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Pirates of the Caribbeans at the Gardens of Eden

von Istorzmyr
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Barbossa Captain Jack Sparrow Gibbs Lord Cutler Beckett OC (Own Character)
05.07.2020
05.07.2020
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Das Echo der schweren Stiefel hallte von den Wänden des langen Ganges, der zu Lord Becketts Arbeitszimmer führte. Als der Gast aus dem deutschen Kaiserreich den geradezu gähnend leeren Korridor hinter sich gebracht hatte und das überladene Arbeitszimmer betrat, hatte er das Gefühl, der krasse Gegensatz würde ihn regelrecht erschlagen.
Graf Ernst von Waldeck hatte in seinem Leben schon viel Prunk und Reichtum gesehen, doch fand selbst er die vielen goldenen Pokale, Marmorstatuen, Fahnen und Flaggen, mit denen der Gouverneur sich umgab, als übertrieben. Der Graf fühlte sich von all den Schätzen beinahe erdrückt. Auf den ersten Blick nahm er den unscheinbaren Lord Beckett hinter seinem massiven Schreibtisch aus Mahagoniholz gar nicht erst wahr. Doch der Gouverneur erhob sich sofort aus seinem schweren Ledersessel, kaum war der Gast aus Deutschland durch die Tür getreten. Neben dem hochgewachsenen Grafen wirkte Beckett geradezu lächerlich klein und als er ihm die Hand gab, verschwand diese in der regelrechten Pranke seines Gastes und tauchte erst dann wieder auf, als Waldeck sie losließ. „Es freut mich“, sagte Gouverneur Beckett, „dass Ihr so schnell kommen konntet.“ Mit der linken Hand wies er auf einen kaum minder prunkvollen Stuhl, der an der Front seines Schreibtisches stand.
Graf Ernst von Waldeck ließ seinen massigen Körper, der nur aus Muskeln zu bestehen schien, auf den Stuhl nieder und dieser begann unter dem Gewicht des Mannes gefährlich zu knarren. Waldeck wirkte im Großen und Ganzen wie ein Nachkomme der germanischen Wikinger. Der größte Unterschied zu einem normannischen Krieger bestand aber darin, dass man den groß gewachsenen Mann in einen eleganten, goldfarbenen, maßgeschneiderten Anzug gezwängt hatte, der beinahe viktorianisch anmutete. Darüber trug er einen blutroten Mantel. Waldecks lange blonde Locken, die auch seinen Bart einschlossen, bildeten einen starken Kontrast zu seiner eher dunklen Haut. Vor seiner Zeit als Seefahrer mochte der Graf geradezu leichenblass gewesen sein, nun hatte die Sonne seine Haut regelrecht gegerbt.
Die Haare wirkten geradezu übermäßig gepflegt, die blonden Locken glänzten aufgrund des Öls, das der Graf offensichtlich für Haar und Bart verwendete. Beckett bot Waldeck ein Glas schottischen Whiskey an, welches der Deutsche aber dankend ablehnte. Er fragte, ob Beckett stattdessen etwas Rotwein für ihn hätte. Der Gouverneur bejahte dies und ließ sogleich eine afrikanische Sklavin rufen, die dem Grafen aus dem deutschen Kaiserreich sogleich einen großen Humpen roten Wein einschenkte.
„Ihr fragt Euch bestimmt“, begann Gouverneur Beckett dann, „warum ich Euch habe rufen lassen.“
„Nun“, brummte Waldeck mit seiner tiefen Stimme, „eigentlich kann ich es mir schon denken, was wohl der Anlass für meinen Besuch ist. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass Ihr Euch die Jagd auf Piraten zur Aufgabe gemacht habt, Gouverneur Beckett. Euer oberstes Ziel ist die Ausmerzung der Piraterie in der karibischen See.“ Waldeck grinste breit. „Und darauf trinke ich nur allzu gerne“, fügte er dann noch hinzu.
Lord Beckett stieß mit seinem Gast an. „Es freut mich, das zu hören“, bemerkte er mit einem kaum erkennbaren, unterkühlten Lächeln. „Aber dieses Mal geht es nicht nur um irgendeinen Piraten oder um die Piraterie im Allgemeinen. Es geht um die größte Bedrohung, die unsere See in jüngster Zeit durch Freibeuter, Korsaren und dergleichen erfahren hat.“ Beckett schenkte sich noch ein Glas Scotch ein und stellte die Flasche dann in das Regal zurück, aus der er sie herausgenommen hatte. „Was ich Euch erzähle, muss unbedingt unter uns bleiben. Ich kann es ja selbst kaum glauben – und ich habe es erlebt! Nun gut, der Vorteil der ganzen Affäre wäre natürlich, dass Euch wohl niemand glauben würde, da ich ja nur hoffen kann, dass Ihr mir überhaupt Glauben schenkt. Eigentlich war ich Zeit meines Lebens ein Mann, der nur das glaubte, was er sehen, anfassen, riechen oder fühlen konnte. Ich war immer ein rational denkender Mensch, der sich stets nach Tatsachen und Fakten richtete und ein großer Verehrer der Wissenschaft. Auch wenn ich mich noch immer eng mit der anglikanischen Kirche verbunden fühle, habe ich auch nie wirklich an einen Gott geglaubt. Aber die Ereignisse der letzten Wochen, Monaten oder vielleicht sogar Jahren haben mich eines Besseren belehrt. Wie Euer Landsmann Goethe bereits sagte gibt es wohl doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit erklären kann. Aber ich sollte vielleicht langsam zum Punkt kommen. Es geht in erster Linie um einen Mann, der früher für mich gearbeitet hat – zumindest für die Handelsgesellschaft, er unterstand darum aber natürlich unter meinem Kommando. Durch eine Aneinanderreihung unzähliger seltsamer Zufälle und durch sein geradezu unverschämtes Glück wurde dieser Mann vor einigen Jahren sogar zu einem Kapitän. Aus eigener Kraft, Arbeit oder gar Leistung hätte er es wohl niemals geschafft, denn er ist ein Nichtsnutz und Trunkenbold. Das allein wäre nicht so schlimm, wenn es besagte Person nicht etwa mit einem persönlichen sogenannten Ehrenkodex verknüpfen würde. Dieser Captain hat eine Doppelmoral, bei der mir speiübel werden könnte. Aber lassen wir vielleicht meine persönliche Abneigung gegen Captain Jack Sparrow vorweg, dieser Mann alleine stellt nicht einmal Ansatzweise eine derartige Bedrohung dar wie sein Schiff – sein Geisterschiff, um genau zu sein. Es tut mir leid, diese Bezeichnung verwenden zu müssen, doch in Ermangelung einer Besseren muss ich das tun.“ Beckett wirkte unruhig, denn er hatte sich noch nicht wieder gesetzt. Nun begann er damit, im Raum hin und her zu gehen. „Es gab einmal ein Schiff – es war das wohl schnellste Schiff in der Karibik – und trug den Namen 'Wicked Wench'. Der frühere Kapitän, Captain Morgan, war einst der Piraterie beschuldigt worden, weshalb er von einem grausamen Spanier namens Salazar verfolgt wurde. El Capitan Salazar stellte ihn schließlich und es gelang ihm, den Captain zu töten. Ein junger Matrose aber übernahm sofort das Kommando – zumindest tat er das auf seine eigene Art und Weise. Er besiegte Salazar und bis heute weiß niemand, wie genau dieser damals noch sehr junge Mann das angestellt hat. Gerüchten zufolge lockte er Salazar in das sogenannte Teufelsdreieck. Früher habe ich mich über solche Geschichten halb tot gelacht, heute halte ich sie gar nicht mehr für so unwahrscheinlich. Wie dem auch sei, ich erkannte Potential in Jack, dem Sperling, wie er fortan genannt wurde – Gerüchten zufolge, weil er Salazar aus dem Krähennest aus verspottet hatte. Jack the Sparrow hatte durchaus Talent, aber er stand sich immer zu sehr selber im Weg, wie man so schön sagt. Er begehrte gegen mich auf. Ein solcher Irrsinn sagt eigentlich schon alles. Natürlich hatte Jack the Sparrow Potential, wie ich schon sagte – doch hätte er es nur unter meinem Kommando auch wirklich völlig ausschöpfen können. Denn er ist viel zu dumm, um auf eigene Faust etwas auf die Beine zu stellen. Nun gut, vielleicht ist er gar nicht so dumm, er besitzt ja ein gewisses Maß an Bauernschläue. Aber auf jeden Fall ist er zu faul, zu eigenwillig – und zu sehr dem Grog und dem Rum verfallen. Nachdem er mit der 'Wicked Wench' geflohen war, die eigentlich im Besitz der ostindischen Handelsgesellschaft war, war sogar das Gesetz auf meiner Seite, als ich ihn verfolgte. Ich verbrannte die Wicked Wench und ließ sie auf den Meeresgrund sinken. Bei allem, was mir heilig ist – ich weiß, dass das Schiff versunken ist, schließlich und endlich war ich dabei, als es passierte! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Keine Reederei dieser Welt und kein Handwerker, der noch so geschickt im Schiffsbau gewesen wäre hätte die Wicked Wench jemals wieder flott machen können – und dennoch ist das Schiff wieder aufgetaucht. Doch die Wicked Wench hatte sich verändert – von Grund auf verändert – aber nicht so stark, dass man sie noch als Wicked Wench erkennen konnte. Das Schiff hat nun schwarze Segel und ist vom Kiel bis zum Mast von pechschwarzer Farbe. Am Anfang dachte ich, diese Farbe wäre aufgemalt – aber sie ist anderer Herkunft und anderer Natur. Auch wenn es so klingt, als wäre ich abergläubisch – aber ich glaube, dieses Schiff kommt direkt aus der Hölle. Die Seele der Wicked Wench wurde aus der Hölle wieder ausgespuckt und nun hat sie einen neuen Leib bekommen. Sie trägt auch nicht mehr den Namen Wicked Wench sondern wird von allen nur noch 'Black Pearl' genannt – schwarze Perle. Ich selbst wage es nicht, mich diesem Schiff auch nur zu nähern. Daher habe ich eine hohe Belohnung für denjenigen ausgesetzt, der die Black Pearl versenkt. Ich weiß, dass es in der Karibik kein Schiff gibt, das schneller ist als die Black Pearl. Aber ich habe von einem Schiff erfahren, das aus der Nordsee stammt und daher vielleicht schneller ist als alles, was wir bisher gesehen haben. Ich spreche natürlich von der 'Red Devil'“
Bei der Erwähnung dieses Namens zuckte der Graf von Waldeck kurz zusammen – zwar versuchte er, sein Erschrecken ob der Erwähnung dieses Namens zu verbergen, doch es gelang ihm nicht. „Der 'Rote Teufel' existiert nicht“, entgegnete Waldeck. Er klang dabei aber sehr halbherzig. „Zumindest nicht mehr. Nachdem ihr legendärer Kapitän enthauptet wurde, wurde auch sein Schiff, die Ihr als 'Red Devil' kennt, mit Stil und Kiel vernichtet. Natürlich haben auch wir in Deutschland Sagen, Legenden und Geistergeschichten – aber die meisten davon sind einfach nur Märchen, das könnt Ihr mir glauben.“ Er senkte den Tonfall seiner Stimme etwas. „Das müsst Ihr mir glauben“, fügte er dann noch hinzu. „Alles, was über die 'Red Devil', die 'Likedeeler' und Kapitän Klaus Störtebeker erzählt wird, ist nichts weiter als grob gesponnenes Seemannsgarn.“
Wieder zeigte Lord Beckett sein eiskaltes Lächeln. „Ihr könnt mir viel erzählen, Graf Ernst von Waldeck“, sagte er dann in frostigem Ton. „Vor einem halben Jahr hätte ich Euch vielleicht noch geglaubt. Aber jetzt? Jetzt kann ich Euch keinen Glauben mehr schenken – nicht nach allem, was ich gesehen habe. Natürlich habe ich mich mit den Geschichten um die 'Red Devil' eindringlich auseinandergesetzt. Für eine sehr lange Zeit gehörten die deutschen Sagen um den legendären Klaus Störtebeker zu meinen regelmäßigen Gutenachtgeschichten. Dabei bin ich auch auf etwas Interessantes gestoßen.“ Beckett ging zu einem Bücherregal, das sich hinter seinem Schreibtisch befand. Er hatte zwar bemerkt, dass sein Gast mittlerweile noch unruhiger geworden war und sogar schon Schweißperlen auf der Stirn des Grafen glänzten, doch ignorierte Lord Cutler Beckett dies. Mit seinen langen, spitzen Fingern zog er ein Werk heraus, dessen Einband geradezu uralt aussah. Er blätterte etwas in den vergilbten Seiten und schlug das Buch anschließend auf, legte es auf seinen Schreibtisch und schob es seinem deutschen Gast zu. „In diesem Buch“, erläuterte Beckett, „geht es nicht etwa um Piraten. Es geht um die sogenannten Kinder der Lilith. Wir kennen sie unter vielen Namen – Nachtgespenster, Jäger der Nacht, Blutsauger, Wiedergänger... Vampire. Die Sagen um Lilith, der sogenannten ersten Frau Adams, reichen bis zu den Sumerern zurück und sind in der Tat faszinierend. Aber wie es bei alten Geschichten meistens der Fall ist, wurden sie über die Jahre immer verändert und verfälscht. Das passiert oft nicht einmal absichtlich, es passiert einfach – durch Gerüchte, Erzählungen, Mundpropaganda, falschen Angaben, Ausschmückungen, anderen Sichtweisen und Interpretationen. So heißt es, dass die Lilith dazu verdammt ist, täglich einhundert ihrer eigenen Kinder zu töten. In manchen Legenden heißt es sogar, sie wäre dazu verflucht, ihre eigenen Kinder zu fressen. Die Zahl Hundert stimmt dabei seltsamerweise, allerdings wäre es gar nicht möglich, dass eine Frau täglich einhundert Kinder gebiert, nur um sie anschließend zu töten. Selbst wenn es sich dabei um einen Dämon handelt. Ich habe durch eingehendes Studium diverser Sagen aus diversen Kulturen herausgefunden, dass es in der Tat nur einhundert Kinder der Lilith gibt. Diese Geister sind dazu verdammt, immer wieder neue Leiber zu besetzen. Schaffen sie es nicht, die Körper von Toten zu besetzen – oder werden sie aus den Leibern verbannt – so erleiden sie unsägliche Qualen als sogenannte 'Blutgeister'. Ein Blutgeist kann nie mehr erlöst werden, denn er ist unsterblich. Er kann seinen Qualen nur Linderung verschaffen, indem er sich einen frisch verstorbenen Körper sucht. Da er aber das Herz des Körpers nicht mehr in Gang setzen kann, brauchen die Lilim – die Kinder der Lilith – immer frisches Blut. Die meisten ihrer Opfer, von denen sie sich den notwendigen Lebenssaft holen, sterben allerdings nicht. Stirbt ein Opfer der Lilim allerdings doch am Blutverlust, so eignet sich ein solcher Leib ganz besonders gut für einen anderen Geist, um ihn zu besetzen. Daher kommt das Gerücht, ein Mensch, der von einem Vampir gebissen werden würde, würde ebenfalls zum Vampir werden. Denkt man logisch darüber nach, ist so etwas gar nicht möglich – denn dann würden die Vampire sich kontinuierlich vermehren, bis es keine Menschen mehr gäbe. Und wenn es keine Menschen mehr gibt, wovon sollten sich die Vampire dann ernähren?“
„Einen Moment!“, unterbrach Graf Waldeck. „Wollt Ihr mir allen Ernstes weismachen, es gäbe Vampire?“ Er versuchte zu lachen, wenngleich auch sehr humorlos.
„Es gibt Vampire“, sagte Lord Cutler Beckett forsch. „Allerdings gibt es immer nur höchsten einhundert von ihnen zur gleichen Zeit, da es nur einhundert dieser Geister gibt – es existieren nur einhundert Lilim, die hundert Kinder der Lilith. Hättet Ihr etwas aufmerksamer zugehört, müsste ich es Euch nicht noch einmal erklären. Also...“
„Ich habe aufmerksam zugehört“, unterbrach der Graf und hob eine Hand. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, wie man so etwas glauben kann. Noch dazu, Lord Beckett, wurdet Ihr mir tatsächlich als kühler, berechnender Logiker vorgestellt. Vielleicht habt Ihr Euch in Eure Gutenachtgeschichten etwas zu sehr hineingesteigert – kann das sein? Anders kann ich mir nicht erklären, dass...“
„Wie ich schon sagte“, fiel ihm Lord Beckett ins Wort, „noch vor einem halben Jahr habe ich das alles ebenfalls noch nicht glauben können. Aber ich habe zu viel erlebt, zu viel gesehen und zu viel durchgemacht, um das alles einfach nur als Märchen abzutun. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass Ihr mehr wisst, als Ihr zugeben wollt, Graf Waldeck. Viel mehr. Ihr wollt vielleicht nicht an etwas erinnert werden, das Euch widerfahren ist. Oh ja, das wird wahrscheinlich der Fall sein. Denn ich weiß, dass Ihr all das, was ich Euch erzähle, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon einmal irgendwo gehört oder vielleicht sogar am eigenen Leib erfahren habt. Habe ich Recht?“
Es schien, als hielte der Graf aus dem deutschen Kaiserreich es nun nicht mehr für notwendig, seine Deckung aufrecht zu halten. Der Schweiß lief in Bächen von seiner Stirn und er musste nach einem Stofftaschentuch greifen, um den Kragen seines Hemdes sauber zu halten. „Ja“, hauchte er dann. Seine Stimme war dabei kaum lauter als ein Flüstern. „Ich habe gesehen, wovon Ihr sprecht. Bevor Ihr weiterredet, möchte ich Euch daher erzählen, was ich gesehen habe. Die Nachtgespenster, die sich der Körper der Toten bemächtigen und sich vom Blut der Lebenden nähren, werden bei uns nicht etwa Vampire oder Lilim genannt, sondern einfach nur Blutsauger. Viele wollen sie gar nicht bekämpfen, weil das Wesen ja in Form des verstorbenen, lieben Menschen erscheint. Aber es handelt sich nicht mehr um den Menschen, denn es gibt niemanden, der auferstehen oder das Grab verlassen kann – außer dem Weißen Christus, sofern man daran glaubt, und dieser ist laut dem Glauben der christlichen Kirchen ja ein Gott oder zumindest ein Halbgott, soweit ich das verstanden habe. Die größte Gefahr besteht daher wohl darin, dass man den scheinbaren Wiedergänger für die Auferstehung des jeweiligen Menschen hält – denn wir wissen ja, wie wir sie besiegen können. Es empfiehlt sich natürlich, den besessenen Leib sofort zu Asche zu verbrennen, denn dann hat der Dämon keine Behausung mehr. Aber meistens reicht es einfach nur aus, den Kopf abzutrennen. Dann fährt der Geist aus dem Körper aus und geht zurück zu den Schatten.“
„Die übliche Strafe für Piraterie“, rief Beckett dem Grafen ins Gedächtnis, „lautet Hängen. Man hängt den Übeltäter am Hals auf, bis er tot ist. Warum also wurden Klaus Störtebeker und seine Männer dann enthauptet?“ Wieder lächelte er kalt. „Ich werde es Euch sagen, obwohl Ihr es wahrscheinlich schon wisst – oder zumindest gehört habt. Das Gerücht ging um, dass es sich bei Störtebeker und seine Männer, die 'Gleichteiler', um Vampire gehandelt hatte. Das bedeutet, die Piraten sind eines Tages alle ums Leben gekommen – und anschließend wurden ihre toten Körper von den Blutgeistern, den Kindern der Lilith, den Lilim, besetzt. Aber warum hatten die Lilim wohl die Körper von Piraten gewählt? Nun, die Männer waren allesamt eines gewaltsamen Todes gestorben, das heißt, sie wurden wahrscheinlich alle mit einer spitzen Klinge erstochen. Dabei waren ihre Gliedmaßen noch einigermaßen intakt und funktionsfähig und, soweit ich das herausgefunden habe, wählen die Lilim Körper, die noch einigermaßen gesund sind. Wenn man genau darüber nachdenkt, ist das ja auch logisch. Natürlich gibt es Piraten, denen ein Auge fehlt, eine Hand oder eine andere Gliedmaße – doch geht das Gerücht um, dass die 'Vitalienbrüder', wie man sie nannte, gleich zu Beginn ihrer Fahrten zu Tode gekommen waren. Die Blutgeister, die zum Teil vielleicht sogar in die Zukunft sehen können, hatten ihnen daher wohl vielleicht schon aufgelauert – nur um anschließend ihre Leiber, die für sie schon seit geraumer Zeit ausgesprochen schmackhaft waren, zu besetzen. All diese Gerüchte, die Vampire würden bei Tageslicht zu Staub zerfallen rühren nur daher, dass die besessenen Leiber nach einiger Zeit ohne Blut natürlich spröde wurden und manche wohl tatsächlich zerfielen, wenn der Vampir längere Zeit kein Blut mehr getrunken hat. Aber die Piraten hatten bei ihren Überfällen immer die Gelegenheit, frisches Blut zu trinken. Dies war das goldene Zeitalter für Störtebeker und seine Vampire... oder sollte ich besser sagen Vampirpiraten? Oder Vampiraten? Wie auch immer der politisch korrekte Ausdruck dafür lauten möge... Wie dem auch sei, auf jeden Fall wussten viele, dass es sich bei Störtebeker und seine Mannen um einen Haufen sogenannter Untoter handelte. Natürlich hielt man sie für Zombies oder Wiedergänger oder dergleichen, denn sie sahen ja noch immer – oder schon wieder – so aus wie man all diese Männer in Erinnerung hatte. Als man die Vampiraten festnahm, lautete ihre Zahl 73, einschließlich Störtebeker – glaubt man den Erzählungen, Geschichten und auch den Legenden, natürlich. Für den Hamburger Bürgermeister, der für die Verurteilung der Piraten verantwortlich war, war es natürlich naheliegend, sie aufgrund der Vampirgerüchte zu enthaupten, zu verbrennen oder vielleicht sogar beides. Dies führte anschließend zur wohl berühmtesten Geschichte um Störtebeker. Es hieß, der Kapitän der Vitalienbrüder hätte zumindest für einige Männer aus seiner Crew mit dem Bürgermeister einen Deal ausgehandelt: All jene, an denen Klaus Störtebeker ohne Kopf noch vorbeilaufen würde, sollten am Leben bleiben. Nach seiner Enthauptung lief der kopflose Kapitän also bei elf seiner Mannen vorbei und diesen wurde das Leben geschenkt. Andere Quelle behaupten zwar, dass sich der Hamburger Bürgermeister Kersten Miles nicht an sein Wort gehalten habe und alle 72 Piraten sowie Störtebeker enthauptet worden sind, doch sagte man dies wohl nur aus dem Grund, um die Legende um die 'Red Devil' zu entschärfen. Es ist nämlich eine Tatsache, dass die Red Devil noch da draußen ist – von Zeit zu Zeit taucht das Schiff in der Nordsee auf, mit elf untoten Piraten an Bord, jedoch ohne ihren Kapitän. Seit nunmehr über dreihundert Jahren macht das Schiff des legendären Piraten Klaus Störtebeker, die 'Red Devil', die nördliche See unsicher. Die übrigen Kinder der Lilith wurden in der gesamten Welt verstreut. Man kennt sie heute als Chupacabras in Mexiko, als Strigois in Rumänien, als Vudolaks in den slawischen Ländern, als Vampire in Transsylvanien und natürlich auch als Soucouyanten in Trinidad. Der Blutgeist jedoch, der einst Kapitän Störtebeker besetzte, soll noch immer umgehen – im hohen Norden, immer auf der Suche nach einem würdigen Gefäß, dass er besetzen kann. Denn dann hätte die 'Red Devil' wieder einen Captain – und mit einem Captain, der die Crew befehligt, könnte die Red Devil die kalten Eismeere des Nordens verlassen und gen Osten, gen Westen oder vielleicht sogar gen Süden ziehen. Und dieses Schiff, dass sogar schneller ist als die Black Pearl, wird das Gespensterschiff vernichten.“ Damit schloss Lord Cutler Beckett seine eigentliche Rede. Er ging wieder zum Regal, griff nach der Flasche mit dem Scotch und schenkte sich ein drittes Glas ein.
Graf Ernst von Waldeck hatte aufmerksam zugehört. Dabei hatte er immer wieder mit seiner rechten Hand seinen etwas widerspenstigen dunklen Bart geglättet. „Ich denke ich weiß, worauf Ihr hinauswollt, Lord Beckett“, brummte er dann mit tiefer Stimme. „Ihr wollt ein Geisterschiff gegen das andere ausspielen. Ich soll in den hohen Norden reisen, gemeinsam mit einem Menschenopfer für den Blutgeist von Klaus Störtebeker – mit einem geeigneten Körper, der anschließend von seiner Seele befreit werden sollte und der anschließend der neue Kapitän des 'Roten Teufels' werden wird. Anschließend werdet Ihr Euch als der große Retter aufspielen, der diesem Vampir einen neuen Körper gegeben hat – und der neue Kapitän wird daher natürlich alles tun, was Ihr von ihm verlangt. Letzten Endes hetzt Ihr die 'Red Devil' auf die 'Black Pearl', um mit dem einen Geisterschiff das andere schachmatt zu setzen.“
„Nicht ganz“, Lord Beckett lächelte diesmal noch kälter. Wie aufs Stichwort öffnete sich das Tor seines Arbeitszimmers und zwei Soldaten der ostindischen Handelsgesellschaft erschienen hinter dem Grafen aus Deutschland. „Meine Männer werden in den Norden reisen, um die 'Red Devil' zu finden. Ihr, Graf Waldeck, werdet sie begleiten. Aber Ihr werdet nicht etwa in den Genuss kommen, ein geeignetes Menschenopfer für den Blutgeist von Störtebeker zu finden.“ Triumphierend genehmigte Gouverneur Lord Cutler Beckett sich einen besonders kräftigen Schluck von seinem Scotch. „Nein, Ihr werdet dieses Opfer sein“, sagte er dann.
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