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Divergenz

von Alwaid
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
12.07.2020
26.02.2021
21
57.426
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Dieses Kapitel
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16.01.2021 3.602
 
„Deine Schicht endet ab heute um 14 Uhr“, raunzte Jack Irina schlecht gelaunt am nächsten Morgen im Vorbeigehen zu. Lennox hatte ihn also schon über ihre neuen Arbeitszeiten informiert.

Dan streckte ihr anschließend ohne Begrüßung einen Auftragszettel entgegen.
„Das ist deine Arbeit für heute.“
Irina überflog die Papiere. „Das ist Galloway´s Dienstwagen.“
„Die Karre springt nicht an.“, sagte er gereizt. "Sie zu, dass du die hier rein schaffst und dich an die Arbeit machst.“
„Willst du mir nicht helfen?“
„Nein.“

„Der Direktor braucht seinen Wagen um 13 Uhr zurück.“, sagte Dan, setzte sich im Abteil auf einen Stuhl, legte seine Füße auf einen Werkzeugkasten und klappte sein Buch auf.
„Wenn ich dabei einen Fehler mache, wertet das Galloway als Sabotage und macht mich fertig.“
„Dann solltest du dich anstrengen.“
„Bis 13 Uhr schaffe ich das nicht alleine.“
„Dein Problem. Übrigens wird niemand für dich die Papiere unterschreiben. Alles geht auf deine Kappe.“, antwortete Dan, vertiefte sich in sein Buch und beachtete Irina nicht weiter.


Irina schnappte sich Werkstattschutzbezüge für die Autositze und ging nach draußen.
Galloway´s schwarzer Mercedes stand noch auf dem Abschleppwagen. Davor wartete ein Mechanikerkollege. „Wo soll ich ihn dir abladen?“, fragte er.
„Wieso bist du mit dem Bergefahrzeug unterwegs, Peter?“
„Weil Galloway´s gepanzertes Scheißding über fünf Tonnen wiegt.“,  antworte er. „Um das anzuheben, brauchte ich den größeren Kran.“
„Und ich brauch dafür eine Schwerlasthebebühne. Die habe ich nicht.“
„Für so was haben wir die Werkstattgruben. Mach die Tore auf, ich lade dir das Mistding mit dem Kran direkt über der Ersten hier vorne ab.“

Nachdem der Mercedes positioniert war, sah er Irina an und warf ihr die Wagenschlüssel zu.  „Wo ist eigentlich Dan?“
Irina zuckte mit einer Schulter.
Peter lächelte ihr aufmunternd zu. „Das schaffst du auch alleine. Das sind einfach nur normale Autos mit schusssicherer Weste. Die Elektronik funktioniert noch, also bekommst du alles ohne Probleme auf.“
„Danke.“, lächelte Irina.
„Dan soll vorsichtig sein. Das was er hier macht ist dünnes Eis und ich hoffe der Idiot weiß was er tut.“


Irina betätigte einen Knopf am Wagenschlüssel, die Hydraulik öffnete zischend die Fahrertür und gab den Blick auf armdicke Seitenscheiben frei. Sie setzte sich ans Steuer und drehte den Zündschlüssel. Die Anzeigen am Armaturenbrett leuchteten auf, sonst gab es aber kein Lebenszeichen. „Verdammt.“
Ein orgelnder Anlasser wäre vielleicht ein Hinweis auf ein einfaches Problem bei der Kraftstoffversorgung, Luftversorgung oder Zündverkabelung gewesen.  „Also Anlasser oder bei meinem Glück Motorschaden“, murmelte sie.

Beim Anschließen des Diagnosegeräts sah Irina nochmal zu Dan, aber er saß immer noch auf seinem Stuhl, ignorierte sie weiter und ließ sie mit ihrer Arbeit alleine.

Kurz vor der Mittagspause legte Irina ihr Werkzeug beiseite, drehte sich um und stand direkt vor Dan.
„Ach? Schon fertig?“, fragte er. „Ich dachte du schaffst das nicht.“
„Nur noch Probefahrt.“, antwortete sie.

“Ich fahr mit.“, sagte Dan stieg, auf der Beifahrerseite zu Irina in den Mercedes, schloss die Türen per Knopfdruck und sah sie fragend an.

„Tut mir leid, wegen gestern, Dan. Das war blöd von mir.“
„Was tut dir leid?“
„Ich hätte nicht versuchen sollen, dich als Notausgang zu benutzen. Dass ich dir von Marek erzählt habe tut mir allerdings nicht leid. Ich wollte dass du das alles weißt.“

„Ich will jetzt die ganze Geschichte hören.“, forderte er.

„Da gibt es nichts weiter zu erzählen. Mit sechzehn hatte ich den Unfall. Mit siebzehn kam ich schmerzmittelabhängig aus der Reha-Klinik.  Mit zwanzig saß ich im Knast. Ende der Geschichte.“

„Das erklärt nicht, woher du das Wissen und die Fähigkeiten hast dir das Dreckszeug selber herzustellen. Also, ich höre.“
„Ich war Studentin, Dan und Chemie hatte ich nicht mal belegt. Das war nur ein kleines Hobby.“
Dan lehnte sich im Sitz zurück und musterte Irina intensiv.
„Scheiße, du bist so was von ein Freak. Hattest du überhaupt Freunde in der High-School?“
„Natürlich. Die Töchterchen wohlhabender Familien haben immer Freunde.“, antwortete sie, sah Dan ins völlig verdutzte Gesicht und lächelte.
„Hattest du geglaubt meine Familie wäre arm? Private Universitäten sind teuer.“

„Das passt überhaupt nicht zusammen.“, schnaubte Dan. „Aber es erklärt ein paar Sachen.“
Irina sah auf ihre Hände. „Die Wahrheit ist, ich hatte Marek´s Geld nicht nötig.“, sagte sie. „Ich war einfach nur unglaublich dumm.“
Dan nickte erst verständig und schüttelte dann den Kopf.  „Hattest du wirklich geglaubt ich würde mit deiner Geschichte zu Lennox gehen?“
„Ich war mir nicht ganz sicher.“
„Und trotzdem hast du es darauf ankommen lassen. Aber nur, weil dir beide Möglichkeiten in den Kram gepasst haben. Entweder du hättest die Bestätigung bekommen, dass du mir trauen kannst, oder du wärst um die Arbeit bei Ratchet herum gekommen. Das war doch der Sinn dahinter, oder?.“

Irina lief vor Scham rot an und sah auf ihre Hände. „Tut mir leid.“

„Sollte es auch. Lass solche Spielchen.“, fauchte er.
Irina sah Dan in die Augen und wartete auf eine weitere Reaktion von ihm, auf ein Anzeichen darauf, was er jetzt tun würde.
„Ich bleib bei meiner Meinung.“, sagte Dan nach ein paar Sekunden. „Grundsätzlich bist du ok.  Ratchet hat Hilfe nötig. Lennox und die Autobots wollen dich nicht noch mehr kontrollieren, sie wollen endlich wissen was es mit Blue auf sich hat und warum die ´Cons so scharf auf euch sind. Meine Ansage von gestern gilt noch, vergiss das nicht.“
Irina nickte.

„Und jetzt zu dieser Karre hier.“, sagte Dan.  „Das Teil hat höchste Sicherheitsstufe VR14. Diese Fahrzeuge werden normalerweise außerhalb in einer Spezialfirma  gewartet und repariert. Wenn wir ausnahmsweise daran arbeiten sollen machen das zwei Mechaniker mit hohen Sicherheitsfreigaben, es gilt das Vier Augen Prinzip und Jack muss alles nochmal kontrollieren. Also haben wir beide offiziell die Limousine nicht angefasst.  Galloway fackelt mich und Jack mit samt der Werkstatt ab, wenn er erfährt, dass wir dich alleine daran haben arbeiten lassen.“

„Das war ganz schön riskant für dich.“

„Willst du zu Galloway laufen und es ihm sagen? Und jetzt steig aus, Probefahrt macht jemand anderes.“




Kurz nach 14 Uhr trat Irina durch die Tür der Medic und sprach den CMO an. „Sir?“
Ratchet drehte sich langsam, blies missbilligend durch sein Ventilationssystem, baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf und musterte sie abfällig.  
„Was solltest du mir nützen?“, fragte er.  
„Ich weiß nicht, vielleicht könnte ich helfen Dinge zu reparieren.“ antwortete sie.
„Mach dich nicht lächerlich! An euren primitiven Geräten herumschrauben ist wohl kaum mit meiner Arbeit zu vergleichen.“

Irina ignorierte seine abfällige Bemerkung und betrachtete neugierig die Gerätschaften im Raum.
„Du fasst hier nichts an!“, fauchte Ratchet und deutete auf einen Stuhl in der Ecke. „Setz dich da hin und sei still.“

Das einzige, das Irina hier tun durfte war auf einem Stuhl zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren, während Ratchet mit der Analyse irgendwelcher Daten beschäftigt war. Eine Stunde später reichte es ihr. „Gib mir bitte irgendwas zu tun.“, sagte sie.
„Nein.“
„Soll ich etwas holen, organisieren, aufräumen?“
„Nein, nicht nötig.“
Irina betrachtete die fremdartigen Symbole auf dem Bildschirm. „Was bedeutet das?“

Ratchet sah sie zornig an. „Du bist zu dumm um etwas zu lernen und zu klein um mir zur Hand zu gehen. Hör wenigstens auf mich zu stören!“

Irina atmete gegen den aufflammenden Zorn an, biss die Zähne zusammen und grinste wütend.  Das musste sie sich von niemanden bieten lassen. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und unterdrückte gerade noch einige äußerst beleidigende Beschimpfungen, indem sie die Wörter leise durch ihre Zähne presste.

Angelockt durch Ratchet´s Schimpftirade tauchte Que in der Tür zur Medic auf.  „Mit ein klein wenig Nachdenken könnte ich bei der Lösung eines dieser Probleme behilflich sein.“, schlug Que vor und fuchtelte dabei mit einer Hand in der Luft herum.

Ratchet fuhr zum Erfinder herum und es entbrannte eine Diskussion aus seltsamen Lauten. Nach wenigen Minuten beendete Que die Diskussion indem er beide Arme hob und dann eine Bewegung machte als würde er etwas hinter sich werfen.

Irina ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und vergrub ihr Gesicht in ihre Hände. Das ist ein Desaster, dachte sie und wünschte sie sich die Strafarbeit am Trainingsgelände zurück. Sie hatte nun endgültig das Gefühl, dass Colonel Lennox nur eine Bestrafung durch eine viel Schlimmere ersetzt hatte.  

„Himmelherrgott ich gehe jetzt.“, rief sie und sprang von ihrem Stuhl auf.  
„Du missachtest einen direkten Befehl von Colonel Lennox und Optimus Prime.“, knurrte Ratchet.
„Nein. Die Anordnung lautete dir zur Hand zu gehen, nicht auf einem Stuhl zu sitzen und sich zu langweilen. In der Zeit hätte ich sinnvollere Sachen erledigen können.“
„Was sollte das schon sein? Primitive Einsatzfahrzeuge reparieren?“

„Blue beschäftigen, Fahrzeuge reparieren und sogar Straße fegen wäre sinnvoller als hier herumzusitzen.“, giftete Irina zurück. „Meine Arbeit schlecht zu machen steht dir übrigens nicht zu!“

„Ach, du bist ein kleiner Putzteufel und Ordnungsfanatiker.“, lächelte Ratchet süffisant und zeigte dann auf die Tür zum Nebenraum. „Dann räum das da drüben auf.“

„Gut.“, antwortete Irina genervt, warf einen Blick in den Nebenraum und schüttelte den Kopf. So penibel sauber die Medic war, so unglaublich unaufgeräumt war dieser Lagerraum. Alles war einfach irgendwo abgestellt. Drähte, Kabel, zylindrische Behälter mit Flüssigkeiten in verschieden Farben, Metallbarren mit cybertronischer Prägung und diverse Bauteile lagen kreuz und quer in den Hochregalfächern. Es war auf einen Blick zu erkennen, dass hier nichts an seinem angestammten Platz stand.

„Wem gehört das hier?“, fragte Irina.
„Das ist das gemeinsame Lager für Verbrauchsmaterialien von Que und mir. Die medizinische Ausrüstung befindet sich im Raum gegenüber.“

Ratchet registrierte amüsiert Irina´s verzweifelten Gesichtsausdruck, griff sich an den Helm und kurz darauf erschien Brains fluchend in der Medic.

„Du schuldest mir noch etwas.“, begrüßte Ratchet ihn.
„Du kannst dich nicht immer noch auf das Ding damals mit dem Ding beziehen, das ist Ewigkeiten her.“, schimpfte Brains
„Das war erst vor zwei Wochen und jetzt zeig ihr wie die Lagerhaltung funktioniert, sonst.....“
„Ja, ja, ist gut, ich mach ja schon.“, unterbrach Brains ihn kleinlaut, „Aber dann verschwinde ich.“

„Komm, kleiner Gehilfe.“, grinste Brains. „Ich weihe dich in die Geheimnisse....“, Er blieb abrupt stehen und starrte auf die Regale und sah dann Irina an.
„Du brauchst einen Computer, sonst schaffst du das nie, dummerweise sind unsere Datapads zu groß für dich. Ich schicke eine Nachricht an Max und Robert, die beiden arbeiten schon seit einiger Zeit mit kompatiblen Netbooks.“
Irina starrte Brains ungläubig an. „Was siehst du mich so an?, fragte er. „Was meinst du wer den beiden bei ihren speziellen Entwicklungen hilft? Warte hier, ich bin gleich wieder zurück.“

Irina drehte sich langsam um sich selbst und starrte dabei ungläubig auf das Chaos, das sich über 15 Meter in die Höhe zog. „Ich bin tot und das ist das Hochregallager der Hölle.“ murmelte sie.

Brains kam zurück und trug über seinen Kopf ein Netbook.
„Du kannst  anfangen. Mit diesem Netbook hast du Zugriff auf die Lagerhaltung und Materialbeschaffung. Ich habe das Programm modifiziert und die Bezeichnungen übersetzt. Das Programm zeigt dir Lagerorte, Durchschnittsverbrauch und Lieferzeiten an. Damit kannst du das hier in Ordnung bringen.“, sagte er,  gab Irina den Computer und ging.

„Wo willst du hin?“, rief Irina ihm hinterher.
„Du hast dein Werkzeug, Alles ist selbsterklärend und das hier ist jetzt dein Problem.“ antwortete er, während er verschwand.

Irina legte das Netbook ab und ging aus der Medic. „Wo willst du hin?“, rief Ratchet.

„Ich brauch irgendwas mit dem ich euer Zeug bewegen kann.“, seufzte sie. „Das Schienensystem ist ja noch vorhanden, vielleicht kann Que für mich die Bedieneinheit wieder in Betrieb nehmen.“

Irina musste Que nicht überreden ihr zu helfen. Schnell hatte er eine Idee, wie er die Bedieneinheit der Hochregale wieder in Funktion setzen und so modifizieren konnte, dass Irina damit problemlos arbeiten konnte.

Irina ordnete in den nächsten Tagen das Lager neu, füllte Rückstände auf und begriff schnell, dass der Hauptverantwortliche für das Lagerchaos Que war. Er war die metallische Version eines genialen Chaoten. Sobald er anfing einer Idee nachzugehen, holte er sich eine für Außenstehende wahllos erscheinende Zusammenstellung von Materialien aus dem Lager, legte die nicht benötigten Gegenstände irgendwann wieder ab, holte sich dafür andere Dinge und verursachte damit in kürzester Zeit eine beachtliche Unordnung.
Für Que war es nicht nur ungewohnt, dass jemand ihn dauernd aufforderte seine Sachen wieder aufzuräumen, er empfand das anfangs als Sabotage seiner Arbeit und reagierte entsprechend grantig. Ratchet hingegen schien sich diebisch über die neue Ordnung zu freuen. Zwei Wochen dauerte es mit Que eine Vereinbarung auszuhandeln, danach war die Lagerhaltung ein Kinderspiel.

Irina beobachtete immer häufiger Ratchet bei seiner Arbeit. Besonders Reparaturen an seinen Autobot Kollegen machten sie neugierig. Ratchet verscheuchte sie jedes Mal mit dem Hinweis auf ärztliche Schweigepflicht und Privatsphäre.  

Doch Irina´s Interesse daran war einfach zu groß und als Ratchet sie wieder einmal bemerkte, stellte er sie zornig zur Rede.

„Was glaubst du, mache ich hier?“, knurrte er grantig. „Glaubst du, weil ihr uns als Maschinen bezeichnet, könntest du immer wieder meine ärztlichen Anweisungen ignorieren.“

„Du bist Arzt und das sind Patienten.“, antwortete sie kleinlaut, „Entschuldige bitte. Es geht mich wirklich nichts an. Ich hätte nicht so neugierig sein sollen.“

Ratchet musterte sie ein paar Augenblicke. „Gib mir deinen Computer.“, forderte er, nahm vorsichtig mit spitzen Fingern ihr Netbook, legte es auf eine Arbeitstation, tippte ein paar Befehle und gab Irina das Gerät nach ein paar Minuten zurück.  

„Lies das und wenn du es verstanden hast, reden wir über deine ernsthafte Mitarbeit hier.“, sagte er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Irina betrachtete die Daten, die Ratchet ihr auf den Computer freigegeben hatte und ihre Augen verengten sich kurz zu Schlitzen. Alles war in cybertronischer Schrift verfasst.

Sie war wirklich einen kurzen Augenblick so naiv gewesen zu glauben, Ratchet würde sie in seine Arbeit einbeziehen. Vielleicht zog er diese Möglichkeit sogar in Betracht, allerdings stellte er ihr eine Hürde in den Weg, von der er ausgehen musste, dass sie sie niemals überwinden würde. Irina überlegte kurz, verabschiedete sich von Ratchet und verließ mit ihrem Netbook den Laborhangar.


Keine Stunde später hatte sie die beiden Drohnen vor dem Elektronikhangar ausfindig gemacht und abgefangen.
„Hey, Weelie, hey Brains, wie geht’s euch beiden?“, fragte Irina und die kleinen Transformer zuckten in ihren Bewegung zusammen.  Der Ton in Irinas Stimme war ungewohnt höflich und ließ bei beiden sichtbar die Verteidigungssysteme hochfahren.
„Was willst du?“, fragte Wheelie
„Ich wollte euch um einen kleinen Gefallen bitten.“
„Du! Uns? Vergiss es!“, antworteten beide unisono.

„Ich würde euch einen Gefallen schulden, ist das nichts wert?“
„Einen Gefallen?“, fragte Brains und seine Optiken blitzen kurz auf.
„Ja. Allerdings werde ich für euch nicht Direktor Galloway erschießen, oder etwas ähnlich illegales, oder etwas anderes, moralisch verwerfliches erledigen.“
„Kannst du Gedanken lesen?“, fragte Wheelie.
„In eurem Fall schon. Für Galloway seid ihr doch nicht viel mehr als nerviges Kinderspielzeug.“

„Was willst du?“, fragte Brains.
Irina ging vor den beiden kleinen Transformern in die Knie und hielt ihnen ihr Netbook entgegen. „Könnt ihr mir helfen das zu lesen?“
„Du versuchst Cybertronisch zu lernen?“
„Ja.“
Beide prusteten los und es hätte nicht viel gefehlt und sie hätten sich vor Lachen auf den Boden geworfen.
„Das ist für Menschen nicht möglich.“
„Na klar, dass ich das niemals sprechen kann. Aber vielleicht lesen? Ein klein wenig verstehen.“  „Vergiss es, schaffst du nie.“, krächzte Wheelie.
„Das wäre ja dann wohl mein Problem. Den Gefallen würde ich euch trotzdem schulden, allerdings müsstet ihr darüber die Klappe halten. Das wäre eine kleine Bedingung die ich an den Gefallen knüpfe.“
Die beiden Drohnen sahen einander kurz an. „Wir überlegen es uns.“, antworteten sie und zischten davon.

Irina sah den Beiden hinterher und war sich nicht mehr so sicher, ob ihr Vorhaben eine gute Idee war. Die Arbeit bei Que und Ratchet verlief mittlerweile ruhig, von Lennox hatte sie nichts mehr gehört und Galloway hatte sie bestimmt wieder vergessen. Es gab keinen dringenden Grund wieder Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie versuchte Cybertronisch zu lernen und auf die Verschwiegenheit der beiden Drohnen konnte sie sich nicht verlassen.

Allerdings sah sie Ratchet´s Datenfreigabe als Herausforderung an und die Vorstellung sie könnte irgendwann seine Aufzeichnungen über Blue lesen war zu verlockend. Sie hatte sie Fähigkeit sich neue Dinge sehr schnell anzueignen, nur lag ihre Stärke bei Wissenschaft und Technik und nicht bei Sprachen. Die beiden Drohnen würden wohl Recht behalten. Cybertronisch zu lernen war für sie nicht möglich und allein der Versuch war lächerlich und zum Scheitern verurteilt.



Brains fing sie am nächsten Morgen in der Kantine ihres Wohngebäudes ab.
„Wir haben es uns überlegt. Wir helfen dir.“
„Ihr tut das wirklich?“, fragte Irina überrascht.  
„Ich glaub es auch nicht, dass wir das tun.“, seufzte er.
„Abends gegen acht Uhr bei mir?“
„Ja, ja.“, sagte Brains, fuchtelte mit seiner Hand in der Luft, drehte er sich um und verschwand.

Diese kleinen Biester haben sich die Erlaubnis von ihrem Boss geholt, vermutete Irina. Erst verunsicherte sie der Gedanke, immerhin wurde ihr Vorhabens an höchster Stelle registriert und was Prime wusste, wusste Lennox. Dann zuckte sie innerlich mit den Schultern. Die Bedingung für den Gefallen war Klappe halten. Wenn sich ihre Vermutung als richtig herausstellen sollte, konnte sie es mit der Einhaltung ihres Versprechens nicht so genau nehmen.




Tatsächlich klopfte es um kurz nach acht an Irina´s Tür, sie öffnete und sah ungläubig auf Wheelie und Brains.
„Hast du geglaubt, wir versetzen dich?“, fragten beide und stürmten ihr Zimmer. Brains fing an ihre Einrichtung zu scannen, Wheelie kletterte in ihr Bücherregal, zog ein paar Lehrbücher hervor und ließ sie auf den Boden fallen. „Primitivste Datenspeicher.“, krächzte er dabei.

Irina warf die Tür zu und beobachtete das Treiben geduldig ein paar Minuten. Erst als sich Wheelie durch ihre Unterwäscheschublade wühlen wollte, wurde es ihr zu bunt und sie packte sich den kleinen Transformer und setzte ihn auf den Boden.
„Ich weiß nicht nach was du suchst, aber da findest du es nicht.“

Wheelie stemmte seine Krallen in die Seite und sah Irina an.
„Wieso bist du so fest davon überzeugt du könntest unsere Sprache lernen? Die Datenmenge ist enorm und herunterladen in dein primitives Hirn kannst du nichts.“, fragte er.

„Wenn ich davon ausgehe, dass jegliche Kommunikation, jede Sprache im Universum den selben grundsätzlichen Aufbau hat und wenn ich dann von einer menschlichen Sprache ausgehe, bilden zwanzigtausend Wörter den Wortschatz, den man braucht um das Meiste verstehen zu können.
Das hört sich nach verdammt viel an, nur wird das im Alltag nicht benutzt. Ungefähr 300 Wörter bilden den inneren Kern einer Sprache, 800 Wörter werden täglich verwendet und mit 3000 gelernten Wörtern kann man schon das Meiste ausdrücken und verstehen. Wenn ich es nur schaffe, mir fünf Wörter am Tag zu merken, hätte ich in acht Wochen den Kernwortschatz gelernt. Natürlich fehlt dann immer noch alles was eine Sprache sonst so ausmacht.“

„Wir sind eine überlegene Alienrasse. Dein Vorhaben ist Zeitverschwendung!“, rief Brains und stellte sich neben Wheelie.

Irina sah die beiden Drohnen ernst an.
„Wir unterliegen alle den selben grundsätzlichen Gesetzmäßigkeiten. Wir brauchen Energie um zu leben, wir haben Sensoren für Licht und Schall, wir haben einen Sensor um unsere eigene Position im Raum feststellen zu können und zumindest ein Gefühl für Zeit und wir besitzen eine zentrale Einheit um alle Informationen zu verarbeiten.  
Zwischen unseren Spezies besteht im Kern nicht viel Unterschied. Ihr Zwei könnt euch also für so überlegen halten wie ihr wollt, im Grunde seid ihr auch nur Menschen.“

Wheelie und Brains starrten Irina sekundenlang unbewegt an.

„Ich werde versuchen Cybertronisch zu lernen.“, durchbrach sie das Schweigen, „Ihr müsst mir dabei nicht helfen, wenn ihr das nicht könnt oder nicht wollt.“

„Wir hatten schon öfter Aufgaben, die zum Scheitern verurteilt waren.“, sagte Wheelie.
„Wo ist dein Netbook?“, fragte Brains.
Irina zeigte auf den Tisch.
„Ich lade dir ein paar Sachen drauf und wir sehen ob dein primitives Gehirn damit etwas anfangen kann.“, fuhr er fort und verband sich mit einem seiner Finger mit dem Computer.

„Es gab mehrere Sprachen auf Cybertron.“, erklärte Brains. „Die Sprache der Primes existierte schon vor dem goldenen Zeitalter, ist fast vergessen und fast nur noch auf alten Relikten auf Cybertron zu finden. Das was du lernen willst ist Neu-Cybertronisch. Sämtliche Aufzeichnungen von Einsatzberichten bis zu medizinischen Daten sind so verfasst.“

„Wir fangen mit ein paar Symbolen an.“, sagte Wheelie. „Es gibt aber um einige mehr als eure Buchstaben und sie stehen nicht nur für einzelne Laute sondern oft für ganze Silben.“
„Wie bei den altägyptischen Hieroglyphen?“, fragte Irina.
Wheelie stutzte kurz und fuhr dann fort. „Und einige Symbole stehen für ganze Wörter.“
„So wie in der chinesischen Schrift?“
„Ja, so in etwa. Du bist nicht gar so blöd wie befürchtet.“
„Danke für das Kompliment.“

Eine Stunde später klappte Irina ihr Netbook zu. „Danke für eure Hilfe, aber es ist spät. Ich glaube es reicht für heute.“
„Wir werden erst in ein paar Wochen  sehen, ob das hier zu irgendetwas führt.“, stellte Brains fest und hüpfte Richtung Tür.  Wheelie sah sie nochmal kurz an. „Du hast den Spark vergessen.“ sagte er, währen er verschwand. „So etwas besitzt ihr nicht.“

Irina war fest entschlossen diese Sprache zu lernen, allerdings musste sie das, was ihr hier an Talent fehlte mit purem Fleiß ausgleichen. Ihr Gefühl für Ordnung und Struktur im Chaos von Informationen wollte sich nicht einstellen und sie konnte nur langsam ein paar Zeichen auseinanderhalten.

Irina wusste, dass es naiv war zu glauben sie könnte in absehbarer Zeit einfach so Ratchet´s Aufzeichnungen über Blue ansehen oder die Datenbank der Autobots durchforsten und dabei auch noch etwas Relevantes finden.
Am einfachsten wäre es Fracture zu fragen, doch der war sicher weggeschlossen. Irina hatte keine Ahnung wie sie es anstellen sollte mit diesem Decepticon alleine zu sprechen.
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