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Divergenz

von Alwaid
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
12.07.2020
26.02.2021
21
57.426
7
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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18.07.2020 2.078
 
*6 Monate später*


„Mr. Johnas, kann ich mir heute Abend noch mal den Pick Up ausleihen?“
Irina´s Chef legte die neuen Arbeitsaufträge auf  einen Werkstattwagen und verschränkte die Arme.
„Heute noch?“
„Hab etwas Wichtiges vergessen.“
„Nein, Mädchen, nein. Alleine auf gar keinen Fall.“
„Trauen sie mir etwa nicht?“ fragte Irina und fuchtelte mit übertriebener Geste mit ihren Händen in der Luft.  Mr. Jonas guckte sie ernst über seine Brille hinweg an.
„Du bist gerade einmal ein halbes Jahr hier. Nein, ich traue dir nicht.“
„Das verletzt mich jetzt zutiefst, Mr. Johnas“, antwortete Irina und versuchte betont enttäuscht zu klingen.
„Wenn jemand Babysitter spielt, kannst du dir deine Schokoladenkekse besorgen, ansonsten hast du eben Pech gehabt, immerhin hattest du heute Vormittag die Chance deine Sachen zu besorgen.“
„Ach, ohne Kekse wäre es ok. Ich hab allerdings beim Einkaufen auch den Kaffee vergessen.“
Irina seufzte theatralisch und rollte genervt die Augen. Dann sah sie sich in der Werkstatt um.
„Hey, Mike, würdest du mich bitte in die Stadt fahren?“

„Was springt für mich dabei raus?“, fragte er und streckte seinen roten Wuschelkopf unter einem Wagen hervor.
„Wie wäre es mit Pudding? Ich koche dir nachher Pudding.“
„Hach, na gut. Du kennst eben mein Kryptonit. Außerdem hab ich morgen Früh keine Lust auf eine Ina mit Kaffeeentzug.“ Er schob sich wieder unter das Auto. „Brauch aber hier noch eine Stunde.“
„Super, danke Mike.“, antwortete  Irina und sah fragend zu Mr. Jonas. Der nickte nur und winkte sie genervt weg.

„Ach Irina!“ rief er ihr dann doch noch hinterher.
„Ja, Mr. Johnas?“
„Wir müssen noch ein kleines Detail zu deiner Arbeit hier besprechen.“
Beide machten sich auf den Weg zum Parkplatz neben dem Bürogebäude. Irinas Blick fiel auf fünf Schrottautos, die mit ihrer dicken Staubschicht und teilweise deutlichen Standschäden wie Fremdkörper auf der gepflegten Anlage wirkten. Mr. Johnas blieb neben Irina stehen.

„Ja, genau darum geht es.“,  sagte er und zeigte er auf die Wagen, „Jeder meiner Auszubildenden bekommt eine besondere Abschlussaufgabe von mir.“
Irina zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Du wirst dir hier vom Schrottplatz ein Auto aussuchen und wieder flott machen. Genau gesagt restaurieren. Nochmal, nicht vom Parkplatz, vom Schrottplatz. Die Ersatzteile musst du dir selbst besorgen. Schaffst du das, ist deine Ausbildung hier beendet und du kannst mit deinem eigenen Auto in ein neues Leben brausen.“
„Ok. Was ist mit diesen Schrottkarren ?“, fragte sie.
„Die sind von den Abbrechern. Ich bewahre sie auf, falls sie doch noch vorbeikommen und sie abholen.“ Mr. Johnas Stimme klang wehmütig. Irina vermutete, dass keiner, der das Bewährungsprogramm abgebrochen hatte, jemals zurückgekommen war. Sie waren im Gefängnis, untergetaucht und auf der Flucht oder vielleicht schon tot.



*



Es war schon ziemlich dämmrig, als sie mit Mike auf dem Rückweg von Little Rock war. Ein Schatten huschte über die Fahrbahn und ließ Irina zusammenzucken.
„Bremsen!“ kreischte sie. Mike stieg vor Schreck so in die Eisen, dass beide mit Wucht in die Sicherheitsgurte flogen und der Pick Up beinahe ausbrach.
„Spinnst du! Musst du mich so erschrecken!“, schrie Mike sie an.
„Was war das? Da sitzt doch eine Katze“, vermutete Irina mit Blick in den Außenspiegel. Sie schnallte sich ab und stieg aus.
„Ina! Lass das!“; rief Mike ihr hinterher, „Wenn´s wieder ein Stinktier ist fährst du den Rest auf der Ladefläche mit nach Hause.“ Doch Irina war bereits hinter den Wagen gegangen um nachzusehen.

„Was ist das?“ flüsterte sie. Was Irina im Scheinwerferkegel für eine verletzte Katze gehalten hatte entpuppte sich als kleiner Dino. Jedenfalls traf es der Vergleich am Besten. Eine Echse, insgesamt nicht größer als eine kleine Katze , der schlanke Körper mit grau-braunen Schuppen bedeckt, mit relativ langem Hals und Schwanz. Die Echse stand auf ihren Hinterbeinen, die Arme trug sie leicht angewinkelt vor ihrem Körper.  Auffällig waren ihre lackschwarzen Hand- und Fußklauen und die kleinen, gelben Perlaugen im schlanken Köpfchen.  Irina starrte das Tierchen mit großen Augen an. „Du siehst aus wie ein Mini-Raptor.“  

Die Echse starrte zurück und machte einen Hüpfer auf Irina zu. Die machte einen schnellen Schritt rückwärts, stolperte über ihre eigenen Füße und landete auf dem Hintern. Die kleine Echse streckte sich in die Höhe, spreizte die Arme bedrohlich ab, fauchte und stellte dabei gekonnt ihre scharfen Zähne zur Schau.

„Hey, kein Problem, wollte nur helfen, du brauchst keine Hilfe, vergessen wir's.“, rief Irina, hielt beschwichtigend ihre Arme und Hände vor sich und wollte sich sofort wieder aufrichten. Aber das kleine Reptil war schon auf ihren Unterschenkel gesprungen und hatte begonnen langsam ihr Bein entlang auf ihre Hände zu zu tapsen. Dabei legte es immer wieder den Kopf
schief, sah sie interessiert an und gab seltsame Quietsch- und Klicklaute von sich.

Der Anblick dieser Echse verursachte Irina Gänsehaut. Der Miniraptor wirkte nicht unbedingt bedrohlich, dafür war er einfach zu klein. Etwas Anderes, undefinierbares ließ ihr Unterbewusstsein Alarm schlagen. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte wurde stärker und löste fast eine Fluchtreaktion bei ihr aus doch irgendetwas ließ aber nicht zu, dass sie ihren Blick von dem Tier wenden konnte.

Die kleinen Bernsteinaugen der Echse leuchteten auf und Irina sah etwas, das ihr Verstand zwar registrierte aber nicht für real halten wollte. Diese kleinen Edelsteine veränderten ihre Farbe zu flüssigen Gold und plötzlich funkelten die geschlitzten Pupillen eines Raubtieres sie an.

Irina fühlte einen Stich in ihrer Brust. Die Zeit schien unnatürlich langsam zu vergehen. Staub, der von einem Luftzug aufgewirbelt wurde, verharrte in der Luft, so als dehnte sich ein Augenblick zur Unendlichkeit.  In ihrem Geist formte sich ein schriller aber stummer Schrei. Nein! Daraufhin löste sich die Erstarrung und konnte sie endlich wieder klare Gedanken fassen.

Das Ding gehört nicht hierher, schoss es ihr durch den Kopf und ein Schauder lief ihr über den Rücken. Aus einem Zoo ausgebrochen, seinem Besitzer abgehauen, giftig und bestimmt gefährlich. Ein paar Sekunden noch starrte Irina das Tier an, dann rief sie sich selbst zur Vernunft.

„So eine Scheiße, lass mich, gruseliges Vieh! Jetzt reichts!“, rief sie, stand auf, schüttelte die Echse von ihrem Oberschenkel und klopfte sich den Hosenboden ab.  
„Das hab ich davon, wenn ich bei jedem verletzten Stinktier anhalten muss“, schimpfte sie vor sich hin. Der Mini-Raptor purzelte von ihrem Bein, landete gekonnt auf seinen Hinterbeinen, musterte Irina erneut mit schief gelegtem Kopf und tapste dann langsam auf sie zu.
Irina wich zurück und hielt ihre Hände schützend vor ihren Körper. „Echse, du kommst zurecht. Weißt du, ich bin eher der Hundemensch.“ Irina ging langsam rückwärts auf die geöffnete Beifahrertür zu, ohne das gelbäugige Reptil aus den Augen zu lassen,  stieg hektisch wieder den Wagen und warf die Tür krachend zu.
„Fahr los, Mike ,fahr!“ rief sie. Irina schüttelte es.
„Du siehst aus als müsstest du gleich kotzen. War's wieder ein Stinktier?“
„Nee. Eine Eidechse. Fahr einfach!“ schnauzte sie ihn an.
Mike schüttelte sich vor lachen, als er Gas gab.
„Das kommt davon.......“ „ Ja, Mike, wenn man bei jedem verletzten Stinktier anhalten muss.“ vollendete sie seinen Satz.


*



Schlagartig wurde Irina in dieser Nacht wach, riss die Augen auf und hätte beinahe laut aufgeschrien. Stattdessen entfleuchte ihr ein unterdrückter Würgelaut als sie im Halbdunkeln ihres Schlafzimmers direkt vor ihrem Gesicht zwei kleine bernsteinfarbene Augen in einem Echsenkopf erkannte. Sie richtete sich ruckartig in ihrem Bett auf und knipste dabei ihre Nachttischlampe an.
„Wie zum Teufel kommst du denn hier rein?“
Der kleine Raptor purzelte von ihrer Brust herunter, stand nun auf ihrer Decke und tapste auf ihren Oberschenkeln herum.
„Was willst du hier?“ Das Reptil fauchte sie an. Irina schlug die Decke beiseite und flüchtete aus dem Bett.
„Hey, Freundchen, benimm dich!“, rief sie und drohte sie dem Tierchen mit erhobenen Zeigefinger.

Die Echse musterte Irina wieder mit leisen Klick und Quietschlauten.
„Nein! Du kannst nicht hierbleiben.“, sagte Irina, schnappte sich zwei Zeitschriften, die neben ihrem Bett auf dem Boden lagen und schob die Echse erst einmal sanft von ihrem Bett. Dann bugsierte sie das Tierchen mit den beiden Zeitschriften als Begrenzung in gebückter Haltung langsam aus dem Schlafzimmer und schloss hinter sich die Tür.
„So Freundchen und jetzt raus.“

Irina öffnete die Haustür und deutete mit einer Zeitschrift in die Dunkelheit. Der Miniraptor streckte sich in die Höhe, gab drei Laute von sich, die fast klangen wie das leise, blecherne Bellen eines Fuchses und huschte durch die Tür ins Freie. Irina warf die Haustür krachend zu. Das war fast zu einfach. Wer hätte gedacht, dass Echsen aufs Wort hören können? Eigentlich hatte sie eine wilde Jagd durch die Küche erwartet mit Verschwinden des Tiers hinter der Küchenzeile als krönenden Abschluss.  Man kann ja nicht immer Pech haben, war ihr letzter Gedanke als sie sich wieder ins Bett warf.


Als sie am nächsten Morgen der Wecker kreischend belästigte hatte sie das Ereignis der Nacht schon fast vergessen. Sie hielt beim Zähneputzen kurz inne und sah durch die geöffnete Badezimmertür auf ihr Bett. Seltsamer Traum, dachte sie.

„Wer macht beim Mustang die Handbremse?“, fragte Bernhard bei der Arbeitseinteilung.
Irina meldete sich, fuhr das Auto über die Grube und verschaffte sich kurz darauf mit einer Taschenlampe unter dem Wagen einen Überblick. Hinter ihr vernahm sie wieder diese seltsamen Klicklaute und fuhr herum.
„Das gibt's jetzt nicht.“, rief sie.
„Was ist los Ina?“ rief Mike.
„Guck mal wer hier wieder ist. Das ist das Vieh von gestern Abend.“ Mike beugte sich neugierig in die Werkstattgrube. Die Echse hüpfte ein paar mal im Lichtkegel der Taschenlampe hin und her, sprintete dann auf Irina zu, sprang mit einem gewaltigen Satz ab und krallte sich in ihrem Hosenbein fest. Irina war so überrascht und erschrocken, dass sie auf quiekte, rückwärts stolperte, die Taschenlampe von sich warf und auf ihrem Hintern  landete. Mike schüttelte es vor lachen.
„Der mag dich!“
„Red nicht so blöd, hilf mir.“

Der kleine Dino tapste an ihren Beinen entlang, klettere an ihrem Arm hoch, stellte sich auf ihre rechte Schulter, stupste sie mit der Schnauze am Hals an und schnurrte. Irina erstarrte und bekam Gänsehaut.

Die anderen drei Mechaniker starrten inzwischen auch in die Werkstattgrube.
„Du siehst aus als müsstest du gleich kotzen.“
„Hey, neuer Lover?“
„Wenn dich sonst keiner Knutschen will tut's wenigstens dieser Lurch.“
„Witzig Leute, witzig.", sagte Irina. "Ist das Vieh giftig?“
„Ja, natürlich. Durch den Biss wirst du zum Echsenmenschen. Jetzt weißt du wo diese Verschwörungstheorie herkommt.“
Bernhard stieß Mike für diesen Kommentar den Ellenbogen in die Rippen. Irina hielt dem Tierchen die flache Hand hin und es kletterte tatsächlich hinein.
Sie hielt die Hand vor sich und betrachtete das Tier. Es sah tatsächlich aus wie ein kleiner Raptor. Ein sehr kleiner, hellbrauner Mini-Dino mit dünnen, schwarzen Streifen an Hals und Flanke und faszinierend golden schimmernden Bernsteinaugen.

„Er braucht einen Namen.“, sagte sie.
„Woher willst du wissen dass es kein Weibchen ist?“
„Weiß ich nicht, Mike. Ich nenne ihn einfach Blue, das passt in jedem Fall.“
„Du kannst doch eine braune Echse mit gelben Augen nicht Blue nennen.“
„Wieso nicht? Guckt mal er hat eine dunkelblaue Zunge.“
„Nein Ina, das hat er nicht. Du bist irre. Wahrscheinlich haut das Ding eh bald wieder ab. Wenn du ihm einen Namen gibst, heulst du dann nur.“
Irina trug Blue vorsichtig aus der Werkstattgrube.

„Was ist das denn überhaupt für ein hässliches Vieh?“, fragte Mike, packte Blue mit Daumen und Zeigefinger am Schwanz, hielt ihn vor sich und beobachtete, wie sich das Tierchen zappeln in seinen Fingern drehte.
„Lass das!“ schnauzte Irina ihn an.
Blue wand sich, versuchte die Krallen seiner Hinterbeine in Mike´s  Unterarm zu schlagen und ihn in den Finger zu beißen. Er warf ihn erschrocken von sich, Blue landete elegant auf seinen Hinterbeinen und fauchte ihn an.
„Kragenechse. Glaub ich.“ sagte Irina.
„Eine Kragenechse ohne Kragen, Ina? Was frisst das Vieh überhaupt?“
„Keine Ahnung. Er versorgt sich doch bis jetzt auch selbst. Vielleicht frisst er die Schrottplatzratten.“
„Hier wird keiner Aufpassen, dass er nicht unter die Räder kommt.“
„Das muss auch keiner. Es ist ja eine heimische Echse. Gut möglich, dass er bald von selbst wieder verschwindet.“
Mr. Johnas stand in der Tür und beobachtete anscheinend schon länger die Szene.
„Ina hat jetzt ein Haustier.“; erklärte Mike
„Ein was bitte?“
„Ähm. Na, ja, Mr. Johnas“, stammelte Irina, „mir ist eine Kragenechse zugelaufen. Er tut nichts. Er fällt gar nicht auf. Außerdem ist es auch kein Haustier. Er läuft mir halt nach.“
Mr. Johnas zog die Augenbrauen hoch und seufzte. „Gegen die einheimische Tierwelt kann ich ja wohl nichts machen.“
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