Komm schon, trau' dich - better late than never

von airplanes
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
05.07.2020
28.10.2020
12
32.309
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19.07.2020 2.471
 
Es war still, denn Joko war wieder einmal alleine in seiner Wohnung.

Nur der Fernseher erzeugte ein leises Hintergrundgeräusch, welches Joko jedoch weitestgehend ausblendete.

Er hatte sich gerade eine Pizza bestellt und wollte einfach nur in Ruhe den Abend ausklingen lassen, da der Tag und die Arbeit einfach nur viel zu stressig gewesen waren.

Zumindest war er heute etwas schneller fertig geworden, was ihm einen frühen Feierabend  beschert hatte.

Also saß er auf seinem Sofa, hatte sich ein Glas Cola aus dem Kühlschrank genommen und sah jetzt die Tagesschau, so wie jeden Tag. Er hatte sich seine Routine auch durch die Trennung nicht nehmen lassen.

Als es endlich an der Haustüre unten klingelte, stand Joko schnell auf und betätigte den kleinen Knopf, der die Türe unten öffnete. Er fragte nicht nach, er wusste ja auch so wer unten stand.

Ein spontaner Besuch konnte es jedenfalls nicht sein, der Großteil seiner sogenannten 'Freunde' hatte sich von ihm abgewandt, denn sie respektieren ihn seit der Trennung nicht mehr.

Genau genommen war ihm nur Matthi als richtiger Freund geblieben, und der war im Moment geschäftlich unterwegs, konnte also kaum auf einen spontanen Besuch vorbeischneien.

Und seine übrigen Kumpel kamen auch nicht einfach so vorbei.

Der Einzige, der also um diese Uhrzeit klingelte, konnte nur der Pizzabote mit Jokos heiß ersehnten Essen sein.

Er war nicht gut im Kochen, war sein ganzes Leben bekocht worden. Abwaschen konnte er hingegen wie ein Profi, da er diesen Teil der Küchenarbeit immer gerne übernommen hatte, doch Pizzakartons und Asia-Take-Out Container musste man nicht spülen, also kam diese Begabung ebenfalls nicht zum Zug, denn er ernährte er sich seit der Trennung nur noch von belegten Broten, Fast-Food und Bestellservices.

Er kratzte sich gedankenverloren am Bauch, als er zur Wohnungstür ging.

Vielleicht hatte er sich in den letzten Jahren etwas zu sehr gehen lassen.

Er blieb stehen und drehte sich mit dem Gesicht zum Spiegel im Flur.

Mal abgesehen von der dreckigen Jogginghose und dem ausgeleierten Shirt, die er gerade trug, sah er gar nicht so schlecht aus. Ja, er hatte ein bisschen Bauch bekommen, aber mit einem gut geschnittenen Pullover oder einem netten Hemd konnte er das sicher verstecken.

Wenn nicht, musste er sich wohl oder übel wieder zum Joggen aufraffen.

Aber nicht heute.

Als es endlich an seiner Wohnungstüre klopfte, öffnete er rasch. "Das wurde aber auch Zeit!"

"Hätte ich gewusst, dass du mich so vermisst hast, wäre ich früher hergekommen."

Joko schloss die Augen für einen winzigen Moment, bevor er sie wieder öffnete.

"Klaas."

sagte er schlicht, zu überrascht um einen längeren Satz zu formulieren.

"Scharf kombiniert, junger Mann."

Tatsächlich war es Klaas, der da aus heiterem Himmel vor seiner Tür stand.

Es war nun drei Wochen her, seit sie ihr "Date" gehabt hatten, und Joko hatte seither nicht mehr wirklich an den anderen Mann gedacht.

Joko sah kurz über seine Schulter.

"Willst du reinkommen?"

"Sonst hätte ich wohl nicht geklingelt. Schuhe aus, ich weiß."

fügte er hinzu, als Joko den Mund öffnete.

Ohne Schuhe folgte Klaas Joko ins Wohnzimmer.

"Willst du was trinken?"

"Gern. Bier, wenn du hast? Heute war so ein 'ich brauche ein Bier-Tag'."

"Klar."

Joko griff ein sich selbst und seinem Überraschungsgast ein Bier aus dem Mini-Kühlschrank, den er sich kürzlich geleistet hatte, öffnete beide  und reichte Klaas eins davon.

"Und... Was verschafft mir die Ehre?"

Klaas griff das Bier mit einem dankbaren Nicken, nahm einen tiefen Schluck und setzte sich dann aufs Sofa.

"Du hast dein Profil gelöscht."

Ach ja, das Profil. Das hatte Joko ganz vergessen.

Aber es stimmte: gleich nachdem er sich bei Matthias für diese saudumme Idee bedankt hatte, de-installierte er die App. Wenn sie nur für Fick-Dates gut war, dann brauchte Joko sei definitiv nicht.

"Ja naja... das war eben nicht das, was ich suche."

Doch so ganz wusste Joko immer noch nicht, warum Klaas da war, denn nur das Löschen eines Profils war kein Grund. Zumal ihr Treffen ja mehr als seltsam abgelaufen war.

Klaas schien Jokos fragender Blick aufgefallen zu sein:

Er klopfte auf den freien Platz neben sich und prostete Joko mit der Gasflasche zu und fuhr fort:

"Du hast dein Profil gelöscht", wiederholte Klaas, "und ich wollte mich nochmal bei dir melden. Ich hab ein bisschen überlegt, ob ich herkommen soll, aber dann dachte ich, wenn du nicht willst, schickst du mich schon weg. Also, mit mir reden willst."

Joko hob abwehrend die Hand:

"Ne ne, ist schon gut. Ist ja schön, dass dieser seltsame Abend... ist ja auch egal. Nur... warum willst du mit mir reden?"

Klaas nahm einen weiteren Schluck Bier und antwortete dann:

"Ich hab noch ein bisschen über unser Treffen nachgedacht. Über dich, um genau zu sein. Wenn ich so ehrlich sein darf: du sahst sehr verloren aus die ganze Zeit. Und ich war auch schon in der Situation. Zugegebenermaßen, das ist bei mir schon eine ganze Weile her, aber trotzdem. Und du bist mir sympathisch. Deswegen dachte ich, komme ich Mal vorbei. So... als potenzieller Freund?"

Der letzte Satz klang wie eine Frage, und Joko wusste nicht so recht, wie er darauf jetzt reagieren sollte.

Sollte er Dankbarkeit zeigen, dass jemand erbarmen zeigte und ihm half? Und wenn ja, bei was überhaupt?

Joko war doch kein Teenager mehr, er war sein gesamtes Leben ohne Hilfe ausgekommen, da schaffte er das jetzt auch.

"Ja danke, das ist nett, aber ich hab schon viele Freunde." log er.

Doch Klaas schien ihn durchschaut zu haben, denn er seufzte und trank noch einen Schluck Bier.

"Vielleicht trete ich dir mit der Frage zu nahe, aber hast du auch schwule Freunde? Weil du siehst nicht danach aus."

Wie, Joko sah nicht danach aus? Vielleicht legte Joko ja auch keinen Wert darauf schwul auszusehen? Und wie sah man überhaupt schwul aus?

Klaas musterte erneut Jokos Blick und ging beinahe sofort auf Rückzug:

"Ok, vergiss es. Das war nicht so gemeint. Du musst nicht antworten, überspringen wir die Frage einfach, ja?"

Doch irgendwie ließ die Frage Joko nicht los. Hatte er denn überhaupt schwule Freunde? Der einzige 'echte' Freund den er hatte, war nicht nur hetero, man konnte ihn regelrecht als “Frauenhelden” bezeichnen, denn Matthi hatte während seines Studiums alle Frauen um den Finger gewickelt, die ihm über den Weg gelaufen waren und bis heute hatte sich sein Charme gegenüber dem anderen Geschlecht gehalten. Das durfte nur seine Ehefrau natürlich nicht wissen.

Nur zu oft hatte Joko schon als Alibi herhalten müssen, wenn Matthi wieder einmal Scheiße gebaut hatte.

Also schwul war vermutlich keiner seiner Freunde. Oder er wusste es zumindest nicht.

"Erde an Joko? Hallo?"

"Was? Oh..."

Joko musste kurz nachdenken, um sich an Klaas' Frage zu erinnern:

"Ich... Du hast Recht. Ich habe keine schwulen Freunde."

"Na also. Und ich wollte mich anbieten. Also, falls du einen möchtest…”,

Klaas machte eine kurze Pause,

“Keine Ahnung, ich hab' halt die Erfahrung gemacht, dass Heteros nicht so super gerne auf schwule Events mitgehen und sowas."

Wieder musste Joko an Matthi denken, und wie er reagiert hatte, als Joko den Vorschlag gemacht hatte, in einen bekannten Schwulenclub zu gehen.

Als Joko Klaas ansah, grinste der andere:

"Ich sehe, ich habe Recht. Ist ja auch nur ein Angebot. Wir müssen nicht."

Joko schüttelte mit Nachdruck den Kopf:

"Nein nein, das klingt tatsächlich gut!"

Klaas sah von seinem Bier auf, war augenscheinlich überrascht.

"Wirklich?"

Joko nickte und griff nach der Bierflasche von vorher, hielt sie Klaas hin.

"Auf eine gute Homo-Freundschaft!"

Klaas lachte leise und schlug dann mit seiner Flasche gegen Jokos.

Ein leises Klirren schallte durch die Wohnung.

Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, sah Klaas Joko ernst an.

"Und nachdem wir jetzt Freunde sind. Darf ich dir sagen, wie scheiße dein Outfit war?"

Joko riss die Augen auf und sah an sich runter.

Natürlich hatte er nur Schlabberklamotten an, er hatte ja schließlich keinen Besuch mehr erwartet!

Doch Klaas schüttelte den Kopf, als er wieder aufsah.

"Nicht DAS Outfit. Von dem will ich nicht anfangen. Aber was denkst du von deinem Gegenüber, wenn er mit einem karierten Opa-Pullover auf ein erstes Date geht?"

Joko dachte an den Abend zurück, an ihr erstes Treffen und versuchte sich zu erinnern, was zum Geier er an diesem Abend getragen hatte.

So etwas Unwichtiges wie seine Kleidung speicherte er seltenst in seinem Langzeitgedächtnis ab.

Er wusste nur noch, dass er sich unsicher gewesen war, Verschiedenes anprobiert und sich dann aber vermutlich für den klassischen Look entschieden hatte. So, wie er nun einmal immer herumlief: eine einfache Jeans, dazu ein weißes Hemd und irgendeinen seiner Karo-Pullunder darüber.

"Bitte sag mir, dass das kein typischer Mädchen Hollywoodfilm wird, bei dem du mich auf ein Umstyling schleppst und ich plötzlich zum beliebtesten Mädchen der Schule werde."

Klaas lachte laut, spuckte fast das Bier über den Couchtisch. Eine Fontäne konnte er zum Glück unterdrücken, doch das Bier tröpfelte ihm dennoch leicht vom Kinn.

"Glaub mir, du wirst nicht das beliebteste Mädchen an der Schule. Aber es sollte dich schon kümmern, was für einen ersten Eindruck du beim ersten Date hinterlässt. Und dein Outfit hat eindeutig “Opa” geschrien."

Joko hob die Augenbrauen:

"Ich bin 53 Jahre alt, ich werde unter Garantie nicht rumlaufen wie die jungen Leute heutzutage."

"Aber doch auch hoffentlich auch nicht wie ein 80-Jähriger."

Joko verzog spöttisch den Mund:

"Aua. Das hat gesessen."

Klaas machte eine hilflose Geste:

"Kann ich doch nix ‘an machen, dass du nun mal ausgesehen hast wie ein Opa."

Joko schüttelte den Kopf:

"Willst du jetzt mit mir meinen Schrank nach Outfits durchforsten?"

"Vielleicht nicht unbedingt heute, aber das wäre doch Mal eine gute Idee?"

Dem konnte Joko nur bedingt zustimmen, denn eigentlich hatte er nichts gegen den Inhalt seines Kleiderschranks.

Er hatte zwar schon seit längerem nichts Neues mehr gekauft, doch er gefiel sich trotzdem.

Größtenteils, weil er übermäßiges Nachdenken über seine Kleidung für überflüssig hielt und Kleidung in seinem Weltbild hauptsächlich sauber und intakt sein musste.

"Und du meldest dich mal nicht nochmal bei so ner Datingapp an. Glaub mir, da sind nur Typen für ein bisschen Spaß. Ich hab alle davon." Klaas lachte leise.

"Du wirst mich nicht komplett umstylen!"

Klaas lachte wieder, nahm dann noch einen Schluck aus der Flasche:

"Das werden wir noch sehen. Und jetzt erzähl mal ein bisschen was von dir, hmh? Vielleicht kenne ich ja jemanden für dich?"

Joko sah Klaas skeptisch an. "Ach jetzt willst du auf einmal etwas Privates von mir wissen?"

"Klar. Für eine Nacht mit jemandem muss ich nur wissen: aktiv oder passiv und ob er Kondome und Gleitmittel da hat. Da das Thema bei uns durch ist, will ich selbstverständlich mehr von dir wissen, wie gesagt:" er machte eine undeutliche Handbewegung "wir wollen ja den Richtigen für dich finden."

Er grinste flegelhaft und legte die Hand auf Jokos Arm, als dessen Hals schon wieder anfing zu brennen.

"Alles gut, reg dich ab, ich übertreibe."

Doch Joko wusste, Klaas übertrieb nicht.

Doch seltsamerweise war es ihm nicht nur egal, im Gegenteil: er bewunderte Klaas für seine direkte Art.

"Und jetzt sag mal. Auf was stehst du? Blond, Braunhaarig? Blaue Augen, braune, grüne? Klein, groß, mittel? Und wie soll er gebaut sein?"

Diese Fragenflut überforderte Joko.

Musste man sich über sowas echt Gedanken machen? Hatte er überhaupt einen speziellen Typ? Joko hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht.

"Weiß nicht. Vielleicht blaue Augen? Und nicht ganz kurze Haare?"

"Hmh, und weiter?"

Joko kramte in seinen Gedanken nach den Männern, die ihm bisher rein optisch gefallen hatten.

Allzu viele waren es nicht.

"Vielleicht... ein bisschen kleiner als ich. Ich mag es den anderen so richtig festhalten zu können, schätze ich. Bart... muss zum Gesicht passen, aber auf jeden Fall gepflegt. Super muskulös muss er nicht sein, gegen einen leichten Bauchansatz habe ich auch nichts, irgendwo dazwischen halt."

"Also quasi ich."

Joko bemerkte, wie er erneut rot anlief und verfluchte sich selbst dafür.

"Also... Ja klar, ich hatte dich ja nicht umsonst nach rechts gewischt, oder?"

"Touché. Leider habe ich keinen schwulen Bruder oder so, das heißt wir müssen vielleicht ein bisschen suchen."

"Abgesehen davon, dass es ja nun wirklich auf mehr Dinge ankommt als nur das Aussehen."

'Und ich mir nicht einmal sicher bin, was ich überhaupt will.' fügte er in Gedanken hinzu.

"Das Aussehen entscheidet, wer zusammen kommt. Der Charakter entscheidet, wer zusammen bleibt."

Dann hatte Joko wohl beim letzten Mal einen Griff ins Klo gemacht.

"Aber ein Charakter kann sich auch im Laufe der Zeit ändern."

Klaas sah Joko zwar fragend an, doch er fragte zum Glück nicht weiter.

"Und vom Alter her?"

Joko zuckte mit den Schultern. "So wie ich circa."

Klaas grinste Joko breit an. "So alt wie du bist oder so alt wie du dich kleidest?"

"Ey!"

Dafür bekam Klaas einen Klaps auf den Oberarm.

Joko war doch nicht alt, außerdem war man immer nur so als wie man sich fühlte und Joko war seit Trennung ein neuer, viel jüngerer Mensch.

"'Tschuldigung, der musste sein."

Klaas leerte sein Bier und fummelte dann sein Handy aus der Hosentasche:

"Hier, lass uns Mal Nummern austauschen, damit ich nicht für jedes Treffen überraschend vor der Tür stehen muss."

Joko nahm das Handy entgegen, tippte seine Nummer ein und rief sich dann selbst an, um Klaas' Nummer auch direkt speichern zu können.

"Bitte sehr."

"Danke."

Klaas steckte gerade das Handy wieder in die Hosentasche, als es an der Türe läutete.

"Erwartest du noch jemanden?"

Joko zwinkerte, während er aufstand:

"Oh ja. Ein äußerst attraktiver junger Mann, der mir mindestens einmal in der Woche meine Pizza bringt."

"Ah, verstehe."

Klaas erhob sich ebenfalls von der Couch und fügte hinzu:

"Dann will ich dich und deine Pizza Mal nicht länger stören. Ich bin ja eigentlich auch nur vorbeigekommen, um Nummern auszutauschen. Danke für das Bier."

“Keine Ursache. Und... Danke.”

Joko lächelte schräg, doch Klaas winkte ab:

“Wofür denn. Danken kannst du mir, wenn wir deinen Traummann gefunden haben.”

Joko seufzte in sich hinein.

Das war vermutlich leichter gesagt als getan.
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