizawa und schlug auf den Tisch. Der Teller schepperte und die Blätter wackelten, doch hielten erstaunlich gut ihre hügelige Form. L zeigte sich ebenfalls ungerührt von dem emotionalen Ausbruch des Ermittlers.
„Deswegen arbeite ich mit Hochdruck an dem Fall“, erklärte er, als könne er mit dieser Antwort jeden zufrieden stellen.
Aizawa verzog das Gesicht. Man merkte ihm an, dass er noch etwas sagen wollte, doch er behielt es für sich. Leise knurrend setzte er sich neben Light und übernahm die Überwachung von Misa. Jeder konnte durch sein Schweigen die Anspannung im Raum spüren.

„Und es gibt wirklich keine neuen Erkenntnisse?“, hakte Soichiro nach. Er klang ernst und eindringlich.
„Würde es welche geben, hätte ich es Ihnen längst mitgeteilt“, wies L zurück und steckte sich die vom Kuchen übrig gebliebene Erdbeere in den Mund. Er kaute genüsslich daran, als wäre das Schmecken der Süße gerade das Wichtigste für ihn.
Soichiro stieß ein Seufzen aus und blickte zu Light hinüber. Einem Vater entging niemals der Zustand seines Sohnes, weswegen er mit sorgenvoller Miene zu ihm schritt.
Light schaute für einen Moment von den Dokumenten auf. „Was ist, Vater?“
„Geht es dir gut?“ Soichiro streckte die Hand nach ihm aus, „Du bist etwas blass.“
„Ach, Vater.“ Light lachte heiser und schob die Hand auf Seite, „Ich bin kein kleines Kind mehr. Es ist nur eine Erkältung, nichts weiter.“
„Das hast du mir auch gesagt“, merkte L an, ohne seinen Blick von den Dokumenten und Monitoren zu lassen.

Soichiro wendete sich L zu. Die Falten auf seiner Stirn zogen ernste Linien, die seinen Gesichtsausdruck finsterer wirken ließen, „Ryuzaki, wie können Sie es verantworten, dass mein Sohn hier krank ermittelt?“
Selbst L schien für einen Moment Respekt vor dem Mann zu haben, zeigte sich dann aber unbeeindruckt, „Ich habe ihn nicht dazu gezwungen.“
„Er hat Recht, Vater. Beruhige dich.“ Light hielt seinen Vater am Arm fest und sah ihn mit entschlossenem Blick an, „Ich möchte genauso wie ihr ermitteln. Erkältung, hin oder her.“
Soichiro legte eine Hand an sein Kinn und musterte Light einmal eindringlich. Als er jedoch dessen entschlossenen Blick sah, stand seine Entscheidung fest. Nur mit einem schweren Seufzen stimmte er zu, dass Light trotz Krankheit weiterermitteln durfte.
Doch er legte ihm nahe: „Wenn du dich schlechter fühlst, ruh dich aber aus.“
Light nickte und wandte sich wieder den Dokumenten zu. Er händigte dann ein Papier an L weiter.
„Schau dir das mal an. Ich konnte zwar nichts Auffälliges entdecken, aber vielleicht findest du etwas.“
„Hm-Hm.“ L nahm es wortkarg entdecken und ließ seinen Blick drüberfahren, bevor er das Papier auf den Stapel der eingesehenen Dokumente legte, „Nichts Auffälliges.“
Light hinterfragte zurecht, ob L sich überhaupt eingehend damit beschäftigt hatte.
Darauf erwiderte der Detektiv nur: „Ich vertraue dir dahingehen.“

L warf einen kurzen Blick nach hinten, wo ihm Soichiros strenger Blick im Nacken lag. Wahrscheinlich machte sich der Polizeichef Sorgen, dass er zu viel von Light fordern könnte. L wandte sich zurück und sah zu Light hinüber, der in den Dokumenten versunken war.
„Warum übernimmst du heute nicht die Überwachung von Misa?“, bot L an und spürte wie der Blick des Polizeichefs zufriedener wurde.
„Ah, sicher, das kann ich machen.“ Light legte das Dokument aus der Hand und rollte mit dem Drehstuhl zu den Monitoren. Die Kette spannte sich dabei an und zog Ls Stuhl ein Stück weit mit. Unbeeindruckt davon, blieb L sitzen und setzte seine Ermittlungen fort.

Lights Husten sorgte nicht nur für eine andauernde Geräuschkulisse, sondern brachte ihm auch besorgte Gesichter der Ermittler ein. Immer wieder erkundigten sich Matsuda und Aizawa, ob es Light wirklich gut ginge und ob er sich nicht lieber ausruhen wollen würde. Doch Light verneinte jedes Mal mit der Begründung, dass er das schaffe und dass die Ermittlungen höchste Priorität für ihn hatten. Jedoch konnte Soichiro nicht lange zusehen, wie Light sich mit dem Husten abmühte und dabei immer erschöpfter wirkte. Schließlich erhob er sich von seinem Platz und sagte: „Light, ruh dich bitte aus.“
Es lag womöglich an dem bittenden Unterton seines Vaters, dass Light ohne viel Widerrede zustimmte. Vielleicht war er auch selbst bereits ermüdet. Viel besser fühlte er sich jedenfalls nicht.

L beobachtete die Szene kommentarlos, deutete aber auf das Sofa ein Stück weit neben sich, „Wir haben hier ein Sofa.“
„Na rate mal, worauf ich zusteuere“, entgegnete Light halbscherzend.
L erwiderte dies mit einem halbherzigen Schulterzucken und nahm das nächste Dokument in die Hand. Das Opfer hieß Takeyoshi Moriya und starb am 30.07.2004 an Herzversagen. Er war Firmenchef eines Kleinunternehmens, das Handy-Ersatzteile herstellte.
Hat Kira es etwa auf Technik abgesehen?, wunderte sich L. In seinem Kopf begannen sich die Thesen wie Züge aneinanderzureihen, Wenn Kira die Technik für sich beanspruchen könnte, würde er ein breites Fach an Möglichkeiten für seine Morde gewinnen. Aber wäre es nicht effizienter die Medien unter Kontrolle zu bringen?
Er wollte schon Light nach einer Meinung fragen, doch dieser hatte sich soeben aufs Sofa gelegt und kam der Aufforderung seines Vaters nach.
„Psst, Light“, flüsterte L und beugte sich leicht zu Light hinüber. Kurz spähte er zum Polizeichef, als wolle er auf keinen Fall bei dieser Unterhaltung erwischt werden, „Denkst du, Kira ist an Technik interessiert?“
Light sah müde zu ihm auf und musste gar nicht erst leiser sprechen, da seine Stimme vor Heiserkeit gedämpft war, „Vielleicht. Was hat dich auf diese Vermutung gebracht, Ryuzaki?“
„Es sterben auffällig viele Informatiker und Firmenchefs“, erklärte L und zuckte hoch, als Soichiros Blick auf ihn fiel. Er wandte sich wieder den Monitoren zu und flüsterte, als sein Rücken den Mund verdeckte, „Und dieser Kira scheint auf Vorteile aus. Technik wäre so einer.“
„Hmhm. Da hast du einen guten Ansatz“, meinte Light und schloss die Augen, um seinen Vater zufrieden zu stellen.

L nahm noch einmal eines der gelesenen Dokumente in die Hand. ‚Techniker, Informatiker, Firmenchef‘; die Worte stießen ihn ins Auge, als hätte man sie rot unterstrichen. Auf einem anderen Dokument stand: ‚Liiert, zwei Kinder, liebte seine preisgekrönten Rosen und Gartenarbeit‘. Auffällig war dabei, dass dieser Firmenchef keine Straftaten in der Vergangenheit begangen hatte. Er war ein gewöhnlicher Bürger mit einer gewöhnlichen Familie und einem gewöhnlichen Hobby.
Hat Kira aufgehört, nur Verbrecher zu töten?, fragte sich L und dachte scharf nach, Ist er etwa nicht mehr auf Gerechtigkeit, sondern auf Macht aus?
Wie gerne hätte er sich eine zweite, fähige Meinung eingeholt, doch als er sich nach links umblickte, fand er Light schlafend vor.

Herzlich willkommen zu meiner ersten Death-Note-Fanfiktion!
Ich wollte schon damals, als ich das erste Mal Death Note gelesen hatte, eine Sickfic dazu schreiben, doch die straffe Handlung ließ mir keinen Raum dafür. Nun habe ich nach dem zweiten Lesen aber endlich eine Lücke gefunden: Der September 2004. Dieser wird im Manga übersprungen, wodurch ich dort meine Geschichte spielen lassen kann, ohne von einem Hauptereignis beeinträchtigt zu werden.
Ursprünglich war die Geschichte als OneShot gedacht, aber ich brauche dringend eine fortlaufende Geschichte zum Updaten, daher wird das hier wohl noch ein paar Kapitel weitergehen.
Lest die Geschichte einfach aus Unterhaltung und Vergnügen, so schlau wie Tsugumi Ohba bin ich nämlich nicht XD
Viel Spaß beim Lesen!
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