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Divergenz

von Alwaid
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
12.07.2020
26.02.2021
21
57.426
7
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Dieses Kapitel
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17.08.2020 3.237
 
Mit einem orangen Overall bekleidet saß Irina in ihrer fensterlosen Zelle auf dem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt und starrte  auf die gegenüberliegende Wand. Bett, Tisch und Stuhl waren aus Holz. Toilette, Waschbecken und Spiegel aus Edelstahl und an der Decke blinkte das rote Lämpchen der Überwachungskamera.  

Die Seite zum Zellengang bestand aus einer Gitterfront, so dass jeder von außen vollen Einblick hatte.  Wenigstens konnte man die Toilette mit einem Vorhang abtrennen.  Ohne jegliche Ansprache, ohne Buch oder wenigstens eine Uhr verging die Zeit quälend langsam.  Dreimal am Tag wurde ihr Essen gebracht und das war alles an Abwechslung und die einzige Möglichkeit abzuschätzen wie lange sie hier schon weggeschlossen war.

Seit ihrer Verhaftung vor vier Tagen hatte niemand mit ihr gesprochen und sie hatte weder erfahren, wohin sie gebracht worden war, noch warum man sie verhaftet hatte. Irina vermutete es musste etwas mit Blue zu tun haben und bestimmt auch mit diesem Roboter, den sie gesehen hatte. Einige Zeit hatte sie noch darüber gegrübelt doch langsam siegte die Resignation.

Manchmal hatte Irina dennoch das Bedürfnis in ihrer verbleibenden 12m² Welt herumzulaufen wie ein wildes Tier, an den Gitterstäben zu zerren und zu schreien. Allerdings wollte sie sich diese  Blöße auf keinen Fall geben, also versuchte sie sich anders zu beschäftigen und flüchtete sich in Tagträume. Sie stellte sich vor, wie es wäre am Strand spazieren zu gehen. Sand unter ihren nackten Füßen, salzige Luft, Sonne in ihrem Gesicht und Blue, der versuchte die Wellen zu fangen.

Ein vertrautes Schnurren und Klicken ließ Irina aus ihrer Traumwelt auftauchen. Neben ihr auf dem Bett stand Blue,  legte den Kopf schief und hüpfte auf ihren Oberschenkel.
„Ich glaub es nicht, wie kommst du denn hier rein?“ Blue kletterte  auf ihre Schulter, stupste sie im Gesicht an und schnurrte ihr ins Ohr.

„Oh Schätzchen, willst du mal gucken wie es mir geht?“  Irina strich Blue sanft über den Rücken, ließ ihn in ihre Hände klettern und sah ihn lächelnd an.  Seine Bernsteinaugen funkelten warm golden und die dunkle runde Pupille machte seinen Blick irgendwie menschlich.  Plötzlich kreischte Blue, sprang aus Irinas Händen auf den Boden und mit einem weiteren Schrei flüchtete der kleine Raptor flink durch die Gitter.

Türen und Gitter schepperten und zwei bewaffnete Soldaten bauten sich im Gang vor ihrer Zelle auf.  
„Wo ist die cybertronische Lebensform?“ blaffte sie ein Soldat an.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete Irina in gleichgültigem Ton. Nach ein paar prüfenden Blicken in ihre Zelle zog die Truppe wieder ab.  

Cybertronisch, was soll das sein?, fragte sich Irina. Außer dass Blue einem kleinen Raptor ähnlicher sah als einer einheimischen Echse war Irina nichts dramatisch ungewöhnliches an ihm aufgefallen.  Allerdings hatte sie auch bis jetzt nicht intensiv darüber nachgedacht. Es hatte einfach zu viel Spaß gemacht ein so exotisches, schlaues und witziges Reptil als Haustier zu haben und sie mochte dieses verrückte Vieh einfach.

Für seine Körpergröße war Blue allerdings deutlich zu schwer, für die geschätzte Größe seines Gehirns viel zu schlau und seine Fähigkeit zum  Farbwechsel war unnatürlich. Das Aufleuchten seiner Augen bei ihrer ersten Begegnung hatte Irina als Einbildung abgetan, doch jetzt fiel es ihr wieder ein und mittlerweile wusste Irina auch, warum die anderen Mechaniker Blue´s Blick unheimlich gefunden hatten. Er blinzelte nie. Etwas mystisches umgab ihn.

Magie und Mystik sind Quatsch, schalt sich Irina sofort wegen diesem irrationalen Gedanken. Es musste eine völlig andere Erklärung geben. Vielleicht lag Bernhard mit seinen wirren Verschwörungstheorien über Klonen, Genmanipulation und technisch hochentwickelte Experimente gar nicht so falsch.

Auf alle Fälle ist die kleine Kröte von diesen Leuten nicht gänzlich unter Kontrolle zu bringen, dachte Irina, mal sehen wann es denen zu blöd wird ihm nachzujagen.

Irina hatte entdeckt, dass sie sich Blue nur intensiv genug vorstellen musste und die kleine Echse tauchte bei ihr auf. Warum und wie das funktionierte konnte sich Irina nicht erklären, aber irgendwie schaffte  es Blue aus seinem Käfig zu entkommen und die nächsten Tage machte Irina sich einen Spaß daraus die Wachsoldaten mehrmals täglich im Zellentrakt auftauchen zu lassen. Die immer zorniger werdenden Gesichter ließen sie vermuten, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis jemanden der Geduldsfaden riss.




Ein paar weitere Tage später bauten sich drei Soldaten vor Irina's Zelle auf und in einem davon erkannte sie sofort einen der Anzugträger vom Schrottplatz.
„Wie geht es Ihrem Camaro?“ fragte Irina süßlich.
Die Mine des Soldaten verfinsterte sich. „Mein Name ist Colonel Lennox. Aufstehen, herkommen, Hände vor.“
Irina richtete sich gelangweilt auf, trat vor und streckte die Hände durch eine Aussparung in der Gitterfront. Von außen wurden ihr Handschellen angelegt, ein weiterer Soldat öffnete anschließend die Gittertür und sie wurde aus dem Zellentrakt gebracht und betraten wenig später durch einen Nebeneingang ein anderes Gebäude.

Pokerface aufsetzen, ruhig bleiben und Kloß im Hals herunterschlucken ermahnte Irina sich und schaffte es den Anschein von Selbstsicherheit zu erwecken, obwohl sich ihre Nervosität minütlich steigerte. Sie wich keinem Blickkontakt aus,  streckte sich noch ein kleines Stück mehr in die Höhe, hob das Kinn, versuchte jegliche Mimik aus ihrem Gesicht zu verbannen und ballte ihre Fäuste um ihre zitternden Hände zu verstecken.

Sie betraten ein Büro im ersten Stock, an dem ein älterer braunhaariger Mann an seinem Schreibtisch saß und Irina über seine Brille hinweg musterte.
„Setzen.“, befahl er ohne Begrüßung.

„Ms. Miller, ich komme gleich zur Sache.“, sagte er, nahm seine Pistole aus dem Holster und legte sie mit dem Lauf Richtung Irina vor sich auf den Schreibtisch. „Sie besitzen leider etwas, das ich haben will.“
„Was könnte ich besitzen, dass Sie haben wollen?“ fragte Irina verwundert nach und fixierte nervös die Waffe auf dem Schreibtisch.
„Die Kontrolle über eine außerirdische Lebensform. Deshalb gehören Sie jetzt mir.“ Irina klappte die Kinnlade herunter, sie verlor einen Moment lang die Kontrolle über ihre Mimik und war augenblicklich davon überzeugt einem totalem Irren gegenüber zu sitzen.  

Irina atmete tief ein, sah kurz auf das Namensschild auf dem Schreibtisch und schaffte es dann einen bestimmten Ton in ihre Stimme zu bekommen. „Direktor Galloway, ich glaube nicht dass meine Bürgerrechte zur Diskussion stehen.  Das hier entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Das hier ist eine Entführung.“
„Ich sage nur eins,“, sagte Galloway und beugte sich zu ihr vor, „Military Commissions Act. Dieses Gesetz gibt so viel mehr her als nur Überwachung.“

Er nahm seine Pistole in die Hand, richtete sie auf Irina und spannte mit seinem Daumen den Abzugshebel. Klick. Irina drückte sich verkrampft auf ihrem Stuhl zurück.
„Sie wurden aufgrund geltender Gesetze und eines begründeten Verdachtes zum ungesetzlichen Kombattanten erklärt und damit gilt für Sie Militärrecht. Ich werde mit Ihnen so verfahren wie ich es für richtig halte. Optionen habe ich dabei einige.“, sagte er,  lehnte sich langsam in seinen Bürosessel zurück, entspannte mit seinem Daumen den Abzugshebel seiner Pistole, steckte sie wieder in sein Holster und grinste.

„Glauben Sie mir, Sie haben hier keine Rechte. Sie gehören mir. Sie wollen zurück? Wohin denn?“ Er nahm Irinas Strafakte aus einer Schublade und warf sie auf den Schreibtisch.
„Im letzten Akt Ihres verpfuschten Lebens haben Sie Autodiebstahl begangen und sind auf der Flucht. Mr. Johnas war sehr enttäuscht über Ihr Versagen. Wenn Sie auf der Straße aufgegriffen werden, gehen Sie sofort wieder in den Knast.“

Irina schnürte es die Kehle zu. Mr. Johnas war enttäuscht. Alle waren enttäuscht. „Ich habe nichts davon getan!“ schrie Irina, sprang auf und wurde im selben Augenblick von den sie flankierenden Soldaten grob wieder auf den Stuhl gedrückt.

„Ich habe Besseres zu tun als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Colonel Lennox ist ab sofort persönlich für Sie verantwortlich, immerhin hat seine Einheit es geschafft eine einfache Aufklärungsmission zu verbocken.“
Der Colonel zog ein Gesicht als hätte man ihm gerade einen Schlag in die Magengrube verpasst und Direktor Galloway ließ dieser Gesichtsausdruck abermals grinsen.
„Direktor Galloway“, meldete sich Colonel Lennox, „Ratchet wollte Ms. Miller noch sehen.“
„Ach ja, diese Sache.  Kümmern Sie sich darum.“, sagte er und mit einer unwirschen Handbewegung verscheuchte er die Gruppe aus seinem Büro.

Irina musste sich anstrengen um ihr Pokerface aufrecht zu erhalten als sie das Büro verließen und sich auf den Weg in ein anderes Gebäude machten. Die ganze Tragweite dieser Situation kam ihr langsam ins Bewusstsein und ihr wurde schlecht. Das war kein Spiel, man hatte ihr einfach ihre Rechte aberkannt und sie war erledigt. Hier könnte man sie auf unbestimmte Zeit einsperren oder Galloway könnte sie auf Art der Geheimdienste verschwinden lassen. Die Pistole auf dem Schreibtisch war eine deutliche Warnung gewesen, fast eine Ankündigung.

Immer noch an den Händen gefesselt, wurde sie in einen Hangar gebracht und der Anblick der sich ihr bot, ließ sie erst einmal an ihrem Verstand zweifeln. Mitten im Raum standen zwei Roboter ähnlich dem, den sie in Mr. Johnas Werkstatt gesehen hatte. Ein gelber, etwa sieben Meter hoch und ein etwas kleinerer, blauer.  Irina klappte zum zweiten Mal die Kinnlade herunter, starrte die Maschinen einige Sekunden an, sah dann zu Boden und überlegte, ob sie vielleicht mit einer Überdosis in ihrem Zimmer liegen könnte. Noch nie hatte sie so gehofft einfach nur ihr Gehirn endgültig von der Realität in eine Wahnvorstellung befördert zu haben.

Colonel Lennox sprach die Maschinen an. „Hey, Ratchet, Que, euer Gast ist hier.“ Damit war für Irina klar, dass sie nicht halluzinierte. Noch während Irina den Anblick riesiger, menschenähnlicher Maschinen zu verarbeiten versuchte antwortete der gelbe Roboter und verpasste ihrer Vorstellung von der Wirklichkeit den nächsten Schlag. „Na, dann kommt mal mit.“

Sie betraten einen  Raum auf der rechten Seite des Hangars voller seltsamer Gerätschaften. In der Mitte befand sich ein Edelstahltisch auf dem der Käfig mit Blue stand.
„Weißt du was das für eine Lebensform ist?“, fragte der Roboter.  Irina starrte auf Blue, dessen Schuppen eine schmutzige dunkelgrauen Färbung angenommen hatten.  Er hatte sich zusammengerollt und rührte sich nicht.
„Nein, Sir.“, antwortete sie.
Blue hob den Kopf, sah Irina an und schnurrte.
„Weißt du überhaupt von was sich er ernährt?“ fragte der Roboter nun deutlich gereizt.
„Nein, Sir.“
„Schau mich gefälligst an.“, polterte die Maschine los. Irina zuckte furchtbar erschrocken zusammen, hob langsam den Kopf und blickte dem gelben Roboter ins Gesicht, der mittlerweile neben dem Tisch in die Hocke gegangen war.
„Von dem hier sollte er sich ernähren.“, sagte der Roboter und deutete auf auf ein Schälchen mit blau glänzender Flüssigkeit und auf eines mit kleinen blauen Kristallen.
„Füttere ihn.“
„Dort drinnen wird er nichts fressen, Sir.“
Der Roboter öffnete die Käfigtür und Irina griff langsam mit beiden Händen nach der Schüssel mit der Flüssigkeit.
„Bist du total übergeschnappt! Zieh dir Handschuhe an“, fauchte er. „Sie weiß gar nichts!“
Irina zog die Handschuhe an, die ihr Colonel Lennox reichte und stellte das Schälchen mit der Flüssigkeit vor den Käfig. Blue rührte sich nicht.
„Alles gut, Schätzchen“, flüsterte sie, nahm das Schälchen nach ein paar Minuten weg, nahm  einen der kleinen Kristalle in ihre Hand und streckte ihn Blue entgegen. Der hob tatsächlich den Kopf und begann lustlos daran herumzukauen.
Irina nahm einen zweiten Kristall und schnipste ihn Blue zu, der sich aufrichtete und danach schnappte.
„Blue will nicht gefüttert werden. Er will jagen oder zumindest ein klein wenig Beschäftigung.“

Blue schoss aus dem Käfig, sprang vom Tisch ab und landete auf Irinas Schulter. Die Soldaten zogen ihre Pistolen und zielten abwechselnd auf Irina und auf Blue. Irina erstarrte, Blue schnurrte und rieb seinen Kopf an Irinas Hals. Der Roboter betrachtete interessiert das Schauspiel. „Das reicht, setz ihn wieder in den Käfig.“, sagte er.

Irina zögerte. Angesichts der Worte Galloways, seiner Drohung, ihrer aussichtslosen Situation in der sie dieser Organisation ausgeliefert war, hatte sie keine andere Möglichkeit als den Schwanz einzuziehen und zu tun was von ihr verlangt wurde. Dann würde man sie auf unbestimmte Zeit einsperren. Irina fürchtete sich vor den Soldaten, vor Galloway und vor diesen Maschinen. Sie hatte  Angst im nächsten Augenblick erschossen zur werden, aber vor allem hatte sie Angst davor als lebende Tote in einer Zelle zu landen und für immer ihre Freiheit für Dinge zu verlieren, an denen sie keine Schuld trug und die sie nicht einmal richtig verstand.  

„Nein, Sir. Das werde ich nicht tun.“
„Ms Miller, Sie setzen dieses Ding sofort wieder zurück in den Käfig“, schrie Colonel Lennox und zog jetzt ebenfalls seine Pistole. Die anderen Soldaten wurden dadurch noch nervöser.

„Nein, Sir. Ich werde Blue nicht einsperren.“ Irina nahm Blue von ihrer Schulter, setzte ihn mit zittrigen Händen auf den Tisch und strich ihm über den Kopf.  Lennox richtete seine Waffe auf Irina. Ihr wurde schlecht und sie fixierte krampfhaft Blue, der begann nervös hin und her zu tänzeln und zu fauchen.  
„Das Ding soll in den Käfig! Sofort!“ brüllte Lennox. Irina zuckte zusammen und erwartete dass jeden Augenblick ihre zitternden Beine nachgeben würden.

Galloway wollte die Kontrolle über Blue. Dieser Roboter wollte Wissen. Colonel Lennox wollte Sicherheit. Irina wollte nur hier raus. Von hier weg so schnell und so weit  es ging. Ein Ding der Unmöglichkeit, aber vielleicht müsste sie nur noch ein klein wenig standhalten um etwas jenseits einer Zelle unter der Erde aushandeln zu können.

„Nein, Sir.“ wiederholte sie mit zitternder Stimme.
Der gelbe Roboter stand auf, griff sich an den Kopf. „Optimus möchte uns sprechen.  Dein kleiner Freund muss vorerst nicht in den Käfig“, knurrte er.

Damit entschärfte er die Situation, Lennox ließ seine Waffe sinken und die anderen Soldaten entspannten sich ebenfalls.
„Gehen wir.“ befahl Lennox knapp.

Als die Gruppe den Hangar verließ tapste Blue fröhlich neben Irina her, drehte sich immer wieder um sich selbst und huschte dann auf die Beine der flankierenden Soldaten zu, deren nervöse Blicke zwischen Blue und Irina hin- und hersprangen.

Sie betraten das Hauptgebäude und vor Irina tat sich ein riesiger Raum mit offener Decke auf. An den Wänden befanden sich Gitterstege, die am Ende des Hangars in einer Plattform endeten auf der sich Computerterminals und ein riesiger Bildschirm befand.

Irinas Blick fiel auf Metallsäulen mitten im Raum. Ihre Augen wanderten langsam daran nach oben, Irina klappte die Kinnlade herunter, sie spürte förmlich wie jegliche Farbe aus ihrem Gesicht wich und ihr entfleuchte ein leises Quieken.

Die einzige Information, die ihren ohnehin schon überreizten Verstand erreichte, war dass sie vor einem Riesenroboter stand. Ihr Gehirn registrierte Gefahr, flutete ihre Adern mit Adrenalin und gab den Befehl zur Flucht.

Irina stemmte die Fersen in den Fußboden, stieß mit dem Rücken gegen einen der Soldaten, versuchte sich aus dem Griff ihrer Bewacher zu befreien und zu flüchten. Die Soldaten packten sie  fester an den  Armen, erstickten damit ihren panischen Fluchtreflex zu einem hektischen Zappeln und schoben sie noch ein Stück weiter auf den rot blauen Riesenroboter zu.

Nur die Tatsache, dass für die Menschen um sie herum die Anwesenheit albtraumhaft riesiger Maschinen mit menschlichen Zügen Normalität zu sein schien, milderte ihre Panik etwas ab und so schaffte sie es bewusst zu registrieren, dass dieses Ding sie ansprach.

„Guten Tag, Ms. Miller, mein Name ist Optimus Prime.“  Irinas Herz setzte einen Schlag aus, nur um danach schmerzhaft rasend gegen ihre Brust zu hämmern und sie kämpfte verzweifelt dagegen an, sich stehenden Fußes zu übergeben. Optimus Prime ging langsam vor ihr in die Knie, Irina schloss kurz die Augen und zitterte.  

Irina konzentrierte sich auf ihren Atem. Ruhig bleiben, Pokerface aufsetzen, Kloß im Hals herunterschlucken. Die Anweisung an sich selbst wiederholte sie in Gedanken wie ein Mantra.

„Weiß du was das ist?“, fragte Optimus Prime und zeigte auf Blue, der ruhig da stand und dessen Schuppen einen silbrigen Glanz bekommen hatten.
„Nein, Sir.“ Irina wagte nicht nach oben zu sehen und kämpfte verzweifelt darum auf den Beinen stehen zu bleiben.
„Es ist eine Lebensform aus unserer Welt.“

Irina sah zu Blue und flüsterte. „Außerirdisch.“ Diese Erkenntnis machte die Situation zwar nicht weniger furchteinflößend, lieferte aber zumindest eine Erklärung, die ihr Verstand akzeptierte.  

„Weißt du warum es sich dir angeschlossen hat?“
„Nein, Sir.“
„Wie bist du dieser Kreatur begegnet?“
„Sein Name ist Blue, Sir.“, antwortete sie leise, sah mit bleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen kurz nach oben und glaubte den Ansatz eines Lächelns im Gesicht des Roboters erkennen zu können. Das ist eine Maschine, schalt sie sich.
„Wie bist du Blue begegnet?“
„Das war purer Zufall, Sir.“

Auf einem der Gitterstege stand Galloway, hatte die Unterarme auf das Geländer gestützt und beobachtete die Szene. Auf dem großen Bildschirm war jetzt ein grauhaariger Soldat an einem Schreibtisch zu sehen.  Der große Roboter richtete sich wieder auf und wandte sich an Direktor Galloway.

„Mr. Galloway. Ich war mit Ihrer Vorgehensweise nicht einverstanden, hatte aber zugestimmt, weil Sie mir versicherten, es würde keine andere Möglichkeit zur Aufrechterhaltung der Sicherheit der Erde geben.  Sie versicherten mir auch es würde nach geltendem Recht gehandelt. Ich kann hier keine Gefährdung dieses Planeten erkennen.“
„Es ist unmöglich einen Alien frei herumlaufen zu lassen. Egal wie klein es ist. Und wir handeln nach geltenden Gesetzen“, brüllte der Direktor los.
„Wir sollten zum Wohle aller hier allerdings einen Kompromiss schließen, meinen Sie nicht, Mr. Galloway?“
„Optimus“, meldete sich der gelbe Roboter zu Wort, „diese Kreatur sollte zur Vorsicht im Labor bleiben.“
„Ratchet, Blue ist wirklich sehr klein und ich kann nicht erkennen welche Gefahr von ihm oder Ms. Miller ausgehen könnte. Solange er auf dem Stützpunkt bleibt, kann nichts passieren und für deine Forschung wird sich eine Lösung finden. Ein etwas gelassenerer Umgang mit Blue dürfte auch zu mehr Kooperationsbereitschaft führen.“
Ratchet knurrte leise und sah auf seine Hände.  
Er hat euch also richtig Ärger gemacht, dachte Irina als sie die feinen Kratzer im  Lack bemerkte. Dass Blue anscheinend in der Lage war sogar Metall zu beschädigen, erklärte die heftige Reaktion der Soldaten auf ihre Weigerung ihn wieder in den Käfig zu sperren.  

„Dieser Meinung bin ich auch“, meldete sich der ältere Soldat vom Bildschirm. „Colonel Lennox, Sie sind für Ms. Miller verantwortlich?“
„Ja, General.“
„Wir setzten diese...dieses Dilemma auf die Tagesordnung der Besprechung heute Nachmittag. Bringen Sie Ms. Miller vorerst wieder in ihre Zelle.“
„Ja, Sir.“
„Und nehmen Sie diesem Mädchen die Handschellen ab, um Himmelswillen!“
„Ja, Sir.“
„Und geben Sie ihr andere Kleidung. Wir sind hier nicht in einem Staatsgefängnis.“
„Ja, Sir.“


Als Irina wieder in ihrer Zelle ankam, war Blue bei ihr. Der Colonel ging, sie sah zu Blue, kalter Schweiß brach ihr aus und Augenblicke später übergab sie sich in die Toilette. Lange Minuten später kniete sie noch vor der Kloschüssel, atmete ruhig und tief ein und versuchte ihre Gedanken zu sortieren. Das waren Außerirdische. Die Regierung versteckte Aliens. Bernhard wird durchdrehen, dachte Irina, lächelte über diese Vorstellung und kämpfte im nächsten Moment gegen die Tränen. Sie würde höchst wahrscheinlich keine Gelegenheit mehr bekommen Bernhard oder irgendjemand anderen davon zu erzählen.

Die Stimme in ihrem Kopf begann zu flüstern.  Irina war für einen kurzen Augenblick froh darüber keinen Zugriff auf ihren Vorrat zu haben, doch dann steigerte sich die Gier nach einer einzigen Tablette innerhalb von Minuten ins unerträgliche. Sie schaffte es nicht sich auf etwas anderes zu konzentrieren als den Wunsch aus dieser Welt zu flüchten, also kniete sie sich auf ihre Hände und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Schmerz in ihren Fingerknöcheln.

Blue stand ruhig neben ihr und sah sie an.
„Hau doch bitte einfach ab. Such dir jemand anderen“, schrie sie.

Blue fauchte zornig, sprang auf ihr Bett und rollte sich dort zusammen.
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