Komm schon, trau' dich - better late than never

von airplanes
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
05.07.2020
24.10.2020
11
29.261
18
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
02.08.2020 3.140
 
Letztes Mal ganz spät und dieses Mal ganz früh:)
Have fun! (Und wenn ihr es mögt, dann lasst uns doch gerne ein Review da. Wir würden uns freuen!)




"Joachim?"

Joko hob den Kopf.

Ein Mittvierziger streckte ihm freundlich die Hand entgegen und lächelte ihn an.

"Simon, hi."

War das sein Date? Joko hatte keine Ahnung wie sein Gegenüber aussehen sollte, er hatte das alles Klaas überlassen, der meinte, er hätte den perfekten Kandidaten für ihn gefunden.

"Ich glaube wir sind verabredet. Ich bin ein Freund von Klaas. Darf ich?"

Er deutete auf den freien Platz auf der Bank gegenüber von Joko und setzte sich dann, nachdem er Jokos Nicken abgewartet hatte.

Während er sich setzte, musterte Joko ihn neugierig:

Das Aussehen war schon mal nicht schlecht. Er hatte braune Haare, die er seitlich so kurz rasiert hatte, dass seine Kopfhaut beinahe zu sehen war, dazu fast schon stechend grüne Augen, die Joko freundlich anfunkelten, und einen Mund, der vielleicht eine Spur zu breit war.

Er war nicht so groß wie Joko, aber wahrscheinlich größer als Klaas, auch wenn das keine Kunst war. Außerdem war Simon auch nicht ganz schwarz angezogen wie Klaas es immer war, sondern er trug ein helles Hemd und dazu eine graue, enganliegende Hose.

"Möchtest du was trinken?"

Sie hatten sich in der gleichen Bar getroffen, in der Joko auch Klaas kennen gelernt hatte, mit dem kleinen Unterschied, dass Joko diesmal im hinteren Bereich saß, in einer der Sitznischen. Denn hier konnte man sehr wohl ein Date haben, ohne ständig abgelenkt zu werden.

"Ja, ein… Radler, bitte."

Simon nickte und ging nach vorne zur Bar, ließ Joko kurz alleine.

Zumindest dachte er, dass er alleine war. Denn plötzlich tauchte ein grinsender Klaas auf und setzte sich dorthin, wo bis eben noch Simon gesessen hatte.

"Und? Nicht schlecht oder?"

Klaas Augen funkelten ihn an, doch Joko hatte noch gar keinen Eindruck von ihm. Von außen schien es zu passen, doch er war nicht auf was Schnelles aus und so mussten die inneren Werte noch viel überzeugender sein.

"Man Klaas, ich hab noch kein Wort mit ihm gewechselt. Und jetzt hau ab, bevor er wiederkommt, und wunder weiß was von mir denkt! Was machst du überhaupt hier? Ich brauche keinen Babysitter!"

Joko machte eine Wischbewegung mit seiner Hand und Klaas stand grinsend wieder auf. "Jaja, ich weiß. Nur für den Fall... Also ich bin vorne bei der Bar, falls du was brauchst."

Klaas verschwand wieder, keine Sekunde zu früh, denn fast im selben Moment tauchte Simon wieder auf. In einer Hand hatte er Jokos Bier, in der anderen irgendeinen pinken Cocktail mit Schirmchen, Zuckerrand und einem Obstspieß.

Joko musste sich ein Grinsen verkneifen, er hatte selten einen Cocktail wie diesen gesehen. Simon schien seinen Blick zu bemerken und sah Joko fragend an.

"Was denn?"

Joko deutete vage auf den Drink in Simons Hand:

"Naja ist das nicht ein bisschen sehr stereotypisch?"

Diesmal war es Simon, der sich ein Lachen verkneifen musste.

"Du weißt aber schon in welcher Bar du bist oder?"

Joko schüttelte peinlich berührt den Kopf, natürlich wusste er es.

In einer Schwulenbar, wo es ganz normal war, einen pinken Cocktail mit Schirmchen und Strohhalm zu trinken, rief er sich ins Gedächtnis. Er konnte sich noch nicht so recht daran gewöhnen, das alles jetzt nicht mehr verstecken zu müssen. Stumm nahm er sich vor, beim nächsten Mal auch einen solchen Cocktail zu bestellen.

"Tut mir leid, das ist alles so neu..."

Simon nippte kurz am Strohhalm, ließ aber mit seinen Blicken nie von Joko ab.

"Wieso denn?"

Joko entschied sich im Bruchteil einer Sekunde dazu, einfach ehrlich zu sein, um nicht noch einmal so ein Debakel wie mit Klaas zu erleben:

"Ach, ich... Tja man könnte sagen, das hier ist mein zweites Date. So... generell. Deswegen...",

Joko zuckte die Achseln, "deswegen stelle ich mich vermutlich einfach ein bisschen dumm an."

"Ach was."

Simon lächelte und schob sein Getränk ein Stück zur Seite.

"Das ist doch nicht schlimm. Zugegeben, ein Mann, der über 50 ist, so gut aussieht wie du und quasi noch nie ein Date hatte, ist vielleicht etwas seltsam, aber wer bin ich schon darüber zu urteilen."

Joko spürte, wie die Aufregung, die seinen Magen zuschnürte, ein klein wenig nachließ.

"Das denken vermutlich nicht viele."

"Dass das nicht schlimm ist?"

Joko zog eine Grimasse:

"Das auch. Aber das ich gut aussehe... Ich weiß ja nicht. Normal, schätze ich?"

Wieder lachte Simon.

"Ist ja Typsache. Meiner bist du jedenfalls schon Mal."

Dieses Kompliment hätte wohl etwas in Joko auslösen sollen.

Doch während er Simon dabei beobachtete, wie er einen weiteren Schluck nahm, regte sich nichts in ihm.

Vielleicht war es noch etwas zu früh für ein Urteil, aber irgendwie fehlte Simon das gewisse... Etwas.

Das, was er bei Klaas ganz am Anfang schon gespürt hatte. Diese Sympathie, gleich zu Beginn, vielleicht ein leichtes Kribbeln in der Magengegend und dass er sich definitiv ein weiteres Treffen vorstellen konnte mit ihm. All das hatte es bei Klaas gegeben, all das fehlte bei Simon.

Simon schien zu bemerken, dass Joko sich nicht ganz wohl fühlte, und nahm sacht das Gespräch in die Hand.

"Was machst du denn beruflich? Ich bin Erzieher. Nicht immer ganz einfach, wenn die Eltern erfahren dass ich schwul bin, aber ich möchte da auch kein Geheimnis draus machen, weißt du?"

Joko nickte, das Gefühl konnte er mittlerweile nachvollziehen.

Er hätte antworten sollen, er hätte sagen sollen was er denn beruflich machte, doch... er wollte nicht. Er hatte nicht das Bedürfnis sich mitzuteilen, er wollte einfach auch nichts von sich preisgeben, dafür hatte er bei Simon zu wenig das Gefühl, dass es passte.

"Typischer Bürojob, nicht der Rede wert.", wich Joko der Frage aus und kratzte sich am Hinterkopf.

Dann verfiel er in Schweigen, unsicher, was er als nächstes sagen oder tun sollte und spielte stattdessen mit der Glasflasche in seinen Händen.

Doch Simon startete noch einen Versuch:

"Wo hat Klaas dich eigentlich aufgegabelt? Ich kenne seinen Freundeskreis eigentlich ganz gut, aber dich habe ich noch nie mit ihm rumhängen sehen..."

Joko zuckte neuerlich mit den Achseln, antwortete:

"Wir haben uns vor kurzem erst kennengelernt", und brach dann erneut unsicher ab.

Eine Weile saßen die beiden Männer da, unschlüssig und unmotiviert, das lahme Gespräch in Gang zu halten.

Plötzlich seufzte Simon auf:

"Tja weißt du, manchmal muss man ganz ehrlich zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen sein: das hier läuft echt nicht. Sei mir nicht böse, aber ich glaube ich würde das gerne an der Stelle abbrechen."

Die Erleichterung, die Joko bei diesen Worten durchströmte, ließ ihn für einen kurzen Moment die Augen schließen.

"Oh Gott bin ich froh, dass du es genauso siehst! Es tut mir leid, das... ach ich weiß auch nicht. Das ist alles so angespannt. Aber du bist toll, wirklich!"

Simon nickte. "Aber nicht für dich?"

Joko sah unsicher von seinem Bier auf und schüttelte leicht den Kopf. "Tut mir Leid..."

"Ach macht doch nichts, kann nicht immer passen. Naja dann... schönen Abend noch!"

Simon stand auf, verabschiedete sich mit einer kleinen Geste von Joko und ließ ihn dann alleine zurück.

Das war ja mal ganz gründlich schief gegangen. Und trotzdem war er froh, dass Simon die richtigen Worte gefunden und den Mut hatte, das Date zu beenden, denn er selbst hätte sich das wohl nicht getraut.

"Ehrlich Joko? Was war denn mit ihm? Der war doch perfekt!"

Kaum war Simon weg, da saß Klaas auch schon auf dessen verwaisten Platz und sah Joko missbilligend und kopfschüttelnd an.

Joko konnte Klaas keine Antwort geben. Er wusste selbst nicht was genau da eben schief gegangen war. Es hatte einfach das gewisse Etwas gefehlt.

"Jaja, du hast Recht, er sah super aus, aber irgendwie... das Feeling hat nicht gepasst."

Klaas verdrehte die Augen:

"Feeling. Das war ein erstes Date. Was hast du erwartet? Liebe auf den ersten Blick?"

Joko winkte ab:

"Quatsch, das nicht. Aber... mehr halt."

Klaas schüttelte den Kopf.

"Naja, was weiß ich schon. Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend?"

Joko zuckte mit den Schultern und nippte noch einmal an seinem Radler. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre er jetzt einfach nach Hause gegangen und hätte sich die Aufzeichnung der heutigen Abendschau angesehen. Hätte einen ganz normalen, ruhigen Abend verbracht, wie er es seit Jahren tat.

Doch wenn er das Klaas vorgeschlagen hätte, hätte der mit Sicherheit nur die Augen verdreht und gesagt, was für ein Spießer Joko doch sei.

Und vielleicht hatte er damit sogar recht, vielleicht war Joko ein Spießer, aber er war auch definitiv nicht mehr in einem Alter, in dem man die Nächte durchmachen musste. Außerdem hatte er einen Job, bei dem er morgen früh wieder Leistungen erbringen musste.

"Naja ich glaub ich gehe mal nach Hause, ist ja nichts mehr los."

Klaas war erwartungsgemäß nicht begeistert von dem Vorschlag:

"Ach was. Wir müssen schon noch was starten. So früh ins Bett, das geht doch nicht!"

Er stand auf, ging zu Bar und bestellte sich noch ein Bier, mit dem er wenig später zurückkehrte.

"Du kannst ja nochmal deine App checken. Ich jedenfalls werde jetzt gehen."

Joko machte Anstalten aufzustehen, doch Klaas hielt ihn am Ärmel fest:

"Komm schon Joko. Lass uns noch was machen. Wir können dir ja auch hier ein nettes Date suchen! Hier gibt's sicher einen Mann mit blauen Augen und ‘nem super netten Lächeln, der dir gerne den Kopf verdreht."

Doch Joko hatte wirklich keine Lust mehr, denn er wusste genau: wenn er jetzt blieb, würde der Abend wieder in mehr Alkohol enden, als gut für ihn sein konnte, und er musste morgen früh raus. Er konnte es nicht leiden, wenn er unausgeschlafen und nicht fit war, er hatte dann immer das Gefühl, dass er die Hälfte des Tages nicht mitbekam.

"Nee Klaas, echt nicht. Ich hab die Nase voll und will ins Bett."

Klaas betrachtete Joko einige Sekunden lang mit nachdenklichem Blick. Plötzlich begann er zu grinsen:

"Na gut. Lass uns ein Taxi nehmen, wir fahren zu dir und ich dann weiter zu mir."

Joko nickte:

"Der erste vernünftige Vorschlag, den du heute machst. Soll ich das Taxi rufen?"

"Ne, lass Mal, ich hab da eine App..."

Klaas tippte eine Weile in seinem Handy herum und steckte es dann wieder in die Hosentasche.

"Da kann man Start und Ziel der Fahrt gleich angeben. Taxi ist in fünf Minuten da."

Joko nickte und trank in wenigen Schlucken sein Bier aus, brachte dann die leere Flasche zurück zur Bar, damit der ohnehin gestresste Kellner weniger Arbeit hatte.

Während sie auf das Taxi warteten, standen die beiden Männer wortlos nebeneinander. Klaas paffte kleine Rauchkringel in die Luft und Joko checkte schnell seine Mails, wenn es einen Notfall gegeben hatte, musste er eine Mail aus der Arbeit im Zweifelsfall sofort beantworten.

"So, Taxi ist da. Wir fahren aber zuerst zu mir."

Klaas schmiss seine Kippe in den Rinnstein und winkte dem Taxifahrer, der neben ihnen hielt.

“Okay.”

Joko hatte keine Ahnung wo Klaas eigentlich wohnte, er war noch nie bei ihm Zuhause gewesen.

Er kletterte hinter seinem Freund auf die Rückbank und grüßte den Fahrer.

Sie fuhren eine Weile, bevor das Taxi stehen blieb und Klaas Joko auf den Schenkel klopfte.

"Und jetzt geht die Party erst los!"

Bitte was?

Joko sah aus dem Fenster, doch statt eines Wohnhauses sah er ein wild beleuchtetes Gebäude, in das er niemals freiwillig einen Fuß gesetzt hätte.

Dumpfe Bässe wummerten ihnen durch die geschlossene Autotür entgegen.

Joko schüttelte den Kopf.

"Ne Klaas, echt nicht."

Klaas grinste nur und öffnete die Türe des Wagens, um vor Joko auszusteigen. Die Musik kam Joko jetzt schon lauter entgegen und er wollte am liebsten einfach die Tür zwischen sich und Klaas schließen und dem Fahrer sagen, er solle ihn nach Hause bringen.

Doch Klaas schien seine Gedanken erraten zu haben: er griff nach Jokos Handgelenk und zog ihn schneller aus dem Auto, als Joko protestieren konnte.

"Oh doch. Wenigstens ein Getränk, komm schon. Ich lad' dich auch ein."

Joko holte einmal tief Luft, sah auf die Uhr und fügte sich dann in sein Schicksal:

"EIN Getränk!"

Klaas strahlte und hob die Hand zum High-Five:

"Du wirst es nicht bereuen!"



Kaum hatten die beiden Männer den Club betreten, schlug eine Welle aus Lärm und Licht über Joko herein und er wünschte sich augenblicklich meilenweit weg.

Doch als es die Begeisterung in Klaas' Blick sah, brachte er es nicht übers Herz, ihn zu versetzen, also folgte er ihm durch das Menschengedränge zur Bar.

Klaas brüllte dem Barkeeper ein paar unverständliche Dinge entgegen und als er sich wieder zu Joko umdrehte, hatte er nicht zwei, sondern vier Shotgläser in der Hand:

"Auf die Liebe!" brüllte er durch den Lärm und drückte Joko zwei der Gläschen in die Hand.

Es war Ewigkeiten her, seit Joko harten Alkohol getrunken hatte, er war eindeutig eher ein Biermensch. Hin und wieder ein Gläschen guter Wein, aber auf gar keinen Shots. Er war zu alt für sowas.

Doch als Klaas seinen exte, setzte auch Joko an und eine scharf brennende Flüssigkeit rann seine Kehle hinab.

Er verzog das Gesicht, bemühte sich einige Sekunden verzweifelt zu ergründen, was er da gerade getrunken hatte, kam zu keinem befriedigenden Ergebnis und beschloss dennoch augenblicklich, dass er keinen zweiten davon trinken würde.

Joko drückte Klaas das verbliebene Glas wieder in die Hand und schüttelte den Kopf. Für mehr als Gesten war es hier eindeutig zu laut.

Klaas schüttelte ebenfalls den Kopf, kippte dann die beiden verbliebenen Shots direkt hintereinander und bedeutet dem Barmann irgendetwas.

So viel zu “Ein einziger Drink”.

Joko lehnte sich an die Bar neben Klaas und ließ seinen Blick über die Leute schweifen.

Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass er definitiv einer der ältesten hier war. Überall waren Studenten und vermutlich auch Schüler, die sich zum Takt der Musik hin und her bewegten.

Sofern man es Musik nennen konnte, was da viel zu laut aus den Boxen dröhnte. Es war einfach nur Bass, bei dem man hin und wieder ein bisschen Melodie dazwischen hörte. Definitiv nicht die Musik die er bevorzugte.

"Ich geh mal aufs Klo." Joko schrie es Klaas ins Ohr, Klaas grinste nur und nickte, während er den nächsten Shot kippte. Joko hatte keine Ahnung was Klaas damit erreichen wollte, aber Joko hätte noch ein bisschen gewartet und sich dann ein Taxi gerufen. Die ganze Nacht blieb er nicht in diesem Club.

Nachdem er gepinkelt hatte, wusch er sich die Hände und spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Er war müde und wollte nur noch ins Bett. Es war eine beschissene Idee gewesen, Klaas zu begleiten, dachte er sich, während er die Toilette verließ. Er hätte nie zustimmen sollen.

Mit dem Entschluss sich jetzt direkt von Klaas zu verabschieden und nach Hause zu fahren ging er schnellen Schrittes vorbei an den vielen jungen Leuten, bis er plötzlich von der Seite angerempelt wurde.

Ein junger Mann sah ihm erschrocken in die Augen, entschuldigte sich eine Spur zu oft und grinste verlegen, doch Joko winkte ab, es war ja nichts passiert.

Als Joko wieder auf Klaas traf, hatte der bereits vier neue Shots in der Hand und grinste von einem Ohr zum anderen:

"Einer geht noch. Oder vielmehr zwei!"

Bevor Joko auch nur den geringsten Widerspruch einlegen konnte, hatte Klaas bereits seinen ersten heruntergestürzt.

Joko sah noch einmal im Club herum, zuckte dann die Achseln und stürzte seinerseits seine beiden Kurzen.



Keine halbe Stunde und weitere vier Getränke später, war Joko so betrunken und glücklich wie schon lange nicht mehr.

Er tanzte ausgelassen auf der Tanzfläche, und nicht einen Gedanken verschwendete er daran, wie albern ein Mann über fünfzig aussehen mochte, der zu lauter Musik mit Menschen, die alle mindestens dreißig Jahre jünger waren als er, tanzte.

Denn es war ihm egal.

Er tanzte mit geschlossenen Augen, vergaß dabei den Stress und die Sorgen der letzten Monate und lebte zum ersten Mal seit vielen Jahren, zumindest fühlte es sich so an.

Er öffnete die Augen erst wieder, als er einen Körper spürte, der sich dicht an ihn presste und zum gleichen Takt die Hüften bewegte wie er.

Er sah hinunter in ein paar hellblaue Augen, rotblondes Haar und dem Anflug eines Drei-Tage-Bartes.

Seine Sicht war zwar verschwommen, aber er bemerkte dennoch dass der junge Mann, der ihn hier mehr als offensichtlich antanzte, verdammt attraktiv war.

Er fing über die Schulter seines Tanzpartners Klaas Blick ein, der ihn eindeutig Respekt zollte.

Joko sah wieder herab auf den Mann vor sich und sie tauschten ein Grinsen, bevor das Gesicht des Fremden urplötzlich näher kam und seine Lippen sich auf Jokos pressten.

Ihm blieb die Luft weg von dem Kuss, der nach purer Lust schmeckte, nach Energy-Drink und nach salzigem Schweiß, der ihnen beiden auf der Oberlippe stand.

Joko reagierte instinktiv, schlang die Arme um den schlanken Körper vor sich und sein von Alkohol umnebeltes Hirn gab endgültig alle Entscheidungskraft auf und überließ Joko seinen Instinkten.

Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, erkannte Joko den Mann, mit dem er vorhin zusammengestoßen war.

Er war, wie alle hier, mindestens dreißig Jahre jünger als er selbst, doch in dieser Sekunde störte Joko das herzlich wenig.

Er biss sich auf die Unterlippe und schlang seine Arme noch enger um den Körper des anderen. Gleichzeitig spürte Joko, wie der andere seine Hände von seinem Nacken tiefer wandern ließ.

Auch wenn das alles neu für ihn war, schlecht war es keineswegs.

Ganz im Gegenteil.

Joko machte sich keine Gedanken darüber, wer der Mann war, den er gerade küsste, oder was er für Hintergedanken haben könnte. Er fokussierte sich nur auf seinen Tanzpartner, erkundete seinen Mund mit seiner Zunge, ließ sie herumtanzen bis der Mann vor ihm seinen Kopf ein wenig zurückzog und ihn anlächelte.

"Josh"

"Joko"

Sobald die Namen ausgetauscht waren, schien alles Wichtige geklärt und ihre Lippen wandten sich wieder anderen Beschäftigungen zu.

Irgendwann, Joko hatte jedes Zeitgefühl verloren, löste Josh sich von ihm und deutete zur Bar.

Im Nachhinein betrachtet war der Anblick, wie Josh Joko an die Hand nahm und in Richtung Tresen zog so ziemlich die letzte Erinnerung, die Joko hatte, bevor der Alkohol komplett die Kontrolle übernahm, er seine Umgebung nur noch verschwommen wahrnahm und schließlich alles in Dunkelheit versank.
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