Meeressturm

von Coronet
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Annie Cresta Coriolanus Snow Finnick Odair Haymitch Abernathy Johanna Mason Mags
10.07.2020
16.09.2020
5
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16.09.2020 6.424
 
Meeressturm – 5. Kapitel: Keine von uns


***


Distrikt zwölf muss einer der traurigsten Orte auf Erden sein. Das ist der erste Gedanke der Finnick in den Kopf kommt, als das Team aus Distrikt vier den Zug für den ersten Stop auf der Siegestour verlässt. Ärmliche kleine Häuser drängen sich um den Festplatz, grau vom Kohlenstaub – genauso grau wie der Himmel an diesem eisigen Wintertag. Die Luft riecht und schmeckt seltsam verbrannt. Natürlich ist es erst drei Jahre her, dass er zuletzt hier war, doch ganz offensichtlich ist es dem Distrikt in der Zwischenzeit nicht besser ergangen. Eilig werden sie von dem Bürgermeister in das Rathaus gescheucht, während draußen auf dem Platz die letzten Vorbereitungen stattfinden. In der großen Eingangshalle ist es bitterkalt, obwohl ein Kohleofen in der Ecke hell erleuchtet ist. Frierend ziehen sie ihre dicken Wolljacken enger um sich. Ein blondes Mädchen, offensichtlich die Tochter des Bürgermeisters, begrüßt sie mit einem kleinen Silbertablett auf dem kleine Törtchen angerichtet sind. In diesem Distrikt müssen sie ein Vermögen wert sein, denkt Finnick. Dem Rest seines Teams scheint der Appetit vergangen zu sein. Selbst Riven, die sich sonst so selbstbewusst gibt, ist nun sichtlich bleich um die Nase. Was wenig verwunderlich ist, war es doch ein von ihr geworfener Speer der das Leben von dem Mädchen aus Distrikt zwölf beendet hat, gleich beim Blutbad in den ersten chaotischen Minuten. Doch Finnick will die Gastfreundschaft nicht enttäuschen und so greift er sich ein Himbeertörtchen. Es ist angenehm fluffig und süß, doch es hinterlässt einen sauren Nachgeschmack, als er daran denken muss, dass sie sich gleich im ersten Distrikt den anklagenden Augen derer aussetzen müssen deren Tochter durch die Hände ihres Schützlings gestorben ist. Er würde gerne behaupten, dass er irgendwie auf diese Begegnung vorbereitet ist, doch das wäre eine Lüge. Bisher hat es in seiner Karriere als Mentor vor Riven nur Annie gegeben die siegreich gewesen ist und bei ihrer Siegestour war alles anders. Sie hat nur einen Tribut getötet und selbst das nur in absoluter Notwehr. Vielleicht zwei, wenn man eine Verkettung unglücklicher Umstände in Shines Fall dazu zählt. Doch da sie ohnehin von Schuldgefühlen geplagt in jedem Distrikt einen Nervenzusammenbruch erlitt, bis man sie so stark unter Medikamente setzte, dass sie kaum noch Herrin ihrer Sinne war, war es für die Menschen in den Distrikten schwer sie zu hassen. Riven hingegen… hat ihrem Ruf als Karriero alle Ehre gemacht. Und dann sind da noch die Mentoren derer die gestorben sind. Im Falle von Distrikt zwölf immerhin nur einer und Haymitch Abernathy ist obendrein ein alter Säufer, das hat er erst beim Finale der Hungerspiele unter Beweis gestellt als er besoffen umfiel. Trotz all seiner Sorgen zwingt Finnick sich der Bürgermeistertochter ein ehrliches Lächeln zu schenken. Sie kann schließlich nichts dafür. Doch auch sie scheint nicht in guter Stimmung zu sein und verschwindet hastig wieder.
Lange müssen
die Mentoren jedoch nicht in der kalten Halle ausharren, ehe sie von Friedenswächtern hinaus auf die Bühne vor dem Rathaus geführt werden, zunächst die Stylisten, dann Cece und schließlich die Mentoren selbst. Ganz alleine folgt Riven, den Kopf mit der Krone obenauf hat sie hoch erhoben, doch ihre leicht zitternden Lippen verraten sie. Immer zu zweit betreten die Mentoren die Bühne, sodass Finnick es schafft neben Annie herzugehen. Sie hat sich tief in ihre dunkelblaue Jacke vergraben, den Kragen bis zum Kinn hochgezogen.
„Alles in Ordnung?“, flüstert er ihr leise zu.
Sie blickt ihn kaum an, sondern zuckt nur unmerklich mit den Schultern. Ihr Blick ist leicht verschleiert in die Ferne gerichtet und er ahnt, dass sie wieder zu Morfix gegriffen hat um die Gefühle zu betäuben.
Vielleicht hat auch Cece ihre Finger im Spiel, ganz nach dem Motto lieber eine betäubte Annie als eine schreiende. Wie gerne würde er ihr noch etwas sagen, doch jetzt treten sie bereits hinaus auf die einfache Bühne und vor das Volk von Distrikt zwölf. Nur kurz wagt er es ihre Hand zu berühren, sodass es nur aussieht als hätte er sie nur aus Versehen berührt. Nicht, dass die breite Masse aus Distrikt zwölf dem viel Beachtung schenken dürfte. Ausgemergelt sind die Gesichter die zu ihnen empor blicken. Die Sorgen des Überlebens haben sie gezeichnet. Während das Grüppchen aus Distrikt vier in feinen, wärmenden Kleidern vor die Menschen tritt, die teils nicht mehr als zerlumpte Stofffetzen am Leib tragen, kriecht das altbekannte Gefühl von Selbsthass wieder in Finnick herauf. Wie sehr müssen die Menschen sie hassen. Trotzdem ertappt er sich dabei, dass das Kameralächeln sich auf sein Gesicht schleicht. Immer wieder dasselbe Spiel.
Die folgende Show ist unangenehm, doch die Teilnahmslosigkeit eines Großteils der Zuschauer erspart ihnen wenigstens das Schlimmste.
Finnick erinnert sich dunkel, dass es auch bei seiner Siegertour nicht anders war. Schmutzige, gleichgültige Gesichter, die einfach nur wollen, dass dieser Tag endet. Annie an seiner Seite hat denselben Ausdruck im Gesicht. Ihm fällt auch auf, dass Haymitch Abernathy mal wieder mit Abwesenheit glänzt. Vermutlich noch betrunken. Niemand verliert ein Wort darüber und so fangen sie einfach ohne ihn an.
Die Höhepunkte aus Rivens Spielen werden in einem dramatischen Zusammenschnitt noch einmal gezeigt. An den vorgegebenen Stellen klatscht das Publikum nur müde. Doch Riven trägt jetzt ein glückliches Lächeln zur Schau als sie sich selber auf der Leinwand noch einmal siegen sieht. Es scheint als wenn das pompöse Drumherum ihre Nervosität weggewischt hat. Sie scheint nicht einmal zu bemerken, dass ihr Applaus gezwungen ist,
und verbeugt sich noch immer strahlend für die Menge. Aus der Ecke der Familien der verstorbenen Tribute dringt nur hin und wieder ein unterdrücktes Schluchzen als Riven im Anschluss ihre vorbereitete Dankesrede verließt. Doch die Familien halten ihren Blick gesenkt anstatt Riven anklagend anzusehen. Da es keine Begegnungen zwischen Riven und den Tributen aus zwölf gab – wenn man einmal von dem Speer, der das Leben des Mädchens nahm, absieht – werden auch kaum Aufnahmen der beiden Tribute dazu aus den Spielen gezeigt. Darüber sind nicht nur die Menschen aus zwölf sichtlich erleichtert. Es werden noch ein paar Geschenke, allesamt eher einfach gehalten, ausgetauscht und Riven wird noch einmal höflich, aber nüchtern, applaudiert. Ehe sie sich versehen werden sie zurück ins Rathaus geleitet wo alsbald der Empfang mit den Würdenträgern des Distrikts ansteht. Erst als sie die Bühne verlassen registriert Finnick, dass Riven keine persönlichen Worte an die Familien gerichtet hat. Keine Worte für den Tod eines dreizehnjährigen Mädchens durch ihre Hand, nur die nichtssagende Rede die Cece für sie vorbereitet hat.
Zeit um durchzuatmen bleibt ihnen nicht. Bevor das Bankett am frühen Abend stattfindet werden sie von dem Bürgermeister und seiner Familie durch den Distrikt geführt. Also schauen sie sich nur wenig interessiert das kleine Stadtzentrum mit seinen wenigen vorzeigbaren Geschäften an. Riven erscheint stark gelangweilt von der verschneiten Tristesse. Ihr Hochgefühl vom Applaus scheint bereits wieder verflogen. Die meiste Zeit unterhält sie sich mit Cece und ihrem Vorbereitungsteam, deren Mienen nach Distrikt zwölf nicht einmal einen Blick wert ist. Viel mehr als die arme Stadt gibt es ohnehin nicht zu sehen. In den wirklich ärmlichen Teil führt man sie natürlich nicht, ebenso wie ihnen ein Abstecher in die Mienen glücklicherweise erspart bleibt. So tief unter der Erde festzusitzen würde Finnick nicht gefallen. Er kann nicht umhin die Menschen in Distrikt zwölf zu bemitleiden. Die Waisenkinder die hier um die Mülltonnen schleichen sind noch viel magerer als in Distrikt vier. Selber die längste Zeit als Waisenkind aufgewachsen kennt er ihre Pein, doch für sie muss er wie ein Mensch aus einer anderen Welt wirken. Und gewissermaßen ist er das jetzt auch. Für sie müssen die Hungerspiele noch grausamer wirken, wo sie doch kaum die Kraft haben sich ihnen entgegen zu setzen. Wenn das überhaupt noch möglich ist, so wirkt die Macht des Kapitols hier noch bedrohlicher als in den besser gestellten Distrikten. Ihre größte Stärke ist ihr Durchhaltevermögen angesichts der Widrigkeiten die sie ertragen müssen. Distrikt zwölf ist nicht aus Siegern gemacht, sondern aus Überlebenden.
Bei ihrer Rückkehr in das Rathaus werden sie in den festlich geschmückten Festsaal geführt wo bereits alle wichtigen Persönlichkeiten des Distrikts versammelt sind.
Es sind also kaum mehr als zwanzig Personen anwesend. Unter den Gästen erkennt Finnick auch ein paar Ladenbesitzer wieder. Ohne diese wären wenig Plätze an der reichlich gefüllten Festtafel besetzt. Und noch ein Ehrengast lässt sich blicken, denn Haymitch Abernathy steht in der Ecke, ein Sektglas in der Faust. Offensichtlich hat die Betreuerin von Distrikt zwölf, die jetzt mit saurem Blick neben ihm steht, es geschafft ihn in einem halbwegs präsentablem Zustand her zu schaffen. Zumindest sind seine Haare gekämmt und einem feinen Schnitt auf seiner Wange nach zu urteilen ist die Rasur noch frisch. Die Frage ob er betrunken ist erledigt sich als er, leicht lallend, ausruft:
„Ah sie einer an, da ist ja unsere
strahlende Siegerin und ihr berühmtes kleines Team!“
Trotz seines Alkoholpegel trifft er den typischen Kapitolakzent erschreckend gut. Er schwenkt sein Sektglas als wolle er ihnen zu prosten, verschüttet dabei jedoch nur etwas über seine pink-haarige Begleiterin. Mit zusammen gekniffenen Lippen entwendet diese ihm das Sektglas und schimpft mit unterdrückter Stimme auf ihn ein. Es sieht allerdings nicht so aus als würde er ihr wirklich zuhören. Amber zieht eine Augenbraue hoch.
„Wie ich sehe sind du und Trinket immer noch ein gutes Team,
Abernathy! Wann können wir mit eurer Vermählung rechnen?“, witzelt sie.
Mit hochrotem Kopf tupft Effie Trinket die Sektflecken auf ihrem bunten Kostüm trocken.
Haymitch grinst frech zurück.
„Und du bist frech wie eh und je“, bringt er halbwegs gerade heraus.
Alle anderen im Raum scheinen sich mit jeder Minute mehr unwohl zu fühlen. Keiner scheint an Haymitchs Kapriolen gewöhnt zu sein,
außer Effie Trinket, die ihre gesamte bisherige Karriere mit Distrikt zwölf verbracht hat. Aber selbst seinen eigenen Leuten scheint er peinlich zu sein. Riven wirkt ebenso bestürzt über den alkoholisierten Mentor wie einige der geladenen Gäste. In einem Versuch die Situation zu retten wendet Finnick sich an den Bürgermeister und schenkt ihm ein gewinnendes Lächeln.
„Nun, Mr. Undersee, wir danken Ihnen recht herzlich für den freundlichen Empfang heute. Es war uns eine Ehre in Distrikt zwölf zu Gast sein zu dürfen“, bei diesen Worten wirft er Riven einen bedeutungsvollen Blick zu und diese wendet endlich den Blick von Haymitch ab um artig zu nicken, „und ich denke ich spreche für alle von uns wenn ich sage, dass wir mehr als gespannt sind auf die köstlichen Leckereien die ihr Distrikt für uns zu bieten hat.“

„Ah ja, natürlich, es ist uns eine Ehre sie hier haben zu dürfen“, stammelt der Bürgermeister fahrig. Haymitchs Gebaren scheint ihn irritiert zu haben. „Nun, lassen Sie mich Ihnen unsere Gäste vorstellen“, fährt er fort.
Riven schüttelt artig Hände und nimmt von allen Seiten noch einmal persönliche Glückwünsche entgegen. Effie Trinket muss Haymitch zwar fast schon zwingen, aber auch er gratuliert Riven schließlich distanziert zu ihrem Sieg. Es ist deutlich zu spüren, dass er ihr nicht wirklich gratulieren mag. Doch Trinket überspielt die Situation gekonnt in dem sie Riven im Namen von Distrikt zwölf mit einer wahren Kaskade an nichtssagenden Lobpreisungen überschüttet. Als sie sich endlich zum Essen niederlassen ist es auch wieder sie die mit gezwungener Stimme versucht eine Konversation mit den wenigen Kaufleuten aus dem Distrikt anzustoßen. Diesen scheint es allerdings die Sprache verschlagen zu haben. Was aber auch daran liegen mag, dass sie sich lieber nicht weiter über die Hungerspiele unterhalten wollen. Nur Riven springt freudig darauf an und schwärmt gemeinsam mit Effie Trinket und ihrem Vorbereitungsteam über die Outfits bei der Parade oder den Interviews. Immerhin schmeckt das Essen vorzüglich. Ihnen werden cremige Eintöpfe aufgetischt mit zartem Wildfleisch, frisches Gemüse mit zerlassener Butter und knusprige Brotscheiben. Dazu wird unter anderem auch ein gewürzter roter Wein serviert, den Haymitch Becherweise kippt. Immerhin hält das ihn davon ab weitere unpassende Kommentare abzugeben. Effie Trinket schürzt zwar hin und wieder die Lippen wenn er sich nachschenken lässt, hält ihn jedoch auch nicht ab.
Es werden gerade Bohnen im Speckmantel aufgetischt als Riven beiläufig sagt:
„Oh das ist so wundervoll, das könnte ich ab jetzt jedes Jahr wieder machen. Ich wünschte ich könnte nächstes Jahr
noch eine Siegestour haben!
Die Leute aus dem Kapitol lachen alle, doch Haymitch der gerade seinen Becher zum Mund führen
will hält in der Bewegung inne.
„Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, Süße, manche von ihnen könnten wahr werden
und dann sitzt du hier eines Tages wieder, als Mentorin.“ Trotz der Menge an Alkohol die er konsumiert hat nuschelt er nur leicht.
Schnaubend lacht Riven kurz auf.
„Wünscht sich nicht jeder
diese Ehre? Außer Annie vielleicht…Sie wirft einen spitzen Blick in Richtung Annie, die teilnahmslos das Essen auf ihrem Teller hin und her schiebt.
Finnick ist sich nicht sicher ob sie überhaupt der Unterhaltung folgt.
Haymitch lässt den Becher sinken. Er blickt sie alle der Reihe nach an, als würde er sie erst jetzt zum ersten Mal richtig wahrnehmen.
„Da fällt mir ein, wo habt ihr eigentlich Mags gelassen?“
Er starrt Finnick aus blutunterlaufenen Augen an.
„Unsere liebe Mags hatte leider einen Schlaganfall“, schaltet Floogs sich ein, „es geht ihr soweit gut, aber sie hat noch einen langen Weg vor sich bis sie wieder auf die Beine kommt.
Deswegen muss bis dahin unsere freie Stelle, ah, anderweitig besetzt werden.“
„Hm“, brummt Haymitch und blickt kurz zu Annie die mit leerem Blick auf ihren Teller starrt, anscheinend entschlossen nichts zu sagen. „Ich hoffe für sie, dass sie es schafft.“ Dann wendet er sich wieder Riven zu. „Vielleicht ist Annie schlauer als du. Erwarte bloß nicht zu viele Siegestouren“, sagt er. In einem Zug stürzt er seinen Becher Wein hinunter. „Du kannst ja mal überlegen wie viele Siegestouren deine Mentoren so erlebt haben.“ Er winkt eine Dienerin heran um seinen Becher füllen zu lassen.
Riven richtet sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf.
Amber lässt ein kleines Seufzen hören.
„Nun, immerhin bin ich aus Distrikt vier, wo wir unsere Tribute nicht gleich nach der Ernte aufgeben“, schießt
Riven zurück.
Schweigen senkt sich über die Tafel. War es vorher schon still scheint die Stille nun zu dröhnen.
Selbst Effie Trinket ist erstarrt und hält ausnahmsweise einmal den Mund. Haymitch lehnt sich in seinem Stuhl zurück, doch in seinem Gesicht zeichnen sich die Gefühle die gerade in ihm kämpfen müssen ab. Er schwankt zwischen Wut und Trauer, doch dann entscheidet er sich für Spott.
„Na dann steht deiner großartigen Karriere ja nichts mehr im Weg. Ich werde sie aus der Ferne verfolgen, wenn deine Schützlinge meine Tribute ermorden. Damit hast du ja schon Erfahrung.“

Er leert einen weiteren Becher und knallt diesen dann zurück auf den Tisch. Die Bitterkeit in seiner Stimme ist überdeutlich. Vermutlich lässt sich der Tod so vieler hilfloser Kinder leichter ertragen wenn man dementsprechend viel trinkt. Betreten blicken alle anderen auf ihre Teller, vor allem die Gäste aus Distrikt zwölf. Amber starrt Riven mit zusammengezogenen Augenbrauen an, ehe sie einen langen Blick mit Finnick wechselt. Er sucht noch nach Worten um die Situation zu entspannen, als Riven Haymitch entgegen wirft:
„Es sind die Hungerspiele. Ich habe getan was ich tun musste“,
sie schaut sich herausfordernd am Tisch um als ob ihr jemand widersprechen wolle, „und ich würde es wieder tun!“ Sie knüllt ihre Serviette in der Faust und lässt sie auf den Teller fallen.
Effie Trinket hat eine Hand beschwichtigend auf Haymitchs Arm gelegt, aber er schüttelt ohnehin nur ermattet den Kopf,
nicht bereit mehr zu sagen.
Nach diesem Gespräch bleibt die Stimmung am Tisch unterkühlt. Den Nachtisch verzehren sie schweigend und dann ist es auch schon wieder Zeit zum Zug zurück zu kehren. Der Bürgermeister sieht aus als könne er es gar nicht erwarten sie endlich loszuwerden, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Auch Finnick kann es gar nicht erwarten endlich viele Meilen zwischen sich und Distrikt zwölf zu bringen. Er bereut nicht einmal mehr, dass er keine Gelegenheit mehr hatte Haymitch zu sprechen. Es ist klar, dass sich längst genug Wut für eine Rebellion in ihm angestaut hat, doch der Alkohol macht ihn unberechenbar. Was wenn ihm vor lauter Wut etwas über die Rebellion raus rutschen würde? Nein, er beschließt schweren Herzens, dass sie Haymitch Abernathy nicht genug vertrauen können.

Ohne ein Geräusch gleitet der Zug wenige Tage später in die herannahende Nacht. Irgendwo am Ende der Strecke liegt Distrikt zwei, welchen sie planmäßig am nächsten Morgen erreichen sollen. Noch fahren sie durch die Ödnis irgendwo im Niemandsland zwischen den Distrikten. Ruinen längst vergangener Städte ragen dunkel am Horizont auf. Es kommt Finnick so vor als seien die letzten Tage wie im Flug vergangen. Nur noch zwei Distrikte und schon wird die Siegestour ihren Abschluss in einem rauschenden Fest im Kapitol finden. Jeder Tag der Tour ist so vollgepackt gewesen mit Programm, dass er kaum Zeit hatte sich um die Abschlussfeier im Präsidentenpalast Sorgen zu machen. Nur die ruhigen Abendstunden im Zug, so wie jetzt, lassen Raum für Gedanken und damit Sorgen.
Seit Distrikt zwölf ist die Tour nach Plan gelaufen. Riven hielt ihre vorbereitete Standardrede und fügte nur dort etwas ein wo sie mit dem Tribut verbündet gewesen ist. Als klassischer Karriero sind Distrikt eins und zwei ihre Verbündeten gewesen, die einzige Ausnahme bildete eine talentierte Schützin aus Distrikt acht. Für diese fügte sie einige sorgsam ausgesuchte Worte an, mit denen sie ihren Mut lobte und sich für ihren Einsatz in der Arena bedankte, aber den ausdruckslosen Gesichtern ihrer Eltern nach ist das nur ein schwacher Trost. Anschließend noch das Festessen – dann sind sie auch schon wieder weg. Er kann nicht anders als die kurze Zeit in manch einem Distrikt zu bedauern. Bei den Feiern blieb jedes Mal kaum genug Zeit um mit den anderen Siegern ausführlich zu reden. Insbesondere Johanna war bei dem Fest in Distrikt sieben eher verschlossen gewesen. Aus Erfahrung weiß Finnick, dass sie die Siegestour verabscheut. Dann zwingen ihre Stylisten sie wieder in verhasste Kleider und bestimmen sie dazu gute Manieren an den Tag zu legen. Zumindest versuchen sie es. Johanna ließ sich noch nie gerne Vorschriften machen. Da das Kapitol jede einzelne Minute der Festlichkeiten zugegen war, war es ausgeschlossen über die geheimen Pläne der Untergrundbewegung zu sprechen. Mehr als ein oberflächliches Gespräch, als Riven eine Führung durch die Wälder des Distrikts bekam, war nicht möglich gewesen. Zumindest konnte Finnick dem entnehmen, dass es Distrikt sieben auch nicht schlechter erging als in der Vergangenheit. Ebenso war es in Distrikt drei ergangen. Zumindest hat er die anderen über Mags Gesundheitszustand in Kenntnis setzen können.
In Distrikt elf hingegen war die Stimmung spürbar angespannt gewesen. Ausgemergelte Gesichter mit hohlen Augen hatten von überall her auf Riven gestarrt die ihre Rede hielt, ihr Ärger über diese Scharade sichtlich unter der Oberfläche brodelnd. Selbst Annie, die nichts von den Geschehnissen in Distrikt elf wusste schien die angespannte Atmosphäre bemerkt zu haben. Da Riven keinen der Tribute näher gekannt hatte war es zumindest keine besonders emotionale Feier gewesen. Den Mienen Einiger in Distrikt elf nach ist das aber nur ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein. Finnick kann es ihnen nicht verübeln.
Gedankenversunken schweift sein Blick über den letzten Streifen Abendrot am Himmel. Morgen also Distrikt zwei. Damit auch der erste Distrikt in dem ihre Ankunft wirklich gefeiert werden wird. Selbst wenn ihre Tribute tot sind werden sie die Siegerin gebührend feiern wollen, zumal sie Teil der Karrieros war. Nach der bedrückenden Atmosphäre in den anderen Distrikten werden die letzten zwei Distrikte immerhin eine Erleichterung bedeuten. Himmel weiß, er hat etwas Entspannung nötig.
Nicht nur, dass die Unruhe im Land ihn beschäftigt, auch die Sorge um Annie hält ihn fest im Griff. Er hat sie, naiv wie er war, wirklich sicher geglaubt vor dem Einfluss des Kapitols. Doch eine Nachricht von Präsident Snow reicht aus und schon wird Annie zurück in das Rampenlicht gezerrt. Mentorin. Irgendwie, und er weiß noch nicht wie, muss er verhindern, dass dies wahr wird. In seinen Fingern dreht er das Stück schweren Briefpapiers, das mit Annies Blumenlieferung direkt von Snow gekommen war. Obwohl der Brief schon Wochen alt ist riecht er immer noch schwach nach Rosen. Seit Annie von der Anprobe fortgelaufen ist trägt er den Brief bei sich, immer noch unschlüssig was er tun soll. Er hat ihn so oft gelesen, dass er den Inhalt auswendig kennt.

Sehr geehrte Miss Cresta,


ich hoffe Sie befinden sich wohlauf. Ihre Fürsorge für Ihre Mentorin, Miss Flanagan, rührt mich sehr. Es ist unschwer zu sehen, dass Sie in Distrikt vier eine zweite Familie bei Ihren Mentoren gefunden haben, die Ihnen viel bedeutet. Sicherlich werden Sie also verstehen, dass wir Miss Flanagan in ihrem Gesundheitszustand keinesfalls länger die Bürde ihrer Aufgaben als Mentorin auferlegen werden. Damit die Spiele weiterhin ein Erfolg sind werden Sie also auch verstehen, dass jemand anderes ihre Position einnehmen wird.
Es freut mich daher Ihnen zu Ihrem neuen Rang als Mentorin gratulieren zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass wir Großes von Ihnen erwarten dürfen. Mit Spannung sehe ich den Siegern entgegen die Sie ausbilden werden.
Alle Augen des Kapitols werden auf Sie gerichtet sein. Aber ich bin sicher, dass Sie uns eine aufregende Show bieten können. Zu allem weiteren werden Sie bei Gelegenheit durch Ihre Betreuerin informiert werden.
Ich freue mich bereits darauf Sie bei meinem Empfang zur Siegestour begrüßen zu dürfen.


Präsident Coriolanus Snow


Es ist eine Warnung. Nicht nur an Annie, an sie alle. Snow muss geahnt haben, dass nicht nur Annie den Brief lesen würde. Mit dem Brief schlägt er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum Einen droht er Annie, dass Sie bei den Spielen mitmachen muss zum Schutz der Mentoren. Zum Anderen lässt er sie alle wissen, dass er längst ein Auge auf sie geworfen hat. Natürlich hat Finnick dies immer befürchtet, doch es jetzt so offen zu lesen ist dennoch ein Schock.
Alle Augen des Kapitols werden auf Sie gerichtet sein. Irgendwie muss er den anderen Bescheid geben. Nicht nur Amber, Trexler und Floogs müssen Bescheid wissen. Am liebsten hätte er gleich Johanna diesen Brief gezeigt, doch sie hätte sich vermutlich zu einer gefährlichen Kurzschlussreaktion hinreißen lassen. Dieses Risiko kann er nicht eingehen. Und auch Beetee kann er nicht gefahrlos informieren.
Wenn er doch nur wüsste, wie viel Snow weiß oder auch nur ahnt. Seine Sorgen um die geheimen Pläne werden immer wieder von einer noch viel größeren Angst überschattet. Was weiß Snow über ihn und Annie? In den letzten Jahren hat er sich immer größte Mühe gegeben niemanden von ihrer Liebe wissen zu lassen. War das alles umsonst? Sobald sie im Kapitol angekommen sind wird er vorsichtig das Wasser testen müssen. Wenn er Glück hat kann er etwas in Erfahrung bringen. Wenn er dagegen Pech hat… nun, dann wird er riskieren alles zu verlieren was ihm etwas bedeutet. Um einen Rückzieher zu machen ist es jedoch längst zu spät.
Als das letzte tiefrote Sonnenglühen am Himmel erstirbt wird Finnick aus seinem Gedankenkarussell gerissen. Der Zug kommt mit einem seichten Ruck zum Stehen. Tankstopp. Die stickige Wärme des Zuges satt beschließt er einen kleinen Spaziergang außerhalb des Zuges zu unternehmen. Vielleicht findet er Annie und kann sie mit nach draußen nehmen, wo die Augen und Ohren des Kapitols ihnen nicht folgen können. Doch statt Annie stößt er draußen im Gang auf Amber, die mit verschränkten Armen durch den Gang stapft. Sie scheint gründlich schlecht gelaunt zu sein, der steilen Falte zwischen ihren Augenbrauen nach zu urteilen.
„Gut, dass ich dich treffe“, begrüßt sie ihn, „ich brauche mal frische Luft. Lust auf einen Spaziergang?“
Finnick seufzt innerlich als er den Spaziergang mit Annie schwinden sieht, nickt dann aber. Wenn Amber so schlechte Laune hat wird das einen Grund haben. Also bringt er lieber in Erfahrung was ihr Sorgen bereitet. Gemeinsam verlassen sie den hell erleuchteten Zug und treten in die Dunkelheit. Entlang der Gleise befindet sich nichts als vertrocknete kleine Sträucher und Kiesel. Schweigend gehen sie einige Schritte fort von dem Zug und wandern das Gleisbett entlang. Dankbar atmet Finnick die kalte Nachtluft ein. Anders als im bitterkalten Distrikt zwölf liegt hier kein Schnee, doch es ist trotzdem kalt, sodass ihr Atem kleine Wolken in der Luft bildet.
„Also, was beschäftigt dich?“, fragt er schließlich Amber, die ein Kieselsteinchen vor sich her tritt.
Diese seufzt und blickt dann hinauf zum aufgehenden Sternhimmel.
„Es ist Riven.“ Frustriert schüttel sie den Kopf. „Dieses Mädchen macht mich irre. Sie scheint so… verdammt glücklich über ihre Hungerspiele zu sein.“ Sie schüttelt noch einmal den Kopf. „Ich verstehe sie einfach nicht. Aber es ist nicht nur das!“ Sie geht ein paar Schritte und er folgt ihr. Mit unterdrückter Stimme fährt sie fort. „Sie tut alles um das Kapitol gut aussehen zu lassen. Jede ihrer Reden ist eine Anbiederung an das Kapitol. Wie groß und toll es ist und wie dankbar sie ist eine Siegerin sein zu dürfen.“ Ihre Stimme ist jetzt ganz leise und zittert vor Wut. „Sie alleine könnte alles zunichte machen was wir uns aufgebaut haben.“
Finnick seufzt und wendet seinen Blick ebenfalls den fernen Sternen zu.
„Ich weiß“, gibt er leise zu. „Sie wollte diese Spiele und jetzt hat sie bekommen was sie wollte.“
„Ich wollte diese Spiele auch, aber als ich gewonnen habe war ich schon längst in einem niemals enden wollenden Albtraum gefangen“, entgegnet Amber. „Keiner von uns würde noch einmal in die Arena zurück gehen wenn wir die Wahl hätten. Aber bei ihr bin ich mir nicht sicher.“
„Da hast du wohl Recht. Wir hätten sie vielleicht nicht so alleine lassen sollen nach ihren Spielen.“
„Nein Finnick, du suchst jetzt nicht die Schuld bei dir!“ Zornig funkelt Amber ihn an. „Was auch immer wir getan haben oder nicht, sie ist einfach nicht so ein Mensch.“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht.“
„Wenn man davon ausgeht wie sie gerade Annie angemacht hat… dann hat sie wirklich große Lust darauf sich ihre Position als Mentorin zu schnappen und in dem großen Zirkus mit zu spielen.“
„Was ist mit Annie?“, fragt Finnick mit gerunzelter Stirn.
„Sie ist einfach nur im Gemeinschaftsabteil und flechtet irgendwelche Blumenkränze, aber Riven muss natürlich wieder einmal über sie herfallen und ihr erzählen was für eine, und ich zitiere, ‚lahme Person‘ sie ist, die es wohl kaum schaffen wird Sponsoren für ihre Tribute zu bekommen wenn sie nicht endlich ‚interessanter‘ wird.“ Amber hat die Hände zu Fäusten geballt. „Manchmal möchte ich dem Mädchen einfach nur eine Lektion erteilen. Wir sollten alle zusammenhalten, als Familie.“
„Geht es Annie gut?“, fragt Finnick bestürzt, ihre letzten Worte ignorierend.
Ein kleines Lächeln umspielt Ambers Mundwinkel. „Tatsächlich ja. Sie hat es mit Fassung ertragen. Vielleicht hat es geholfen, dass ich Riven ein wenig zur Schnecke gemacht habe. Wenn nur Trex mich nicht zurückgehalten hätte...“ Sie blickt ihn an. „Du liebst sie wirklich. Ich wünschte wir könnten sie besser vor dem Kapitol beschützen.“
Ein wenig dankbar lächelt Finnick zurück. „Ich hoffe du warst nicht allzu gemein. Aber danke. Ich werde alles tun was ich kann. Vielleicht ist Riven gerade deswegen eine Chance, weil sie so verbissen ist. Wenn sie Annie ersetzen könnte...“
Amber geht wieder einige Schritte weiter in die Dunkelheit. „Nur leider können Rivens Worte uns allen schaden. Wenn alle Sieger so wären wie sie… dann würde sich nie etwas verändern.“
Finnick betrachtet die schemenhaften Schatten der Einöde um sie herum, unsicher was er dazu sagen soll.
„Vielleicht sollten wir sie einfach lassen“, entgegnet er nach reiflicher Überlegung, „denn sie ist die ideale Ablenkung. Solange sie die perfekte Siegerin ist – und nicht nur so tut – lenkt sie den Blick des Kapitols von uns ab.“
Mit verschränkten Armen dreht Amber sich zu ihm um, ihre dunklen Augen vorwurfsvoll auf ihn geheftet.
„Und wenn sie dabei das kleine Flämmchen der Rebellion austritt? Ich kann es nicht mehr ertragen zu warten! Was soll noch alles passieren?“
„Glaubst du nicht, dass ich es auch leid bin? Allein schon wegen Annie. Ich will auch, dass das alles hier endet! Aber was bringt es uns Riven hier mit reinzuziehen? Sie ist anders. Vielleicht wird sich das mit den Jahren ändern. Himmel, Amber, wir alle waren mal anders. Du warst genauso ein Karriero wie ich auch. Menschen ändern sich. Solange kann sie das Kapitol vielleicht wenigstens darüber hinweg täuschen, dass wir alle brave Sieger sind, als wenn wir versuchen sie zu ändern. Zumindest ist es so sicherer für sie.“
Frustriert schießt Amber einen Kiesel in die Ferne. „Verdammte scheiße, ich hasse das!“, flucht sie leise. „Ich wünschte sie wäre eine von uns.“
„Ich weiß.“ Die Nachtluft lässt ihn frösteln. „Lange wird es bestimmt nicht mehr dauern bis unser Moment gekommen ist. Dann wird sich auch zeigen auf welcher Seite Riven wirklich steht. Wir müssen unsere Rollen nur noch ein bisschen länger spielen.“
„Ich hoffe du hast Recht.“
Als er schließlich durchgefroren in den Zug zurück kehrt findet er Annie immer noch im Gemeinschaftsabteil vor. Sie sitzt in einem gemütlichen Korbsessel. Auf dem Tischchen vor ihr liegen Bänder, Blumen und allerhand mehr Zeug verstreut. Ihre Finger formen geübt Schlaufen und Knoten um einige blaue Kornblumen aneinander zu binden. Sie scheint völlig in die Tätigkeit versunken zu sein, doch als Finnick gerade etwas sagen will lächelt sie mit einem Mal wissend.
„Ich habe dich schon bemerkt.“ Sie deutet auf einen Sessel neben sich. „Setz dich ruhig.“
Sie zieht einen letzten Knoten fest und hält ihr Werk mit ausgestreckten Armen von sich. „Ich kann eine zweite Meinung gebrauchen. Und du bist ohnehin derjenige mit dem meisten Stilgefühl hier. Die anderen Muffel sind da keine große Hilfe“, seufzt sie.
Finnick nimmt die Ausrede gerne an um ihr nahe zu sein ohne den Verdacht des Kapitols zu erregen. Ihn überrascht wie geordnet Annie gerade zu sein scheint. Er hätte gedacht, dass ihr Rivens Worte mehr ausgemacht hätten, zumal die Siegestour sie all ihre Kraft kostet, selbst wenn sie sich teils mit Morfix betäubt. Aber vielleicht hat es wirklich geholfen, dass Amber sie verteidigt hat. Wenn sie will, dann kann sie sehr beschützend sein.
„Also, was meinst du?“

Er betrachtet den unfertigen Blumenkranz kritisch, versucht sich in die Bewohner des Kapitols hineinzuversetzen die diese „Hobbys“ von ihren Siegern erwarten.
„Für Distrikt zwei morgen?“
Annie schüttelt den Kopf. „Für die Feier im Kapitol. Das ist der letzte auf meiner Liste…“
„Hmm…“, murmelt Finnick vage, unsicher wie er das Thema behandeln soll. Nicht nur, dass er Annie nicht aufwühlen will, er muss sich auch Gedanken darüber machen nichts verfängliches zu sagen was dem Kapitol zu Ohren kommen könnte. Unbewusst greift er nach einem dünnen Band und spielt gedankenverloren damit herum. Wenn man in Distrikt vier aufgewachsen ist lernt man jegliche Arten von Knoten schon von Kindesbeinen an. Auch wenn Finnick ein Waise gewesen ist, so hat er sich doch alles von den Fischern im Hafen abgeschaut.
„Ich befürchte für das Kapitol muss es noch etwas… aufregender sein.“
„Vermutlich hast du Recht.“ Annie zieht eine Grimasse als sie einige Knoten wieder löst. „Ich war schon so lange nicht mehr im Kapitol, ich habe ganz verdrängt wie verrückt dort alles ist.“
Innerlich fragt Finnick sich ob er sich dieses Mal vielleicht zu viele Sorgen um Annie gemacht hat. Zumindest in diesem Moment scheint sie gut mit der Angst vor dem Kapitol umgehen zu können. Anders noch sah es aus, als eine durchnässte Annie zurück in das Dorf der Sieger gestolpert war nachdem sie von der Kleideranprobe fortgelaufen ist. Eine ehemalige Klassenkameradin hat sie verwirrt auf dem Boot ihrer Familie gefunden und zurück gebracht. Sie habe Pon gesehen, erzählte Annie mit zitternder Stimme. Es brauchte Tage bis sie sich vollständig von dem Schock erholte. Immerhin schien sie endlich ihren Frieden mit dem Schiff ihrer Familie gemacht zu haben. Als Ablenkung fing sie an es gemeinsam mit der Klassenkameradin zu restaurieren, denn dank ihrer jahrelangen Abwesenheit sind Planken morsch geworden und der Anstrich ist abgeblättert. Ein zusätzliches Stück Halt kann nicht schaden, also freut Finnick sich über die Möglichkeit Annie auf andere Gedanken zu bringen während er sich Sorgen um die Spiele macht. Nur befürchtet er, dass die Siegestour diesen Fortschritt wieder zunichte machen kann.
Zwischen Annies Chaos auf dem Tisch steht auch eine kleine Schüssel mit Zuckerstücken. Einem innerlichen Drang nachgebend schnappt er sich einen Würfel und lässt ihn auf der Zunge zergehen. Sündiges, kleines Glück. Als er wieder aufschaut liegt Annies Blick bedeutungsschwer auf ihm. Mit einem ertappten Grinsen zuckt er mit den Schultern. Sie weiß, dass es eine Angewohnheit geboren aus Nervosität ist, die ihn den puren Zucker essen lässt. Doch sie sagt nichts weiter. Um sich abzulenken schnappt er sich einige Blumen aus Annies Vorrat und tut es ihr gleich indem er sie in sein Band einflechtet.

Was hältst du davon?“ Er legt sich sein eigenes Werk auf den Kopf und wirft sich in eine alberne Pose ganz alá Cece. Schnaubendes Lachen ist die Antwort.
„Fehlen nur noch ein paar hoher Schuhe und ein hübsches Glitzerkleidchen“, neckt Annie ihn. „Wir könnten Cece ja mal vorschlagen, dass wir beide unsere Rollen tauschen. Ich wette mir würde so ein Anzug zur Abwechslung mal gefallen.“
Lachend verbeugt Finnick sich und
der Kranz fällt von seinem Haupt.
„Vor allem, wenn man bedenkt was Roan für ein Kleid ausgesucht hat“, fügt Annie düster hinzu.
Neugierig blickt Finnick sie an. Bisher hat er sie sich noch nicht über die Kleider beschweren gehört. Immerhin waren es alles recht bodenständige Kleider. Aber er weiß ebenso gut, dass Exzentrizität Roans Markenzeichen ist.
„Was macht es denn so besonders“, fragt er betont beiläufig.
Mit verdrießlicher Miene deutet Annie auf ihre Hüfte.
„Zum Beispiel, dass der Schlitz bis hier hoch geht. Anscheinend ist man der Meinung, dass ich einen Imagewechsel brauche.
Weniger verrücktes Mädchen, mehr erwachsene Mentorin.“
Genau das hat er befürchtet. Das Kapitol hat Annie in der Vergangenheit in Ruhe gelassen, eben weil sie als verrückt g
ilt. Doch jetzt ging das nicht mehr. Nun würden sie alles daran setzen aus ihr eine passable Siegerin zu formen. So hat es bei ihm auch angefangen. Kleider die ihn begehrlicher wirken lassen sollen. Immer mehr Privatparties im Kapitol zu denen er eingeladen wurde. Und eines Tages war sein Körper verkauft worden. Lieber würde er sich noch hundert Mal verkaufen als Annie dieses Schicksal anzutun. Er hasst, dass er sich nicht einmal wagt in diesem Moment nach ihrer Hand zu greifen. Stattdessen sagt er:
„Ich werde noch einmal mit Präsident Snow sprechen. Wir werden einen Weg finden. Riven ist mehr als ehrgeizig, sie kann diese Aufgabe erfüllen.“ Ihm ist egal, dass er für Annies Wohl ein Mädchen opfert, dass kaum ihre eigenen Spiele verarbeitet hat. Zumindest für diesen Moment. Das schlechte Gewissen kommt später, so viel ist sicher. Er denkt an das Gespräch mit Amber. Noch ist Riven schließlich gerne Siegerin, wie sie es auch in Distrikt zwölf demonstriert hat – noch.
Er spürt Annies warme Hände die seine
n umfassen, die immer noch an dem Band herum nesteln.
„Danke Finnick“, haucht sie, „aber wenn es nicht klappt werde ich bereit sein. Das bin ich den Tributen schuldig.
Vielleicht werde ich nicht perfekt sein, aber das ist immer noch besser als sie alle aufzugeben.
Ihre Stimme ist so zart und unschuldig. Sie hat keine Ahnung worauf sie sich einlässt.
Und doch muss er sie kurz für ihren Willen bewundern, der sie nie aufgeben lässt, trotz aller Widrigkeiten. Genau dieser eiserne Wille ist es auch der sie überhaupt erst die Spiele hat überleben lassen. Aber das Kapitol wird sich alle Mühe geben ihn zu brechen, bis sie wirklich nur noch das verrückte Mädchen ist, das alle in ihr sehen.
Er blickt ihr fest in die Augen.
„Du gehörst nach Distrikt vier, wo die Wellen rauschen und der Wind weht. Nicht ins Kapitol
wo die Natur sich nur auf einem Bildschirm erstreckt und du nicht mehr du selbst sein kannst.
„Du auch“, hält sie dagegen. „Wir alle.“ Ihre letzten Worte sind kaum mehr ein Flüstern. „Aber es geht ja nicht. Jemand muss für die Tribute da sein, so wie ihr für Pon und mich da wart, das habe ich jetzt verstanden.
Pon. Finnick entzieht ihr behutsam seine Hände und fährt sich müde über das Gesicht. In den Spielen wird es immer wieder kleine Kinder wie ihn geben die sie nicht beschützen können.
Er kann und darf Annie nicht die Hoffnung geben, dass sie sie irgendwie beschützen könnte.
Als Mentorin kannst du sie nicht alle beschützen. Es ist als würdest du die Spiele mit zusammengebundenen Händen noch einmal spielen. Nur, dass es nicht dein Leben ist was auf dem Spiel steht. Was auch immer passiert, du kannst es nicht kontrollieren. Du musst dein Bestes geben um sie auf die Arena vorzubereiten und ihnen Sponsoren zu verschaffen, obwohl du weißt, dass das Schicksal seinen eigenen Weg geht. Immer und immer wieder musst du an sie glauben auch wenn die Chancen gegen sie stehen. Darfst nicht aufgeben und weglaufen, denn dann ist alles verloren. Du…“
Stockend hält er inne. Er merkt wie er sich in Rage redet, die Worte immer schneller und zorniger aus ihm sprudeln. Nicht wegen Annie, sondern weil ihm die Gefühle aus sieben Jahren als Mentor die Brust zusammenschnüren. Wenigstens sie soll kein Teil dieser Maschinerie werden. Bestürzt realisiert er, dass Annie ihn mit runden Augen anstarrt, ihre leeren Hände immer noch nach ihm ausgestreckt. In ihren meergrünen Augen schimmert Verrat. Was hat er sich nur dabei gedacht? Natürlich hat er sie mit seinen Worten verletzt. Für sie muss es klingen als würde er sie als unfähig bezeichnen, obwohl er eigentlich nur seinen eigenen Ängsten eine Stimme gegeben hat. Schon bereut er es überhaupt davon angefangen zu haben. Langsam lässt sie ihre Hände sinken und greift wieder nach dem unfertigen Blumenkranz.
„Ich laufe nicht weg“, sagt sie mit rauer Stimme. „
Ich bin genug davon gelaufen, das weiß ich selber. Es reicht wenn Riven mich das spüren lässt. Und ich kann ohnehin nicht wie Haymitch Abernathy die Augen verschließen und es einfach ertragen.
„Ich weiß… es tut mir leid, ich wollte das nicht so sagen…“, verzweifelt sucht er nach Worten um es wieder gutzumachen.
Doch Annie schüttelt nur abwehrend den Kopf, Tränen in den Augen glitzernd. Sie beißt sich auf die Lippe ehe sie erwidert:
„Sag nichts mehr. Es ist nicht deine Schuld.“
Mit dem Ärmel wischt sie sich über die Augen, ehe sie sich wieder ihrem Blumenkranz widmet.
Schweigen breitet sich zwischen ihnen aus. Als schließlich die Türen auf gleiten betreten Cece und die Stylisten das Abteil und der Moment ist verflogen. Eine Weile noch beobachtet er wie Annie weiter an ihrem Kranz arbeitet, doch das Schweigen lastet wie Blei auf ihm. Unbefriedigt verlässt er wenig später den Wagon. Er schwört sich, dass er es alles wieder in Ordnung bringen will. Er weiß nur nicht wie. Vielleicht wenn er es schafft Snow von Riven als Mentorin zu überzeugen, vielleicht kann dann alles wieder wie vorher sein...
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