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Von Wölfen und Menschen

von Watanabe
GeschichteDrama, Sci-Fi / P16 / Gen
Asuka Soryu Langley Misato Katsuragi OC (Own Character) Rei Ayanami Shinji Ikari
13.07.2020
22.07.2021
39
149.544
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13.07.2020 1.499
 
05. März 2015, tief unter den Ruinen des einstigen Tokyo-1

Das Surren der Ventilatoren war beinahe das einzige Geräusch, das den Bunkerkomplex erfüllte. Die abgestandene Luft wurde durch uralte Lüftungsschächte, gebaut weit vor der Zeit des Second Impact, nach oben gesogen. Knarzend bewegten sich die Röhren im Rhythmus der Rotationen der Flügel. Das geschäftige Treiben, das hier einmal geherrscht hatte, war schon lange verklungen. Das Hallen von Schritten auf dem blanken Steinboden, die stetige Flut von Befehlen, die durch die Gänge gebrüllt wurden, das Klackern von Fingern auf Tastaturen, einem Klavierspiel gleich, all das war bereits vor vielen Jahren verstummt. Der Regierungsbunker der ehemaligen Hauptstadt, die in den Wirren nach dem Second Impact in einem atomaren Feuersturm untergegangen war, erschien von außen beinahe so tot wie die verseuchte Erde, die ihn bedeckte. Aber eben nur beinahe.

Die gespenstische Leere der unterirdischen Anlage mochte auf simplere Geister verstörend wirken, doch K2 war kein gewöhnlicher Mensch. Er wollte es so. Annähernd dreißig Jahre nach seinem „Tod“ waren Isolation und Stille seine ständigen Begleiter geworden. Nichts Anderes kannte er mehr. Nichts Anderes wollte er mehr. Virtueller Kontakt reichte völlig aus.

Im ehemaligen Kommandoraum der Anlage blickte er von seinem Sessel aus auf die mechanische Uhr, die seit seinem Einzug in diesem Bunker auf seinem Schreibtisch stand.

„Der Test hat begonnen“, dachte er bei sich. Die Spitzen seiner Zeigefinger berührten seine Schläfen, während die Ellenbogen auf der Tischplatte ruhten. Er brauchte keinen Live-Stream nach Deutschland. Keine Funksprüche. Er wusste auch so, was passieren würde.

Ja, er hätte sie warnen können. Hätte das Ergebnis vorwegnehmen und die weitere Vorgehensweise enthüllen können. Aber etwas sagte ihm, dass es klüger wäre, es nicht zu tun. Das Team musste es selbst herausfinden. Es musste von sich aus begreifen, dass sie in einer Sackgasse gelandet waren. Nur wenn die Piloten zutiefst von den weiteren Schritten überzeugt waren, konnte es gelingen. Ein Funken Restzweifel, dass man doch hätte einen anderen Weg einschlagen können, und sein Plan, nein, ihr Plan, wäre zum Scheitern verurteilt.

„Um die Hölle auf Erden zu verhindern, muss man sie zuerst selbst erfahren“, murmelte er. „Ich beneide keinen von euch. Aber für die Zukunft der Menschheit ist kein Opfer zu groß.“

K2 öffnete die kleine Box, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Er befüllte die innenliegende Injektionsnadel und verabreichte sich eine weitere Dosis des Antistrahlenmittels. Als die Wirkung des Medikaments sein Nervensystem flutete, lehnte er sich zurück.

„SEELE wird fallen. Aber bis dahin haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Die Zeit der Offenbarung bricht an, Qumran hin oder her…“

Zeitgleich, ehemaliger Tagebau Nochte, Oberlausitz, Deutschland

Mit einem hörbaren „Klack“ stellte Phil Sammons die Kaffeetasse auf seinem Pult ab. Eine Welle brauner Flüssigkeit ergoss sich über die Oberfläche, sodass er mit einem leisen Fluch hektisch seine Dokumentenmappe empor riss.

„Glück gehabt, alles trocken geblieben“, ging ihm durch den Kopf, als er die Papiere inspizierte. „Hoffen wir, dass das alle Überraschungen des heutigen Tages waren.“

„Hier Captain, nehmen sie das.“ Der Offizier zu seiner Rechten reichte ihm einige Taschentücher, um das Chaos zu beseitigen.

„Danke, Lieutenant. Wie ist der Status der Einheit?“, fragte Phil, während er die Oberfläche abwischte.  

„Bis jetzt sind alle Werte im Normalbereich. Sicherheitsverankerungen 1 bis 26 sind vollständig zurückgefahren. Beide Entry-Plugs sind in Position. Wir können mit der Synchronisierung der beiden Piloten mit Evangelion Einheit X beginnen.“

Also gut“, dachte Phil bei sich. Das letzte Jahr in der Betreuung der drei Evangelions, die hier im äußersten Osten Deutschlands entwickelt worden waren, war recht erfolgreich verlaufen. Natürlich gab es immer wieder Rückschläge, aber alles in allem kamen sie hier im Testgelände von NERV-04 gut voran. Sollten die Bürohengste in Berlin doch jammern und zetern, dass es so langsam vorwärtsging. Von denen hatte eh keiner eine Ahnung, was bei der Aktivierung eines Evangelions alles zu beachten war. Erst recht nicht bei Modellen, die sich so von dem ursprünglichen Entwicklungszweig unterschieden.

Seit Phil vor etwas mehr als drei Jahren den Posten als Einsatzleiter bei NERV-04 übernommen hatte, hatten sie eine Reihe von Erfolgen vorzuweisen gehabt, die jedoch weitestgehend von ihren Vorgesetzten in Japan unbeachtet blieben. All die Jahre hatte der Fokus vom NERV-Hauptquartier in Tokyo-03 immer auf der anderen, in Deutschland unter Federführung der NERV-Zweigstelle Hamburg gebauten Einheit 02 gelegen, was ihm ganz recht gewesen war. Sie hatten die Gelder für weitere Evangelions bewilligt bekommen, waren aber größtenteils sich selbst überlassen worden. In wenigen Monaten nun würde Einheit 02 nach Japan verschifft werden. Dann hatten sie vielleicht sogar noch mehr Ruhe. Sie waren ja schließlich nur der „Backup-Plan“, der immer weniger gebraucht wurde, je mehr einsatzbereite EVAs es gab und desto erfolgreicher diese im Kampf gegen die Engel in Japan waren.

Umso wichtiger war es aber, dass der heutige Test funktionierte. Sollten sich die Geldgeber entschließen, die weitere Entwicklung in Deutschland doch einzustellen, mussten die EVAs bis dahin unbedingt voll einsatzbereit sein. Schließlich hing ihr aller Überleben davon ab.

Phil richtete sich auf.

„Ok, alle mal hergehört. Heute eröffnen wir ein neues Kapitel in der Entwicklung der EVAs. Dafür haben wir die letzten Monate gearbeitet. Dafür haben wir unser Privatleben vernachlässigt, unsere Gesundheit ruiniert und soweit mir bekannt ist, mindestens eine Ehe geopfert.“ Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war seine Ehe gewesen. „Also sorgen wir dafür, dass sich der Aufwand gelohnt hat! Beginnen wir mit Aktivierungsphase 2!“

Evangelion Einheit X, Entry-Plug Alpha

Das monotone Rauschen der Instrumente hielt noch immer an, nur immer wieder kurzzeitig unterbrochen von Statusmeldungen des Hauptquartiers. Das regelmäßige Blinken der kleinen Lichter, ständige Begleiter des Piloten, war so etwas wie die stetige Vergewisserung, dass die Welt dort draußen noch immer existierte. Janko hatte sich nach all den Monaten des Trainings mittlerweile daran gewöhnt.

„Nervenverbindungen werden aktiviert, bis jetzt alles im grünen Bereich…“

„Nähern uns der Borderline, voraussichtlicher Übertritt in 2 Minuten…“

Plötzlich ertönte ein anderer Funkspruch.

„Ich hasse diese orangene Brühe“. Davids Stimme kam gepresst über die Kopfhörer. „Ich wird mich nie daran gewöhnen!“

„Wenn das dein größtes Problem ist… Ich werd‘ dich gleich für ne ganze Weile in meinem Kopf haben… Davor graust es mir viel mehr“, antwortete Janko. Ein kleines Lächeln umspielte seine Gesichtszüge. Aber ja, David hatte irgendwie Recht. Dieser metallische Geschmack von Blut, der sich bei jedem Einstieg in den Entry-Plug neu einstellte, war gewöhnungsbedürftig. Noch am nächsten Tag schmeckte jeder Bissen nach dem Zeug.

„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Also, für dein eigenes Seelenheil: Bleib im Fokus! Keine Ahnung, wo du landest, wenn du dem Flüstern folgst…“

Janko streckte sich. Die Zugangskapsel begann in regelmäßigen Abständen die Farbe zu wechseln, so wie bei Aktivierungen üblich. Regenbogenmuster wechselten in immer schnellerer Abfolge die Intensität. Man konnte fast meinen, dass alles wie immer war. Einsteigen, synchronisieren, aktivieren. Und doch war diesmal etwas anders. Er konnte bereits jetzt, noch vor der eigentlichen Initialisierung, Davids Präsenz spüren. Er war nicht mehr allein im Evangelion.

„Piloten, aufgepasst. Wir nähern uns dem Nullpunkt“, kam es vom Hauptquartier. „Der Drift beginnt in zehn, neun…“

Janko atmete tief ein. Sofern man eine tiefe Inhalation von LCL als „atmen“ bezeichnen konnte.

„…acht, sieben…“

Seine Augen wanderten abwärts. Seine Hände umklammerten die Steuerungshebel, die vorne am Pilotensitz angebracht waren, stärker als üblich. „Lass es klappen“, dachte er bei sich, „Monatelanges Training genau für diesen Moment… LASS. ES. KLAPPEN!“

„…sechs, fünf...“

Das Flackern vor seinen Augen veränderte sich, die Regenbogenfarben verschwanden und machten Platz für dichten, grauen Nebel. Bilder einer Lichtung tauchten auf, umrahmt von knorrigen, windschiefen Bäumen, mehr tot als lebendig. Am Rande der kleinen Ebene sah er eine Felsformation, die sich aus der Erde erhob. Inmitten dieser Felsen erkannte er einen schwarzen Höhleneingang. Es war ihm, als könne er einen kalten Hauch spüren, der von diesem Punkt ausging.

„David, siehst du das auch?“ Sprach er noch? Oder dachte er die Worte nur?

„Positiv… soll das so sein?“, antwortete der zweite Pilot.

„… vier, drei…“

Die dunkle Öffnung der Höhle kam mit einem Mal näher. Wie in Trance konnte Janko seine Augen nicht mehr abwenden. Ihm war, als umklammere etwas seinen Kopf und zwinge ihn, hinzusehen.

„… zwei, eins…“

Dann hörte er es. Ein Grollen, das nicht von dieser Welt schien. Es schwoll mit einem Mal auf eine Lautstärke an, die sein Gehör förmlich zu zerreißen schien. Diese Woge aus Wut traf ihn und schleuderte ihn in den Sitz. Wie ein über ihn hereinbrechender Tsunami flutete das Grollen seine Nervenverbindungen mit Zorn, Hass und purem Schmerz. Janko umklammerte röchelnd seinen Hals.

Tief im dunklen Eingang der Höhle erblickte er zwei leuchtend rote Punkte. Es kam ihm vor, als zerschnitten die Blicke dieser glühenden Augen seine Haut. Minutiös. Voller perverser Freude.

Im hintersten Winkel seines Bewusstseins vernahm er die Schreie des anderen Piloten. Dazwischen, gedämpft wie durch meterdicke Wände, registrierte Janko die panischen Funksprüche aus dem Hauptquartier für einige Sekunden, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor.

„… Drift unterbrochen, wir verlieren das Signal!“

„… Termination Plug einführen, STOPPT DAS DING!“

„…Notfallauswurf eingeleitet, Eject-Command gesendet!“

Und dann war da nur noch Stille.
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