Imperfections

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Newt Scamander OC (Own Character) Seraphina Picquery Theseus Scamander
11.07.2020
04.10.2020
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23.08.2020 1.181
 
Ihre beiden Augen schienen eine kleine Ewigkeit ineinander zu starren.

Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, konnte jede seiner einzelnen Sommersprossen erkennen. Auf ihrer Haut breitete sich eine wohlige Gänsehaut aus; ein Gefühl, dass sie so noch nicht erlebt hatte. Ganz warm spürte sie seinen Körper unter sich, welcher ganz erstarrt war von der unerwarteten Situation. Die stechenden Schmerzen in ihren Beinen spürte sie kaum; einzig allein dieser Moment hielt sie so gefangen, verwandelten die Hintergrundgeräusche in ein leichtes Rauschen. Seine grünen Augen waren ganz auf ihre fixiert und sie hatte das Gefühl, als ob er in ihr Innerstes schaute. Würde er erkennen, was sie wirklich war? Eine Betrügerin?

Ein Krächzen aus seiner Brusttasche löste ihre Stockstarre. Langsam kraxelte sein kleiner grüner Begleiter aus seinem Versteck heraus, um wild mit seinen kleinen Ärmchen herumzufuchteln. Diese ganze Aufregung schien ihm nicht bekommen zu sein und wie eine tadelnde Mutter hatte der Bowtruckle die Arme verschränkt, nur um wie ein kleines Kind die Zunge herauszustrecken.

„Geht es Ihnen gut, Miss Wilkinson?“, fragte er leise und hatte den Blick zur Seite gewandt. Sie war schon fast enttäuscht, dass er ihr nicht in die Augen schauen konnte. Der magische Moment war vorbei und hinterließ in ihr ein komisches Gefühl der Leere. Lydia drückte sich sanft von ihm weg und richtete sich auf.
„Mir geht es gut. Danke, dass Sie mir geholfen haben.“ Sie hoffte, dass die Wärme, welche in ihre Wange schoss, von der Hitze der Sonne kam und drehte sich trotzdem vorsichtshalber von ihrem Gegenüber weg.

Auch er stand auf und klopfte sich etwas Sand von der Hose. Nachdem er sich versichert hatte, dass es dem kleinen Bowtruckle gut ging, sprach er wieder zu ihr.
„Wir müssten von hier aus sehen können, wo sich ein Nest befinden könnte. Achten Sie auf Spalten zwischen den Felswänden, welche groß genug wären, dass ein Donnervogel leicht durchkommen müsste“, sagte er und hielt sich die Hand vor das Gesicht, um unter der Helligkeit der Sonne besser sehen zu können. Sie betrachteten eine Weile die Szenerie bis sie eine potentielle Stelle sahen und beschlossen, sie näher zu erkunden.

Den Weg bis dahin konnte man durch eine sehr steinige Passage zur nächsten Aussichtsplatte erreichen, was Lydia erleichtert aufatmen ließ. Der Schock saß ihr immer noch ein wenig in den Knochen.
Den ganzen Weg über schwiegen sie, doch es war ein einvernehmliches Schweigen. Beide peinlich berührt, was vor wenigen Minuten passiert war. Sie versuchte, wie immer wenn ihr etwas unangenehm war, es aus ihren Gedanken zu verbannen. Versuchte sich darauf zu fokussieren, was jetzt wichtig war und wie sie sich dabei fühlte.

Sie hätte die Initiative ergreifen sollen. Es war eine Chance gewesen. Oder nicht? Was ist, wenn er sie abgewiesen hätte? Von sich geschubst oder sie angewidert angesehen hätte? Die Aurorin schluckte. Hätte sie seinen Blick ertragen können? Sie spürte ein unangenehmes Ziehen in ihrem Bauch. Nein. Sie musste fokussiert bleiben und erst einmal sein vollstes Vertrauen gewinnen. Eine Beziehung aufbauen.

Fast wäre sie in ihn hineingelaufen, hätte sie nicht rechtzeitig gemerkt, dass der Zauberer vor ihr stehen geblieben war. Die Hexe schaute auf und sah den großen Spalt in der Felswand und die Dunkelheit, die sich darin befand. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, bei der Vorstellung, sich in eine Höhle zu wagen, in der eine potentielle Gefahr lungerte. Plötzlich fühlte sie sich wie auf einer Auroren-Mission und sie spürte, wie sich ihre Sinne automatisch verschärften und sie eine Angriffshaltung einnahm.
„Da ist es“, hauchte Newt Scamander und holte ein kleines, ledernes Büchlein aus seiner Hosentasche mitsamt Feder. Eilig kritzelte er etwas darin, bevor er es schnell wieder einpackte und seinen Zauberstab hervorholte.

„Lumos“, flüsterte der Magizoologe und begab sich vorsichtig hinein. Lydia schien, als ob er sie vor lauter Spannung vergessen hätte. Auch sie zückte ihren Zauberstab und entfachte etwas Licht, bevor sie ihm folgte.

~

Es war ungewöhnlich kühl in der Nische.

Das lag zum Teil an der Feuchtigkeit in der Luft und auch die Wände glänzten etwas, als sie von dem Licht der Zauberstäbe getroffen wurden. Ein Zeichen dafür, dass sich darauf ein leichter Wasserfilm befand, wie er ihr von vorne mitteilte. Sie mussten auf der richtigen Spur sein, denn Donnervögel, so wusste sie, waren in der Lage Regenschauer zu verursachen. „Faszinierend“, hörte sie ihren Begleiter murmeln.

Es dauerte nicht lange, bis sie Licht sahen und das Ende der Höhle erreichten, welches durch ein Loch in der Decke mit Licht durchflutet war. Inmitten dessen, fanden sie ein großes Nest von der Größe eines kleinen Swimming Pools, auf dem ein riesiger Vogel saß und friedlich schlief.

Mit staunenden Augen betrachtete sie die Szene, welche sich vor ihr abspielte. Die gold-glänzenden Federn des Vogels bewegten sich ein wenig auf und ab durch die Atmung während des Schlafs und reflektierten dabei das Licht auf die Höhlenwände. Die Augen der Hexe wanderten vom majestätischen Körper der Kreatur, von welcher sie wusste, dass sie sechs Flügel besaß, bis hin zum Kopf. Die Kreatur, welche für ihr Haus in Illvermorny stand. Doch ihre Gedanken schienen das zu wiederholen, was ihnen bei der Ausbildung zum Auror beigebracht wurde: Gefahren mussten ausgelöscht werden.

Newt war wieder eifrig am Schreiben und schaute immer wieder ab und zu auf. Lydia hatte sich in die Nähe des Eingangs geschlichen und beobachtete den Magizoologen mit verschränkten Armen. Es vergingen einige Minuten, bis das Geschöpf ein Auge aufschlug und sein Blick auf seine nicht eingeladenen Gäste fiel. Blitzartig erhob dieser sich und krächzte laut, während er gleichzeitig wild mit den Flügeln schlug.

Lydia zuckte zusammen und sah, wie es den Zauberer nicht davon abhielt, in Deckung zu gehen oder seinen Zauberstab zu ziehen. Newt Scamander trat behutsam auf das Tier zu. Als er nur wenige Meter vor ihm stand, verbeugte er sich und wartete geduldig darauf, was als nächstes passieren würde; gab aber kein Geräusch von sich, noch machte er Anstalten sich weiter zu bewegen. Der Donnervogel krächzte noch einmal und kam ihm entgegen. Lydias Hand zuckte zu ihrem Zauberstab, doch auf wundersamer Weise sagte ihr eine innere Stimme, dass sich ganz und gar auf den Zauberer zu verlassen konnte.

Neugierig betrachtete das Biest den Magizoologen mit seinen gelben Augen. Die Aurorin betrachtete das Spektakel angespannt, bis ihn das Biest mit dem Schnabel anstieß. Erleichterung stand in dem Gesicht von Newt Scamander geschrieben.
„Frank, du bist es tatsächlich“, lächelte der Zauberer und legte seine Hand vorsichtig auf den Schnabel, um ihn liebevoll zu streicheln. „Na, hast du mich vermisst?“. Der Vogel gab ein zufriedenes Geräusch von sich, welches sich durch ein leichtes Krächzen bemerkbar machte.

Lydia hatte das Ganze mit Anspannung beobachtet und hatte nicht gemerkt, dass sie ihre Luft angehalten hatte. Langsam ließ sie diese entweichen und machte einen Schritt zurück, um erstens, die Zweisamkeit der beiden nicht zu stören und zweitens wollte sie vorsichtshalber einen großen Sicherheitsabstand von diesem Donnervogel bewahren.

Der Boden unter ihren Füßen knirschte und lenkte die Aufmerksamkeit zu ihrem Bedauern doch auf sie. Die empfindlichen Ohren des Vogels hatten dies aufgeschnappt und er gab ein bedrohliches Krächzen von sich, bevor er sich ihr zuwandte und einige Schritte auf sie zumachte.
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