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Von Wölfen und Menschen

von Watanabe
GeschichteDrama, Sci-Fi / P16 / Gen
Asuka Soryu Langley Misato Katsuragi OC (Own Character) Rei Ayanami Shinji Ikari
13.07.2020
22.07.2021
39
149.544
3
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22.07.2021 5.630
 
13. November 2015, früher Abend, Region Kantō, irgendwo im Tanzawa-Bergland

Thaddäus blies den blauen Rauch der Zigarette in die kalte, herbstliche Bergluft und blickte sich um. Er rutschte ein wenig höher in den Camping-Stuhl, den er hier vor der Blockhütte bei der Feuerstelle aufgestellt hatte und legte sein eingegipstes Bein zurück auf den kleinen Baumstamm, der sich neben ihm befand. Unter dem Gips juckte und kratzte es wie verrückt, aber das ließ sich nicht ändern. Der kleine, jungenhafte Teil von ihm war froh, wenigstens eine Ausrede zu haben, nicht sämtliche Gepäckstücke aus den beiden Autos in die Hütte schleppen zu müssen. Sein Blick streifte über den nahegelegenen Nadelwald, der sich hier einen Abhang hinunterzog und weiter unten bis an den Rand eines klaren Bergsees reichte.

Thaddäus schloss kurz die Augen und ließ die letzten Monate einmal mehr Revue passieren. Dieser Ort war perfekt. Nicht nur, um alle Piloten auf einem Haufen zu versammeln und für sie einen kurzen Moment der Ruhe und des Innehaltens zu schaffen. Sondern auch für ihn selbst. Auch er brauchte das hier. Der Pfad, den K2 ihm vor langer Zeit beschrieben hatte, war für so viele Jahre so verschlungen gewesen, als schlage er sich, nur mit einer Machete bewaffnet, durch dichtes Unterholz, die Sicht nur auf seine eigenen Füße begrenzt. Aber langsam, ganz langsam, zog sich das Dickicht zurück und gab den Weg frei auf eine weite Ebene, an dessen gegenüberliegender Seite endlich das ersehnte Ziel lag: Frieden.

Eine aufgebrachte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Asuka, die sich theatralisch darüber beklagte, warum sie in einem so wackligen Doppelstockbett schlafen sollte. Und das auch noch oben! Thaddäus musste schmunzeln. Diesem Mädchen schien nie die Energie auszugehen, immer hatte sie noch Reserven, um ihren Unmut kundzutun. Sie würde an diesem Wochenende das geringste Problem sein. Aber die anderen beiden… Er seufzte. „Verdammt nochmal, ich bin kein Psychologe…“, dachte er skeptisch und strich sich über die Stirn. Aber es nützte nichts. „Der Fortgang der Operation steht und fällt auch mit der Bereitschaft von Rei und Shinji, weiterzumachen. Ohne sie werden wir die anstehenden Aufgaben kaum bewältigen können…“

„Ok, das reicht jetzt! Alle antreten!“

Der Doc musste schmunzeln. Phil hatte anscheinend genug von dem Gemotze und versammelte, in klassischer Drill-Sergeant-Manier, die sechs Piloten und Misato vor der Hütte. Thaddäus war das ganz recht. Die Ansprachen des taktischen Offiziers von GEIST waren mittlerweile legendär. Vielleicht konnte der ja heute Abend schon etwas bewirken…

„Nachdem wir jetzt alle freudestrahlend unser neues Heim bezogen haben, habe ich direkt einen weiteren Punkt auf unserer Tagesordnung: Wir machen eine Nachtwanderung!“ Phil musterte den kleinen Haufen von Leuten, die ihm gegenüberstanden und ihn verdattert anstarrten. Asuka schüttelte den Kopf, David verschränkte die Arme und Shinji wollte ebenfalls gerade protestieren. Phil schien über die zur Schau gestellte Abneigung gegen seinen Vorschlag nur mäßig amüsiert.

„Ernsthaft jetzt? Ich hatte mich auf ein paar Bierchen am Lagerfeuer gefreut!“, warf Misato ein und blickte mit funkelnden Zornesaugen auf den Mann gegenüber.

Phil ließ sich jedoch nicht beirren und hob mahnend den Zeigefinger in die Luft. „Unser Ausflug, unsere Regeln. Aber einer von euch hat Glück. Da wir unseren Bruchpiloten hier nicht ganz alleine in der Wildnis zurücklassen können, wird einer von euch das Vergnügen haben, bei Thaddäus zu bleiben.“ Phil holte eine Ladung Strohhalme aus seiner Jackentasche und hielt sie vor sich in die Luft. „Einer dieser Strohhalme ist kürzer als der Rest. Der- oder diejenige mit den glücklichsten Fingern spielt heute Abend den Krankenpfleger.“

Nacheinander kamen die anderen nach vorne und zogen. Janko hielt seinen Strohhalm in die Luft und musterte ihn skeptisch. „Ist der jetzt kurz oder nicht?“, fragte er hilflos.

„Glückwunsch, du darfst hierbleiben“, antwortete Phil und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich wieder an den Rest. „Und für euch gilt: Festes Schuhwerk anziehen, Taschenlampen und Regenjacken bereithalten, wir brechen in fünf Minuten auf!“

„Wäre ich besser mal in dieser Zelle im Hauptquartier geblieben“, murmelte Shinji und trottete wieder in die Hütte.

***


Einige Zeit später, nahegelegener Wald

Als immer weniger Sonnenstrahlen durch das dichte Nadelgehölz schienen, wurde es schlagartig dunkler. Das Knacken der alten Zweige, die hier den Waldboden säumten, wurde größtenteils von dem Bett aus herabgefallenen Tannennadeln verschluckt, die einen weichen, federnden Untergrund bildeten.

Phil ging weiterhin voran, duckte sich unter windschiefen Bäumen hinweg und übersprang kleine Rinnsale mühelos. Irgendwo in der Nähe hörte man hektisches Flügelschlagen, als hätten die seltsamen Besucher irgendeinem Vogel den Abend verdorben und ihn zur Flucht gedrängt. Ihm folgten Asuka, Shinji, Misato, Ben, Rei und David in gewissem Abstand, alle mehr oder weniger darauf bedacht, nicht die zurückfedernden Äste, die der Vordermann gerade zur Seite gebogen hatte, abzukriegen.

„Wie tief will der Kerl uns denn noch in die Pampa führen?“, fragte sich das rothaarige Mädchen schnaubend und musste erneut den Kopf einziehen, als Phil den nächsten Ast losließ.  Grummelnd folgte das Mädchen dem taktischen Offizier noch eine ganze Zeit, bis Phil vor ihr auf einmal abrupt bremste und Asuka Mühe hatte, nicht in ihn hineinzulaufen. Shinji, direkt hinter ihr, war nicht ganz so aufmerksam.

„Autsch! Pass doch auf, du Depp! Bist du blöd oder was?!“, zischte sie erbost.

„‘tschuldigung…“, kam es gepresst zurück, als Shinji sein Gesicht aus ihrem Wanderrucksack zog.

Asuka legte den Tornister ab und löste eilig die Verschlüsse, um nach der Taschenlampe zu suchen. Mittlerweile konnte sie kaum noch die Hand vor Augen sehen.

***


Berghütte, Feuerstelle

Die Bierflaschen klackerten leicht, als Janko zwei von ihnen aus der kleinen Kühlbox holte und zum Lagerfeuer zurückkehrte. Der Abend senkte sich mit voller Wucht über die Gegend und die Schatten der Bäume wurden länger. Frischer Wind wehte über die kleine Ebene, auf der die Blockhütte stand. Der Pilot schnappte sich einen neuen Holzscheit und legte ihn auf den bereits knisternden Stapel, den er vor wenigen Minuten aufgeschichtet und entzündet hatte. Er blickte hinüber zu Thaddäus, der immer noch in seinem Campingstuhl saß und nachdenklich ins Feuer blickte. Viel gesprochen hatte dieser nicht seitdem die anderen aufgebrochen waren. Hier in der Dämmerung wirkte Thaddäus auf einmal wesentlich älter als sonst. Die Falten um seine Augen schienen tiefer, die Wangen eingefallen, auch der dichte Vollbart vermochte die Spuren der Anstrengung und den Stress der letzten Monate nicht mehr zu verbergen.

Janko ließ sich auf dem umgekippten Baumstamm neben dem Doc nieder und reichte schweigend eines der Biere weiter. Er betrachtete nun ebenfalls die tanzenden Flammen für eine Weile, bevor er die seltsame, schwere Stille hier oben durchbrach. „Denkst du, dass sie reif genug sind für das hier?“

Einen Augenblick lang geschah überhaupt nichts, seine Worte flogen durch die Luft und Thaddäus starrte nur einfach weiter vor sich hin. Dann lachte er jedoch laut auf, so überraschend, dass ein paar Vögel auf einem Baum über ihnen erschrocken davonstoben. „Reif? Für DAS hier?! Niemand hier ist bereit oder reif für das, was uns noch bevorsteht, Janko. Dieser Krieg hier ist anders als alles, dem sich die Menschheit jemals gegenüber sah…“

Janko schüttelte langsam den Kopf. „Nein, das meinte ich nicht. Es ist nur…“ Er verschränkte hilflos und wortsuchend die Hände und knetete sie. „Rei hat mir heute erzählt, dass sie Tokyo-3 noch nie verlassen hat. In ihrem ganzen Leben, verstehst du? Und auch Shinji und Asuka wissen nichts… Sie leben immer noch in dem Glauben, NERV würde versuchen, die Welt zu retten.“ Janko nahm einen Schluck aus der Bierflasche und ließ das herbe Getränk seine Kehle herunterlaufen. „Ich… bin mir einfach nicht sicher, ob sie weiter Piloten sein würden, wenn sie die ganze Wahrheit kennen. Und ja, auch ich fühle mich, je weiter das alles voranschreitet, mehr und mehr wie ein Lügner.“

Thaddäus nahm seinen Gips von dem kleinen Baumstumpf und setzte sich ein wenig gerader hin. „Du machst dir also Sorgen darüber, dass sie das hier nicht freiwillig tun. Oder tun würden, wenn sie die Wahrheit kannten?“ Janko nickte. „Lass mich ganz ehrlich sein, Janko. Keiner ist freiwillig hier. Du nicht, David und Ben nicht, niemand.“ Er seufzte und starrte erneut in die Flammen, die sich funkelnd in seiner Brille spiegelten. „Und ich erst recht nicht. Willst du wissen, warum?“

Janko drehte überrascht den Kopf zu seinem Vorgesetzten. Es stimmte. Er hatte Thaddäus nie gefragt, wie dieser schlussendlich hier gelandet war. „Klar, schieß los.“

***


Im Wald

Zum wiederholten Male stolperte Asuka über eine Baumwurzel und fiel diesmal fluchend hin. „Verdammt nochmal!“, zischte sie und rieb sich die Reste von Erde und Blättern von den Knien, als sie sich wieder aufrappelte. „Können wir bitte mal eine Pause machen?! Wir haben uns verirrt!“

„Na das wurde aber auch Zeit, dass das jemand feststellt!“, kam es von vorne. Phils Stimme klang nahezu erfreut. „Ich hab schon gedacht, dass wir noch Stunden hier herum laufen, bevor einer von euch mal sein Hirn einschaltet.“

Die rothaarige Pilotin konnte hören, wie auch alle anderen Teilnehmer dieser Wanderung in der Dunkelheit stehen blieben. Der fahle Schein ihrer Taschenlampen wanderte über die nahegelegenen Bäume und den Boden entlang. Ein Weg war schon lange nicht mehr zu erkennen, nur Unterholz, Äste und eine nahezu undurchdringliche Wand aus Dunkelheit. Die Gruppe rückte näher an der Stelle zusammen, wo Asuka eben noch über die Wurzeln gestolpert war. David und Ben lehnten sich gegen einen breiten, moosbewachsenen Baumstamm, während Rei, Misato und Shinji zu Phil hinübersahen. Feine Atemwölkchen bildeten sich durch die aufziehende Kälte vor ihren Mündern.

„Bitte was?“, fragte Shinji und Asuka konnte sehen, wie er seine Stirn krauszog. „Heißt das, dass du gar nicht weißt, wo wir langmüssen? Du führst uns nicht aus diesem Wald raus?!“

„Nein, das tue ich nicht“, entgegnete der taktische Offizier und ein breites Grinsen untermalte diese Äußerung. „Ich laufe einfach irgendwo lang, weil ich auf eine Reaktion von euch gewartet hab.“

Misato löste sich von den anderen und trat Phil gegenüber. Asuka konnte nicht genau verstehen, was sie dem Mann zuflüsterte, aber dieser machte nur eine abweisende Handbewegung und schüttelte den Kopf.

„Also, Situationsanalyse“, begann er wieder, klatschte einmal in die Hände und blickte sich fragend um. „Was ist gerade los?“

„Das hab ich doch schon gesagt! Wir haben uns VER-IRRT!“ Asuka wurde langsam, aber sicher wütend. Was sollte dieser Mist hier eigentlich?

„Exakt, das haben wir! Ist das nicht toll?“ Wieder dieses Grinsen.

Asuka war kurz davor, den neben ihr liegenden Ast hochzuheben und ihn diesem Idioten ins Gesicht zu schleudern. Aber dann kam ihr eine andere Idee. „Na, dann bring das wieder in Ordnung!“

„Bitte? Was soll ich?“ Phil schien irritiert.

„Du hast uns hier in die Pampa geführt. Also bring uns auch wieder raus!“

Der ältere Mann lachte auf. „Nein, das hab ich nicht, werte Asuka. Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ihr mir folgen sollt. Ich bin einfach drauf losmarschiert und ihr seid mir hinterhergelaufen.“ Phil stieg auf einen neben ihm liegenden, umgestürzten Baumstamm und sah herausfordernd auf die anderen hinab. „Und warum habt ihr das getan? Weil ihr es gewohnt seid, dass jemand anderes die Führung übernimmt! Euch sagt, wo es langgeht! Euch Entscheidungen abnimmt. Aber hier und jetzt zählt das nicht mehr. Hier und jetzt nimmt euch niemand etwas ab.“

Asuka machte ein paar Schritte nach vorne. Hinter sich hörte sie erbostes Gemurmel von Shinji. Aber natürlich sprach er seine wütenden Gedanken nicht laut aus! Das musste sie also mal wieder übernehmen! „Wie jetzt? Es war deine blöde Idee, eine Nachtwanderung zu machen! Und jetzt stiehlst du dich aus der Verantwortung?“

„Ganz genau das tue ich, Asuka.“ Phil nickte, offenbar begeistert von sich selbst, ging in die Hocke und setzte sich auf den Baumstamm. Fröhlich ließ er die Füße auf und ab wippen. „Das ist es, was im Leben passiert, Freunde. Leute, von denen wir dachten, dass sie Führungspersönlichkeiten sind, entpuppen sich auf einmal als Luftnummern! Wir gehen irgendwo lang, kommen vom Weg ab, straucheln und fallen hin!“ Mit großer Geste zeigte er auf das Mädchen, das immer noch den Dreck an den Knien hatte. Dann wurde seine Stimme ernster. „Aber wir stehen wieder auf. Legen unsere Zweifel und unsere Wut ab, suchen uns Verbündete. Und ziehen uns dann gemeinsam aus der Scheiße. Und zwar ohne die Hilfe von außen.“

Ben, bis jetzt still, machte einen Schritt nach vorne und stellte sich neben Asuka. „Also willst du, dass wir selbst einen Weg aus diesem Wald herausfinden, verstehe ich das richtig?“

„Ganz genau. Seht zu, dass ihr zur Hütte zurückfindet. Und zwar ohne meine Hilfe, ohne Misato, ohne NERV oder das Hauptquartier. Nur ihr Piloten. “ Ein seltsamer Ausdruck huschte über Phils Gesicht. „Denn wenn es hart auf hart kommt, sind die, die neben euch auf dem Schlachtfeld stehen, die einzigen, auf die ihr zählen könnt.“

***


Berghütte, Feuerstelle

Thaddäus schwieg seit einigen Minuten, er hatte die Augen geschlossen und die Hand an die Stirn gelegt. Dann, als ob ein Knoten geplatzt sei, öffnete er plötzlich die Lider und starrte mit leerem Blick in die Dunkelheit. „Erinnerst du dich an die ersten Monate und Jahre nach dem Second Impact, Janko?“, fragte er mit heiserer Stimme.

Der Angesprochene schnaubte und schlang die Arme ein wenig enger um sich. Die Kälte kroch ihm, trotz des nahen Feuers, allmählich in die Glieder. „Wie könnte ich das vergessen? All das Chaos, die Konflikte? Das Sterben allerorten?“ Darfur. Kiew. Kairo. Sarajevo. Und wie er sich erinnerte.

„Ich… hatte auch mal eine Familie, weißt du? Eine Frau und eine Tochter…“

Jankos Augenbrauen schossen in die Höhe. Noch nie hatte er den Doc davon sprechen hören und er war sich gerade im Moment nicht sicher, ob er das, was da jetzt auf ihn zukam, wirklich erfahren wollte.

„Nach der großen Explosion am Südpol kamen zunächst die Wellen und der Regen. Dann folgte die Dürre, die einige Kontinente heimsuchte. Und dann der Schwarze Husten. So nannten wir die neuartige Lungenkrankheit, die sich vor allem auf der südlichen Halbkugel ausbreitete. Wir nahmen an, dass die ungeheure Menge an vergifteten Partikeln, die der Second Impact in die Atmosphäre geschleudert hatte, dafür der Auslöser war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade meinen Doktortitel in Biochemie gemacht.“ Thaddäus räusperte sich, als reize die bloße Erinnerung an die Krankheit aufs Neue seine Lunge. „Ich bewarb mich bei einem Pharmakonzern, der mit Fördermitteln für die UN an einem Medikament forschte, das die Krankheit heilen sollte. Zunächst sah ich es als einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter, aber dann…“ Er stockte und Janko konnte sehen, wie die Falten um Thaddäus‘ Augen tiefer wurden. „Dann erkrankten auch meine Frau und meine Tochter. Von dem Moment an wurde es persönlich…“

Janko sah betreten zu Boden, bevor er nach hinten griff und aus der Kühlbox, die er mittlerweile nach draußen geschafft hatte, zwei neue Biere hervorholte. „Das… tut mir leid.“

Wie in Trance griff der Doc nach dem Bier, seine Augen weiterhin auf den dunklen Waldrand gerichtet. „Ich forschte wie ein Besessener, lebte nahezu im Labor. Dann, nach Monaten, in denen ich mit ansehen musste, wie das Leben langsam aus den beiden herausrann, hatten wir endlich einen Stoff entwickelt, der vielversprechend schien. Zunächst wurden die präklinischen Versuche durchgeführt, dann verschiedene Studien mit Freiwilligen. Alles lief gut…“ Er nahm einen Schluck aus der Flasche und Janko konnte sehen, wie seine Hände dabei zitterten. Der Pilot ahnte, dass dies nicht unbedingt von der Kälte kam. „Dann hatten wir endlich die ersehnte Zulassung. Voller Hoffnung waren Sarah und Michelle mit die ersten, die das Medikament offiziell verabreicht bekamen…“

Ein einsamer Vogel schickte seinen Ruf irgendwo über ihnen in die Nacht hinaus, während der Vollmond begann, die Welt in sein fahles, silbriges Licht zu tauchen. Es schien, als beugten sich auch die Bäume im Wind näher zu ihnen herab, als wollten selbst sie den Rest der Geschichte hören.

Thaddäus blickte auf und sah Janko direkt in die Augen. „Und dann starben sie, einfach so. Die Krankheit schritt ungehindert fort, bis die beiden ihre letzten Tage im Koma, angeschlossen an Beatmungsgeräte, verbrachten. Ich war bei ihnen, als es zu Ende ging. Obwohl ich bis heute nicht sicher bin, ob sie etwas davon mitbekommen haben.“ Seine Stimme war zum Ende hin nicht mehr als ein brüchiges Flüstern.

Ein Schauer lief über Jankos Rücken, als er fragend die Augenbrauen zusammenkniff. „Aber… die Tests verliefen doch vorher positiv! Woran hatte es gelegen?“

Der ältere Mann verzog die Mundwinkel und nickte. „Ja, das Gleiche habe ich mich auch gefragt. Ich schob all meine Trauer beiseite, vergrub mich noch tiefer in die Arbeit, vermutlich dankbar, dass ich etwas Anderes hatte, an dem ich mich festhalten konnte. Ich durchkämmte die Studien, die vorher durchgeführt worden waren. Flog um die Welt, um vor Ort mit den Verantwortlichen darüber zu sprechen. Aber ich bekam sie nie an einen Tisch, nie zu Gesicht. Und weißt du auch, warum? Weil sie nie existiert hatten.“

„Bitte was?!“ Janko rutschte näher an Thaddäus heran und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie meinst du das? Wer hat nicht existiert?“

„Beim Sezieren der Studien kam es mir von Beginn an so vor, als ob mir bestimmte Passagen in den Texten schon einmal begegnet waren. Und ich sollte Recht behalten. Mithilfe einiger Computerprogramme und spezieller Suchmaschinen fand ich heraus, dass die Studien, die als Beweis für die Wirksamkeit des Medikaments in Umlauf gebracht wurden, gefälscht worden waren. Die Versuche hatten nie stattgefunden, die Ergebnisse waren einfach aus anderen Studien kopiert worden.“ Mit fahrigen Fingern suchte der Doc nach seinen Zigaretten, fand sie und zündete sich eine an.

„Aber… warum? Wieso sollte jemand Studien fälschen und ein Medikament auf den Markt bringen, das quasi nicht wirksam war?“ Janko konnte sich beim besten Willen keinen Reim auf das machen, was er da gerade hörte.

Das Feuerzeug klickte leise und der Doc blies den blauen Dunst in die Weite der Nacht. Wie ein Schleier zog er dahin, kräuselte sich über ihren Köpfen, bis ein weiterer kleiner Windstoß ihn schlussendlich zerteilte. „Weil die UN so einfach per Pressemitteilung erklären konnte, dass die Entwicklung des von ihnen mit Geldern vorangetrieben Medikamentes leider Gottes ein Fehlschlag war. Die Wahrheit jedoch… war noch weit grausamer.“ Thaddäus senkte den Kopf und atmete tief ein. Als er ihn wieder hob, hatte seine Mimik eine ungekannte Härte angenommen. „Es war nie Geld für die Entwicklung des Medikamentes aufgewendet worden. Weder das Unternehmen, für das ich arbeitete, noch die angehängten Forschungsinstitute, die die Studien durchführen sollten, hatten je welches zu Gesicht bekommen. Und weißt du auch warum? Weil es in andere Kanäle geflossen war. Bestimmte Leute an den entscheidenden Schaltstellen des Systems, das sich Vereinte Nationen nannte, hatten die Gelder umgeleitet. Und zwar vollständig in das Projekt zur Vollendung der Menschheit“.

***


Im Wald

Hier, unter den Wipfeln der Bäume, die wie eine schwarze, undurchdringliche Decke über ihnen hingen, kroch die Kälte ihr immer mehr durch Mark und Bein. Asuka zog den Parka, den sie sich zu Beginn der Wanderung noch so beiläufig um die Schultern geworfen hatte, ein wenig enger. Phil und Misato saßen mittlerweile beide auf dem Baumstamm und unterhielten sich. Shinji war ebenfalls in eine angeregte Unterhaltung mit David und Ben vertieft, sodass Asukas Blick auf Rei fiel. Die stille, unscheinbare Pilotin lief mit dem Blick nach oben ein wenig hin und her.

„Rei, was tust du da?“, wollte die Deutsche wissen und folgte ihr.

Rei jedoch antwortete nicht. Ihre kleine Taschenlampe flimmerte durch die Dunkelheit, als sie wortlos begann, sich von der Gruppe zu entfernen. Nach kurzer Zeit war das Knacken der kleinen, trockenen Äste auf dem Boden das einzige, was Asuka noch von ihrer Kollegin hörte.

„Rei! Jetzt warte doch mal!“ Asuka stapfte hinterher.

Als ob sie nur auf den Befehl gewartete hatte, blieb das blauhaarige Mädchen plötzlich stehen. Ihr Blick ging den Stamm eines großen Baumes hoch, der die umliegenden um gut zehn Meter überragte. „Dort“, sagte sie leise und zeigte mit der freien Hand in die Krone. „Dort müssen wir hinauf.“ Bevor Asuka antworten oder protestieren konnte, schob sich Rei ihre kleine Taschenlampe in den Mund, um die Hände frei zu bekommen, legte ihren Rucksack ab und begann, an den großen, tiefhängenden Ästen der Tanne emporzuklettern.

„Was zum…?“ Asuka sah, wie sich ihre Kollegin immer weiter vom Boden entfernte. Dann schüttelte sie den Kopf und tat es Rei gleich. „Ach was soll’s!“

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die zwei Mädchen hoch genug gestiegen waren, um die anderen Baumkronen unter sich zurückzulassen. Die große, majestätische Tanne schwankte hier oben ganz leicht, als der kalte Wind durch ihre Nadeln fegte. Asuka spürte die raue Rinde des Baumes unter ihren Fingern, als sie den nächsten Ast überwand und nun einen freien Blick auf die Gegend hatte. Gut einen halben Meter neben ihr saß Rei rittlings in der Krone und starrte in den Himmel. Über ihnen funkelten, nun nicht mehr durch die Bäume verdeckt, die Sterne. Keine Wolke war zu sehen, die ihren Blick hätte behindern können. In einiger Entfernung spiegelte sich das Glitzern des Mondes auf der stillen Oberfläche eines Sees, der in dem ihn umgebenden Meer aus grünen Baumspitzen wie eine offene Wunde wirkte.

„Dort“, sagte Rei leise und zeigte auf eine bestimmte Sternkonstellation. „Siehst du diese helle Sternengruppe da? Dies sind die Plejaden. Wieviel Uhr haben wir?“, wandte sie sich an Asuka.

Das Mädchen zog ihr Smartphone aus der Tasche, während sie mit der anderen Hand versuchte, sich an einem dickeren Ast festzuhalten. Zwar hatten sie hier in der tiefsten Pampa kein Netz, geschweige denn Internet, aber als Uhr taugte das Ding immer noch. „Es ist jetzt viertel nach Zehn“, antwortete die rothaarige Pilotin.

„Gut.“ Rei nickte, dann starrte sie kurz vor sich hin, als berechne sie etwas. „Die Sterne gehen im Osten auf, wandern dann über den Himmel gen Westen… Also dürfte dort…“ Ihre Hand zeigte in eine Richtung, ein wenig an Asuka vorbei und genau auf den See, „… Süden sein. Wir sind die meiste Zeit hangabwärts gelaufen. Demnach kommen wir von dort.“ Nun zeigte ihre Hand in die genau entgegengesetzte Richtung. „Dort ist Norden. Den Hang hinauf.“

Asuka riss überrascht die Augen auf. Rei hatte Recht! „Ja, stimmt! Und die ganze Zeit habe ich in einiger Entfernung Wasser sprudeln gehört…“ Die Pilotin kniff die Augen zusammen und ließ ihren Blick den Hang hinauf wandern. An einer Stelle wichen die Bäume ein wenig zurück und hinterließen eine auffällige Schneise. „Dies könnte der Fluss sein, der hinunter zum See führt. Den hab ich bereits gehört, als wir noch in der Hütte waren. Wir müssen demnach…“ Ein leichtes Knacken ließ sie stocken. Einer der Äste war anscheinend doch nicht so stabil, wie sie dachte.

„… nur zum Fluss und ihm dann den Hang hinauf folgen. Dann laufen wir nordwärts und kommen automatisch an der Hütte vorbei“, beendete Rei den Satz für sie.

Die beiden Mädchen sahen sich einen kurzen Moment an. „Wir… haben es gemeinsam gelöst“, stellte Asuka überrascht, aber irgendwie auch stolz, fest. Reis Mundwinkel zuckten und ließen tatsächlich den Anflug eines Lächelns erkennen. „Nicht schlecht, Wondergirl…“, dachte Asuka anerkennend und wollte sich gerade an den Abstieg machen, als das auffällige Knacken erneut zu hören war.

„Oh, Scheiße!“, brach es aus Asuka heraus.

Innerhalb eines Wimpernschlages gab der Ast unter Rei nach und deren Augen weiteten sich vor Schreck. Sie sackte ab und riss die Arme hoch. Ohne nachzudenken schlang Asuka mit aller Kraft ihre Beine um das Stück Holz, auf dem sie saß und warf sich nach vorne. Ihre freie Hand erwischte Reis Unterarm und umschloss ihn, so fest sie nur konnte. Das blauhaarige Mädchen blickte überrascht nach oben, als sie hier in luftiger Höhe, nur gehalten von Asuka, hin und herschwang. Der Ast, an dem sie nun mehr oder weniger beide hingen, bog sich mittlerweile ebenfalls bedenklich nach unten.

„Pendeln“, presste Rei hervor und bewegte ihren Kopf ruckartig nach rechts.

Asuka verstand. Keuchend begann sie, die andere Pilotin ein wenig mit ihrem Arm hin- und her zu schwingen. Wie das Gewicht an einer altertümlichen Uhr bewegte sich Rei langsam aus der Ruheposition heraus und erreichte den ersten Scheitelpunkt, dann schwang sie zurück. Als sie die gegenüberliegende Seite erreicht hatte, griff sie nach einem vorstehenden Ast und klammerte sich fest. Ihre Füße fanden Halt in einer tiefen Einkerbung in der Rinde und sie schaffte es, auch für beide Hände einen Ort zu finden, von dem aus sie ungefährdet den Abstieg beginnen konnte.

Asuka griff nach oben und zog sich wieder auf den schwankenden Ast hoch. Sie stieß in Gedanken ein kleines Dankgebet zum Himmel aus, hangelte sich weiter nach vorne und fand schlussendlich auch für ihre Hände und Füße einen geeigneten Punkt zum Hinunterklettern.  

Wenig später hatten beide wieder festen Boden unter ihren Füßen. Als sie ihre Rucksäcke wieder aufsetzten, spürte Asuka den Blick der anderen Pilotin auf sich.

„Danke, Asuka“, sprach Rei leise. Ihr Blickkontakt dauerte nur einen Herzschlag lang, aber Asuka spürte, dass diese wohlwollende Erwiderung fremder Hilfe in diesem Moment etwas Besonderes war. Noch nie hatte sie Rei dieses Wort benutzen hören.

„Nichts zu danken. Und jetzt lass‘ uns den Rest der Truppe zur Hütte führen. Genug Survival-Training für einen Tag!“ Asuka stapfte los, hinüber zu dem Stimmengewirr, das aus der Dunkelheit des Waldes zu ihnen herüberdrang. Weg von diesem seltsamen Moment, der, wie nur wenige andere zuvor, ihr verdeutlichte, dass sogar diese unterkühlte Pilotin dabei war, sich zu verändern.

„Keine Einwände.“

***


Berghütte, Feuerstelle

„SEELE…“ Janko spuckte das Wort voller Verachtung aus. Er griff nach dem eisernen Schürhaken und begann, in der Glut des Feuers herumzustochern. Rumpelnd fielen die angekokelten Scheite in sich zusammen und kleine Funken stoben auf. Der Pilot legte noch einmal Holz nach.

„Ganz genau.“ Thaddäus nickte. Seine Finger spielten für einige Sekunden mit dem Etikett der Bierflasche, bevor er fortfuhr. „Schlussendlich hatte ich also, nach monatelanger Recherche, meine Erkenntnis, dass da eine bestimmte Gruppe von Leuten, die an den Schalthebeln der Macht bei den Vereinten Nationen saßen, Gelder einem unbekannten Projekt zuführten und dafür sogar bereit waren, Tausende, wenn nicht Millionen an neuen und alten Krankheiten verrecken zu lassen.“

„Warum bist du damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen? Zu Zeitungen, ins Fernsehen? Ich bin sicher, jemand hätte sich für diese Story interessiert.“

„Oh, den Gedanken hatte ich auch, glaub mir…“ Thaddäus nickte und schnippte den Rest der Zigarette in die wiederauflodernden Flammen. „Aber egal, wohin ich auch ging, das Resultat war das Gleiche: Ich wirkte wie ein wahnsinniger Verschwörungstheoretiker, der den Tod seiner Familie nicht verkraftet hatte und nun woanders nach Schuldigen suchte. Glaub mir, ich war zu diesem Zeitpunkt weder körperlich noch emotional in besonders guter Verfassung.“ Der Doc schüttelte den Kopf und strich sich durch die Haare, während sein Gesicht einen zerknautschten Ausdruck annahm. „Vielleicht hatte man den entsprechenden Redaktionen auch einfach vorher einen kurzen Besuch abgestattet und ihnen klargemacht, dass man sie verschwinden lassen würde, sollten sie die Story bringen, keine Ahnung…“ Thaddäus zuckte mit den Schultern. „Eines Abends fand ich mein Apartment verwüstet vor. Von diesem Moment an wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man mich ebenfalls entsorgen würde. Ich wusste einfach zu viel. Aber diese Genugtuung wollte ich ihnen nicht geben. Dann wollte ich das Ganze lieber selbst in die Hand nehmen…“

„Du wolltest dich umbringen?!“ Janko legte den Kopf quer. Thaddäus und aufgeben?

„Ja. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts mehr, Janko. Meine Familie war tot, meinen Job war ich durch die Schnüffelei los, ich wurde ausgelacht und als wahnsinnig dargestellt und offensichtlich plante man eh bereits, mich klammheimlich hinzurichten… Was konnte ein einzelner Mensch gegen all das noch ausrichten?“

Thaddäus hustete einmal kurz und legte sich eine Decke um die Schultern. In diesem Moment wirkte er tatsächlich wie ein alter, gebrochener Mann, den es sämtliche Kraft zu kosten schien, seine Geschichte zu erzählen. Wie lange hatte er dies für sich behalten? Hatte er überhaupt jemals jemandem davon erzählt? Janko wusste es nicht. Für ihn hatte außer Frage gestanden, dass Thaddäus schon immer bei GEIST gewesen war. Ihre Widerstandsgruppe quasi gegründet hatte. Er war es schließlich vor all den Jahren gewesen, der sie im Wüstensand von Australien rekrutiert hatte. Janko hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, dass dieser schrullige Kerl mit dem weißen Kittel, der sie alle zu immer neuen Anstrengungen trieb, seine eigene, dunkle Vergangenheit hatte, die ihn in diese Position gebracht hatte. Für Janko war Thaddäus einfach schon immer da gewesen. Ein selbstverständlicher Teil der ganzen Organisation. Aber nichts war selbstverständlich, nichts geschah ohne Grund. Das begriff er jetzt.

„K2 fand mich in einer alten Lagerhalle, betrunken wie eine Horde Matrosen, als ich den Lauf der Pistole bereits im Mund hatte. Anscheinend hatte er mich und meine Nachforschungen schon eine ganze Weile beobachtet. Er überzeugte mich davon, dass es noch einen anderen Weg gab. Tatsächlich eine Möglichkeit, SEELE und seine Verbündeten für ihre Verbrechen an der Menschheit bezahlen zu lassen. Auch wenn es Jahre dauern würde…“

Janko nickte. Ja, das sah K2 ähnlich. Er selbst hatte diese ominöse Macht hinter GEIST nie getroffen, aber die wenigen Male, die er ihn in den Besprechungen gehört hatte, ließen erahnen, dass da jemand war, der offensichtlich viele verschiedene Fäden ziehen konnte. „Also wart ihr beiden die Ersten.“

Thaddäus nickte. „Ja. Dann fingen wir an, ein Team zusammenzustellen, um das Projekt, das in Ostdeutschland bei NERV-04 umgesetzt werden sollte, ans Laufen zu kriegen. K2 hatte es geschafft, Gelder über das Projekt zur Vollendung der Menschheit zur Verfügung gestellt zu bekommen, um die Evangelions zu bauen.“

Janko musste lachen, so bitter und ironisch war das Ganze. „Ihr wurdet also zum Wolf im Schafspelz. Und schlussendlich finanzierte SEELE damit also auch die Gruppierung, die es sich zum Ziel gemacht hatte, sie zu vernichten…“

„Ein Sprichwort sagt: ,Stehe nah‘ bei deinen Freunden, aber noch näher bei deinen Feinden.‘ Und genau so gingen wir vor. Also suchten wir weitere geeignete Leute, die für uns arbeiten würden: Einen menschenscheuen, theoretischen Physiker, ein paar Hacker und Ingenieure, Leute, die große Transportmaschinen fliegen konnten. Dazu noch einen wahnsinnigen Ex-Söldner, der die Crew im Zweifel in der Spur halten konnte…“ Zum ersten Mal heute Abend sah Janko Thaddäus nun lächeln. „Und schlussendlich auch drei Piloten, die wahnsinnig genug waren, in gefangene Engel hineinzuklettern…“

Janko lehnte sich zurück und ließ mit einem kleinen „Plopp“ den Kronkorken von der nächsten Bierflasche springen. „Stets zu Diensten, Boss“, erwiderte er grinsend. Aber dann stockte er und runzelte kurz die Stirn. „Aber eines verstehe ich nicht: Es hätte SEELE doch auffallen müssen, dass ein gewisser Dr. Thaddäus Weber, der eben noch versucht hat, seine Erkenntnisse gegen sie zu verwenden, nun plötzlich für sie arbeitet…“

Nun kehrte die gefährliche, harte Mimik in das Gesicht des Wissenschaftlers zurück. „Identitäten kann man ändern, Janko. Was auch immer ich vorher getan habe, wer auch immer ich vorher war… Mein altes Ich ist an diesem Tag in der Lagerhalle gestorben. Seit dem ersten Treffen mit K2 ist Thaddäus Weber nun mein Name. Wer ich vorher war, ist bedeutungslos. Mein alter Name, meine Vergangenheit, meine Geschichte, all dies endete dort. Nun gibt es nur noch ein Ziel: Das Ende von SEELE.“

„Also ein klassisches Rachemotiv…“, stellte Janko fest. Und das erschütterte ihn nicht einmal. „Versteh mich nicht falsch, das hier ist kein Urteil. Die Frage ist nur…“ Der Pilot zögerte. Sollte er seine Gedanken wirklich aussprechen? Aber was sollte es? Hier und jetzt war vielleicht der einzige Zeitpunkt, dies noch einmal ungestört zu tun. „Wärst du dieser Organisation auch beigetreten, wenn deine Familie noch leben würde? Wenn du auf andere Art und Weise vom Projekt zur Vollendung der Menschheit erfahren hättest?“

Thaddäus blieb ruhig, er verzog nur einmal kurz die Mundwinkel. „Die Frage ist müßig, Janko. Hättest du mitgemacht, wenn dir in Australien nicht die standrechtliche Erschießung gedroht hätte? Um den Anfang von alldem geht es schon lange nicht mehr. Nur noch darum, wie wir es beenden.“ Der Doc lehnte sich zurück und blickte zum Sternenhimmel auf. „Es ist zu spät für einen Rückzieher, zu spät für Bedauern…“ Dann blickte er zu dem Piloten herüber. „Aber um dich zu beruhigen: Nein, es geht nicht nur um Rache. Mittlerweile ist es meine Überzeugung, dass, auch wenn man meine Familie außen vorlässt, die Welt ohne SEELE besser dran ist. Rache allein ist wie eine offene Wunde. Wenn das alles ist, was einen antreibt, geht man schlussendlich daran zugrunde.“ Er seufzte laut. „Oh Mann, ich muss mal kurz austreten!“ Thaddäus wuchtete sich aus dem Campingstuhl und angelte einbeinig nach seinen Krücken, die gegen den Baumstamm gelehnt waren. Nachdem er sie gefunden hatte, drehte er sich um und humpelte in Richtung der Blockhütte, bevor er plötzlich noch einmal stehen blieb und sich an seinen Gesprächspartner wandte. „Das ist übrigens der Grund, warum wir gewinnen werden, Janko. Weil wir das nicht nur für uns selbst tun. David ist für Shinji in das Dirac’sche Meer gesprungen. Du wolltest den Dualmodus deines Evangelions allen nutzen, um Rei zu schützen, du gottverdammter Wahnsinniger… Ihr alle tut das hier nicht nur, um euch selbst zu retten. SEELE hingegen kämpft nur für sich. Gendo Ikari kämpft nur für sich. Aber wir tun es füreinander. Und genau deshalb werden wir siegen. Der Feind sucht nach einem Grund, aus dem andere sterben sollen. Wir suchen einen, für den es sich lohnt zu leben, egal, wie schwer der Weg dahin auch sein mag.“ Mit diesen Worten drehte sich der Doc wieder um und verließ die Feuerstelle.

Zurück blieb ein EVA-Pilot, der nachdenklich in die knisternden Flammen starrte. Für einen Moment breitete sich eine tiefe Stille aus, die jedoch nach wenigen Augenblicken von mehreren Stimmen durchbrochen wurde. Janko blickte auf und konnte am Waldrand den Rest der Gruppe entdecken, der lärmend aus dem Unterholz hervorbrach und auf ihn zukam. Ein kleines Lächeln schlich sich in sein Gesicht, als er die Leute betrachtete, die dort gerade auf ihn zuliefen: Phil, Misato, David, Ben, Shinji, Asuka, Rei.

„Vielleicht hat K2 uns alle genau aus diesem Grund rekrutiert und zusammengebracht. Wir alle tragen Schuld mit uns herum. Wir alle brennen darauf, etwas wieder gut zu machen. Etwas richtigzustellen, die Schatten unserer Vergangenheit hinter uns zu lassen. Vielleicht sind wir deshalb alle gerade jetzt hier.“
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