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WG Kleeblatt

von saki612
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
11.07.2020
18.10.2020
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7.410
 
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Sie nannten sich selbst »WG Kleeblatt«. An ihre Wohnungstür hatten sie ein Bild von einem Kleeblatt geheftet, vierblättrig und sattgrün. Vickie hatte es gemalt, während einer privaten Show in ihrer WG. Mit viel Schwung und etwas zu viel Alkohol im Blut. Auf dem Klingelschild neben der Tür standen vier Namen – F. Thomas, L. Mahler, V. Fellmann, F. Lerche – in Leos ordentlicher, gedrungener Handschrift, in der Reihenfolge ihres Einzugs. Für einen fünften Namen war kaum Platz.

»Wieso kleben wir nicht einfach ein Pflaster drüber und schreiben den Namen da drauf?« Fred lehnte gelangweilt im Türrahmen.

»Spinnst du? Wie sieht das denn aus?!« Leo starrte ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, den zusätzlichen Namen quer über ihre Tür zu sprayen.

»Wenn du versuchst, ihn noch mit auf den jetzigen Aufkleber zu quetschen, sieht es auch nicht besser aus«, gab Victor zu bedenken.

Fanny beugte sich nah an das Klingelschild, ihre Creolen blitzten im Licht der Lampe über ihr. »Genau, dann musst du doch um die Ecke schreiben. Da ist echt kein Platz mehr.«

»Hmpf!«

»Hatten wir nicht noch so 'ne Rolle weißes Klebeband?«, schaltete sich Fred wieder ein.

»Weißes Klebeband?«, echote Leo.

»Damit hast du letztens ein Kabel an die Wand geklebt!«

»Ach, du meinst das Isolierband.«

»Keine Ahnung, wie es heißt, hat sich bei mir nicht vorgestellt.«

»Was denn nun?« Victor spielte mit einem Ende seines schimmernden, roségoldenen Schals.

»Hauptsache, die Postfrau weiß, wo sie seine Briefe und Pakete abgeben muss«, warf Fanny ein.

»Seh ich auch so. Sonst stehen wir hier noch eine halbe Stunde und diskutieren. Ich hab heut noch mehr vor.«

»Mann, Fred, dann hol halt das Isolierband. Ist im Werkzeugkoffer in der Kammer. Aber wehe, du bringst was durcheinander!«

Fred verkrümelte sich mit einem triumphierenden Grinsen, um das Band zu holen, und ließ die anderen im Hausflur stehen.

Während Fanny, Leo und Victor munter weiter vor sich hin plapperten, stand Juri schweigend neben seinen neuen Mitbewohnern auf dem Treppenabsatz. Er betrachtete die Schmutzflecken auf den einst weißen Gummispitzen seiner Chucks. Drei links, viereinhalb rechts. Er sollte seine Schuhe definitiv mal wieder putzen.

»Wie schreibt man noch mal deinen Nachnamen?«

Juris Kopf ruckte hoch. Leo sah ihn auffordernd an, in der einen Hand einen Edding mit extradünner Spitze, mit den Fingern der anderen Hand hielt sie einen weißen Streifen in Position. Hinter ihr stand Fred im Türrahmen und spielte mit einer kleinen Rolle Isolierband.

»N–O–W–I–K–O–W«, buchstabierte Juri und seine Stimme hallte kaum im Treppenhaus wider.

»Na, bitte!« Leo schrieb ordentlich Buchstabe für Buchstabe auf das neue Label, zog das Papier auf der Klebeseite ab und drückte das Behelfsschildchen mit »J. Nowikow« genau über die Liste der anderen vier Namen, die neben der Klingel standen. »Dann bist du jetzt offiziell eingezogen. Herzlich willkommen, Juri!«

»Hipp hipp hurra!«, flötete Victor.

»Willkommen in der WG Kleeblatt!«, rief Fanny.

»Na endlich! Dann kann ich jetzt ja los?« Fred steckte sein Handy weg, auf dem er gerade eine Nachricht eingegeben hatte.

»Echt jetzt, Fred?« Fanny verschränkte die Arme und ihre dunklen Augen blitzten. »Dabei koche ich doch extra ein Festmahl für die Willkommensparty!«

»Willkommensparty?«, fragten Fred, Victor und Juri wie aus einer Kehle.

»Männer!«

»Hey!«

»Und Teilzeit-Männer!«

Victor grinste und nickte.

»Aber mal im Ernst, ich hab das vor einer Woche auf das Whiteboard in unserer Küche geschrieben.« Fanny scheuchte ihre Mitbewohner in die Wohnung zurück und schloss die Tür. »Freitagabend, 20 Uhr, Willkommensfeier für Juri – es gibt Suya, Erdnuss-Suppe, Pelmeni, Kräuteromelette, Hühnerbouletten, Salate und als Nachtisch Kartoschka-Törtchen«, zitierte sie die Ankündigung, die sich in großen roten Lettern über die Hälfte der Tafel zog. »Das müsst ihr doch gelesen haben!«

»Na ja, Juri konnte es ja nicht lesen«, meldete sich Leo aus Richtung der Kammer. »Der war ja bis vorhin gar nicht hier.«

»Dem hab ich aber vorgestern eine WhatsApp-Nachricht geschickt! Und Victor hat mir sogar bei den Einkäufen für die Feier geholfen! Das kannst du doch nicht vergessen haben?«

Victor setzte sein bestes Schafsgrinsen auf, Fred zuckte die Schultern und Juri stand mit unsicherem Blick zwischen ihnen. Er hatte noch nicht einmal seine Jacke abgelegt, seit er vor einer halben Stunde mit seinen nötigsten Habseligkeiten angereist war.

Fanny seufzte tief. »Also wirklich. Wieso erwarte ich bei euch beiden Schafsköpfen überhaupt noch irgendwas? Aber Juri, ich hoffe, du trittst nicht in die Fußstapfen von diesen zwei Hohlbirnen!« Sie entschärfte ihre Aussage mit einem Zwinkern in Richtung des Neuankömmlings, für die anderen beiden hatte sie nur einen tadelnden Blick übrig. »Was auch immer du vorhast, Fred, deine aktuelle Freundin wird ja wohl noch etwas warten können. Du stößt wenigstens mit uns an und isst ein paar Happen«, bestimmte sie. »Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mich noch um das Fleisch kümmern.« Damit wandte sie sich ab und stolzierte in die Küche.

»Ich würde Bescheid sagen, dass es später wird, Fred«, meinte Leo, die sich an den dreien vorbeischlängelte. »Sie gibt sich echt Mühe und ganz im Ernst: Es duftet den halben Nachmittag schon so lecker, das würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen.«

»Außerdem müssen wir Juris Einstand gebührend feiern!«, meldete sich nun auch Victor und legte Juri brüderlich den Arm um die Schultern.

»Ja, ja«, gab Fred langgezogen zurück und fischte sein Smartphone wieder aus der Hosentasche. »Schon gut. Ich sag Elisa Bescheid, dass ich später komme. Hab keine Lust, dass Fanny wieder zwei Wochen mit mir schmollt.«

»Na dann! Wie wär's, wenn ihr Jungs schon mal das Wohnzimmer vorbereitet? Und Juri, du kannst gern in Ruhe ankommen, wenn du magst. Du bist bestimmt müde von der langen Anreise.«

»Nein, nein! Ich möchte auch mithelfen!«, versicherte Juri schnell. Über seine blass-beige Haut legte sich ein leichter Rosa-Schleier. Juri war sogar noch hellhäutiger als Victor, was an ein Wunder grenzte, denn der legte schon größten Wert darauf, sich nicht mehr als nötig der Sonne auszusetzen. Und wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ, cremte er regelmäßig jede freiliegende Hautpartie mit Lichtschutzfaktor 50 ein, um ja keinen dunkleren Teint zu bekommen. Vielleicht wirkte Juri auch nur blasser, weil seine schwarzen Haare einen stärkeren Kontrast bildeten als Victors erdbeerblonder Schopf. Ganz anders bei Fred, der ziemlich genau dem entsprach, was man sich unter einem Surfer-Boy vorstellte. Braungebrannt, honigblondes, lockiges Haar, blaue Augen. Und dann studierte er auch noch Sportwissenschaften und hatte reihenweise Frauenbekanntschaften. Das wandelnde Klischee. Nur Leo und Fanny schienen immun gegen seinen Charme zu sein – womöglich, weil sie ihn schon ziemlich gut kannten und Surfer-Boys einfach nicht ihr Typ waren.

»Wie du meinst. Die beiden hier zeigen dir, wo alles ist. Ich geh Fanny in der Küche helfen.« Damit verschwand Leo und ließ die drei ungleichen Männer im Flur zurück.

»Na, dann mal los.« Victor nutzte den Umstand, dass er noch immer den Arm um seinen neuen Mitbewohner geschlungen hatte, und zog Juri mit sich. »Und du verkrümelst dich gefälligst nicht sofort wieder!«, kommandierte er mit einem Blick zurück über die Schulter, als Fred einen halben Schritt in Richtung seines Zimmers machte.

»Ach, komm schon«, murrte Fred.

»Nix ›Komm schon‹! Du bist auch ein Teil dieser WG. Also los, schwing deinen süßen kleinen Hintern hier rüber und hilf uns!«

»Alter Sklaventreiber!«

»Stets zu Diensten!« Victor grinste ihn an. Dann dirigierte er die anderen beiden vor sich her ins Wohnzimmer. »An die Arbeit, Mädels!«


Eine gute halbe Stunde später tauchte Leos roter Haarschopf im Türrahmen auf.

»Na, wie läuft's? Braucht ihr noch Hilfe?«

»Nur was zu trinken. Victor kennt keine Gnade!« Fred warf ihr einen verzweifelten Blick zu. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen. Dafür war das Wohnzimmer so weit umgeräumt und dekoriert, dass sie alle problemlos Platz fanden, das Essen auftafeln und Juris Einzug gebührend feiern konnten.

»Zu trinken gibt's nachher was. Ich hab einen verdammt guten Rotwein bekommen. Juri, du trinkst doch Alkohol, oder?«

»Mh, aber nicht so viel.«

»Ach, verträgst du Alkohol nicht so gut?« Victor lehnte sich zu ihm hinüber, einen erwartungsfrohen Ausdruck im Gesicht.

»Pass auf, was du jetzt sagst, Kleiner«, mahnte Fred. »Victor füllt zu gern Leute ab.«

»Niemals!« Das breite Grinsen strafte Victors Protest Lügen.

»Ach, ein Glas ist schon in Ordnung«, gab Juri mit einem Schmunzeln zurück. »Victor wird mich schon nicht fressen.«

»Darauf würde ich nicht wetten. Nur ein bisschen naschen!« Victor lachte, als er Juris geschocktes Gesicht sah, und schlug ihm auf die Schulter. »Ein Scherz! Nur ein Scherz. Ich vergreif mich nicht an Jungs, die das nicht wollen.«

Endlich stimmte Juri in das Lachen mit ein. Immerhin hatte er von vornherein gewusst, worauf er sich mit dem Einzug in die WG Kleeblatt eingelassen hatte. Zumindest ungefähr. Schon beim ersten Kennenlerngespräch war Victor sehr offen gewesen und hatte kein Blatt vor den Mund genommen, aber nicht auf eine aufdringliche Art. Im ersten Moment hatte Juri seine distanzlose Art ein wenig Angst gemacht, aber ihm war schnell klar geworden, dass Victor ein guter Kerl sein musste. Zumindest hoffte er das. Und auch die anderen waren so herzlich und freundlich gewesen, dass Juri sich über ihre Zusage für das WG-Zimmer gefreut hatte.

»Hey, ich könnte mal die eine oder andere helfende Hand beim Reintragen gebrauchen!«, schallte Fannys Ruf durch die Wohnung.

»Das war euer Stichwort, Jungs. Ich hol schon mal den Wein und schenke uns ein.«


Wenig später saßen die fünf zusammen. Fanny hatte ihre legere Ich-muss-noch-was-in-der-Küche-vorbereiten-Kleidung gegen eine Röhrenjeans und eine gelbe Carmenbluse mit Spitze getauscht, die einen angenehmen Kontrast zu ihrer terrakottafarbenen Haut bildete. Ihr Haar hatte sie als High Puff hochgebunden und eine rote Schleife eingearbeitet.

»Das Outfit passt besser zu einer Einstandsparty«, hatte sie das kommentiert und sie dann ins Wohnzimmer gescheucht.

Leo hatte ihr gemütliches Karohemd gegen ein himmelblaues Top und eine beige Bluse eingetauscht, ihr karottenrotes Haar hatte sie locker zusammengebunden und eine vorwitzige Strähne mit einer Haarklemme fixiert. Wann auch immer sie das geschafft hatte, immerhin hatte sie auch den Wein eingeschenkt und noch eine Flasche Wasser aus der Kammer geholt.

»Gibt doch was zu feiern! Da kann man sich doch mal hübsch machen.«

Fanny stimmte ihr zu, aber der Zaunpfahl flog an allen drei Jungs gnadenlos vorbei. Sie saßen nach wie vor allesamt in Jeans und T-Shirt am Tisch – nur Victor trug noch immer seinen roségoldenen Schal, aber solch ein Accessoire, verrieten Juri die anderen, gehörte ohnehin zu jedem seiner Outfits. Juri hatte immerhin endlich seine Jacke an einen Haken im Flur gehängt.

Gemeinsam erhoben sie alle ihre Gläser.

»Auf Juri!«, deklamierte Leo.

»Auf Juri!«, stimmten die anderen mit ein und stießen an.

Wieder legte sich ein rosaroter Schimmer auf die Wangen des neuesten Mitbewohners.

»Vielen Dank«, nuschelte er und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Leo hatte nicht zu viel versprochen – der Wein war köstlich.

»Na, dann, langt ordentlich zu!«

Fanny deutete auf das Festmahl, das jeden Winkel des Esstisches bedeckte. Neben der Platte mit den scharfen Rindfleischspießen stand eine Terrine mit Erdnuss-Suppe – »Damit du dich schon mal daran gewöhnst, dass ich oft westafrikanisch koche«, hatte Fanny die beiden Gerichte kommentiert – und in der Mitte des Tisches stapelten sich Pelmeni mit verschiedenen Füllungen neben einer Schüssel mit Kräuteromelette, einer Platte mit Hühnerbouletten und mehreren Schüsselchen mit Salaten.

Während die anderen zulangten, war Juri viel zu sprachlos, um zu essen.

»Das alles hast du ganz allein gekocht, Fanny?«

»Ach, was, ich hatte ein bisschen Hilfe von Leo. Und Victor. Aber ja, den Großteil hab ich selbst gemacht. Kochen ist sozusagen mein Hobby.«

»Bloß gut, da haben wir alle was von!«, kommentierte Victor und lud sich eine ordentliche Portion Hackfleisch-Pelmeni und Schmand auf seinen Teller.

»Vielen Dank jedenfalls für das tolle Willkommensessen.«

»Ach, Juri, jetzt sei doch nicht so förmlich«, sagte Fanny und strahlte übers ganze Gesicht. »Ich koche eh ständig für die Bagage hier. Heute steht das Essen unter dem Motto ›Russland meets Nigeria‹ – quasi als Verbindung unserer beider Heimatländer. Aber ich koche fast alles, was interessant und lecker klingt. Also, wenn es was gibt, was du gern isst, sag mir gern Bescheid. Und auch, wenn du irgendwas nicht verträgst.«

»In Ordnung«, gab Juri zurück und begann nun endlich auch, sich an den vielen Schüsseln und Platten zu bedienen.

»Sollten wir jetzt nicht eigentlich unsere Türverschönerung überarbeiten?«

Vier Augenpaare richteten sich fragend auf Victor.

»Na ja, wo wir doch jetzt zu fünft sind? Unser Kleeblatt an der Tür hat nur vier Blätter.«

»Vickie könnte heute Abend ein neues malen«, schlug Leo zwischen zwei Bissen vor.

Victors Gesicht hellte sich auf. »Gute Idee! Aber was zieh ich an? Und welche Perücke? Die lilane? Aber die müsste ich erst glätten. Oder die Wuschelmähne? Leo, du müsstest auch noch mal schauen, ob noch grüne Farbe da ist.«

»Nimm's mir nicht übel, aber ich hab heut Abend schon eine Verabredung mit einer heißen Frau«, unterbrach Fred Victors Überlegungen, steckte sich den letzten Happs Fleisch in den Mund und griff nach seinem Weinglas.

»Ja, ja, du alter Schwerenöter, Vickie ist eh nicht deine Kragenweite!« Victor und Fred kabbelten sich noch eine Weile, dann erhob sich Fred.

»Ich muss mal langsam los. Sonst war's das mit Elisa und ich muss doch mit Vickie Vorlieb nehmen.«

»Aber dann verpasst du doch die Kartoschkas … Oh, apropos, die sollte ich mal aus dem Kühlschrank nehmen.« Fanny sprang auf und eilte in die Küche.

»Hebt mir doch einfach eins auf.«

»Das kann ich nicht versprechen.«

»Manchmal frag ich mich, wo du das alles hin isst, Leo.«

»Guter Stoffwechsel.«

»Fred, du wirst dich ganz schön ärgern.« Fanny kam wieder ins Wohnzimmer und ließ sich auf ihren Platz nieder. »Die sind super geworden. Ich glaube nicht, dass was übrig bleiben wird.«

»Na, dann hoffe ich einfach mal, dass ihr sie so sehr lieben werdet, dass es in Kürze noch mal welche gibt.« Er zwinkerte den anderen zu. »Na, dann, viel Spaß noch! Und auf eine gute Zeit, Juri!«

»Danke, bis später, Fred!«


Nachdem auch der Nachtisch verputzt war, hingen sie alle vollgefuttert auf ihren Stühlen.

»Meine Güte, bin ich satt.« Leo lehnte sich zurück.

»Das war wirklich köstlich, Fanny. Und die Kartoschkas hätte meine Mutter selbst nicht besser machen können.« Juri schob seinen Teller von sich, auf dem nur noch ein paar Krümel übrig waren.

»Die Suya waren mal wieder echt scharf!« Victor goss sich noch ein Glas Wein ein. Seine Wangen waren vom scharfen Essen und vom Alkohol gerötet.

»Müssen sie ja auch sein. Sonst schmecken sie nicht!«

»Du bist doch auch Vegetarier, oder, Juri? Hattest du nicht so was beim Kennenlerngespräch erwähnt?«, fragte Leo.

»Eher Flexitarier. Also, ich esse selten Fleisch. Und Fisch gar nicht, von Fisch wird mir nur schlecht.«

»Was ist mit Shrimps oder anderen Meeresfrüchten?«

»Brr. Nichts, was im Wasser lebt.«

»Alles klar, nichts, was mal schwimmen konnte, für Juri.« Fanny machte sich eine gedankliche Notiz.

»Ich mach mich mal eben fertig. Dann lernt Juri auch noch das letzte WG-Mitglied kennen.« Victor erhob sich und streckte sich.

»Das letzte WG-Mitglied?« Juri blickte ihn verwirrt an.

Victor grinste verschwörerisch. »Lass dich überraschen!«

Damit verschwand er. Auch Leo und Fanny standen nun auf.

»Lasst uns den Tisch abräumen und die Reste in den Kühlschrank verfrachten. Dann haben wir gleich Platz für die Show.«

»Die Show?«, fragte Juri und blickte zwischen den beiden jungen Frauen hin und her.

»Lass dich überraschen!«, gab Fanny nur zurück und ihr Grinsen war mindestens so verschwörerisch wie Victors.


»Bereit?«, flötete Victor durch den Flur.

»Bereit!«, riefen Leo und Fanny im Chor zurück.

Sie saßen zu dritt auf dem Sofa und hatten die Wartezeit mit einigen Gesprächen und einigen weiteren Gläsern Wein verbracht. Juri war alles andere als bereit. Die anderen beiden hatten ihm nichts verraten wollen, aber zumindest hatte er mittlerweile genug Alkohol im Blut, dass er das, was auch immer auf ihn zukommen mochte, mit einer gewissen Vorfreude erwartete.

Fanny betätigte die Fernbedienung für die Stereoanlage und innerhalb von Sekunden schallte Arianas Grandes »Focus« aus den Boxen.

Was auch immer Juri erwartet hatte – das war es nicht gewesen.

Wie aus dem Nichts tauchte Victor – nein, Vickie – im Türrahmen auf. Sie sah umwerfend aus. Sie trug eine Perücke mit langem, pastellviolettem Haar und perfektes Make-up: Die Augen dunkel betont, das Gesicht perfekt konturiert, passende pastellfarbene Lippen. Das schwarze Minikleid mit den silbernen Applikationen und dem gewagten Beinschlitz betonte ihre schlanke Figur, die samtenen Overknee-Stiefel machten ihre Beine unendlich lang.

Vickie bewegte ihre Lippen passend zu den Worten, die Ariana Grande sang, und legte gleichzeitig eine verdammt heiße Tanzshow hin. Das Wohnzimmer verwandelte sich in eine Bühne und Vickie wusste sie auszufüllen, auch ohne Discokugel, Scheinwerfer und Hintergrundtänzer.

Juri starrte sprachlos das Schauspiel an, das ihm geboten wurde, während Fanny und Leo applaudierten und Vickie anfeuerten.

Viel zu schnell war der Auftritt vorbei – Vickie ließ sich auf Juris Schoß fallen, griff nach seinem Weinglas und stürzte den Inhalt in einem Zug runter. Juri war viel zu perplex, um in irgendeiner Weise reagieren zu können.

»Das war klasse, Vickie!«

»Einer deiner besten Auftritte!«

»Ja, nicht wahr? Schaut ihn euch an, ich glaube, ich habe ihn total aus den Socken gehauen!«

Juri hörte die Stimme, die Victors war – wenn auch aufgekratzter –, er sah das Gesicht, das Victors schelmisches Grinsen trug und seine Augen, die ihn aufmerksam betrachteten. Es war derselbe Mensch, der sich da lachend auf seinen Oberschenkeln räkelte, und doch eine völlig andere Person.

»Na, hat's dir gefallen, Kleiner?«

»Total!«, brachte Juri heraus, unfähig, mehr als dieses Wort zu artikulieren.

»Ich glaub, du hast ihn wirklich aus den Socken gehauen«, kicherte Leo.

»Hast du so was schon mal gesehen?«, fragte Fanny, während Vickie sich wieder erhob und sich vor den anderen um die eigene Achse drehte, um sich in ihrer ganzen Pracht zu präsentieren.

Juri schüttelte den Kopf und beobachtete jede Bewegung.

»Wenn du so niedlich reagierst, hab ich Lust, gleich noch eins draufzusetzen.«

»Ich glaube, das reicht für heute, Vickie. Schau ihn dir an, er kriegt immer noch kein Wort raus.« Fanny kicherte auch, Leo schenkte Juri nach. »Mal lieber mal das neue Kleeblatt-Bild, bevor wir dafür zu lustig werden. Und du kannst ihn ja irgendwann mal mit zu einer deiner Drag Shows im Club nehmen.«

»Guter Plan, beides!«, flötete Vickie und wandte sich dem Esstisch zu, auf dem Leo Papier, Farben und Pinsel bereit gelegt hatte.

Sie scharrten sich um den Tisch und beobachteten, wie Vickie mit viel Schwung das neue fünfblättrige Kleeblatt aufs Papier brachte. Und weil sie gerade so gut im Fluss war, malte sie gleich vier davon.

»Lasst uns das Schönste auswählen und gleich an die Tür heften!«

Und so standen sie gemeinsam nachts um halb eins im Hausflur und klebten das Bild des fünfblättrigen Kleeblattes an ihre Wohnungstür. Zumindest Leo klebte das Papier an, während alle anderen schon ihre Gläser in die Luft reckten.

»Auf die WG Kleeblatt!«, rief Leo.

»Auf unsere Freundschaft!«, rief Fanny.

»Auf die Freiheit!«, rief Vickie.

»Auf eine gute Zeit!«, rief Juri.

»Und darauf, dass Fred sich morgen ärgert, dass er diesen Abend verpasst hat!«, fügte Vickie an und sie stießen an und umarmten sich und Juri vergaß für einen Moment, dass er eigentlich schüchtern war und diese Menschen erst seit wenigen Stunden kannte.

Nun war er ein vollwertiges Mitglied der WG Kleeblatt. Und zudem so angeheitert, dass er nach einem dicken Schmatzer von Vickie auf seine Wange direkt in das Lachen der anderen mit einstimmte.


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Diese Geschichte basiert auf der Five Words Challenge von Mondscheindiebin auf Belletristica.com. Ich plane, jeden Monat ein neues Kapitel, jeweils zu den aktuellen fünf Wörtern zu veröffentlichen.

Dieses Kapitel ist nach Vorgabe folgender fünf Wörter entstanden:
- Kleeblatt
- Briefe
-  Vier
- Angst
- Freundschaft
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