Im Schutz des Mondes

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
11.07.2020
28.08.2020
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11.07.2020 2.516
 
1764 – Gévaudan Südfrankreich

Ich hatte es immer für ein schlechten Scherz gehalten, dass es auf Bestattungen regnen sollte. Doch als ich jetzt hier auf dem Hügel vor den Gräbern meiner Eltern stand und mir die ersten Regentropfen auf die Stirn vielen konnte ich nicht einmal ein trostloses Lächeln zustande bringen. Eigentlich konnte ich gar nichts mehr. Es war beinahe so, als wäre ich eine einzelne, verlorene Feder, die willenlos vom Wind hin und her geschleudert wurde. Seit ich ihre verkohlten Leiber vor zwei Tagen in den Ruinen unseres Heims gefunden hatte, beherrschte mich das erdrückende Gefühle jeglicher Lebenskraft beraubt worden zu sein. Ich konnte weder schlafen, noch essen oder trinken. Im Grunde hatte ich in den letzten Stunde nichts weiter getan als die Bestattung zu organisieren und den Rest der Zeit teilnahmelos in die Gegend zu starren. Wir waren doch immer so vorsichtig gewesen. Hatten nie lange genug an einem Ort und stets zurück gezogen gelebt. Niemandem vertraut und uns nie einem neuen Rudel angeschlossen. Und trotz aller Schutzmaßnahmen hatten sie uns am ende des Tages gefunden.
Ein lautes Donner, gefolgt von einem tiefen Grollen zerreißt die Stille, kurz bevor der Himmel seine Pforten öffnet und der Regen sich in Sturzbächen über unseren Köpfen ergießt. Der Pastor beendet hastig seine Gebete – nicht das ich nur einem seiner Worte gefolgt wäre. Ohne sich nach mir zu erkunden, hält er sich schimpfend die Bibel über den Kopf und flüchtet in seine kleine, herunter gekommene Holzkirche. Ich löse meinen Blick für einige Sekunden von den namenlosen Holzkreuzen um ihm nachzuschauen. Sein Preis war viel zu hoch und überteuert gewesen, aber leider war er der Einzige den ich auf die Schnelle auftreiben konnte ohne das er zu viele Fragen stellte. Und es wäre für mich auf keinen Fall in Frage gekommen, nicht dem Willen meiner Mutter, von einer christlichen Beisetzung, nach zu kommen. Auch wenn dieser spezielle Pastor die Beitrag der Gemeinde an die Kirche für seine privaten Besäufnisse verpulverte.
Ich schaute wieder auf die Gräber und musste an meine Mutter denken. Sie war streng katholisch gewesen. Jeden Morgen und jeden Abend hatte sie im Schlafzimmer vor dem kleinen Kreuz an der Wand gekniet und zum heiligen Herren für seinen Schutz, unsere Sicherheit, gebetet und das obwohl sie eine Hexe und somit eine Dienerin der Muttergöttin Gaia war. Keineswegs hatte ich es ihr jemals zum Vorwurf gemacht oder es ihr übel genommen das sie der Magie entsagt und sich von der Muttergöttin abgewandt hatte. Sie wurde mit der Jahrhundertwende zu Beginn des 16. Jahrhunderts geboren. Eine Zeit in der Frauen wie sie gejagt, gefoltert und für die geringsten Sachen hingerichtet wurden. Es war also kein wundern das sie die Seite von sich abstieß, welche ihren Tod bedeuten könnte. Doch trotzdem könnte ich ihr auf diesen Pfad niemals folgen. Allein die Vorstellung den Teil von mir, welcher mich zu einem Teil der Schattenwelt machte, abzustoßen fühlte sich falsch und verdreht an. Die Magie war ein Teil von mir, genauso wie ich die Luft zum Atmen brauchte. Auch wenn ich selbst nicht an Gott glaubte und es meiner Mutter letztendlich nicht das Leben gerettet hatte zu ihm zu beten, gefiel mir die Vorstellung das es dort einen Ort nach dem Tod geben sollte an dem meine Eltern zusammen sein konnten. Wenn ich schon hier war sollten sie wenigsten einander haben.
Die Sonne verschwand am Horizont und langsam ließ der Regen nach. Hell schien der Mond auf mich herab. Es war ein wunderschöner Vollmond, der alles in ein magisches, silbriges Licht tauchte. Noch immer hatte ich mich nicht einen Millimeter von ihren Gräbern entfernt. Meine Haare und meine Kleidung waren fürchterlich nass und klebten mir unangenehm an der Haut. Doch ich hatte die unwahrscheinliche Hoffnung das all dies nur ein Traum war und sie jeden Moment neben mir auf tauchen würden. Und wenn ich jetzt gehen würde, das sie mich dann nicht mehr finden würden.
Doch selbst wenn ich mich jetzt umdrehen und gehen sollte, wusste ich ja nicht einmal wohin. Es gab niemanden zu dem ich gehen konnte. Keine Verwandten von deren Existenz  ich wusste. Kein Heim zu dem ich zurück kehren konnte. Kein Mann der mich versorgen oder beschützen konnte. Keine Geld mit dem ich mir ein neues Leben aufbauen konnte. Ich hatte nichts. Nur das was ich am Leib trug und die paar Groschen in dem Beutel an meiner Hüfte. Wenn ich ein Mann gewesen wäre hätte ich mir irgendwo Arbeit besorgen können, doch als Frau waren meine Möglichkeit nun mal sehr eingeschränkt.
Heftig blinzelte ich die Tränen der Verzweiflung weg. Doch viel brachte es nicht. Ein Schluchzen kroch meine Kehle hoch und bahnte sich einen weg nach draußen, bevor ich es unterdrücken konnte. Ich presste eine Hand vor den Mund und atmete zitternd aus. Die Tränen hinterließen eine heiße Spur auf meiner unterkühlten Haut, ehe sie von meinem Kinn zu Boden tropften. Schniefend wischte ich sie Weg. Nicht das dies irgendetwas gebracht hätte. Einmal los gelassen lies sich der Strom nicht mehr bremsen. Mein Schluchzen endeten in einem abgehackten Hicksen und ich schloss gequält die Augen. Tränen quollen unter meinen Liedern hervor und versanken im Ansatz meiner Haare, als ich seufzend den Kopf nach hinten lehnte. Sobald ich mich einigermaßen beruhigt hatte, umfasste ich mit einer Hand den Siegelring meines Vaters, der an einem ledernen Band um meinem Hals hing. Aufgeben war ein Verhalten das meine Eltern beide schon immer mehr als alles andere verabscheut hatten, deswegen würde ich jetzt auch nicht erst damit anfangen und sie so enttäuschen. Ich kniete mich vor die Gräber und legte die andere Hand auf den nassen Rasen zu meinen Füßen. Konzentriert schloss ich meine Augen und sendete geringe Wellen meiner Magie in den Boden. Als ich wieder aufsah, waren die zwei nackten Erdhügel von einer dichten Decke an Gänseblümchen bedeckt. Meinen Lieblingsblumen.
Der Wind frischte auf. Fröstelnd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper, was mir nur minimal bis gar keine wärme verschaffte.  Vielleicht könnte ich ja nur für diese Nacht noch in der alten Kirche unterkommen. Auch wenn ich meine Bedenken hatte, das der Pastor seine Pfoten bei sich behalten würde. Angewidert verzog ich das Gesicht und sah zu der einzigen Möglichkeit für heute Nacht ohne Kosten einen trockenen Unterschlupf zu finden. Mir waren sowohl Gestern, als auch heute keineswegs die gierigen Blicke des Mannes entgangen. Mein Magen krampfte sich bei der Erinnerung nervös zusammen und ich rieb mir unbehaglich über die Unterarme. Da ich aber auch noch nicht bereit war hier draußen den Kälte Tod zu sterben und mein Vater sehr enttäuscht von mir wäre, wenn ich es sollte, erhob ich mich widerwillig.
Plötzlich beschlich mich das ungute Gefühl nicht mehr alleine zu sein. Alarmiert stellten sich meine Nackenhaare auf und ich sah mich angespannt um. Leider konnte ich wegen der Dunkelheit kaum etwas zwischen den Bäumen erkennen, welche den Hügel einrammten.
„Da ist ja der entflohene Welpe!“ sprach eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit. In seiner Stimme schwang eine leichte Belustigung mit, jedoch keine von der guten Sorte. Mehr die, die einen kurz danach abmurkste. Angestrengt kniff ich die Augen zusammen, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nichts entdecken.
Erschrocken zuckte ich etwas zusammen, als die Stimme laut und auch ein wenig überrascht auflachte. „Was für ein schlechtes Karma. Die Tochter des großes Gideon Boulet ist nur ein schwacher, hilfloser Mensch.“ Das letzte Wort sprach er mit solch einer Verachtung aus, das es mir unabhängig von den niedrigen Temperaturen, kalt den Rücken herab lief. Das ich unter Angst dazu neigte unvernünftige Entscheidungen zutreffen, bewies ich gleich darauf auf ganzer länger.
„Dann komm doch raus du mieser Feigling und ich zeigt dir wer hier schwach ist.“ Brüllte ich mit fester Stimme in die Dunkelheit. Schwer atmend und angespannt wartete ich auf eine Reaktion. Ganz große Klasse, nur weiter so Jeanne. Provozier ruhig das Monster, dem wird sicher gleich etwas Angst Pippi in die Hose tropfen, weil du hier so große Töne spuckst. Zu meiner rechten raschelten einige Blätter und das laute Brechen eines Astes durchbrach die Stille. Leicht zuckte ich zusammen und wirbelte in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.
„Genauso stur wie deine Mutter, kurz bevor ich ihr vor den Augen deines Vaters die Kehle durchgeschnitten habe. Auch sie hatte mich mit erhobenem Kopf angesehen, die Augen vor Angst geweitet. Es wird mir ein persönliches Vergnügen sein, dich hier neben ihren Überresten zu ihnen zurück zuführen.“ Ein Mann größer als alles was ich je in meinem Leben gesehen hatte, trat ins Mondlicht. Er trug lediglich eine einfach Leinenhose, sodass ich die ganzen Narben sehen konnte, welche seinen Oberkörper verunstalteten. Eine sah sogar so aus, als hätte jemand versucht ihn in der Mitte zu spalten. Besonders erschreckend war jedoch die wulstige Narbe, die sich quer über sein ganzes Gesicht erstreckte. Panisch schlug mein Herz schneller und ich starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Der Mut, der mich bis eben noch mit erhobenem Kopf da standen lies war wie weg gepustet.  Hatte sich mit einem entschuldigenden Lächeln aus dem Staub gemacht. Mit zitternden Händen raffte ich meine Röcke und stolperte langsam Rückwerts. Weg von dem Monster, das meine Eltern auf dem gewissen hatte und nun auch mich ermorden wollte. „ Ein Kind sollte nicht von seinen Eltern getrennt sein und so ganz alleine in der Welt zurück gelassen werden. Das könnte ich nun wirklich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Sprach er seelenruhig weiter und ich stoppte in meinem sinnlosen Versuch vor ihm weg zu stolpern. Er konnte es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren! Hass brodelte unkontrolliert in mir hoch, wie aufschäumende Milch in einem Topf. „Ich würde dir ja gerne Versprechen, das es nicht schmerzhaft wird, aber das wäre gelogen.“ Mit einem wölfischen Lächeln sah er mich an und kam immer näher.
Uns trennten nur noch ein paar Meter, als eine weitere Stimme erklang.
„Jeanne?“ wisperte jemand mit zittriger Stimme. Entgeistert sah ich zu der jungen Frau, die am Rand des Hügels stand, genau zwischen mir und dem fremden Mann. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie mich an und schließlich zu dem Mörder meiner Eltern. Dieser sah die Frau, die mir äußerlich so sehr glich das man meinen könnte wir wären Schwestern, verwirrt an.
„Das ist ja mal eine Überraschung. Ts, ts, ts.“ Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Du hättest mir sagen müssen das du eine Schwester hast Jeanne. Das war nicht sehr brav von dir.“ Statt weiter auf mich zu zugehen, visierte er jetzt  die Frau an, welche in den letzten zwei Jahren tatsächlich so etwas wie eine Schwester für mich geworden war.  Sie stieß ein ängstliches Wimmern aus und mir gefror vor Angst das Blut in den Adern. Nein! Nein! Nein! Immer wieder murmelte ich das Wort und torkelte ohne darüber nach zu denken auf die beiden zu. Als sich der Mundwinkel des Fremden zu einem diabolischen Grinsen hob, erwachte ich aus meiner starre.
„Colette!“ laut schrie ich ihren Namen. Langsam drehte sie ihren Kopf in meine Richtung. Aus großen Augen starrte sie mich an und die Zeit schien sich aus zu dehnen. Sekunden wurden zu Minuten. Ich öffnete den Mund um ihre eine Warnung zu zurufen, doch im selben Moment sprang der fremde Mann ab. In der Luft schien sein Körper plötzlich zu platzen. Seine Körper dehnte sich aus, verformte sich und aus seiner Haut spross nachtschwarzes Fell. Anstelle eines Mannes landete der größte Wolf, den ich je gesehen hatte, auf meiner Freundin. Riss sie zu Boden und versenkte seine Kind
erarm langen, messerscharfen Zähne in ihrem Arm. Schmerzerfüllt schrie sie gällend auf. Entsetzt riss ich die Augen auf und sank zu Boden. Der Wolf löste seinen Biss und ich hörte es leise schmatzen. Kurz darauf schlug er seine Zähne erneut in ihr Fleisch. Immer und immer wieder.
Ich presste mir die Hände auf die Ohren um diese grauenvollen Geräusche nicht mehr hören zu müssen, konnte mein Blick jedoch nicht von diesem barbarischen Bild abwenden.
Irgendwann wehrte sie sich nicht mehr. Lag leblos im Gras. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber dennoch hatte ich das Gefühl als würden mich ihre toten Augen vorwurfsvoll anstarre. Auch wenn sie nicht mehr lebte, konnte ich ihre Schreie weiterhin in meinem Kopf hören. Es dauerte ein Moment, aber nach einer weile viel mir auf das nicht sie es war die ununterbrochen hysterisch schrie, sondern ich mich selbst hörte. Doch so sehr ich es auch versuchte, konnte ich nicht auf hören. Ich schrie so lange bis mir die Stimme versagte. Dem Wahnsinn nicht weit entfernt krallte ich meine Hände in die Haare und zerrte daran bis ich es büschelweise in den Händen hielt und feuchtes Blut meine Kopfhaut herunter ran. Tränen liefen mir über die Wangen. Für die Freundin, die ich heute Nachte verloren hatte. Für den zwei Jährigen Jungen, der heute Nacht seine Mutter verloren hatte. Für den Mann, der seine geliebte Frau verloren hatte. Für die Familie. Für die Familie, die eine wunderbare Tochter verloren hatte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sich der Wolf von ihrem Körper, den er so sehr entstellt und zerfleischt hatte, das es ein Akt das unmöglichen war sie noch zu identifizieren. Er leckte sich mit der Zunge das Blut von der Schnauze und richtete seine glutroten Augen auf mich. Langsam setzte er sich in Bewegung und schlich auf mich zu. Teilnahmelos starrte ich ihn an. Kurz beschlich mich die irrwitzige Frage, warum der Pastor nicht reagiert hatte. Die naheliegende Antwort war vermutlich das er in seinem Rausch nichts mitbekam.
Ich wusste das ich hier und jetzt sterben würde. Das war so sicher wie die Amme in der Kirche. Doch bei dem Gedanken auf die gleiche grausame Art zu sterben wie Colette, stieg wiederstand in mir auf. Genauso wie die Tatsache das der Mörder ohne Konsequenz einfach davon kommen würde. Und das war etwas das mich unglaublich wütend machte.  So wütend wie niemals zuvor in meinem ganzen Leben. Diese Gefühl überstieg alles was ich bisher kannte. Vermutlich sollte es mir Angst machen, aber seltsamerweise tat es das nicht. Im Gegenteil es fühlte sich sogar ausgesprochen gut an. Ich wollte das dieses Monster bestraft wurde. Das es genauso sehr leidet wie ich und Colette’s Familie leiden würde. Etwas dunkles und animalisches regte sich in meinem Inneren. Brüllte nach Blut das vergossen werden sollte, nach Vergeltung die erfüllt werden musste. Konzentriert schloss ich meine Augen und umarmte dieses unbekannte etwas wie einen alten Freund. Eine zweite Präsenz in meinem Kopf schob sich neben meine und drängte mich stück für stück weiter zurück in die Dunkelheit. Willenlos lies ich es zu. Begab mich sogar freiwillig in die Dunkelheit des Vergessens. Hier nahm ich kein Schmerz und kein Verlust mehr war. Löste mich in den schützenden Fängen des Nichts auf.
Als  ich meine Augen wieder öffnete war die Welt in faszinierend scharfe graue Töne getaucht. Ich konnte in die dunkelsten Schatten blicken und dennoch alles gestochen scharf erkennen. Mein Blick viel auf den Wolf  mir gegenüber, der unsicher stehen geblieben war.
Mein Denken verkleinerte sich und stellte sich schließlich ganz ein. Der einzige Gedanke der zurück blieb, war das unbändige Verlangen nach Blut.
Seinem Blut!