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Divergenz

von Alwaid
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
12.07.2020
26.02.2021
21
57.426
7
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Dieses Kapitel
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10.09.2020 2.107
 
Täglich nach der Arbeit befreite Irina Blue aus seinem Käfig, fütterte ihn und überlegte sich wie sie diesen kleinen Gecko so beschäftigen konnte, dass er aus Langeweile nicht übermäßig viel Ärger verursachte.

Das stellte sich hier auf dem Stützpunkt schnell als schwieriger heraus als bei Mr. Johnas, wo Blue hatte tun und lassen können was er gewollt hatte.  Im Grunde wäre es Irina egal gewesen, ob Blue irgendwelche Streifzüge über den Stützpunkt unternahm oder nicht. Allerdings wollte sie die angespannte Situation nicht noch weiter verschärfen und behielt ihn daher lieber in ihrer Nähe.

Ein dünnes Stück Flachstahl hatte Irina in der Werkstatt schnell Y-förmig gebogen und mit einem Stück Gummi zu einer Steinschleuder zusammengebastelt. Damit ließ sie Blue hinter seinen Futterbrocken herjagen.

Allerdings hatte sie das nur einmal im Laborhangar ausprobiert, dabei zwei Dinge gelernt und dieses lustige Spielchen für Blue dann ins Freie verlegt. Erstens schlagen selbst kleine Stücke von Energonerz erstaunlich viele Funken und knallen ziemlich laut, wenn sie mit höherer Geschwindigkeit auf einen Stahlträger auftreffen. Zweitens konnte besonders dieser gelbe Roboter furchtbar grantig werden.


In Hangar 26 war Irina in den nächsten zwei Wochen damit beschäftigt zu putzen, das Ersatzteillager aufzuräumen und Botengänge zu erledigen. Irgendetwas stimmte aber in dieser Werkstatt nicht. Hinter dem Hangar reihten sich eine Vielzahl Müllcontainer auf, die alle bis zum Bersten gefüllt waren, an einigen Stellen des Gebäudes entdeckte sie Schäden, die sich zumindest jemand mal hätte ansehen müssen und die Wartung der Rolltore war überfällig.
Einen ihrer Kollegen oder gar ihren Chef wollte Irina nicht fragen, also beschloss sie nach ein paar weiteren Tagen die allwissende Müllhalde auf die Probe zu stellen.


„Mama M, wieso sieht es bei diesen Mechanikern so schlimm aus?“, fragte Irina beim Frühstück. „Die Müllcontainer werden nicht geleert, die Flüssigkeitsabscheider funktionieren nicht richtig, alles ist ziemlich dreckig und ein paar Fenster sind kaputt. Gibt's hier keine Gebäudereiniger oder eine Instandhaltung?“

„Doch, doch, aber es herrscht eine Fehde. Schon seit über zwei Monaten.“ antwortete Mama M, beugte sich zu Irina vor und flüsterte ihr geheimnisvoll über den Tresen zu. „Es ist schon fast ein Mythos. Keiner weiß mehr genau wie es angefangen hat. Aber die Fronten sind verhärtet und es herrscht Krieg. Die Kobolde arbeiten nicht mehr für die Zwerge und anders herum.“

Irina zog die Augenbrauen hoch und blinzelte ein paar Mal. „Das heißt die Fahrzeuge der Gebäudeinstandhaltung werden nicht mehr repariert und dafür versinkt Hangar 26 im Müll? So ein Verhalten ist lächerlich.“

„Ist es auch. Doch der Krieg zwischen Zwergen und Kobolden ist dabei auf ganz Mittelerde überzugreifen.“, flüsterte Mama M und machte eine theatralische Handbewegung.

„Ja, ok, wenn die Kerle nicht bald wieder vernünftig werden gibt’s Ärger von Oben. Leben in Mittelerde überhaupt Kobolde?“

Mama M stieß Irina mit dem Zeigefinger an der Schulter an. „Du bist jetzt Teil dieses Kampfes und musst des Zwergenkönig's Mine auf Vordermann bringen und der Zwergenkönig wird dich erst von deiner Pflicht entbinden, wenn diese Fehde beendet ist. “

Irina seufzte. „Das heißt also, ich werde bis auf Weiteres Putzkraft sein, außer die Instandhaltung nimmt wieder ihre Arbeit auf, aber du stehst auf diesen Fantasy Kram, oder? Also bleiben wir bei Kobolden und Zwergen.“

„Genau.“, grinste Mama M.

„Dann sollte endlich jemand dafür sorgen, dass sich Zwerge und Kobolde wieder vertragen.“
„Du hast es begriffen, Kindchen.“


Normalerweise hielt sich Irina aus derartigen Machtkämpfen heraus, weil sie aber keine Lust hatte den Rest ihres Lebens diesen Hangar zu kehren und sie sowieso die Ausgestoßene war, konnte sie eine kleine Einmischung riskieren. Vielleicht gab es dann die Chance wieder anderes Werkzeug in die Hand zu bekommen als Besen und Putzlappen.

Also sammelte Irina ihren Mut zusammen, setzte sich ein paar weitere Tage später an den Computer im Materiallager und verschickte eine Materialanforderung, ein paar Reparaturaufträge und die Anforderung eines Entsorgungstrupps per Mail an die Gebäudeinstandhaltung.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Direkt am Morgen darauf, als Irina gerade ihr Frühstück abholen wollte baute sich der Leiter der Gebäudeinstandhaltung Benjamin Quinn bedrohlich vor ihr auf und hielt ihr ihre Anforderungen unter die Nase.

„Wenn Jack etwas will, dann soll er mir persönlich unter die Augen treten.“, sagte er.
„Es tut mir leid, Sir, diese Aufgaben wurden an mich delegiert.“, antwortete Irina.
„Typisch für den Penner einen seiner Lakaien.....“  „Guten Morgen, Benjamin.“, wurde er von Mama M unterbrochen. „Schwarz, vier Stück Zucker?“
„Danke, Mama M, aber....“
„Schwarz, vier Stück Zucker.“, sagte Mama M und der strenge Ton in ihrer Stimme ließ Irina kurz zusammenzucken.
„Natürlich, Mama M.“ antwortete Quinn.
„Ich hole mir auch ein Tässchen Kaffee, Benjamin, es würde mich sehr freuen ihn mit euch beiden in Ruhe trinken zu können. Dort am Tisch.“
„Selbstverständlich, Mama M.“, lächelte Quinn, doch seine Augen funkelten Irina zornig an.

Mama M bugsierte Benjamin Quinn und Irina an einen Tisch in der Nähe des Tresens und setzte sich mit einem verschmitzten Lächeln zu ihnen. „Nun, Benjamin, was hast du für ein Problem?“
„Du kennst das Problem.“ antwortete er.

Wie die Karikatur einer englischen Adeligen nahm Mama M ihre geblümte Tasse mit spitzen Fingern in die Hand und nippte von ihrem Kaffee.
„Du kannst doch das Kindchen nicht für euren Streit büßen lassen, Benjamin.“
„Du hast wie immer Recht“, antwortete er, grinste zornig und sah Irina dann einige Sekunden mit angespanntem Blick an.

„Ms. Miller, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich schicke morgen Früh einen Trupp mit zwei Transportern und einem Entsorgungsfahrzeug zu Hangar 26. Dafür wird einer der Transporter repariert. Danach sehen wir weiter.“, sagte Quinn, trank seinen Kaffee mit einem Zug aus, stand auf  und stellte sein Geschirr klirrend auf den Tresen. Dann verabschiedete er sich höflich von Mama M und ging mit zornigen Schritten davon.

„Eine Quest vom Koboldkönig“, flüsterte Irina und ließ sich in den Stuhl zurücksinken.
„Du schaffst das schon Kindchen und nun beeil dich, du willst doch nicht zu spät in die Mine kommen.“
„Ja, mir kommt das wirklich vor wie Moria. Dem Balrog bin ich auch schon begegnet.“
„Erzähl mir von ihm.“, sagte Mama M, sah Irina interessiert an und nippte von ihrem Kaffee.
„Sein Name ist Dan Karlson. Ein richtiger Arsch.“
„Ach, wirklich?“
„Alle anderen ignorieren mich wenigstens. Er behandelt mich wie seine Sklavin.“
Mama M tätschelte Irinas Hand. „Beeil dich, Kindchen.“




Kurz vor Feierabend sah sich Irina die Aufträge der einzelnen Reparaturabteile an. Dan Karlson hatte für den nächsten Tag noch keinen Arbeitsauftrag. Den Annahmeschein von Quinn's Transporter unterschrieb Irina mit ihrem eigenen Namen, heftete einen Blanko-Mängelliste dahinter und steckte sie in die Auftragstasche seines Abteils.  Schlimmer kann's mit dem nicht mehr werden, dachte sie sich und der Balrog hatte diesen Auftrag verdient.


Am nächsten Morgen sah Mama M in Irinas bleiches Gesicht. „Heute ist der große Tag, oder?“
„Mir ist schlecht, Mama M.“
„Ich habe dir eine Geheimwaffe vorbereitet“, lächelte Mama M und stellte zwei kleine braune Papiertüten auf den Tresen. „Eine für Jacob und eine für Benjamin. Wenn Zwergenkönig und Koboldkönig sich waffenstarrend gegenüberstehen, dann gib ihnen das. Es wird sie beruhigen.“ „Danke, Mama M.“

Während der Morgenbesprechung öffnete sich die Tür und sämtliche Geräusche erstarben in dem Augenblick als Benjamin Quinn den ersten Fuß in den Hangar setzte. Irina nutze den Schockmoment, rannte los, warf die Tür zu, ließ das Rolltor hochfahren und hatte dabei das Gefühl sie würde einen Schieber zwischen einem Löwen- und einem Hyänengehege öffnen.

Mechaniker und Gebäudeeinstandhalter standen sich regungslos gegenüber und starrten sich an.  Irina griff hektisch in ihre Tasche, zog die braunen Papiertüten heraus, eilte zwischen Jack White und Benjamin Quinn hindurch und drückte dabei jedem eines der Tüten in die Arme. Beide Männer sahen erst die Gebäcktüten an und dann zornig zu Irina.

Die eilte jetzt zum Instandhaltungstrupp. „Welcher?“, fragte sie in die Runde. „Der Linke.“, sagte einer von Quinn's Männern und gab ihr die Schlüssel. Irina stieg ein, startete mit zittrigen Fingern den Transporter, die Mechaniker machten ihr Platz, sie fuhr den Wagen in Karlson's Reparaturabteil, nahm den Auftrag aus der Wandtasche und legte ihn auf den Werkzeugwagen.

Als sie sich zu den beiden Gruppen umdrehte, fiel ihr als erstes Dan Karlson auf, der sie mit zornesrotem Gesicht anstarrte und ihr wurde schlecht. Bei ihm hatte sie es definitiv übertrieben und Jack White und Benjamin Quinn überlegten noch, die Blicke auf das jeweilige Papiertütchen gerichtet, wie sie reagieren sollten.
Nach ein paar endlos langen Sekunden absoluter Stille entschied sich Quinn als erster. „Legen wir los, Männer“, sagte er.
„Ja, legen wir los“, antwortete White.

Tatsächlich gingen alle ruhig an ihre Arbeit und Irina war sich sicher, dass ohne Mama M´s Gebäck die Situation anders ausgegangen wäre. Quinn´s Truppe erledigte die Reparaturaufträge und leerte die Müllcontainer, die Mechaniker verzogen sich zu ihren Abteilen. Die Anspannung im Hangar war  allerdings so deutlich spürbar wie eine nahende Gewitterfront und Irina hätte es nicht gewundert wenn sich zwischen Metallteilen Blitze entladen hätten. Sie schlich sich ins Materiallager und ordnete Regale.


„Mama M hatte also ihre Finger im Spiel.“
Irina fuhr erschrocken herum und sah Jack White mit großen Augen an.
„Quinn erwartet von Ihnen die komplette Planung der nächsten Wochen. Die Instandhaltungsarbeiten von hier und die Planung der Wartung seiner Fahrzeuge. Viel Spaß dabei, es sind fast zwei Monate aufzuholen.“
Er zog ein Handy hervor und legte es vor Irinas Augen  in das Regal. „Das ist jetzt Ihr Mobiltelefon. Keine krummen Sachen, Ms. Miller, das Teil wird überwacht und wir können es weltweit auf den Meter orten.“ sagte White und drehte sich um. Irina atmete erleichtert aus als er das Lager wieder verließ und steckte das Handy in ihre Beintasche.  
„Hier kann man alles auf den Meter orten.“, murmelte sie. Zwergenkönig überlebt, fehlt noch der Balrog, dachte sie und schüttelte den Kopf. Mama M steckt mich an mit diesem Fantasy Quatsch.



Kurz vor der Mittagspause ging Irina an Dan Karlson´s Abteil vorbei.
„Hey, Schlampe! Was glaubst du, wer du bist, dass du mir einfach Arbeit zuteilen kannst?“, rief er ihr zu.
Irina sah seinen Arbeitsauftrag als kleine Rache für seine Schikanen in der letzten Woche an. „Sie hatten noch Kapazitäten frei, Sir.“, antwortete sie.
„Du kleine, miese Schlampe glaubst du könntest dir alles erlauben.“, zischte Karlson.

Die Situation wäre vielleicht noch einigermaßen glimpflich ausgegangen, doch Irina freute sich so sehr über Dan´s zornige Reaktion, dass sie noch eine Gemeinheit nachlegte.

„Was ich glaube? Du hattest anscheinend nicht das Zeug zum richtigen Soldaten und jetzt lässt du deinen Frust an mir aus.“, zischte sie ihm zu. „Was war's? Beim ersten richtigen Einsatz versagt? Haben sie dich deshalb bei den Autoschraubern abgestellt? Oh natürlich, einen Krüppel kann die Armee nicht gebrauchen.“ Sie zeigte auf Karlson's Bein und er ballte seine Fäuste und begann vor Zorn zu beben.

Irina drehte sich um, ging ein paar Schritte, ein Schraubenschlüssel zischte knapp an ihrem Kopf vorbei und schlug in den nächsten Werkzeugwagen scheppernd ein. Sie fuhr herum. Dan Karlson stürmte mit zornesrotem Kopf auf sie zu, packte sie am Hals und drückte sie gegen ein Militärfahrzeug. Irina schlug ihre beiden gestreckten Hände gegen seinen Kehlkopf und befreite sich so aus seinem Griff. Ein Tritt von ihr auf seine Unterschenkelprothese ließ ihn kurz zu Boden gehen. Irina drehte sich um  und wollte weglaufen, aber Dan hechtete ihr nach, packte sie an den Beinen und warf sie zu Boden.

Blue fauchte plötzlich neben Irinas Kopf, sprang Dan entgegen und verbiss sich in seiner Schulter,  wurde aber sofort von Karlson grob gepackt und hinter sich durch die Werkstatt geworfen. Dann stürzte Dan sich wieder auf Irina und packte sie erneut am Hals.

Irina tastete mit zitternder Hand nach dem Schraubenschlüssel neben ihr auf dem Boden, bekam ihn zu fassen und schlug zu. Dan ließ kurz los, Irina schnappte nach Luft und rutschte rückwärts. Doch so einfach war ihr Gegner nicht auszuschalten. Er richtete sich auf und verpasste Irina eine Ohrfeige.

Die anderen Mechaniker bemerkten den Tumult, zwei von ihnen griffen sich Dan und brachten ihn mit Mühe unter Kontrolle, ein weiterer half Irina auf die Beine.

Hinter Dan Karlson schlich sich Blue in Drohhaltung mit gebleckten Zähnen und abgespreizten Armen heran. Irina bekam große Augen, starrte ihn an und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Verzieh dich, geh zurück ins Labor, dachte sie und nach ein paar Sekunden Zögern verschwand Blue.  

Die Tür zur Werkstatt flog auf und zwei Soldaten der Militär Polizei stürmten in den Hangar. „Was ist hier los?“ riefen Beide.
„Nichts.“, antwortete Irina.  Jack White warf seine Bürotür auf und betrachtete mit zornigem Gesicht das Durcheinander, sah in die Gesichter seiner Mitarbeiter und polterte los.
„Abführen! Beide! Ich informiere Colonel Lennox.“
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