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Meeressturm

von Coronet
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Het
Annie Cresta Coriolanus Snow Finnick Odair Haymitch Abernathy Johanna Mason Mags
10.07.2020
22.07.2021
45
123.085
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22.07.2021 2.876
 
Meeressturm – 22. Kapitel: FeindschaftenPart I


***


Nervös wickle ich eine Haarsträhne um meinen Finger. Den gesamten gestrigen Abend habe ich zusammen mit Cece damit verbracht, Formulierungen für das letzte Interview einzustudieren. Vorbereitet fühle ich mich dennoch nicht.
Wieder einmal stehen wir im Wartebereich vor Caesar Flickermans Studio, dieses Mal alle Mentoren gemeinsam. Roan hat uns in vergleichsweise schlichte schwarze Entwürfe gehüllt, die trotzdem kein Vergleich zu unserer herkömmlichen Trauerkleidung sind. Weder Arme noch Reiche in Distrikt vier würden derart pompöse Outfits zu einer Beerdigung anziehen.
Ich glaube sogar, dass niemand daheim überhaupt Kleidung besitzt, die ähnlich hochwertig ist. Zu Trauerfeiern tragen wir einfach die besten Stücke, die unsere Garderobe hergibt. Manche Familien aus der Stadt färben ihre Sachen extra für den Anlass schwarz ein, aber das ist selten. Färbemittel sind teuer.
Unser Aufzug steht in großem Kontrast dazu. Amber und ich haben sogar jede einen Hut mit kleinem Schleier in den Haaren festgesteckt bekommen, der laut Cece vornehm wirken soll. Mich stört er nur. Dahinter verstecken kann man sich nicht, denn der Stoff reicht kaum bis zur Nasenspitze. Er teilt bloß mein Sichtfeld in irritierende kleine Karos und ich muss dem Drang widerstehen, ihn fortzuwischen. Niemand in Distrikt vier würde sowas tragen wollen.
Cece aber schlägt dem Fass den Boden aus. Zu ihrem überdimensionierten Hut, dessen Krempe so breit ist wie ein Rettungsring, trägt sie ein dramatisches bodenlanges Kleid, das dank unzähliger dunkler Glitzersteinchen bei jeder Bewegung funkelt. Mit einem riesigen Fächer versucht sie, sich eine Abkühlung zu verschaffen.
Die Luft im Fernsehstudio ist zum Schneiden dick – und das liegt nicht nur daran, dass draußen Hochsommer herrscht. Seit Cece eine der Sendeleiterinnen zur Schnecke gemacht hat, weil wir auf unseren Auftritt warten müssen, treffen sie böse Blicke der Angestellten.
„Das ist doch nicht zu fassen“, murmelt Cece schon wieder. „Das sind jetzt zwanzig Minuten. So lange hab ich mein ganzes Leben noch nicht warten müssen. Das bringt den ganzen Terminplan durcheinander!“
Mindestens ebenso genervt rollt Amber mit den Augen. „Was für ein Terminplan, Cece? Falls du es vergessen hast, wir sind nur hier, weil wir keine Termine mehr haben. Für uns sind die Spiele vorbei.“
Unsere Betreuerin lässt ein entrüstetes Keuchen hören. „Es gibt genug zu organisieren! Nur weil wir dieses Jahr ausgeschieden sind, heißt das nicht, dass wir jetzt auf der faulen Haut liegen können. Nächstes Jahr ist ein Jubeljubiläum! Da kann man nie früh genug mit den Vorbereitungen anfangen. Gerade, wenn man es nächstes Jahr besser machen will.“
Amber entgegnet nichts mehr, doch als Cece ihr den Rücken zuwendet, rollt sie noch einmal demonstrativ mit den Augen.
Ich unterdrücke ein kleines Zucken der Mundwinkel. Zum Glück bestreiten wir diesen Auftritt gemeinsam. Wenn die anderen nicht wären, hätte Cece mich wahrscheinlich längst in den Wahnsinn getrieben.
Erlöst werden wir kurz darauf von der Sendeleiterin, indem sie uns zum Bühnenaufgang winkt. Die Sendung vor unserer ist mit knapp dreiundzwanzig Minuten Verzug endlich beendet. Das bringt das Lächeln auf Ceces Gesicht zurück. Lange währt ihre gute Laune allerdings nicht.
Aus Richtung des Studios kommt uns ausgerechnet Haymitch Abernathy entgegen, dessen Krawatte schlampig gebunden um seinen Hals baumelt. Abgesehen davon sieht er so gefasst aus wie selten. Sogar seine Haare sind gekämmt. Bei unserem Anblick verdunkelt sich sein Blick.
„Mussten wir etwa wegen ihm warten?“, stößt Cece empört hervor.
„Ja, Schätzchen, wegen mir“, fährt er ihr genervt über den Mund. „Ich hoffe, dir ist kein Fingernagel abgebrochen während der Wartezeit. Nächstes Mal lasse ich Flickerman wissen, dass er vorher dich um Erlaubnis fragen soll, wenn er die Interviews verschiebt.“
Cece schüttelt schon den Kopf und setzt zu einer Erwiderung an, aber Trexler wirft ihr einen warnenden Blick zu, der sie ausnahmsweise verstummen lässt.
Haymitch mustert uns kurz. Er scheint nicht ganz zu wissen, ob er sich freuen soll, dass seine Tribute noch leben, oder ob er sich für ihr Überleben entschuldigen soll. Er räuspert sich und entscheidet sich dann für Letzteres, wobei er die Augen auf seine Manschetten geheftet hält. „Mein Beileid wegen eurer Tributin. So hätte es nicht laufen sollen.“ Mit einer Hand fährt er sich über das glattrasierte Kinn. „Am Ende sind wir alle eben doch Feinde, wenn’s ums Überleben geht.“
Genau das hat er schon bei der Wagenparade gesagt. Wir sind alle Feinde. Früher habe ich dasselbe gedacht, schließlich erinnern Tribute wie Cato immer wieder daran, dass jeder sich selbst am nächsten ist. Brutalität siegt über Mitgefühl.
Aber ich habe nicht das Gefühl, Haymitch wegen allem, was geschehen ist, zu hassen. Wenn, dann sind die Spiele schuld an Cordelias Tod. Genauso, wie sie mich gezwungen haben, gegen Shine oder Victoria zu kämpfen. Ich will, dass er das weiß.
„Bitte, lass uns keine Feinde sein, Haymitch. Kein Bündnis hält ewig, so sind die Hungerspiele. Früher oder später da – passiert es. Das habe ich selber erfahren. Wenn Peeta oder Katniss es schaffen ...“, meine Stimme zittert bei den letzten Worten, „dann war es wenigstens nicht umsonst. Lass uns wenigstens helfen.“
Er betrachtet mich überrascht und kratzt sich verlegen an der Wange. „Mhhh. Trinket hat mir schon gesagt, dass ihr uns eure Gelder gebt. Das kann ich nie wettmachen. Ich hoffe, ihr werdet es nicht bereuen.“ In Haymitchs grauen Augen spiegelt sich Trauer. „Vielen Dank für euer Vertrauen.“
Finnick klopft ihm auf die Schulter. „Schon gut. Wir haben das einstimmig entschieden, weil wir wissen, was Distrikt zwölf ein Sieg bedeuten würde. Versprich uns nur, es weise einzusetzen.“
Der ältere Mentor nickt knapp. „Ich denke, das kann ich tun.“
Er winkt uns und dann verschwindet er in Richtung Ausgang. Wir dagegen werden von einer ungeduldig schnaufenden Cece daran erinnert, dass Caesar Flickerman auf uns wartet.

Mit der Gestaltung der Bühne hat sich das Kapitol wirklich alle Mühe gegeben. Innerhalb kürzester Zeit haben Avoxe das schlichte Studio in einen Ort des Andenkens verwandelt. Schwarze Stoffbahnen hängen hinter uns herab, davor die überlebensgroßen Porträts von Edy und Cordelia, die sie nach der Ankunft vor wenigen Tagen aufgenommen haben. Umrahmt wird das alles von einem Meer an weißen Rosen. Ihr penetranter Duft vernebelt das ganze Studio.
Prompt entweicht mir ein Niesen. Nur schwerlich widerstehe ich dem Drang, die Blumen zu packen und im Meer verschwinden zu lassen, wie ich es zuhause zweifellos getan hätte. Stattdessen nehme ich auf meinem Sessel platz, der ebenfalls von Rosenblüten umgeben ist.
Finnick sieht genauso unglücklich über das Blumenmeer aus. Ich registriere, wie er bei dem Anblick kaum merklich zusammenzuckt und mit spitzen Fingern ein Blütenblatt von seinem Sitzplatz pflückt. Aber selbst Cece rümpft angesichts des Rosendufts die gepuderte Nase.
Einzig Caesar Flickerman scheint unbeeindruckt – oder er hat bereits zu viel Zeit umgeben von diesem Geruch verbracht. Vielleicht riecht er mit seiner etwas zu oft operierten Nase auch nichts mehr. Wer weiß das schon.
Bei unserem Anblick lächelt er jedenfalls breit und klatscht in die Hände. „Distrikt vier! Ach, welch hinreißende Erscheinung. Und welch trauriger Anlass.“ Sein Lächeln straft ihn Lügen, als er vermeintlich wehleidig die Finger über dem Herzen verschränkt. „Sind alle bereit?“
Ich fühle mich so unvorbereitet wie immer, nicke aber nur, wie die anderen. Je eher wir es hinter uns bringen, desto besser.
Wenigstens ist das Interview keine Liveaufnahme, sodass wir Patzer nicht fürchten müssen. Zumindest habe ich aus diesem Grund Cece die Spritze mit dem furchtbaren Medikament ausgeredet.
Caesar gibt sich größte Mühe, fröhliche Stimmung zu verbreiten. Trotz des traurigen Anlasses klebt ihm sein strahlendes Lächeln fest im Gesicht. Selbst unter dem schwarzen Schleier hindurch blitzen mir seine weißen Zähne entgegen.
„Ich muss sagen, das Ausscheiden von Distrikt vier hat mir das Herz gebrochen. Ihr gehört jedes Jahr zu meinen Favoriten und soll ich euch auch sagen warum? Eure Tribute bezaubern uns nicht nur jedes Jahr mit ihren fantastischen Auftritten, sondern sie sind auch immer wieder so faszinierende Persönlichkeiten! Ich denke, ich spreche für das ganze Kapitol, wenn ich sage, dass Cordelia uns alle mit ihrem Mut und ihrer ehrlichen Natürlichkeit verzaubert hat.“
Auf einer Leinwand werden während Caesars Rede Momente von der Wagenparade eingespielt. Wohl zum letzten Mal sehe ich das Lächeln der Tribute. Mir ist, als würde eine eiserne Faust mein Herz umklammern.
„Und Edy, der arme Kleine. Seine Entschlossenheit bei unserem Interview hat mich wirklich hoffen lassen, dass er es schafft.“
Anfangs fällt es mir leichter, über die Tribute zu sprechen. In den ersten Aufnahmen sehen sie so glücklich aus, dass es einfach ist, ihr Schicksal kurzzeitig zu vergessen. Es hilft zudem, dass Caesar vor allem von ihren Outfits und dem Leben in Distrikt vier redet.
Aber schließlich kommen wir doch zu den Hungerspielen. Der Großteil des Blutbads bleibt uns diesmal erspart, wobei wir jeden erfolgreichen Mord von Cordelia Revue passieren lassen.
In Gedanken bin ich allerdings längst bei Edy. Es reicht, die Aufnahme von ihm, wie er ins Füllhorn schleicht, zu sehen. Irgendwann im Dunkel der Kapitollabore habe ich vergessen, wie oft sein Tod für mich abgespielt wurde. Es kommt mir vor wie ein einzelner, unendlich langer Moment, der sich bis in die Gegenwart ausdehnt. Seit ich bei der Eröffnungsfeier schreiend zusammengesunken bin, dauert er an.
Aus dem tiefsten Bewusstsein legt sich mir der schale Geschmack von Gummi auf die Zunge und Feuer zieht seine Bahnen durch meine Adern. Ich vervollständige die Aufnahme vor dem inneren Auge, während ich die Hände fest gegen die Armlehnen des Sessels presse.
„Stimmt das, liebe Annie?“
Beim Klang meines Namens zucke ich zusammen. Es ist, als hätte Tia den Knopf auf ihrer Fernbedienung gedrückt, der alles anhält. Ich tauche aus dem tosenden Sturm auf und starre Caesar Flickerman peinlich berührt an.
Er hat sich zu mir vorgelehnt und mustert mich aus dunklen Augen. Offenbar hat er eine Frage gestellt, die ich nicht mitbekommen habe. „Was denkst du darüber?“ Gespannt sieht er zu mir.
Obwohl sie nicht direkt neben mir sitzt, höre ich Cece angespannt die Luft einsaugen. Schließlich habe ich ihr erst vor der Sendung versprochen, mich unter Kontrolle zu haben. Wenn ich das jetzt vermassle, wird das auch auf sie zurückfallen. An die Kellerlabore darf ich gar nicht denken.
„Entschuldige vielmals, Caesar“, sage ich in einem aufgesetzt fröhlichen Tonfall, den ich mir bei unserer Betreuerin abgeschaut habe. „Ich ... hatte nur die Augen die ganze Zeit auf dem, äh, Bildschirm. Kann ich die Frage noch einmal hören ... bitte?“ Ich bemühe mich um ein höfliches Lächeln.
Enttäuschung flackert in den Augen des Moderators auf, aber er lehnt sich zurück und gibt den Kameramännern ein Handzeichen. „Natürlich. Wir nehmen die Stelle nochmal von vorne auf.“
Ich sorge dafür, dass meine Hände sich nicht mehr wie Klauen in das Sesselpolster krallen. Dieses Mal achte ich peinlich genau auf jedes Wort von Caesar Flickerman.
„Ich habe wirklich gedacht, dass Edy einen Plan hatte. Ihr überlasst schließlich nichts dem Zufall. Eure Tribute sind ausgezeichnet ausgebildet und haben immer den Sieg vor Augen“, führt Caesar aus. „Sein Ausscheiden war in jedem Fall ein Schock. Die Zuschauer sehen das sicherlich genauso. Wir alle hatten fest damit gerechnet, dass er in das Bündnis mit Distrikt eins und zwei aufgenommen wird. Ich habe nur Behauptungen gehört, aber stimmt es, dass es zwischen Cato und Edy eine Fehde gab, liebe Annie?“
Die Gerüchte kann ich mir nur allzu lebhaft vorstellen. Wahrscheinlich hat mehr als eine Person hinter den Kulissen unseren Zusammenstoß mit Cato beobachtet und sogleich die Neuigkeiten im Kapitol verbreitet. Caesar ist nur zu höflich, um es direkt auszusprechen. Ein Zufall, dass ausgerechnet mir diese Frage gestellt wird, ist es sicherlich nicht.
Zum Glück hat Cece in ihrer Vorbereitung auf das Interview so gut wie jede Fragestellung vorhergesehen und so bin ich gewarnt, dass die Ohrfeige für Cato auf keinen Fall zur Sprache kommen darf.
„Tja, äh, Caesar, leider können wir die Tribute nicht auf alle Eventualitäten einstellen. Die Arena hat ihren eigenen Willen, könnte man sagen.“ Irgendwie so hat Cece die Sätze für mich aufgeschrieben. Ich hoffe, dass sie den Moderator halbwegs zufriedenstellen. „Und leider hat Cato sich entschieden ... Edy nicht zu vertrauen. Ein Fehler, so hat er sich um einen wertvollen Verbündeten, ähm – gebracht.“
Die Sätze klingen furchtbar steif und langweilig, das ist selbst mir bewusst. Für jeden in Distrikt vier, vor allem für Edys Eltern, müssen sie purer Hohn sein. Doch meine Kraft reicht gerade einmal dafür, Ceces Anweisungen zu befolgen. Immerhin steht das, was ich wirklich fühle – oder ein Teil dessen – auf den Trauerkarten, die wir den Familien mitbringen werden. Vielleicht werden sie es so verstehen.
So einfach lässt Caesar mich jedoch nicht vom Haken. Er beugt sich mit einem Funkeln in den Augen weiter vor. „Stimmt es denn, dass Edy und Cordelia einen Plan hatten, das Bündnis zu hintergehen? Das würde doch erklären, warum sie mit Cato ... zusammengestoßen sind?“
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Anscheinend gibt es nichts, was er nicht weiß. Nervös krame ich in meinem Kopf nach der Antwort. „Nun, ähm. Sie hätten das Bündnis verlassen, nicht hintergangen. Sie wollten nicht mit den –“, ich kann mich gerade noch bremsen, bevor ich Karrieros sage. Das Wort benutzt niemand im Kapitol. Offiziell gibt es schließlich keine Karrieretribute. „– mit den Tributen aus Eins und Zwei kämpfen.“
„Also wollten sie fliehen!“, ruft Caesar mit etwas zu viel Begeisterung aus.
„Sie wollten einen, ah, anderen Weg einschlagen“, stammle ich mir zurecht.
Ich erinnere mich dunkel, dass Cece solche „Ausweichsätze“ vorbereitet hatte. Unglücklich zucke ich mit den Schultern, in der Hoffnung, von jemandem aus dieser Situation zu befreit werden.
Flickerman legt indes eine Hand auf mein Knie und strahlt mich mit unnatürlich weißen Zähnen an. „Annie, willst du etwa darauf anspielen, dass ihr euch mit dem Feind verbrüdern wolltet?“ Er zwinkert in die Kameras. „Die Rede ist natürlich von Distrikt zwölf. Das Gerücht geht nämlich auch um, seit Peeta in der Arena ein Brot aus eurem Distrikt geschickt bekommen hat.“
Ich habe das Gefühl, dass mich seine Augen durchbohren wie ein eisig kalter Speer. Mit dieser ausweichenden Antwort bin ich geradezu in seine Falle getappt.
Ein hilfloses Kichern bahnt sich den Weg meine Kehle hinauf. Ich zupfe an dem nutzlosen Schleier herum, um ihn tiefer ins Gesicht zu ziehen. Sofern Cece mir eine Erwiderung darauf bereitgelegt hat, fällt sie mir nicht mehr ein. „Distrikt zwölf ist nicht direkt unser Feind ...“, gebe ich wenig einfallsreich zum Besten.
„Aha!“ Caesar Flickermans triumphierender Aufschrei lässt mich schon wieder zusammenzucken. „Also, was war der Plan? Habt ihr mit Haymitch Abernathy gemeinsame Sache gemacht?“
Ich nicke.
„Warum setzt ausgerechnet ein wohletablierter Distrikt wie eurer auf die Außenseiter?“
„Ah, nun ... zusammen hätten sie eine Chance gegen die Kar– ähm, Favoriten gehabt.“
„Aber sie gehörten doch zu den Favoriten! Hattet ihr keine Angst vor der Gefahr für eure Tribute?“
Mit zugeschnürtem Hals schüttle ich den Kopf. „Das Bündnis ... am Ende, also, na ja, da zerbricht es meist ... und deswegen – ein frühzeitiger Ausweg ...“
Aber Caesar hört mir gar nicht zu, sondern bestürmt mich mit weiteren Fragen. „Seid ihr nicht enttäuscht, dass Abernathy sich jetzt mit all den Sponsorengeldern aus dem Staub macht? Ohne eure Unterstützung wäre Distrikt zwölf vielleicht ausgeschieden. Cordelia hätte die Tribute töten können, in der Nacht am Baum. Dann hätte sie bei den favorisierten Tributen aus Eins und Zwei bleiben können. Vielleicht würde sie dann noch leben?“
Unter dem Bombardement von seinen Fragen schrumpfe ich immer weiter im Sessel zusammen. Ceces sorgfältiger Plan zerfällt in meinem Kopf in seine Bestandteile, denn angesichts der zunehmenden Panik macht sich dort Leere breit.
Übrig bleibt vor allem Wut. Darüber, dass unsere Tribute tot sind und wir trotzdem noch in diesem Spiel gefangen sind. Und darüber, wie Flickerman von Distrikt zwölf redet, als hätten dessen Tribute unmöglich den Sieg verdient. Und wie er uns Mentoren darstellt – unfähig das Leben ihrer Schützlinge zu retten.
Meine Hände entwickeln ein Eigenleben und ballen sich fest zusammen. Ich sehe von Caesar fort, in die Düsternis des Studios mit den großen Kameras, die jede unserer Regung einfangen. Ich straffe trotzig die Schultern und starre mitten in die Linse.
„Aber diese Tribute sind nicht unser Feind.“ Die Worte richten sich mehr an den alle daheim, die Menschen, die nie verstehen werden, was genau wir Mentoren im fernen Kapitol entscheiden. Doch sie verdienen es, das zu wissen. „Peeta hat Cordelia gegenüber nichts als Mitgefühl bewiesen und deswegen werde ich an ihn glauben. Bis zuletzt. Er hat es verdient, egal wer sein Mentor oder Distrikt ist. Weil er ein – ein guter Mensch ist!“
Das Studio und die Kameras verschwimmen vor meinen Augen bis zur Unkenntlichkeit, aber das macht es leichter. Nur schemenhaft erkenne ich Caesar Flickerman, der endlich seine Hand von meinem Knie gleiten lässt und sich mit einem Hüsteln zurücklehnt.
Jemand ruft laut „Schnitt!“.
„Kein Problem, Annie, wir nehmen das nochmal neu auf. Ich frage einfach – Floogs, du magst doch bestimmt erzählen“, sprudelt es übereilt aus dem Moderator hervor. „Ja, mein Lieber, auf drei, in Ordnung?“
Irgendwer reicht mir ein Taschentuch. Ich tupfe die Augenwinkel trocken und die Kameras richten sich auf Floogs. Niemand sagt ein Wort zu meiner kleinen Rede, aber ich sehe es in Finnicks aufgewühltem Blick. Was immer da gerade aus mir hervorgebrochen ist, war zu viel Wahrheit für das Kapitol.
Ich starre in die Ferne, während Flickerman und Floogs das Gespräch über Distrikt zwölf wieder aufnehmen. Was macht das Mentorinnendasein nur mit mir? Dieser Wandel bereitet mir Angst.

***


Wer kann es Annie schon verdenken, dass selbst sie wütend wird, angesichts dieser schamlosen Show über den Tod von zwei unschuldigen Jugendlichen?
Aber damit begibt sie sich auf dünnes Eis ...

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