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Divergenz

von Alwaid
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
12.07.2020
26.02.2021
21
57.426
7
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Dieses Kapitel
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12.07.2020 2.697
 
Mit einem kurzen, lauten Warnton schloss sich hinter ihr das Gefängnistor, vor ihr breitete sich die öde Landschaft einer Halbwüste aus, in deren Weite es nichts gab als kahle Hügel, Felsen, Sand und darin verteilt einzelne karge Büsche, die ihrer feindlichen Umgebung trotzten.

Sie sah auf ihre Turnschuhe, deren Spitzen exakt die Grenzlinie zwischen dem Staub, in dem sie stand und dem schwarzen Asphalt der Straße berührten, ließ ihren Blick dem dunklen Band, das wie eine Barriere vor ihr lag, folgen und erkannte, durch den schmutzigen Dunst, verschwommen, irgendwo am Horizont, den Vorort der nächsten Stadt.

„Wenn du draußen bist“; hatte ihre selbst ernannte Mentorin heute früh nochmal gesagt; „Dreh dich nicht um, sonst kommst du wieder. Man zieht das an, auf das man seine Aufmerksamkeit lenkt, sieh nach vorn, nicht zurück“. Irina rollte beim Gedanken an diese Worte genervt die Augen.

Ein älterer weißer  Honda Accord  hielt quietschend vor ihr an und riss sie aus den Gedanken,
in den Scheiben spiegelte sich eine junge Frau mit langen aschblonden Haaren, deren dürre Gestalt in zu weiten Jeans und T-Shirt steckte und die sich ihre letzten Habseligkeiten in einer alten Sporttasche um ihrer Schulter gehängt hatte.  

Die vollschlanke Ms. Brown quälte sich aus dem Wagen und noch bevor Irina sie begrüßen konnte, wurde sie von ihrer Bewährungshelferin so unwirsch angefahren, dass sie überrascht zusammenzuckte.
„Hände ausstrecken Ms. Miller, Handflächen nach oben. Bist du positiv, kannst du gleich wieder einchecken.“ Dabei deutete Miss Brown auf das Gefängnistor und Irina widerstand krampfhaft dem Drang dem Zeigefinger zu folgen und sich umzudrehen.  Die resolute Dame fuhr mit einem Teststreifen über Irinas Handflächen und verschaffte sich innerhalb von Minuten Gewissheit.
„Gut. Drogentest negativ. Wirf deine Tasche auf den Rücksitz und steig ein.“
„Ja, Ma'am.“
Ms. Brown  warf den Teststreifen in ihre Handtasche. „Anschnallen, Mädchen.“
„Ja, Ma'am.“
Nach einem scharfen Blick über ihre Brille zu Irina fuhr Ms. Brown los.
„Pass auf Irina. Du hast Glück. Ich konnte dich in einem privaten Resozialisierungsprogramm in der Nähe von Little Rock unterbringen. Die Bewährungshilfe arbeitet mit Mr. Johnas schon mehrere Jahre zusammen und ich persönlich halte viel von Ihm. Er betreibt eine Werkstatt mit anliegendem  Schrottplatz. Du wirst für Ihn arbeiten, dafür bekommst du Taschengeld. Du wohnst auf seinem Gelände. Du wirst seine Anweisungen genau befolgen. Bist du gut, hast du die Chance eine Ausbildung abzuschließen.  Baust du Mist, wanderst du wieder in den Knast. So einfach ist das. Hast du das verstanden?“
„Ja, Ma'am.“
„Einmal in der Woche wirst du persönlich bei uns in Little Rock vorstellig.“
„Ja, Ma'am“ .
„Deine Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Und jetzt Klappe halten.“
„Ja, Ma'am.“
Irina beobachtete, die restlichen zwei Stunden Fahrzeit schweigend wie die Landschaft an ihr vorbeizog. Eigentlich hätte sie sich über ihre Entlassung freuen müssen, sie fühlte aber nichts außer betäubende Gleichgültigkeit. Schon bei ihrer Bewährungsanhörung war ihr klar geworden, dass man sie wie einen Hund an die Leine legen würde um sie nötigenfalls daran zurück in den Knast zu schleifen. Irina hatte beschlossen diese Maßnahme einfach über sich ergehen zu lassen. Abhauen konnte sie immer noch.

Als Ms. Brown in eine Seitenstraße abbog, meldete sich bei Irina doch so etwas wie Nervosität. Der Anblick des riesigen Areals voller ausgedienter Fahrzeuge verströmte den Charme einer Müllhalde und ließ Irina etwas in sich zusammensinken. Türme und Wände aus verschrotteten Autos. Chaotisch angeordnet, zum Teil so hoch gestapelt, dass sie fürchtete ein kleiner Windstoß würde sie umwerfen.

Ms. Brown fuhr weiter durch eine Gasse zwischen den Schrotttürmen.  Abrupt endete das Müllchaos und die mittlerweile geteerte Straße führte über einen säuberlich geordneten Parkplatz auf dem verschiedenste Wagenmodelle akkurat in Reihen abgestellt waren. Am Ende des Parkplatzes konnte man zwei Arbeitshallen erkennen, daneben standen nochmal fünf Garagen.

Miss Brown folgte der Straße langsam weiter, ließ die Hallen linker Hand liegen und fuhr auf ein richtig hübsches, gepflegtes Cracker House mit umlaufender Veranda zu. Eine derartig penibel gepflegte Anlage hatte man von der Landstraße aus nicht erahnen können. Das weckte nicht nur Irinas Aufmerksamkeit, es führte auch dazu, dass sie das Bedürfnis hatte sich aufrecht hinzusetzten und sich nervös über ihre Oberschenkel strich.  Hinter dem Haupthaus konnte man einen Garten erahnen und ein Stück abseits mehrere kleinere einstöckige Nebengebäude. Ms. Brown parkte ihren Honda auf der markierten Fläche neben dem Haupthaus.
„Aussteigen, Tasche mitnehmen, mitkommen,  Klappe halten.“
„Ja, Ma'am.“

Auf der Veranda saß ein älterer aber sehr kräftig wirkender Mann mit kurzen grauen Haaren in einem Schaukelstuhl.  Das karierte Hemd unter seiner blauen Latzhose hatte er hochgekrempelt, so dass auf seinen Unterarmen alte Tätowierungen zu sehen waren.  Er stellte sein Bier ab und kam Ms. Brown strahlend entgegen.

„Charlotte! Ich hoffe du hattest eine angenehme Fahrt.“
„Oh Samuel, ich mache es mir angenehm, Du kennst mich doch.“

Während die Beiden sich herzlich begrüßten stand Irina stumm mit ihrer Sporttasche über der Schulter daneben, blickte sich um und versuchte abzuschätzen, was auf sie zukommen würde. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie und das Gespräch zwischen Ms. Brown und Mr. Johnas bekam sie nur gedämpft mit.  
„Ms. Miller!“ Ein Finger schnipsen vor ihrem Gesicht riss sie in die Gegenwart zurück.
„Ah, doch jemand zu Hause. Folgen Sie mir, Ms. Miller.“ Mr. Johnas winkte dem davon brausenden Honda hinterher.

Irina folgte Mr. Johnas in eines der kleinen einstöckigen  Nebengebäude.  Die Einrichtung  seines Büros war zweckmäßig, fast spartanisch. Ein Schreibtisch, zwei Stühle und ein Aktenschrank. Nackte Wände, keine Pflanzen oder andere persönliche Gegenstände.
„Setzen Sie sich“, sagte Mr. Johnas und zeigte dabei auf den Holzstuhl. Er selbst ließ sich in seinen Bürostuhl sinken und schlug eine braune Aktenmappe auf.
„Ich könnte Ihnen jetzt erst einmal Ihre Strafakte vorlesen. Irina Miller, 22 Jahre, Verurteilt zu 5 Jahren Haft wegen Körperverletzung und Drogenbesitz, zwei Jahre abgesessen bleiben noch drei.“ Er blickte Irina einige Sekunden ernst ins Gesicht. Er schlug die Akte zu, warf sie auf den Schreibtisch, nahm ein weißes Blatt Papier und reichte es Irina. Diese nahm es zögernd in die Hand und blickte fragend darauf.

„Das ist alles was hier interessiert“, sagte er und deutete auf das leere Papier.

„Sie haben die Chance neu anzufangen. Was daraus wird, ist Ihre Entscheidung. Sie arbeiten ab morgen für mich. Sie werden als Hilfskraft in der  Werkstatt anfangen. Die Arbeit beginnt morgens um acht Uhr und endet wenn die Arbeit eben beendet ist. Ich dulde keine Faulheit. Ich dulde keine Drogen. Charlotte war sicher so nett Ihnen grob zu erklären, was auf Sie zukommt.“
„Ja, Sir.“
„Meine Frau Agatha wird Ihnen Ihre Wohnung zuteilen. Sie finden sie draußen im Garten. Noch Fragen?“
„Nein, Sir.“
„Na, dann los.“ rief er und deutete er zur Tür.
„Ja, Sir.“

Irina nahm ihre Sporttasche und machte sich auf den Weg zum Haupthaus. Dahinter öffnete sich eine gepflegte Gartenanlage. Umrandet wurde der Garten von verschiedenen Obstbäumen, dazwischen Blumenbeete, Gemüsebeete und ein Gewächshaus.  Zwischen den Gemüsebeeten kniete eine kleine, etwas dickliche Frau, deren grauen Locken  unter ihrem Strohhut hervorlugten.
„Ms. Johnas?“
„Ach ja, die Neue. Hilf mir mal, Schätzchen.“ sagte sie und deutete auf die Schubkarre ohne sich umzudrehen. Irina stellte ihre Sporttasche ab und bugsierte das Gefährt zwischen den Beeten hindurch auf die Frau zu.
„Danke.“ Ms. Johnas stand auf,  leerte den Eimer mit Unkraut in die Schubkarre.
„Dann komm mal mit.“

Ms. Johnas zeigte auf die Reihe kleiner Nebengebäude.
„Es ist ganz einfach, Schätzchen. Du lebst hier zum großen Teil selbstverantwortlich. Du erschaffst dir hier deine kleine Welt, wenn du es so nennen willst. Du kochst selbst, du putzt selbst. Das Häuschen da  ist deines. Mit allem was darin ist und damit meine ich auch den Dreck und das Ungeziefer. Du hast noch ein paar Stunden Zeit, schnapp dir Wasser und Eimer und leg los. Wenn du fertig bist, sagst du Bescheid, dann bringe ich dir deine Erstausstattung. Hier ist dein Schlüssel und jetzt geh.“

Als Irina die Tür des kleinen Holzhauses aufstieß, wusste sie was Mrs. Johnas gemeint hatte. Diese Hütte stand wohl schon länger leer. Selbst die Art des Fußbodens war vor Schmutz nicht mehr zu erkennen und die Fensterscheiben waren vor Dreck blind. Es gab keinen Flur. Sie machte einen Schritt durch die Tür und stand bereits mitten in der Wohnküche von deren Decke lange, schmutzige Spinnfäden hingen.  Ein Tisch, eine kleine Küchenzeile mit Spüle, Kühlschrank und Herd. Im nächsten Raum befand sich das Schlafzimmer. Ein Bett, ohne Matratze, Nachtkästchen und ein Kleiderschrank, sonst nichts. Vom Schlafzimmer ging es in das kleine Badezimmer. Ein Häuschen, drei Räume, das war also Alles.
„Willkommen im Glück“, sagte sie zu sich, als sie zuerst den Muff durch die geöffneten Fenster entließ und dann anfing mit einem Besen den groben Dreck auf einen Haufen zu kehren.

Als sie gerade dabei war die Küchenschränke zum dritten Mal auszuwaschen, stand Ms. Miller plötzlich hinter ihr. Irina fuhr erschrocken herum und verteilte das Wischwasser  großzügig auf den Küchenfliesen.

„Merk dir eins, Schätzchen, hier gibt es Niemanden der dich aufhält. Du wirst hier ins kalte Wasser geworfen weil es in der echten Welt auch so wäre. Denk aber nicht, wir würden dir nicht helfen, Charlotte wird wohl etwas in dir gesehen haben, sonst hätte sie sich nicht so für dich eingesetzt. Du hast die Chance neu anzufangen. Versau es nicht.  Und jetzt hol dir eine neue Matratze und die Erstausstattung aus dem Lager.“
„Ja, Ma'am.“


Spät in dieser Nacht saß Irina im Schlafanzug auf ihrem Bett und starrte auf die gegenüberliegende Wand.  Es begann mit dem nervigen Gefühl als hätte man irgendetwas vergessen und steigerte sich in kürzester Zeit zu einer lästigen Unruhe.  Sie begann mit einem Fuß hektisch zu wippen, sah auf ihre zitternden Hände und dann begann die Stimme zu flüstern.

Du bist alleine. Das schaffst du nicht. Nie. Du brauchst etwas. Nur ein kleines Bisschen. Nur eine. Nur ein einziges Mal. .

Sie ballte ihre Fäuste um wenigstens das Zittern der Hände zu beenden und begann ihren Oberkörper leicht vor und zurück zu wiegen. Nach einiger Zeit ging sie im Schlafzimmer auf und ab, erst ruhig, Schritt für Schritt doch nur Minuten später ähnelte sie einem Tiger im Käfig. Sie fing an  hektisch in ihrer Tasche zu wühlen und gut versteckt im Einlegeboden fand sie es.

 Ja. Das brauchst du. Nur ein kleines Bisschen. Niemand wird es merken.


Ein kleines flaches Tütchen mit drei unscheinbaren weißen Tabletten. Sie hielt es vor ihre Augen und der Inhalt begann regelrecht vor ihren Augen zu glänzen.

Sie dir an wie schön. Gleich geht es dir besser. Nur eine. Nur ein einziges Mal.

Als hätte sie der Beutel gebissen warf sie ihn auf ihr Bett, starrte kurz entsetzt darauf und rannte los. Raus aus dem Schlafzimmer. Raus aus dem Haus. Sie rannte im Schlafanzug,  nur mit Socken an den Füßen den Weg an den Hallen vorbei, die Straße entlang auf den Parkplatz. Sie stolperte, fiel, rappelte sich hoch und lief so schnell sie konnte, bis ihre Lunge brannte, sie die Atemnot zum Stehenbleiben zwang und sie der Schmerz in der Seite auf die Knie gehen ließ.

Als sie nach einiger Zeit wieder Luft bekam und den Kopf hob blickte sie in den schwärzesten Nachthimmel und die strahlensten Sterne die sie je gesehen hatte, direkt vor ihr das Band der Milchstraße aus Millionen funkelnder Lichter.  Eine helle Sternschnuppe malte eine dünne, lange Linie aus sachtem Violett und Blau fast über den gesamten Himmel bevor sie hinter einem Hügel verschwand.

Calcium und Magnesium im Meteorgestein schoss es Irina durch den Kopf und sie musste kopfschüttelnd lächeln. Jede andere Person auf dieser Welt hätte sich etwas gewünscht und mir schießen Physik und Chemie durch den Schädel, dachte sie. Auf dem Rückweg konnte sie die Augen kaum vom Sternenhimmel lassen. Das Tütchen versteckte sie wieder sorgfältig. Die Stimme schwieg - Vorerst.



Am nächsten Morgen zog sie ihren blauen Arbeitsoverall an und betrat wenig später mit Mr. Johnas die Arbeitshalle.

„Männer! Alle mal kurz herhören“, rief Mr. Johnas durch die Halle.  
Die Arbeiter hoben die Köpfe, einer mit roten Wuschelhaaren schob sich auf einem Werkstattrollbrett unter einem Mercedes hervor.
„Dies ist die Neue. Ihr wisst wie es läuft.“ Dann drehte Mr. Johnas sich um und ließ Irina einfach stehen. Vier Mechaniker hielten es nicht für notwendig Irina zu begrüßen sondern stellten sich im Kreis auf und zogen Streichhölzer. Der Rothaarige verlor.
„Mike, Du hast sie an der Backe.“
„Uah. Na, gut.“
Dann erst wandten sie sich zu Irina um und fingen an sich vorzustellen. Bernhard Well, Michael Sinner, Andrew Wolson, David Brown,
„Mein Name ist Irina Miller. Ich bin hier im ..“
“.wissen wir“, unterbrach sie Bernhard Well; „Wir sind alles Ehemalige. Eigentlich wollte Mr. Johnas keine Schützlinge mehr aufnehmen, aber gut, nun bist du hier.“

Sie hatte erwartet, dass ihre Vorstrafen bald Thema werden würden, wurden sie aber nicht, stattdessen wurde sie nach Vorkenntnissen gefragt und nach ihrer Schulbildung. Ihre Hände musste sie vorzeigen. „Na, wenigstens keine beschmierten Fingernägel.“, war Mikes Kommentar dazu und zeigte ihr dann das Gelände.  

„Das hier ist die Werkstatthalle, wir nehmen Reparaturen an, verwerten alte Autos, lackieren auf Kundenwunsch usw., die Halle nebenan gehört allein Mr. Johnas. Dort drüben restauriert er Oldtimer. Vor Jahren hat angeblich ein reicher Scheich hier seinen Schrotthaufen angeliefert und nach zwei Jahren ein Schmuckstück abgeholt.  Er ist quasi der  Geheimtipp in der Oldtimerszene.“
„Das macht er alleine?“
„Jep. Bei seinen Oldtimern hat er es nicht eilig, bei unserer Arbeit wird aber nicht getrödelt.  Vielleicht lässt er dich mal einen Blick auf seine Schätze werfen. Du kannst es dir mit ihm fast nicht versauen, außer du wirfst dir irgendwas ein oder du kommst einem seiner Oldtimer ungefragt zu nahe.“

„Du bist ab heute die Hilfskraft, Schätzchen, oder wie ich es nenne das Hol-, Bring- und Putzäffchen.“
Genau nach Mike´s Ankündigung verlief auch der erste Tag. Irina bekam Besen und Eimer ausgehändigt und wurde von den anderen Mechanikern immer wieder mit knappen Anweisungen durch die Halle gescheucht.  

Mike warf ihr zum Feierabend noch einen Stapel Lehrbücher vor die Füße. „Lies das. Und morgen fangen wir richtig an.“

Irina saß abends in ihrer Küche und betrachtete den Stapel Bücher auf dem Tisch. Sie wollte ein normales Leben führen also musste sie dieses Programm abschließen, diese Ausbildung schaffen.  Sie würde sich mit langweiliger KFZ Technik beschäftigen, mit ölverschmierten Schrauben und fluchenden Mechanikern. Wie konnte Ms. Brown nur auf die Idee kommen, sie könnte ausgerechnet für dieses Bewährungsprogramm, für diese Art von Arbeit geeignet sein?

Lustlos nahm sie ein Buch in die Hand schlug den Buchdeckel auf, ließ die Seiten durch ihren  Fingern gleiten und schlug willkürlich eine Seite auf. Motormechanik, Kurbelwellen. Sie las einen zufälligen Absatz in diesem zufälligen Kapitel, betrachtete die Abbildungen und langsam erwachte ihre Neugier und ihr Verstand begann Fragen zu stellen - wie ein kleines Kind - ganz so wie in der Zeit, als ihre Welt noch in geordneten Bahnen verlief.

Ein System zu verstehen, dem Innersten auf den Grund zu gehen faszinierte sie. Physik, Chemie, Mathematik waren ihre Lieblinge gewesen, jedenfalls bis ihr Leben aus den Fugen geriet.  Gesetze die von Menschen gemacht wurden konnten gebrochen werden, umgangen und juristisch ausgelegt. Naturgesetze konnten nicht gebrochen werden. Sie waren überall im Universum, für alles und jeden, gleichermaßen gültig und damit gerecht.

Atome und Moleküle hatten keinen eigenen Willen. Sie reagieren miteinander, wenn man die richtigen Bedingungen schuf, die richtigen Partner zusammenbrachte oder ganz einfach ein Rezept kannte. Man konnte Moleküle bauen, Substanzen erschaffen mit immer den gleichen Eigenschaften, sie waren berechenbar, vorhersehbar.

Technik, Mechanik beruhte auf Mathematik und Physik. Irina begann langsam sich  in diesen Büchern zurecht zu finden. Die Logik der Bauteile, die Logik eines funktionierenden Systems. Als sie das Buch zuschlug war sie sich sicher. Das könnte sie lernen. Sie würde es schaffen.

Die Arbeit bei Mr. Johnas machte ihr tatsächlich Spaß. Ein gewisses Talent wollte ihr nicht mal Bernhard absprechen. Jeder der Mechaniker hatte seine Vergangenheit und gerade deshalb fragte keiner nach ihrer. Irina empfand es als Wohltat sich nicht erklären zu müssen. Nach wenigen Wochen fühlte sie sich wie Zuhause angekommen.  Hier könnte sie wirklich neu anfangen.
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