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What if...?

von Jule0701
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
America Singer August Illéa Clarkson Schreave Maxon Calix Schreave
10.07.2020
04.02.2021
32
133.530
7
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10.07.2020 2.343
 
Ich atmete tief durch. Maxon hatte mir befohlen, mich zusammen zu reißen. Einmal, nur ein einziges Mal, sollte es mir doch gelingen, dass ich das tat, was ich sollte. Jetzt war alles egal, ich hatte versagt und konnte nichts daran ändern. Wenigstens sollte er mich in guter Erinnerung behalten, wenn das jetzt überhaupt noch möglich war. Ich starrte auf meinen Schoß und spielte mit meinem Kleid. Die Tränen brannten in meinen Augen, doch ich hielt sie tapfer zurück.

Mum und May kamen in den nächsten Tagen, dieser Gedanke munterte mich ein wenig auf. Doch was würden sie sagen? Erwarteten sie nicht von mir, dass ich Prinzessin würde? Würden sie enttäuscht sein? Schnell schlug ich mir den Gedanken aus dem Kopf. Die Beiden waren stolz auf mich, egal was passierte.

Aber wie sollte ich mich von hier verabschieden? Ich konnte doch nicht einfach nach Hause gehen und mein Leben weiter führen, als hätte es das Casting nie gegeben. Verzweiflung breitete sich in mir aus. So lange hatte ich gebraucht, um mich an den Palast zu gewöhnen, doch mittlerweile sah ich ihn als mein Zuhause an. Ich hatte mich tatsächlich an den Gedanken gewöhnt, hier alt zu werden. Ehrlich gesagt, konnte ich es mir gar nicht mehr vorstellen, mein Leben woanders zu führen. Ich hatte mich so stark verändert! Wäre dieses Casting nicht gewesen, hätte ich niemals so über mein eigentliches Zuhause gedacht. Nicht mehr lange hätte es gedauert, dann hätte ich Aspen geheiratet. Dann wäre ich zu einer sechs geworden und hätte mit ihm ein bescheidenes, aber bestimmt glückliches Leben geführt. Aber egal wie schön dieses Leben auch gewesen wäre, ich konnte mich nicht mehr damit anfreunden. So hätte ich niemals erkannt, was unser Land für einen wundervollen Prinzen hatte.

Ich hob meinen Kopf an und betrachtete Maxon. Er sprach flüsternd mit Kriss und lächelte dabei breit. Sein Lachen sah echt aus, vielleicht hatte er mich doch nicht geliebt und hatte Kriss das Gleiche wie mir erzählt. Doch das war jetzt egal, also beobachtete ich ihn einfach. Ich wollte mir all seine Gesichtszüge genau einprägen, damit ich sie niemals vergessen würde. Seine Augen hatten mich immer an Schokolade erinnert. Sie ließen seinen Blick immer warmherzig wirken, strahlten sein gutes Gemüt aus. Sein honigblondes Haar saß makellos, doch ich erinnerte mich, wie es manchmal in alle Richtungen abstand, wenn er mal wieder zu lange gearbeitet hatte. Schon immer hatte ich dies mehr gemocht, da so seine perfekte Fassade brach und der echte Maxon zum Vorschein kam. Ich kannte den echten Maxon und ich wusste, dass er gerade einen Fehler beging. Doch was sollte ich verdammt nochmal tun? Wenn ich nun einen meiner dramatischen Auftritte hinlegen würde, wäre nur die Frage, wer mir zuerst den Kopf abschlagen würde, Maxon oder der König.

Also blieb ich still auf meinem Platz sitzen und starrte die Liebe meines Lebens an, die ich schon in wenigen Tagen für immer verlassen würde. Erneut hielt ich qualvoll die Tränen zurück, als sich Maxon plötzlich erhob. Sofort flachten die Gespräche und die Schritte im Raum ab. Hinter uns nahmen alle ihre Plätze ein und warteten gespannt auf die Verkündung der Verlobung. Ich presste meine Hände ineinander, um meine Gefühle irgendwie zu kontrollieren.

Dann erhob Maxon das Wort: „Sehr geehrte Gäste, ich freue mich, dass sie sich alle hier eingefunden haben, damit ich mein Glück mit ihnen teilen kann. Ganz besonders möchte ich alle ehemaligen Kandidatinnen begrüßen. Noch einmal möchte ich mich bei ihnen allen bedanken, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, sie alle kennenzulernen. Es war mir eine Ehre.“ Er nickte den Mädchen grinsend zu. Ich legte meine Hand auf meinen Bauch, mir war plötzlich speiübel. Wann war diese Hölle verdammt noch mal vorbei? Im Augenwinkel sah ich, dass Kriss mich ansah, doch ich ignorierte sie. Ihr Mitleid konnte sie sich sparen. Natürlich hatte sie mir nichts getan, doch ich war nun mal wütend auf dieses Mädchen, weil sie mir alles wegnahm.

Vergeblich versuchte ich mich auf Maxons Worte zu konzentrieren. „Sie alle möchte ich heute Abend zu meiner Verlobungsfeier einladen. Außerdem gebe ich ihnen die Möglichkeit, noch ein paar Tage mit uns hier zu verbringen. Ich möchte meiner Verlobten ermöglichen, noch ein wenig Zeit mit ihren Mitkandidatinnen zu verbringen, um sich dann komplett auf ihr Leben allein hier bei uns im Palast vorzubereiten. Außerdem sind die Familien meiner letzten beiden Kandidatinnen schon informiert, damit sie ebenfalls mit mir feiern können. Die Verliererin wird dann von ihrer Familie nach Hause geleitet.“ Bei diesen Worten zuckte sein Auge unmerklich. Ich war fast ein bisschen erleichtert, dass ihn mein Abgang doch nicht ganz kalt ließ. Doch er behielt die Fassung, wie er es immer tat.

„So, nun möchte ich natürlich zu dem wichtigsten Punkt an diesem Tag kommen: Zur Verkündung meiner Verlobung. Ich muss ja ganz aufrichtig zugeben, dass ich dem Casting anfangs eher kritisch gegenüberstand. Wer wäre bei dem Gedanken, dass fünfunddreißig junge Damen bei sich zuhause einziehen nicht ein bisschen eingeschüchtert?“ Ein Lachen ging durch die Menge. „Doch ich lag vollkommen falsch. Hätte mir jemand im Voraus gesagt, dass ich hier auf so viele atemberaubende Damen treffen würde, hätte ich ihm nicht geglaubt. Und hätte er mir dann auch noch erzählt, dass ich in diesem Haufen meine Seelenverwandte finde, mit der ich zweifellos den Rest meines Lebens verbringen will, hätte ich ihm wahrscheinlich ins Gesicht gelacht. Aber ich wurde eines besseren belehrt. Lady Kriss, Lady America, erheben sie sich bitte.“

Scheiße, jetzt war es schon so weit? Ich klammerte mich an der Tischkante fest, um mich mühevoll auf die Beine zu ziehen. Sie zitterten so sehr, dass es mir wie ein Wunder vorkam, dass sie mich überhaupt tragen konnte. Neben mit erhob sich Kriss königlich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Vielleicht war es ja besser so. Tapfer blickte ich zu Maxon, der zwischen mir und Kriss hin und her blickte. Doch während er Kriss direkt in die Augen sah, starrte er an meinem Blick vorbei. Jedem anderen im Raum fiel das natürlich nicht auf, doch mir versetzte es einen weiteren Stich in das Herz.

„Bei ihnen Beiden möchte ich mich besonders bedanken. Sie haben mir die Chance gegeben, sie vollkommen kennenzulernen. So habe ich zwei unglaubliche Frauen kennenlernen dürfen, doch in meinem Herz ist nur Platz für die Eine. Meine zukünftige Verlobte hat mich genau ins Herz getroffen. Mit ihrer natürlichen Art, hat sie mich den Stress eines Kronprinzen vergessen lassen.“ Er blickte auf seine Hände, die ruhig auf der Tischplatte lagen. „Ich habe mich aufrichtig in dich verliebt…“, begann er und trat dann einen Schritt um den Tisch.

Für mich war es selbstverständlich keine Überraschung, doch ich hörte mein Herz brechen, als er sich zu Kriss Seite bewegte. Mühevoll verbarg ich einen Seufzer und drückte meine Fingernägel so fest in meinen Arm, dass ich am morgigen Tag bestimmt eine Wunde davon tragen müsste. Maxon stand nun neben Kriss, während ich auf den Boden starrte. „Kriss, ich liebe dich. Würdest du mir die größte Ehre erweisen und meine Frau und somit die Prinzessin von Ilea werden?“ Nun konnte ich den Blick nicht mehr abwenden. Ich starrte Maxon an, wie er vor Kriss kniete. Ich war so kurz davor die Kontrolle zu verlieren. Er sollte so vor mir knien! Von Kriss war ein weinerliches Schluchzen zu hören. „Ja, natürlich will ich! Ich liebe dich!“, weinte sie. So konnte ich sie gar nicht verfluchen, sie meinte das ernst, da war ich mir sicher. Daraufhin erhob sich Maxon und steckte ihr den Ring an den Fingen, bevor Kriss die Arme um seinen Hals warf.

Als die beiden sich umarmten, war Maxons Blick mir zugewandt. Er starrte mich emotionslos an, während mir die Tränen in den Augen standen. Nachdem sein Blick noch ein wenig kälter und herablassender geworden war, löste er sich von der Umarmung, legte eine Hand an Kriss Wange und zog sie zu einem Kuss heran. Dieser Anblick gab mir den Rest, in mir brach alles zusammen. Es war ein Wunder, dass ich noch immer in der Lage war, zu stehen. Ich fühlte mich leer und hatte

plötzlich vergessen, wie es funktionierte, sich zu bewegen. Erst als sich der Prinz und die zukünftige Prinzessin voneinander lösten und Kriss sich plötzlich zu mir umdrehte, bekam ich ein wenig von meiner Fassung zurück. Auch erst jetzt nahm ich das Klatschen und Jubeln im gesamten Saal war. Kriss nahm mich an der Hand und umschlang mich mit dem anderen Arm. „Es tut mir leid, America! Du wärst eine gute Prinzessin geworden.“, flüsterte sie mir in das Ohr. Wie konnte ein Mensch so gut sein! Es fiel mir wirklich schwer, sie zu hassen. Nachdem ich ihr dankbar zugenickt hatte, wendete sie sich wieder Maxon zu. Die beiden stellten sich ein bisschen abseits hin, damit die Fotografen der Presse die ersten Bilder des Prinzenpaars ergattern konnten.

Länger konnte ich es nicht mehr aushalten, sonst würde es doch noch einen dramatischen Auftritt geben. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es mir erlaubt war, trat ich von dem Podest und steuerte den Ausgang an. Ich befand mich in einer Trance, hatte lediglich die Tür, die mich vor all dem, was hier in diesem Saal passiert war, schützen würde. Deshalb ignorierte ich auch das Blitzlicht von den Fotografen, die vereinzelt Fotos von der Verliererin machten. Außerdem hörte ich, dass jemand meinen Namen rief, ich erkannte Celestes Stimme, dann auch die von Georgia, aber ich konnte nicht reagieren, ich ging einfach weiter. Als ich dann endlich bei der Tür angekommen war, griff ich nach der Türklinke wie nach einem Rettungsanker. Ich eilte durch die Tür, ließ sie hinter mir wieder ins Schloss fallen und brach sofort zusammen. Da ich endlich den Blicken aller entronnen war, brach nun alles aus mir heraus. Meine Beine konnten mich nicht mehr halten, sodass ich einfach auf den Boden fiel. Mein wunderschönes Kleid bauschte sich um mich herum auf, doch mir war egal, ob ich es zerstörte. Ich begann zu weinen du zu schluchzen, weil ich fast keine Luft mehr bekam. Das Stechen in meiner Brust breitete sich aus und schmerzte nun in meinem ganzen Körper. Ich presste meine Hand auf mein Herz und weinte einfach weiter. Das ganze musste erbärmlich aussehen, wie ich am Boden lag und wie ein kleines Kind heulte, doch was sollte ich schon tun. Ich hatte gerade mein ganzes Leben zerstört und jetzt war es auch noch offiziell. Keine Ahnung, wie lange ich so dalag, doch beruhigen konnte ich mich nicht, das war schon mal klar.

Das erste was ich neben meinen Schmerzen wieder wahrnahm, war der Klang meines Namens. Mit roten Augen sah ich nach oben und sah Celeste und Natalie über mir stehen. „America, was ist verdammt noch mal passiert?“, rief Celeste entsetzt aus, während Natalie sich zu mir auf den Boden schmiss und mich fest umklammerte. Ich war dankbar dafür und heulte weiter in Natalies Armen, zum Antworten war ich nicht in der Lage. Irgendwann ging Celeste in die Hocke und streichelte mir über den Kopf. „Schätzlein, du siehst schrecklich aus!“, flüsterte sie grinsend. Ich lachte kurz auf, was eher wie ein weiterer verzweifelter Schluchzer klang.

An die Beiden Mädchen geklammert, hörte ich plötzlich das Klicken der Tür. Beschämt stellte ich fest, dass es sich um den König und die Königin handelte. Der König konnte sein zufriedenes Grinsen gar nicht verbergen, doch wahrscheinlich versuchte er es auch gar nicht. In den Augen der Königin sammelte sich dagegen so viel Mitleid, wie ich es noch nie gesehen hatte. Nun hatte ich auch noch sie enttäuscht, ich wendete den Blick ab. „Lady Celeste, Lady Natalie, bringen sie America bitte auf ihr Zimmer, bevor die Presse sie so sieht!“, hörte ich die zarte Stimme der Königin. „Aber Liebling, unser Volk hat ein Recht darauf die Wahrheit über das Casting zu wissen, dazu gehören auch die Verlierer.“, antwortete der König. Das war zu erwarten. Mich zu verstecken war viel zu gütig. „Clarkson, das Mädchen braucht Ruhe!“, entgegnete Königin Amberly mit einer  ungewohnten Härte in der Stimme. Ich war gerührt, dass sie sich so für mich einsetzte, aber das machte es auch nicht gerade einfacher.

Erneut schluchzte ich qualvoll, bevor mich Celeste grob am Arm packte. „America, steh auf, sonst zieh ich dich an den Haaren weg!“, sagte sie streng und dominant, was gut so war, sonst hätte ich niemals auf sie gehört. Ich rappelte mich unelegant auf, bevor sich Celeste an dem einen und Natalie an dem anderen Arm einhackte. So stolperten wir davon und keine Sekunde zu spät, da kurz darauf lautes Stimmengewirr hinter uns zu hören war. Die Beiden schwiegen auf dem Weg nach oben, während ich immer noch kläglich heulte, aber ich konnte einfach nicht aufhören.

So war es eine Erleichterung, als sie mich endlich durch die Tür meines Zimmers hievten. Nachdem sie die Tür geschlossen hatten, ließen sie mich los. Anscheinend hatten sie erwartet, dass ich alleine stehen konnte, aber ich fiel erneut zu Boden. „Lady America, was ist passiert?“, hörte ich die Stimmen meiner Zofen wie aus einem Mund. Anne begann mit Natalie zu diskutieren, während Mary und Lucy mich umarmten, mich streichelten oder mir gut zu sprachen, bis es mir zu viel wurde.

Sie alle verstanden kein bisschen, was mit mir los war, keiner konnte das verstehen. Warum bekamen sie denn nicht mit, dass vor zehn Minuten die Welt untergegangen war und das nicht mehr rückgängig zu machen war. Verstanden sie denn nicht, dass ich zu Maxon gehörte und er gerade den falschen Namen gesagt hatte? Verstanden sie nicht, dass jetzt gar nichts mehr einen Sinn machte? Warum bekam nur ich das mit? Und warum hörte dieser Schmerz in meiner Brust nicht mehr auf, damit ich wieder frei atmen konnte? So brach es aus mir heraus: „Verschwindet alle! Ich will keinen von euch mehr sehen, lasst mich endlich alleine!“, brüllte ich so sauer, wie ich es noch nie gewesen war. „Bitte, America, du…“, begann eine von ihnen wieder. „Geht weg!“, wiederholte ich unter Tränen. Ich wurde so wütend, dass es meinen Körper offenbar überforderte. Sekunden später, spürte ich, wie mein Kopf auf den harten Boden krachte, während alles schwarz um mich herum wurde.
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