Fragmente

von Megaera
GeschichteDrama, Freundschaft / P12
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
10.07.2020
02.08.2020
4
8.384
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10.07.2020 2.203
 
Herzlich Willkommen zu meiner kleinen Fanfiktion :)

Zu Beginn möchte ich noch ein paar Dinge loswerden. Die einzelnen Kapitel dieser Story sind zum Teil zwischen den Kapiteln des Spiels angesiedelt, hin und wieder habe ich aber auch eine Szene mehr oder weniger übernommen und sie nach meinem eigenen Ermessen neu interpretiert. Man sollte also schon mit den meisten Spiel-Verläufen vertraut sein ;)
Das erste Kapitel ist übrigens nach "Staatsfeind" einzuordnen.
Falls jemand einen gravierenden Fehler finden sollte, darf er oder sie mich gerne informieren oder für immer schweigen ^^

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen :)
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8. November 2038

20:34 Uhr


„Ist wirklich alles okay bei dir?“

Mit einem sanften Ruck blieb das Auto in der Einfahrt stehen. Zögerlich richtete Hank seinen Blick auf den Beifahrersitz, auf dem ein apathischer, fast schon verstört wirkender Connor saß. Seit sie vom Stratford Tower aus losgefahren waren, hatte er kein Wort gesagt. Das war zwar nicht ungewöhnlich - sie verbrachten gemeinsame Autofahrten oft schweigend - doch Hank spürte, dass es dieses Mal anders war. Immerhin hatte Connor vor wenigen Stunden aus nächster Nähe dabei zusehen müssen, wie sich ein Android eine Kugel in den Kopf gejagt hatte.

Aber er hatte es nicht nur gesehen. Er hatte es gefühlt.

Die meisten Menschen hätten ein solches Erlebnis nicht ohne weiteres wegstecken können, doch Connor war kein Mensch. Konnte er derartige menschliche Schwächen überhaupt empfinden? Hank war sich nicht sicher, ob er die Antwort darauf überhaupt wissen wollte.
Einige Minuten vergingen, in denen Hank noch immer auf eine Antwort wartete. Doch Connor schwieg weiterhin, den Blick starr auf die Straße gerichtet.

„Hey, Erde an Connor! Ich rede mit dir“, rief Hank und wedelte einmal mit der Hand vor Connors Gesicht. Er hatte etwas barscher geklungen, als eigentlich beabsichtigt, doch er fing langsam an sich Sorgen zu machen.

Sorgen.

Hätte ihm jemand vor ein paar Wochen gesagt, dass er sich mal um eine Maschine sorgen würde, er hätte laut gelacht.
Gerade als Hank der Gedanke kam, dass Connor möglicherweise eine Art Kurzschluss gehabt hatte und nun hängen geblieben war, schien dieser plötzlich wieder zu sich zu kommen.

„Es ist alles bestens, Lieutenant“, sagte er unvermittelt. „Ich war nur ein wenig…“ Er runzelte die Stirn und sah aus, als wolle er etwas sagen, für das es kein passendes Wort in seinem Sprachgebrauch gab. Hank nickte.

„Versteh‘ schon“, nuschelte er und stellte den Motor des Wagens ab. Die plötzliche Stille wurde schnell unangenehm.
„Komm noch kurz mit rein. Ich würd‘ dir ja ein Bier anbieten, aber nun ja…“ Hank ließ den Satz so stehen und öffnete die Wagentür. Bevor er ausstieg, warf er noch einen kurzen Blick auf Connor und bemerkte dabei, wie dieser sich einen Moment verwirrt umsah, bis er bemerkte, dass sie vor Hanks Haus standen.

Nach dem Vorfall auf dem Dach des Towers, zögerte Hank nicht lange, um Connor von dort wegzubringen, bevor einer dieser Agents sich doch dazu entschied, misstrauisch zu werden. Die komplette Fahrt über hatte er überlegt, was er mit einem so aufgebrachten Androiden anstellen sollte. Irgendwann entschied er sich dann dazu, einfach nach Hause zu fahren und sich dort weiter den Kopf darüber zu zerbrechen.

Kopfschüttelnd stieg Hank schließlich aus dem Auto aus und bewegte sich schwerfällig in Richtung Haustür. Connor würde ihm schon irgendwann folgen, das tat er schließlich immer. Kaum war der Gedanke zu Ende gedacht, hörte Hank auch schon, wie in der Entfernung die Autotür ins Schloss fiel.

Im Haus wurde er auch schon schwungvoll von Sumo begrüßt. Die Bewegungen des Hundes wirkten zwar eher langsam und träge, doch man konnte ihm stets ansehen, wie sehr er sich freute, sein Herrchen wieder zu sehen. Es war eins der wenigen Dinge, für die Hank sich noch zu einem Lächeln hinreißen lassen konnte. Er strich Sumo ein paar Mal durch das weiche Fell, was prompt mit einem freudigen Bellen kommentiert wurde.

„Es ist auch schön dich wieder zu sehen, Kumpel.“ Er streichelte dem Hund noch einmal über den Kopf und wandte sich dann ab, um in Richtung Küche zu gehen. Mit einem kühlen Bier in der Hand, drehte er sich schließlich wieder zum Wohnbereich und staunte ein wenig über das, was er sah.

Connor war vor Sumo in die Knie gegangen und strich diesem unsicher über das Fell, fast als wüsste er selbst nicht, warum er das gerade tat. Hank beobachtete das ganze Schauspiel eine Weile und bemerkte wieder einmal, wie unglaublich menschlich der andere manchmal wirkte.

Doch dann entschied Sumo sich plötzlich dazu, dem Androiden einmal quer über das Gesicht zu lecken, was diesen dazu brachte, überrascht zurückzuweichen. Hank konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen.
„Er scheint sich zu mögen“, sagte er immer noch amüsiert und schlenderte auf die Couch zu. „Setz dich“, forderte er Connor auf, als er sah, wie dieser nach dem überraschenden Angriff seines Hundes nun unschlüssig im Raum stand und wohl nicht so ganz wusste, ob er das Angebot annehmen oder einfach wieder gehen sollte. Er entschied sich für ersteres.

Eine Weile herrschte Schweigen, in der Hank angestrengt darüber nachdachte, wie er den heutigen Vorfall am besten ansprechen konnte. Eigentlich, so dachte er, gab es für ihn selbst keinerlei Gründe das alles hier zu tun. Er musste sich nicht mit den Problemen eines Androiden herumschlagen, den er von Anfang an nicht bei sich haben wollte. Besonders jetzt wäre es ein leichtes, Connor an CyberLife zu geben, um das Problem, im Keim zu ersticken. Doch eine leise Stimme der Vernunft hielt ihn vehement davon ab, etwas derartiges zu tun.

„Na los. Rede mit mir“, sagte er bestimmt. Connor sah ihn irritiert an.

„Ich wüsste nicht worüber.“ Sein LED fing an, gelb zu blinken, er wirkte unruhig. Hank seufzte.

„Was da auf dem Dach passiert ist-“ Er stockte kurz „Ich glaube es hat irgendwas mit dir gemacht. Weißt du, manchmal hilft es, darüber zu reden.“  
Er beobachtete Connor eine Weile, wie dieser mit sich selbst zu kämpfen schien. Als dann immer noch keine Antwort kam, seufzte Hank erneut resigniert auf und griff nach seiner Bierflasche, die er vorher auf dem kleinen Tisch vor sich abgestellt hatte.
„Na gut, dann nicht. Ich werde dich nicht zwingen zu reden.“ Er leerte die Flasche und wollte gerade aufstehen, um sich eine neue zu holen, als Connor endlich eine Reaktion zeigte.

„Ich…“, fing er zögerlich an, der Blick war starr auf einen zufälligen Punkt im Raum gerichtet. Hank lehnte sich wieder zurück und wartete ab.
„Ich weiß auch nicht genau, was da passiert ist.“ Seine Körperhaltung veränderte sich, er sackte förmlich in sich zusammen, den Kopf auf die Hände gestützt.

„Du hast etwas gefühlt, nicht wahr?“, fragte Hank geradeheraus. Natürlich hatte er schon früher bemerkt, dass Connor sich nicht mehr so verhielt, wie er es sollte, wie es seine Programmierung wollte. Dass seine Entscheidungen immer mehr denen eines von Gefühlen gesteuerten Menschen glichen. Zum ersten Mal wurde es Hank während ihres Falles im Eden Club bewusst, als Connor sich entschied die beiden Tracies zu verschonen. Es war seine Mission gewesen, sie zu erschießen und CyberLife zu überbringen, doch er tat es nicht. Er hatte sich aktiv gegen seinen Auftrag entschieden, so wie es eigentlich nur Abweichler taten. Zwar war Hank davon überzeugt, dass Connor kein Abweichler war, noch nicht, doch bewegte er sich auf sehr dünnem Eis, welches bei jedem Schritt zu brechen drohte.

„Nein, ich-“ Hank beobachtete, wie das LED an Connors Schläfe zwischen gelb und rot wechselte, bevor dieser unvermittelt von der Couch aufsprang und unruhig durch die Gegend lief.

„Als ich mich mit diesem Androiden verbunden habe, konnte ich seine Angst spüren. Er wollte nicht sterben und als er sich erschoss, fühlte ich seine Schmerzen. Es war…überwältigend“, sprudelte es aus ihm heraus. Er tigerte immer noch vor der Couch auf und ab, schaute Hank dabei kein einziges Mal an. Sein LED leuchtete nun rot.

„Und das Schlimmste daran ist, dass ich nicht weiß, ob das alles tatsächlich nur seine Emotionen waren, die auf mich übertragen wurden oder ob ich-“ er musste den Satz nicht beenden. Hank wusste, worauf er hinauswollte.

Oder ob er es selbst gefühlt hatte.

Langsam stand Hank nun ebenfalls auf und stoppte Connor mitten in seinem Laufweg, indem er ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter legte.
„Hör auf damit, du machst mich ja ganz nervös.“  Connor blieb ohne Widerworte stehen und blickte Hank nun direkt an.

„Was du erlebt hast, war traumatisch. Es ist vollkommen normal danach etwas neben der Spur zu stehen.“
„Ja, es ist eine normale Reaktion für einen Menschen. Aber ich bin kein Mensch.“ Seine Stimme wurde lauter, es schien ihm immer schwerer zu fallen, die Fassung zu bewahren. „Ich bin der fortschrittlichste Prototyp von CyberLife. Mein Programm erlaubt keine derartigen Fehlfunktionen.“  Er versuchte eine gewisse Gleichgültigkeit zu bewahren, doch Hank konnte das Gefühlschaos in seinen Augen sehen.

„Eine Fehlfunktion also…“ überlegte Hank laut, seine Hand ruhte immer noch auf der Schulter des anderen. „Warum gibst du nicht einfach zu, dass auch ein so fortschrittlicher Android wie du nicht vollkommen unempfindlich gegen Gefühle ist?“ Connor wich augenblicklich einen Schritt zurück. Hanks Hand fiel kraftlos hinunter.

„Nur Abweichler können fühlen. Zumindest glauben sie, es zu können. Wenn man denkt, dass ich auch ein Abweichler bin…“

„Werden sie dich deaktivieren.“ Bei diesen Worten wurde Connor wieder unruhig. Man merkte es ihm nicht sofort an seinem äußeren Erscheinungsbild an, doch Hank sah, wie er nervös mit den Fingern gegen sein Bein trommelte. Ein typisch menschlicher Tick.

„Du hast Angst, zu sterben“, stellte Hank trocken fest. Natürlich fürchtete er den Tod. Und einen anderen Androiden so sterben zu sehen, seinen Tod selbst mitzuerleben, war zu viel gewesen.

Hank überlegte krampfhaft, was er tun konnte, um Connor zu beruhigen. Sein LED leuchtete unaufhörlich in einem gefährlichen rot, der Blick war unfokussiert. Er schien die Kontrolle zu verlieren.

Aus einem Impuls heraus, trat Hank einen Schritt nach vorne, dann noch einen, bis er direkt vor Connor stand und diesen in eine feste Umarmung zog. Später wusste er nicht mehr so ganz was ihn geritten hatte, das zu tun, aber es zeigte die erhoffte Wirkung.

Das Erste was Hank bemerkte, war, dass das Fingertrommeln aufhörte, dann veränderte sich die Körperhaltung des anderen, fast als würde er sich langsam entspannen. Hank hielt die recht einseitige Umarmung noch eine Weile aufrecht, bis es dann doch anfing unangenehm zu werden. Doch gerade als er sich wieder entfernen wollte, fing Connor an die Umarmung zögerlich zu erwidern. Es war eine seltsame Situation, aber manchmal erforderten besondere Umstände auch besondere Maßnahmen.
Nach einigen Momenten löste Hank sich vorsichtig aus Connor Griff und betrachtete ihn schließlich eingehend. Sein LED leuchtete nun in einem beruhigenden Blauton. Ein gutes Zeichen.

„Geht’s jetzt besser?“, fragte Hank fürsorglich und sah den anderen leicht nicken. „Ja“, sagte er trotzdem noch einmal, anscheinend noch ein wenig überfordert, von allem was bis jetzt passiert war.
„Gut“, meinte Hank nur noch knapp. Sein Blick wanderte zum Fenster und erst jetzt bemerkte er, dass es inzwischen stockdunkel geworden war. Mit dieser Erkenntnis kam auch die Müdigkeit. Alles in allem war es auch für Hank ein anstrengender und vor allem ein langer Tag gewesen.

„Es ist ganz schön spät geworden. Ich werde schlafen gehen“, bemerkte Hank und streckte sich einmal ausgiebig.
„Du kannst über Nacht bleiben, wenn du willst“, fügte er noch hinzu, als er sah wie verloren Connor noch immer dastand. Hank deutete auf die Couch, bis ihm einfiel, dass er gar nicht so recht wusste, ob Androiden überhaupt so etwas wie Schlaf brauchten. Darüber hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.
„Mach…einfach was du willst. Aber weck mich dabei nicht.“ Er sah Connor erneut nicken, bevor er selbst in seinem Schlafzimmer verschwand und sich erschöpft ins Bett fallen ließ.


Als Hank später in der Nacht noch einmal aufstand, um sich ein Glas Wasser aus der Küche zu holen, bemerkte er überrascht, dass Connor tatsächlich auf der Couch lag und zu schlafen schien. Wahrscheinlich war es kein richtiger Schlaf, eher eine Art Stand-By Modus. Zumindest war das Hank erste Vermutung gewesen. Vielleicht würde er Connor irgendwann nochmal fragen, was für ein Mechanismus dahintersteckte.
Nachdem er das Glas geleert hatte, stellte Hank es zur Seite und ging leise auf den ‚schlafenden‘ Androiden zu. Auch wenn er wusste wie unsinnig seine nächste Handlung sein würde, nahm er sich eine Decke, von der Lehne der Couch und legte sie vorsichtig über Connor, bevor er selbst wieder schlafen ging.


Am nächsten Morgen, auch wenn ein Blick auf die Uhr Hank verriet, dass es schon bald Mittag sein würde, fand er das Haus verlassen vor. Bis auf Sumo, der ungeduldig auf sein Essen wartete.
Nachdenklich ließ Hank seinen Blick über die leere Couch schweifen. Die Decke war fein säuberlich zusammengelegt und an einem Ende des Möbels deponiert worden. Dann entdeckte er einen Zettel, der unscheinbar auf dem kleinen Tisch im Raum lag. Hank war sich sicher, dass er ihn da nicht hingelegt hatte. Langsam näherte er sich dem Zettel und las die Botschaft, die in einer ordentlichen Handschrift notiert wurde.

Ich wollte Sie nicht wecken, also bin ich schon einmal gegangen. Wir sehen uns dann auf dem Revier.

Auf der Rückseite, fast als sollte es nicht entdeckt werden, stand eine weitere Zeile.

Sie hatten Recht. Manchmal hilft es, darüber zu reden.
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